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Full text of "Jahrbücher für classische Philologie"

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JAHRBÜCHER 



für 



elassische Philologie. 



Heraufigegeben 



Ton 



Alfred Fleckeisen. 




DREIZEHNTER SVPPLEMENTBAND. 



Leipzig, 1884. 

Druck und Verlag yon B. G. Tenbner. 



Sog" 
N 4ö 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

1. Fmdarica. Bcripnt H. van Herwerden 1—32 

%. Zur Kritik von CiceroB Bede fOr den P. SestiuB. Von 
Martin HerU 83—73 

' 1 ünterBachnngen über TheophaneB yon Mytilene und Posi- 

donioB von Apamea. Von C. Frankiin Arnold 76—150 

4. Die Berichte deB Flaton und Aristoteles über Protagoras. 
Von WMdm Halhfaaa 161—210 

&. Ober die Technik nnd den Vortrag der Chorgesftnge des 
ieehylns. Von Nicc^na Weeklein 211—238 

6. Natorpersonification in Poesie und Kirnst der Alten. Von 

Adaf Gerher 239—318 

7. Strabons Landeakonde yon Kankasien. Eine Qnellennnter- 
lachnng yon Karl Johannes Neumann 319—364 

8. Zur Geschichte des Atticismas. Zwei Abhandlangen yon 
W, Ounüm Butherford. Ans dem Englischen übersetzt 

yon A. Funek 366—399 

9. Codex Lanrentianns yon Sophokles nnd eine nene Kollation 

im Scholientexte. Von Peter N. Pappageorg 401—440 

10. Flaton nnd die Bhetorik. Eine philologische Stndie yon 

/. V. Noväk 441—630 

it Philologische Studien zu griechischen Mathematikern. Von 

/. L. Heiberg ' . . . 631—677 

12. BeitrSge znr rOmischen Chronologie. Von Theodw Bergk. 
Heransgegeben yon Gustav Hinrichs 679—662 

13. Die letzten Kämpfe der römischen Bepnblik. Erster Teil. 
Historische Stadien yon Otto Eduard Schmidt 663—722 

11 Kritische Untersuchnngen znr Geschichte des zweiten Sam- 

siterkriegeB. Von J. Kaerst 723—769 

15. ünteiBochangen über die Quellen der Plato-Scholien. Von 

Leopoid Cohn 771—864 



PINDARICA 



SCEIPSIT 



H. VAN HERWERDEN. 



JakxkL t oIml FhU. SvppL B4. Xm. 



Aidnum sane negotium est post Bergldtim aliosque bene multos, 

qacTum tarnen nemo vivit hnic sagacitate par et aeque yersatus in 

Pindaro, poetam Thebaniun emendare. Longe enim plerosque locos, 

ubi sententiaram nexas poetae mentem satis declarabat, cnm aliena 

ope tnm sno ingenio ita resütnit, ut probabiliora proponi iam neqne- 

ant; de multomm autem locorum emendatione desperandum esee vel 

inde coUigaa, qnod, nt quatuor eins editiones perlustranti apparebit, 

ipae Yir ingeniosns novas in eos identidem, nee semper feliciores 

propoenit coniectoras. Hos igitur qunm non tangere longo praestet, 

ei praesertim qni non yitam triyerit in Pindaro legende et emendando, 

lon ita mnlti restant loci Pindarici, qnibns salutem reddere posse 

mihi rideor. Quare criticis adnotationibns alias inseram nonnnllas 

ne hodie qnidem, ut yidetur, poetae stndiosis prorsus inutiles. Nam 

in novissimo Mezgeri opere, quod inscriptnm Pindars SiegesUeder, 

qnatenus in eo ezponitnr de ipsis carminnm argumentis, contemnen- 

dmn non est» singnlomm locoram interpretationem ubi tangit» multa 

inrenio hoc bonarum litterarum splendore indigna, quae omnia re- 

Intare in animo non est (paene semper enim dudnm ante Mezgerum 

interpietes veram rationem intellexerunt), pauca tamen tangam, quae 

fiualius imprudentes fallere posse yideantur. Huiusmodi est, ut hinc 

ordiar, quod Olymp. I vs. 8 (}xr\b* — aöbdcofiev) soloeco jutibi non 

^kterrituB contra Hartungium perhibet aöbdco^€V esse futurum, non 

aoristi coniunctiTum, landaus seil, in eins rei fidem locum Soph. 572, 

ubi non videtur intellexisse ad illud fni^Te cogitandum esse önuic ex 

T8. 567, et recte Elmsleium deleuisse vs. 571. Non magis autem 

huc referri posse quae collegit Eruegerus in gramm. 6r. § 394, 6 

(et adn. § 513, 2) vel caeco manifestum est. Nee de correpta con- 

iuncthri yocali more Homerico dubitari sinit locus OL YII 3 d)C eV 

TIC — buipVjccTat, licet ibi quoque de longh (Pindari carm. Olympia 

TraL a^ Rh. 1865) pessime tueatur futurum locis scilicet Homericis 

H € 90 et 161, ubi non iirißpicei et fiSei, sed £iTißp(cr) et äSij bonas 

editiones habere constat. Nee quidquam certius est quam coniunctiyum 

esse bofUUCÖ^eOa Isthm. YII 9, ut iam antiquitus inteUectum est a 

sehoHasta, qui interpretatur naiEuü^cv Ka\ cic TÖv bfifxov ävdTU>M€V 

(L 6yarf6j\i)\uy)» Etiam Ol. VI 24 6q)pa — ßdco)üiev dxxov, Tkui- 

MOt bi ktL prius yerbum non aliter quam posterius coniunctiyum 

esee admodum yidetur probabile. Alia exempla breyis com. yocalis 

apnd Pindanun non repperi. 

1* 



4 H. van Herwerden: 

Non graminaticam spectat sed antiquitatem, quod observatum 
velim ad Ol. I 3 £cTi b' dvbpi qxxjuiev doiKÖc d^q)i baifiövujv KoXä. 
Nempe yalde est memorabile, Pindaro fabulam quam de Pelope acce- 
perat ita immutanti ut nihil dicere velit quod diis indignum sit, 
suinmo numini non indignum videri amorem masculum, siquidem 
Neptunum baji^vra q)p^vac ifi^pip rapuisse Pelopem tujCt' ijxi XP^oc, 
quo postea loyem Ganjmedem, narrare non erubescit. Si igitur iam 
ineunte seculo quinto a. C. poetae pietate insigni inter aequales baec 
fuit de turpissimo amore sentenüa, quid ceteros Graecos et tunc et 
postea sensisse existimamus? Antiquissimum simul nota euhemerismi 
exemplum vs. 46 sqq. 

Coniecturampericlitabor ys.48 sqq., ubi sie editur ex optimis libris : 

?vveTT€ Kpuq)ql Tic auTixa q)6ov€piöv t^itövujv, 
öbaroc ÖTi C€ -rrupl Z^oicav djnq)* otK^av 
jiaxaCpqt rd^ev Kard fn^XT], 
TpaTT^Zmd T* d)iq)i beuTara xpeiüv 
c^Gev öiebdcovTO xal q)dYOV. 

Non magis beuTara explicari posse tö TeXeirraTov quam de extrema 
corporis parte intellegi satis superque demonstravit post Boeckhium 
Dissen, quorum argumentis addi possit prorsus ineptum esse h. 1. 
(quem sumunt ii qui illud statuunt) genetivum partitiyum. De mensis 
autem secundis cogitari non posse praeterquam ex Superlative vel 
inde liquet, quod harum sunt bellaria, non cames, ut concedatur 
poetae anachronismus beroibus tribuendi beuT^pav Tp&nelay. Nihilo- 
minus dubito num cum Boeckbio aliisque probari possit deteriorum 
librorum lectio beujuiaTa, quae Alexandrini alicuius coniectura (cogno- 
yit certe iam banc quoque lectionem scbol. explicans: f{ rd ^cxotTO, 
f\ rä ßeßpcTM^va ti|i aT^ari) esse potest Hoc enim yocabulum 
nusquam lectum omni caret auctoritate, et nescio an maiore iure 
suspicemur delitesoere bic glossam Hesycbianam bdc)LiaTa* bia|ui€p(- 
c^ara, i. e. portiones. Quo restituto, poeta nota peripbrasi nihil 
aliud dixerit quam xp^a bubdcavTO Kai (p&fov. Eadem sententia 
sed vetantibus numeris iam Hartungium baiTpd xpeiBv coniecisse 
Video. 

Vs. 67 de Tantalo dicitur KÖpip b' ?X€V drav unepOTrXov &v 
ol TTttTfip önep Kp^juiace Kaprepöv auTtp (KaprepovaiTi}! Hecker) XiGov, 
TÖv aiei juievoivujv K€q)aXäc ßaXeiv euq)pocuvac dXärai. 
Plaiiissime concedo longbio in adn. ad b. 1. p. 271 sqq. sermonem 
esse de feriendo capite, non de amovendo lapide a capite, 
(quod praeterea de saxo capiti impendente cogitari vix potest), sed 
frustra is nescio quibus artificiis (quae, si tanti est, legas apud ipsum) 
ostendere conatur nihil esse difficultatis in genetivo sie positö. In 
plurimis enim quos attulit locis nullus est qui genetivum tueatur. 
Necessarium esse quartum casum nemo mihi eripiet, et, modo satis 
apud me constaret ^€VOivuiv sanum esse et significare: sollicita 



Pmdarica. 5 

mente expectare, conioerem poetam dedisse: t6v aiei fji€VOiV(&v 
K€<paXav ßaXcTv euq>pocüvac ^äTai. Sed non diffiteor ^evoiväv 
seqnente infinitivo semper habere desiderandi vel conaDdi significatio- 
nem (cf. ipse poeta Pjth. I 43, Nem. XI 45), ita ut una cum alio yerbo 
pronomen reflexivom 8ub |uievoivu)V deJitescere crediderim. Possis y. c. 
TÖvoiei F* ötuiv KcqMxXdv ßaXeiv eikppocuvac dXäTai. Sed yerbum 
Homericam öiu) quam alibi a Pindaro non usurpetur, ^(pcKTeov. 

Aeolicam litteram dialectnm Boeoticam diu retinuisse testan- 
tur ütalL Quam antem levis fuerit eins sonns iam aetate Pindarica, 
docent duae praesertim res, qnarum altera nondum observata esse 
Tidetur, nempe nnsquam poetam ea littera asum videri, ut faciat 
positionem, siquidem inc^rta est lectio Isthm. VI (Y) 42 afibace 
TOiouTOV F^iroc, ubi codd. yariant in toioOtöv ti fnoc, toioOtov t* 
liroc, iroö TÖv t' ^ttoc, et ab aliis aliter hie locus corrigitur. Plus 
momenti foret in Nem. lY 64 T6 beivoTdruiV cxdcaic öbövrwv, ubi 
Tc ante ÖFetvöc producitur, nisi ibi suspecta esset vocula enclitica 
versom ordiens, et facili coniectura Bergkius reposuisset &K)idvT' | 
jj öcivoTOTiuv cxdcaic öbövrujv (non certa tarnen; fj enim ante posi- 
tiTOs non ante superlativos inferri solet, quod sciam). Alterum, quod 
Tolebam, hoc est, in paucis tantum vocabulis apud Pindarum di- 
gamma constanter apparere, in longo plerisque pro libitu aut sumi 
nt abicL Digamma habet dva£ Pjth. lY 89. IX 44. XI 62. XII 3. 
iFavdccuiv) Ol, Xm 24, neglegitur Ol. X 49. Nem. lY 42. YIH 10 
fdva£iaic) X 77, al. — Favbdv€iv est Pyth. I 29. YI 61. Isthm. 
in 33. YII 18, sed dvbdveiv Ol. YH 17. Pyth. H 96. — Foib* 
68t Nem. lY 43, Fcibiic Ol. II 94, Ficavn Pjth. m 29, sed Ica|i€V 
Nem. Yn 14. — F€lbo^^Vl}l Pyth. lY 21 et Feiboc Ol. YHI 19, 
sed clboc Pyth. IX 18. — Fibuiv est OL IX 62, FiboTca OL XIY 16, 
Fflypiv OL I 108, sed Tbc OL X 36, elbov ibid. 100, löoic* Ol. XIY 
22, !bov Pyth. m 94, Ibwv Pyth. lY 123, ib€iv ib. 294, elbov 
Pyth. IX 98, ibrji Pyth. X 26, Ibi^ey Nem. YII 25, IbeTv Nem. Yin 8. 
- FeiTtaic OL YHI 46, Fcmeiv OL Xm 71, Nem. Y 14, Fcittuiv 
Nem. VI 30, Fciinj Isthm. 11 59, Feitridv Isthm. YI 55, Fepivj Pyth. 
IV 142, Fdiroc Pyth. III 2, Huea Nem. YH 48, sed cTttoi est OL 
Vln 62, ctirqc OL XIY 22, dirövr' Isthm. I 46, TtpocemeTv ib. 56, 
hiccvt OL xm 25, imc Pyth. lY 105. YI 37, öna Nem. m 5, 
inim Nem. YI 32. IX 3, inoc Nem. X 80, Isthm. I 46. — Fe X- 
nie est OL xm 83. Pyth. n 49. Isthm. n 43, sed Airerai v. c. 
OL I 64, et 4Xmb€C v. c. OL XH 6. — F^Gvca (codd. t* ttvea) 
tehm. V 32, sed ievoc Pyth. X 28. — F^pTOV OL XI 38, Pyth. 
IV 104. YH 19, Nem. m 44 (cf, Y 1). YI 53. X 64, sed fpTOV 
OL IX 63. Pyth. m 30. lY 229, 233. Nem. YIH 4, 49. X 30. 
bthm. I 45; Fipiaxc OL X 91, sed Pyth. Vm 8 fp£ai, et con- 
sUnter Ipt^cu Cf. Nem. I 7. m 6. YII 49, Isthm. I 26, 47 al. — 
FcFouoTa Pyth. m 59, sed ioiKÖc Nem. H 10. m 19. YII 58. 
fcthm.V24. — FccTT^paic Isthm. Ym 44, sed «CTTcpov OL IX 73. 



6 H. van Herwerden: 

— dtriFeccöiüicvoc Nein. XI 16, et fragm. 53, 14 (ed. m Bgk.) 
leg. cpoiviKoFe&vuüV, sed icQac Pyth. IV 78, 253. — F€T^u)V OL 
n 93, sed 7rav€T€C Pyth. I 20. — Fibioc Ol. Xm 49. — FiöirXo- 
KOV OL VI 30 et Isthm. VII 23 (e Bergkii coni.), sed lonXoKd|jiu)v 
Pyth. I 1. — FidXucov OL Vn 74. — FiXidba OL IX 112. — 
FiöXaov Pyth. IX 79. XI 60. — Ficov Nem. VII 6. XI 41. Isthm. 
VI 32 aL, sed saepius tcoc, ut OL IV 27. — FicGmoö Isthm. I 9 
et 32, alibi sine digamma. -~ FiujXköc Pyth. IV 188. Nem. in 34. 

— FoiKOC et sim. Pyth. VH 5. VIH 51. Nem. VI 27, sed sine 
van Pyth. IV 43, 151. XI 64. Nem. III 63. IV 77. X 58. Isthm. 
I 31 et v^oiKOV OL V 8. — Digamma, quod mireris, caret olvoc 
OL IX 48, olvdvGac Nem. V 26, ?KacToc Pyth. VHI 48, Nem. 
Vni 4, Isthm. I 26; nam bk FexdcTifj est Mommseni coniectura OL 
XI 47 pro b' ^K dxdcTif), ubi verum esse potest b' fiji' ^KdcTiy. Prae- 
terea est ^kiüv Pyth. IH 165, 180, «bvov OL IX 10, fXcaic ib. 
43, eliov Isthm. 1 6, alia. — Secundum libros öpyd habet digamma, 
sed recte pro toO tk öpydv alia coniecta sunt Nem. V 32. Non magis 
Ffleoc admiserim OL XI 21, ut ibi dicam. Cf. OL XHI 13. Pyth. 
ni 23 pro aidiav aut dudiav (libri dßdxav, dvdiav, ddiav) legendum 
dFdTav. Constanter vero digamma apparet in pronomine Fei (Fiv) 
Fe, et plernmque in possessivo Föc Feöc (Fedv pro Ubrorum scri- 
ptura Tedv restituta est Nem. III 15), quod enim saepe legitur i6c 
id nescio an potius iF6c scribendum sit. Legitur tamen öv sine 
littera Aeolica OL V 8. — Neglezi in hac recensione locos quam 
plurimos, ubi metri ratio patitur digamma, non requirit. 

Vs. 59 de Tantalo sie pergit poeta: ^x^^ ^' dirdXa^ov ßiov 
toOtov i^1T€bö^ox6ov, ^icid xpii&v T^Tapiov 1TÖV0V, deavdxujv 
6x1 KXeipatc dXiKecci cujutiröxaic v^Kxap d]üißpoc(av x€ bdiKev, otciv 
dcpOtxov fOecav. Novam Comparettii Itali loci obscuri interpretatio- 
nem, qui dirdXajiVQV male ezplicans dOdvaxov, quartum illum labo- 
rem intellegit vitam immortalem, nunc factum supplicium, rectissime 
improbavit Metzger, laudans Camardam Siculum, quod x^xapxov 
1TÖV0V intellezerit conscientiam Tantali, sua culpa factum esse, ut 
Pelops filiuB ab Olympo pelleretur. Quae si fuit poetae mens, negari 
non potest eum perobscure et peringrata prolepsi hanc significasse. 
Equidem nihil pro certo afßrmaverim, sed hoc tamen mihi persuadeo, 
Pindari aequales in Homero versatissimos hoc Carmen audientes verba 
fi€xd xptOüV vix aliter acclpere potuisse quam de Sisyphi, Tityi, 
Izionis supplicüs apud inferos similiter propter insolentiam in superos 
poenas luentium. Quae simplidssima veterum (vid. schol.) inter- 
pretatio minime refellitur falsa Friderichsi observatione ita poetam 
scripturum fuisse xijüv xpiuilv, nee brevis illorum conmoiemoratio magis 
supervacanea dici potest quam quod snpra vs. 44 sq. oeoinit £v6a beu- 
x^pip xpovip fjXee KQi ravufiribric Zrivi xoüöx* im XP^oc Haec tamen 
explicatio si admittenda est, nescio an poetae verba leni manu sie 
refingenda sint: — fiexd xpiti&v T^xapxoc, iroxdv ädavdtUJV 8xi 



Pindarlca. 7 

KX^i|itttc dXiKCCCi cujairÖTmc v^KTap, d^ßpociav t€ buiKCV olc vtv 
dcpOiTOV iOecav, Sad Inbens ex bis salebris pedem retracto. 

Vs. 71 ^TOt^ov, L e. K€t^€VOV iv \iicvp. Beota vetns BohoL 
IkA traci Trap^KCiTO. äOXoc T^p fjv t(|i vikuüvti. -Obiter corrigas 
20Xov. Ar^utatur de h. 1. de longb. 

Ys. 75 q>iXta b&pa kxL Neptuno Kurrptv TrpoßäXXei Pelops. 
YvL Hecub. £aripid. 824 sqq. 

Ys. 89 ££ dp€TaTct ^efütaXörac ulotjc. Hanc libri M' leotionem 
extra omnem controyersiam ponit epigramma allatum a Bergkio, in 
quo est f|>T^olClv evrrdKTOici )i€^aXÖT€C dxpov £(prißoi. Beete iam 
alii oomparamnt Hes. Op. 231 6aX{i]c bk peianXÖTa kpfa v^inovrai. 
Sabest personificatio re non dissimilis ab eo quod diätur y. c. Ol. 
Vn 17 TTOT^pa T€ Aa)üidTTiTOV dbövra AtKqi, nee fortasse Bollicitari 
debet locus Surip. Med. 636 crdpTOi ^€ C(JJ9pocuva. Pessüne ^€- 
MOÖTac edidit Christ. 

Hoc Carmen non relinqnam anteqnam monuero de positione apud 
Pisdamxn in qnibnsdam diyersa ab ea quam poetae Attici obseryarunt. 
Kempe quod vs. 1 9 vöov imö TXuKurdraic £6iik€ q)povTictv ante mediam 
et liquidam syllaba breyis non prodaeitur, id non singulare est apud 

nostrum in y\. Cf. Ol. Xm 100, Pyth. XI 27, Nem.J[Y 46. YII 

S2, 96. Idem factum yidebis, sed multo rarius, ante ßX Nem. YII 
60. V 111 7 (in verbo ßXacTOvetv et cognatis saepe idem fecit Söphocles. 

Yid. ed. mea Oed^Beg. p. 220), ante bji Pjth. Ym 47 et aUcubi 

in Olymp., ante bv Pyth. X 72. His igitur decem locis nota regula 

migratnr, sed obseryatur eadem locis centum (yX 63, ßX 5, b}X 22, 

bv 10). Fv (42 1.) et fM (2) semper faciunt positionem. Quod idem 
yalet de x^ fortuitum est, nam bis tantum occurrit. fp paene semper 
£adt positionem (18), semper in yocabulo d^pöc quaeque inde ducun- 
tnr, ter tantum^on fecit (Nem. YI 7. YHI 41, fr. 214, Bg. ed. HI). 

Etiam in 9P, 9p et Xp longo saepius positio obseryatur quam 

neglegitnr (62 : 20, 24 : 8, 32 : 14). In ßp, Trp, icp, fp, bp fit idem, 
Md lenior est proportio (36 : 19, 38 : 30, 84 : 51, 103 : 85, 26 : 15). 
Denique mnta cum liquida apud Pindarum paene bis toties 
positionem facit quam non fiacit (789 : 404). Eorum, quae nondum 
reeensni, haec tabella dedarat proportiones: ttX (36 : 17), 9X (6 : 3), 
kX (53 : 30), xX (4 : 2), tX (6 : l), BX (34 : 20), Kfi (7 : 9), t^ (11 : 11), 
Bii (16:13), Tiv (10:16), q)V (12:5), KV (12:5), XV (11:5), TV 
(10: 4), Ov (5 : 7). Positio aeque locum babet in thesi quam in arsi; 
qua proportione, non indagayL Addere possim £cXöc (^ icOXöc) ter 
oorripere paennltimam Ol. II 19, Pyth. m 66, Nem. lY 95, unde 
Hennauins Op. I p. 251 coUegit ubique apud Pindarum £8Xöc corri- 
gcndom esse. Qui contra disputat Bergk ad OL 11 19 mirae tamen 
eoir^tionis originem non ezpedit. Alia minus yulgaria haec sunt: irdv 
pro irfiv OL 11 85, vuv temporale pro vCv OL X 78 et saepius alibi, 



g H. van Herwerden: 

ixveuujv, correpta paenttliixna, Nem« YIII 35, quocum Bergk contulit 
Oiipeuei et efiujvov apud Hipponactem, in quibus similiter breyis est 
diphthongos; pronontiandiun fuerit ixv^FuJV. Contra poetamm Atti- 
corum morem verba füiavOui et fapvVi} apud Pindarum corripiimt 
paenoltimam. Cam Homero conspirat in quantitate vocalis in 8u€iv, 
in l^vai et comp., in comparativis in (uiv, Kpoviujv, XP^C€OC, £v€p€C, 
aliis, cTun Atticis vero in xaXöc et Tcoc, Pyth. IX 39 est KXoibcc, 
sed Pyth. YIII init. KXoibec. Acta si egi, tironibus haec dicta snnto. 

Olymp. I 43. v^oic dv ädOXoic iv iidxatc t6 ttoX^^ou ti|liiu- 
jLievoc. Yalde miror neminem, quod sciam, coniecisse, quod tamen 
necessarium yidetur, vdu)V iv ddOXoic, quia illud nihü aliad signifi- 
care potest quam in recentibus certaminibus. Alia ratio est 
loci Euripidei Med. 48 yia fäp q)povTic ouk dXT€iv 9iXeT, siquidem 
puerorum animus rectissime animus iuvenis dicitur, unde non 
sequitur, ut arbitror, iuvenum certamina recte veouc ddOXouc dici. 
Poetas non ita raro adiectivis primitivis uti pro derivatis haud ignoro, 
sed id faciunt cum iudioio, neque ita ut nasci possit ambiguitas. 

Vs. 56 €l bd viv ix^y Tic olbev tö fi^XXov. Ita libri; quorum 
lectionem qui tuentur prave apodosin a vs. 61 Icaic hk ktL incipere 
existimant. Poetam enim tarn perplexe locutum esse quis credat? 
Yana quoque videtur Bergkii in ed. III et lY prolata opinio poetam 
brachylogia scilicet usum (similis brachylogiae quidni affert exem- 
plum?) ita scripsisse pro el bi viv ix\x)y Tic clbev tö jliAXgv, Grj- 
pu)V olbc TÖ fiAXov. Bono critico dignius rem gessit olim cum 
locum depravatum esse perspiceret, conioiens leniter sane olbe* — 
olbcv. Sed yerborum nexus nesdo an potius hanc requirat senten- 
tiam: Illud qui habet (verissimum lumen, seil. TÖv ttXoötov dpe- 
Taic bebaibaX^dvov), aequo animo feret futurum, L e. mortis 
formidine non agitabitur, quandoquidem post mortem, ut im- 
probi poenas luunt, ita vires probos di remunerantur. 
Quare legendum suspicor: €u (cum Bauchensteinio) bd viv £x^v Tic 
otcei TÖ ^idXXov, ÖTi GavövTUiV ^fev kt^. 

Y. 62 dTTOV^crepov dcXol b^KCVTai ßioTOV, oö xööva Tapdccov- 
Tec dv x^pdc ^^^ oihk itövtiov öbujp KCivdv irapd biaiTav. 
Ultima verba non possunt significare quod putant interpretes, pro- 
pter tenuem victum. Nam neque Kcivöc est tenuis, neque Trapd 
est propter. Bectissime me iudice Madvig rescribi iussit K€ivav 
irapd btaiTQV, quod solum sermoni et sententiae satis£eu)iens non 
magis languet (languidum dixit Bergk) quam OL X 102 kcTvgv 
KttTd xpövov, i e. (inclyto) illo tempore. Similiter xeivav irapd 
biaiTav est in (praeclara) illa vita. Beliqua immerito sollicitavit 
Bergkius coniciendo £tX^oc dK^ql, quod vomerem notare putat, 
sed noD reputavit id iungi non posse cum verbis oööd irövTiov öbwp, 
quemadmodnm in vulgatis dv X^P^^^ dKfiqi iungendum est cum his 
verbis non minus quam cum xÖöva. De industria autem poeta, 
spectans huius vitae humanae labores et aemnmasy usus est verbis 



Pindarica. 9 

^v X^P^c ^M^ qiiibas notaret corporis defatigationem^ neque quis- 
quam Pmdari leotor haerebit in praep. ^v addita dativo instrumen- 
Uü, qnem xiBum yel in diyerbiis admisit Sopbocles. 

Vs. 85 <pu)väcvTa cuveTOtctv. Aesch. Ag. 39 ^a6o0clv aubdi. 

Vb. 87 fixpavTa irapucTOV. Mezger ^der Dual scheint aus 
metrischen Gründen gewählt und hat ploralischen Sinn'. Incredibile 
est Tel hodie reperiri qo; istinsmodi sententiam taeantur, non re- 
imiaates qnantnm sie statuendo derogent magni poetae ingenio, 
namens scilicet coacti nt certam et constantem sermonis legem 
torpissiine yiolaret. Mezger in sententiae snae fidem laudat Ernegeri 
gramm. I 63, 3 a. 3, sed aliquanto melius pro saniore sententia 
diabimua Kuehneri Ausf. Gramm. 11 § 368, 2, qui prudenter et perlte 
loeoB huc pertinentes diiudicavit. Et scire pervelim qualis fuerit 
cansa illa metrica, siquidem in strophae fine YCtp^^TOV eandem habet 
mensnram quam YCCpOere, ut canere potuit poeta apostrophe (in- 
dignationi h. L valde convenienti) usus ad adversarios, sive indicati- 
Tum siYB mecom imperativum esse mavis. Nee sane longo absum, 
quin hoc ipBum poetam scripsisse suspioer, si verum est Simonidem 
Theronem cum Hierone in gratiam reduxisse, itaque merito de longh 
explosit veteris scholiastae commentum, oblique hie tangi a poeta 
SifflOBidem atque Bacchylidem ut suos obtrectatores. Quam impera- 
tin formam Bergk in ed. IVta pro Y<xp^^TOV restituendam esse 
suspieatnr yc^P^tujv, antiquam Graeciam novisse (cf. £ctu)v et iTU)v) 
limis inoerium est. FapOeTOV si quis tuetur, suspicari debet Pindarum 
cogHasse duos poetas aequaJes, quorum nomina hodie nos lateant 

Vs. 95 dXX' alvov dir^ßa KÖpoc oö bUcji cuvavT6|üi€Voc, dXXd 
MopTwv OTT* ävbpuuv, TÖ XaKaTflcai OdXuJV xpucpov tc 0€|i€v dcXüjv 
mXoic £pTOtc. Mezger aliique loco Sophocleo 0. C. 442 tö bpäv 
ouK f^Xncav tueri se putant tö XaXaTf\cai 'G^Xuiv. Sed istius 
versus, non hac sola de causa Sophocli me iudice abiudicandi, testi- 
mouium recuso. Härtung coniecit cuvavTÖ|Li€VOC, dXXä )LiäpYUüV xdp 
ovbpuiv TÖ XaXatftcai, £6^X€iv Kpüq)ov t€ Qi\iey dcXuiv KaXoic f pTOic, 
quod non satisfecit Bergkio in ed. lYta corrigenti dXXd jütdpyuiv 
Top dvbpurv tö XaX(rn)cai O^Xeiv Kpuq)OV T€ O^füiev, in quo audienti 
pencolnm erat ne perperam lungeret tö O^Xciv XaXaTf]cai KpOqpov 
T€ 6^)ii€V. Mihi venit in mentem: dXX' alvov itr^ßa KÖpoc ou bixqi 
cuvovTÖ^evoc — dXXd ^dpTuiv ydp dvbpduv tö XaXaTficai — , *e^- 
huy Kpikpov Tl8^^€V tcvi. Non male ipsi KÖpqi, ut arbitror, tribuas 
obMozandi praeclare facta voluntatem. Et TiG^juiev iam coniecit 
Hermaanns. 

Olymp. in 42 cl b* dptCT€U€t jitv ubwp, icredvuiv be xp^cöc ol- 
boUcTarov. E libris nonnullis revocandus videtur notus Graecismus 
(de quo d Enehner, Ausf. Gr. § 363), quem in reliquis oblitteravit 
gnmmaticorum eacozelia: KTcdvuiv bk xqvqöc aiboi^CTaTOC. Perperam 
Bergk. PjrUi. XI 58 omnium librorum (excepto Bi) lectionem, cognitam 
tiiam seholiastae, KTcdvujv KpaTiCTav x&piy mutavit in xpaTiCTov. 



10 H. van Herwerden: 

Olymp. rV.ll xpoviibraTOV (päoc eupucOev^uüV dperäv. Male 
Mezger Men so spät erschienenen Aufstrahl weitmächtiger Tugen- 
den'. Beete alii intellegunt de diutuma gloria quam poeta victori 
carmine suo donat. Non probabilius mox idem cneubei dictum esse 
putat quod ante novem annos condita sit Camarina. Cireubei nihil 
aliud est quam studei Quo autem iure tueatur optime spretam ab 
Omnibus editoribus lectionem dXiKiaic pro dXiKiac, ipse yiderit. 

Olymp, y 10 deibei. ^Carmen epinioium affert canendum' 
Dissen. Inaudita haec verbi potestas. Dudum receptam oportuit 
eyidentissimam Heckeri emendationem ä^Sei. Etiam lenius foret 
äeipei, sed hoc verbum^ sie absolute positum, metaphorico celebrandi 
sensu usurpari non videtur. 

Olymp. VI 8. dTiiKÜpcaic dqpOövuJV dcrujv iv ijuiepTaic doibatc. 
Non recte interpretes iungere videntur imKupcaic dv doibaic, siqui- 
dem incidere in (sie enim vertunt) Graece sonat diriKupeiv Tivt, 
non Iv Tivi, nancisci vero est dtriKupeiv (= dmtUTXdveiv) Tivöc 
Hinc credo iungendum esse diriKupcaic cum sequenti genetivo, ut 
verba tv — doibaic suspensa sint ex dq>66vu)V. Yerto: nactus 
ciyes non invidos (copiosos) in cantibus iucundis. 

Vs. 12 *ATilcia, xiv b* alvoc ^toiiliqc, 8v iy biKq, \ dirö tXiwc- 
cac "AbpacTOC jidvTiv GiKXeibav — (pQifiaT\ Non video quid lu- 
cremur Bergkiana coniectura dnö T^tuccac t^ 'Abpdcrou, quia sie 
scribendo non augetur vis yerborum satis otiosorum &nö YXtJüccac. 
Quare potius aut cum Heckero scripserim dirö TViUjiac, aut ipse 
correxerim: 8v dvbiKOU dird T^iüccac kxL 

Vs. 15 ^Trrd b' ^Tieixa irupäv veKpuiv xcXecG^VTWV. Ita 
libri omnes, nee quicquam aliud legisse veteres interpretes sobrio et 
circumspecto iudicio usus agnoyit Bergkius. Nubes est in h. L con- 
iecturarum: xeXecOeicujv, irupqi — xeXecOevxujv, 7reXac6evxu)v, d/üia- 
Oevxujv, dxacG^vxuJV, x' dbec9dvxuiv, X€ vticö^vxujv, ex quo numero 
duae tantum ultimae (Bergkii est utraque), sed imprimis ultima, 
quam recepit in noyissima editione, satis yidetur probabilis. Nescio 
tamen an aJius locus Pindari Nem. IX 24 itnä ydp batcavxo 
iTupai v£OYu(ouc q>arrac, ubi de eadem re sermo est, etiam pro- 
babiliorem subministrat medelam hance: itnä b* iTieixa irupav 
vexpiüv X€ baicödvxojv. Euripides Heracl. 914 xöv "Alba böjiiov 
Kttxdßa irupdc beivqi q)XoTi baicGetc. 

Vs. 53 oub' Ibeiv eöxovxo, i. e. IcxupiZovxo. Cf. Hom. IL 
XVin 499 6 jLifev eöxexo irdvx' dirobcövai. 

Vs. 97 ixi\ epaucoi xP^ivoc öXßov ^q)^p7TUAf. Vulgo recepta 
est Boeckhii correctio Opdccoi, snperstructa yeteris interpretis ex- 
plicationi }xf\ xapdccoi, eique posthabita est Hermanni emendatio 
Gpaucai, pro quo tamen yerbo non ignayiter militare mihi yidetur 
locus Euripideus Herc. 776 XP<ivou tdp oöxic pöiraXov (feliciter 
sie correxit xö irdXiv Wilamowitz- Müllendorf) etcopfiv £xXa vö^ov 
irap^^Evoc, ävo\xUf x<^iv bibouc, £Gpauc€ b' äXßou KcXaivöv (ira- 



Findarica. 11 

kadv?) op^GL Sed sententiae magis convenit tempus praesens quam 
aoristas, mquidem vis temporis non est subitanea, sed continua. 
Quodrcs Pindaro reddiderim 6pauoi. 

Olymp. Yn 9 IXdcKO^ai. Schol. IXapouc ttoiui. Dissen eö- 
<ppaivui. Nenter satis recte. Yerte: propitios mihi reddo, tan- 
qoam deos, qaos hymnis honoramus. Olympionicos divinis paene 
koBoribna Graeci proseqaebantur. 

Vs, 20 dOeXricu) — biopOiucai XÖTOV. Verteconabor. Verba 
enim volendi in faturo usurpata hanc notionem induere assolent. 
Saepe sie ßouXfjco^ai, y. c. Arist. Flui 290 Kai )Jif|V iffh ßouXrj- 
co^at KtLj quibns Carionis verbis respondet chorus: fi]Lieic bi y' 
au 2IT)Tr)CO^€V ktL 

Vs. 83 6 T* dv "Aptei X^Xköc ^tvu) viv. Vertunt novit eum, 
sed dL locis Ol. VI 89 et XUI 3 yiz dubitabis mecum hie quoqne 
agnoscere mirom illum et pecoliarem nsum yerbi fitviüCKeiv apnd 
Pindamm, quo significat darum reddere. 

Vs. 73 Kä^eipov. Yeram nominis formam esse Kd^lpov tituli 
demonstrant. Cf. Lapid. test. de dial. Att. p. 25. 

Vs. 93 }ii\ KpuTire koivöv ctt^pili* dnö KaXXidvaxToc Duce 
reteri scboliasta (^fi Kpüirre tö koivöv Kai bidbr)Xov toTc itoXXoic 
T. ICt^VOc) interpretari solent illustre, notum omnibus, praeter 
longhimn, qni propriam vocabuli vim agnoscens, sed non sentiens 
qnantopere ea notio hie langaeat, vertlt commune m. Non dubium 
exifltimo qtdn Findarus scripserit kXeivov (an kX6Vv6v), quod cum 
Katvöv et KOIVÖV perpetuo confundi solet a librarüs. üt hie KpUTrreiv, 
sie Usurpator etiam KaXuirreiv, v. c. ap. Soph. 0. C. 282 , ubi recte 
schoL interpretatur d9av(2Ieiv. 

Olymp. VIII 11 in^T« toi kX^oc aUi, (^ Tlvi cöv T^pac ^ctttit' 
drXaöv. Bergk, qui olim recte improbaverat pessimam formam ana- 
logiu Oraeci sermonis repugnantem, quam librarii hie illic in Fin- 
düom aHosque intulerunt, postea retractavit sententiam. Legendum 
puto ijmvi cöv t^pac Sv citfiT* dtXaöv. OL IX 83 TÖX)Lia bfe Kai 
d^q[nXaq>f|C buva^ic H CCttoito, vera lectio videtur CYCttoito. Isthm. 
T36 Bergk in ed. n recte dederat ^TrpaOov cttö^cvoi pro irpd- 
dov iciröficvoi, quem librariorum errorem revocayit in ed. III et 
IV. Difficilius dictu est quo pacto sanandus sit locus Isthm. VI 17 
i^h b* iji|ii8povov KXu)8ui KaciTvriTac t€ irpocew^irui cirdcGai 
kXutqic I dvbpöc (piXou Moipac dq)€T^aTc, ubi numeros viri docti 
ooirexerunt legende cum Fauwio ScTiecOau Metro convenit irpoc- 
cw^TTu» aibeicOai xXurdc — dq)€T|üiaic (Aeolice "■ £q)eT|Lidc), sed 
fortMsepraestattransponere: irpocew^Ttu) dvbpöc (piXtdrou | cir^- 
c6ai kXut alc (recte Bergk) Mo(poc £(p€T)üiaic. Soloecum est; quod 
oHm propoBuit Bergk, £i|iec6ai. Quippe post verba precandi, iubendi 
et hortandi Infinitive futuri locus non est. 

Vs. 81 *€pfiä hk ÖüTttTpöc dKOÜcaic 'lq)(iüv 'AtTcXtac Iv^iroi 
Kcv KoXXifidxip Xmapöv köc^ov 'OXufiiriqi Ktt Iphion fortasse fuit 



12 H. van Herwerden: 

pater Alcimedontis victoris et Callimachi, iam defimcti. Patrem, quo 
tempore carmen pangeretur, iam fuisse mortnum apparet fere ex vs. 
70, nbi Bolus avus victoris commemoratur. In praeconio autem, quo 
Aleidamus victor renuntiatus est de more iiominatus fuerat pater 
eiuSy itaque hie, descendente Mercurii toO x^oviou filia Angelia ad 
eum in Orco, victoriam Alcidamanti fratri (aut certe consanguineo) 
nuntiare poterat. Mihi quidem quae de h. 1. commentus est de longh 
minime satisfaciuni Verba ys. 77 IcTt bk xai Ti ktL optime explicuit 
Bissen. 

Olymp. IX 38 KQUxäcOai. Bissen gloriari. Bectius reddas 
iactare, i. e. vanis uti verbis. Idem moz dicitur XaXaTCiv, 
i. e. q)Xuap€Tv, XripeTv. 

Ys. 40 utique deleto accentu legendum ^rj vuv (vulgo jii^ vOv) 
XaXdrr€t la TOiaGr'. Nam omnino (non nunc tantum) talibus abs- 
tinendum putat poeta. In sequentibus iunge ia X^Jplc äOaväruiv, 
i. e. procul a dis relinqae omne bellum, utpote his indignum. 
Perperam Bissen: mitte omne bellum absque diis gestum, 
quam explicationem cum grammatica repudiat tum sententiarum nexus. 
Hoc tantummodo dubium est, utrum dOavdrwv suspensum sit a 
Xujpfc an a verbis ttöXejliov jLidxav T6 Träcctv. 

Ys. 52 dvdiru)Ttv esse obiectum, dvrXov subiectum probabile 
est cum ob praegressam structuram x^<^va kt^. tum vero imprimis 
propter verbi ^XeTv usum apud Pindarum. Cf. Ol. I 56, Pjth. 11 80, 
Isthm. I 100. 

Ys. 109 Jjpucai fieri potest ut iniuria tentetur. Similiter certe 
hoc verbum ab Herodoto lY 75 de laeto clamore usurpatum reperies. 
Quamquam öipiiXöv poetam verbum xaMOtt^CT^c parum decere facile 
largior. 

Olymp. X 7 ?Kae€V tdp dneXeibv 0M6AAQN xpövoc i^iöv 
Karaicxvjve ßaOu XP^oc. Non nisi artificiosam interpretationem ad- 
mittit ö lüi^XXuJV xpdvoc, relatum scilicet ad tempus, quo debitum 
contrahebatur. Una mutata litterula sanior exibit, nisi fallor, sententia 
haec: Nam e longinquo adveniens tempus augendo meum 
turpissimumreddebatingens debitum, veruntamen diluere 
potest acrem reprehensionem fenus (quod solvam) nauti- 
cum. Beete enim Bergk pro Ovarujv reposuisse videtur 6 vauräv. 
Nempe corrigo: 

^xaOev ydp ^TTeXOuJV öq)eXXu)v xpdvoc 
d^öv Kataicxuve ßaOu XP^oc. 
äfiiüc hl XGcai buvaToc öHeiav d7n|Lto)iiq>dv tökoc 6 vauräv. 

Semper differenda solutione debitum augetur mercedibus, itaque 
non nisi gravi fenore, quäle est nauticum, (cum capite sciL solvendo), 
dilui potest 

Ys. 29 ibc AuT^ov Xdrpiov d^K0v9* dKtuv jiitcOöv liTrdpßiov 
irpdccoiTO. Plerique interpretes iungentes )uiic9öv tjir^pßiov Trpdc- 
coiTO, veteri scholiastae obseouti, explicant irXeiCTOV dvra, quam 



Findarica. 13 

Tocabnli vim Tellern exemplis demonstrassent. Nihil! enim est quod 
de longh attnlit ttXoOtoc jieydvuip ex Ol. I 4. Nisi omnia me fallant, 
poeta ipeum Angeam, qui 34 audit Scvairdrac, vocavit uir^pßiov et 
adiecti¥iun eo loco posuit, quo magis appareret cur necesae fuerit 
Hereuli exigere mercedem. Beete iam recentior quidam scholiasta 
loeam sie intellexit, eumque secutus emunctae naris homo, Dissenius. 

Ys. 30 Kai K6IV0UC. Dissen ^ut alios plurimos'. Praestiterit, 
ni Mlor, yoculam Kai non alinnde, sed ex ipso cannine, interpretari: 
ut ipsi antea exercitum Tirynthium straverant, quam rem 
poeta narrat in ipsis sequentibus. 

Ys. 51 ßp^x^'TO TroXX^ vt(pd&i. Mezger *diee war das einzige 
was man damals von dem Eronion sagen konnte'. Tribuit interpres 
poetae id qnod non dicit. Manifesto hie usurpando praeterito indicat, 
loa aetate raro ninxisse in Cronio, et Olymp. I 111 disertis yerbis 
didt fiiisse tone collem apricum, eubeieXov. Miraculum igitur narrat, 
et collem, ex quo Satumo sacratus sit, dei beneficio asperam suam 
natoram exuisse significat. Cf. miraculum de Batti voce terrenti 
leonas Pytk Y 57. 

Yg. 78 äpXGtic öi TTpOT^paic iiidixevai Kat vuv diruivuiLiiav X^^P^v 
vinxc dT€paixou, KeXabiicöjLieOa ßpovrav Kai irupirdXafnov ß^Xoc 
dpciKTunou Aiöc KT^. Quandoquidem X<^^v non adverbiascit fa. 1., 
sed ^1lUlVU^lav X<^P^v viKac valet ujiivov d7riv(Kiov (cf. schol.), verbum 
tfXabficö^cOa habet duplicem accusatiTum x&piv et ßpovrav Kai — 
ßcXoc Quocirca delenda yidetur virgula post ifepdjxov. Quod 
Bexgk in ed. lYta proposuit euuJVU)Li(av prima syllaba correpta, de 
eo dabiio. Yid. supra ad Ol. I 89 versus finem adnotationis. 

Ys. 82 dv äiravTi Kpdrei — Kepauvöv dpapöra. Boeckh: sum- 
mae potentiae aptatum. At, licet dicendo: ärrav KpdTOC iczi 
itopd Tivi significemus summam penes aliquem esse potentiam, non 
tarnen iddrco dirav Kpdroc per se significat summum, sed omne 
imperhun. Quare verius Dissen explicare videtur omni victoriae 
iunctnm, i. e. quum nuUa victoria esse possit, nisi annuente love 
potente fulmine suo. Boeckhii interpretationem sequenti certe verten- 
dnm est: omni eins potentiae aptatum, L e. quod levis poten-. 
üam nnsquam non comitatur. 

Ys. 97 kXutöv fOvoc AoKpüüV dfjKp^irecov jh^Xiti eiidvopa 
TTÖXiv Koraßp^x^v. Cum Bergkio d^9^iT€C0V mendosum esse iudico. 
\fauoA antem eoniecit d^q)(€Trov, id propter tempus ferri non posse, 
^um non latuit. Quidni igitur eoniecit d)iq)iF^7TU)? 

Oljmp. XI 6 T^XXerai singularis pro plurali per attractio- 
aem, propter antecedens dpxd XöyuJV. Male de longb comparavit 
Jpr fieaiod. Theog. 321 et Soph. 518, ubi fjv veterem formam pro 
rjcav esse satis constat. 

Ya. 16 tj^v&Qopiai ö|üi^lv, (& Moicai, ktI Necessarium vide- 
tar praesens tempus d1^T^<io^al, spondeo, non spondebo. 

Ys. 21 biaXXd£aiVTO fj6oc Yocnla äv potentialem optativum 



14 H. van Herwerden: 

apnd Pindamm csurere posse extra dubitationem ponere videtar OL 
in extr. K€ivöc cTriv, et verba Pyth. X 21 9€Öc ctr) ätr/ifiujv K^op 
fieri potest nt recte Bergk ezplicnerit in edit. IVta. NUiilominns 
ea omissio perrara est nee nisi cogentibus numeris admissa et ad- 
mittenda esse yidetur. Itaque dubito t. o. num Pyth« X 28 recte 
Bergldns scripserit Tax' €8potc Qnod utut est, loci, quem nunc 
tractamus, hiatus facit pro Hartongio corrigenti biaXXäEaivr' fiv 
?j6oc. Nam fjOoc apnd Pindamm habere digamma merito dubites. 
Saltem non habet Ol. XIII 13. 

Olymp. XIV 4. 'OpxoM€VoO. Poeta Thebanus procnl dubio 
urbem sie vocavit, ut ea aetate et dudum post non ipsi tantum Boeotii 
sed etiam Athenienses eam vocarunt, testantibus titulis, '€pxo* 
ILievöv. Cf. Lapid. test p. 23. Et '€pxo^€vo0 est in Yaticano A« 
lam Boeckhium, sed frustra adhuc, id monuisse nunc Tideo. 

Vs. 20. *AxoT ktI. Praeter OL VIII 81 sq., quem locum con- 
tulit Boeckh , consulas yelim Sophocl. Electr. 1066 sqq. 

Pyth. I 16 sqq. Cf. Aesch. Prom. 351 sqq.: TÖv tTlT^vf] T€ 
KiXiKiujv olK/JTOpa fivTpu)v — dKQTOTKdpTivov — Tuq)uiva 
OoOpov — Ka\ vOv — KcTrat — iTTOUficvoc ^iZaiciv AlrvaCatc öiro. 
Poetae Attico locum Pindari obversatum esse vix dubites. Similiter 
ibidem 349 k(ov* oupavou dictum de Atlante simillimum esse Pin- 
darico kiujv oupavta de Aetna dicto olim obsenratum est. Cf. Od. a 54. 
Mozquoque de Aetnae eruptione compares ts. 20 dirXdTOU irupöc 
— Tratai" noTa^ol KTd.cumAe8chyleis(l.l. 371) Gcpiioic äTrXdTOu 
ß^Xect iTupiTVÖou 2;dXTic et vs. 368 TroTafLioi irupöc et Yulcani men- 
tionem vs. 25 cum Aesch. vs. 366 sq. et vs. 30 cuKdpTTOio t^^iac 
cum vs. 369 xaXXiKdpirou CiKcXiac. 

ys.26 irap€ÖVTU)V. Ante Cobetum Coraes^ lettres inödites 
p. 38, coniecit Trap* ibövTUJV. 

Vs. 40 döeXricaic raOra vöqi TiG^ficv efiavbpov t€ x^P^v. 
Frustra Hermannus coniecit euavbpoCv, quod verbum Oraecum non 
est. Nee quidquam mutandum. Prorsus simile est zeugma OL I 88 
SXev b' Oivo|Lidou ßiav napO^vov T€ cOveuvov, et recte iam Schneide- 
win comparavit Eur. Phoen. 951. Alia zeugmatis exempla apud 
nostrum haec sunt: Pyth. Vlll 19 £cT€(pavuJ^^vov iroiqi TTapva- 
cibi AuipieT T€ KUJjii}!. Pyth. X 39 xopol irapö^vujv XupSv t€ ßoai 
Kavaxoi( t' aöXuiv bovIfovTai, nisi forte ibi legendum est muta- 
tione vix uUa ßoqi xavaxql t* auXüjv. Nem. XI 11 dvbpa b* ifw 
liaKapllü} jLiiv irai^p' 'ApKECtXav, xal tö 6ar)TÖv b^fiac dTpejutav 

T€ CÜTTOVOV. 

Vs. 44 ^irofüiat — ßaXeiv --äjueucacGat. Becipienda fuerat 
varia lectio ä^€uc€c6ai, nam ßoXetv haud dubie futurum hie est, 
non aoristus. 

Pyth. in 34 de AaK^p€iav. Fortasse non fortuitnm est quod 
fabula hoc oppidum fecit Coronidis patriam. Cf. XaK^puJIa KOpuivr]. 

Vs. 74 CT€q)dvotc toüc dpicxeuuiv 0€p^viKoc £X€V Klppqi ttot^. 



Pindarica. 15 

lis scribi non potnit nisi dndam post victoriam. Neque huius loci 
eit t6t€. Itaqae snspicor veram lectionem esse irociv. 

¥8.23 £cn bk «pCXovdv dvOpiuTroict fnatatÖTaTov, öctic aicxu- 
vuiv imxt&pio, irairraivet rä nöpcu). Prorsus ineptum est alcxu- 
voiv, qnod «ignificare neqnit ^SeirreXiZuiv, nt interpretatur scholiasta. 
Pnestaiet certe alcx^vGelc, sed ne hoc quidem prorsns satisfacit. 
Niiiftllor, poeta dederat: öcnc dcxäXXuiV £mxu)pia, 7Tairraiv€t ta 
iröpQU. Ad accasatiynm cf. Eurip. Orest 781. 

Ye. 50 1^ Oepiviip irupl irepOöjievoi b^jüiac f| x^iMuivt. Non de 
ietn solis (Sonneiistich) cogitayerim cum Mezgero, sed de nimio 
etlore aestivo, pariente febres. 

Ys. 101 de Achille iv iroX^fiip TÖEotc &7rö ipuxäv Xiiridv. 
Cum Heekero expectabam itnö — ßaXid v, nisi forte Pindarus eodem 
sensa nsnrpayü Yerbmn poeticum: dtrö ipuxoiv biKUiv. Facüius enim 
AIKQN in AITTQN comunpi poterit. Qnamqnam verbi rarioris usus 
tniakti ezempla ignoro. 

PyttuIVS. Cd^€pov }xkv xp{\ C€ irap* dvbp\ q>(Xiji ciaiiev, eöiTi- 
irou ßaaXi)i Kupdvac, 6<ppa KUüjitdZovTi cuv 'ApxedXcm Moico, AaTo(- 
batciY öcp£iXö^€Vov TTuOüuvi t* aCEijc oOpov ufivujv. Quia se- 
nnda persona coniunctivi Oraece non ponitur in iubendo aut hortando, 
ütteriBaliter diremptis emenda: AaToibatc, fv' öq>€lX6^€V0V — 
a{{qc xtL, quae verba pendent a verbis XP^ C€ — CToi^€V. 

Ys. 57 fi pa Miibeiac ItkIojv CTtxec Probabilior saltem, quan- 
tunTiB incerta, est Hartungi correctio Tai pa ktL quam Bergkiana 
(ei in) f| pa Kai Mt^bci' öiricu) crixev, quod cur Medea faceret,. non 
^^et Altera, quam idem proposuit in ed. IVta, barbarismo 
iirräSovTO pro £irra£av falsa esse argnitur. Soloecum est quod supra 
n. 30 ooniecit (ed. UI) iitatT^^Xuiv irapacxcTv, ubi saltem debuerat 
itop^Sciv, eed ne boc quidem admittendum. 

Yg. 98 Kai TIC dvOpdimuv ce xöJACtiTCvduüv ttoXiSc ^Hav^KCV 
TttCTpdc; Pro absurde TtoXiäc, quod parum feliciter tuetur Mezger, 
Btttuig eoniecit ocoTiäc Equidem teneo quod olim proposui: Tic 
— 110T6 Fäc ^avTiKCV TocTpöc; 

Ys. 126. Tax^uic b* ''Ab^aToc Ikcv Kai M^XafiTTOC €Ö|i€vdov- 
nc dv^iptov. Mezger ^dveniiöv Ton €li^€V^0VT€C abhftngig (sie); 
£e Yerbindong Yon dv€i|iiöv mit Tk€V Hesse sieb zwar durcb Istbm« 
n 48 Tertheidigen, wird aber durcb den Bbjtbmus unmöglicb ge- 
>^t'. Quod si ita sit (aliter enim sentire videtur auiis Bergkiana), 
itique neeessaria est Hartungi correctio dv^ipioi, nam €Ö^€V€Tv cum 
<pttto casu iungi posse praeter Mezgerum yiz quisquam credei 
Ugvidum arbitror: Ikov (Bergk) — €u^€vtovT€C dv^i|iioi. 

Yt. 127 iv baiTÖc hk |iotpqi MCiXixioici Xörotc aÖToOc 1dcu)V 
^^mcvoc KiL Praestare yidetur £v (Boeotice dictum pro de) bai- 
^^ hk iioipav KtL Eiusdem librariorum erroris bunc usum igno- 
vttthim alia ezempla infra videbimus ad Pyth. Vm 69 et Isthm. 
liiiit 



16 H. van Herwerden: 

Ys. 142 jiia BOYC KpTi66i re m&ttip Ka\ epacu|Ji/|be'i CaXfiui- 
V€i. Incredibilis me iudice locatio, et xninime persuadent qaae de 
ea dixenmt yeteres recentioresque interpretes. Longe v. c. diversum 
esse, quod attulit Boeckhius, si Aeschjlos furentem Gasandram 
exclamantem fecerit Sttcxc ttic ßoöc töv TaGpov, nemo est quin 
monitus saltem sentiat. Gravis me tenet suspitio vocabulum errore 
natum esse ex Boeotico 0OY male intellecto, Pindaroque reddendnm 
esse: fiiia q)0 KpiiOei te \x&Tr\p xal Opacufii^bci CoXfüiujveT. 

Ys. 154 äveu Suvac dviac. Yerte ^sine communi dolore' i. e. 
sine riza, quod moneo propter Mezgemm yerba perperam intellegen- 
tem. Moz non recte Bergk coniecisse yidetur ii äcTUÜv pro Ü auTUiv. 

Ys. 170 djpvuev xdpuKac dövra (corruptum. Bergk ^raict, sed 
non placet prolepsis) uXöov qMXiv^^cv iravTcjl' xdxa bi — fjXOov — , 
boioi b* uiiiixairat äv^pec, '€vvodba t^voc, albecG^vrcc äXKdv, 
KT^. Scribere sane potnit Pindarus, quod coniecit Christ, 'Gwodba 
Tcved, ßX^iTOvrec dXKdv. Cf. OL IX 119; sed, non apparente 
tanti erroris cansa, ea correctio probabilis non est. Propias ad codi- 
cum scripturam Bergk $ FacOdvTCC dXxqi proposuit, sed vide quid 
ipse vir ingeniosus obiciat. Nota Homerica locatio imFeifi^vot 
dXxdv fedt ut cogitarem de reponendo dcOriO^vrec, sed a yerbo 
dcOeiv solum perfecti passivi participiom formasse videntur, quod 
praeterea in ea re aptios est. Hoc igitar repudiato, saspicor dfiva- 
c6dvT€c (i. e. dvafivac6dvT€c) dXKdc vel de ^vac6^VT€c dXxdc, 
suae memores virtatis. 

Ys. 199. dfiTTVodv — - fcTacav. Explicant dv^irvcucav. Beete 
haberet, si animo deieeti faissent fortissimi heroes, quod poetam 
significare volaisse non est yeri simile. Sensisse videtar Goraes, 
qui acute proposuit (lettres in6dites) fijiiTXoGV b' f^puiec &Tacav 
OeoO cdjLiaciv mG6|bi€V0i. Insuper dubiae mihi Graecitatis yidetur 
Icrdvai dvanvcdv, quod non satis tuentur locutiones IcTdvai ßorjv, 
KpauTrjv, similia. 

Ys. 213 fvGa KcXaivuiirecci KöXxoiciv ßiav ^iHav AlTJTqi rrap* 
auTijj. Duo ultima yocabula manifeste mendosa sunt. Gorrige 
AirJTqi t' dTauijj. Gf. infra 241, ubi Achtes yocatur 'AcXiou Gau- 
fiacTÖc u\öc. Nunc yideo iam Schmidtium eodem sensu legendum 
suasisse t' dyaupifi, qua forma Hesiodus Theog. 832 (cf. Herod. 
YH 57) usus esse traditur. Sed Pindaricum est dtauöc. Yid. supra 
ys. 72 dTauüüv AioXibäv et fragm. ap. Plai Menon. p. 813 ys. 4 
ßactXf]€C dTauoi. Idem yocabulum Bergkius poetae reddidit Pjth« 
Yin extr. pro libroram lectione Kai dTaG(j>. 

Ys. 263 tvÄGi vöv kt^. Procul dubio recte interpretibus praeter 
Mezgerum haec ad sequentia respicere yidentur, non ad praegressa. 
Sequitur enim griphus ^Nunc, Arcesilae' ait poeta ^sollertiae tuae 
periculum faciam, an solyere mihi possis hoc aenigma et intelligas, 
quo pertineant quae dicam'. Quem giiphum optime solyisse mihi 
yidetur praedarum Boeckhii acumen, nisi quod propter yerba dXXoic 



Pindarica. 17 

h Tcixcav et föv ^pTijiu»caca x^pov potius cogitaverim de populo 
prmdpibus orbo re^era a peregrino rege (Aegjptium pnta) abacto 
in serritnieiii, quam sponte sua alieno accedenii imperio. 

Vs. 229 dvd ßwXaKiacb* öpÖTuiav cxtte vdrrov f&c ludice 
Beigkio (ed. IV) collocatio praepositionis obstat quominus eam per 
tmflflm a Terbo cxiZciv diremptam pntemas. Bevera ubicumqne tmesis 
tfoä Kndaram obtinet, praepositionem statim excipiunt particulae 
K, TOp, T^ M^v, rim. Cf. OL VE 43, 45, X 73, Pyth. I 82, H 9, 12, 
Nem. IX 8, 33. Yere mihi correzisse videtur Härtung dvä ßdi* 

V8.244. K€fTO faß XÖXM?! bpAKOVTOC b' eTx^TO Xaßpora- 
TQY T€vuu)v. Peringeniosa est Bergkii correctio kcTto t^P ^<iXH9 
ÄpOKuiv, ToO X€ix€To XaßpOTdTatv (codd. Xaßpoxdrav) fe- 
vuoiv KT^., asjndeto , ut ait, deterriti a leniore medicina k€ito f&p 
Uxw bpdKOVTOC, X6(X€T0. Recte, opinor, sed alteri coniectorae 
param &Yet triplex in eadem sententia pronomen relativiim toO 
^€ix€TO — 6 c itdxci — T^Xecav dv kt^ Hinc mihi venit in men- 
tem annon corrigere praestet: kcTvo (sc. tö b^pjLia) T&p \6x\iq. 
kpicovToc X€(x€TO XaßpoTdraiv (Xaßpoxdxoiv?) t^viioiv. 

Vb. 245 nevniKÖVTOpov. Fieri potest ut varia lectio tt€VTti- 
iivT€pov, ntpote librariis minus cognita, genuina sit. Cf. libellus 
mxa: Lapidum de diaL Att test. p. 67 s. y. 

Vs. 281 KcTvoc tctp (Damophilus) iv iraiciv vdoc, dv bk ßou- 
^ irp^cßuc dmcupcaic ^KaTOvraeTet ßtOTql, öpq)avi2:€i ^iv KQKdv 
T^tticconr qiaevvfic öttöc, £^a8€ b" {rßptZovra juitceiv. Absurdamihi 
o^tositio (hanc enim speciem offert baec verborum collocatio) videtur 
iv iraidv — ly bi ßouXaic, nee tam iuyenis fnisse videtur homo 
en], nt inter pueros censeri a poeta posset. Ezpectabam ^v TrpdSei, 
iv F^PTOic, aut aliquid simile. Etiam verba dpq)av(Z€i — öttöc num 
ttiis flana sint dubito. Yertunt privat maledioentiam clara 
Toee, putantque dicere poetam Damophilum tarn probum esse, ut 
ipn maledicentia obmutescat. Ne nunc urgeam mire maledicentiae 
tnboi qxKwdv, quod in laude poni solet, öira, mireris hoc dici de 
^e, quem prae ceteris maledicentiae obnoxium fuisse par est, tum 
Ue BOQ agitur de universa eins probitate, hoc enim poeta satis supra 
^^Bcbnnit dicendo iir^tvui ^^v Kupata kqI tö KXeevvÖTaTov iilfa- 
pov Bdnou btKatav Aa^(Kp(Xou irpotTribwv, sed h. 1. poeta qualis 
foerit iUa probitas ploribus persequitur: ^Prudentissimus est iudi- 
eüqae matoritate insignifl . • . . ocÜt superbos et insolentes, favet 
^^, non est cunctator et in omni re opportunitatem servat, cui 
^'nen libero non servili animo obtemperat'. Quo tandem pacto hie 
I^^ciu esse potest sententiae: ita probus est utipsa maledicentia 
obmutescat? Contra requiritur sententia: ab omni maledicentia 
^lienas est, qua simul poeta innuat Damophilum semper abstinuisse 
4b ininriosis in regem, qui ipsum in exilium pepulerat, sermonibus. 
Pobdtiie aliquid dicere, quod ad Arcesilai animum demulcendum magis 

Jikrk. t «Um. PUloL Snppl. Bd. XIU. 2 



18 H. van Herwerden: 

foret idonenm? Non pnto, et hoc revera dixit, si recte conieci haue 
foisse poetae manum: öpcpavtZei juiäv Kaxäc f^tJ^ccav q>a€vväv 
ÖTTÖc, i. e. liberam seryat a maledicentia claram suam 
vocem. Similiter poeta usus est adiectiya öpcpavöc Isthm. IV 7 
öp(pavo\ ößpioc. 

Vß. 275 Tiv bk TOUTUJV dSucpaivovrai x<ipiT€C. Iniuria dubi- 
tatum est de hnins verbi sanitate. Cf. Fyth. IV 140 (Nem. IV 45), 
sed non satis aptum est toütutv. Corrigendmn censeo toutui f\ 
seil. ToO Oeöv cot Ku߀pvaTf]pa T^v^cGai. Dorica genetivi forma 
induxit librarios. Cf. Bergk ad vs. 255 h. c. 

Vs. 291 XOc€ bk Zeuc ä<p6iT0C Tirävac Iniuria Bergk mavult 
dcpOiTOUC. Sententia enim haec est: ^smnmns deus immortaLis 
vincnlis solvit Titanas ^ qui insolentia ipsum laeserant; tune mortalis 
exilio non liberabis hominem innooentissimmn, öc £|üiaG€V ußpU^ovra 
jiiceTv?*. Cf. 297. 

Vs. 293. Cf. 270. 

Pyth. V 17 8ti ßaciXeuc | iccx ^etoXäv TtoXiiüV | ^X^i cuiprc- 
vr)C |d<p0aXfxöc| alöcUcTarov T^pac, teqi toöto |liitvujli€V0v <pp€vi. 
Vel correcto cum aliis cutt^v^^ ^^ alboiÖTarov, probabilem sen- 
tentiam ex bis yerbis elicere non queo, nisi simnl mutatis ^x^^ ®t 
öq)6aX^öc, et deleta yirgnla post "jipac Conieci: ixwv (cnm Har- 
tungio) cuTT€vfcc | 9vaT0iciv | — t^pacreql — q)pevi;Le. babens 
bereditarium istnd bonoratissimiim mortalibus munus 
cum tua iunctum sapientia. Sed fortasse lenius corrigere licet 
69 6aX]Liotc (bominum seil.), ut poeta admiserit molossum pro anti- 
baccbio non aliter quam infra tb. 100 ßavOeicdv, si recte eam lectio- 
nem tuitus est Bergkius. 

Vs. 33 uobapK^wv, veloci pede (equorum sc.) percurrens, 
iniuria in iroTapK^UJV refinxit Boeckbius. 

Vs. 112 edpcoc bk xavutrr^poic iv öpviHiv alerdc ^uXeTC örfuj- 
viaic b* SpKOC olov cG^voc, i. e. dv b* dYiwvCaic (liiktTO toioOtoc 
TÖ cG^voc), olov (n^Xetai xd cO^voc) ?pK0C. Non recte igitur Bergk 
in ed. IVta diremptis litteris scripsit ol' 5v, in quo praeterea inepte 
abundat pronomen possessivurn. Nee rectius idem mutasse videtur 
Yulgatam scripturam vs. 107 sq. 

Vs. 120 iii\ q>6ivoTru)pic dv^jnujv xciM^pia KaTairvod ba^aXi* 
Zot xP<^vov. Probabiliter olim Hecker correxit Opövov pro XP<^*' 
vov, sed yerbum non est sanius. Graecum non est quod aliquando 
proposuit Bergk x^oi^^XiZoi, sed in ed. IVta edidit bvOTiaXiZoi 
TTÖT^ov. Mibi placet ireXefiiZot Opövov. Cfl Nem. VUI 28. 

Pytb. VI 12 TÖv oÖT€ x^^K^pioc ö^ßpoc ^TraKTÖc dXduiv, 
dpißpöjüiou V€q>^Xac crpaTÖc d^eiXixoc. Per se rectissime dicitur 
crparöc ^TraicTÖc (cf..Aescb. Sept 583 et 1019), sed in bac imagine 
ineptum id esse non latuit Bergkium, qui minus feliciter olim, ut ipse 
agnoyit in ed. IVta, coniecit ^TrqiKTÖc vel diKTÖc, qualia adiectiva a 
yerbis intransitivis non formantur. Mibi quidem band displiceat: 



Pindarioa: 19 

iiT^* Jir€X6tuv, licet hodie ante poetas AlexaadnnoB äiy^xx non 
Tideaiiir reperiri. In sqq. rectius vnlgo verba q)d€i tk, irpöcumov Iv 
Kodopif) praeemiie schoL referontor ad hymnomm thesanram quam 
ad Thia^bnlnm, nt Bnper fedt Mezger. Poetae sunt äYT^Xoi eomm- 
(jna carmina dTT^Xlat. 

Vs. 29 £t€VTo Kttl Trpdrepov *AvTiXoxoc ßiotäc vörjjio toOto 
g»^pujv. An Tp^q)U)V? Sic Pyth. V 109 Kp^ccova fji^v dXiKtac 
vöov q>^p߀Tai. 

Pjth. V 42 statna ex nno stipite facta permire vocatur jüiovö- 
bponov <put6v. Nam bp^iretv de caedendo arbore inaaditonx est, 
Bec qnrrdv optime dici videtor opus artis. Ezpectaveram |iOVÖ* 
bpuov TUTiöv, et ^ov6bpuov iam Hartnngium ooniecisse video in- 
sqwr proponeatem ^ovöbpuqxiv, quod non melius est quam ^ovö* 
Wov. 

Pjth. Vn 5 Ttva t' oIkov btujv övufyid£o|iat egregia est 
Bergkü (ined.IVta) emendatio pro vaiuiv, sed melius reticuisset se 
aliquando coniedsse bf|u)v, quaerens. Quippe bVjeiv numquam non 
fotari aignificationem babere res in yulgus nota est. 

Ys. 20 omnino probanda yidetur Hermanni inteipretatio iungen* 
tis ouTui TTop^ovifiav, ut TOt Kai rd sint tam bona quam mala. Nee 
M)pi pendet a q)<£p€c6ai sed a irapjüiovi|iav, quod ipsa prodit verbo- 
nm süruetura. Sententia: aiunt autem tam perpetuo floren- 
Ud felioitatem iuzta bona etiam minus grata quaedam 
Deceisario secum ferro. 

Pjth. VJLll 8. TU 6* ÖTTÖxav Tic d/idXixov xapbiqi kötov iv- 
(Ucg. SchoL dvO^ Mezger: Eigentlich ^gewaltsam hineintreibt in 
das widerwillige (zu Müde geneigte) Herz'. Contra hnmanam natu- 
lam, nt arbitror: nemo mortalium ipse peotus suum cogit ad iram. 
lioeoB non videtur vitii immunis. Conieci: ÖTTÖxav Tic d)Li€iXixov 
upbtaCKdrov ^TTeXdci), sdl. aliis, sumta imagine ab equite equum 
sauD immittenti adversariis. Nisi forte praestat öirÖTav Tic d)LieiXixoC 
upMoiC KÖToC direXdcq, ubi immanis simultas (dvium) corda 
Isfaserit; nt dTrcXaüvetv, quomodo saepe alias, sit intransitiyum. 

Vs. 13. Xd9€V. Incredibile dictu est librorum lectionem MdOev, 
iMüo abiectam ab omnibus, uuper patronum nactum esse Mezgerum, 
Bfli diiertissimum tarnen; nullo enim utitur argumento. Nimis bene, 
viaiintror, et ad pemiciem suam 'Hcuxioic vim didicit atque expertus 
^ Porphyrion. Perpetuo utrumque verbum oonfundi a librariis 
paoei Ignorant. 

Vs. 18 K€pauv4> TÖHoici t' 'ATröXXuivoc. Beete plerique in- 
^egimt levis fulmen, licet lupiter aliis diis fulmen subinde commo- 
det, Teint ipsi Apollini apud Soph. 0. B. 468. Sed unum teli genus 
ApoUini suffidelmt et recte Tjphoeum a loye, Porphyrionem ab 
ApoUiiie occisum esse monuit Boeckhius. levis nomen reticens Apol- 
Httit potissimum commemorat, quo facilis et elegans fieret transitus 
ad aequentes Aristomenis propter Pythicam victoriam laudes. 

2* 



20 H. yan Herwerden: 

Vs. 21 ^n€C€ b' ou XapiTUJV ^Kdc. Oblitterata olim videtur 
forma Aeolica £ Trete, quam se in exemplaribus non reperii'6 mii-a- 
tus videtur is qui in libri P margine adnotavit ouxi ^irere. Nam infra 
81 legitur f^irerec, nee probabile videtur in eodem carmine poe- 
tarn utramque verbi formam, communem et dialecticam, adhibuisse. 
Similiter apud Pindarum haud ita raro ÄfieuecOai in djüieißecOai, 
TTcbd in ixer&y (uvöc in koivöc, kXcvvöc in KXetvöc, aliasque formas 
dialecticas in communes a librariis mutatas esse probabüis est su- 
spitio. Adhibendam tarnen esse in restituendis Ulis magnam cautelam 
apparet ex locis, qualis est v. c. Pyth. IV 133, ubi irapeKOtväO' 
metro tutum est et excluditur TrapeEuväO '. 

Vs. 29 elfii b* ficxoXoc ävaO^jiev iräcav ^aKpatopiav Xupa 
Te Kai q>di,f\xaTi ^aXOaK^Jf ^f| KÖpoc dX6u)v Kvici). Haec fuit 
poetae mens: ^neque otium mihi suppetit (nee, si suppetat, eo abu- 
tar), ut multus sim in singulis commemorandis, cett/. Brevi- 
loquentiae parcere potuerat scribendo e\)Xi b' äcTO^oc, ore meo 
non utar, ut cett, sed nihil mutandnm. Alia contractae orationis 
exempla reperies OL VII 23, Pyth. IX 78, Nem. VIII 27, Isthm. 
IV 15 sq., Fragm. 112. Ad rem cf. Pyth. IX 76 sqq. Quamquam 
properans ad ipsum victorem celebrandum, reliquos tarnen (vs. 2ä Toe 
bk. Ka\ ävbpdctv djUTTp^irei), quorum laudibus immorari nolebat, scite 
tangit vs. 36, Midulidarum Theogneti et Clitomachi paUnas Olympicas 
et Isthmiacas una cum hac victoria Pythica commemorans. 

Vs, 38 KTedvuJV q)OXa£ d^uiv. Sine causa idonea hinc efficiunt 
poetam in Alcmanis sacello pecuniam suam deposuisse. Quod in 
templorum thesauris interdum factum esse novimus, in sacellis igno- 
ramus, nee probabile est. Nihil aliud dicit poeta, quam heroem suis 
aedibuB vicinum suae rerumque suarum saluti invigilare. 

Vs. 69 dfüiq)' ^KacTOV Sca v^Ojiat. Mezger * entweder mit 
dem blossem Acc. verbunden, wie Hom. II. VII 335, oder man hat 
zu öca aus dem vorhergehenden d^cpi zu erg&nzen, »= versari in 
aliqua re, persequi aliquid', ütrumque soloecum est; nam quod dici 
potest vdecOai trarptba Yatav (spurios esse eos versus nunc nihil 
moror), inde non seqnitur, opinor, Graecum esse v^€c6a( Ti (xpf^^ot, 
'apdr^\ia)j nee äfi9' 6ca v^Cjüiai uUo modo significare posse id quod 
putat vir doctus, satis manifestum est Quo intelleQto, ut puto, 
Bergk recepit lenem Mingarelli correctionem v^fiofiat, quod tamen 
verbum satis aptum esse dubitans ipse conicio: 

d^q>' Ikqct' £v öca vdo|iai, 
i.e. quae aggredior, ut Iv Boeotice positum sit pro ic. Cf. supra 
ad Pyth. IV 127 et infra ad Isthm. I sqq. 

Vs. 74 TroXXoTc co(pöc bOKei ireb' ä9pövuiv. Cum Tafelio 
iungi non posse TroXXotc Tteb' dqppöviuv hodie latet neminem. Boeckh 
et Diesen iungentes coq>öc ireb' d9p6vuiv falluntur, ille explicans 
contra sermonis proprietatem , apud stultos, hie inter stultos. 
Non succedente inteipretaüone, Bergk rescripsit coq)oic, quo nihil 



Pindarica. 21 

Incramor. Melius Härtung ttoXXoTc cocpöc boK€t irapacppöviuv ßiov 
xopucc^^ev öpOoßouXoici fiaxavaTc, in qua scriptura hoc tarnen 
offendit, quod inde sequeretur partem stultorum rectius sentire, id 
([Qod poeta dicere yix pofcuit. Novissime denique Mezger proposuit 
TTcpa q^povuiv, contendens scholiastas interpretari praepoeitionem 
iT€pi, non TTCbä, nee legisse dqppövwv. In cuins rei fidem duo 
tfert scholia, quorum prius hoc est: el Tic fiveu ttovgu d^aSöv Ti 
ircpieKTTJcaTO, toOtov oi &XX01 [ttoXXoI?] toiv dv0pa»7rujv boKoOci 
C096V clvai, xal toOto Ik tiic coq)iac boKei oötu) TrepiTTeTioifi- 
cOql At TTCpiKTacOai sequioribus nihil aliud est quam KTäcGai, et 
onmium ubu tritum est TrepmoieTcOai pro KTäcOai, ut taceam omnium 
hominnm stolidissimum hunc scholiastam fuisse, si sie interpretatus 
Sit irepi, lectnm pro iT€bä. Alterum autem scholium hoc est: Taura 
b'oüic fcTiv iv dvOpiönoic tö Ik nepivoiac icnficacGoi, quo nihil 
didtor quod non facillime e tradita lectione effici poterat. Scholiis 
igitcor non confirmatur Mezgeri coniectura, cui hoc obstat, quod eius- 
modi homines Tulgo non yidentur ir^pa q)p0V€iv i. e. nimiumsapere, 
E«d multum sapere. Ego cogitayi de reponendo coqxjüc — Trepi- 
«ppovwv, sapienter considerans, aut coq)6c — ircpiccö- 
9pujv, egregie sapiens, sed nihil affirmare ausim. 

Ys. 78 ^^Tpip KaTdßaiV€. Mezger ^gehe in den Schranken 
des Masses einher = hüte dich vor üebertreibung'. übi vero xara- 
paiv€tv est incedere? Lingua certe permittit Bergkii interpretatio- 
sem de descendendo in certamen haec verba intellegentis. At 
m poeta yictorem, quem celebrabat, a nimio certaminum studio 
iiehortari poterat. Potius more suo ad modesüam iuvenem hortari 
«xpeetatur, itaque delitescere hie aliquid videtur, quod respondeat sen- 
tentiae, quam Mezgerus loco subesse putat; v. c. ji^Tpip KaXd TravT*' 
cv Mcrdpoic b* ix^xc T^pac xxL 

Vs. 76 bat)uiu)v bk irapicxei fiXXoT* fiXXov ÖTrepSe ßdXXujv 
aXXov b' utrö x^^pu^v. Quia SXXot' dXXov iam significat modo 
hnoe modo illum, manifeste locus non est novo dXXov in se- 
qaentibus. Quo intellecto, Madvig parum feliciter in Adversariis 
Criticis fiXXoc b* rescribi iussit; Bergkius autem difficultatem in 
rvpetito dXXov removere studuit substituendo pro uirö x^^P^J^v verbo 
Graeds incognito uiT0X€ipu>v. Mihi corrigendum videtur dXXou 
9* mb x^ip^v. Verte: modo hunc modo illum alii superne 
iniciens aut manibus (eins) subiciens. Pindarus hie, ut saepius 
poetae Graed, notionem ad ntrumque membrum pertinentem in 
*Hero tantum posnit. Ad Genetiyum post uttö conferatur Hesiod. 
Tlieog. 717 Touc pfev uttö xöovdc eupuobeiTic ir^iiipav. 

Vs. 92 ly b* öXiTH) ßpoTiiv tö Tepirvöv aöEeiai • oötu) hi Kai 
THTVcixanai, diroTpÖTnjptviöjiiqi C€C€iC|Li^vov. Procul dubio verius 
BoeekhalüquedTTÖTpoiTOVTVtCijLiav, aversum animum,tribuuntDeo 
loi Fortunae, quam Mezger ipso gaudio, quandoquidem C€C€iC|yi€VOV 
iBunfesto Tim spectat aliquam extemam. Comparatur enim tö 



I 



22 H. yan Herwerden: 

T6piTv6v cum planta vel flore, qui, ut celeriter crescit, ita vento con- 
cnssuB brevi humi oadit. Non tarnen diffiteor poetam permittentibiis 
numeris planiuB canere potnisse dTTOTpöirui Tuxqi (vel itöt|üi(()) ce- 
C€iCM^vov, et fieri sane potest ut euperscriptum glossema tuxoic 
YViÄjiqi einsmodi Bcripturam oblitteraverit. 

Pytb. IX 23 TÖv bt cuTKOiTov T^wuv iraOpov im T^eqxlpoic 
tiiTVOV dvaXicKOtca ^^novra irpöc äur. Dissentiant commen- 
tatores. Boeckbio iudice^ Gyrene dicitur somnum non in anroram 
eztraxiBse; DiBsenium si andis, non nisi yersus anroram, 
ubi tutas crederet a ferarum impetu pecndes, paallisper 
somno vacasse, sed nocta yigilasBe. Gni sententiae ita faret 
univerBi loci raüo , ut band aliud diziBBe poeta videatur, sed molestiam 
creat yerbum ^^irovra, quod non delapsum, sed yergentem 
Bignificat. Et locum non integrum ad nos perrenisse testatur quoqne 
Vitium metricum, quod TricliniuB tollebat reponendo barbaram for- 
mam ävXicKOica, Schmidt legendo dXbicKOica (debuerat certe &Xbri- 
CKOica), sed enim, qui somno parce fruuntnr, minus recte eum alere 
dicuntur, ut arbitror. Bectius igitur Bergk transposuit: t6v bk 
CUTKOITOV tXukuv öttvov im TXcqwipoic iraOp* dvaXiCKOica ^^irovra 
npdc diX». 

Qua transpositione admissa, litteris aliter diremptis ipse corrige- 
bam dvaXicKOic' dp' ^trövra irpöc düj, somno qui erat in 
palpebris yersus auroram parce igitur fruens. Sed licet 
quodammodo ferri possit particula dpa, quia boc erat consequens ex 
praegressis, non tamen nego me eam yooulam abesse malle, itaque 
paullo maiore molimine elegantius nunc locum sie corrigere mihi 
yideor: TÖv bi cutkoitov t^ukuv öttvov dui T^c<pdpoic TraOp* 
dvaXicKOico ncTÖvra («= trccövra) iipdc dui. Cf. locutiones 
in* öq)6aX]üioTc mirreiv, ^tt' 6^^act ßdXXetv, sim. 

Vs. 29 aöilKtt b' iK \xey&pix)v Xcipuiva tTpoc^weirc (puivqi. 
De templo Delpbico cogitari non posse cl. ys. 31 recte monet Mezger, 
sed perperam intellegit Cbironis antrum; quid enim sibi yult alloqui 
aliquem ex antro? Nam loco Istbm. V 15, quo proyocat, rrpoc- 
evvdireiv nibil praeter solitum significat. Eadem res premit Bergldi 
coniecturam dx ^€Xd6pUJy, nee quid magnopere adiuyemur loco quem 
citat Iliadis C 210, ubi ^k significat Iktöc, non ii\u, perspicere me 
confiteor. Aliud latere bene intellexit Heimsoetbius, sed yiri eximii, 
quem semper lugebo, coniectura i\X)X€yia\bc yereor ut ipsi bodie, 
si in yiyis esset, placeret. Nee facile dictu est quid poeta dederit, 
sed suspicor delitescere adiectiyum aliquod iungendum cum q)U)vqi, 
quia nudum illud q>uivqi nimis otiosum esse yidetur. An fuit: auriKa 
b' ü5v |üi€TdX<ji Xeipwva irpocdwcTie qxuv^' ttfivov ävrpov, 
4>iXup(ba, TTpoXmuüV icrd.? Si cui nudum qmjv^ non displicet, poterit 
quoque: airrlKa h* dxKaXduiv ktL ütrumque aptum, sed quod 
certum sit desidero. 

Ys. 31 eau^acov oTov dTapßei veixoc äxei K€q)aXqi fiöxOov 



Pindarica. 23 

laOurrepOe veävic fJTOp Ixoica. Incredibilia molitnr Bergk conicienB 
oiov d T o p ß r| c ve ikoc dlT^i k e 9 a X ä v fiöxOou KaOuirepGe k a i 
fJTop veavic ^xc>i<^<^* Facili coniectora olim Schneidewin correxerat 
xpabtqi, sed Bergkio nihil egisse Tidetnr. 

Yb. 36 öcia kXut&v x^pa irpoceveTKeiv jjpa, Kai ^k X^x^uiv 
aipot peXmb^a troidv; Bectius band dubio sie Mommsen et Bergk 
edidannt quam irpoccv€TK€Tv, i\ ^o, ut vulgo editur, qua lectione 
ififlpte disiimguiitur quae inngenda sunt Neque aliter locum in- 
tellexit yetos Bcboliasta: ipa öciöv Icri — xai ^k tOüv koitüjv ktL 
Pennira tarnen est ista particulamm sedes, quapropter conieci fJKa, 
leniter, ut amans, non feroci impetu, ita ut puellam terreret in- 
festamque sibi redderet. Cf. Hom. Q 508 et c 92, 94. TcTa, de 
quo fordtan aliquis cogitet, aptum non est. 

Vs. 67 iliKCta b* direiTO^^viDV HAH OeÜJV irpäEic. Languet 
fjbi), qnod ntun scholiastae legerint dubites. Expectayeram potius 
Al€l, oiei. Mox biairacev valet biCKpivev. 

Vs. 113 sqq. in ed. IV ta sie oorrexit Bergk: iraT^ip bk 6uTaTpl 
füTCüuiv I icX€iv6t€POV tomov, Skouc€V Aavaöv itot' dv "ApTei | 
oiov eupeiv (libri eupe yel eup€v) reccdpaKOvra xat öktuj TiapO^- 
voici, irpiv M^cov fjfxap, iXeiv | diKurarov f&ixoy fcracev rdp ktL 
vt obiv neatmm sit, non iungendum cum substantivo f&}ioy. Facilius 
mteUegam: ofov eupvuv, — IXev, i e. audiyit, quo inyento 
Dsnaus aliquando filiabus celerrimum matrimonium para- 
Terit Ac facile sane librarii €A£N habere potnerunt pro infinitiyo. 

Pytii. X 15 ?enK€ KQi ßaOuXeiiiUJv' önö Kippac dtuiv 
ireipav KpaTTicmoba Oeixtav. Sine controyersia, yere Härtung: 
B^KCV bi Kai ßaOuXcifiuiv — ir^Tpac,quodyero simul transponit 
^€Tpac drrwv, id neque aurium iudicio comprobatur neque yulgatus 
T«rbonim ordo in Pindaro quidquam habet insoliti. Vide y. c. Pjth. 
n 14 icriav TpiTOv ini CT€9avov naTpuiav ßoXuiv. Cf. Nem. 
1 44 sq. aliique loci bene multi. 

Vs. 37 Moica 5* oük diroba^ei Tpönoic im cq)€T^poic. Si 
41118 meeum fidem non habet Bergkii effato poetam dedisse bpÖTTOic, 
tflu nt pximigenita forma substantiyi böpiroc, quod descendat a 
bp^TTCiv (*3 dcOieiv?), suspicetui' potius Pindaro reddendum esse 
voTOic, L e. cvMirocioic (Hjperboraeorum). 

Pyih. XI 24 ^T^pip Xix^'i bayialoixiyav (Olytaemnestram) 
tvwxoi irdpoTOV Koirai. Bergk in ed. Illta suspicatus baKva2;o|i€- 
vav non de Aegisthi adulterio, sed de furtis Agamemnonis hie agi 
recte obseryasse mihi yidetur, licet in ed. IVta eam sententiam re- 
^nctayerii Si enim de Cljtaemnestrae cum Aegistho consuetudine 
^«tmo esset, nihil erat cur omnia illa, quae deinde de potentiimi in- 
Tidia dioontor, a poeta adderentur; nam manifeste ea yerba potius 
Agamenmonem spectant^ inclytum regem et belli ducem, quam mulie- 
Kin. Verte: hoc enim (maritorum infidelitas) uxoribus iuyenilibus 
■luime inyisum peccatum est et propter linguarum alienarum im- 



24 H. yan Herwerden: 

potentiam dif&culter eas celatur; maledici enimcives, habetque magna 
potentia non minorem invidiam, sed humiliter yiyentes vix anim- 
advertuntur. Cf. Soph. Ai. Trpöc fäp TÖv fxovG* 6 (p6övoc Jptrci kt^. 
Sdre autem pervelim, quo pacto qui cum scholiis antiquis de Clytae- 
mnestrae adulterio agi putaat ferant ys. 26 ^x^^ctov, qnod ita procul 
dubio cum Heckero in alcxiCTOV mutandum foret. In yersione mea 
admisi Hartungi emendaÜonem [li^xaLC pro T£ y&p^ quam propter 
sequens ou ^eiova necessariam esse iudico. Quod idem pro icx€i 
corrigit kTcxci id minus probayerim, quia in grayibus sententüs 
Pindarus sectatur asyndeta. — äqpavTOV ßp^juci. Eorum quae humili 
loco nati faciunt, rumor non yenit ad hominum aures. 

Vs. 41 Moica, TÖ bi reöv, el fiic0oio cuvdöcu irap^x^^v 
q>ujvav uTTÄpTupov, äXXoT* äXXqi rapacc^^ev, f\ narpl TTu0o- 
viKqi TÖ T^ vuv f[ 6pacubaii|i. Locus perobscurus et corruptus, 
nee sanabilis iis coniecturis quas recenset Bergkius in ed. IVta. In 
promptu tamen est facile et certum remedium. Manifesto enim yer- 
borum nexus haue postulat sententiam: At Musa, tuum est, si 
mercede pacisci soles, praebituram te alias alii yocem 
pretio conductam, nunc quidem eam praebere aut patri 
yictori aut Thrasydaeo (qui nunc te conduzit). Nempe corrigen- 
dum: Moica, tö bfe reöv, ei fiicSoio cuv^9€u nap^x^^v q)u)vav 
uTrdpTupov öXXoT* fiXXip, Trapacx€|üiev f\ Traxpl TTuBovikui t6 ye 
vuv f\ 6pacubat({J. Quibus nihil est planius, nee praeferendum yidetur 
quod prius conieci f^P^^^ Odfiev, i. e. honorem tribuere, licet 
ne hoc quidem male legeretur. Cf. Isthm. I 14. Sed alterum et 
lenitate et simplicitate magis commendatur. 

JVeineonic.I24 XAoTX^ ^ )ui€^(po|üidvoic IcXouc \ibujp xairvif» 
q)dp€iv dvTiov. Locus obscurior, sed sententiae subiectum esse dvf|p 
(piXöSeivoc (20) (i. e. Chromius) satis certum puto, nee audiendum 
esse Bauchensteinium, qui Aristarchum secutus XAoTX^ impersonale 
esse et iungendum cum datiyo existimet Ad datiyum quod attinet 
testem recuso Strabonem IX 443 extr., cui de antiqua graedtate 
testimonii dictio non est, quemque AeuKaXiuivA non AeuKaXiuivI 
dedisse in verbis ?vioi bk — Ti\y |uitv rrpdc vötov (öerraXiav) XaxcTv 
q>aci AeuKaXtuivi habeo persuasissimum. 

Vs. 46 dTXOM^voic bk XPONOC ipuxdc dir^Trvcuccv jüieX^uiv 
dq>dTWV. Locus procul dubio mendosus, sed non probabile est haec 
nata esse e lectione tam expedita qaum foret dTXÖjüievoc hk xp6v\\i 
i{nixdc dTT^TTveucav, quae est Mingarelli coniectura. Nee ipsum 
Xpövqj in hac narratione, quae incredibiles yires infantis Hercules 
celebrat, aptum est; quod sensisse yidetur Bergk, qui primum con- 
iecit dTX<^M€VOi bk X^XP^^ ¥• dir^TTveucav, quod non satis in- 
tellego, deinde in noyissima editione: dYXOji^voic b* ÖTpo^oc qiuxdc 
dir^TTveucev, ut poeta dixerit dir^irveucev pro dTT^irviEev scilicet. 
Quod si fecisset, bis peccasset contra graeci sermonis proprietatem; 
nam ne dtr^irviSev quidem ^luxdc Graeca est compositio. Non magis 



Pindarica. 25 

Mtem xpöpoc, quae est Schmidtii coniectura pro XP^^voc, dici potuit 
iimxäc dirOTrv€UcaL Mihi latere videtor vox, quae fauces significet 
eaiqae hiantes; hae enim recte spiritnin reddere dicuntur. Tale 
antem est servatam ab Hesychio x^voc ctöjlio. Cf. X<^C|üia. Scri- 
btm igitnr ärXOM^ votc bi X<&voc i|iuxotc äir^TTveucev fxeX^iuv dq>dTiüv. 

Yb. 50 xai fctp avrä iratclv (egregie Bergk pro ttoccIv) äne- 
tAoc jpoücaic' dnö crpw^vfic, öjüiiüc ä^uvev ößpiv KVUibdXwv. 
Qua iymc (male Christ edidit bfifSjc) pertinet ad äTrenXcc valetque 
Kfflircp, potius interpnngain dird crptiijüiväc SfituC; d^uvev ktI. 

Nem. n 12 'Qoptujva veTcOm. Bergk ed. IVta 'Qapiwv' dv€t- 
c6ai, L e. dvaveicOau Credam, ubi primom probaverit dvctcOai, 
orthognqphia tantnin diversnm ab dweicOai, recte corripere primam 
syDatMin. 

Nem. m 19 el b' £u)V xaXöc £pbu)V t' doiKÖra Mopipql 
ovop^aic uiTcprdTatc dn^ßa iraic 'ApiCToq)dv€UC, ouk^ti npöcu) dßd- 
Tov Ska Kiövuiv imkp "HpaxX^oc irepäv eufüiap^c kvL Yulgo snmxint 
apodosiiL indpi ab ouk^ti, mente supplentes tcrui ÖTi, quam licentiam 
aae poetae concederem, nisi inepta tantologia dictum yideretur: si 
snmmum virtutis fastigium tetigit, longius procedere ei non 
lieet Quam cogitationem Mommsenum moYisse suspicor, ut post 
Mopq)qi distingnens apodosin faciat dvop^aic — £n^ßa TraTc kt^ Ita 
Ten nascitor oratio yiz graeca; quare nescio an ex oblitterato di- 
gamma locus olim yitium contrazerit scribendumque sit: el b' dujv 
mXdc {pbci FcFoiKÖTa ^opq)$, dvop^aic dTi^ßa traic 'ApiCTO- 
fovcuc* oÖK^Ti KiL Sic plana sunt omnia et expedita. 

Vß. 32 traXaiaici b* dv dpetaic rGFAGe TTtiXcuc äva£, YTT6P- 
aXXov cdxfidv Ta^xuiv. Non ad Pelei senectutem, ut quibusdam videtur, 
Tcrbis iraXaiaictv tw dperatc respici p«to, sed inteUego in antiquis 
Tiriutibus, i.e. in üs quae antiquitus praeclare gesta sunt. Sed re- 
qairo A£AAMTT€ , X ^ X a ^ ir e. Bespuit etiam d v praepositionem fifaQe 
ei propter sedem iungi nequit cum Tajiidv, quod fecit Dissen. Quod 
deiade legitnr öir^paXXov, nusquam alibi repertum, mutandum f ortasse 
in notissimum TT€PiaXXov, quo cum aliis noster usus est Pjth. XI 8, 
üeet alibi ea tox adyerbiaBcat. Quid lateat sub depravata Hesychii 
gloan öiTcpdXXa tiivi^' xmkp tö b^ov nondum quisquam repperisse 
Tidefair. 

Vs. 36 pro ^TKOVftri omnino legendum dY^oviTi, non sine 
pnWere, ut est dKOvm, sine pulvere. Tandem monuit Bergk 
ei IVta^ sed in textum certissimam emendationem recipere debuerat. 

Vs. 47 clu^Gr^a bi nopd Kpovibav K^vraupov dc6^atvovTa 
KÖfu&v. Eo qui hie requiritur sensu usitatum est dcTratpovra, 
sedfinipotest ut recte scholiasta scripserit dcOjüiaivuJV dKÖ^iZev, 
licet aliter iudioet Bergkius. 

Vs. 61 sqq. recte Boeckh: ^Ut manus cum Aethiopibus con- 
tenos eam animo infigeret sententiam ne Memnon rediret'. Si quid 
in tiidita lectione vitiosi est, quod non praefracte negaverim, id certe 



26 H. van Herwerden: 

non sustulit Bergk scribendo dv (ppaci irdSai Gdnoc, quod Bit Täq>oq 
et h. L signifioet timorem. Mireris yiram ingenioBuin, qui certissi« 
mas alioruxn emendationes saepe non recipiat in textmn, eiusmodi 
monstra poetae obtradere. 

Ys. 70 deleto puncto post fivryrm^ legendom saspicor: dv be 
7T€tp()i riKoc biacpaiverai, äv Tic dSoxuuTcpoc x^viiTai dv Timci vi- 
oici traic, dv dvbpdciv dvrjp; y^piDV (pro TpiTOc) iv naXatT^potct 
^€poc ^KacTOC (cum Bergkio ed. lY pro ^KacTOv) oCov IxofiCV ßpö- 
Teov lOvoc. i\^ bk xa\ (ki^c Bergk) rdccopac äperdc ö OvaTÖc 
aiiliV; q)pov€iv b' iwiiiei tö irapKciiuievov. ^£zperientia enim per- 
Bpicitur summum quo qois ceteris ezcellat puer inter pueros, aduitus 
inter adultos, senior inter seniores, quales quidem singnli has aetates 
habemus mortales; quarum tribus virtutibus quartam addit mortale 
aevom, respicere iubens praesentia/ 

Vs. 76 ifih TÖbe toi irdjiiiTUi fiefiiTMdvGV fidXi XeuKiD cuv ta- 
XaKTi, Kipva^dva b' ^epc' ä^q)direi, n6\x* dtoibifbiov AioX^civ iw 
TTVoaiciv auXiuv. Substantivo lepca («» bpöcoc) vim tribuunt quam 
numquam habuit, spnmam (i. e. ä(pp6v) interpretati et novitiiun 
iTÖ)Lia pro Tiuü^a nimis patienter feront. Deleta virgula post ä^q>diT6i, 
corrigendnm snspicor: Ktpvajidva b' ^6pc' dtfLiqpdiTet töv doibijucv kt^. 
hac seutentia: qui sie temperatus liquor honorat virnm da- 
rum (victorem) Aeolicis tibiarum flatibus. Ad hanc verbi 
ä^(pd1TelV potestatem cf. OL YI 61. Si quis forte praetulerit TOb' 
dotbtjLiov, olarnm illud facinus, ecil. yictoriam, per me licet. 
Bergk qui olim coniecerat CTÖjit' doibl^ov, postea in ed. IQ et lY 
tuetur formam yalde novitiam ttö^gu 

Nem. lY 38 dv q)d€i xataßaivciv. Diesen ^petitam a yictoribos 
qui post res bene gestas inter i(>eGtatorum admirationem discedunt'. 
Fallitur; KaTaßaiveiv semper et ubique estdescendere, hie, ut saepe^ 
descendere in palaestram, itaque certare. Yerte: nos vide- 
bimur adversariis multo superiores cum gloria certaturi 
esse. 

Ys. 44 pro TcXdcci lege teXdet. 

Ys. 55. ünice recte Ahrens TroX€^i()i x^^P'^ TTcpTpairuiv pro 
irpocTpaTTuiv. 

Ys. 58 T^xvaia xp^cdjievoc. Merito suspecta scriptura, sed 
paene succenseas docto editori Bergkio substituenti T^xvaic x<xpoic- 
cdjüievoc (sie), quod, si Musis placet, dictum sit pro x^^P^xX^^ic« 
cuius seil, licentiae exemplum citat KaTacxö^€VOC Pyth. I 10, 
unde apparet virum eruditissimum non observasse Graecos anti- 
quiores perraro, si umquam, uti Aor. Fass. dcx^Onv, sed tarn in 
verbo simplid quam in compositiß pro eo adhibere Aorist. II 
med. Cuius rei ignorantia fecit ut Hc illic a critiGis apud opümae 
aetatis scriptores noyitium icx^Br\v conieetura invectum sit aut ob- 
litteratum dcxö|LiT|V substituendo imperfecto. Melius certe Bergk 
attulisset creqpavuicacOai usurpatum a Pindaro, ut putant, pro ct€- 



Pindarica. 27 

^ovwefivai, Ol. Vn 148. Xn 25. Nem. VI 34, sed ne ibi qnidein 
Aor med. usnrpatus Yidetnr pro passive; commode enim bis lods 
interprelari lieet caput suum cingere Corona, coronam oapiti 
suo imponere. Utut est, yel si quam plnrima ezstarent aoristomin 
med. et pass. pro lubitu adbibitomm exempla, qualia sunt citata a 
Bergkio i^t^c^^v et l^Y<3lcd^1lV, £cTpaT€u6r)V et IcTpaTeucdfiiiv, quae 
Kh bk Teniunt in censum, ne sie quidem caato prudentiqne critico 
Ikeret tales anomalias ipsi fingere, mnlto antem minns scribere 
Xapaccäfi€VO€ pro xcipo£d)yi€VOC. Qnanto melius olim magister, quem 
B. Tilipendü, Bjzantinus coniecerat xwcd^€VOC pro xp^l^diui^vocl 

Vs. 67 elbev h' cökukXgv Sbpav, tqc oupavoG ßaciXr)c iröv- 
Tou t' {q>€2[ö^6VOl ktX. Dici nequeunt convivae dqieZccOat — 
IbpaCy siqiiidem assidentes mensis (L e. dq)62[6^evot) effidunt ipsi 
euvuKXov {bpav. Quapropter emendandum arbitror t&v oupavoO 
paciXfic TTÖvTou t' £q)€2[ÖM€V0i ktI. 

Nem. VI 10 parum yenuste dicitur äpoupai — ßiov dvbpd- 
ctv ^in)€Tavöv ^k irebiwv fbocav. Expectari potest infinitivus sus- 
pensiifl ex fbocav, velui iK7rov^€iv. Gommemorari etiam potuerunt 
ipains terrae labores propter oppositum dvaTraucdfüievoi, quod si 
&ctimi, legi possit £k Ka^druiv. lUud tarnen praetolerim. 

Nem. vn 2 sq. His me iudiee nibil est sanius, et multo prae- 
stat oodicum lectio Bergkii et Hartungii oonieoturis. Optime vertit 
Boeekh. 

Vs. 15 ci Mvcgiocuvac Ikoti Xiirapd)LiiruKOC eöpiiTai (eSpir) Tic 
Sehmid) finoiva ^öxOujv kXutqic dir^uiv doibatc. Immo vero 
xXvTatc — doibatc, Aeolice *» KXurdc doibdc, ut ipsa carmina 
vooeotor praemia laborum, cl. Pytb. IE 13 äXXoic bi Tic ^T^Xeccev 
iXXoc dvfjp cuox^ot ßaciXeOciv ujuvov, dnoiv' dpCTdc. NoYum 
iioc aooedat exemplum üs quae eoUegit Bergkius ad Pytb. II 21, 
ubi tarnen equidem praefero vulgatam ^q>€T^aic, iungendum non cum 
i^T«v, sed cum verbis tv TtTcpo^VTi Tpoxif» iravr^ KuXivböjuevov. 

Vs. 72 6c d£^ire^i|iac iraXaic^dTuiv. Orammatici alicuins 
emendationem esse ^E^ire/Lnpac pro d£^iT€^ifi€V dandum est Bergkio, 
luoD tarnen recte instam eam dicat, dubito. Vid. Bissen, qui looum 
probabilius expedire mibi videtur quam Mezger. In vs. praegresso 
Tcpfia itpoßdc interpretantur, quasi sit urrepßdc, quo iure, ignoro. 
Aliqaid vitii subesse orediderim. 

Nem. Vin 5 Turv dp€i6vu)v dpumuv ^TriKpareTv buvacBm. 
Vetos schoL twv ßeXTiövuuv ipiIiTUiV iT^l9u^€lV büvacOai Kai im- 
xpoTtiv. Scripsisse videtur iiTiTUXcTv, et fieri potest ut apud Pin- 
iwom le^erit dirtKupeiv, i. e. dniTutXttvciv, Xaxxdveiv. 

Ib. 21 6i|iov [bi XÖTOi] q)6ov€poiciv. Pars librorum om. bk. 
loTOi, quod cum Cbristo librarii supplementum esse credo. Non 
ottle Christ di|iov q)6ov€poTci (bk fiöfüiq)Oi^, nisi quod vox ^6^q)oc, 
<{Q>e ab Antiattidsta Euripidi tribuitur, licet bene formata, nimis 
^ttnen dubiae aoetoritatiB esse videtur, quare potius bt fiOfiq>ai 



28 H. van Herwerden: 

inseruerim. Bepudianda saltem noyiBsima, quantnmvis lenis, Bergkii 
coniectnra legentis 6ipov Xöxioi q>9., quia a Pindaro o\ Xöyioi op- 
ponnntur poetis (vid. Pjth. I 94), nee sane ipsi öi|iov invidomm 
diei poterani Yerissima deinde videtur Hecken coniectara l<piZei 
pro ipilei. 

Ys. 27 9Övifi TrdXatcev, quo de silent scholia, non satis reete 
dictmn videtnr de eo qui sna se manu interficit, si qnidem qui cum 
morte luctatur non necessario vincitur nee, id quod etiam gravius 
est, qui voluntariaxn necem sibi infert cum ea luctatur, sed potius 
eam amplectitur. Quocirca necessarium puto, quod iam olim pro- 
posui, iraXdxOT]) ^^ dicitur q>6vui ßaiveiv irebiov l8t]im.yin 55, 
<pövij* cpupäv Tflv Aesch. Sept. 48, q)6vip XP<xiv€tv x^ipa Soph. 
Ai. 43, iraXdcc€c8ai aTjiaTi; XuOpip, fbpiii sim« apud Homerum. 

Vs. 33 ai^uXuiv ^üOiuv ö^ö<polTOC, boXoq>pdbric, koko- 
TTOiöv dveiboc. üt ex adiuncto genetiTo apparet, öjüiöqpotTOC ad ana- 
logiam nominum q>tXöc, IxQpic^ cu]üi|üiaxoc, sim. factum est substan- 
Üvimi «s cuvoöoiTTOpoc. Ad genetivurn cf. Soph. 0. B. 202, ubi 
Bacchus audit Maivdbuiv ö^öctoXoc. Propterea deleta virgula scri- 
bendum arbitror 

al^uXwv )iu8u)v ö|iöq>oiTOC boXoq>pdbric, ktI. 

Vs. 44 |üiacT€U€t — TTiCTÖv. Verba obscura non emendavit 
Bergk scribendo G^cOai mcrd vöifj, non enim iv 6jui]Liaci dici potuit 
Td ^v dfifiact, ut interpretatur. Yitio vacare puto (si Xaßpöv ex- 
cipitur) verba sequentia t6 b* auTic redv ipuxdv KO|i(Sai oö jioi 
buvaTÖv K€V€äv b' dXnibujv xaOvdv t^Xoc ceO bfe u&ipq, Xapid- 
baic T€ Xdßpov uTTcpeicai XlGov Moicatov kt^.; ubi Hermann 
coniecit tjirepefcu), Bergk t&Trepeicaiv (quam formam optativi legibus 
etjrmologicis convenientem numquam exstitisse nondum mihi persuasit 
accurata Naberi disputatio Mnem. IX p. 98 sqq., sed tamen non ita fir- 
initer credo, ut coniectura eam restituere audeam). Neutri assentior. 
Aliquante enim pulchrius ex ou buvQTÖv mente repetas noto usu 
contrarium buvaröv, unde pendeat infinitivus, quod non impedire 
videtur brevissima parenthesis KEVefiv — t^Xoc. ^Hominem de- 
fnnctum ex inferis revocare nequeo, sed gloriam eins oelebrare pos- 
sum.' Prorsus vero spemenda est turpis Mezgeri pro sanissimo voca- 
bulo coniectura äTTCp^ccai, quod ne Graecum quidem vocabulum 
est. Sed mendosum est Xaßpöv, pro quo acutissime Bergk coniecit 
ßdOpov. Cf. Ol. Xni 8. Ipse ex librorum Äc scriptura XaOpov 
conieci Xcupöv, largum, magnum, conspicuum, ut est irerpa 
Xeupd apud Eur. Bacch. 982 et Lycophr. 159. 

Nem. IX 23 1c)iiivoO b* ^tt' dx^aici tXukuv vöcTOV^puccd- 
|üi€VOi. Codd. dpeicdfievoi vel dpucdfuievoi. Beliquis coniecturis 
accedat haec mea dpuKÖfievot, impediti a reditu, ut lpuK€c8ai 
frequenter ab Homere dicuntur qui alicubi inviti detinentur et morantur. 

Ys. 28 optime Mezger reponi iussit q)OivtKOCTÖXuiv (pro OotviKO- 
CTÖXuJv), i. e. atfütaTO^VTiuv, sed mendosum videtur dvaßdXXo^ai, 



Pindarica. 29 

qnocl poeta de re, in qna nullas ipse partes agebat, dicere non potnit. 
littereTidetardväßaXX^ ^oi ant dvaßdXXeo autävaßaXX^|i€V, 
icBgendmn eum Kpoviuiv. Precatur poeta lovem ut ea oertamina, in 
qaibus agatur de yita et nece, differat in tempus remotissimum, i. e. 
at quam diatissime pacem servet: el birvaröv, Kpoviiuv, ireTpav — 
6avaTou ir^pi xai Zijiac dvaßaXX^jiev die iröpcicTa, jioTpav b' 
cuvo^ov alr^uü c€ iraiciv bapöv AiTvaiujv öirdZetv. 

Vs. 37 naOpoi bk B0YA6YCAI q)6vou Trapnobiou V€q>^Xav 
rp^qiai itotI buc^ev^uiv dvbpOüV crixac x^pci Kai qiuxqi buvarol 
Peodere yidetnr eruditis ßouXeöcat a buvOTOt, qnod quam absonum 
dt nemo momtns non videt, qnia quam recte dicitur buvaTol Tp^ipat, 
tim perverse buvaTol ßouXeCcai Tp^i[iai. Procul dubio in mendo 
cobat ßouXeöcai, sed hoc unum perspicio latere aliquod aut ad- 
iecÜTomant partidpium iungendumcum veq>^Xav; incertissimae enim 
sunt quae Bnceurrunt coniecturae: traCpoi b' £q)op^u)cav vel 
iraCpoi bi irou Xaßpav 96VOU xri, vel iraOpot bi toi XuTpdv 
— Tp^i|fai — biivaioi. 

Nem. X 13 ö b' öXßifi q>^pTaT0C Yk€t' ic KCtvou t^vedv, 
iit€\ iv xoXk^oic öitXoic TiiXeßöac fvapcv tiJ> b' öniiv dFeiböimcvoc 
deav&Tuiv ßaciXeuc aöXdv dcf^XOev, ktI Coniecit Eayser ö b' dXßoc 
f^pTOTOC ktL Nescio an praestet 6 b' dXßuiv q)^pTaT0C 
^ V8.18 ßaivouc* icii De industria ita scripsit Pindarus, non 
BaxoCc', qnia in Heraeo Argivo iuxta lunonem sedentem stabat 
InTcntae Signum, opus Nausicydis. Yid. Pausan. 11 17, 5. 

Ys. 33 öcTic d^iXXarat Trepl IcxdTUiv d^OXu)v Kopucpaic. 
Xon placet numerus pluralis, quia non agitur de summis praemiis, 
sed de summo praemio, L e. pahna Olympica. Legendum igitur 
Kopu9ac, quod schol. fortasse legisse aitBergkius et iam Schmidium 
Video commendasse. 

Tg. 50 od Oaufioi ccpiciv ^tT^v^c i\i\x€V deOXtiTaic dTaOoTciv. 
Verbum {^^€V semel positum bis cogitandum esse putant interpretes, 
qnod vereor ut sana grammatica permittat. Pindarus scripsisse mihi 
videtnr: oä 6au^' €i cq)(civ ixx^vic (sc. dcTiv), ?fifi€V d£6XT)TaTc 
^oBoiav. In praegressis utique cum Bergkio legendum E^via irpöc 
pro {cviov iTop*. 

Ys. 58 obiter repooe veram formam d^iri^irXdvTcc pro d^1n- 
ffXdvrcc 

Ys. 71 4n* *lb<jt iTupq)öpov trXfiHc i|ioXÖ€VTa Kcpauvöv. Usur- 
pin flolet irXyprTCiv cum accusativo eins qui (quod) fefitur, non eins 
quod iacitor,quapropter legendum suspicor cxfiipe, quod est proprium 
de mittendo telo, imprimis de fulmine. 

Ys. 90 dvd b' {XuC€V ^iv 6980X^0 v ktL *SciL lupiter, qui 
fiolttt boc poteratb' Dissen, qui procul dubio fallitur. Subiectum 
i<iem esse debet quod in praegresso sententia est yerbi 0^TO, itaque 
Pebps, qui optione sua fratri oculos resolvit, ope tamen levis, ut 
^tro apparet. 



30 H. van Herwerden: 

Nem.XI6 TToXXd ^itv Xoißaictv dTaZ^^MCVOi TtpoiTov ecfiv. 
Antiquo sermoni, in quo hoc est, ni fallor, nnicnm exemplum formae 
&X&lecQa\ pro ät^^cOai, magis fortaase conveniret: Xotßaic dYOt- 
iraZöjievot. 

Vs. 27 7T€VTA€Trip{b* ^opTÄv: Pindaro reddas tr€VT€FeTTipib* 
et sie corrige fragm. 193 (ed. IVta «= 205 ed. HI). 

Isthmion. I 1. Mätep i\i&^ tö reöv, xP^cacm Öi'ißa, 7^päT^a 
Kai dcxoXtac ÖTT^prepov G/jcc^au juiti iioi Kpavad V€|i€cdcai AäXoc, 
i.v ^ K^X^M^i* Frustra Härtung et Bergk, quorum hie tarnen re- 
tractavit sententiam, pro Kdxujiiai coniecerunt T^raiiiat. Qui toti dediti 
sunt alicui rei, dicuntur K6xOc6ai eTc Ti vel iTpöc Ti, non ?v Tivi, 
quapropter Buspicor Pindarum Boeotice scripsisse dv &V k^x^M^^- 
Ex plurimis exemplis vid. fr. 53 init. Cf. a^n. ad Pyth. IV 127 et 
ad Pyth. VIII 69. 

Ys. 60 corrige qpdpgai pro qppdSai. 

Isthm. ni 30 dTpu)Toi f^ fidv iraibec Geoiv. Härtung con- 
iecit Tdp ou. Dissen tuetur vulgatam, periphrastice sie ipsos deos 
vocatoB esse existimans. Cui. interpretationi praeter ipsius poetae 
usum (Nem. IX 27) hoc obstat, quod ita certe addendum fuerat 
ILiövot aut oToi. 

Isthm. IV 35 TcT€ fidv Aiavroc dXxdv q)oiviov, rdv dx^xq. ^ 
vukt\ TAMQN Ttepi & q)acTdvip, ^0fiq)dv Ix^x Tiaibecciv "GXXdvujv, 
öcoi Tpiibavb' fßöv, dXX* "Ö^ripöc toi TeTi|iaK€V kt^. Haereo equi- 
dem in verbis ra^uiv Tiepl 4» q)acTdv4J, non Mezger, qui yertens sie 
(tqv dXKdv) einbohrend [hoc videlicet est TajLiuivI] ringsum sein 
Schwerdt, addit: Der Ausdruck ist von malerischer An- 
schaulichkeit! Mihi, ut leniter dicam, perabsurda videtur. Nisi 
egregie fallor, poetae Thebani manus haec fuit: rdv, 6ijiiqi iv vukti 
TT6TQN (ttctiüv = necuiv) trepi Fä q)acTdvuj, |üio|iq)dv ix^x irai- 
becciv 'GXXdviüV kt^. Noto usu qui suo se gladio confodit Graece 
dicitur TrcpiTTiTTTeiv tuj Ixtpex, TajLiiJüV glossema esse potest, quomodo 
apud Aeschylum in Eumenidibus vs. 592 Hiq)0uXKi£i x^ip^ npöc bipr\)f 
T€^u)V olim, probante Dindorfio, genuinam lectionem ßaXübv eodem 
glossemate obHtteratam esse ostendi. 

Vs. 47 ^fiTiv b' dXuuTTTiS, aleToO b' St' dvairiTvaii^va ^öjißov 
Xcxex. Bene locum interpretatur vetus scholiasta: vrcria TOic irociv 
dfJiuv€Tai Td likv euXaßou^dvr) (sibi cavens) Td b' dfiuccouca. 
Sic enim scripsit, non quod sine sensu editur cuXXaßofi^VY]. 

Isthm. V 38 i\a vijv ^oi TieböGev, seil, ib Moica. Reote 
haec interpretari videtur Dissen, nee probanda Schmidtii coniectura 
CTTiböOcv, i. e. ^aKpöOev. Si quid mutandum foret; melius intellege- 
rem cxeböOev. 

Isthm. VI 15 6ÖX€Tai — b^SacOai, precatur ut consequatur. 
Cf. Boeckh. ad h. 1. Moneo propter Mezgerum male vertentem: 
gloriatur se expectare. Vide sqq. 



Pindarica. 31 

V& 58 TÖv 'Aptefujv Tpöirov €ipf|C€Tai näv iv ßpaxicrotc. In 
fragmento Sophocleo quod affert scholiasta: 

MuOoc yäp 'ApToXicrl cuvr^juivciv [ßpayüc] 

alümam Tocem glossema esse suspicor, Sophoclem autem scripsisse: 

fifiOoc (^uöouc?) ydp *ApToXicTl aivT^jiveiv <(piX€T>. 



Fragment. 101 (Bergk. ed. IVta) de Apolline: irepibivaOeic 
^in^i TQV Kai OdXaccav kqi CKomaTciv ^ex^Xaic öp^uiv önep IcTa, 
mi^uxouc bivdccaTO ßoXXö^evoc KpiiTTiöac dXc^uJV. Peringeniosa 
Bergkii coniectnra est tvdcaro, aSerentis glossam Hesychianam 
ly&caTO* — dKdOapcv, sed etiam lenius, m/luita virgula post &Ta 
inpimctom vel in hypostigmen, corrigas: Kai ^uxoüc b' ivdcaTO ktL 

Fiagm. 123 (=> 100 ed. m) ys. 6 f| T^vaiKCiav Opdcei qiuxdv 
(popciTai iräcav öböv OcpaTreüuüV. Perperam Dissen: omnem yiam 
aeqnens, pro träcav f|bovf|V BcpaTieüuiv. Tu iunge: i|iuxdv qpopei- 
Tm Tiäcav öböv, OepaTreüuJV (TuvaiKac), quod substantivum more 
Giaecis perquam fiunüiari eliciendnin e praegresso tuvaiKEiip 6pdc6t. 
Pezperam me iudice Bergk (ed. IVta) pro YwaiKcitp reposuit juvai- 
ttiav, interpretans \|iuxdv T^vaiKetav 6€pa7T€uu)V (popeiTai Träcav 
ööov. Est antem i|iuxdv pro ipuxpdv optima Schneiden correctio. 

Fragm. 159 (136 ed. III) 'Avbpujv biKaiuJV xpovoc cu)Tf|p 
opiaoc Ezpectayeram potius: dvbpdiv bmaiuiv xpovoc TVU)CTf|p 
opiaoc, qnae tritissima est apud veteres sententia. Cf. Pind. Ol. 
I 33. X 65. Simonid. fr. 175. Theogn. 967 sqq. Soph. 0. B. 614 sq. 
fioiipid. ffipp. 1051 sq. (cf. 428 sq.), idem apud Stob. Ecl. Phys. I 
p. 122. Plat. Sjmp. p. 184A, Xen. Hell. III 3, 2. Dionysius Hali- 
carn. de orat. ant. cap. II, ubi haec Pindari verba servayit, sie scribit : 
^d tdp ov ^övov dvbpujv biKaiuJV xP<^voc cu)Tf)p dpiCToc Kard 

TTivbopov, dXXd Kai tcxvuüv "EbeiHc b* 6 KaG* fjMac xpdvoc 

Kol d7T^bujK€ T^l fifev dpxaiqi Kai cuicppovi ^riTopiKig -rfiv bi- 

Koiav TifiT)V, i^v Kai rrpöiepov clxc, KaXöc dTioXaßeTv ktI Quae 
ontio non ita comparata est, ut liquide constet, utrum Dionysius 
Qvrfjpa sospitatorem legerit, an YVU)CTf]pa, aestimatorem, 
te&tem. Nimirum agitur ibi de scriptis yeteribus non deperditis, 
aed, postquam prayo hominum iudicio diu neglecta iacuerant, novo 
iumore ipsins aetate florescentibus. Fieri tamen potest ut cuiTrjp 
K^dtandum non sit, yolueritque bis verbis Pindarus significare iu- 
storum bominum (propter laudes quibus utt' doibuiv XoYiuJV T6 
celebnntor) numquam interire memoriam. 

Fragm. 189. Pro iravbajiiei legatur Travbajii. Cf. Lapid. testi- 
non. d. d. A., p. 82. 

Fiagm. 207 (191 ed. m) Taprdpou 7^ie^f|v miUx c* d<t>av^oc 

OMW|XdToic dvdxKaic. Offendit bumile vocabulum in magni- 

^ÜMuna oratione. An fuit dXav^oc? 



32 H. yan Herwerden: Pindarica. 

Fragm. 223 xal q)^povTa( ttu)c inö bouXeiov Tuxav (libri 
TYXHN) I alxM<iXu)Toi, Kai xp^c^uiv ßcX^iuv iyrrX xpauiiaTlai. Ele- 
gantdüs foret imö bouXeiov Zutöv, quod poetamm usu tritum est 
et fortasse reddendam Pindaro. Sic demum apta est praepositio öttö. 



Scribebam Traiecti ad Rhenum m. lanuario a. 1881. 



ZUR EEITIK TON CICEROS REDE 
FÜR DEN P. 8ESTIU8. 



VON 



MARTIN HEBTZ. 



athiK £ «iMi. Pbilol. BappL Bd. XIH. 



An Alfred Fleokeisen 

sum 19. Oktober 1881. 

Treue Pathen pflegen sieb bei ibren Patbenkindero , so lange 
ea Omen vergönnt ist, sie auf ibrem Lebenswege zu begleiten, an 
bedeatsamen Merk- und Festtagen glückwünscbend und Angebinde 
spendend einzufinden. So, tbeurer Freund, komme icb beute zu Dir, 
Dein Pathe zwar nicbt in geistlicbem, docb aber in gewisser Weise 
in geistigem Sinne. Denn die Oreifswalder pbilosopbiscbe Facultftt, 
der ich damals angebörte, bat Dir bei der Feier ibres vierbundert- 
jilmgen Jubiläums am 19. October 1856 ibre böcbsten Würden 
honoris causa verlieben. Einstimmig war der feierlicbe Act be- 
•ehlossen worden: da icb aber, wenn aucb nacb vorberigem Einver- 
lehmen mit meinem, nun zur langersebnten Bube eingegangenen 
Amtsgenossen Scbömann, in dem wir gemeinsam einen bervorragen- 
den Meister unserer Wissenscbaft verebren, und unter seiner leb- 
haften und freudigen Mitbetbeiligung, als nomineller Antragsteller 
dibei fungirte, so darf icb wobl obne Anmaszung bebaupten, Dieb 
anter dieser stattlicben Scbaar von Mitgevattem recbt eigentlicb 
aas der Taufe gehoben zu baben. und so komme icb denn beute^ 
mich von Herzen freuend, dass aucb diesen Deinen Ebrentag bei 
Beiner fOnfundzwanzigsten Wiederkebr mit Dir zu erleben mir ver- 
gönnt ist, als guter Patbe zu Dir und finde um Dieb, wie den 
10. Mai 1863 (um mit einer leicbten Veränderung einer Dir nicbt 
anbekannten Stelle micb in aller Bescbeidenbeit selbst zu citiren) 
am unseren nun aucb längst entscblafenen trefiflicben Fritz Haase 
am gleichen fesÜicben Tage, die amici, coUegae, discipuli una cum 
manBinma coniuge lepidisque illis Septem puellis tuis et gratulantes 
tili et gratias agentes, — nam, so darf icb aucb mit vollem Becbte 
bei Dir hinzusetzen, in omnes fere nos sive beneficia contuleras sive 
amoris amicitiaeve fideli constantia nos tibi devinxeras. Während 
ich jenem aber nur die Widmung des noch ungedruckten letzten 
Bandes meines Livius anbieten konnte, trete ich vor Dich wie einst 
nenn Jahre früher an demselben Fest- und Ehrentage (11. Juli 1854) 
Tor unseren Friedrich Bitschi mit einem wenigstens bereits ge- 
dniekten, freilich auch ebensowenig umfangreichen und ebenso an- 
ipmchslosen Heftchen. Hatte ich mir aber damals^) ein Thema 

') SelbetverstAndlicb ohne ihn davon in Eenntniss sn setcen. Das« 
er neiBer langmütbigen Feder die kunstgerechte Widerlegung Qepperts 
'fiberlusen' habe, ist ein leicht zu miadeutender AnsdracR in dem mit 
aeuierhaller Kunst gezeichneten Lebenabilde, das wir seinem nächst- 
Mwaden Jfinger veraaaken. 

8» 



36 Martin Hertz: 

gewählt, in dem ich ihm als treuer Bekenner und Verfechter einer 
der vielen glänzenden Entdeckungen, die wir seinem Scharfsinn ver- 
danken, gegenüber ti*eten wollte, so bringe ich nach dem hochge- 
feierten Meister, der Dich wie wenige geliebt, mich durch mehr als 
drei Jahrzehnte mit niemals unterbrochener freundschaftlicher Theil- 
nähme beglückt hat, und dem mir längst nahestehenden, damals seit 
Kurzem auch durch nächste Amtsgenossenschaft verbundenen älteren 
Freunde, Dir, dem nunmehr auch seit einem vollen Menschenalter 
in fester Treue erprobten jüngeren gleichstrebenden Genossen als 
dem dritten silbernen Jubeldoctor eine bescheidene Gabe dar, deren 
Keime noch jenseit des festlichen Tages Deiner Promotion, in gewissem 
Sinne noch jenseit unserer ersten Bekanntschaft liegen. Denn schon 
längst hatte ich, zunächst im Anschlüsse an die treffliche Ausgabe 
unseres Halm vom Jahre 1845, mich eingehend mit Ciceros Bede 
für Sestius beschäftigt, als ich mich entschloss sie (im Winter 1852) 
auch öffentlich zu erklären, was seitdem noch einmal in Berlin, zwei- 
mal in Greifswald geschehen ist, in diesem Semester sich zum vierten- 
male hier wiederholt Durch die genauere Kenntniss der werthvoUsteu 
Handschrift, durch die dadurch erreichte richtige Beurtheilung der 
gesammten Überlieferung ist die Kritik und damit auch die all- 
seitige Erklärung dieser Bede inzwischen wesentlich geftSrdert wor- 
den und ich habe davon wesentlichen Nutzen ziehen können, nicht 
minder von den mannigfachen Studienresultaten der Fachgenossen, 
die sich gerade dieser, freilich an und für sich wie in kritischer Be- 
ziehung in gleich hohem Masze interessanten Bede in fast zu reich- 
licher Weise zugewendet haben. So ist nicht selten gut bezeugtes 
und un verderbtes durch Änderung oder durch Verbannung ange- 
tastet, ebenso häufig sind einleuchtende Besserungen fehlerhaft über- 
lieferter Stellen durch nachfolgende schwächere Versuche in den 
Hintergrund gedrängt worden. Beides wird uns im Laufe dieser 
Erörterung begegnen; dass meine eigenen Vermuthungen weder ge- 
sunden noch sicher geheilten Stellen überflüssige oder schädliche 
Heilmittel aufzwängen, dass wenigstens nach der iiegativen Seite hin 
die Kritik der Bede einige Förderung erfahren wird, denke ich behaupten 
zu dürfen, dass die positiven Ergebnisse nicht sämmtlich in gleichem 
Grade überzeugend sind, weisz ich selbst. Sehr erfreut würde ich 
sein, wenn wenigstens einige derselben Deinen und gleich sachkun- 
diger Bichter Beifall fänden und wenn Dir diese Blattei: nicht nur als ein 
wohlgemeintes Liebeszeichen erschienen, sondern auch als eine Probe 
gesunder Kritik, der wir beide nachstreben, einer Kritik, die auf 
rechtem Pfade dem Bechten nachgeht, wenn sie es auch nicht immer 
erreicht. Wenn ich mich dabei in diesem Falle vornehmlich mit 
unserem verehrten Freunde Halm auseinanderzusetzen haben werde, 
mit dem, wenn ich mich auch nicht rühmen darf, dass er mir so 
nahe stehe wie Dir, doch seit den schönen Tagen der Darmstädter 
Philologenversammlung ein kaum je gelockertes Band treuer und 



Zur Kritik von Cioeros Bede für den P. Sestos. 37 

aafiiehtiger Ergebenheit bei dankbarer Anerkennung der vielen unserer 
Wissenschaft von ihm geleisteten Dienste mich verbindet, so hoflfe 
ich, wenn es mir auch nicht gelingen sollte, ihn zu überzeugen, dass 
er meinen Widerspruch nicht nur unbefangen und ohne Empfindlich- 
keit, was sich von sdbßt versteht, sondern auch als einen Beweis 
jener vertrauensvollen Gesinnung aufnehmen wird, die mit dem 
Freunde im alleinigen Streben nach Wahrheit sich eins und durch 
disselbe sich mit ihm verbunden weisz. 



Dass Halms Bearbeitung mit lateinischem Commentar von 1845, 
Tol I pars n der leider nicht zu Ende geführten Gesammtausgabe 
der dceronischen Beden, für die Sestiana nicht minder einen an selbst- 
sttndig gewonnenen Besultaten reichen Abschluss der bisherigen 
Behandlung gewährte als den Ausgangspunkt für die weiteren dieser 
Bede zugewandten Studien bilden musste, ist allgemein anerkannt. 
Fflr diese kam es namentlich und zunächst darauf an, eine sichere 
Gnmdlage ftlr die Becension und Emendation des Textes zu gewinnen. 
Kur sehr unvollkommen war die grundlegende pariser Handschrift 
(N. 7794, umfassend die Beden p. red. in s6n. und ad pop., de domo, 
de har. resp., p. Sest., in Yai, p. Cael., p. Balbo, de prov. cons., Vie 
es scheint aus der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts': Halm 
Rh. Mus. 9, 322, s) durch eine von Madvig (opusc. acad. S. 524 ff.) 
veröffentlichte CoUation Erarups bekannt (s. Halm a. a. O.S. 323 ff.; 
Gc. ed. OrelL alt. H 2 S. 928 A.): Halm selbst war es, der auch 
dieses Hauptrüstzeug durch eine erneute Vergleichung erst in sein 
ToUes Recht einsetzte und die vollständige Abhängigkeit des durch 
Orellis Ausgabe der Beden p. Caeliound p. Sestio von 1832 S. 223 ff. 
nebst einer jüngeren Bemer Hs« (254 s. XV) bekannt gewordenen 
Bemensis 136') von dem Parisinus (P) darthat'), so dass jener, der 
bis dahin nach der unvollständigen Kunde von P einen hohen Bang 
in der Werthschätzung behauptete^ von K. F. Hermann selbst jenem 
Torgeiogen worden war, völlig bei Seite gedrängt wurde. Die Er- 
gebnisse dieser Vergleichung wurden von Halm zuerst in der ersten 
Ausgabe der Bede mit deutscher Erklärung in der weidmannschen 
Sumnlung (1853) verwerthet und in einer in der Vorrede jener 
Ausgabe vom Juli d. J. bereits als vollendet angezeigten Abhand- 
lung an der oben bezeichneten Stelle (1854) S. 321 ff. eingehend 
gewürdigt. An den hier entwickelten Anschauungen hat Halm seit- 
dem sowohl in der zweiten Orellischen Textausgabe (IE 2 S. 928 ff.)) 
in der er die Abweichungen des imter den Vertretern der zweiten 
Klasse hervorragenden cod. Gemblacensis in Brüssel N. 5345 (G) 

*) 8. XI— XU nach Hagen catal. codd. Bern. 8. 188 entsprechend 
der Ton Halm mit Scharfblick als richtig erkannten Schätiung Usteris 
(i. Mu. a. a. 0. 322, i), während er früher dem 10. Jahrhundert znge- 
^wea worden war. — *) a. a. 0. S. 822, s; Jahrbb. f. Phil 71, 117 
A.*); Cic. ed. Orell. alt praef. 8. If.; X. 



38 Martin Herts: 

hinzofügte, als in den weiteren weidmannsohen Ausgaben (1856; 
1862; 1873; 1880), wenn auch mit mancher Abweichung in der Be- 
handlang einzelner Stellen, doch principiell mit voller Consequenz 
festgehalten und die neuere Kritik ist ihm, so viel ich sehe, fast aus» 
nahmslos darin gefolgt.^) 

Dass die Lesarten des Parisinus von erster Hand die Grund- 
lage fOr die Becension abgeben müssen, darüber kann keine Mei- 
nungsverschiedenheit herrschen; controvers bleibt nur der Werth der 
an lückenhaften Stellen von zweiter und dritter Hand didser und in 
anderen Handschriften gegebenen Ergänzungen. Halm sagt darüber, 
indem er kurz den Inhalt jener Abhandlung zusammen&sst, in der 
von ihm und Baiter gezeichneten, an dieser Stelle aber sicher von 
ihm herrührenden Vorrede zur zweiten Orellischen Ausgabe S. X: 
*Qui intellexerit, quotiens in hoc codice levia vitia in siagulis verbis 
commissa prave a librariis posterioribus correcta sint, qui illud 
reputaverit, ex omnibus reliquis libris, quibus eaedem orationes con- 
tinentnr, nihil fere subsidii ad scripturam emendandam peti posse, 
is hoc saltem concedet, de illis locis lacunosis, qui in libris Parisino 
deterioribus expleti sunt, admodum caute iudicandum esse, ne medio 
quod vocant aevo confecta pro Tullianis venditentur'. Auch damit 
wird man sich einverstanden erklären: die Di£ferenz besteht nur in 
dem Grade des Mistrauens, mit dem man an die Ergänzungen dieser 
Lücken herantritt, nicht nach subjecüver Wohlmeinnng oder Abnei- 
gung, sondern nach bestimmten Thatsachen gemessen. 

Da ist denn zunächst im Allgemeinen hervorzuheben, dass eine 
Erscheinung, wie die hier beobachtete, auch mehrfach bei anderen 
Schriftstellern hervortritt und dass hier nicht selten die in Bezug 
auf die Gesammtrecension des Textes nachstehenden Hss. in solchen 
Ergänzungen mit den ältesten Documenten übereinstimmen, während 
sie in einer mittleren Schicht verschwinden, oder dass diese Ausfül- 
lungen durch Citate oder Nachahmungen sich als ursprünglich erweisen. 
Das gilt sowohl von der Ausfüllung längerer Lücken als von den 
EinSchiebungen meist eines oder weniger kürzerer Wörter, wie sie 
z. B. im Parisinus A wie im Clarkianus des Plato und den ihnen 
zunäqhststehenden Hss. sich vielfiEUsh ausgelassen und nach allge- 
meiner Anerkenntniss in geringeren Hss. richtig dargeboten finden. 
Jene Lücken aber beruhen häufig auf Homoeoteleutie oder ähn- 
lichen äuszeren Veranlassungen, und es ist daher um so erklärlicher, 
wie der Abschreiber eines archetypus für eine, auch fOr die beste 

*) Aüch Wrampelmeyer in seiner Göttinger Dissertation librorum 
msB. qui Cic. oratt. p. Sest. et p. Cael. continent ratio qualis sit demon- 
stratur (Detmoldiae 1868) zeig^ sich in dieser Beziehung völlig von H. 
abhänng. [Erst bei der Correctur kann ich desselben Prognunm des 
Btftdt. Lyceums II zu Hannover aus dem Jahre 1878 einsehen, das die 
Vergleiohtmg einer Helmstädter Hb. (W) zu mehreren Beden, zur Sestiana 
auf S. XXEffil, enthält. Da sie selbstständige Bedeutung nicht besitst, 
habe ich sie nur selten nachträglich erwähnt] 



Zar Kritik von Ciceros Rede für den P. SestioB. 39 

HaodsehriftenklasBe sie aoBlaseen k(»mte, der archetypus einer an- 
deren, sonst nachlässiger geschriebenen Gopie sie enthielt, wobei man 
dock schwerlich an lege artis dieser kritischen Observation gemfisz 
metbodisch gemachte Erg&nxongen mönchischer Scribenten denken 
wird. Sind die so erklärbaren Ansflillnngen von Lttcken in jener 
echt, so wird auch für andere das gleiche von vom herein wahr- 
idieinüeh sein. Wie spät in dergleichen das wahre Sachverhältniss 
tsftafinden ist, zeigt nichts deutlicher als die neueren auf die 
liriaiiiBche Textgeschichte bezüglichen üntersuchtmgen , in denen 
gerade eine hochbedeutende Halmsche Entdeckung eine durch- 
sddagende Wirkung geübt hat. Dadurch wird man denn auch für 
anderweiie Ergänzongen desselben Ursprungs sich zur Vorsicht bei 
der Be- und Verurtheilung derselben angefordert finden. 

. Im Parisinus der ciceronischen Reden nun treten uns eine Beihe 
der besprochenen Erscheinungen entgegen, die auf unser ürtheil be- 
ttimmend einwirken müssen: in der Gaeliana § 38 finden sich wenig- 
stens die letzten Worte der Ei^gänzung auf einem Blattan&ng des 
Toriaer Palimpsests und Halm selbst scheint von seiner a. a. 0. 
S. S31 aufgestellten Meinung, dass trotzdem der erste Theil der» 
leHMa, den er in mehrfacher Beziehung bemängelt, möglicherweise 
fM dun eigenen Ingenium des Ergänzers hervorgegangen sei und 
dies man daher in einer künftigen kritischen Ausgabe die Ergänzung 
nidit ganz ausscheiden dürfe, aber aus Vorsicht die in dem Palim- 
paest nicht eriialtenen Worte bis *at fuit foma' in Cursivschrift drucken 
liioen werde, bald zurückgekommen zu sein, indem er sie zwei 
Jshre später in seiner kritischen Ausgabe durch einen unterschied 
dtt Behzift nicht hervorhob. 

Von anderer Hand ist in derselben Bede § 72 nach den Worten 
^qood Sit a lege seiunctum' über der Zeile hinzugefügt *et cum vestra 
teferitate eoniunctum'. Hier sagt Halm selbst (a. a. 0. S. 334) *dass 
dff durch den gleichen Ausgang (seiunctnm und coniunctum) ent- 
siaadeae Ausfall aus einer Handschrift ergänzt ist, zeigt der Ambro- 
lianiache Palimpseet, der die Worte (mit Ausnahme der copula) 
richtig erhalten hat'. 

Siae noch ältere Autorität lässt sich für die Ergänzung einer 
gieieh&lls aus Homoeoteleutie entstandenen Auslassung in der Se- 
rtiaiia § 58 anführen, Valerius Mazimus: auch diese hat Halm nicht S 68* 
Absaweisen vermocht: wenn er aber dabei im Anschlüsse an 
eil« Ausdruck des Valerius M. eine Änderung des mittleren der 
drei durch die jüngere Hand (p) überlieferten Worte vorschlägt, so 
werden wir dasselbe unten an seinem Orte vertheidigen. 

An vier anderen Stellen der Sestiana nimmt Halm (S. 336 f.) 
Mlbst die Ergänzungen in Schutz; überall beruht die Auslassung 
auf Homoeoteleutie. 

§ 48 zunächst sind es wenige Worte *alii partim adipiscendae § 48. 
[Uadis, partim vitandae]', an der folgenden Stelle § 93 ist es ein § 93. 



40 Martin Herts: 

Iftngerer Sats, indem der Schreiber von einem *reip.' auf ein zweites 
abirrte: *wiewohl man die zweiBelatiysfttze *qai — deserviat' und ^qui — 
qnaerat' entbehren könnte, so scheint doch kein Grund vorhanden 
die Ächtheit dieses Zusatzes anzutasten, zumal als die Schrift viel 
älter und verschieden von deijenigen ist, von welcher die erweislich 
unächten Zus&tze dieser Bede herrOhren' bemerkt hier Halm^); aber 
bei jener anderen Stelle, die er doch auch für ficht hält, bemerkt er 
dergleichen hier nicht, in der krii Ausgabe dagegen sagt er ausdrück- 
lich: *laudis partim vitandae in P sup. lin. m. 2 recentiore suppleta 
Bimt', so dass er auch jenes Kriterium nicht als allgemein gültig 
hinstellen kann.^) 

Dasselbe Verhältniss findet in Bezug auf die beiden übrigen 
Stellen dieser Kategorie statt 

i 116. Auch § 116, wo P schreibt *£x te igitur, Scaure, potissimum 

quaero qui ludos apparatissimosque fedsti', p über der Linie *magni- 
ficentissimos' bietet, erklärt sich der Ausfall auf gleiche Weise und 
Halm hat in seinem Texte der sonstigen Überlieferung entsprechend 
*ludos apparatissimos magnificentissimosque' aufgenommen, während 
er es a. a. 0. S. 339 wahrscheinlicher nannte, dass der fehlende 
Superlativ nach *ludos' gehöre. Jedenfalls aber hat er auch hier, 
auf die offenbare Hinweisung in P gestützt, den Zusatz angenonmien 
und zwar, mit sehr richtiger Schätzung jener Hinweisung, trotzdem 
das Lemma des vaticanischen Scholiasten, der mehrÜEU^h das für seine 
Erklärung unwesentliche in seinen Anführungen übergeht, nur ^qui 
ludos apparatissimos fecisti' darbietet. Auch hier heiszt es in der 
krii Anmerkung der ed. Orell. alt. *sup. lin. est a m. 2 recentiore 

§ 118. magnificentissimos'; § 118 in dem Satze *Et quoniam fMta mentio est 
ludorum, ne iUud quidem praetermittam, in magna varietate sententia- 
rum nullum umquam fiiisse locum, in quo aliquid a poeta dictum cadere 
in tempus nostrum videretur, quod aut populum Universum fugeret 
aut non ezprimeret ipse actor' sind dagegen die von P ausgelassenen 
Worte *aut non ezprimeret', die auch in G und der sonstigen Ober- 
lieferung sich finden, *sup. lin. m. 2, sed vetere' nachgetragen. 
I e. Derselben Beurtheilung aber unterliegt es auch, wenn § 6 in 

dem Satze Muobus his gravissimae (?) antiquitatis viris ^ sie probatus 

^) Ähnlich in der Amn. der krii Ausg. *qnae intercidenmt extra 
colnmnam manu secunda, sed admodum vetere, suppleta sunt. Librarius 
qoi haec verba addidit diversDs ridetor ab üs, a qnibus reliqua supple- 
menta in codice profecta sunt'. — ') Auch in der Caeliana rühren die 
erwähnten Ergänzungen von verschiedenen Händen her (s. H. B. 880 und 
884 und seine adn. crit zu $§84; 85; 88; 78). Dass daneben eine späte 
italienische Interpolation grassirt, darauf macht H. selbst aufmerksam zur 
Caeliana § 84 a. a. 0. S. 828 and in den krit. Anmerkungen zu §84 und 86, und 
wir werden solchenADdemngenjünffster Hand auch in der Sestiana begegnen. 
~ ^ Den früher zu diesen vvoiten versuchten HeilungsTersuchen tritt 
neuerdings der ebenso radikale als wenig überzeugend begründete von 
C. Hammer in den Bl. f. d. bayr. Gymnasialw. 1881, 887 *his antiquis 
viris' hinzu. 



Zur Exitik yon Ciceros Bede för den P. SestiuB. 41 

fiiit, tti ntrique eorom et caruB maxiine et incundus esset', die beiden, 
daxdi Hi^lographie vor ^ntriqne' in P ausgefallenen, für die Herstel- 
hiBg des Sinnes unentbehrlichen Anfangsbuchstaben dieses Wortes, 
diein G mm richtigen Orte nicht fehlen, von p zwar mit einiger Sorglosig- 
keit nicht vGllig am rechten Orte nach ^eorom', aber doch (natürlich 
laeh nach Halms ürtheil a. a. 0. 335) richtig nachgetragen sind.'') 
Hierher können femer einige von Halm seiner Absicht, diekleine- 
ra Znafttse zu übergehen (S. 350), gemSsz (wie auch schon § 54) nicht 
mü aufgeführte Stellen gezogen werden. Zunächst § 77, nicht zwar § 77. 
wegeD des vorher in allen Hss. ausgelassenen (in p also auch nicht, ob- 
wohl ein solcher Ausfiül sehr deutlich angezeigt erscheint, willkürlich 



*) So wild man, obwohl eine sichere Entscheidung darüber schwer 
n geben ist, es schon jetst auch Halm (a. a. 0. 8. 834) gegenüber fGr 
9tkr wohl mOglioh halten, dass in dem 're quidem vera' § 16 das letzte § 15. 
auch von Q dargebotene Wort allerdings kein nothwendiger, aber 
doch auch kein verdächtiger Zusatz von p sei, und dies Urtheil wird 
an Wahneheinlichkeit gewmnen, je mehr es gelingen sollte, im weiteren 
Yerianfe der Ihirstellung noch andere der Interpolation verdächtige 
SteUen mit einigem Erfolge vor diesem Verdachte zu retten. Auch 
SB einer von Hum übergangenen Stelle § 54 wird sich die Entschei- § 54. 
doBg auf dieselbe Seite neigen. Es ist hier zwischen den Worten 'Hac 
taota pertoibatione ciritatis ne *noctem quidem inter meum' und ^et 
mm pnedam' (wie sicher zu lesen s. die v. 1. bei Halm in den Ausgaben 
von 1M6 und von 1856) 'Interesse passi sunt' offenbar ein Wort aus- 
gefiülea. In einem Theile der codd. deti ist dasselbe durch 'discrimen' 
ei^^nit und in P nach Halms Angabe erst von einer Hand des 15. oder 
16w Jahrhmiderts ebenso nachgetragen. Diese zuerst von Naugerius anf- 
geBonunene, noch von Fr. Jacob PhiloL 8, 708 empfohlene Ergänzung 
viid von anderer Seite als willkürliches Einschiebsel angesehen. Unter 
aaderem hat man statt dessen das auch in Hss. bereits eingefügte 'casum' 
{▼gL s. B. § 68), 'ezitium' (vgl. § 47, wo es aus 'ezilium' richtig verbessert 
worden ist), 'interitnm' (v^l. § 44) vorgeschlagen. Einen abschliessenden 
Aosmnch wird man sich hier nach dem vorliegenden Thatbestande kaum 
eilaaben dürfen. Aber irgend ein zwingender Grund, diese, wenn aach 
ia P nnr von jüngster Hand, überlieferte Ergänzung als falsch anzusehen, 
icheint mir nicht vorhanden. Wenn Halm in der Ausgabe von 1845 
S. 178 dagegen anführt: ^res eins tum non in discrimine versabantur, 
aed iam prorsus alHietae atqne perditae erant', so ist doch zu bedenken, 
dam mar Zeit, als er diese Worte sprach, seine Verbannung längst auf- 
gehoben war, dass es sich also nicnt um völlige Vernichtung handelte, 
«ndem dass er jetzt sehr passend das Unglück, das ihn damals getroffen, 
sk ein kritisehee, gefahr- und entscheidunffsvolles Moment in seinem 
Leben darstellen konnte, was recht eigentlich durch 'discrimen' bezeichnet 
vird. Nnn ist mir zwar keine Stelle bekannt, in der er dies Wort mit 
oaem persünlicben Fürwort verbindet, aber sehr nahe daran grenzt es 
doch« wenn er in den Briefen Vü 28, 2 schreibt 'cum omnis respublica 
m meo ei^ite discximen esset habitura' und jene Verbindung selbst findet 
äehniehtnnrbeiTacitnsann.VI8; bist. 1 66; 81, sondern auch bei Quin- 
tihsB I. 0. VI 1« 47. Schliesslich aber erscheint auch paläographisch 

der AnsbU bei dieser Lesung mit dem Sprunge von M E V über DISCRIM E N 
kisweg als ein sehr leicht möglicher, so dass ich auch in diesem Falle 
tie Editheit der, obgleich in P von minder gewichtiger Hand dargebotenen 
wenigstens keineswegs für unmöglich halte. 



42 Martin Herts: 

ergänzten) Particips in den Worten *Nam ex pertinacia aut constantia 
intercessoris oritur saepe seditio culpa atque improbitate latoris com- 
modo aliquo imperitis aut largitione', wo statt des nach ^largitione' 
hinzugefügten ^proposito' Hahn vor *imperitiB' und an ihn sich anleh- 
nend Eayser palftographisch noch etwas einleuchtender vor ^latoris' 
^oblato' eingesetzt hat, sondern wegen des Sohlusssatzes, der inPso 
lautet: *nullo vero verbo facto, nulla contione adyocata, nulla lege 
condtata noctumam seditionem quis audiyit?', in p wieder nicht er- 
gänzt ist, während G (und sicherlich nicht anders in den Ton Gruter 
angezogenen Hss. s. Halms Anm. in ed. Or.*) statt ^condtata' ebenso 
Ittckenhaft ^recitata' bietet: auch hier ist mir unzweifelhafb, dass die 
alte Yulgata ^recitata concitatam' von der richtigen Schätzung aus- 
geht, während Halm, dem hier die Neueren wohl aus Scheu vor dem, 
meiner Meinung nach nicht unbeabsichtigten Gleichklang sänmitlich 
folgen, die von G und Genossen gebotene Ergänzung yerschmähend, 
^nulla lege lata* (oder später *lata lege') ^conoitatam' geschrieben hat. 
§ 103. An§ 103 ^Agrariam legem Ti. Gracchus ferebat; grata erat populo, 
fortunae constituitenuiorumvidebantur. Nitebantur contra optimates' 
etc. hat dagegen Niemand Anstosz genonmien: auch hier aber fehlt 
das von den Hss. dargebotene ^Nitebantur' in P aus dem oft beobach- 
§ 98. teten Grunde, während es von p nicht nachgetragen ist. Im § 98 
ist es die jüngste Becension, in P m. rec sup. lin. nebst der jungen 
München -Salzburger Hss., welche die unentbehrliche Negation ein- 
setzt, die in PG fehlt, indem beide Hss. darbieten: *Neque enim re- 
rum gerendarum dignitato homines efferri ita convenit, ut otio prospi- 
ciant, neque ullum amplexariotiumquodabhorret'(^abhorreat'P.corr. 
m. rec, was auch von Halm aufgenommen ist) *a dignitate'. 

Haben wir hier wohl überlegte Besserung der späteren Inter- 
polation anzuerkennen, so tritt das sonst beobachtete Verhältniss 
von P zu p wieder in den auch von dieser Hand nicht ausgeftülten 
§ 106 f. gemeinsamen Lücken § 106 f. hervor: hier ist es erst Lambin vor- 
behalten geblieben, den Worten *Quae contio fuit per hos annos, 
quae quidem esset non conducta, sed vera, in qua populi B. con- 
sensus perspioi non posset' die Negation einzufügen, und weder p 
noch G noch überhaupt, so viel bekannt, irgend eine Hs. hat weder 
unmittelbar vorher, noch unmittelbar nachher die vorhandenen Lücken 
ausgefällt. Denn eine solche scheint mir doch zunächst in den Wor- 
ten am Anfang von § 106 anzunehmen, die in der Yulgata so lauten : 
^Etenim tribus locis significari maxime populi Bomani iudicium ac 
voluntas potest, contione, comitiis, ludorum gladiatorumque consessu', 
sicher unrichtig gegenüber der Lesart von PG *de P. B. iudicium'. 
So hat denn auch Mommsen bei Eajser de rep. iudicium, Baiter 
ebenda Me rep. pop. B. iudicium' vermuthet; aber nicht um ein 
ürtheil über die politischen Verhältnisse im Allgemeinen handelt es 
sich, sondern um concreto Demonstrationen gegenüber den an diesen 
Verhältnissen betheiligten Persönlichkeiten, wie in der auch sonst 



Zur Kritik von Giceroi Bede für den P. Sestins. 43 

hier angelitUirten Stelle der Parallelrede in Vatin. § 10 *Duo sunt 
tempoora^ quibus nostrorum civiom spectentur indicia de noble: onum 
honoiiB, altemm salutis' nnd vielleicht ist auch hier Me nobis' oder 
^deÖTibus P. B. iudidam' za lesen; für den Ans&ll dieses oder jenes 
Wartee weiss ich freilich eine palkographische Begründung nicht zu 
geben, die einigermaszen einem *de principibns civitatis P. R' zu 
glatten kSme, wie § 107, auf welche Stelle wir noch zurückkommen 
werden 9 der Madvig'schen Ergänzung des Yerbums an der ihr von 
Weseaberg angewiesenen Stelle in dem Satze: Troductus est ab eo 
Cs. Pompeins, qui se non solum auctorem meae salutis, sed etiam 
sopplioam pzaebuit^) populo Bomano' (^populo B. praebuit' Madvig; 
'praebuit' om. PO, auch hier ohne Ergftnzongsversuch von p); viel- 
leicht beruht aber auch die Auslassung überhaupt nicht auf dieser 
freilich bftofigsten Entstehungsart von dergleichen Fehlem. Sicher 
aber ist sie wieder anzuerkennen § 130, wo die handschriftliche § 130. 
Überüefttrang *summa cum auctoritate P.Servili'(soP./Servilii'die 
aodereD) ^quadam gravitate dicendi' nicht von p, sondern nebst der 
Bothvei^igen Umstellung der beiden ersten Worte durch die Ein- 
CBgimg dee nach ^Servili' ausgelassenen *tum incredibili' am über- 
aeogendsten von Manutius gebessert ist; dahin gehört femer das § 131 § 131. 
oaeh 'seitia' ansge&Uene * Salutis' (so auch in dem Briefe an Att. IV 
1, 4; andere eigftnzen 'aedis Salutis'), das gleichfalls Manutius zu finden, 
tt ikn rechten Platz zu stellen erst Wesenberg vorbehalten geblieben 
ist; aach die durch das mehrfache Vorkommen des Me' an derselben 
SleOe neben dem gleich auslautenden *me' motivirte Auslassung des 
ia P6 fehlenden, ergänzten *de' § 132 in den Worten *nihil profecit § 132. 
de imiyersia: [de] me agere non destitit' ist von p nicht nachgeholt 
vorden (wie es scheint, findet es sich bereits in jüngeren Hss.) und 
auch daa nothwendige *eam', das vor ^causam', namentlich vor der be- 
kaanteo Sigle desselben leicht aus&llen konnte, hat p § 134 so § 134. 
vemg wie jenes eingesetzt, sondern erst die Ascensiana von 1531, 
die, beilftufig bemerkt, auch § 136 in die dem Vatinius in den § 135. 
Mond gelegten^ mit ihren zwei abgerissenen Sätzchen offenbar etwas 
faaraeh klingen sollenden Worte zu seiner Vertheidigung ^bestiarios 
do, lex seripta de gladiatoribus' nach meinem, auch Halms wenn 
ioeh zweifelhaft ausgedrücktem ürtheil (in der Ausg. von 1845 in 
der adn. crii wie im Conunentar) entsprechenden Gefühle ein *est' 
Bach *lex' sehr überflüssiger Weise eingeschoben hat^) 

So ergiebt sich aus allen diesen Stellen nirgend ein Verdacht 

*) '^Profefisas est' Koch; mau könnte auch an 'praestitit' denken; diplo- 
■atisch am leichtesten wäre 'prompsit', aber ich vermag ^se promere' in 
der Uor aothwendigen Bedeutung ^ anders bei Virgil Aen. 11 260; lulius 
Qfaadmifl bei Colum. III IS, 1 — ebenso wenijg^ nachzuweisen als die früher 
g agbai e Le«Mi 'exhibuit', wie Madvig gezeigt hat, der dceronischen La- 
tiaitü entopiebt — ") Ihr folgen alle neueren Herausgeber, wobei sie 
ndi nm Tntal auf Weeenberg berufen, der vielmehr (obi. crit 8. 57) 
'^ naeh 'scripta' oder nadi 'gladiatoribus' einsetzen wollte. 



44 Martin HerU: 

gegen p, dessen Enthaltsamkeit vielfiB^h zu Tage tritt. Positiv ist 
Halm dieser jüngeren Hand selbst noch an einer gleich£edls in jenem 
§ 143. Aufsätze nicht erw&hnten Stelle § 143 gefolgt, wo in dem Satze 
^speremus qnae volumns, sed quod acdderit feramns', die Worte Vo- 
lomus sed quod' in P sich ^partim in rasura, partim sup. lin. m. 2' 
finden, in G (und jenem Befände entsprechend sicher auch ursprünglich 
in P) das nach *s' und vor ^quod' leicht zu vemachlttssigende *sed' fehlt 
Kehren wir nun nach dieser Musterung zu den von Halm selbst 
behandelten Stellen^^) zurück, so hat sich bereits so viel ergeben, dass 
auch für ihn es sich hier nur um ein gröszeres oder geringeres Masz 
der Interpolation handelt. ^^) Wie weit seine Abmessung desselben 
haltbar sei, muss die Betrachtung der einzelnen, von ihm besprochenen 
Stellen zu ermitteln suchen.^') 

Ausgeschieden hat er von dieser Besprechung mit Recht die 
§ 55. beiden unzweifelhaft lückenhaften Stellen am Schlüsse des 55*^ und 
§ 50. am Anfieuige des 59^^ Paragraphen. In beiden bezeichnet P eine 
Lücke, an jener Stelle von etwa 19, an dieser von etwa 15 Bach- 
staben; an keiner von beiden findet sich von p ein Ergftnzungsver- 
such und auch in sind die betreffenden Worte ohne Andeutung 
einer Lücke, wenn auch nicht ohne einige Änderungen, in den fort- 
laufenden Text aufgenommen.^') Hier, wo die Lücken nicht durch 



^°) S. auch die Besprechungen von p. Cael. § 12 und § 80 a. a. O. 
S. 382; 834. — '') S. besonders noch a. a. 0. S. 327 ^Dass alle diese 
Zusätze an&cht sind, ist schwer sn glauben, so unzweifelhaft es auch 
scheint, dass die Mehrzahl ihren Ursprung dem Mittelalter verdankt', 
indem er mit bescheidener Offenheit hinzusetzt: 'An manchen Stellen 
ist die Entscheidung sehr schwierig'. — '*) Wir werden uns dabei hier 
selbstverständlich auf die Sestiana beschränken, ohne ein vorgreifendes 
Urtheil über alle in P enthaltenen Beden fällen zu wollen, wie ja Halm 
selbst a. a. 0. es als mOglich hinstellt, dass die Beurtheilunff für die 
einzelnen Beden eine verschiedene sein muss, zumal als sich in den 
Zusätzen verschiedene Hände aus verschiedener Zeit deutlich unter- 
scheiden lassen. Soweit es nach seinen Mittheilungen (und demnach 
wohl überhaupt) möglich war, bestimmtere Angaben in dieser Beziehung 
zu geben, ist dieser Gesichtspunkt nicht unbeachtet geblieben. Halm 
selbst sieht z. B. in der Rede de prov. consuloribus mit einer unwesent- 
lichen, ihm selbst nicht einmal sicheren Annahme die Ergänzungen als 
sicher an, wobei er vermnthet, dass ein anderer Codex vorgelegen habe 

§ 55. (S. 342 f.). — ^') § 55 'deliberandi et rogata am legem fieret prouintiae 
commntandae' P 'deliberandi esset rogata legem ferret provinciae com- 
mutandae' G 'rogata legem fieret manuscr. ad unum omnes' nach 
LambinuB (»»W); ob die auf Aldus fuszende Vulgata Meliberandi esset po- 
testas: ut rogata lege lesem ferret provinciae commutandae' auf jüngerer 
handschrifüioher Interpolation oder, wie man nach Lambins Äuszerung 
anzunehmen geneigt sein wird, auf Coigectur beruht, vermag ich nicht 

§ 59. anzugeben. Die Worte 'tulit' (das zweite 't' über der Linie P) 'gessit' § 69 
finden sich so in allen Hss., die Lücke davor wie angegeben nur in P; statt 
des hier folgenden 'qui' bietet aber G. m. pr. 'que' an 'gessit' angehängt; 
ein offenbar willkürlicher Emendations- (nicht Ergänznn|^-)ver8Uoh 'Tigra- 
nes igitur' wird aus der Hs. des Memmius von Lambmus angefahrt; er 
wird aber wohl in dieselbe nach der gleichen Conjectur des Manutius 



Zur Kritik yod Cioeros Bede fOr den P. Sestias. 45 

BeobAehtnng des Zusammenhangs zn constatiren, sondern in P schon 
SOS dem archetypnB herübergenonmien oder, weil die betreffenden 
Stellen in demselben sich unleserlich oder zerstört fanden, angezeigt 
wiren, hStte doch ein consequenter Interpolator sich am wenigsten 
die Gelegenheiten zur Ausfüllung entgehen lassen: p ergänzte offen- 
hux niditi weil seine Vorlage ihm keine Ergänzung bot und das ver- 
mehrt wiederum das günstige Vorurtheil, welches wir schon aus 
anderen Grflnden fOr ihn haben tosen dürfen. 

Durfte Halm seiner Aufgabe gemSsz diese beiden Stellen yon 
seiner Besprechung ausschlieszen, so hätte er dasselbe auch (S. 335) 
mit den beiden einzelnen Worten § 45 und 53 thun können, wo § 46; 58 
wir es mit einfachen Varianten, nicht mit Auslassungen zu thun 
haben : dort stehen in *enim' die Buchstaben *nim' auf Rasur von zweiter 
Hand*^) und auch hier in den Worten ^vasto ac relicto foro' wird 
Bu die Änderong von 'oasta' (wie schon von m. pr. ans 'uasto' ge- 
indert sein soll) in ^uastata' nur aus diesem Gesichtspunkte anzu- 
sehen haben. ^) 

Diejenigen Stellen aber, fast doppelt an der Zahl und meist 
amfiyngreichen Einschub enthaltend, auf welche Halm seine Ansicht 
im wesentlichen begründet, finden sich in den §§ 8; 57; 88; 107; 
110; 115; 132. Auch bei ihnen ist die Entstehung der Lücken fisist 
Minahmslos auf Homoeoteleutie und verwandte paläographische 
Motire zorflckzuftlhren und dass sie mit Bücksicht auf diesen ür- 
tfomg ergänzt sind, giebt, wo nicht eine solche Ergänzung mit 
Nothwendigkeit nach dem Zusammenhange sich von selbst darbot, 
TOB Toni herein, wie bereits bemerkt, eine starke Instanz gegen die 
Aanahme mittelalterlicher Interpolation ab. Deutlich sind Homoeote- 
Keuta die Ursachen des Ausfisdls an den vier letztgenannten Stellen. 
unter diesen sind die schwierigeren, weil auszerdem sichtlich ver- 
derbenen, die beiden ersteren, am einfachsten zu erledigen die letzte, 
bsi welcher es sich eben nur um Echtheit oder ünechtheit des Ein- 
idiube handelt; bei § 115 aber erhebt sich die Frage, ob er seiner § 116. 
bitiBchen Beschaffenheit nach überhaupt in diese Beihe gehöre. 

In diesem Paragiaphen wird nach Halms Vorgang in der Aus- 



gewesen sein. — ^*) ^It Recht ist z. B. das ganz ähnliche ^ . 
mTP 'enis' UWp § 62, wofür Halm sehr wahrscheinlich 'talis' schreibt, § 62. 
hier Ton ihm unerwähnt geblieben; auch § 144 ist ihm, beiläufig anffe- § 144. 
ii e tk^ die mir sehr wahrscheinliche Herstellung des lückenhaft in PGW 
«beilieferien 'eorumqne' ('r' über 'eo' wie es scheint nur in P) 'nostrorum', 
vofilr die jüngeren Hss. und mit ihnen die Vulgata 'rerumque nostrarum' 
bieten, in 'liberorumque nostromm' (Ausg. von 1866) zu danken; bedarf es 
aber Mlhwendig der Einfügung der Copma vor 'fratris' mit den Jüngeren 
Hsi.? — '*) Gw bieten wenigrtens mit richti^r Endung und wohl, wenn 
mam die b^onnene Correctmr erster Hand m P ins Auge fasst, über- 
baopi richtig 'vastato'. Unter denselben Gesichtspunkt fällt x. B. das in 
P Tcrstflmmelte 'conteretur' § 68, richtig in G ^confiteretnr', während p § 68. 
wiQkfiriich nnd sinnlos 'oonquereretur' ('conquaereretnr' W) ergänzt. 



46 Marün Herts: 

gäbe von 1853 (vgl. a. a. 0. S. 338) jetzt allgemein (<L h. yon 
Eajser, Eooh, Heine, Hirsehfelder, Eberhard) geschrieben *Comitionini 
et contionum significationes snnt nonnomquam vitiatae atque cormptae : 
theatrales gladiatoriique consessuB dicuntor omnino solere leyitate 
nonnnllomm emptos plauBus eziles et raros excitare. Ac tarnen 
facile est, cum id fit, quem ad modum et a qoibns fiat et quid in- 
tegra mnltitndo fadat yidere'. Diese Stelle bildet den AbschluBS eines 
Theils einer längeren Auseinandersetzung über die verschiedenen 
Gelegenheiten, bei welchen das römische Volk sein ürtheil und seine 
Gesinnung kundthun kann (§ 106 f.), und bezeichnet als solche Con- 
tionen, Comitien, dramatische und Oladiatorenspiele. Ausführlich 
hatte der Bedner hier und schon in den dazu vorbereitenden, nftchst- 
vorhergehenden Paragraphen den Unterschied hervorgehoben, der 
zwischen den von den demokratischen Führern und den von den 
Optimaten abgehaltenen Versammlungen, der in gleicher Weise bei 
Abstimmungen über (besetze und bei Wahlen in den Comitien her- 
vortrete: er schildert, wie jetzt die Unruhestifter sich Beifall erkaufen 
(^pretio ac mercede perficiunt, ut quidquid dicant id illi volle audire 
videantur' § 104), wie dagegen zu den Zeiten des Gracchus und 
Satuminus die Demokraten ^populi iudiciis atque omni significatione 
florebant' (§ 105): jetzt sei abgesehen von Söldlingen Alles einig; er 
stellt den Beifall^ mit dem der Consul Lentulus eine Versammlung 
in seiner Angelegenheit hielt, einer kittglichen Veranstaltung des 
Clodius zu demselben Zwecke gegenüber (§ 107 f.) und verbreitet 
sich in gleicher Weise über die Comitien sowohl zur (Gesetzes- 
abstimmung als zu den Wahlen, wobei er jenen Ausführungen ent- 
sprechend die jetzt allgemeine Bevorzugung der conservaüv-aristokrati- 
schen Partei hervorhebt; aber immer schimmert durch, dass auch 
die von ihm gehassten Demokraten ihren Anhang haben. Nachdem 
er nun diese beiden Standpunkte stets deutlich geschieden hat, geht er 
an dem hier a. 0. zu den Kundgebungen im Theater und bei den 
Fechterspielen über, indem er sich noch einmal resumirt Als Be- 
sultat hat sich in deutlicher Gegenüberstellung ergeben, dass (wenn 
auch im Augenblick das Verhftltniss ein fOr die Optimaten sehr 
günstiges ist) doch die Kundgebungen des Volkes dabei sehr un- 
gleich erscheinen: beide Seiten hat er zur Darstellung gebracht, zu- 
letzt das jetzt herrschende günstige Verhältniss erörtert, aber nicht 
minder für die frühere Zeit die sehr gedrückte Lage der Conserva- 
tiven in Bezug auf ihre Geltung bei der Menge betont und auch für 
die Gegenwart den Einfluss der Demokraten auf ihre wenn auch als 
möglichst unbedeutend hingestellten Anhänger zugeben müssen; so 
wird man auch hier eine recapitulirende Anführung nach beiden 
Seiten hio ganz am Orte finden, wie sie von der Überlieferung mit 
einziger Ausnahme von P dargeboten wird und wie sie auch in dieser 
Hs. durch Zufügung der Worte ^interdum verae sunt' sup. lizL m. 2 
recentiore bewirkt ist: *sunt interdum verae, sunt nonnumquam 



Zur Kritik von Ciceros Bede fOur den P. Sestiiu. 47 

Tiütttae «tque cormptae' ^®), wofür die Ausgaben früher 'interdom yerae 
sunt» BrtnnuTnqnain v. atqne c.' («b W) boten. Wenn Halm a. a. 0. meint, 
4ift88 kttn HeranBgeber gewagt habe, jene handschriftliche Lesart in 
den Text anfsnnehmen, so würde ich dieses Wagniss wenigstens 
Bidbi a limine als völlig unmöglich abweisen; es ist sehr schwer, die 
Greme m bestimmen, innerhalb deren die Anaphora überhaupt ^^) 
md namentlich, wie an dieser Stelle, zu deutlicher Hervorhebung des 
GfgwiwatfftH in der Zweitheilung angewandt als zulftssig erscheint 
Eni mü Hülfe xmifassender Beobachtungen und Sanmüungen, wie 
sie mir daAlr nicht zu Gebote stehen, wird es möglich sein, hier ein 
abflcUieeiendes ürtheil zu gewinnen. Nach meinem subjectiven Oe- 
fiüil glaube ich zunSchst^ dass diese Grenze hier nicht überschritten 
mL Sehlieeit man sich dieser, freilich problematischen Annahme an, 
80 wird dadurch zugleich ein Bedenken Halms beseitigt, dass, um 
die Interpolation in den Text aufrunehmen, erst wiederum eine Vor- 
bessemag Torgenommen werden müsse. Dass hier femer ein Inter- 
polator den Sinn des Redners nicht verstanden habe und verkannt, 
daiB *nominmquam vitiatae' seinen Gegensatz im Folgenden habe, indem 
die iigiiifieationes theatrales als ^plerumque vitiatae' nur in anderer 
Form des Ausdrucks den ^nonnumquam vitiatae' der Comitien und 
Cootionen gegenübergestellt werden, kann ich nicht einsehen; dieser 
Gegensatz bleibt ja durchaus ungemindert, wenn gesagt wird, die 
Kudgebungen seien bald wahrhafte, bald geflüschte und durch Be- 
rtwihmig erkaufte. Auch besonderer vom gewöhnlichen Sprach- 
gefanach abweichender Deutung der beiden Zeitpartikeln, die hier 
wie hinfig gleiehwerthig stehen (man vergleiche nur die Beispiele 
b« dem von Halm selbst in der Ausgabe von 1845 citirten Hand 
TnaelL 3, 411 £), bedarf es nach meiner Meinung nicht und es 
ideint mir ihre Unterscheidung hier recht unnöthigerweise ^unlös« 
Imre Sehwierigkeiten erregt' zu haben. Wie sehr diese Gegenüber- 
itelhnig in Ciceros Sinne ist, zeigt sich gleich wieder im § 117 *Quo 
qividem tempore quid populus E. sentire se ostenderet utroque in 



*^ So in G, und so erscheint die Lesart von p nach dem Drucke 
im Bb. Mus. and Halms AnafOhrung daselbst; in der Ausg. von 1866 wird 
gesa^ dass die eingefügten Worte *ante sunt' st&nden. ^ ^^ Zweifel- 
haft ist mir auch, ob nian § 106 mit P allein 'erant. erant' (^eranf GW 'erant § 106. 
osob' der Salisb.) 'iUae oontiones perditorum hominum neceasario tnr- 
hslwHtew* anfiranehmen hat und ebenso zweifle ich § 78, wo nach den § 78. 
Worten ^Hic uun de ipso accusatore quaero, qui P. Sestium queritur cum 
■alkifeodine in tribunatu et cum praesidio magno foisse, num illo die 
ÜMcit?' die Antwort in T und allgemein 'Gerte non fuit', in G 'Gerte, certe 
■eafinf lantel Auch 1 146 ist 'iUo illo' (G; 'illololo', 'lolo' wie es scheint § 145. 
B. pr. deLy P^ 'die' kiuun glaublich und mit der jüngeren Becension, wie 
jetet aÜMBiein geschieht, 'illo' zu lesen. Dagegen hat meines Erachtens 
Hsfaa kSii mit der (noch Lambins Worten audi Ton ihm in einer seiner 
An gab e n Torgenommenen, dann aber angegebenen) Gemination des 

" ~ f 181, auf die ich auch gekommen war, im krit Anhange der } 181. 
weidmannischen Ausgabe sicher das richtige getroffen. 



48 Martm Herts: 

genere declaratom est' tu s. w. Glaubt man aber jene allerdingB 
auffällige und durch weitere Untersuchung erst sicher zu begrün- 
dende Form der Bede nicht dulden zu können, trttgt man dann, wie 
billig, jenes von Halm hervorgehobene Bedenken, verstärkt dadurch, 
dass durch jene Änderung der Interpolation zugleich ihre Genesis 
verdunkelt wird, so bleibt der Ausweg ttbrig, in dem ^interdum verae 
sunt' ein Glossem von der Art zu sehen, die ein ürtheil enthXlt: 
der, wie es mir persönlich freilich erscheinen will, allzu kahlen Be- 
hauptung *sunt nonnumquam vitiatae atque corruptae' gegenüber 
zeigte dann ein Leser so zu sagen den revers de la mödaille durch die 
Worte ^interdum verae sunt'. Nimmt man das an, so wäre es ein 
neues Beispiel dieser Art der Yerderbniss unserer Überlieferung bei 
Cicero. Mir käme es um so erwünschter, als ich dadurch einen 
weiteren Beleg für diese Art der Interpolation erhielte, deren Vor- 
kommen ich in dem letzten Osterprogramm der Breslauer Univer- 
sität nachzuweisen versucht habe.^^) Doch wage ich selbst nicht, 
diese Ansicht in der vorliegenden Stelle mit einiger Sicherheit als 
die richtige zu empfehlen, sondern halte bis auf weiteres an der 
Möglichkeit und selbst an der Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit 
des Zusatzes auch an dieser Stelle fest. 
§ 132. Um so sicherer erscheint die Lösung der angeworfenen Frage 

an der letztgenannten Stelle § 132 *qui' (Vatinius sc.)'^C. Caesarem, 
mitem [hominem et a caede ab]horrentem, saepe increpuit, saepe 
accusavit, cum affirmaret, illum numquam, dum haec natio' (optima- 
üum sc.) Mveret, sine cura futurum'. Die eingeklammerten Worte, 
die allgemein überliefert werden, finden sich in P von zweiter Hand 
übergeschrieben; Halm (S. 339) sieht darin ein Zeichen, dass Cicero 
sich nicht die Insolenz erlaubt habe, die ihm in diesen Worten g^en 
Cäsar zu liegen scheint, und will statt *a caede' von dem Redner viel- 

'^ Von den dort f&r jenes Vorkommen angeführten ciceronischen 
Stellen glaube ich jetzt die eine, de div. 11 § 21 (a. a. 0. 8. 7), aufgeben 
EU müssen. Wenn es hier in den Hss. heiszt 'Quod si fatnm fdit hello 
Ponico secundo exercitnm populi Bomani ad lacum Trasumennmn inter- 
ire, nnm id vitari potuit, si Flaminius cos. signis iisque auspiciis, quibua 
pognaie prohibebatur, pamisset? Gerte potuit^ so halte ich die leisten 
Worte nicht mehr fOr ein solches Glossem, sondern glaube mit Pearce 
sie in 'Gerte non potnit' ändern su müssen, aufmerksam gemacht durch 
P. Stamm adn. gramm. et crit ad M. T. de div. libros (Progr. des Pro- 
gymn. zu Bössei 1881 S. 7 f.) auf Stellen wie de fin. II § 102 (Gerte non 
potuit); acad. pr. II § 118 (Gerte nemo; auch Phil. VI § 12; anderes 
verwandte bei Merguet lex. zu den Beden des Gic. u. d. W. certe II 
z. A.), welche auch hier die entsprechende Ändemog begünstigen. (In 
meinem Programm ist auf der a. Seite Z. 13 'tarn' st 'tarnen' zu lesen; 
Z. 6 V. u. ist das zu dem zuletzt zur Vermeidung einer Wiederholung in 
'secuti sunt' ge&Dderten 'obtemperaverunt' gehörige 'cui', ut fit, stehen ge- 
blieben statt es in den nun geziemenden Accusativ umzuändern, wofür 
ich mir nicht, wie für ein ähn&ches, seiner Entstehung nach nicht minder 
durchsichtiges Versehen vor Jahren (Bhein. Mus. 24, l£k), einen sehr wohl- 
feilen Spott zuziehen möchte). 



Zur Kritik von Gioeros Bede für den P. Sestias. 49 

mehr *a ^i' oder ^ab omni vi' geschrieben wiesen. ^Es ist,' sagt er, *ein 
schlechtes Compliment für den Cftsar, wenn er an einer Stelle, wo der 
Redner ihn schonen will, ein homo a caede abhorrens genannt wird, 
nunal als nicht einmal Vatinius ein solches Ansinnen an ihn gestellt 
batte'. Aber recht eigentlich im Gegensatz zu der Person nnd den 
Gelfisten des Vatinius, ^hominis eins', wie er eben gesagt hatte, *qui 
banc naüonem deleri et concidi cupivit' stellt der Redner den Cäsar, 
indem er ihn ^hominem mitem et a caede abhorrentem' nennt und in 
dieser einfiushen und zu Tage liegenden Absicht^ gesprochen, können 
diese Worte am wenigsten zu einem Verdachte Veranlassung geben. ^^) 

Über das in § 107 in den besseren Hss. fehlende Verbum ist § 107. 
sehon oben (S. 43) gesprochen worden. Nach dem dort abgedruckten 
Satze heisst es am Schlüsse dieses Paragraphen in PG: 'Huius oratio 
et pergravis et grata in contionibus' (^omnibus' add. Eberhard) *fuit 
sie contendo numquam neque [sententiam eius auctoritate neque] 
ek)qnentiam iuounditate fuisse maiore' (^maiore' in P, wo aber der 
Stridi Aber dem e vielleicht von zweiter Hand zugefügt ist; die ein- 
geklammerten Worte stehen in dieser Es. von neuerer Hand am 
onteren Bande). Hier ist zunächst nach dem Vorgange Seyflferts 
osd Spengels ^ut pergravis' oder *ut semper gravis fnit' zu schreiben; 
dann aber erscheint mir der in der angegebenen Art ergänzte Satz 
kdnen weiteren Anstosz zu geben. Halm dagegen fordert Aas- 
menang nnd Versetzung nach Spengels Vorschlage; er liest im Fol- 
genden: ^sic contendo neque eloquentia' (oder zuletzt mit Oppen- 
rieder *eloquentia eam' bezw. mit Eberhard ^eum'; jenes in der vierten, 
dies in der fünften Ausgabe mit deutschen Anmerkungen; auch in 
letzterer vrird in dem Stellenverzeichnisse am Schluss noch die 
Oppenriedersche Aenderung angegeben) ^neque iucunditate fuisse 
maiore'; so, sagt er, entsprechen sich vortrefflich ^gravis' und *elo- 
qnentia' nnd sodann ^gratus' und ^iucunditas'. Aber, fragen wir, ent- 
spricht nicht völlig ebenso gut der ^gravis oratio' die ^auctoritas sen- 
ientiae', der ^grata' die ^iucunditas eloquentiae', ihrer Würde der 
renpekteinflöszende Inhalt, der guten Aufnahme, die sie fand, die 
formale Anmnth der beredten Darstellung, die beide bei dieser Ge- 
legenheit in gesteigertem Masze hervortreten? So kann ich auch 
kier, wo, vrie bereits bemerkt, die Ursache des Ausfalls auf der Hand 
hegt, keinen Verdächtigüngsgrund gegen den von p gemachten Zu- 
atz finden. 

Dass das ebenso wenig in § 110 der Fall ist, habe ich im g hq, 
Rhein. Museum Bd. 17 S. 152 ff. und einem mir entgegengetretenen 
Kichtyerstehen gegenüber ebendas. Bd. 22 S. 631 ff. auszuführen und 



'*) Hier ist auch von den neueren Herausgebern nur Eberhard der 
Anucht von Halm beigetreten; 'hominem temperantem' mit paläo^ra- 
(ihiacfa, wenn mein verehrter und scharfsioniger Freund es mir nicht 
ibel nehmen will, fflr mich sehr wenig überzeugender Begründang ver- 
Mtbet Paul Z. f. d. Gymnasialw. 28, 316. 

i:üirb t clM«. Phil. Snppl. Bd. XIII. 4 



50 Martin Hertz: 

meine auf jene Ansicht gegründete Vermuthung zur Geltung zu 
bringen yereucht, an der ich auch jetzt noch festhalte. Es heiszt 
von Gellius, jener nutricnla seditiosorum omnium, er habe, nachdem 
er sein väterliches Erbtheil durchgebracht, sich plötzlich wissen- 
schaftlichen Studien zugewendet. ^Nihil saneat^' heiszt es weiter in 
P ^libelli pro vino saepe oppignerabantur, manebat insaturabile ab* 
dornen, copiae deficiebant'; vor dem t in ^saneatf' steht ein anderes t 
über der Linie (wohl von erster Hand, s. Halm mus. 9, 338, dem 
Schweigen in der adn. der ed. Orell.' entsprechend), nach jenem 
Worte über der Linie m. 2 recentiore steht Huuabant anangnostae' 
imd dem entsprechend liest man in ^sane atte iuuabant anagnostae 
libelli' und ähnlich in anderen Hss. Über die vielen an dieses offen- 
bare Verderbniss geknüpften Vermuthungen s. a. a. 0. 17, 153; 
22, 632 f. Ich nehme auch hier einen auf Homoeoteleutie beruhen- 
den Ausfall an: wenn es Halm dabei befremdlich erscheint, dass der 
Verarmte noch griechische Vorleser solle gehabt haben, so wird man 
ihm doch, der ^Graeculum se atque otiosum putari voluit*, einen ana- 
gnostes als nothwendigen litterarischen Trabanten neben der neu 
angelegten Bibliothek, den libelli, gönnen dürfen; liest man dann 
nach meinem Vorschlage mit möglichst geringer Änderung der Über- 
lieferung ^nihil savia te iuvabant anagnostae' (ein Wort, beiläufig 
gesagt, das einem vulgären Interpolator schwerlich in den Sinn ge- 
kommen wäre), so hat man den ganzen Gegensatz zwischen dem 
früher offenbar an pueri delicatuli sich ergötzenden, jetzt auch m 
diesem Punkte bei seinem heruntergekommenen, rectius herunter- 
gebrachten, Vermögenszustande nur auf seinen einen servus mehr 
litteratus als delicatus angewiesenen. Zu dem, was ich hiezu be- 
sonders am letztgenannten Orte des Museums beigebracht habe, 
mache ich noch darauf aufinerksam, wie dergleichen Vorleser als 
die einzigen Genussspender gelten, die ein homo litteratus, wie 
GelliuB jetzt erscheinen wollte, sich bei Tafel gestattete : ^nemo', heiszt 
es in Bezug auf den republikanischen Archetypus dieser Gönner der 
Studien, auf Atticus, im Leben desselben bei Cornelius Nepos c. 14 
z. A., ^in convivio eius aliud acroama audivit quam anagnosten'; — 
was bei ihm freie Wahl war, dazu musste G. sich wohl oder übel 
bequemen; was aber die suavisaviatio betrifft, so mag, wie es bei 
ihm selbst damit nicht eben schön bestellt war, was NB Cicero, 
beinahe wie zur Erläuterung dieser Stelle, gleich darauf sehr dra- 
stisch bemerklich macht ^), auch das nicht die anmuthigste und 

§111. '°) § 111 Is de me suffiragium tnlit, is interfuit epulis et gratu- 

lationibuB parricidaram, in quo tarnen est me ultas, cum iUo ore inimicos 
est meos saviatus etc., das einen sehr Übeln Schlagschatten auf den ^im- 
purus' adulescens wirft; dass er geschlechtlicher Lust ergeben war, wird 
zum OberflusB noch mit dürren Worten kurz vorher (§ 110 a. E.), wenn 
auch in ironischer Negation ausgesprochen: qui ut credo non libidinis 
causa. Bed ut plebicola videretur, ubertinam dnzit uzorem. Das ^üio ore' 
von der bekannten Persönlichkeit gesprochen, die eben mit dem Bei- 



Zxxr Kritik von Ciceros fiede fär den P. Sestioa. 51 

stSrkste Seite jenes in erster Linie der Befriedigimg wirklicher oder 
erhencbelter litterarischer Bedürfnisse dienenden Sklaven gewesen 
sein, mit dem sich fante de mieuz der verkommene Herr auch in 
diesem Punkte behelfen mnsste. Wie dergleichen Dinge^ auch in 
dieser Zeit bei Menschen dieses Schlages sicher nicht anders als in 
der neronischen, ku benrtheilen sind, darüber mag dem früher Ge- 
botenen noch eine Stelle aus Sen. de ben. III 28, 5 hinzugefügt 
werden. *Quo te paenulati isti in militum quidem cultum non vul- 
garem subomati, quo inquam te isti efferunt? ad ostium aUcuius 
ostiarii, ad hortos alicuius ne ordinarium quidem habentis officium; 
et deinde negas tibi a servo tuo beneficium dari posse, cui osculum 
ilieni eervi beneficium est?' — Neue Besserungsvorschläge sind zu den 
früher a. den a. 0. genannten wenig hinzugekommen (^nihil sane 
erat: libeUi' war von J. Jeep schon 1863 in seinen krit. Bemerk, z. 
Cieero'a Beden S. 7 vermuthet und ist früher von mir übergangen 
worden); die neueren Herausgeber haben theils die corrupte Über- 
tiefemng in ihre Texte genommen und als solche bezeichnet, theils 
eicb Kochs früherer Yermuthung ^nihil satiabant eum libelli' an- 
gesehloesen; Hirschfelder hat ^nihil delectabant libelli' gegeben, es 
aber Vorr. S. XVII selbst vor einer Vermuthnng W. Pauls *nihil 
Buiitatem iuvabant anagnostae' zurückgezogen, gegen die ich nichts 
einzuwenden habe, als dass ich sie diplomatisch nicht leichter und 
sachlich farbloser und weniger drastisch, mithin dem Tone gerade 
dieser Stelle der Rede weniger entsprechend finde als die meinige; 
Vitelli dagegen in seinen Miscellanea (pubblicazioni del r. istituto di 
stedi superiori etc. in Firenze, sez. di filos. e filol. II 5, 1877) S. 4 f. 
hat sieh ausschlieszlich an die erste Hand gehalten und will schreiben: 
'nihil sane attente: libelli' u. s. w.; Köchly endlich ist in seiner Über- 
setcung (1871) seiner alten Yermuthung 'nihil sane ad eum libelli', 
über die ich schon früher (Mus. 17, 153) mich ausgesprochen habe, 
tren geblieben; nur eine Variation dazu ('illum' statt 'eum') bot gleich- 
leitig Bettig Catulliana III S. 4. Auch ich bleibe bei meinem alten, 
vor nunmehr bald zwei Decennien veröffentlichten, aber noch ein 
Deeenniam früher gefundenen Besserungsvorschlage und kann somit 
aneh hier eine verschlimmbessernde Interpolation in P nicht er- 
kennen.*') 



wort 'impudicus' geschmückt worden war, ist, sollte man meinen, deutlich 
gCDPD^ für die Hörer gewesen (Weidner genügt das nicht: er bedarf 
eines verdeutlichenden 'mipudico', das er nach 'illo ore' [crit script. S. 10] 
oder vor demselben [phil. Anz. 1876, 239] einschieben möchte. H&tte 
Cicero et geschrieben, so hätte sicher ein und der andere Kritiker mit 
nundesieiis ebenso vielem Rechte es als Glossem ausmerzen wollen). — 
'*) Beilftnfig möchte ich bemerken, dass man, ganz abf^esehen von 
aiiderweiten Änderungsvorschlägen (tegula, pergula, perula) die änsser- 
Belw BesponsioD zwar erhöht, wenn man kurz vorher nach dem Yor- 
■eklage von Latendorf, K. Keil und M. Seyffert (Jabrbb. 81, 728; Rhein. 
MiH. 15, 316 f.; Ztschr. f d. Gymnwesen 1861, 701) liest 'posteaquam 



52 Martin Hertz: 

§ 4. Ehe wir die anderen vorher bezeichneten Stellen nun der Reihe 

nach durchgehen, sei es gestattet^ noch einen Blick auf den unmittel- 
bar vor denselben (S. 335) von Halm behandelten § 4 zu werfen, 
der mir ganz in dieselbe Kategorie zu gehören scheint, von ihm da- 
gegen anders gefasst wird« Auch hier halte ich die von p dar- 
gebotene Erg&nzung ftlr die richtige Herstellung eines in P lücken- 
haft überlieferten Satzes, indem ich die frühere gangbare Lesart in 
den betreffenden Worten beibehalte: *Nam neque officio ooniunctior 
dolor uUius' (so PO, ^uUus' W al.) ^esse potest quam hie mens susceptus 
ex hominis de me optime meriti periculo, neque iracundia magis 
nlla laudanda est' (Halm ; Uaudandans' mit durchstrichenem ns — von 
m. pr. nach Mus. a. a. 0. — nach Halms richtiger Deutung »= *lau- 
dandast' P; ^laudanda' p nach der adn. OrelL^ GW vg.) ^quam ea, quae 
me inflammat eorum scelere, qui cum omnibus meae salatis defen- 
soribus bellum esse sibi gerendum iudicaverunt'. Wenn hier auch 
nicht geradezu ein Homoeoteleuton vorhanden ist, so liegt doch die 
sehr nah verwandte Genesis des Ausfalls der von p W hinzugefügten 
Worte *quae me' nach *quam ea' klar zu Tage; in G findet sich eine 
offenbar fehlerhafte Verunstaltung ^quam illa inflammata'. Auch 
Halm nimmt keine Lücke, sondern nur ein leichtes Verderbniss der 
ürhs. an, indem er, der Lesart von G sich nähernd, liest ^quam mea 
inflammata': aber dass für die Richtigkeit dieser Herstellung die 
Lesart der P nachstehenden Quelle G bürge^ wird man ebenso wenig 
behaupten dürfen, als dass der dadurch hergestellte, allerdings Cioeros 
Art völlig entsprechende Parallelismus der Glieder ^quam hie meus 
susceptus' und ^quam mea' (streng genommen müsste es *haec mea' 
sein) ^inflammata' diese Bürgschaft biete, da sehr wohl im zweiten 
Gliede auch ein Relativsatz jenem participial gefassten entsprechen 
kann. Das ist denn auch nicht Halms eigentlicher Grund für die 
Verwerfung der relativen Fassung in p: die Ergänzung ist vielmehr, 
wie er sagt, ohne Zweifel falsch, weil die Phrase ^iracundia me in- 
flammat eorum scelere' nichts weniger als ciceronisch klingt. Häufig 
freilich braucht Cicero jenes Participium, aber auch der transitive 
Gebrauch von inflammare ist ihm nicht fremd: nicht nur den Redner 
lässt er ^languentem labentemque populum inflammare in improbos' (de 
or. I § 202), auch von der *res publica quae me in amicos inflam- 
mare potuit' spricht er de prov. cons. § 24; mit hinzngefttgtem Ab- 
lativ ^ut animnm eins in Sthenium inflammarent ementiendo aliquid 
et criminando' (in Verr. II § 89); ^hoc senatus consulto ardentem 

rem patemam ab idiotarum divitiis ad philosophorum reculam perdoxit', 
dasB aber das handschriftliche 'regulam' der feinen Ironie, die durch diese 
ganze Beschreibung der Metamorphose des Lüstlings in einen zu un- 
bequemer Askese verdammten und bonne mine au mauvais jeu machen* 
den philosophisch -philologischen Neophyten hindurchgeht, in höherem 
Masze entspricht, so dass zu irgend einer Änderung desselben kein Grund 
vorliegt. Man vgl. nur, wenn es noch dessen bedarf, Acad. pr. II § 140 
hanc normam, haue regulam, hanc praescriptionem esse naturae. 



Zur Kritik Ton Ciceros Bede für den P. Sestius. 53 

inflammabitis et annatum armabitiB Cassium' (Phil. XI § 32). Da 
er ferner auch 'inflammatus ira', so wie ^inflammatus scelere; scelere 
et fuTore; furore et scelere' sagt, wofür die Belege bei Merguet s. v. 
inflammo sich finden, so kann ich nach alledem nichts imciceronisches 
darin erblicken, wenn er von der personificirt gedachten iracundia 
wie a. a. 0. von der respublica, wie vom consensus (Phil. VI § 18) 
sagty dass sie *me inflammat eorum scelere, qai cum omnibus meae 
salatis defensoribus bellnm esse sibi gerendum iudicaverant\ 

Wenden wir uns zu § 8. Anch hier ist der Fehler offenbar § 8. 
nach einem mit *et' beginnenden Satzgliede durch Ausfall eines zweiten 
ebensolchen veranlasst; ein solches wird auch allseitig angenommen, 
nur soll die Ergänzung durch p wiederum eine willkürliche Inter- 
polation sein. Auch hier halte ich sie für echt, aber allerdings, was 
ebenso möglich bei einem Nachtrage zum Texte als beim Nieder- 
schreiben des Textes selbst begegnen kann, durch eine leichte Ver- 
schreibung entstellt Cicero, indem er von seinem Verhältnisse zu 
seinem Mitconsol Antonius im Jahre 63 spricht, sagt hier nach PG: 
^In qno collega sustinendo atque moderando, si meam in illo indul- 
gentiam ooniunctam cum summa custodia reipublicae laudare vere 
solebatifl, par prope laus P. Sestii esse debet, qui ita suum con- 
solem observayit, ut et illi quaestor bonus optimus civis videretur'; die 
offenbare Lücke ist sup. lin. m. rec. durch *et uobis*^) omnibus* (= W) 
ausgefülll Dagegen ist mit Recht von Halm S. 335 bemerkt worden: 
'Was soll hier eine Anrede an die Richter?'. Wenn er zugleich den 
faiterpolator tadelte, der ^illi' mit Videretur' verbunden habe, so hat 
er diese Auffassung sich später auch selbst zu eigen gemacht: statt 
seines früheren Vorschlags ^et reip.' hat er dann und wieder zuletzt 
K^Schljs *et Omnibus' angenommen, wonach nur ^uobis' als willkür- 
liche Ergänzung des Interpolators übrig bliebe''); ich halte meiner 
Aaffiasnung gemäsz für das richtige ^et bonis' (wohl besser als ^nobis', 
das Klotz in der zweiten Ausgabe schrieb) ^omnibus': warum man die 
in p beobachtete Stellung verändern und mit F. Richter (Jahrb. 
85, 271) ^et onmibus bonis"^) schreiben solle, sehe ich ebenso wenig 
ein als Halm, der zwar unter Richters Namen, aber mit der wie 
oben veränderten Wortfolge diese Lesart vorübergehend'^) in den 
Text genonunen hat. 

*Bex Ptolomaeus, qui si nondum erat ipse a senatu socius ap- § 57. 
peUaias, erat tamen frater eins regis, qui, cum esset in eadem causa, 
iam erat a senatu honorem istum consecutus, erat eodem genere 

") 'nobis', das mir sehr zu statten käme, im krit. Anhang in den 
letcten weidmännischen Ausgaben beruht wohl nur auf einem Druck- 
feiler wie 'nos' statt 'nos' in der letzten ebendaselbst zu § 146. — ") So 
Bit Anderen anch Eberhard, dem paläographisch nicht eben sehr ein- 
kocbif^nd 'nobis' Dittographie aus olbus scheint. — '^) Facultativ 'et 
boota'; to anch Paul a. a. 0. S. 319; wieder völlig frei schaltend 'et mihi' 
Cilichs Rhein. Mus. 83, 151. — "^) Jedenfalls in der vierten weidm. 
AiMg.; die zweite und <britte sind mir nicht zur Hand. 



54 Marim Herts: 

eisdernque maioribus, eadem Tetustate sodetatis, deniqae erat rex, 
si nondum sodus, at non hostis' u. b. w. So bietet die Überlieferung 
mit 6W and p; p hat die Worte ^honorem istom consecutas', die von 
der ersten Hand ausgelasBen waren, über der Linie nachgetragen. 
Statt dessen schlag Wesenberg ^honorem illum consecutas' vor (obss. 
crit. S. 9), ^haad improbabiliter' nach Halms Urtheil (in der Aasgabe 
von 1845); später vermuthete Halm ^illam honorem consecutus' oder 
*iam erat a senatu rex' oder *rex sociusqae appellatos' und nahm dann 
jenes in den Text, worin ihm Eajser und Heine folgten; zuletzt 
schloss er sich Yahlens (Bhein. Mus. 13, 298) aus den Scholien z. 
d. Si und aus § 59 sehr fein begründeter Lesart ^sodetatis et 
amicitiae honorem consecutus' an, die auch Hirschfelder und Eber- 
hard aufnahmen; Koch hatte ^sodus appellatus' geschrieben. Und woher 
alles das? weil man an ^istum' Anstosz nahm. Während Wesenberg 
sich aber dabei auf die ihm aus sprachlichen Gründen nothwendig 
erscheinende Änderung beschränkte, glaubte man andererseits die 
eingesetzten, willkürlich interpolierten Worte nach Belieben gestalten 
zu können: läge &e Sache so, dann würde man Yahlens Coi\jectur, 
die auf methodischer Erwägung beruht, bdstimmen müssen. Aber 
mir scheint auch hier gegen die handschriftliche Ergänzung keinerlei 
Einwand erhoben werden zu können. Könnte man jenes anstöszige 
^istum' freilich nur so retten, wie es Halm in der ersterwähnten Aus- 
gabe eventuell unternahm: ^Fortasse tamen Cic. honorem istum 
dixit, Caesarem et Clodium oblique tangens, qui regem Cjprium 
honore debito, quem eins frater Caesaris gratia acceperat, £raudas- 
sent, atque omnino in honore illo tribuendo denegandove quasi suum 
arbitrium pro lege habuissent', so würde ich den Versuch aufgeben, 
wie Halm selbst bald davon zurückgekommen ist. Aber auTÖc ö 
Tpuicac XÖTOC lärai: *Quod si istum illo loco sanum esset, ad 
iudices referendum erat, ut esset, aut quem vos datis aut de quo 
dicentem paullo ante me audistis' sagt Wesenberg. Jenes 
passt nicht, wie er richtig bemerkt, da die Richter damals nicht 
ausschlieszlich dem senatorischen Stande angehörten, — *hoe' setzt 
er dann hinzu sei ^a toto loco alienum, in quo, ut fit in re aliqua 
narranda, quasi regnat pronomen ille'. Aber wie oft werden die 
iudices apostrophirt, wie gern nimmt C. Bücksicht auf sie und nach 
der von W. scdbst an zweiter Stelle gegebenen unbestreitbar rich- 
tigen Erklärung (wozu noch C. F. W. MüUer zum Laelius S. 454 
zu vergldchen ist) steht nichts im Wege, dass C. , nachdem er eben 
von dem einen Bruder gesagt hat, dass er ^nondum erat a senatu 
sodus appellatus', von dem anderen zu den Richtern gewendet sagt, 
dass er 'iam erat a senatu honorem istum consecutus' d. h., um 
Wesenbergs eigene Worte zu gebrauchen, eum honorem ^de quo 
dicentem paullo ante me audistis'. 
§ 68. Ebenso unverdächtig sind § 58 die auch von p nicht ergänzten 

(und deshalb von Halm in diesem Zusammenhang in der mehrge- 



Zur Kriük von Giceros Bede für den P. Sestius. 



55 



nannten Abhandlung nicht berührten), aber von G und, wie es scheint, 
aemlich allgemein gebotenen Worte ^hoius imperii Mithridatem'. Der 
AoB&ll in PW ist offenbar nnr durch Honoioeoteleuton veranlasst, 
oniniUelbar vorher geht ^hostem'; der Satz selbst gewinnt diirch die 
euigeschobenen Worte, wenn er anch ohne sie bestehen kann, an 
Fülle nnd Farbe, und in dieser Beziehung sind sie auch unangetastet 
geUieben, wenn sie auch dem allgemeinen Yerdammungsurtheil, das 
Ebeihaid über diese ganze Periode geüQlt hat^ natürlich mit anheim- 
&ll«i.^) Ist man aber nicht dieser Meinung, wonach sich das Yer- 
hlltniss einigermaszen umkehren würde , so erscheinen jene Worte 
TdOig geschützt dadurch, dass Yalerius Maximus sie an dieser Stelle 
las. Denn nur auf sie kann seine Erzfthlung V 1, 9 zurückgehen, 
wie Iftngst erkannt ist und wie der Vergleich zeigt: 



Cicero 

Cum Armeniorum rege Tigrane 
grave bellum nuper ipsi diutumum- 
qae gessimus, cum ille iniurüs in so- 
0108 nostros inferendis hello prope nos 
lacessisset. Hie et ipse per se vehe- 
mens fuit et acerrimum hostem huius 
imperii Mithridatem pulsum Ponto opi- 
hvs suis regnoque defendit et ab L. 
LacuUo summo viro atque imperatore 
[rejpulsus animo tarnen hostili cum 
reliquis suis copiis in pristina mente 
mansil Hunc Cn. Pompeius cum in 
6xds castris supplicem abiectum vi- 
disset erexit atque insigne regium, 
qiiod üle de suo capite abiecerat, re- 
posuit et certis rebus imperatis regnare 
iossit, nee minus et sibi et huic im- 
perio gloriosum putavit constitutum 
s se regem quam constrictum videri. 

Es ist sehr deutlich wie Yalerius hier ganz von Cicero abhftngig 
ist, sowohl in Bezug auf den gesammten Bericht als auf einzelne 
Wendungen, aber ebenso deutlich ist es, dass er durch Kürzungen 
and durch Yerftnderung des Ausdrucks sich volle Selbststftndigkeit 
gewahrt hat. Dass Cicero den Tigranes ^hostem huius imperii' nennt, 
kann sicher nicht auffallen: er braucht diese Bezeichnung häufig 
auch in unserer Rede, z. B. noch einmal an dem oben abgedruckten 



YaL Max. 

Haec L. Pauli humanitas 
admonet me, ne de Cn.Pompei 
dementia taceam. BegemAr- 
meniae Tigranem, qui et per 
se magna cum p. r. bella 
gesserat et infestissimum 
urbi nostrae Mithridatem 
Ponto pulsum viribus suis 
protexerat, in conspectu suo 
diutius iacere supplicem pas- 
susnonest, sed benignis ver- 
bis recreatum diadema quod 
abiecerat capiti reponere 
iussit certisque rebus im- 
peratis in pristinum for- 
tunae habitum restituit, ae- 
que pulchrum esse iudicans 
et vincere reges et facere. 



^ Von E*8 Gründen scheint mir nur der gegen 'pulsns' gerichtete 

ttichhaltig, welches Ifto^st als verderbt anerkannt ist; am wahrschein- 

hehsten ist mir dafür die anch von mir selbst gefandene, durch das 

vodietgehende 'imperatore' paläographisch empfohlene Yermuthong Halms 

Aosg. T. 1862) 'repulsua'. 



56 Mariin Hertz: 

Schlüsse dieses Paragraphen. Dass gerade bei aller der Freiheit, 
die er sich sonst hier gestattet , Yalerius Maxitnus an diesen Aus- 
druck sich sklavisch habe halt^i müssen, wird man schwerlich be- 
haupten können, so wenig man Anstosz daran gefunden hat, dass 
er in demselben WortgefÜge Anstand nahm das ^acerrimum hostem' 
Ciceros in ^infestissimum' umzusetzen. Ich wenigstens kann Halms 
mit Bücksicht auf diese Nachahmung des Yalerius Max. in der 
zweiten Orellischen Ausgabe geäuszerte Ansicht Mdetur potiua 
huius urbis Mithridatem intercidisse, ut apparet ex imitatione 
Yalerii Maximi Y 1, 9' nur als einen Yersuch zur Stütze des kri- 
tischen Princips in Bezug auf den Werth dieser additamenta an- 
sehen, das gerade durch die offenbare Bücksicht des Yal. Max. auch 
auf diese eingeschobenen Worte nach meiner Ansicht den härtesten 
Stosz erh&lt, wobei es als nicht wesentlich erscheint, dass sie sich 
zufällig gerade von p nicht nachgetragen finden. 
§88. In § 88 schlieszlich liegt die Sache ebenso wie in § 8: von 

zwei mit ^ad' anfangenden Satztheilen ist der eine in P ausgelassen, 
sup. lin. m. 2 rec. nachgetragen, hier in Übereinstimmung mit dem 
Texte in GW. : *Huic gravitati hominis' (Milonis sc.) ^videbat ille gla- 
diator se, si moribus ageret, parem esse non posse: [ad ferrum, 
faces]'^), ad qnotidianam caedem, incendia, rapinas se cum exercita 
suo contulit; domum oppugnare, itineribus occurrere, vi lacessere 
etterrere coepit'. Ich halte das für richtig: die Anaphora der Prä- 
position und die dadurch gegebene Zweitheilung ist wie in ähnlichen 
Fällen nicht selten, so hier ganz besonders am Platze, wo dadurch 
die bildlichen Ausdrücke von den entsprechenden concreten geschieden 
werden; die Concinnität ist zwar dabei nicht völlig gewahrt, indem 
ein dem rapinae entsprechendes Wort im ersten Gliede fehlt ^), aber 
dafür ist ein prägnanter, hier noch durch das Asyndeton zur Einheit 
zusammengefasster und darum um so prägnanterer Ausdruck gewählt, 
der durch eine Copula'^) oder durch das in den Ausgaben sonst da- 
zwischen geschobene ^ad' sicher nichts an Kraft gewonnen hätte und 
dem so viele andere, wie gleich, um wieder nur in der Nähe zu 
bleiben, § 90 *qui ab aris focis ferrum flammamque depellit', ent- 
sprechen^), woneben, um nur bei diesem Ausdruck und bei unserer 

'^) 'ad ferrum, ad faces edd. (in codd. dett. locus deest)' Halm in 
der Orell.'. — *') Aber das findet sich auch sonst z. B., um nur das 
nächste herauszugreifen, in unserer Bede, so dass gleichfallB die beiden 
Worte der ersten Beihe mit einander in nähere Yerbindung gesetzt sind, 
§ 131 cum Omnibus machinis ac tormentis, vi ezercitu copiis oppugnarer. — 
••) So 'cum ferro et facibus* p. red. ad Quir. § 14; p. red. in sen. § 7. — 
'^) YgL die ausfCihrliche Erörterung in der so eben (Edenkoben 1881) er- 
schienenen Abhandlung von S. Preass de bimembrie dissoluti apnd 8ori> 
ptores BomanOB usu sollemni. Die Yerbindung 'ferrum faces' ist ihm ent- 
gangen, sonst würde er sie sicher ebenso angeführt haben als er mit 
Becht das unmittelbar verwandte 'ferro igm' (bei Liv. I 69, 1 ; II 10, 4 
mit folgendem 'quacumque denique vi possim' besw. 'q. vi possint' ver- 
bunden) hierherzieht (S. 36), das Livius sicherlich schon so im Gebrauche 



Zur Kritik von Ciceros Bede für den P. SestioB. 57 

Bede stehen zu bleiben, sich § 145 ^aris, focis, diis penatibus' findet 
(Anderes 8. bei Mergnets. Y. ara). Dieser einfachen Darlegung gegenüber 

TOifuid, wenn wir es auch litterarisch als ABvndeton nicht nachzu- 
«eiaen vermögen. Auf S. 8fgg. giebt P. einen Kurzen geechicbtlichen 
rberbUck über die Anwendung dieses Gebrauches. Aber in viel weiterem 
Um&pge tritt die in jener Abhandlung nur für gewisse Formeln, wie 
die hier Torliegende, für das sogen, asyndeton sollemne, erörterte Er- 
icheiaimg der a^rndetischen Verbindunff zweier coordinirter Bej^riffe uns 
mt^regeu. Zunächst in der arch&ischen Latinität, in der Komödie zumal, 
bei Lncrez (Ritschi zu PL Trin.' y. 802, Lachmann zu Lucr. U 118, beide 
aogeffthrt Ton Beifferscheid anid. crit. et sramm. vor dem Breslauer Vor- 
kfOBgareneiehniaae W. 1877 S. 10, vgl. auch die Bemerkung Wölfflins lat 
und roman. Gomparation S. li), daim aber durch alle Zeiten hindarch 
(t^. nnr die dnrch die ungesichtete Sammlnng von Dr&ger, bist. Syn- 
tax' II 193, bezw. 190, fP. zerstreuten Beispiele), wenn freilich auch in 
sehr Terschiedenem Maszstabe; natürlich wird diese Verbindung mit Vor- 
liebe Ton den Archaisten aufgenommen, an ihrer Spitze von Fronte s. 
Wölfflin fib. d. Latinität des Gassins Felix (Sitz.-Ber. d. bayr. Ak. 1880) 
S. 427, der jenen sicher mit Recht als Vermittler dieses Gfebraucbs für 
die afrikanische Latinität ansieht. Es ist das Verdienst von Reifferscheid 
in seinem Tortrefflichen Index zum Amobius (S. 347 f. vgl. auch die 
Audecta a. o. a. 0.) auf das um&ngliche Vorkommen bei diesem Kirchen- 
ichriftiteller auftnerksam gemacht und dadurch diese interessante £r- 
icfaeiBTing mm Gegenstande sorgfältigerer Beobachtung gemacht zu haben, 
die auch auf die Textgestalt der Schriftsteller nicht ohne Einfluss bleiben 
wird. 8o ffir Gellins, den Wölfflin schon neben Plautus, wo es Trin. 
1046 auf einstimmiger Überlieferung beruht, einer- und neben Fronte und 
Apuleine anderseits für die Verbindung 'uniyersi omnes' bezw. 'omnes uni- 
Tersi' herbeigezogen hat; Preuss erwähnt ihn wegen der entsprechenden 
Verbindung 'plerique omnes' S. 15 vgl. S. 60 und sonst passim. ('üniversi 
ceues' findet sich beil&ufig bemerft auch bei Varro de 1. L. X § 10, 
vieOeieht ist es auch nach dem Vorschlage Gorssens (origg. poes. R. 
S. 44»; de Volscorum lingua S. 17) bei P. D. s. v. axamenta S. 3 M. her- 
nistellen.) Kur skizzenhaft sind die Andeutungen über das Asyndeton 
ffir Fnmto und Apuleius bei Ebert acta sem. Erlang. II 350 f. bezw. bei 
Kodol d. Stil des L. Apuleius S. 327. Bei Gellius waren früher die meisten 
dieser Asyndeta durch eine Copnla zusammengeschweiazt worden, ich 
bitte diese nur an solchen Stellen beibehalten, wo mir ihr Ausfall paläo- 
ffTsphiseh angezeigt schien, meist, wo es sich nicht um mir als formel- 
haft bekannte oder so erscheinende Wendungen handelte, denjenigen Ton 
den beiden Ausdrücken, der mir als der minder erlesene vorkun, als 
Tfnnemtliches Glossem gestrichen. Die Berechtigung zu diesem Ver- 
&liTeB wurde mir zuerst zweifelhaft als ich aus Gell. VI 16, 1, wo ich 
'oeaanim (cibomm) exqnisitas delicias comprehendit', geschrieben hatte, bei 
AsuD. Xarc. XXX 4, 14 'cenarum ciborumque aucupantes delicias exqnisitas' 
tad und ich schrieb nun auch, trotzdem in den besten H»s. die Copula 
fehlte« bei G. 'cenamm ciborumque' (Hermes 8, 290). Jetzt ist mir kein 
Zweifel, dass die Copula von Ammian zugesetzt worden ist und dass 
Urr wie an rieten anderen Stellen Gellius sich dieses Asyndeton bi- 
aeabre bei eoordinirten Ausdrücken bedient habe; dass nicht einmal die 
toofi betten Hse. hier die volle Eigenthümlichkeit des Schriftstellers 
wiedergeben, zeigt sich bei G. 1 3 19, wo V(at.) P(ar. reg.) R(ott.) 'contra 
tos ei eontra quam licet' schreiben, der vai-palat. Palimpsest allein 
'coolim ins contra quam licet' ; aber an vielen Stellen bieten sie, insg^- 
namt oder einzelne, diese Form des Ausdrucks dar, der unzweifelhaft 
ikr Plalx im Texte gebührt; so, um nm- ans einigen Büchern Beispiele 



58 Martin Hertc: 

erscheint mir die Verurtheilung dieses Supplements, vornehmlich wegen 
der ^schlechteren' Form W ferrum, faces' gegenüber der von den 
Ausgaben früher gebotenen^ nicht gerechtfertigt, obwohl sämmtliche 
Herausgeber Halm folgen und diese krftftigen und dem Ausdruck 
Leben und Colorit verleihenden Worte also mit ihm als reine Wieder- 
holung oder Glosse der Worte ^ad cotidianam caedem, incendia' ein- 
klammem oder ganz aus dem Texte verbannen. Ganz entsprechend 
hiesz es kurz vorher (§ 85) *ferro, faci^^us, exercitu Glodiano', wo die 
beiden ersteren Ausdrücke ebenso eine enger zusammengehörige Ein- 
heit bilden, wie an dem in der Anm. a. 0. Preuss das livianische 
^ferro, igni, quacumque vi possim' erklärt; die Condnnitftt in Bezug 
auf die Entsprechung von je drei Elementen, aber unter Hervorhebung 
der Bestandtheile der ersten Reihe durch Anaphora des pronomen 
relativum, während die zweite asyndetisch zusammengefügt ist, 
finden wir bei Anwendung derselben Worte § 2: *quos lapidibus, 
quos ferro, quos facibus, quos vi manu copiis delere non potuerunt'; 
unbedenklich hfttte auch hier, wenn es ihm nicht auch um die An- 
führung der lapides zu thun gewesen wäre, Cicero nicht nur schreiben 
können *quos ferro, quos facibus', sondern auch ^quos ferro fiacibus, 
quos vi manu copiis d. n. p'. 

Damit hoffe ich den Beweis geführt zu haben, dass wie in der 
Bede de provinciis consularibus nach Halms eigenem ürtheil, so 
auch in der Sestiana keine der besprochenen durch p (bezw. meist 
ebenso in G) ergänzten Stellen einen irgend mit Sicherheit zu be- 
gründenden Verdacht darbietet, so dass auch die Vermuthung, dass 
für die Ausfüllung der Lücken pr. m. ia jener Bede eine andere 
Handschrift benutzt sei, dadurch mindestens sehr an Wahrschein- 
lichkeit verliert. 

Diesen durch ein inneres Band zusammengehaltenen Erörte- 
rungen sei noch die Besprechung einer Anzahl einzelner kritische 

anrafahren, y 6, 1 'multae vaiiae' (si 'multi^mae'); V 10, 9 ^conioiendae 
conaistendae' V ('conaistendaeqae' PB); V 21, 6 ^magnis seriis' ('magis 
seriis 0; ebendas. poetarum oratorum, VI 1, 7 dicta ÜEusta und assidebat 
oppugnabat, VI 8, 7 defensum conservatum B, wo VP überall ein que 
hinnisetzen; VI 1, 3 territis exciamantibus B territU et clamantibos VP ; 
VI 5, 1 olaritadine vetastate V (et vet. P; B fehlt hier bereits); 12, 6 
femineas (feminaa VP) probrosaa VP^ (ao probr. vg.). [Dies war ge- 
schrieben und das Ms. zum Drucke abgeschlossen, als mir Wölfflin in 
oft bewährter coUegialisoher Freundlicluceit seine neueste, vielfiftch inter- 
essante Abhandlang über die allitterierenden Verbindungen der lateinischen 
Sprache (Sitzungsber. der bayr. Äk. 1881 S. 1 — 94) susandte. Hier wird 
über das Asyndeton als die älteste Form dieser allitterirenden Verbin- 
dungen gehandelt S. 13 ff.; 'ferro face (facibus)' belegt er ausser den 
oiceronischen Beispielen S. 66 auch durch Dichterstellen, bei denen frei- 
lich, wie bei einigen oben angeführten ciceronischen , ein Verbindangs- 
wort dazwischen getreten ist: 'ferro et face' Auson. idyll. 19, 2 and in 
umgekehrter Ordnung 'face . . . ferroque' Verg: Aen. IV 626; 'dum face, 
dum ferro' Auson. perioch. IL 16.] 



Zur Kritik Yon CiceroB Bede fSr den P. Sestias. 59 

Sehwieiigkeiten darbietender Stellen nach der Suszerlichen Beihe- 
b]ge aogescbloesen. 

im § 9 wird erzählt, dass Sestias als Quästor im Jahre 69 mit § 0. 
aeinen Troppen einen iribunns militom des Antonius aus Capua ver- 
txieb, 'hominem perditum et non obscure Fisauri et in aliis agri 
Gaüici partibus in illa coninratione yersatum'. Die beste Überliefe- 
nng nennt ihn *g. meuolanum' (^meuolanum' m. 2). Für diesen offen* 
bar Machen Namen, der in den codd. dett. mannigfach entstellt und 
durch andere .frühere Vermuthungen nicht mit einiger Wahrschein- 
liehkeit hergestellt war, vermuthet £• Hübner ephem. epigr. II S. 41 
sehr ansprechend ^Mefulanum', welcher Name von ihm hinreichend 
dozth Hinweisung auf den pagus Meflanus in Benevent auf der tab. 
aüm. Lig. Baeb. und das MEFV . . . einer stadtröm., freilich nur 
vu dem ms. Gud. nach Bycquius Mittheilung bekannten Inschrift 
(CIL I 638) gestützt erscheint '^ Urlichs (Bhein. Mus. 33, 151) 
scheint dieser einfache und ansprechende Vorschlag unbekannt ge- 
blieben zn sein, als er C. Faesulanum zu schreiben rieth. 

Eine andere Möglichkeit einer nicht femer als Hübners Ände- 
rong liegenden Verbesserung bietet eine gleichfalls aus republika- 
nücher (sullanischer ? s. Bitschi zu PLME LXXVII F) Zeit stammende 
etpnamsche Inschrift CIL 1 1213: Q. TIBVBTI Q • L • MENOLAVI* 
CVLTRARI • OSS • HEIC • SITA • SVNT • (cf. n. 1321 L • GAVILI- 
L • L - MENOL"); ein Menolaus L IBNL 4798, ein Menola . . das. 
3607,39). Mit einer einfachen Metathesis ergiebt sich hier unter 
BerOAsiehtigang der wohl das ursprüngliche wahrenden Besserung 
iD 6 ^C. Menolavum', das meines Erachtens denselben Qrad von 
Wahrscheinlichkeit fCbr sich in Anspruch nehmen kann als ^Mefulanum'. 
Welches von beiden das richtige sei, wird sich kaum ermitteln 
laasea. Dass der tr. mil. nach meiner Vermuthung einen Beinamen 
tmg, den offenbar sein Qroszrater vor seiner Freilassung geführt 
bitte, bat nichts Befremdliches. Cicero mag ihn, falls die ansge- 
^rocfaeae Vermuthung richtig ist, sogar absichtlich statt des uns 
nabekaiinten Nomen gesetzt haben, um den unfreien Ursprung des 
TOB ihm verachteten Menschen zu bezeichnen. 

Wohl die verzweifeltste und am meisten umworbene Stelle der § 15. 
Bede findet sich im § 15. Cicero sagt hier zunächst, es sei noth- 
wendig, ehe er seine Besprechung des Tribunats des Sestius (57 v. C.) 
begioBe, *totum superioris anni' (58) ^naufragium ezponere, in quo 
eoUigeodo ac refidenda salute communi omnia reperientur P. Sestii 

") Das beigefügte Citat aus Mommsens unteritalischen Dialekten 
S. S4S eeheint aus Versehen hieher geräthen. Es findet eich auch bei 
fiahs-Or.' zo dieser Stelle, wo S. 248 gemeint ist. — '*) Inschr. v. 
Caere. Andere Gavilier (L. Qaviii. L. 1. Stati; P. Gavili L. f.; Gavilia. 
M. f.) ebendaher n. 1822—1324; ein L. Tiburtins im Heere des Cäsar 
^. c. III 19 als höherer Offizier, da er dort unter den Verwundeten nach 
Cwittliiis Balbofl, M. Plotins namentlich genannt und darauf ^centuriones 
mlüesgoe nonniüli' hinzugefügt wird. 



60 Martin Heits: 

dicta, facta, consilia versata'. Darauf flUirt er nach der hsl. Über- 
lieferung fort ^Fuerat ille annus tarn in re . p. iudices (*iud' G) cum 
(*quam' pG) in magno motu et multorum timore intentus arcus in 
me unum, sicut yulgo ignari rerum loquebantur^ re quidem' (*qui- 
dem Vera' pG s. S. 41) *in universam remp. . traductione ad ple- 
bem furibundi hominis' (^homines' 0) ^ac perditi, mihi irati' (W- 
chirati' P m. l), *sed multo acrius otii et communis salutis inimici'. 
Die früher gangbare Lesart ^fuerat ille annus in reip. magno motu 
et multorum timore tanquam intentus arcus in me unum' u. s. w. 
wurde aus äuszeren und inneren Gründen von Madvig zurückge- 
wiesen (opusc. acad. S. 447 &), Die von ihm empfohlene Lesung 
^faerat ille annus iam in rep., iudices, quum in magno motu et m. 
t. intentus est arcus in me unum' entfernt sich zwar wenig von der 
Überlieferung, aber sie hebt die chronologische Verwirrung nicht 
auf: ^praecesserat, inquit', so erklärt Madvig, *ille annus; deinde ad 
cum qui propositus est venit paulo post: Qui tribunus plebis etc.' 
Aber, wenn man die ganze Stelle ins Auge fasst, so steht nach seiner 
Lesung doch da nicht, was der Sinn und der Hergang der That- 
Sachen fordert: gewesen (vorübergegangen) war bereits jenes Jahr 
(59), in welchem durch den Übertritt des Clodius zur plebs der 
Bogen gegen mich allein gespannt wurde, sondern: gewesen war be- 
reits jenes Jahr, als gegen mich der Bogen gespannt wurde, und es 
musste mindestens, um Madvigs Absicht zu entsprechen, statt ^cum' 
gelesen werden ^quo', eine leichtere Änderung, wenn man bedenkt, 
dass das *cum' in P auf ein ^quom' im archetypus zurückgeht, das 
auch durch das ^quam' von p G hindurchschimmert. Ist so den 
Forderungen auf Correctheit für den Zusammenhang und für die 
Beihenfolge der Thatsachen genügt, so scheint mir doch der Ausdruck 
^fuerat ille annus iam in rep.' ein wenig ciceronisches Gepräge zu 
tragen, und in seiner kahlen Nüchternheit zumal an dieser sonst so 
schwungvollen Stelle einer der glänzendsten Beden sicher nicht an 
seiner Stelle zu sein. Das ist denn auch Anderen so erschienen. 
Mit Becht fragte Fr. Jacob (Philol. 3, 493): 'Was heiszt aber fue- 
rat annus in republica? anderswo nicht? offenbar vermisst man zur 
Vervollständigung des Sinnes ein Beiwort, wie calamitosus'. Seinen, 
von der Überlieferung freilich weit entfernten und eine Beihe anderer 
Vorschläge theilt Halm*Or.^ mit, die ich hier nicht wiederholen will ; 
Halm selbst fügte seinen früheren Aufstellungen (vgl. auch die Ausg. 
mit tat Comm. S. 107^') die Vermuthung 'furere coeperat ille annus 
iam' in den späteren weidmannischen Ausgaben hinzu, während 
Eöchly seiner bei H.-Or. angeführten Conjectur in seiner Übersetzung 
(1871) 'furere coeperat ille insanus iam' substituirte ; J. Jeep hatte 
die seinige Herruerat ille annus iam' (Jahrbb. 73, 1856 S. 295 f.) 

") Sein 'iurebat ille annus' ist ohne davon Eenntniss zu haben wieder 
vorgeschlagen worden von G. Wagner Wissenschaft]. Monatsblätter 1875 
S. 79. 



Zur Kritik von Ciceros Bede fSr den P. Sestias. 61 

doieh eine gekünstelte EsklStnng za begründen versucht, noch früher 
Aniold ein wunderliches *erat ille annus in reip. m. et m. tim. in- 
tentas in me nnum' (s. Eckstein Jabrbb. 32, 462) aufgestellt; ^fune« 
stos' (so auch E. F. Eberhard) ^fuerat ille annus iam in rep., qumn' 
I oder *quo') yermuthete Dryander in seinen coniectanea Cic. S. 1 ff. 
(1861) und ebenso 0. Heine (1868); mit weitergreifender Änderung 
hatte Baa Tar. leci I 165 ff. schon 1842 vorgeschlagen %erat ille 
saums^ in reipublicae magno motu et m. t. intentus in me unum', 
sodi dorchschlagender erkl&rte H. A. Koch Z. f. d. Qymnasialw. 
1861, 386 die Anfangsworte des Satzes bis ^cum' für ein Glossem 
BBd lae üi magno motu et muliorum timore intentus erat arcus in 
De onom'; wenigstens jenes liesz er in der Ausgabe follen und 
sehrieb nun, freilich immer noch nach sehr subjectivem Ermessen, 
'ialaium erat illnd yolnus iam tum reipublicae, iudices, cum in m. 
D. et m. t. intentus erat a. in me u.'; dafür A. Eberhard in der neuen 
Bearbeitiuig ^fnnestus' (s. oben) ^ille annus iam impendebat reip., iu- 
dices, eam . . intentus est'; im Anhang möchte er (in Anlehnung an die 
fmhere Conj. Eöchlys) lesen ^ruebat ille annus iam in remp/. In- 
xwisehen hatte Eayser vorgeschlagen ^fuerat ater ille annus iam in 
rep.', Klota ^futurus erat' oder Hum erat' ; zuletzt (1878) sprach ürlichs 
iMos. 33, 152) das Verdict: *Man hat zu schreiben Nondum ortus 
iiierat ille annus tam infestus reipublicae (58 sc), cum intentus est 
treas in me unnm u. s. w.'. 

Indem ich gestehe, dass ich, so scharfsinnig mein verehrter 
Freimd Urlichs dieses energische Zerhauen des gordischen Knotens 
aaefa in palftographischer Beziehung zu begründen weisz, diese Lö- 
eng Ittr ebensowenig überzeugend halte als die von Ba,]m und 
oir angeführten, glaube ich keineswegs, dass mein Versuch die volle 
rbenengnngskraft besitze. Doch mag er immerhin neben so vielen 
udexen versuchen sich Gehör zu schaffen. Dem Sinne nach mit den 
adsien der nach Madvig gemachten Vorschlftge übereinstimmend 
Tcmntfae ich: ^fngerat ille annus iam inrep[arabilis reip.], iudices, 
^0 intentus est arcus in me unum' u. s. w., wobei ich mit vielen 
aaderen *iam' von Madvig entlehne; *quo' ist im vorhergehenden be- 
grttadet worden; in der Hauptsache berufe ich mich auf ^tempora 
übotnr' (Ov. fast. VI 771); *eheu fugaces, Postume, Postume, labun- 
tor aani' (Hör. c. H 14, l); *sed fugit interea, fugit irreparabile 
tenpus' (Verg. G. III 284 s. auch Colum. XI 1 § 29 'praelaben- 
ti» vefo temporis fnga quam sit irreparabilis quis dubitet?'); ^breve et 
m^qiarabile tempus Omnibus est vitae' (ders. Aen. X 647); ^fluunt 
^ et irreparabilis vita decurrit' (Sen. ep. 123, 10 H.). Diese Stellen 
OB Zusammenhang betrachtet, rechtfertigen vollständig die gewählte 
Aasdnieksweise, w&hrend diplomatisch die relative Leichtigkeit des 
Vorschlags keine Anfechtung erleiden dürfte; aber für das Vor- 
koaunen von irreparabilis kennen wir allerdings sonst kein Beispiel 
^'M Virgil, das nftchstver wandte irrevocabilis findet sich dagegen 



62 Martin Hertz: 

wenigstens bei einem Zeitgenossen Ciceros, freilich auch einem 
Dichter, Lucr. 1468. Aber Cicero selbst braucht eine grosse Menge ana- 
loger Bildungen, vornehmlich natürlich in den philosophischen, aber 
auch in anderen Schriften; manches ist als bereits allgemeingültiges 
Sprachgut von ihm übernommen; inenodabilis ist uns vor ihm nur 
aus Accius bekannt, inaequabilis und incommutabüis sind ihm mit 
Varro gemein, eine Reihe anderer finden wir zuerst bei ihm, wie 
^immutabilis, ^implacabilis, inaestimabilis , indissolubilis, ^inexpia- 
bilis, inexplebilis, inexplicabilis, inexpugnabilis, inhabitabiüs, *innu- 
roerabilis, insanabilis (die mit einem Stern bezeichneten kommen in 
den Reden vor) ; fast durchweg sind sie in mehr oder minder allge- 
meinen Gebrauch gekommen; auch das von Cicero nur einmal ge- 
brauchte irritabilis (an Att. I 17, 4) wird man hierher stellen dürfen, 
wenn er die aus Priscian XV § 10 und 14 S. 1008; 1011 P. zu 
entnehmende Ansicht über den Ursprung dieses Worts hegte; an 
diesem Orte mOchte ich aber namentlich noch auf insaturabilis hin- 
weisen, das wir nur aus einmaligem Gebrauche in unserer Rede 
(§ 110) und auszerdem aas der Vulgata kennen (in der Stelle des 
Orosius, aus der es früher noch angeführt wurde , bieten die besten 
Hss. inexsaturabilis nach Zangemeisters Mittheilung bei Georges^ 
u. d.W.; auch das von Cicero einmal de n. d. II 64 gebrauchte, ent- 
sprechende Adverbium hat sich nicht durchgesetzt und wird nur 
noch aus Yenantius Fortunatus nachgewiesen). 
§19. § 19 in der drastischen Schilderung des Piso findet sich die 

vielbesprochene Stelle: ^Nam quid ego de supercilio dicam, quod tum 
hominibus non snperciHum, sed pignus reipubUcae videbatur? Tanta 
erat gravitas in oculo, tanta contractio frontis, ut illo supercilio 
f antuus ille niti tanquam vade videretur'. Hierin ist Vade' von Mad- 
vig, noch ganz abgesehen von der Beweiskraft der dafür beigebrach- 
ten Citate, mit überzeugender Sicherheit in den Text eingesetzt (op. 
acad. S. 449 ff.), eine sichere Emendation für das monströse ^antuus', 
wie P. schreibt, ist noch nicht gefunden; der Gemblacensis bietet dafür 
^anantuus', der Pal. IX dittographisch \el amnantins anancius', ein von 
Tumebus angeführter codex sowie (wenn nicht etwa mit diesem iden- 
tisch) die Hs. von S. Victor^ denen sich dann auch derBemensis gesellte^ 
'mantuus', andere Hss. ^mantius, an mantuus, aumantius'. Die völlig 
abweichende ehemalige Vulgata ^ut illo supercilio respublica tanquam 
Atlante coelum niti videretur' bleibt selbstverständlich bei einem 
Herstellungsversuche ganz aus dem Spiel; auch die auf hsL Lesarten 
gegründeten Versuche von Tumebus (adv. XX 3 ^mortuus' oder ^man- 
ous') und von Gruter (^anancaeus') werden Niemanden überzeugen; 
dem Sinne nach wird man Lambins ^annus ille' vorziehen, das aber 
die Verderbniss unerklärt lässt. So lange dem Bern, selbstständiger 
Werth beigemessen werden konnte, hielt ich die Lesart einiger alten 
Ausgaben (die Ascensiana H und die Cratandriana werden daftlr 
angeführt), ^Rbadamanthus', die auch von Wunder in den Jahrbb. f. 



Zur Kritik von Ciceros Bede für den P. Sestius. 63 

PhiL 3 (1827), 134 empfohlen worden war, für die wahrscheinlichste 
lAnng des Bftthsels; das sprichwörtliche 'Pabd^avOuc Toüic Tpö- 
TTOUC C^r\Q€ix\ fiv ifd tivoc biKQiou') fand darin einen ironischen 
Widerklang, und an arger Verderbniss des Namens fehlt es auch 
soBst nicht (^adihadamante' der Pal. vet. PL Trin. y. 928), auch nicht 
an der, wenn anch beschr&nkteren Verstümmelung (^ramantus' schol. 
Iqt. I 10), deren es bei manchem sonstigem analogem Vorkommen 
nidit einmal znr Begründung bedürfen würde. Sicher habe ich in 
meinen Vorlesungen bei Anführung und in früherer Zeit auch bei 
erentneller Empfehlung dieser Conjectur nicht unterlassen, die Ur- 
heber derselben zu nennen^), was ich bemerken zu müssen glaube, 
weil ein ehemaliger Zuhörer, Herr Ludwig Polster, der im Anfange 
seiner als Beilage zum Programm des Gymnasiums zu Ostrowo 1879 
enehienenen Quaestiones Tullianae die fragliche Stelle behandelt, 
diese Vermuthung ohne eine weitere Bemerkung der Art als eine 
Ton mir Toigetragene erwähnt. Als die seine bringt er dann den 
Namen des etruskischen Todesgotts Mantus vor; wiederholt habe 
aoeh ich erwfthnt, dass mir dieser Name »hier in den Sinn gekommen 
id, indem ich dabei an den horazischen Cadmas in der an den 
Etmdcar Maecen gerichteten sechsten Satire des ersten Buchs des 
Horsz V. 39 erinnerte, den ich damals glaubte als den tuskischen 
Hermes und somit als i|iuxoitö^itoc deuten zu dürfen. In dem Jahre, 
in welchem sich Hr. P. unter meinen Zuhörern befand, muss ich diesen 
Ein&U wohl unerwähnt gelassen haben. Jedenfalls habe ich ihn später 
ebenso iallen lassen alsBhadamanthus mir sehr problematisch scheint, 
gegen den sich auch Hr. P. erklärt. Aber auch die von ihm vorgefUhrte 
Figur ans der etruskischen Oötterwelt, der bei C. meines Wissens nichfcs 
n die Seite zu setzen ist (abgesehen davon, dass mir auch der bei 
Boras viel besser motivirte etruskxsche Cadmus mindestens zweifel- 
kift geworden ist), wird man aufgeben müssen. Für beide ist 
ndem die paläographische Grundlage erschüttert, seit die Be- 
deutongalosigkeit des Bern, nachgewiesen worden ist, dessen Lesart 
Hr. P. auch jetzt noch ganz allein als maszgebend für die Emenda* 
üon anfahrt War es schon früher schwierig, bei den eben be- 
iprodMoen Vorschlägen die Verdoppelung des u am Schlüsse des 
Toraehmlich von dieser Hs. gebotenen ^mantuus' zu erklären, so wird 
jetzt, nachdem das Verhältniss des Bern, zu dem maszgebenden Pari- 
jinas angeheilt und damit der Anlaut m als Grundlage für die 
Pmepdatiop in Wegfall gekommen ist, eine paläographische Begrün- 
hmg derselben, auch wenn man auf die Gemination in G Werth legen 
n soQen glaubt, noch yiel mislicher. Von den sonst vorgetragenen 
ionen aber schien und l^cheint mir kaum eine eine gröszere 



**\ Ich habe ausser Wunder, da mir die Notiz über jene alten 
ioigaben ent sjAter bekannt geworden ist, früher die dahin zielende 
AsBerkuig bei Lambin, der Keine Qnelle namentlich anführt, dabei 



64 Martin Hertz: 

Wahrscheinlichkeit zu bieten, noch abgesehen von solchen Unge- 
heuerlichkeiten wie sie ein Becensent der ersten Halm'schen Aus- 
gabe mit deutschen Anmerkungen vorschlug (Jahrbb. 69, 41), der 
den ganzen Satz *ut illo supercilio — videretur' nicht nur nach dem Vor- 
gange von 0. M. Müller für ein Glossem erklärte, sondern ihn da- 
zu mit der Fassung beschenkte 'ut illo supercilio columine tntius 
illa niti tanquam videretur!' Halm-Or.* führt von solchen Ver- 
muthungen auszer Schütz' ^consulatus' K. F. Hermanns nach seiner 
Theorie auf den Bern, gestütztes ^magistratus' an: von anderen sind 
mir bekannt geworden ^Manlius ille niti Torquatus videretur' (Fr. 
Jacob PhUol. 3, 494); Wni totius moles niti videretur' H. A. Koch, 
der ^tanquam' für eingeschoben erklärt; Interpolation in dem oben- 
bezeichneten Umfange erkennen auch Alb. Schroeder in seiner Bonner 
Dissertation von 1865 de interpolationibus (auf dem Titelblatte steht 
freilich zu lesen intrepellationibus) in duabus Cic. oratt. p. Sest. et 
p. Plane habitis S. 7 ff. und Eberhard an; noch umflbiglicher von 
^Tanta erat gravitas' an wird sie von Bake (schol. hypomnem. I 64), 
Eajser, Ortmann in seinem an Interpolationsaufspürungen allzu- 
reichen Aufsatze in der Zeitschrift für das Gjmnasialwesen 1879 
S.417 ff. angenommen, während Schütz vielmehr den vorhergehenden 
Satz ^quod tum hominibus — videbatur' für ein eingeschobenes Glossem 
gehalten hatte. Mir scheinen alle diese Annahmen nicht hinlänglich 
begründet; an ^Catamitus' (also sicher mit Unrecht an Gabinius) nebst 
weiteren von ihm selbst als Hariolation bezeichneten Veränderungen 
dachte Orelli (Ausg. v. 1832), ebenso mit seinem ^cincinnatus' J. 
Jeep in seiner Gratulationsschrift an die Braunschweiger Philologen- 
versammlung 1860 S. 8 f. und A. Weidner Script, crit spec S. lO 
(indem er 'autuus* als Lesart des P. anführt) mit seinem ^auloedus'; 
dagegen hatte an den Spitznamen des Piso Calventius ein Becensent 
der MüUerschen Ausgabe (von Orelli angeführt) in der allgemeinen 
Schulzeitung 1828 n. 50 erinnert; *annus novus' endlich schlug nicht 
nur vor (Jahrbb. 91, 776), sondern nahm es dann auch in den T6xt 
R. Klotz. Von diesem bunten menu, das ich vielleicht noch nicht 
einmal vollständig darbiete, hud und finde ich nichts völlig schmack- 
hafb: ich selbst war inzwischen auf die sich zunächst darbietende 
Auflösung des ^antuus' in ^anticus' verfallen, das dann mir wie Urlicha 
(Mus. 33, 150) von F. Bichter (Jahrbb. 85, 272) vorweggenommen 
worden ist. Aber auch R. scheint wie mir die Emendation damit nicht 
vollendet, sondern noch der Ausfall eines Substantivs angenommen wer- 
den zu müssen; am nächsten scheint mir ebenso graphisch zu liegen als 
sinnentsprechend zu sein Wticus cos. ille', ohne dass ich damit das 
rechte glaubte getroffen zu haben. Däss aber Bichter öffentlich zuerst 
die richtige Heilmethode gewiesen hat, halte ich für ziemlich sicher. 
§ 23. § 23. In der mit Bitterkeit nicht minder stark gewürzten 

Darstellung der Hinneigung desselben Piso zum Epikureismus nennt 
Cicero nach der in Volks- und Gerichtsreden üblichen Gewohnheit 



Zur Kritik von Gioerot Bede für den P. Sestias. 65 

nielit des Namen des giieefaischen Philosophen und seiner Schule, 
die er in der Senatsrede gegen denselben Piso namentlich bezeichnet 
(§ 68 ff.). Noch bedenJdiülker wird man sein in einer Rede jener 
Gafctong einen griechischen terminns technicus anzuerkennen oder 
eiDfla solchen gar einzusetzen, und doch, glaube ich, ist das an 
dieser Stelle die einzige oder dö<di die annehmbarste Bettung. *Lau- 
diJ>at', heiBrt ee nach der haadsohriftUchen ÜberUeferuBg, 'homo 
doetos philosi^oa nescio quos neque eorum tarnen nomina poterat 
dkare, sed tarnen eos laudabat maxime' (^mazime' fehlt in G) *qui 
dieantar praeter ceteros esse auotoree et laudatores voluptatis, quoius 
et quo tempore et quo modo non quaerebat, verbum ipsum omnibus 
unmi et corporis deyorat' (L Mevorarat' mit ed. luni; Mevorabat' yg.). 
Dms das Torletzte Wort, statt dessen P nur ein mit Mevorat' verbun- 
deDee *eo' darbietet, von jtingster Hand (P' nach Or.'-H.) dort so richtig 
erginzt ist, wie es auch GW bieten, ist ebenso unbezweifelt, als, um 
Halms Worte a. a. 0. zu gebrauchen, mindestens sehr wahrschein- 
lich, ^substantiTum quod deest post corporis intercidisse', wfthrend 
man früher ein solches nach ^omnibus' eingesetzt hatte. Eine Reihe 
TonVorschlfigen von beiderlei Art theilt eben da Halm mit; die meiste 
Verbreitung davon hat Orellis ^corporis partibus' gefunden. Andere 
nahmen sehr überflüssiger Weise Glosseme an: so Emesti, Schütz. 
iueh ausser den a. a. 0. verzeichneten hat es an Versuchen nicht 
gefehlt, die mir nicht annehmbarer erscheinen als jene anderen, die 
naa dort nachsuchen möge: ^auribus' (st. ^omnibus') ^animi et corporis' 
Mhhig F. Öhler vor PhiloL 13, 669; ^omnibus nervis animi et corpo- 
ris' Weidner (script. crit. spec. S. 10). Am wahrscheinlichsten erschien 
■BT lange Zeit die Yermuthung von Fr. Jacob phil. 3, 495 ^omnibus 
sBimi et corporis portis'. Aber diplomatisch noch leichter und sach- 
lich mindeetens ebenso entsprechend dürfbe ^corporis poris' sein, wozu 
man sich den Heliogabalus *per cuncta cava corporis libidinem re- 
e^nentem' (Lamprid. vit. Hei. 6) als Seitenstück denken möge. In 
^en 'poris', das jetzt freilich selbst aus Plin. n. h. XX § 228 ver- 
bannt, nur in sp&tester Zeit sich nachweisen iSsst, liegt aber eine 
ironische Anspielung auf die Ausdrucksweise, die, auch sonst iSngst 
ukd nicht nur für das Leibliche gebrSuchlich (s. nur die im ind. zu 
den doxographi Gr. s. v. Tröpoc angeführten Stellen), in der epiku- 
fäsehm Schule grade für die hier in Betracht kommenden Verhält- 
nisBe die gangbare war; die Hinweisung auf die Äuszenmg Plutarchs: 
oiovTca bi iT€pl yacripa tätoöäv cTvai kqI touc äXXouc TTÖpouc 
Tiic copicöc fiirovrac, bi* i&v f|bovf| xai ixi\ dXTTibu)V inexcipxe- 
xm (n. posse suav. vivi sec. Epic. c. 3) wird dafür an diesem Orte 
vöDig genl^^. Sollte nicht Cicero in dieser vor Übermuth spru- 
delnden Schilderung sich einmal eine solche Abweichung von dem 
kexgebrachten gestattet haben, die bei vielen Bichtem sicher, wäh- 
rend sie den Gegner brandmarkte, ein ihm günstiges Lächeln her- 
nlen mnsste? 

lakfbi f. elMt. PUloL Snppl. Bd. Xin. 6 



66 Martin Herix: 

Unmittelbar yor den eben besprochenen Worten bietet die 
§ 22. Überlieferung am Schlüsse von § 22 ^Videbamus genus vitae, 
desidiam, inertiam, indusas eius libidines qui paulo propios accesse- 
rant intnebantur, deniqne etiam sermonis ansas dabat, quibus recon- 
ditos eius sensus tenere possemus'. Unter den verschiedenen Ände- 
rungsvorschl&gen zu dieser Stelle scheint mir der zuerst von Jeep 
yor längerer Zeit (in den Jahrbüchern f. Phil. 73, 296) yorgelegte, dann 
auch yon Weidner (a. a. 0. S. 5)'^) selbstständig gefundene, aber 
palftographisch schlecht begründete ^sermo hominis' statt ^sermonis' zu 
lesen, immer noch der wahrscheinlichste, wie er auch in den späteren 
Halmschen Ausgaben der Bede mit deutschen Anmerkungen und bei 
Eberhard Aufnahme gefunden hat Freilich würde zu dem Anfange 
des yon § 24 ^ex bis adsiduis eius cotidianisque sermonibus' noch 
besser das yon H. Sauppe bei Orelli'-Halm yorgeschlagene ^ser- 
mones ansas dabant' passen. Doch irclx^ wie Halm in der eben 
genannten Ausgabe und habe jene Worte nur wegen des Zusam- 
menhanges berührt, in welchem sie mit dem eben schon angeführten 
§ 24. Eingange des § 24 stehen. In seinem ganzen Verlaufe lautet der- 
selbe: *Ex bis adsiduis eius cotidianisque sermonibus et quod yidebam, 
quibuscum hominibus in interiore parte aedium yiyeret et quod ita 
domus famabat, ut multa eius sermonis indicia redolerent,' (^redoleret' 
al.) ^statuebam sie, boni nihil ab illis nugis esse exspectandum, mali 
quidem certe nihil pertimescendum'. Hier ist das ^eius sermonis' all- 
gemein beanstandet und wird auch nicht erträglich, wenn man § 22 
' den Singular ^sermo hominis' oder dergl. liest, da es zu dem nächst 
yorhergehenden ^ex his adsiduis eius cotidianisque sermonibus' nicht 
passt. Man scheint jetzt ziemlich allgemein nach dem Vorgänge yon 
F. Eichter (Jahrb. 85, 272 f.) anzunehmen, dass ^sermonis' aus dem 
yorhergehenden ^sermonibus' falsch ergänzt sei: er selbst dachte dafür 
an Mtae', ^libidinum', ähnlich Halm (zuletzt 1880): ^sermonis ist 
schwerlich richtige Lesart; man hätte eher sordium, caeni (sordidae 
yitae) oder einen ähnlichen Begriff erwartet', ^eius nidoris' nahm 
Eberhard in den Text auf mit der Bemerkung, *der Sinn yerlangte 
einen Begriff wie disciplinae oder einen dem entsprechenden bild- 
lichen Ausdruck'. Von derselben Anschauung ausgehend hatte Probst 
(Jahrbb. 97, 352) ^eius sodalicii' oder ^eius sodalitatis' yorgeschlagen 
und entsprechend empfiehlt E. Schenkl neuerlich (Wiener Studien 
2, 300) ^eius sectae'. Mir scheint yielmehr der Fehler nur in der 
falsch, wie so häufig, dem nächst yorhergehenden ^eius' angepassten 
Endung zu liegen: schreibt man ^quod ite domus fumabat, ut multa 
eius sermonum' (sc. jener adsidui cotidianique sermones, deren auf 
materiellsten Sinnengenuss abzielender Inhalt unmittelbar yorher 
angegeben ist) ^indicia redolerent', so scheint mir der oben berührte 

'^) Im phil. Anzeiger 1875 S. 236 bemerkt derselbe, für unrichtig 
könne Hirschfelder 'diese Leaarfc der Handschriften' ('sermo hominis seil.') 
nicht halten, das sei unmöglich. 



Znr Kritik von Ciceros Bede für den P. Sestins. 67 

Anstosz gehoben und ein dem geforderten Zusammenhange ent- 
sprechender Sinn durch die möglichst einfache Änderung hergestellt 
ZQ sein. 

Weiter heiszt es dann in demselben Paragraphen: *Sed ita est, 
indiees, ut, si gladium paryo puero aut si imbecillo seni aut' (^ac' 
Plnjgers Mnemos. 9, 332; 0. Heine) ^debili dederis, ipse impetu suo 
nemisi noceat, sin ad nudum vel fortissimi viri corpus accesserit, 
possit acie ipsa et fern viribus yulnerare, sie' (Halm; ^vulnerari' PG) 
'com hominibus enervatis atque exsanguibus consulatus tanquam 
gladius esset datus, qui per se pungere neminem unquam potuissent, 
ü sunmi imperii nomine armati tam' (so PG; in P sind die Buch- 
staben ^ti tam' Yon zweiter Hand gestrichen) ^rempublicam' (^B. p/ P) 
'contraeidaverunt'. In Folge der Bekanntwerdung dieser Lesart der 
besten Hss. hat man jetzt fiist allgemein die alte Yulgata ^armati 
rempublicam' verlassen und statt des hier sinnlosen *tam' ein anderes 
Wort eingeschoben: *tum' Halm in der Ausgabe von 1853; ^tantam' 
Maehlj Jahrbb. 69, 42, dem Halm in der zweiten Orellischen Ausg. 
folgte, wShrend er es später mit der Conjectur Imelmanns (Ztschr. 
f. d. Oymnasialw. 1865 S. 790 fP.) ^nudatam' vertauscht hat, der 
auch Koch, Eberhard und Hirschfelder sich angeschlossen haben 
(Eberhard f&hrt sie unter Haupts Namen an); Pluygers Mnemos. 
9, 332 verfiel auf ^totam' (danach Eayser, Heine); Klotz setzte Vunc- 
tam' in den Text; am entsprechendsten unter Yergleichung mit den 
Worten des Scholiasten ^imperitos administrandi consulatus onme hoc 
ofiBcinm suae potestatis in reip. pemiciem convertisse, quamvis nihil 
ipsos habentes virtutis, tamen ad nocendum praecipuo' (so mit Halm 
in der Ansg. von 1845 S. 127 für ^praecipue') ^iure subnixos' H. Keil 
£o«1 17 (der sich dadurch als identisch mit dem Becensenten Kaysers 
im lil Centralblatt 1863 S. 281 zu erkennen giebt) ^tamen.' Aber 
aiich dies halte ich für überflüssig; man muss offenbar zur alten, 
j«tzt, wie das Obige zeigt, allgemein aufgegebenen Yulgate zurück- 
kehren: in der Lesart von PG steckt nur eine Correctur des arche- 

ti 
trpuB armatamy indem zuerst mit einem häufigen Versehen das Yor- 

heigehende Wort dem folgenden ^remp.' assimilirt worden war, wor- 
auf spftter, wie nicht minder häufig, Besserung und Fehler ihren 
Platz neben einander im Texte fanden. Dass aber ein Zusatz aus 
inneren Gründen nothwendig sei, wird man nicht behaupten wollen. 

§ 33. *Eidemque consules . . producti in circo Flaminio in con- S 38. 
tianem ab üla fnria ac peste patriae maximo cum gemitu yestro illa 
oauda, quae tum contra me contraque rempublicam « «, voce ac 
ficnteatia sua comprobayerunt'. Das in der besten Überlieferung 
feUoide Verbum (von Bake in Hum' gesucht, ^quod sine causa cor- 
ntptnm putat' wie Halm richtig bemerkt) wird in den interpolirten 
Hss. mid den alten Ausgaben durch ^fiebant, dizerat, dixerant', von 
^ Herausgebern und andern Kritikern auszerdem durch ^agebant, 

6* 



68 Mariin Herte: 

agebantar, acta sunt, ferebantur, iactabantur, parabantur' ergänzt. 
Das richtige Iftsst sich nicht mit Sicherheit bestimmen und es lohnte 
sich nicht einen neuen Vorschlag zu den anderen zu machen, wenn 
es nicht am Orte zu sein schiene, hierbei auf die in den ciceronischen 
Beden und namentlich auch in dieser Bede deutlich hervortretende 
Neigung zur Verwendung der Allitteration, der Assonanz und der 
Annomination aufmerksam zu machen. Sicher gewinnt auch unsere 
Stelle in des Bedners Sinne einen klang- und ausdrucksvolleren, eindring- 
lichen AbsQ^uss, wenn man ergänzt: ^maximo cum gemitu vestro 
üla omnia quae tum contra me contraque rempubUcam committe- 
bantur, voce ac sententia sua comprobaverunt'. Ohne Hervorhebung 
dieses Gesichtspunkts ist kürzlich ^conferebantur' von Polster a. a. O. 
S. 3 vorgeschlagen worden, indem er meint, Niemand werde in Ab- 
rede stellen^ ^in vestigiis literarum contraque rf . et latere et post 
has literas hoc ipsum verbum conferebantur faciUime intercidere 
potuisse, praesertim si verba in archetypo literis maiusculis et per 
compendia scripta fuenmt'. Dass diese paläographische Begründung 
seiner Conjectur nicht zur Empfehlung gereiche, bedarf keiner Aus- 
fahrung; aber paläographisoh lässt sich auch weder mein Vorschlag 
noch einer der früheren begründen und da der des Hrn. P. nicht nur 
dem verlangten Sinne, sondern auch der von mir hervorgehobenen 
euphonisch -rhetorischen Bücksichtnahme entspricht , so würde ich 
meine Vermuthung, obwohl sie mir dem Ausdrucke eine noch etwas 
gröszere Schärfe zu verleihen scheint, auch femer zurückgehalten 
haben, wenn ich nicht jenen von ihm dabei auszer Augen gelassenen 
oder verschmähten Gesichtspunkt hätte hervorheben wollen. 
§ 37. § 37. Eine von den am meisten mit Vermuthungen überhäuften 

Stellen ist die, in welcher Cicero sein Geschick und sein Verhalten 
mit dem des Q. Metellus Numidious vergleichend, von diesem sagt, 
dass er ^ad suam quandam magis gloriam quam ad perspicuam sa- 
lutem rei publicae sumpserat, cum unus in legem per vim latam 
iurare noluerat'. Die alte, auf interpolirten Hss. beruhende Vulgata 
bietet für dies durch PGW dargebotene imverständliche ^sumpserat' 
ein wenigstens sinnentsprechendes ^spectarat'; neuere Versuche führte 
Halm 1856 in der zweiten Orellischen Textausgabe an: *tum spectarat' 
(Madvig); ^suspexerat' (Pr. Jacob); ^superbierat* (K. F. Hermann); er 
selbst vermuthete damals (s. auch Jahrbb. 71, 118) ^exilium sum- 
pserat', später ^respexerat'; Orelli hatte daran gedacht, ^sumpserat' zu 
behalten, dafür aber beidemale das ^ad' zu streichen; neuere Ver- 
muthungen sind *arma sumpserat' (M. Sejffert); ^casum sumpserat' (J. 
Jeep Jahrbb. 81, 617 ff.); ^vim sumpserat', wenn keine gröszere Lücke 
vor ^sumpserat' anzunehmen sei ^A. Th. Dryander) ; ^supererat' finde 
ich ohne Ursprungsattest, das ich nicht nachzuliefern vermag, an- 
geftlhrt; ^adsumpserat' schlug Weidner vor phil. Anz. 1876, 238, was 
er durch Berufung auf Cic p. Snll. § 85 stützen zu können glaubte, 
^eam sumpserat' schreibt Kayser, wogegen Koch, Eberhard und Hirsch- 



Zar Kritik von Ciceros Bede für den P. Sestins. 69 

felder zu dem alten *8pectarat' zurückgekehrt sind, welches von Koch 
mit den Namen MadTig,'Eoch, yon Hirschfelder mit M[adyig], von 
Eberhard dagegen richtig durch *alte Ausgaben' bezeichnet wird 
(auch aus ein Paar oodd. deti in Oxford wird es angeführt, doch ist 
das sehr unsicher, da es nur auf dem Schweigen der betr. Collation 
beruht; M.hat, wie oben angegeben, Hum spectarat' vermuthet). Mir 
erscheint Yon allen diesen Versuchen keiner richtig zu sein, sondern 
idi hahe noch heute fest an einem vor vielen Jahren gemachten 
and vorgetragenen, der palftographisch leichter als jene einen zur 
Beuichnung der grossen Muth erfordernden That vorzugsweis geeig- 
neten Ausdruck darbietet: *spiritus (spi) sumperat': *res enim gestae 
credo meae me nimis eztulerunt et mihi nescio quos spiritus attule- 
Twt* sagt Cicwo p. SulL § 27; ^Ariovistus tantos sibi spiritus, tantam 
airogantiam sumpserat' Caesar b« 6. 1 33; *magnam sibi auctoritatem 
magnosque spiritus in re militari sibi sumere' derselbe ebendas. II 4; 
'eom et spiritus plebs sumpsisset et tres ad populärem causam cele- 
berrimi nominis haberet duces' Livius lY 54, 8. Mit Veröffentlichung 
dieses Vorschlags kam mir aber ein anderer schon 1858 zuvor 
(Bhein. Mus. 13, 288) — und zwar kein anderer als H. A. Koch 
selbst, der ein Lustrum sp&ter ihn nicht einmal der Erwähnung in 
seiner Ausgabe würdigte, wfthrend er nach einem weiteren Lustrum 
Toa 0. Heine in der von ihm besorgten 20. hallischen Ausgabe der 
UV oraiiones selectae seinen Platz im Texte unter Kochs Namen 
erfaiell Da aber diese Ausgabe viel mehr in die Hand von Schü- 
leni als von Gelehrten kommt, möchte ich auch hier non ad meam 
qaandam gloriolam, sondern um die von Koch allein öffentlich vor- 
getragene Vermuthung vor Vergessenheit zu sichern, gelegentlich 
u sie erinnert haben. 

Wenn, beilftufig bemerkt, gegen den Schluss dieses Paragraphen, 
wo es von L. Satuminus heisst ^vigilante homine et in causa populari 
ii Aon moderate, at certe populariter abstinenterque versato' P ^aisti- 
Deterque bietet (*At iste ne tergi' G), so hätte Mommsen bei H-Or.' 
sich dadurch nicht zu der Vermuthung ^constanterque' veranlasst 

ftUen sollen: es liegt hier offenbar ein APSTINETEBQVE des 
irchet zu Crrunde, wie & B. gleich wieder § 43 in derselben Hs. 
'(jms reliqua irae staret' (IBAESTARET) fttr *q. r. PRAESTABET' 
geschrieben steht. 

§ 46. *Cum alii me suspicione periculi sui non defenderent, alii § 46. 
Tetere odio bonorum incitarentur, alii inviderent, alii obstare sibi 
oe arbitrarentur, alii uloisci dolorem aliquem suum vellent, alii rem 
ipnm publicam atque hunc bonorum statum otiumque odissent et 
ob hasee causas tamque varias me unum deposcerent, depugnarem 
potxQs cum summo non dicam exitio, sed periaulo certe vestro 
Hberommque vestrorum quam id quod omnibus impendebat unus 
pro Omnibus susciperem ac subirem?' Mit Becht vermisst hier H. 
Probet Jahrbb. 97, 353 den erforderlichen Gegensatz der einzelnen 



70 Martin Herts: 

Glieder und die Steigerang, im zweiten Gliede auch die persönliche 
Beziehung auf den Bedner. Seine Besserung des ^inviderent' in *in- 
yidere' ist, da die Genesis des Verderbnisses auf der Hand Hegt, nach 
meiner Meinung schlagend und hätte Au&ahme in die Textausgaben 
verdient; weniger gelungen erscheint mir die Änderung des ^incita- 
rentur' in Hnsectarentur', statt dessen ich *in [me in]citarentur' herzu- 
stellen vorschlage. Durch die auch fOr diesen Satztheil ausdrücklich 
hervorgehobene persönliche Beziehung Wli auch der Hauptanstosz 
fort, der W. Paul in seiner scharfsinnigen Auseinandersetzung (a. a. 
0. S. 326) zur Eliminirung des zweiten Gliedes veranlasste. 

In derselben Zeitschrift (für das Gymnasialwesen: 1861, 384 f.) 
hatte Koch mit Becht darauf aufmerksam gemacht, dass im wei- 
teren Verlaufe dieses Satzes das ^deposcerent' sich nur auf das *alii' 
beziehen könne, während man hier doch offenbar dem *ob hasce 
causas tot tamque varias' entsprechend, eine ZusammenfMsung aller 
derjenigen Kategorien erwartet, die vorher einzeln charakterisirt 
sind. Er schlug daher vor ^me unum omnes deposcerent' zu lesen; 
ihm ist Halm in den seitdem erschienenen Auflagen der weidmanni- 
schen Ausgabe nur mit veränderter Wortstellung (^oolnes me unum 
d.') gefolgt. Koch selbst aber hat auch hier seine Vermuthung schnell 
ohne Angabe eines Grundes wieder aufgegeben und in seiner Aus- 
gabe ^me unum multi d.' geschrieben. Diesmal stimme ich ihm we- 
nigstens im Punkte der Negation bei : nachdem Cicero die Gesammt- 
heit seiner Feinde i4 einem ^onmes' zusammengefasst hatte, konnte 
er nicht in einem und demselben Satze unmittelbar darauf zweimal 
die Gesammtheit des römischen Volkes mit demselben Ausdrucke 
bezeichnen. Diesen ^omnes', unter die selbstverständlich hier nur die 
boni gezählt werden, stehen nun allerdings die ^multi' als eine wenn 
auch zahlreiche, doch relativ kleinere Menge gegenüber, aber es 
geht dabei der Ausdruck für die Zusammenfassung aller vorher- 
genannten Kategorien seiner Feinde, wie sie durch den Zusammen- 
hang bedingt wird, verloren« Daher würde ich ^me unum cuncti 
deposcerent' zu lesen vorschlagen: die überlieferte Lesart mit Kayser, 
Heine, Hirschfelder unangetastet zu behalten, scheint mir ebenso 
unthunlich als mit Eberhard ^undique' statt des Kochschen ^multi' in 
den Text zu setzen (dies *multi' selbst lässt er dabei unerwähnt: *unum 
omnes wollte Koch' lautet die Anm. z. d. St.; *omnes me unum' H. 
A. Koch steht im krit. Anhang), wodurch die von seinem Vorgänger 
angedeutete Schwierigkeit nicht gehoben wird. 
§ 86. § 85 ist überliefert: ^Alterius tribuni pl. divini hominis dicam 

enim quod sentio et quod mecum sentiunt omnes divini insigni qua- 
dam inaudita nova magnitudine animi gravitate fide praediti' etc. 
Gewöhnlich wird diese Lesung beibehalten, wobei man die Worte 
von ^dicam' bis ^omnes' als Parenthese einschlieszt; Andere, denen das 
mit Becht misfiel, haben theils in verschiedener Art geändert (s. die 
Anm. bei Halm-Or.'), theils sei es das erste, sei es das zweite ^divini' 



Znr Kritik Ton Ciceros Bede für den P. Sestiiui. 71 

gestrichen. Mir scheint sich jeder Anstosz zu heben, wenn man das 
zweite ^divini' mit in die Parenthese hineinzieht: ^divini hominis — di- 
eam enim qnod sentio: diyini — , insigni qnadam . . magnitudine 
animi . . praediti'. 

'Adiit igitnr T. Annius ad causam reipublicae sie, ut ciyem pa- § 87. 
trise reenperare yellet ereptnm'. So hat Pantagathus gebessert: P bietet 
'aellet e re. P. tarn', andere Hss. wie W and die Hs. von S. Vici, ^uelle 
te lep. tum, G (mit yorangehendem H) *uellet reip. tum' mit anderen. 
Leiditer noch erklärt sich die Yerschreibong, wenn man jene sichere 
fieBserong beibehaltend liest ^ut civem patriae recuperare Teilet e rep. 
[oepjtiun . 

§ 89. 'Quid ageret yir ad yirtutem, dignitatem, gloriam natus § 8^* 
ri soderatomm hominnm corroborata^ legibus iudiciisque snblatis? 
Cerrieee tribunos plebis priyato, praestantissimus vir profligatissimo 
homini daret? an causam susceptam aMigeret? an se domi con- 
tineret? Et vinci turpe putavit et deterreri et latere. Perfecit 
ut, quoniam sibi in illum legibus uti non liceret, illius vim neque 
in SOG neque in rei publicae periculo pertimesceret'. So hat diese 
Stelle im wesentlichen überzeugend Madyig hergestellt opusc. acad. 
S. 478 ig, im Anschluss an die richtige schon yon Manutius Torge- 
tragene Ansicht über den bei der Emendation einzuschlagenden Weg. 
Statt der gesperrt gedruckten Buchstaben bietet P ^etiam eripere 
eidt', p*etiameripireeicit', O^etiam eripere elegit'. Trennt man da- 
Ton die Ton Madyig richtig als die Bestandtheile des dem folgenden 
Satze angehörigen 'perfecit' erkannten Buchstaben ab, so bleibt 
*etiameri' übrig. Wie nun der ersten Frage, ob Sestius sich als Be- 
fiegter Yor Clodius erniedrigen solle, das 'yinci turpe putavit' ent- 
spricbi, der zweiten 'an causam susceptam affligeret?' das 'deterreri' 
(turpe sc putavit), so muss an dritter Stelle in 'etiameri' oder viel- 
nebr nach Trennung der nothwendigen Copula in 'iameri' ein Infini- 
tir stecken, der sich in fthnlicher Weise zu dem 'an se domi con- 
tineret?' yerhftlt Mir scheint diese AufGMSung, die dem deutlichen 
Sadiyerlialt entspricht, die allein berechtigte und ich würde keine Yer- 
ulaasung gefunden haben sie nach Manutius und Madyig des weiteren 
darzulegen, wenn nicht Seyffert in seiner ep. ad Halmium in seiner 
fnbtilen, aber leicht gekünsteltes dem nai^lichen yorziehenden 
Art das 'susceptam causam affligeret' mit dem 'yinci'^ das 'domi se 
eontmeref mit dem 'deterreri' in Parallele gesetzt und deshalb nach 
einem dem 'ceryices daret' entsprechenden Ausdrucke gesucht hStte, 
wobei er aus den znr Disposition stehenden Elementen sehr geschickt 
(S. 63) 'et temere perire. Effecit ut' u. s. w. gewann. Auch in 
aaderen Yermuthungen 'et domum se recipere. fecit ut' (einer bald 
wieder angegebenen Coi^jectur Halms in der dritten weidmannischen 
Ausgabe), 'etclam se eripere, ita ut' (F. öhler phil. 16, 411), 'ita e 
wp. fecit,* (oder 'id egit', nach G) 'ut', yorher 'ac se domi' (Fr. Richter 
Jafarbb. f. Fh. 85, 275) kann ich eine Verbesserung der Madyigschen 



72 Hurtin Herte: 

V 

Coigectar theÜB nach Seite der AuffiMsung, theils in palftographisclier 
Beziehung nicht erkennen. Allerdings aber muthet auch diese uns 
zu lAMEBI in LATEBE zu verwandeln, wobei nur die Hälfte der 
sechs überlieferten Buchstaben erhalten bleibt. Mit der aueh Yon 
ihm vorgenommenen leichten Änderung des I in L wird man unter 
sonst voUer Beibehaltung der Überlieferung mit Annahme des Aus- 
falls einiger Buchstaben ebenso schonend als sinngemSsz LAME(n- 
ta)RI gewinnen. Wenn er sich in sein Haus verkroch, so blieb 
ihm eben nichts als der Trost des Feigen, das Klagen und Jammern 
übrig, wie eine ähnliche Situation von Cicero in der Pisoniana § 89 
geschildert wird: ^Quid quod tu totiens diffidens ac desperans rebua 
tuis in sordibus, lamentis luctuque iaouisti?' Für sicher mag ich das 
freilich auch nicht ausgeben. 
§ 117. ^Quo quidem tempore quid populus Bomanus sentire se osten- 

deret utroque in genere declaratum est: primum cum audito senatus 
consulto rei ipsi atque absenti senatui plausus est ab universis da- 
tus' u. s. w., zu welcher Fortsetzung ich nur bemerken will, dass 
um die Gedankenfolge und Gliederung der Bede deutlich hervor- 
treten zu lassen, die erst bei ^At cum' zu dem zweiten der bezeichneten 
genera übergeht, zwischen ^redeuntibus' und ^cum' keine volle Inter- 
punktion gesetzt werden sollte. Im Anfange der hier ausgeschriebenen 
Worte glaube ich mich, gleichfalls im Vorübergehen bemerkt, der 
Erklärung Halms anschlieszen zu sollen, die die von Paul a. a. 0. S. 
329 verlangte Kürzung ^sentiret (se ostenderet)', wobei ^se ostendit' 
ursprünglich als Glosse zu ^declaratum est' beigeschrieben gewesen 
sein soll, meines Erachtens überflüssig macht ^^); der Grund aber, 
die Stelle hier vorzulegen, liegt für mich in dem Worte *rei', das eine 
von den neueren Herausgebern allgemein angenommene, sowohl von 
Garatoni als von Dobree gemachte Conjectur ist. P W bieten hier ^cons. 
ore ipsi' (in Basur vor *ipsi' in P steckt eini); G und Andere ^consulto 
ore ipsi'. Madvig (opusc. S. 493), indem er jene Vermuthung billigte, 
lehnte zugleich jede andere ab: ^nam persona' sagte er *quae cum 
senatu coniungi possit, nulla est; Lentulo enim, de quo uno oogitari 
poterat, ut reliquis senatoribos, tum est plausus datus, quum ipse 
venerat' — aber wie es vorher heiszt, dass 'primo absenti senatui 
plausus est ab universis datus', dann ^senatoribus singulis spectatum 
e senatu redeuntibus', so hatte auch der dem Consul bei seinem Er* 
scheinen gespendete Beifall natürlich durch eine vorangehende Ehren- 
bezeugung auch für ihn audito senatus consulto, dessen Urheber er 
war, sein Vorspiel und statt der matten Anführung der nackten 
Thatsache verlangt man auch hier die Erwähnung einer, dieser Per- 
son.^^ So entspricht sachlich Memmius Verschliß ^auctori' dem ver- 
langten Sinne vollkommen^ wofür andere, deren Lambinus Erwäh- 



^^ sentire se ostendit Fr. Jacob philoL 3, 717. — ^*) S. auch Jacob 
a. a. 0. S. 717 f. 



Zur Kritik von Ciceros Bede fttr den P. Sestius. 73 

noDg thai, — am nach anderen Richtungen gehende Yermuthnngen bei 
Seite SU lassen — ^praeconi' oder ^consnli' (so P. Manutius) ver- 
matheten, Jacob ^relatori'. Mir scheint sowohl den sachlichen als den 
palSographischen Bedenken , die abwechselnd jene Yermuthungen 
treffeii,Torgebeagtdiiroh^consultori': QuirecteconsTilat, consulcluat' 
und in dieser Bedeutung des Bathgebers bezw. Urhebers und Anstifters 
ist das YonSallust namentlich nicht selten gebrauchte consultor, wenn 
aoch bei Cicero sonst meines Wissens nicht nachweisbar, herge- 
bncht, wie das alte Sprichwort *malum consilium consultori Pessi- 
mum' (GelL lY 6) bezeugt, und Cicero spielt grade an dieser Stelle, 
wo er sich ein remissius genus dicendi gestattet (§ 115) vorzugs- 
weise mit Anklftngen und Wortwitzen: ganz abgesehen von dem 
etwis abgebrauchten Scherze mit popularis und populus (§ 116), von 
der dann folgenden schmutzigen Anspielung, denke ich an das hier 
unmittelbar vorhergehende 'cum in templo Yirtutis Honoris bonos 
hftUtas esset virtati', an die durchgeführte AUitteration nebst allem 
Zobeh9r § 118 M. und wieder § 121 *illud ipse actor adiangebat 
amieo animo . . . aliquod . . . adprobabant', an den ^summus artifex semper 
partinmiBrep.tamquaminscaenaoptimarum'(§ 120): zu alledem passt 
Tortrefflich ^cum audito senatus consulto consultori ipsi atque absenti 
seoato] plausufi est ab universis datus', wenn auch consultor als 
offidelle Bezeichnung für den Consul, qui senatum consulit, nicht 
ittdunweisen ist. Dass es die diplomatisch leichteste Herstellung 
ist, biaucht keines Nachweises. 

Breslau, den 7. August 1881. 



Ober ie promere S. 43,8 vgL nun auch K. £. Georges Jahrbb. f. 
PkiL m, 611. 



Siellenverzeichniss. 

Cicero pro Sestio § 4 S. 62; § 6 S. 40; § 8 S. 63; § 9 8. 69; § 16 
8. 41; 69; § 19 8. 62; § 22 S. 66; § 28 8. 64; § 24 8. 66; § 38 8. 67; 
§ 37 8. 68; § 46 8. 46; § 46 8. 69; § 48 8. 39; § 63 8. 46; § 64 8. 41; 
§ 66 8. 44; § 67 8. 63; § 68 8. 39; 64; § 69 8. 44; § 62 8. 46; § 68 
8. 46; § 77 8. 41; g 78 8 47; § 86 8. 70; § 87 8. 71; § 88 8. 66; § 89 
8. 71; § 98 8. 89; g 98 8. 42; § 103 8. 42; g 106 8. 42; 47; § 107 
8. 42; 49; 78; g 110 8. 49; g 111 8. 60; g 116 8. 46; g 116 8. 40; g 117 
8. 72; g 118 8. 40; g 130 8. 43; g 131 8. 43; 47; g 132 8. 43; 48; 
g 134 8. 43; g 136 8. 43; g 148 8. 44; g 144 8. 46; g 146 8. 47. 



Cic. de div. II g 21 8. 48. 

Gell. N. A. I 3, 19; V, 6, 1; 10, 9; 21, 6; VI, 1, 3; 7; VI, 3, 7; 
6, 1; 12, 6; 16, 1 8. 67 f. 



-*♦«- 



UNTERSUCHUNGEN 

ÜBER 

THEOPHANES VON MYTILENE 

UND 

POSIDONIÜS VON APAMEA 

TON 

C. FRANKLIN ABNOLD. 



ALFRED V. GUTSCHMID 



IN 



VEREHRUNG UND DANKBARKEIT 



GBWIDMBT. 



Die neaeste mir bekannt gewordene Untersuchung über die 
Quellen Appians in den Mithridatica^) sucht den Nachweis zu führen, 
dass die ganze Erzfthlnng auf Livius zurückgehe. Soll dies Ergebnis 
irgend welche historische Bedeutung haben, so ist die Folgerung 
boeehtigty dass den yerschiedenen Abschnitten ungefähr derselbe 
geschichtliche Wert zukomme. Bekanntlich ist dies nicht der Fall. 
Während der Bericht über den ersten mithridatischen Krieg eine 
redt gute Überlieferung repräsentiert, wird die Erzählung später 
immer dürftiger und unbedeutender. Man hat dies auf Rechnung 
der Flüchtigkeit Appians schreiben wollen, der dem Ende zueile. 
Aber das Letztere kann nicht zugegeben werden; über die persön- 
liehen Schicksale des Mithridates verbreitet er sich yielmehr sehr 
aosführiich. Die &rbenreiche Erzählung von dem Tode desselben 
hat einen rhetorisch-sentimentalen Charakter: darin liegt ein sicheres 
Anzeichen, dafs Appian seine Quelle hier ausgiebig benutzt hat, da 
äeiaer eigenen Schreibweise alles Rhetorische und Gefühlvolle gänz- 
üeh fem li^^ Wie langweilig und trocken nimmt sich seine Dar- 
stellung des Yiriathischen Krieges neben der des Diodor aus. Beide 
bennUen denselben Autor, aber Appian hat so stark zusammen- 
gezogen, dass alles Charakteristische verloren gegangen ist. 

Doch auch abgesehen von dem verschiedenen Wert der einzelnen 
Teile der MiOpiboTiKd ist es mit dem Nachweis, dass Appian aus 
LiT. geachCpfb habe, eine missliche Sache, wenn dieser sich darauf 
Usdurftnkt, Übereinstimmungen zwischen der ausführlichen Erzählung 
<iH Erateren und den dürftigen Excerpten des Eutrop, Orosius und 
^ Periochae aufzuzählen. Von ihnen sind natürlich nur die Haupt- 
sachen überliefert, und es ist kein Wunder, wenn sich dieselben bei 
Appian ebenso finden. Dies mechanische Verfahren würde selbst 



R. Jordan de fontibus Appiani in bellis Mithridaticifl enarrandis 
GsttiBgen 1872. 

Em Jahr früher erschien: F. W. Lauer de scriptoribua belli Mithri- 
l^äd iertii (im Pro^mme des Königl. Gynmaaiams zu Wetzlar 1871). 
^ Ter&Mer halt Livius für die Hauptquelle Appians, glaubt aber, dass 
^ gewine Partieen, namentlich in der Geschichte der Lucullischen 
Feld^ige^ griechieohe Schriftsteller zu Hülfe genommen seien. Welche 
^ gewesen, lasse sich nicht feststellen. Der Bericht des Linus sei 
vom Standpimkt der Optimaten-Partei abgefasst; Appian stehe anf Seiten 
^ VolkqiSsxtei und habe sich deshalb nach Quellen umgesehen, die 
(ciaer Meinung nach den Verlauf der Begebenheiten objectiver darstellten. 



80 C. Franklin Arnold: 

dann nicht zum Ziele führen^ wenn sich kein einziger Widerspruch 
nachweisen liefse. Umgekehrt aber, finden sich Abweichungen, die 
keine Versehen sind, so fallen sie um so schwerer ins Gewicht, weil 
selbst frappante Übereinstimmungen aus Benutzung gleicher Grund- 
quellen stammen können. 

Liv. fr. 24 (Hertz) bei Plui Luculi 31 wird berichtet, die 
Schlacht am Arsanias^ in welcher LucuU 68 den Mithridates und 
Tigranes besiegte, habe an Bedeutung der Schlacht bei Tigranocerta 
nicht nachgestanden, namentlich seien viele Officiere von den Bömem 
getötet und geÜEUigen genonuuen« Nach Appian c. 87 war das Treffen 
höchst unbedeutend, LucuU soll dabei kaum der Gefahr entgangen 
sein, zwischen Mithridat und Tigranes eingeschlossen zu werden. — 
c. 102 sagt Appian, der pontische Prinz Machares habe sich selbst 
getötet, bei Gros. VI 5 p. 381 tötet ihn Mithridat Der letztere 
Bericht wird als livianisch gestützt durch Dio XXXVI 50 § 2. Bei 
Besprechung dieser Stelle giebt auch Jordan die Benutzung einer 
anderen Quelle als Liv. zu.^) — Nach Liv. per. 99 reinigte Pompejus 
das ganze Meer in 40 Tagen von den Seerftubem^), Appian setzt 
0. 95 richtig diesen Zeitraum &ii die Säubeiiing des westlichen 
Meeres an. — Die Niederlage der Römer bei Chaloedon im Jahre 74 
wird von Appian a 71 anders erzählt als bei Gros, und Eutrop. Der 
römische Peldherr heilst bei den letzteren Butilius, bei Appian Nudns, 
bei ihm wird er gerettet, bei jenen kommt er um u. s. w. — Das 
omen, welches i. J. 73 den Kyzikenem Ton Proserpina zu Teil wird, 
erzfthlt Jul. Obsequens 121, mit dem Plut. LucuU 10 ttbereisfitimmt, 
anders, als Appian c. 74. 75. — Nach Eutrop Y 5 und Gros, erobert 
Mithridates selbst Paphlagonien (Mithridates — invasit Paphlago- 
niam) und vertreibt den König Pylämenes. Dieser Name kommt bei 
Appian überhaupt nicht vor, und Paphlagonien wird c. 21 nur von 
Feldherren des Mithridates angegriffen. — Bei der Aufeählung der 
Städte, die sich nach Ermordung des Zenobius gegen Mithridat em- 
pören, nennt Appian c. 48 andere Namen, als Gros. VI 2. 

Die AuMhlung solcher Abweichungen lie£Be sich leicht ver- 
gröfsem, besonders wenn man den ausführlichen Bericht des Gasaius 
Dio zu Hülfe nimmt, dem vom Jahre 67 an Livius zu Grunde liegt. 
Aber das Gesagte zeigt deutlich genug, dafs von einem Aus- 
schreiben des Liv. durch Appian nicht die Bede sein kann. 

Dafs ergriechischeQuellen benutzt haben mufs, geht daraus 
hervor, dafs er solche Wörter gebraucht, die sich im Lateinischen 
nur durch Umschreibung wiedergeben lassen: c. 25 dKpocTÖXia 
(nicht BS IfxßoXa, wie c. 106 rostra genannt werden, sondern Ver- 
zierungen an denselben) — rrpijipcüc (nur poet. Gvid. prorae totela) 
— cajußuKri (einmal bei Plautus, aber als musikalisches Listrumen^ 



") L. c. p. 91. — '^ Dafs kein Versehen des Epitomators vorliegt, 
zeigt FloruB I 41, der dieselbe Angabe hat. 



üntenachoDgen über Theophanes und Posidonins. 81 

hier nach Schweigh. zu c. 73 eine Art ^X^iroXic) — rcvev^a KauviKÖv 
Nordostwind — c. 29 f^iöXia — c. 74 irpü^vav xpouecGai — touc 
Kpiouc diroKauX(Z€tv — c. 115 i|iu»CTi\p€C — tinrujv irpocrepvlbia 
Kai £iTui|Liibia — purA. 

Die Frage, ob denn nicht teilweise Liv. benutzt sein könne, ist 
in der Möglichkeit zuzugeben, aber wie soll das nachgewiesen werden? 
und wenn es nachgewiesen würde, so wSre damit wenig gewonnen, 
wenn nicht auch gesagt wird, aus welchen Schriftstellern Livius ge- 
schöpft hat. Besonders die griechischen unter ihnen können bei 
Aj^nan selbständig verwertet sein. Von vornherein ist es wahr- 
scheinlich, dafs Liv. hier, wo es sich um asiatische Verhältnisse 
handelt, nicht anders verfuhr, als bei der Erzählung des Krieges 
g^gen Antiochas den Grofsen, in welcher er zum grofsen Teil die 
Darstellung des Polybius zu Grunde legte. ^) 

Das Fragment 21 (Hertz) aus dem 94sten Buche, in welchem die 
Gesdiichte des Jahres 74 behandelt ist, lautet: Livius in librö nona- 
gesimo quarto, Inarimem in Maeoniae partibus esse dicit, ubi quin- 
qnaginta milia terrae [iugera] igni exusta sunt, hoc etiam Home- 
rizm eignificasse vült. ^us Gros. VI 2 p. 373 geht hervor, dafs 
hiervon die Rede war bei Erzählung der Schicksale der militärischen 
Abenteurer Fannius'und^ Metrophanes, die nach einer Niederlage 
dnrch die Römer sich zuerst nach Mösien begaben, „atque inde in 
Maeoniftm digressi in colles camposque Inarimos inciderunt, ubi non 
solum montes nsti^ vel saxa quasi quadam fuligine [caJigine?] ob- 
fiiscata cemnntur^ verum etiam campi ambusto solo squalidi per 
quBqnaginta milia passuum — iacent. Tribus etiam locis torridae 
Tofigines ostenduntur, quas Graeci physas vocant".' Trägt die 
Stelle bei Orosius schon den griechischen Ursprung an der Stirn, so 
ittigt das Homer-Citat des Fragments denselben noch deutlicher. Es 
igt dae einzige Mal, dafs von Liv. Homer citiert wird, und zwar 
nicht, wie XXli 29. eine bekannte schöne Sentenz aus Hesiod rheto- 
risdi Verwertung findet, sondern in den subtilen Fragen alexan- 
drimscher Schulweisheit über eine Stelle am Schlufs des Schiffs- 
katalogs, die Römern ebenso uninteressant wie unverständlich sein 
mubten. Liv. kann die Stelle bei Homer gamicht selbst gelesen 
haben. IL 11 783 heifst es, die Erde habe unter dem Schritt der 
Adiler gebebt, wie beim Zorne des Zeus, wenn er um des Tjphoeus 
wiQeD die Erde erschüttere : eiv 'Ap()i0ic, öOi (päd Tuqxu^oc i\i\ievax 
€Öv6c Wo diese Arimer gewohnt hätten, war eine viel verhandelte 
Frage. Einige brachten sie mit den Aramäem in Zusammenhang, 
andere dachten an Cilicien. Metrodorus von Skepsis entschied sich 
wie das Livius-Fragment Strabo XIII p. 626 TriOavuirdrouc V 6 
Cicr|i|noc f|T€iTai touc dv rfl KaxaKeKaujuidvij tiic Muciac toüc 
'Api^OüC TiO^vrac. Wenn Liv. fr. 21 Mäonien hat, so ist das Ghrenz- 



*) NiMeo, Krit. Untersuchungen p. 190 ff. 

Jwhgh. t cUm. PhU. Snppl. Bd. XIII- 



/ 



82 ^* Franklin Arnold: 

gebiet zwischen Lydem und Mjsem gemeint Iväpi^oc kommt sonst 
nirgends vor, die Vermutung liegt nahe, dafs Liv. in seiner Quelle 
nur den einen Vers angeführt fand, den auch Strabo aufser dem 
Zusammenhang citiert; und dafs er elv 'Ap(^OlC für ein Wort ge- 
nommen hat. 

So hat also Liv. in der Geschichte der mithridatischen Kriege 
das Werk eines Griechen benutzt, der Interesse für philo- 
logisch-antiquarische Untersuchungen hatte. Dasselbe Inter- 
esse macht sich in der Erzählung des dritten mithr. Krieges bei Appian 
häufig in lästiger Weise geltend. Der Name Dioscurias soll ein Beweis 
dafür sein, dafs die Dioscnren an der Argonautenfahrt sich beteiligten 
(c. 10 1), und statt von den Zügen des Pompejus genaueren Bericht 
zu geben, unterhält Appian seine Leser von der Abkunft der Achäer, 
der Prometheus- und Herkulessage (c. 102. 103. vgl. c. 83). Wo sich 
also neben solchen Dingen frappante Übereinstimmungen zwischen 
Appian und Liy. zeigen, wird von beiden derselbe griechische Schrift- 
steller benutzt sein. Die Seeschlacht bei Lemnos z. B. wird von Appian 
c. 77 ähnlich wie von Orosius erzählt, und bei ersterem findet sich 
dabei eine Beschreibung des Altars des Philoktei Dergleichen Digres- 
sionen, die besser in das Reisetagebuch eines von Nationaleitelkeit 
erfüllten Graeculus, als in eine Kriegsgeschichte passen würden, be- 
gegnen uns in der Geschichte des ersten mithridatischen Krieges 
nicht. Auch einzelne Widersprüche finden sich zwischen den früheren 
und den späteren Partieen der Appianschen Mithridatica. Daraus 
ergiebt sich für die Quellenforschung die Notwendigkeit einer ge- 
sonderten Behandlung. 

Wo solche Widersprüche sich finden, ist immer die Version der 
Geschichte des ersten mithrid. Krieges die bessere. 

c. 112 z. B. sagt Appian, Mithridat habe den L. Cassius ge- 
fangen genommen, später aber auf Sullas Verlangen ihn freigegeben : 
Nach c. 24 entkam derselbe nach Bhodus, und von seiner Gefangen- 
nahme erfahren wir sonst nirgends. Die Nachricht ist höchst un- 
wahrscheinlich, weil der Angriff der Pontier auf Bhodus abgeschlagen 
wurde. ^) Also ist c. 112 eine andere, und zwar schlechtere Quelle 
benutzt, als c. 24. 

Wir haben uns also für den letzten Teil nach ganz anderen 
Quellen umgesehen, als in der Geschichte des ersten mithridatischen 
Krieges gebraucht sind. 

Der dritte mithridatische Krieg, insbesondere die Feldzüge des 
Pompejus, bieten für die Untersuchimg weit weniger Schwierigkeiten, 
als die früheren Partieen. 

Deshalb ist es geraten, c. 97 — 121 zuerst zu behandeln. 

Zunächst ist die Quelle, deren philologisch-antiquarische Färbung- 
eben nachgewiesen wurde, näher zu charakterisieren. 



^) So urteilt auch Drumann II p. 169. 



ünierBnchmigen über Theophanes und Posidonios. 83 

Appian enfthlt B. C. I 80 bei der Bückkehr Sullas (i. J. 83) 
sei ihm Pompejus entgegengezogen ö )ui6t' oö itoXu Mdfvoc irpoc. 
ovo^ac0€ic. Nach Plntarch Pomp. 13 (cf. 22. 23 med.) erhielt 
Pomp, diesen ehrenden Beinamen von SoUa im Jahre 81, als er von 
Afriea zar&ckkehrte. Aus Liv. per. CIII (im Widerspruch mit 
XXX 45) nnd anderen Stellen hat man schliefsen wollen, erst nach 
seinem Triumph über Mithridat sei Pompejus so genannt. Aber 
Dnunann lY p. 335 f. hat aus Münzen und anderen Anzeichen nach- 
gewiesen, dafs die Überlieferung des Plutarch die richtige ist B. 
C. I 80 bat also Appian die richtige Nachricht, hingegen Mithr. c. 97 
cll8e. 121 findet sich die falsche.®) Damach soll er wegen seiner 
GroCsihaten in Asien den Beinamen des „Grofsen^^ erhalten haben, 
tko ganz wie Alexander. Pompejus liebte es bekanntlich sehr, mit 
diesem zusammen genannt zu werden^); und wie er selbst in klein- 
licher Weise ihn nachahmte, z. B. das Haar so trug, wie es auf den 
Alezanderstatnen zu sehen war, so fehlte es nicht an Schriftstellern, 
die ihm den Gefallen thaten diesen Vergleich ins Einzelste durch- 
xofUiren (Plni Pomp. 46 o\ Karot ndvra 'AXcEdvbpip irapaßdXXovTec 
aür6v). Aus einem solchen Schriftsteller wird also App. Mithr. c 97 
c 118 c 121 stammen.^) 

An der angeführten Stelle sagt Plntarch, man habe dem Yer- 
fkich mit Alexander zu Liebe das Alter des Pompejus beim Triumph 
ttber Milhiidat als unter 34 Jahren angegeben. Man machte ihn 
also nngefiÜiT um 10 Jahr jünger, als er war. Nun berichtet App. 
Mithr. c 116 ö bi £6ptdp߀uc€V iiA Xainirpordnic böSiic, ^tti ixüjyf 
V€VT€ icai TptdKOvra. Allerdings scheint Plutarch um zwei Jahre 
xa differieren; aber der Widerspruch ist nur scheinbar. Der Triumph 
dauerte zwei Tage^, den 29. September, Todestag des Pompejus ^^) 
oad 30. seinen Geburtstag.") Das veuiTCpoc tujv TpidKOvra xal 
lerrdpuiv bei Plntarch bezieht sich auf den einen Tag, und Appian 
rechnet das laufende Jahr.^^ 

Zu den sagenhaften Zügen, mit denen die Geschichte Alexanders 
sdion früh ausgestattet wurde^ gehört auch sein Zusajnmentre£fen 
mit den Amazonen.^') Konnte die Kritik gegen die Erzählung des 
Khtarch geltend machen, dafs die Königin Thalestria einen Weg von 



^ ICaa wird den Widerspruch auf Verschiedenheit der Quellen zurück- 
nlSlnen haben; die gute in B. C. 1 80 ist Posidonius. — ^ Sallusthistoriar. 
fr. ÜI 6 (Kritz) Pompejus a prima adulescentia sermone fautorum similem 
fore se credeos Aleiumdro regi, &cta consultacj^ue eins qoidem aemulatna 
est — ^ Dafs auch Lir. diese fEdsche Nachncht überliefert hat, kann 
aas der wegen Breviloquenz undeutlichen Stelle per. CHI nicht ge- 
■rhloMcn "wetden: Pompeins — triumphaTit Ma^U8(|ue e tota contione 
tauaMMoB est — Cassius Dio, dessen Quelle m diesen Partieen Liv. 
■t, Mgt ansdriloklich XXXVII 21, 3 iiövr) tQ toO MdTVOu liruivu^ia, 
4mp «ou xal irpd ^xciviuv tCltv Iptuiv ^k^kttito, fjpK^cOr]. — *) App. 1. 
c — "•) Dio XL 11, 6. — ") Drumann IV p. 326. p. 486. — **) Übrigens 
ist m der Z^ahl die Lesart bei Plut. unsicher. — ^^ Plnt Alex. c. 46. 

6* 



84 C. Franklin Arnold: 

mehr als 6000 Stadien gemacht haben müTste, um zu dem König 
zn gelangen ^^), so waren die Oeschichtschreiber des Pompejas in 
der glücklicheren Lage, dafs Pompejus die angeblichen Wohnsitze 
der Amazonen selbst betreten hatte. 



£ov€c) — oux ö^opoOcal 
ToTc *AXßavoTc , dXXä 
Vikax Kai Afix^c oIkoOci 



Theophanes fr. 3 (M. HI p. 316).**) |. Plut. Pomp. 36 a. E. 
9€0(pdv)iic — 6 cucTpareücac Tiji TToji- I N^^ovrai bi (a\ *AfJid- 
irrilip Ka\ T€v6^evoc dv toic *AXßavoTc, 
^eTa£u Tiöv 'A^oCövujv • xai tiüv *AX- 
ßavuüv (prici friXac oIkcTv xai Airjxac 
€Ku6ac. I bia ^^cou. 

Aus dieser üebereinstimmung geht mit Sicherheit hervor, dafs 
Plut. Pomp. 35 Theophanes zu Grunde liegen mufs, denn nach 
anderen Schriftstellern, wie Metrodorus und Hypsicrates wohnten 
die Amazonen nicht in der Nähe der Albaner, sondern der Oargarer^ 
nördlich vom Kaukasus. ^^) Dann konnte Pompejus nicht in ihr Ge- 
biet kommen. 

Der Angabe des Theophanes folgt Appian c. 103. Wie Plutarch 
überliefert auch er, dafs Pompejus mit diesen fabelhaften Wesen 
gekämpft habe. 

In den MiOpibaTiKd des Theophanes scheint das Geographische 
das Beste gewesen zu sein. In dem 11. und 12. Buch seiner Geo- 
graphie citiert Strabo ihn häufig (p. 497 als: o\ t& MtQptbaTiKa 
T pdipaVTCc) und ist in diesen Büchern seinen Angaben ohne Zweifel 
oft auch da gefolgt, wo er ihn nicht nennt ^^) 

So z. B. wird in der Beschreibung der Pontusgegenden p. 556, 
nachdem kurz vorher Theophanes citiert ist^^), wiederholt von den 

") Strabo XI p. 606. — ") Bei Strabo XI p. 603. — *^ Strabo XI 
p. 604. — ^^ Erst nach Beendigung dieser Arbeit wurde mir durch die 
Güte des Herrn Professor Dr. Bühl die Habilitationsschrift von Dr. K. J. 
Neumann bekannt: Sixabons Quellen im elften Buche. Leipzig 1881. 
Hier wird der Nachweis geführt, dais Strabo in der BeschreibuDg Kau- 
kasiens anfänglich den Periplus des Artemidoms von Ephesus und später 
das Geschichte werk des /Theophanes zu Grunde gelegt hat. — '^) XII 
p. 666. Aus dieser Stelle lassen sich überraschende Folgerungen für die 
Quellenkritik 2dehen. Das von Appian Mithr. 101 CivöpiiS, von Strabo 
Ctvopia genannte Kastell hatte nach Theophanes den Namen von seiner 
Lage an der Grenze von Grofs- und Klein -Armenien und sollte deshalb 
eigentlich Cuvöptov heilten (dmireqpuKÖc toIc öpioic Tf^c fieTdXiic 'Apfieviac 
XUJpiov, biöircp 9eoq)dvT)C CuvopCav trapiuvö^accv). Die Form Cufiq>6piov 
nun, welche sich Dio XXXVH 7, 6 für diesen Ort findet, läfst sich nach 
V. Gutschmid nur aus Verlesung in einer lateinischen Quelle erklären, 
welche sich der Schreibart Synhorion bediente. Diese weist wiederum 
auf die von Theophanes angenommene Etymologie. Die lateinische 
Quelle, welche Dio benutzte, ist — was ja auch aus anderen Gründen 
angenommen wird — Livius. Dieser war für die Person des Pompejas 
von hoher Verehrung erfüllt (Tac. AnnaL IV 84 Titus Livius Cn. Pom- 
peium tantis laudibus tulit, ut Pompeianum eum Aogustus appellaret); 
daher erklärt es sich, dafs er für die Feldzüge desselben in Asien das 
Werk seines Günstlings Theophanes als Quelle w&hlte. 



üniersnchungen über Theophanes nnd Posidonius. 



85 



Feldzfigen des Pompejus berichtet, in einer Weise, die den Schrift- 
steller, der diese erzählte, als QaeÜe erkennen läfst. Nur hier and 
Flut Pomp. 37 heilst das Kastell, das mit den Schätzen des Mithridat 
den Römern ausgeliefert wurde: Kaivöv qppoupiov oder xujpiov. Auch 
an dieser Stelle wird von Plutarch Theophanes benutzt sein. — Die 
Stnbo XI p. 350 dem Citat aas Theophanes unmittelbar vorher- 
gehenden Worte hätten von Müller in fr. 5 mit aufgenommen werden 
sollen. Hier ist die Uebereinstimmung mit Plut. und Appian be- 
sonders frappant. 



Strab. XI p. 530. 

TToumiiou TiTpÄvij xip Trarpi 
— TäXavra dTTiTpdniavroc 
ifoKicxiXia äpYvptou bxi- 
vciM€ auTiKa tqTc buvä^eci 

TUJV *Pul^alUIV, CTpaTllfiTTJ 
^V KOT* ävbpa TTCVX/lKOVTa 

bpaxfi<ic, &aT0VTdpxij hk xi- 
Xiac, mTrdpxif xai xiXidpxif 
TuXavTOV. M^T^Ooc bt xf^c 
Xiüpac Ocoqp&viic dirobi- 
btuciv ktX. 



App. Mithr. 104. 

Kai dbibou TTo)Li- 
Tiriiijj )Litv auTijj Td- 
Xavra ^EaKicxiXioc 
T^CTpaTiqibtbpax- 

^dc TTeVTllKDVTa 

^KdcTifi, KQi Xoxa- 
yCj) X^Xiac Ktti Xi- 
Xtdpxw ^upiac. 



Flui Pomp. 33. 

— ^KTicavra ttoi- 
vfjv ^EttKicxiXia id- 
Xavta — — — 
6 ^ifev TiTpdvnc 
iTTTiTfeiXaTo cxpa- 
xiuixri ^fev fijLii- 
liveov dpTupiou bui- 
ceiv, ^Kaxovxdpxq 
bk juvSc WKtt, XI- 
Xidpxip bk xdXav- 
xov. 



Appian wird am Schluls ungenau, ein Talent war gleich 6000 
Diächmen, nicht ^ 10 000. Die Zahlen bei Plutai'ch sind dieselben, 
denn eine Mine Silber war >» 100 Drachmen. 

Bei dem Bericht über die Feldzüge des Pompejus wird Appian 
ofi dadurch ungenau, daCs er stark zusammenzieht. So unterscheidet 
er nicht die Kämpfe mit den Albanern von denen mit den Iberern 
and oennt bei der Schlacht am Abas-Flusse fölschlich beide Völker. 
Wenn er e. 103 die Zahl der Barbaren auf 70 000 angiebt, so weist 
dies auf dieselbe Quelle, die wir bei Plutarch und Strabo finden. 



Strabo XI p. 502. 

imXiZouci (p\ *AXßavol) IE juiu- 
pidlKzc TTcZuiv, tirirdac bk fiupiouc 
ULI bicxiXiouc, öcotc irpöc TTo^- 
;rrjiov bieKivbuveucav^ 



Plut. Pomp. 35. 

Ktti Kttx^Xaße npöc ''Aßavxi iro- 
xaiLiijj TrapaxexatM^voic ÖaKic- 
^upiouc TreZouc xai bicxiXiouc 
ImteTc ^m ^upiolc. 



DtaTs liier eine Quelle zu Grunde liegt, deren Tendenz auf Verherr- 
lichung des Pompejus abzielt, zeigt ein Vergleich der [bei Plutarch 
folgenden Worte mit Dio XXXVII 3. Nach Dio commandierte der 
Küüg Oroeses selbst; Plutarch berichtet, der sonst unbekannte 
Bruder desselben Eosis habe die Albaner angeführt und sei im Zwei- 
kimpf von Pompejus erlegt worden. 

In geographischen Angaben finden sich auffallende üeberein- 
gtimmuBgen zwischen Appian und Strabo. Einige Beispiele: 



86 0. Franklin Arnold: 



1) App. Mithr. c. 101. 
*'lßT]pac bfe Touc iv 'Aciqi o\ \xky 
irpoTÖvouc o\ bi, diTOiKOuc fiTOÖv- 
Ttti Tujv 6upujiTaiuiv Ißripuiv, 
o\ hk ö|i(JJVu^ouc. 



Strabo XI p. 499. 
(nach einer Lücke im Text) ei jif| 
Karißripac ö|üiu)vu|yiouc toTc icne- 
piotc KaXoOciv öttö twv ^Kar^- 
pu)6€V xp^^^ci^v. 



Das ol ^^v — o\ bi darf uns also nicht zu der Annahme yerleiten, 
dafs Appian mehrere Quellen verglichen h&tte; beide Meinungen 
wurden vielmehr von Theophanes vorgetragen, und von dort sind 
sie in die Werke des Appian und des Strabo übergegangen. 



Strabo XI p: 499. 
Tiapa ToÜToic bk X^tcxai Kai 
Xpuc6v KaTaq)^p€iv touc x€i)idß- 
ßouc, ÜTToWxccÖai b* aÜTÖv touc 
ßapßdpouc — jLiaXXuiTaTc bo- 
paTc dqp' ou bf) ^e|Ulu6€uc9al 
Kai TÖ xpucö^aXXov b^poc 



2) App. Mithr. c. 103. 
Xpucoq)opouct b' iK tou KauKdcou 
TToXXai TTTiTai ipfiTMCt i(pavic' Kai 
o\ TrepioiKOi Kuibia TiO^vrec de 
TÖ ^eCjüia ßaOujbiaXXa tö vpiiTMOi 
dvicxö^evov auToTc ^kX^touci* 
Kai ToiouTov fjv Tcujc Kai tö xpw- 
cöjLiaXXov Aij^Tou b^poc. 

3) In den Angaben über den Lauf des Kur, sein zwölfarmiges Delta 
und seinen Nebenflufs Aras stimmt Appian c. 103 genau mit Plut. 
Pomp. 34 und Strabo XI öOl.^») 

Zu den falschen Nachrichten, die wir in dem letzten Teil der 
Mithr. des Appian so häufig finden, gehört auch die Stelle c. 106 
£TroX^)Liilc€ bi (Pompejus) Kai Aapcitfi Ttji Mrjbifi ktX. Pompcijus ist 
nicht bis Medien gekommen, und zu dem König stand er in freund- 
schaftlichem Verhältnis. Plut. Pomp. 36 Kai — Tili jli^v 'EXujLiatuiv 
Kai Mrjbuiv ßactXci iT^|yii|iaci Trp^cßeic dvT^Tpaipe qpiXiKuic. Wahr- 
scheinlich war er einer von den zwölf Dynasten, die in Amisus den 
Pompejus umgaben (Plut Pomp. 38). Den Irrtum App. c. 106 führt 
Drumann lY p. 463 auf eine Verwechslung des Ekbatana am Karmel 
mit Ekbatana in Medien zurück. Hierzu liegt kein Anhalt vor'^), da 
Appian diese Stadt gamicht nennt und auch erst später davon handeln 
konnte, c. 117 zeigt, dafs die lügenhafte Prahlerei des Pompejus 
selbst Schuld ist. Auf der Tafel, welche im J. 61 beim Triumph 
seine Thaten verkündigte, war als vierter der von ihm „besiegten*^ 
Könige Darius Modus zu lesen. Verherrlichte sich Pompejus selbst 
so, dann durfte Theophanes nicht zurückbleiben; der Widerspruch 
zwischen der Nachricht Plut. Pomp. 36 und App. c. 106, die beide 
von Theophanes in maiorem Pompeii gloriam erzählt wurden, mufste 
in den Kauf genonunen werden. 

Als letzter der „besiegten" Könige war auf der Tafel Antiochus 
V. Commagene genannt. Dies war ebenfalls eine Unwahrheit, die 
von der Quelle Appians c. 106 wiederholt wurde. 



^^ Der Name des ersteren FlosBes weicht in den HandBchriften des 
Appian ab. Dies erklärt sich daraus, dafs mehrere Formen im Gebrauch 
waren. (Strabo 1. c.) — '^ Vergl. Mommsen Rom. Ghdsch. III p. 134 Anm. 



Untersadmngen über Theophanes nnd Posidonius. 



87 



c 106. in, 6 bk TToMTryiioc xai töv Taöpov uircpeXBtiüv, ino- 
Uitt\iciy 'AvTioxHi tu) Ko|Li|iaTTivip, ?ujc ic cptXiav 6 'Aviioxoc 
ouTiff cuvnXGev. — Übrigens enthält' dies Capitel einen crassen 
Widersprach« Nachdem eben gesagt ist, dafs Pompejus gegen Are- 
tas and gegen Aristobul gekftmpfk habe, bis er Jerusalem in seine 
Gewalt gebracht, heifst es weiter, Pomp, habe Cilicien, Syrien am 
£iiphrat, Cölesjrien, Phönicien imd Palastina ohne Schwertstreich 
für die Bömer erworben. Die bezeichneten Sätze sind aas der syr. 
Geschichte herübergenonmien. 



App. Syr. 50. 

Oimu liiy bi\ KiXiKtac t€ kqi Cu- 
piac, Tiic ^ecoTOtiou xai KOiXr)C 
m <|)oiviici]c KaiTTaXaicrivTic Kai 
0(Ta fiXXa Cupiac dnö Eu9pdT0u 
iiixpi AItutttov KCl \xix9^ öa- 
Xdaoiic övö^ara, ä^axel 'Pui- 
Maioi KQT^cxov. Dann folgt die 
Geschichte des jüdischen Krieges. 



App. Mithr. c. 106. 

Kai KiXiKiac bi 8ca oÖTriu Tuj- 
^alOlc uTTTiKOue Kai rfiv fiXXriv 
Cupiav, öcTi T€ irepl Euqppdxriv 
IcTi Kai Koikx] Kai OoiviKTi Kai 
TTaXaicTivn X^T^Tai Kai Tf| v 'Ibou- 
jiiaiiuv Kai iToupaiuüv Kai öca 
äXXaövöjLtaTa Cupiac tmOjy ä^a- 
Xel 'PuüjLiaioic KaGiCTaTo. 



Nun folgt App. Mithr. 106. die Abweisung der Ansprüche des 
Aotiochos y. Gommagene, verkürzt wiedergegeben aus der Erzählung 
Syr. 49. Diese stimmt bis ins Einzelste mit Justin XL 2 § 2 — 5. 
Derselbe Gedanke, der sich am Schlufs des 40. Buches dort findet, 
ist Ton Appian durch — äfiaxcl 'Pu))üiaiot Kar^cxov ungeschickt 
^^^^oben. 

8o gedankenlos hat Appian sich selbst ausgeschrieben. 

Aus dem Gesagten läfst sich mit Sicherheit der Schlufs ziehen, 
da& App. Mithr. c 97. 101. 103. 106. 104. 116J 118. 121 die 
Mithridatica des Theophanes von Mytilene Quelle sind. 

Über die Feldzttge des Luculi sind keine Fragmente aus 
diesem Werk erhalten. Sie wurden natürlich von dem Günstling 
des Pompejus in dessen Sinn dargestellt, d. h. die Verdienste imd 
Erfolge des Vorgängers wurden möglichst geschmälert. Flut. Fomp. 
31 berichtet ausführlich, wie Pompejus die Schlachten desselben als 
Spiegelfechterei und Schauspielerei hinstellte und verkündete, die 
eigentliche Niederwerfung des Feindes müsse erst jetzt erfolgen. 
Dieselbe Auf&ssung läfst sich auch bei Appian nachweisen. Während 
den Feldzügen des Pompejus eine der Wahrheit nicht entsprechende 
Ausdehnung gegeben wird, verlautet von der Eroberung von Ni- 
sibis, die nach Flut Luculi 33 den Wendepunkt des Krieges bildete, 
oiehts. Die vortreffliche Provinzialverwaltung des Luculi wird gar- 
nicht berührt Deshalb mufs auch die nach Liv. fr. 24 sehr empfind- 
liche Niederlage des Mithridat am Arsanias bei Appian c. 87 zu 
einem unbedeutenden Scharmützel herabgedrückt werden. 

Die Färbung des Berichtes ist somit eine ganz andere, als in 
Plutarehs Leben des Luculi, wo die Verdienste des Feldherm nach 



88 C. Franklin Arnold: 

Gebühr gewürdigt werden. Dafs hier zum grofBen Teil andere 
Quellen benutzt sein müssen, alfl Ton Appian, geht schon daraus 
hervor, dafs manche Personen, die bei dem einen Schriftsteller eine be- 
deutende Rolle spielen, von dem andern gamicht erwähnt werden. 
So kommen Murena (cos. 62) und Somatius nicht bei Appian, Fi- 
sistratoS; Diokles, Phönix, Mancäus nicht bei Plutarch vor. Bei 
Appian fehlen also römische, bei Plutarch griechische Namen. Oder 
dieselben Personen werden constant anders bezeichnet. Der Legat 
M. Fabius Adrianus wird von Plutarch stets mit dem cognomen, 
von Appian stets mit dem gentile genannt. Der Eroberer von Pra- 
sias heifst bei Appian Barba, bei Plutarch Voconius. — Über Mu- 
rena berichtet Plutarch manches, meist Ungünstiges, in einer Weise, 
die auf römische Quelle schliefsen läfst. Cicero sagt in seiner Bede 
pro Murena 9, 16, Luculi sei für die Verdienste desselben stets 
voll Anerkennung gewesen; im Widerspruch damit iSfst Plut. c. 19 
a. E. ihn die entschiedene Mifsbilligung desselben erfahren und fährt 
fort: 'AXXd Mouprivac }xiv ouk ivraOGa jjiövov 019611 ttoXu ttic toö 
CTpaTTiToC KaXoKäTGt6tac dirob^ujv. Dies alles weist auf eine mit 
römischen Verhältnissen wohl vertraute Quelle; dem Autor machte 
Murena aus verschiedenen Oründen, vielleicht auch wegen seines 
Auftretens gegen die Gatilinarier, unsympathisch sein.'^) 

c. 15, bevor erzfthlt wird, dafs dem Murena die Belagerung von 
Amisus anvertraut war, heifst es^ dieselbe sei ohne heftige K&mpfe 
vor sich gegangen. Damit stimmt überein Sallusi hisi fr. IV 1 
(Amisumque assideri sine proeliis audiebat), nicht, aber Appian, der 
c. 78 von den Nöten der Belagerer, den häufigen Ausfallen der Be* 
Satzung und Zweikämpfen berichtet. Dafs von Plutarch ein römischer 
Schriftsteller benutzt ist, zeigt die Zeitbestimmung nach dem rö- 
mischen Kalender und die Bemerkung über die dies atri oder nefEisti 
c. 27. Aus dem Citat c. 28 geht hervor, dafs nicht Liv. zu Grunde 
gelegt ist, und die häufigen Berührungen mit den Fragmenten 
Sallusts weisen auf Benutzung dieses Schriftstellers hin.'') 

Ohne Zweifel sind Sallusts Historien in umfangreicher Weise 
von Plut. Luculi. c. 6 — 37 ausgebeutet, wenn aber Peter L c. p. 108 
sagt, die Darstellung des Plutarch sei aus einem Gufs, so erleidet 
dies doch erhebliche Einschränkungen, c. 23 vertieft er sich in die 
Gründungssagen von Sinope in einer Weise, die eine gelehrte grie- 
chische Quelle verrät. Die Stadt soll früher im Besitz der Syrer ge- 
wesen seixi, die von Sjros abstammten, dem Sohn des Apoll und der 
Sinope^ der Tochter des Asopos. Dieselbe Genealogie findet sich 
bei Philostephanos v. Eyrene fr. 3 (M. III. p. 29), dessen Quelle 



>^) Da Murena in dem bekannten Proceüs freigesprochen wurde, 
kann hierauf die Bemerkung nicht abzielen. Jedennüls muss sie von 
einem Autor herrühren, der nicht auf Seiten derNobilitöt stand. — **) Vgl. 
H. Peter die Quellen Plut in den Biographien der Eömer p. 107. 



üiitennchiiiigen über Theophanes und PoBidonius. 89 

Heraelides Ponticns ist. Auf diesen wird auch die Erzählung des 
Fhitarch zurückgehen. Einem Bömer lagen diese Dinge zu fem. 

Auch sonst ieigt sich, dafs nicht alles bei Plutarch aus Sallust 
stsiiimi Die Ton Mithridat belagerten Eyzikener wurden von der 
Ankunft des Luculi nach Sallust bist. fr. III 20., Florus, Orosius 
und Frontin durch einen kühnen Schwimmer unterrichtet, den Lu- 
collus zu ihnen sandte. Nach Flui Luculi c. 9 gelangten sie auf 
eine andere Weise zu dieser Kenntnis, wobei der Grieche Demonax 
die Hauptrolle spielt. Von dem Daskylitischen See aus soU dann 
Lucull die Stadt eingenommen haben. Dies wird sonst nirgends er- 
zählte Da Frontin (ygL Liy. fr. 20) und Oros. genau mit Sallust 
m. 20. stimmen, beide aber aus Liy. excerpiert haben, so folgt 
darans, daJB Liy., wie in früheren Büchern die Historien des Sisenna, 
80 in der Geschichte des LucuUus die des Sallust benutzt hat. — 
Wird schon durch diesen Bericht der Gedanke an eine griechische 
Quelle des Plutarch nahe gelegt, so geht dasselbe aus dem grie- 
chischen Hexameter, mit dem die Aphrodite, als sie yor Kjzikus 
dem Lucull erscheint, diesen anredet^ noch deutlicher heryor. 

Am SchluJB des Berichtes über die Schlacht bei Tigranocerta 
citiertPlutarch die ä1ro^W|^aTa Strabos (c. 28). Möglicherweise hat 
er dasselbe Werk auch an anderen Stellen der yita gebraucht. Der 
Bericht Appians über diese Schlacht aber kann nicht aus Strabo 
stammen. Dieser bezichtigte die Armenier der kläglichsten Feig- 
heit. Nach App. c. 85 f. siegten die Bömer nur durch eine Kriegs- 
list des Lucull, der seine Reiterei eine Flucht simulieren liefis. Die 
Armenier wurden geschlagen, weil sie sich im Verfolgungseifer zer- 
ftrenten und der unglücklich aufgestellte Train Verwirrung heryor- 
faraehte. — Crpäßuiv b'dv Toic IcTopiKoTc öno^vi^Maciv auroiic X^yei 
Touc Tiufiaiouc alcx^vecGm kqi KaxateXav dauioiv dir' dvbpdTroba 
TOioura b€ii9^VT€C SttXwv (Plut). Auch aus anderen Stellen wird 
klar, dals die Erzählung Appians nicht aus Strabos Geschichtswerk 
stammen kann. Appian spricht c. 117 yon dem Triumph des Pom- 
pejus und sagt, die dabei aufgeführten Gefangenen seien, soweit sie 
nicht k(Sniglichen Geschlechtes gewesen, in ihre Heimat zurück- 
gesdiickt. Dies ist nicht richtig. Vielmehr blieben yiele Juden, die 
Ton Pompejus freigelassen wurden, in Bom und bildeten den Grund- 
itoek der dortigen Gemeinde.'^ Ebenso falsch ist es, wenn App. 1. c. 
sagt 'ApiCTÖßouXoc €u8uc dvqp^Oii. Aristobul entkam 57 mit seinem 
jüngsten Sohn Antigonus heimlich aus Bom; M. Antonius, XJnter- 
feldherr des Proconsuls A. Gabinius, besiegte ihnbeiMachftrus, und er 
goriel mit seinem Sohn zum zweiten Mal in römische Gefangenschaft. 
Im Jahre 50 liels ihn Cftsar frei, damit er gegen Pompejus kämpfte, 
aber er starb schon ein Jahr spflter, yon Pompejanem yergiftei*^) 



") SchOrer, Neutestam. Zeitgesch. p. 176. — '^) Ib. — Drumann III 
p. 48. p. 447. 



90 



G. Franklin Arnold: 



Diese falschen Nachrichten Appians können nicht aus dem Oe- 
Schichtswerk Strahos stammen, denn darin wurde sehr genau über 
die Eeldzüge des Pompejus und Oabinius gehandelt (Nicol. Damasc. 
fr. 87. M. ni 418) und seine Nachrichten sind von Nicol. Damasc. 
und Josephus Archaeol. XIII. XIY ausgiebiger Benutzung ftr wert 
gehalten worden. 

Was nun die griechische Quelle in Plutarchs Luculi anlangt, 
so nötigt das zwischen Aussprüchen des Liyius tmd Antiochus v. 
Ascalon eingeschobene Citat c. 28 keineswegs zu der Annahme, dafs 
sie in Strabos Geschichtswerk zu suchen sei. Ebensogut wie in der 
yita des Pompejus kann auch hier Plutarch den Theophanes direkt 
benutzt haben. Aber dies ist auch gleichgültig. Jedenfalls waltet 
hier dasselbe Verhältnis ob, wie dort, was gemeinsame Benutzung 
des Letzteren von Appian, Strabo und Plutarch angeht 

Nach App. c. 83. Plut. Luculi c. 23 erschien dem Luculi, als 
er Sinope belagerte, im Traum der Stadtheros Autolykos, der mit 
den Argonauten gegen die Amazonen gezogen sein sollte; nachher 
wurde seine Statue gefunden, die Luculi mitnahm, und die Stadt 
erfuhr milde Behandlung. 



Strabo XIIp. 645 f. 
nennt übereinstim- 
mend mit Plutarch 
den Befehlshaber 
von Sinope Bakchi- 
des (App. BdKXOc), 
während Memnon 
als Commandanten 
Eleochares und Le* 
onippos aogiebi 

AeÜKOuXXoc fipe 

TÖV AUTÖXUKOV, 

Ce^viboc f pTOV 8v 

dK€lVOl 0lKlCTf|V 

^ujv d)c Oeöv. 

VI cujLATrXeucdvTUJV 
elvai 



fjv bk Kttl fiavTeiov 
aÖToO 



Plut. Luculi. 23. 

Kttl TflC TTÖXeUJC dTT€ji6Xri0Tl 

fuiäXicTa hxä -rfiv ToiauTr|v 6- 

HIIV. *€bÖK€l Tivd KttTd TOUC 

ÖTTVOüc elireiv TrapacTdvra* 
TTpöeXGc, AouKOuXXe, jui- 

KpOV flK€l TOP AÖTÖXlJKOC, 

^VTuxeTv CGI ßouXö|ievoc — 

Kttl— öpqi TiapdTÖv 

aiTiaXöv dvbpidvia Keijue- 
vov, 8v dKKOfiiJovTec ol KlXi- 
K€C (die Besatzung) ouk 
£q)6r)cav djiißaX^cOai. tö bi. 

JpTOV fjv Cö^VlbOC TUIV Ktt- 

XiüV.'OpdZei oOv Tic ibc Auto- 

XUKOU TOO KTlCaVTCC Tf|V 
ClVUlTTTlV 6 dvbpidc €IT1. 

A^T^TOti b' 6 AuTÖXuKOC fe- 
v^cOai tOüv iiA Tdc 'AjuctZö- 
vac ^K GeTxaXiac 'HpanXeT 
cucTpaxeucdvTUiV u. s. w. 



App. Mithr. 83. 

AOUKOUXXOC bk T1?|V 

iTÖXiv eöGuc ikev- 
Oepiav r^9i€t bi 

^vuTrviov 

oubfev b' 6 Aou- 

KOUXXOC €lbUJC — 

Ibole, OTT* auToö 
KXiiGeic 6päv au- 

TOV. 

— 8v Ol CivtüTreTc 
DU q)8dcavT€c ic 

cGai — 



AuTÖXuKOV q[>aciv 
dm xdc 'A)ia26vac 
"HpcncXei cucTpa- 

T€UOVTa. 



dvbpidc T€ C€ßd- 
C|LllOC ToTc ClVUJ- 

ireOciv ?xpö- 



Man sieht, dafs die Nachrichten, bei denen die Übereinstimmung 



ünterBnchuogen über Theoplianes tmd Posidonius. 



91 



staiifindet, ganz tthnlioher Natur sind, wie die, welche wir in dem 
Bericht yon den Feldzügen des Pompejus dem Theophanes zuge- 
sehrieben haben. Wie in der angeführten Stelle eines griechischen 
Künjsilers, so wird sonst mehrfach in Flut. Luculi griechischer In- 
genienre da gedacht, wo sich Berührungen mit Appian finden. So 
hcilat es c 19, dafs Amisus sich so lange gegen die Römer ver- 
teidigt habe, rühre Ton der djUTretpla )üirixaviKf)c irapaoceufic xäi 
bcivörnc navoupTiac des Strategen Eallimachos her. Später er- 
iShlt Flut, übereinstimmend mit Appian die Neugründung der Stadt 
durch Lncull und fähri dann fort: 



Flut. LuculL 19. 
f|v 2>* f| iioXtc *AOnvaiu)v äTroiKoc, ^v dK€i- 
voic opa ToTc Katpoic, dv oTc f\K\iaCe, 
i\ büva^ic auTuiv Kai Kaxeixe Tf|v G<4- 
Xaccav — 



App. Mithr. 83. 
AouKOuXXoc bi, TTuvBa- 
vö^cvoc uTi' 'AGnvaluiv 
auToüc SaXaccQKpoTOuv- 
TUJV cuviUKicGai — 



c 10 wird Yon den bewunderungswürdigen Belagerungsmaschinen 
des Theesalers Nikonides berichtet, die bei der Belagerung von Ej- 
xikus Ton Mithridat angewandt wurden. Im Zusammenhang damit 
werden dieselben Frodigien erzShlt, die sich bei Appian Mithr. 84 
nad 85 und aus Livius bei Jul. Obsequens 121 finden. Es ist von 
einem Fest der Froserpina die Bede 



loL Obsequ. 121. 
Ad immolandum 
boa Sacra iniussu 
Bontibus per hosti- 
nxn dassem adna- 
tswit saque ad aras 
percutiendum attu* 
lil 



Flui Luculi. 10. 
Kai Tf\c dopTfJc dvecTidcTic 

Ol ^^V I^TTÖpOUy ßOÖC ]i€- 

XaiVTic TTpöc Triv Guciav xai 
CTttiTiVTiv TiXdcavTec xif» 

ßUijlliji TTOp^CTIlCaV, f) ö' 

icpd — — — bievTJ- 

HOTO TTpöc TTjV ttÖXlV Kttl 
KaT^CTTlC€V ^TTl Tf|V GuClttV 

aucrjv. 



App. Mithr. 75. 

d7r€X90UCT)C bk Tt\C 
^OpTTjC, dV 5 0UOUCI 

ßoOv ' jüidXaivav oi 

infev OUK 2X0VT€C 

firXaTTOV ärrd d- 
Tou. MdXatvd bk 
ßoOc — irpdc aü- 
TOUC bi€vrix€To — 
— Kai Toic ßuijioic 
Trap^cni. 



Die dann bei Flutarch folgende Traumerscheinung findet sich eben- 
fiJlB bei Jul. Obsequens, fehlt aber bei Appian. App. c. 79 läfst 
lieh Ctust ganz bei Flutarch nachweisen: die Geschichte von dem ge- 
fangenen BOmer Fomponius stimmt auch in den Einleitungsworten. 



App. Mithr. 79. 
Kai 6 AoukouXkoc — de Kdßetpa 
warißt]. revoM^VTic öd tivoc 
fanroMOxioc — ö '{nrrapxoc 
TTcHimifvioc de MiOpiödriiv re- 
Tpiüfidvoc ävTix^n' Kai tiu6o- 
ptbn^ poctXci ktX. 



Flut. Luc. 15. 
— dßäbiZev dirl Mi9pibdTiiVKa9riji€- 

vov dy Ka߀ipoic fevoMdviic 

b' iTTTTo^axtac — TTo)LitTiövioc, dW|p 
OUK äboEoc ddXu) T€Tpul^dvoc Kai 
irpöc Tdv Mi9pibdTiiv dviixöri — 
TTueo|idvou bk toO ßaciXduüC — . 



92 C. Franklin Arnold: 

Der bei Appian in demselben Kapitel erzählte Verrat des Scythen 
Olkabas (Plnt. Olthakos) wird von Plutarch c. 16 berichtet. Es ist 
charakteristisch, dafs Plutarch, nachdem die Geschiebe ihre Pointe 
erreicht hat, mit einer Sentenz abbricht, tun sich c 17 wieder zu 
seiner Hauptqaelle Sallust zu wenden, während Appian rahig weiter 
erzählt, als Olkabas zn Mithridat gekommen, habe er ihm einen an- 
deren Scythen Sobadakos als verdächtig bezeichnet und dieser sei 
sofort verhaftet. — Plutarch hat überhaupt häufig umgestellt, oder 
in den Sallustischen Bericht interessante Einzelheiten aus Theo- 
phanes eingeflpchien. So ist Anfang und Ende von c. 15 sallustisch, 
nach dßdbiZe beginnt Theophanes, mit fXaqpov bk XdT€Tai kehrt 
Plut. zu seiner Hauptquelle zurück. Von c. 24 (Luculi geht über den 
Euphrat) an scheint Sallust mit grösserer Ausschliefslichkeit benutzt 
zu sein. Theophanes wurde von hier an, wie man ans Appian deut- 
lich sieht, immer dürftiger. Der Orund liegt auf der Hand. Die 
Darlegung des wahren Sachverhaltes würde den Buhm des Pom- 
pejus zu sehr verdunkelt haben. 

Bei Appian sind also nicht nur die Feldzüge des Pom- 
pejus, sondern auch die des Lucüll nach Theophanes er- 
zählt. Dafs die Übereinstinmiungen mit Plutarchs vita Pompeii häu- 
figer, mit vita Luculli seltener sind, erklärt sich daraus, dafs in der 
ersteren Theophanes Haupt-, in der letzteren Nebenquelle ist. Anklänge 
in geographischen und mythologischen Einzelheiten an Strabo sind 
nicht auf eine Benutzung seines Geschichtswerkes, sondern ebenfalls auf 
Theophanes zurückzuführen. Livius hat den Günstling des Pompejus 
häufig zu Rate gezogen, aber sich hauptsächlich an Sallust gehalten. 
In den Historien des Letzteren sind auch griechische Quellen ein- 
gesehen (das zeigt schon der Ausdruck cataphracti IV 16), aber 
die Übereinstimmungen zwischen Appian und Plutarch lassen sich 
zum mindesten nicht alle darauf zurückführen, dafs Sallust und 
Theophanes dieselben griechischen Quellen gebraucht hätten. 

Es bleiben nun zwei Fragen in Betreff der Appianschen Dar- 
stellung des dritten mithridatischen Krieges zu beantworten übrig, 
l) Woher schöpfte Theophanes seine Nachrichten, soweit sie nicht 
auf Autopsie beruhen? — und 2) hat Appian die MiOpibariKd des 
Theophanes selbst vor sich gehabt, oder kennt er sie nur durch das 
Medium anderer Geschichtschreiber? 

Es versteht sich von selbst, dafs dem Günstling, der zu Ehren 
des Pompejus sein Werk verfafste, gute Informationen von semem 
Helden zu Gebote standen. Dahin gehört die Liste der Legaten im 
Seeräuberkriege. Florus (III 6), der hier aus Sallust schöpft, zählt 
wie App. Mithr. 95 dreizehn auf, aber in vier Namen weicht er ab. 
Drumann IV 408 hat gezeigt, dafs die Appiansche Relation den 
Vorzug verdient. — Wenn Florus dem M. Porcius Cato den Helles- 
pont als Bezirk zuteilt, so läfst sich der Ursprung dieser falschen 
Nachricht nachweisen. Cato diente um diese Zeit als Kriegstribun 



üntenncliTugett über Theophanes und PosidoninB. 93 

unter dem Proprätor M. Bubrius in Macedonien, erwirkte sich einen 
zweimonatlichen Urlaub und begab sich nach Pergamum. Diese 
Beke war aber rein privater Natur (Drum. Y 154). Wenn übri- 
gens App. c 94 sagt, Pompejus habe 25 Legaten gehabt und c. 95 
nur 13 aufEfthlt, so weist dies nicht auf verschiedene Quellen. Auch 
Plutareh, der hier Sallust folgt, berichtet c. 26 fiTejUCViKol xai 
CTpoTTfnKOi KaTeX^pi^av dirö ßouXf^c ävbpec elKOCiT^ccapec i&tt' 
ouToG, bOo bk rajitat iropficav — und drei Zeilen weiter: bieXdiv 
xd ireXoTTi — €lc iiipr] TpicxdbeKa xai vciöv dpiOfiidv i<p* ^kActiij 
Kcd fipxovra rdSac Hieraus geht hervor, dafs elf Legaten mit 
ihren Schiffen nicht in Bezirke versandt wurden, sondern zu sofor- 
tiger Verwendung bei der Hauptmacht blieben, um Pompejus zur 
Disposition zu stehen. Wenn die Gesammtsumme nach Plut. ein- 
imdzwanzig, nach Appian ftlnfundzwanzig betrug, so z&hlt letzterer 
den Li. Octavius mit, der später den Metellas Creticus verdrängen 
sollte und keine besondere Abteilung befehligte, sondern sich im 
Gefolge des Oberfeldherm befand. — Auch zwischen c. 95, wo 
Appian sagt, Pompejus habe das östliche Meer nur durch den 
Schrecken seines Namens ohne einen Schwertstreich gesäubert, und 
c 96, wo er die Zahl der Piraten nennt, die im Gefecht gefallen 
seien, haben wir keinen Quellenwechsel anzunehmen^ sondern an 
ersterer Stelle ist ein rhetorischer Ausdmk des Theophanes unge- 
schickt wiedergegeben. Daijs dessen Geschichtswerk auch hier zu 
Grande liegt, zeigt der schmeichlerische Beiname, der c. 94 dem 
PcMnpejns gegeben wird: in seiner selbstherrlichen Stellung habe 
derselbe unter seinen Legaten gestanden da bi\ ßaciXeuc ßaciX^u)V. 
Dieser doppelsinnige Ausdmck soll ihn als Nachfolger Alezanders 
und der Achämeniden bezeichnen. 

Solchen Stellen, die gute Information verraten, stehen andere 
gegenüber, die sich als Erzeugnisse gelehrter Fabrikation documen- 
tieren. Die vielen Gründangs- und Localsagen sind gewÜB nur zum 
Teil an Ort and Stelle gesammelt; manches wird aus Büchern ge- 
scbSpft sein, z. B. aus dem genannten Werk des Heraclides Ponticus. 
Anderes ist geradezu künstlich gemacht, wie z. B. das Verzeichnis 
der Hül&völker des Mithridat c. 69. Hier werden auch die Leuko- 
syier als cu|i^axot aufgeführt, AeuKÖcupoi war eine seltene Be- 
j^iehnung der Nachbarn der Paphlagonier östlich vom Halys, mit 
aDdem Worten der KainrdboK€C trpdc tä TTövti}). Strabo XII p. 544: 
CHpöboTOv) Cupouc X^TOVra touc KairirdboKac kqi fäp hi Kai 
vuv AcuKÖcupot KaXoOvrat. Die eigene Hauptstadt des Mithridat 
hg inmitten der von ihnen am unteren Iris und seinen Nebenflüssen 
bewohnten Landschaft. Es ist also ungereimt, die alten Unterthanen 
als Bundesgenossen anzuführen. Und doch heifst es zu Anfang 
ansdrficklich: cujLi^axoi re aOriip npocetiTVOVTO X^P^c Tf)C npoT^pac 
buvdMCUK. 

Wir begegnen in der Liste auch völlig antiquirten Namen. An 



94 C. Fianklin Arnold: 

erster Stelle werden die Chaljber genaimi Strabo XII p. 549 o\ 
bk vOv XaXbaioi XdXußec tö iraXaiöv divojüiäZovTo. Die Chaljber 
galten als Erfinder der Erzbereitung '^) (Arrian fr. 51. Müller HL 
p. 596), dnrch ihre Erwähnung wollte Theophanes wohl der Kriegs- 
macht des Mithridates einen besonders furchtbaren Charakter ver- 
leihen. Dafs in der Liste auch die Bewohner des Amazonenlandes 
nicht fehlen, weist auf dieselbe Quelle hin, die c. 83 und c. 103 be- 
nutzt ist. 

Für die Oeschichte der Feldzüge des LucuU mulÜBten dem 
Theophanes solche Quellen erwünscht sein, welche die Fortschritte 
der Bömer als möglichst gering , den Widerstand der Feinde als 
möglichst erfolgreich hinstellten; Diesen Anforderungen entsprachen 
Schriften von zweierlei Gattung: erstens Aufzeichnungen, bei denen 
das Localinteresse vorherrschte, von Einwohnern griechischer Städte 
verfaTst, mit der Tendenz, die Schicksale und Thaten asiatischer 
Griechen der Nachwelt zu überliefern und zweitens Schriften, die 
geradezu in pontischem Sinne geschrieben waren und Mithridates 
als Vorkämpfer der Hellenen hinstellten. 

Aus diesem Charakter der Quellen erklärt es sich, dafs uns so 
manche Namen griechischer Strategen und Ingenieure begegnen. 
Über die Vorgänge vor Eyzikus, namentlich über den Widerstand 
der Besatzung, werden wir eingehend unterrichtet, in einer Weise, 
die genaue Localkenntnis verrät (c. 72 ff., besonders c. 74, wo uns 
das Scheitern dreier Angriffe, die M. an einem Tage unternahm, ge- 
schildert wird, c. 75 wird das Aivbu|üU>v dpoc und das KXeiOpov am 
Eingang des Hafens als bekannt vorausgesetzt). In denselben Ka- 
piteln zeigt sich Mangel an Vertrautheit mit aufserasiatischen Ver- 
hältnissen: der Tod des Sertorius wird vor die Ankunft des LukuU 
vo) Eyzikus gesetzt, also zwei Jahre zu früh (c. 72). Wir haben es 
also hier mit einer Quelle zu thun, welche mit de m Werk des Mem- 
non über Heraklea viel Ähnlichkeit hat. Nun ist durch v. Gut- 
schmid in der Zeitschrift der morgenländ. Gesellschaft XV 106 
Teukros von Ejzikos, welcher 5 Bücher über die Thaten des Mi- 
thridates geschrieben hat, als Zeitgenosse des Pompejus nachgewiesen. 
Aus diesem Schriftsteller wird also Theophanes geschöpft haben. 

Besonders ausführlich werden die Schicksale von Amisus be- 
handelt, c. 78 in Verbindung mit der nur hier vorkommenden Notiz, 
das unfern gel^ene Themiscyra habe den Namen von einer Ama- 
zone.^) Auch c. 83 wird in pontischer Localtradition, die ausführ- 
lich von Sinope und Amisus erzählt, von Amazonen gesprochen. Man 
könnte an den Hjrpsicrates von Amisus als Quelle denken, er hat 
nach Strabo XI p. 504 auch von Amazonen berichtet, aber er be- 
stimmte ihren Wohnsitz anders, als es bei Appian geschieht. Aufser- 



*^) Seit EallimachoB. — - '^ Von Mjrina und anderen Städten be- 
richtet dasselbe Strabo XU p. 678. XIII p. 683. 



ünterBnchungen fiber Theophaaes und Posidonias. 95 

dam mnfs er, wie die Fragmente zeigen (M. III p. 493) nach dem 
Tode de8 Pompejns geschrieben haben, kann also nicht von Theo- 
phanee la Bäte gezogen sein. An eine directe Benutzung von Seiten 
AppJMift kann nicht gedacht werden, schon aus dem Gründe nicht, 
wefl dann auch Flut Luculi 1 9 das seltene, nur durch Strabo bekannte 
WeriE sa Grunde li^en müTste. Ebensowenig wie auf Hjpsikrates 
gehen die Nachrichten über Amisus auf diejenige Quelle zurück, die 
iB der Vorgeschichte des mithridatischen Krieges von Appian be- 
Botst ist Appian bezweifelt c. 8 die Nachricht, dafs Amisus yon 
Alexander mit einer demokratischen Verfassung beschenkt sei unter 
Bemfbng auf Hieronymus v. Kardia, nach dem diese Gegenden gar- 
nkkt von den Maoedoniem berührt seien. Daraus, dafs c. 83 die 
c 8 bezweifelte, sonst nicht bekannte Tradition wiederholt wird, 
kann nieht geschlossen werden, dafs beide Fartieen aus derselben 
Qaelle geflossen seien. Vielmehr ist die Angabe c. 8 aus Theophanes 
eiqgeBchoben, ebenso wie die c 112 ausführlich dargestellte Ansicht 
TOD der hellenischen Abstammung der Achfter am Caucasus schon 
c 67 gel^entlich kurz berührt wird. 

£6 Iftbt sich denken, dafs Fompejus seinen Vertrauten bei der 
Ah&s8img der MiGpibocTiKd in jeder Weise unterstützte. In Folge 
war es diesem ohne Zweifel leicht, mit solchen Männern in 
zu treten, die ihm bei der Lösung seiner Aufgabe von 
Xvtien sein konnten. Was lag dann nfther, als sich an den be- 
rühmten Grammatiker Tyrannio aus Amisus zu wenden? Er hatte 
ein gut Teil der Vorgänge selbst mit erlebt (Flut. Luculi 19), und 
geine Kenntnis von Land und Leuten mufste viel genauer sein, als 
die, welche sich der Mitylenfter auf den M&rschen erwerben konnte. 
TjTumlo war femer Geograph von Fach, dessen Schriften später 
Cicero bei geographischen Studien benutzte (Drumann V p. 608) 
xmd Lehrer Strabos (oO fm€ic i^Kpoac&|Li€9a XII p. 548). Endlich 
hatte er in Born eine ungeheure Bibliothek, angeblich 30,000 Bände, 
9ewi£s nur griechische Bücher (im Ordnen der Bibliotheken waren 
er und sein gleichnamiger Schüler berühmt). Kurz^ Theophanes ist 
Ton ihm gewifs in jeder Weise unterstützt worden. Dann erklärt 
äkh das Interesse für Amisus von selbst. 

AnÜBer den Quellen von localer Färbung sind von Theophanes 
solche Schriftsteller benutzt, die auf Seiten des Mithridates standen. 
Bei Flut. Luculi 25 wird Tigranes, c. 31 sogar Mithridates selbst 
feiger Flucht beschuldigt. Solche Züge fehlen bei Appian. — Nach 
c 89 wurde der König in einer Schlacht gegen Triarius (i. J. 67) 
Toa einem rGxnischen centurio, der sich unter die königliche Diener- 
acfaaft gemischt hatte, am Schenkel verwundet. Da bemächtigt sich 
des Heeres die äufserste Bestürzung, bis der Leibarzt Timotheus 
das Blut gestillt hat und ihn den Truppen zeigt: oT6v Ti Kai MaK€- 
bociv dv ^v^olC, imlp *AX€Sdvbpou bebiöciv, 6 'AX^Eavbpoc aurdv 
ifA vcuic 0€paiTeuö^€Vov ^Tr^beiSev. Wie (später) Fompejus, so 



96 C. Franklin Arnold: 

liebte es auch Mithridat, in Alexanders Fufstapfen zu treten. Aber 
was dort der Eitelkeit entsprang, war hier Politik: die Sjrmpathien 
der Orieohen sollten dadurch gewonnen werden. Namentlich anfangs 
gerierte sich der Pontier als Vorkämpfer der Hellenen gegen die 
barbarischen Bömer, als solchen liefs er sich yon Aristion in Athen 
feiern (Posidon. fr. 41), und um in der öffentlichen Meinung so da- 
zustehen verschmähte er auch kleinliche Mittel nicht App. Mithr. 
c. 20 (i. J. 89) ic TÖ ToO 'AXeSdvbpou TravboxcTov xai^Xucev, 
alTioüjievoc dpa, IvOairep *AXSavbpoc dveTraöcaTO, Kai MiOpibärriv 
CTa6|üi€0cai. 

Wollte Mithridates auf diese Weise sich bei den Griechen be- 
liebt machen, so wurde er durch die Familientradition darauf hin- 
gewiesen, sich als Nachkomme der AchSmeniden zu betrachten App. 
Mithr. c. 9 dvf|p T^vouc ßaciXeiou TTepciKoO. c. 112. ^KKaib^Koroc 
S)V Ik Aapeiou toC 'YcTäcirou. Diese Tradition ist ohne Zweifel 
sehr mächtig gewesen: mochte der König Weihgeschenke nach Nemea 
und Delphi senden und sich den Griechen gegenüber als Schirm- 
herm der hellenischen Göttertempel hinstellen: am Hofe herrschte 
der persische Cultus der Mithra-Beligion. Es zeigt deshalb eine gut 
orientierte erste Quelle an, dafs die Nachrichten über die religiösen 
Handlungen des Mithridat mit den persischen Sitten übereinstimmen 
(c. 66. c. 70). 

Der Stsmdpunkt der ursprünglichen Quellen hat aber auch die 
Überlieferung selbst beeinflufst. Der Ausgang des Treffens, das 
i. J. 82 zwischen Murena und Mithridat geliefert wurde, war nach 
Memnon, der doch häufig die den Pontiem günstige Belation giebt^^, 
von unentschiedenem Ausgang (c. 36). Appian berichtet c. 65 von 
einem entschiedenen Sieg des Mithridates.^ 

App. c. 80 erfahren wir von einer grofsen Niederlage und 
schimpflichen Flucht der Eömer; überall hin soll Mithridat Boten 
gesandt haben, um seinen Sieg zu verkündigen. Nur aus Memnon c. 43 
§. 2 erfahren wir, dafs die Pontier um diese Zeit (i. J. 71) in einem 
Beitertreffen siegten. Die c. 81 berichtete Niederlage der letzteren 
aber war nach Plut. (Sallust) viel bedeutender, als sie Appian dar- 
stellt (Plut Luculi 17); bis auf zwei sollen alle pontischen Truppen 
von den Soldaten des Fabius Adrianus niedergehauen sein. Ka\ Mi- 
GpibdxTic — ?KpuTrT€ Tf|v cu^(popäv d)c DU TOcauTTiv oöcav, dXXo 
jLiiKpAv, 7TpocK€KpouKÖTU)v dtTCipicji TUJV CTpaiTiTiöv. Eben dies Be- 
streben, die Niederlage zu vertuschen, nehmen wir bei Appian c. 81 
wahr. Nach Plutarch war pontische Infisuiterie am Kampf beteiligt; 
Appian berichtet nur von Reiterei, die durch Ungunst des Terrains 
in eine mifsliche Lage kommt. Das ganze Unglück* bei Cabira 
(i. J. 71) femer, bei dem der König nur durch einen goldtragen- 

") So c. 89 vgl. Drumann IV 129. — ") Die Frage, ob diese 
pontische Quelle über den zweiten mithridat. Krieg auch schon durch 
Theophanes vermittelt ist, bleibe zunächst dahingestellt. 



üntersachimgen Aber Theophanes und Posidonins. 97 

den Maniesei gerettet wurde, ist nach App. 81 lediglich Folge eines 
MilsTerstSndnisses. Der König berief am spSten Abend einen Eriegs- 
nt, sprach sieh sehr besorgt ans nnd liefs auch das Wort „Flncht" 
&Ilen. Die Generale gerieten darüber so sehr anfser Fassung, ^afs 
gje nicht das Commando znm Aufbrach abwarteten, sondern jeder 
das Seine fortzuschaffen suchte. Das Heer sah dies Treiben, ver- 
omtete das Schlimmste — TOTrtiZouca iroXXa dTOTru)T€pa, also doch 
wohl den Tod des Königs durch Verrat — und löste in wilder 
Flacht das Lager auf. 

Der Bericht Aber die Sohlacht bei Tigranocerta weicht mehr- 
fiich Ton Plutarch ab, der hier ausschliefslich dem Sallust folgt 
Nach Plut Luculi. c. 26 imd 29 traf Mithridates erst nach der 
Sehkdit mit Tigranes zusanünen, nach App. c. 85 schon vor der- 
selben. Dafs wir es nicht nur mit einer ungenauen Wiedergabe des 
Letzteren zu thun haben, geht daraus hervor, dafs nach Oros. VI 3. p. 
377 und Frontin strat. IE 14 Livius dasselbe berichtet hat. Sallust 
and Strabo stimmen darin überein, dafs die Armenier die kläglichste 
Feigheit zeigten. Bei Appian siegen die Römer nur durch eine 
Kriegslist des LncuU, der seine Beiterei in der Front (Ik fLiCTuinou) 
angreifen (Plut. ^K TrXaTtOu iTpocq)epO|Li^vouc) und eine Flucht simu- 
lieren IftTst; die Armenier werden geschlagen, weil sie sich im Ver- 
folgnngseifer zerstreuen und der unglücklich aufgestellte Train Ver- 
wimmg hervorbringt. Dann wird App. Mithr. 86 weiter erzählt, 
Maacaeus, der Commandant von Tigranocerta, habe die dort statio- 
flirten griechiBchen Söldner entwaffnet, aber diese hätten mit KLei- 
dem um den linken Arm und Knütteln in der Rechten sich Waffen 
obentet, die Armenier besiegt und die Römer in die Stadt gerufen. 
Weder Plutarch noch sonst jemand weifs etwas von diesen Söldnern; 
£e 'EXXr|V€C, von denen Flut. Luculi 29 die Rede ist, waren Ein- 
wohner der Stadt, die aus zwölf cilicischen Städten zwangsweise hier 
ttgesiedelt waren (Strabo Xn p. 532). Vielleicht haben wir es 
nit einer Flüchtigkeit Appians zu thun (?); in jedem Fall soll sein 
Bericht die Griechen verherrlichen. Wenn die von Drumann IV p. 
146 A 36 ausgesprochene Vermutung richtig ist, dafs wir hinter 
dem nur App. Mithr. 84. 86 vorkommenden Namen MayKaToc einen 
in armenische Dienste verschlagenen Marianer zu suchen haben, so 
^ die erste Quelle wimderlich genug die Schlacht bei Tigranocerta 
in einen glorreichen Sieg griechischer Truppen über die von einem 
^er geführten Barbaren auslaufen lassen (MaTKaiou bk touc 
Popßdpouc iirdrovTOC aöroic diTrXiCjyi^vouc). — Das nun von den 
Mden Königen nach italischem Muster gebildete Heer hatte nach 
PUegon V. Tralles fr. 12 (M. HI p. 606) 4000 Fufesoldaten, nach 
App. c 87 — 7000. Sein Bericht über den Ausgang der Expedition 
<cigt, wie oben erwähnt, pontische Quelle. 

Auf den ^lCOp((l^atoc Metrodoros von Skepsis können Nach- 
nehten dieees Charakters, soweit sie Ereignisse nach dem Jahre 70 

JiM». t clMt. Pbilol. SuppL Bd. Xni. 7 



98 0. Franklin Arnold: 

betreffen, nicht zurückgehen, denn er kam in diesem Jahre um (Flui 
Luculi. 22). 

Über die letzten Schicksale des Mithridates konnte Theophanes 
im Lager des Pompejus nichts Genaues erfahren, denn dieser hielt 
es für unnötig, den König durch Kundschafter beobachten zu lassen. 
Der Bericht des Appian c. 107 — 114 ist zu detaillirt, als dafs ihm 
blofse Gerüchte zu Grunde liegen könnten. 

Nach dieser Erzählung handelt Mithridat bis zu seinem Tode 
als ein höchst gefährlicher Feind der Bömer. Seine phantastischen 
Entwürfe erscheinen als realisirbare Pläne eines zweiten Hannibal 
(c. 109). 

Massenhafte Aushebungen haben seine Macht verstärkt, Kriegs- 
material und Finanzen sind aufs Neue leistungsfähig gemacht, 36 000 
auserlesene, italisch geschulte Truppen stehen ihm zu Gebote, auFser 
vielen Leichtbewafibeten, Schiffen und Festungen. Aber die Herzen 
der Seinen sind ihm ent&emdet Längere Zeit, während seine Feld- 
herren verschiedene Festungen eroberten, lag er krank an einem 
Geschwür und liefs sich nur von drei Eunuchen sehen und verpflegen. 
Zum Leidwesen seiner Getreuen räumte er dieser Menschenklasse 
entscheidenden Einflufs ein. unter ihrer Begleitung liefs er seine 
Töchter zu den Scythen bringen, um diese durch Heiratsverbindungen 
mit ihren Fürsten zu gewinnen; aber die Erbitterang seiner Soldaten 
war so grofs, dafs sie die Verschnittenen töteten, „welche sie schon 
immer gehafst hatten^' ^), und die Mädchen dem Pompejus auslieferten. 
Durch diese allgemeine Abneigung gegen die Batgeber des Königs 
wurde der Erfolg des Aufstandes seines Sohnes ermöglicht. Das 
Heer antwortet den Boten des Königs auf die Frage, was sie wünschten: 
Töv ulöv ßaciXeueiv, v^ov dvrl t^povroc, eövoüxoic t€ dK&eöo^dvou 
(c. 110). Die von Phamaces drohende GefiEihr hatte der Vater wohl 
erkannt; aber er übersah sie absichtlich.^) Der Batgeber, der ihn 
dazu bestimmte, wird mit Namen genannt; er hiefs Menophanes, 
ohne Zweifel auch ein Verschnittener. 

So wurde der König der Ergebenheit seiner ünterthanen durch 
die Schuld der Eunuchen beraubt; — seine wieder erstarkte Macht 
brach der Abfall der Phanagoreer. Dir Beispiel verleitete Cherson- 
nesos, Theodosia, Njmphäum und andere Städte zu demselben Schritte 
(c. 108). Zur Belohnung wurde Phanagoria von den Bömem frei 
und autonom erklärt; die Bewohner galten als Ursache von des 
Königs Untergang (MiOpibdTij KaxaXOcewc aiTioi c. 1 1 3). Auch der 
Commandant wurde belohnt^ Pompejus erklärte ihn zum amicus 
populi Rpmani c. 114: *A7T^<pTiV€ bi Ka\ töv OavaTop^a KdcTopa 
Tu)|JiaiU)V (piXov. Derselbe ist auch sonst bekannt; Suidas spricht 
von einem KäcTWp ungewisser Herkunft (Bhodier, Galater oder Massa- 

*•) C. 108 d€i irpöc eövoOxouc, KparcOvrac toO MiOpiödTOU, ireiroXc- 
jiuijx^voi. ?— "^ C. 112 oö }ii{v oöW TÄv imßouXdrv nc aöröv ^^aOev, 
oi)hi yj TeXcurda* dXX' ^küjv toöttiv öircpibtbv dm^Xero öi' aörfiv. 



Unienachangen über Theophanes und Posidonias. 99 

liote) 8c dicXrj^ qptXopuijijiaioc und nennt ihn Schwiegersohn des 
Dejotarus. Dieser war nach Strabo Xu p. 568 Sohn des Saocondarius. 
Sein Sohn, nicht wie Suid. sagt, er selbst, klagte den Dejotams bei 
CSsar an, der Ton Cicero in der bekannten Bede verteidigt wurde. 
Wesin es dort c. 10 heifst, Eastor habe nur dadurch einen Namen, 
da& er Schwiegersohn des Dejotarus sei, so ist das eine rhetorische 
Übertreibung. Er verfafste eine Reihe von Schriften, unter denen 
namentlich die Chronik, die in 6 Büchern von Ninus bis zum Jahr 61 
reichte, eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Er interessierte sich, 
wie fr. 25'^) zeigt, auch für innere römische Verhältnisse. Von 
Lesern griechisch gebildeten und römisch gesinnten Mann wird Theo- 
phanes seine Nachrichten über das Ende des Mithridates erhalten 
haben. Man kann sich denken, dafs er^ um die Bedeutung seines 
AhfiiHs zu heben, die Gefährlichkeit des Königs als sehr grofs hin- 
stellte. Aufserdem erklärt es sich auf diese Weise, daljs von dem 
f&r Mithridat unheilvollen Einflufs der Eunuchen so viel die Bede 
ist.^ Kastor war von einem derselben schwer beleidigt worden, und 
dies eben reizte ihn zum Abfall c. 108 KdcTUJp b^ OavaTopeuc, 
ffoc^ivoc TTOT^ UTTÖ Tpu9U)voc cövoüxou ßactXiKoC, TÖv Tpuqpuiva 
daövra rremi Trpoc7T€cd)v, xal tö ttXtiBoc de dXcuGepiav cuvexdXei. 
Nichts weist bei Appian auf einen Quellenwechsel hin, hierdurch 
Beben wird der Gedanke, dafs Appian eine Schrift des Kastor direkt 
benutzt haben könnte, ausgeschlossen. Die genaue Übereinstimmung 
mit Orofiius zeigt, dafs die von Liv. und Appian gemeinsam benutzte 
Mittelquelle diesen Bericht gab. Auch die Erzählung des Dio stimmt, 
wie zu erwarten, überein. Aber über den Tod des Mithridates liegen 
dort zwei Versionen vor: nach der einen starb er durch Feindeshand, 
naefa der andern durch Selbstmord mit Hülfe seiner Soldaten. Nur 
so l&Tst sich die bei aUer AusfÜhrUchkeit unklare^) Stelle XXXYH 
13 begreifen. Ob erst Dio oder schon Liv. die Verschmelzung vor- 
genommen hat, ist nicht zu entscheiden. Wahrscheinlich hat Liv. 
überhaupt in der Geschichte dieser Feldzüge sich nicht an Theo- 
phaiies allein gehalten'^*), sondern auch andere Quellen eingesehen. 
Ans einer solchen ist die von App. abweichende Nachricht über den 
Tod des Machares geflossen imd ebenso die wundersame Erzählung 
von der durch zwei Zahnreihen entstellten Prinzessin Drypetine (VaL 
Max. I 8, 13). Wir würden von dieser Quelle mit Bespect zu reden 
haben, wenn es sicher wäre, dafs Dio, nachdem die Historien des 
Ballnst ihn verlassen hatten, ausschliefslich Livius benutzt hätte. 
Aber mit seinem vortrefflichen Bericht über die Schlacht bei Nico- 



*^ Anhang zum Didotschen Herodot p. 181. — "*) Auch hierin zeigt 
ncfa Mithridates als Achämenide: Brissomus de re^o Persar. p. 606. — 
^) GnMhof de fontibus et auctoritate Dionis Gassü Cocceiani p. 12 „Ea 
de re Dio ipae needvisse videtur, quid dicat**. lordan. 1. c. p. 108 ^,de 
BOfie T^git non satis clare agit". — ''*) In der Geschichte des Luculi 
Vegte », wie oben gesagt, Sailust zu Ghrunde. 

7* 



100 0. Fianklin Arnold: 

polis (i. J. 66), nach welchem Mithridai auf dem Marsch angegriffen 
wurde, stimmt nicht die Livianische Überlieferung bei Eutrop. VI 12, 
wo es (ähnlich wie App. c. 100) fUlschlich heilÜBt „Pompeius castra 
diripuit", während doch von einem Lager gamicht die Bede sein 
kann.**) 

Die Untersuchung der Quellen des 1. mithr. Krieges bei Appian 
bietet eigentümliche Schwierigkeiten. Es erscheint ratsam, um die 
Art, wie Appian in diesen Partieen seiner Werkes seine Quellen be- 
nutzte, näher kennen zu lernen, die parallelen Abschnitte in der Oe- 
schichte der Bürgerkriege zu untersuchen und dann erst die Er- 
zählung des 1. mithridatischen Krieges vorzunehmen. 

Die naheliegendste Vermutung würde sein, dafs auch in der 
Geschichte des Sertorius und Spartacus eine Schrift des Theophanes 
benutzt wäre. Aber die MiOpibariKd beschränkten sich wohl, von 
dem Seeräuberkrieg abgesehen, auf den Krieg gegen Mithridates. 
Von einer den Pompejus glorificierenden Tendenz ist hier bei Appian 
nichts wahrzunehmen. Wenn diesei' c. 115 gelobt wird, dafs er die 
von Perperna in Aussicht gestellte Denunciation vornehmer Bömer 
nicht acceptierte, so hat auch der aus Sallust schöpfende Plutarch 
es lobend anerkannt, dafs er die von Perperna ihm überlieferten 
Originalmanuscripte verbrannte. Sonst tritt Pompejus nicht besonders 
hervor, sein wohlfeiler Sieg über die 5000 Flüchtlinge aus dem Heer 
des Spartacus wird gamicht erwähnt. — Es ist daher nicht anzu- 
nehmen, dafs ein Werk, welches die Thaten des Pompejus zum Gegen- 
stände hatte, zu Grunde liegt, wie solche von Posidonius, L. Luc- 
cejus^) und Theophanes verfaGst wurden. 

Sallusts Catilina ist nach Wyige»^ und Grafshof »^ B. C. II 
2 — 7 benutzt; deshalb scheint es a priori wahrscheinlich, dafs in dem 
in Bede stehenden Abschnitt Appian seine Historien zu Grunde legte. 
Die griechische Übersetzung des Zenobius '^,die unter Hadrian gemacht 
war, konnte dem unter Antoninus Pius schreibenden Appian den Ge- 
brauch des Werkes sehr erleichtem. Aber Sertorius spielt bei ihm 
eine ganz andere Bolle, als bei Sallust.'^) Bei letzterem erscheint 
er bis zuletzt als römischer Parteiführer^ er verübt, durch die Um- 
stände geärängt, nur an Spaniern Gewaltthätigkeiten (Plut. Sert. 
26 a. Ek). Der gekränkte Ehrgeiz des Perpema ist die einzige Ur- 

^*) Die verschiedenen Berichte über diese Schlacht verafleicht Dro> 
mann IV 434 f. Anm. 16 und 16. — ") 8. Dromaan IV 668 f. — 
"^ Wynje, de fide et auctoritate Appiani p. 41. — '^) L. c. p. 17. ■*) Said. 
8. V. Zr)vößioc. Weber (de latine scriptis, quae Graeci Veteres in lin^uam 
snam transtnlerunt) glaubt, dafs Appian in der numidischen Geschichte 
sich dieser Übersetzmig bediente. — Eine ähnliche Vermntang hat 
Thouret in Bezug auf Asinius Pollio ansgesprochen. — Niebuhr traute 
dem App. keine grolle Kenntnis des Lateinischen zu. — '*) Dem gegenüber 
ist es nicht von Bedeutung, dafs sich in einzelnen Punkten Anklänge 
finden: 



üntenncliimgen über Theophanes und Posidonius. 101 

Sache seines Stnrzes; er selbst bewahrt bis zuletzt die edelste Haltung. 

Nach Appian sah sich Sertorius im Laufe der Zeit genötigt, sich 

mehr und mehr auf die Celtiberer zu stützen; er umgab sich mit 

emer spanischen Leibwache, was ihn bei den Einwohnern höchst 

popolSr machte, aber die Bömer tief erbitterte.^) Er sah sich ge- 

sfitigi, gegen diese mit barbarischer Strenge vorzugehen, so UelÜs er 

z. B. w^en des Vergehens eines Einzelnen eine ganze Cohorte töten: 

«nir^p oöcav PuijüiatK^v (c. 109). Nach diesem Berichte endete er 

als schwelgerischer Tyrann und wurde in der Trunkenheit ermordet. 

Die letztere Auffassung scheint bei Livius ähnlich gewesen zu 

sein^*), der in der Geschichte des Sertorius den Sulpicius Galba be- 

nntii hat.^) Aber nach Übereinstimmungen in Einzelheiten zwischen 

Appian und Oros. Y 23. Liy. ir, 19 (Hertz) (einem recht umfang- 

reidben Bruchstück) sieht man sich yergebens um. Und doch 

igt der Bericht des Appian keineswegs dürftig zu nennen; über das 

Jahr 74 z. B. finden sich sonst nirgends so gute Nachrichten. — 

'Swch Appian wurde in dem ersten ZusammenstoDs zwischen den 

Trappen des Sertorius und denen des Pompejus eine römische Legion, 

die zum Fouragieren ausgerückt war, zusammengehauen; bei Liv. 

fr. 20 (Hertz) verloren die Bömer 10 000 Mann und alles Oepäck. 

IGi Recht giebt Drumann^^) dem Bericht des Appian den Vorzug; 

dae Gei^k befand sich im Lager in Sicherheit. — Appian und 

Floms^) erzfthlen, Spartacus habe L J. 72 zu Ehren seines gefallenen 

Genossen Crixus eine Leichenfeier veranstaltet, bei welcher 300 ge- 



Pompejiu in seinem Brief App. B. C. I 109. 

an den Senat bei Sali, hist ö bi (TTo^1r/lloc) kc t& 'AXireta 6pTi \iera 
fr. m 1. § 6 ^Kritz) q)pov/maToc dvijict, oö kutA Tfjv 'Aw(- 

Per eas (Alpes) iter lüiud ßou fieraXoupxfav, ^T^pav 6' ^x^paccev 
aiq«ie Hunibal nobis op- (Ö66v) . . . 
portnniiiB patefeci. 

Offinibar rührt der Vergleich von Pomp, selbst her; Sallust hat den 
Brief seinem Inhalte nach treu wiedergegeben und nur die Form künstle- 
riaeh gestaltet, etwa wie Tacitns die Bede des Claudius über das ius 
honornm der Gallier. — Der Milsmut des Heeres bei dem Verschwinden 
derHirBehkah des Sertorius wird App. B. G. I 110 ähnlich wie Plui Sertor. 
M (Sallnst) erz&hlt, aber nach Ersterem ist Sertorius selbst in dem Aber- 
Rauben b^uigen, nach App. benutzt er nur die Stimmung der Soldaten, 
ohne selbst duran zu glauben. — Nach Sali. bist. fr. III 5 (Eritz) wurde 
der fliehende Perpema von dem Maultiertreiber eines Lieferanten, nach 
App. €.115 yon Aeitem des Pompejus entdeckt u. s. w. Der Nachweis, 
dM in der Bio^phie des Sertorius yon Plutarch SaUusts Historien zu 
Gnmde liegen ist von H. Peter geffihrt (die Quellen Plutarchs in den 
Biogn^hien der fiOmer p. 61 f.). — *^ App. B. G. I. 112 jüiQXXov b' 
e^rdv ö crpoTÖc tv alrCaic cTxcv, 4ir€l xal 6opu<pöpouc dvr ' aördiv tttr\yezo 
«ovTVxoO KeXT{ßTipac, xal Tf)v cpuXaicViv toO cUi^utoc 'Pul^aiouc dircXdcac 
Toicftc dvT* bciivuiv iir^pcircv. — ^^) Liv. per. 96 ad ultimum et saevus 
et jnodigQB. — **) Oros. V 23 Fuisse tunc Pompeio tria millia peditum, 
■iue eqnites Galba scribit; Sertorius autem sezaginta millia peditum, 
oeto milHa eqnitnm commemorat — ^^) IV 363 Anm. 44. — **) Flor. 
U d, 9. Seine Quelle ist hier Sallust. 



102 C. Franklin Arnold: 

fangene Bömer als Gladiatoren hätten auftreten müssen. Die Quelle 
des Livius hat, wie Oros. V 24 zeigt, den Vorgang ernstlich in eine 
frühere Zeit verlegt (vor Ankunft des Gellius und Lentulus) und 
zweitens ihm einen höhnisch-frivolen Charakter gegeben.^) 

So ist also weder Livius noch Sallust für c. 108 — 120 Quelle 
gewesen; aber mit Liv« stimmt die Erzählung sehr viel mehr. 

Drumann hat gemeint, in der Angabe, dafs Spartacus Anfg. 72 
alle römischen Gefangenen niedermachte, einen Zusatz von römischer 
Hand zu erkennen/^ In der letzten Entscheidungsschlacht seien 
nach Oros. Y 24 dreitausend Gefangene von Crassus befreit worden, 
und später sei doch die Fo^chaffang der Gefangenen viel lästiger 
und gefahrvoller gewesen. Dagegen ist zu bemerken, dafs a. 72 
Spartacus den Plan hatte ; so schnell wie möglich aus Italien abzu- 
ziehen; dabei waren ihm die Gefangenen hinderlich, und die Mafs- 
regel hat nichts von barbarischer Grausamkeit.^^ Später aber föhrte 
Spartacus die Gefangenen mit, weil er auf günstige Eventualitäten 
hoffte. Er versuchte ja Unterhandlungen anzuknüpfen, und dabei 
konnte es von Nutzen sein, die Herausgabe von Gefangenen, derer 
sich zu bemächtigen er noch Gelegenheit genug hatte, mit in die 
Wagschale legen zu können. — So haben wir also keine Veran- 
lassung, eine römische Überarbeitung der Grundquelle anzunehmen. 

Die Skizze, welche Athenaeus VI p. 212 von dem Fechterkrieg 
giebt, ist aus der Schrift des Caecilius v. Calacte irepi tuiv bouXiKUJV 
7roX^|LiU)V geschöpft. Sie hätte Müller fr. h. Gr. HI p. 330 mitge- 
teilt werden sollen, während das dort stehende Fragment dem Posi- 
donius gehört (fr. 35 p. 264 M.). — Dafs Appian diesen Schrift- 
steller benutzt habe, der mehr Bhetor war als Historiker, ist sehr 
unwahrscheinlich. Femer handelte es nur von dem Fechterkrieg, 
und nichts weist darauf hin, dafs von c. 106 an eine andere Quelle 
zu Grunde gelegt wäre. 

Anders steht es mit Juba. Dreierlei könnte auf eine Benutzung 
dieses Schriftstellers hinzuweisen scheinen: l) fr. 19 (M. IQ p. 471) 
handelt von Sertorius, 2) sein Geschichtswerk ist Libyka 1—66 von 
Appian benutzt. 3) Die Übereinstimmungen mit Livius lassen sich 
dann aus einer gemeinsamen Grundquelle herleiten. 

Wir sahen oben, dafs Livius den Sulpicius Galba citierte, der- 
selbe Schriftsteller wird nun auch von Juba angeführt (M. fr. 6. 
Flut Romul. 6). Freilich hat Peter 1. c. p. 63 geltend gemacht, 
dafs fr. 19 nicht notwendig aus Juba zu stammen braucht, wenn es 

*^) 400 Bömer müssen sich gegenseitig töten in exeqüiis captivae 
matronae, quae se dolore violati pudoria necaverat. — Dem Orosius ist 
freilich in Bolchen Dingen nicht recht zu trauen s. o. — *^ Drumann 
IV 77. — *^ App. B. C. I 117 &üt[)6€Ka Mupidci ireTOöv ic 'Ptbiiryv 
^it€(t€to, tA äxpr\QTa KaraKoOcac kqI toOc aixMoXi/iTauc irdvxac dvcXdiv 
Kai ^iricqpdSac rä öiroZIOina) Yva KoO<poc €\y\. (Der Marsch nach Rom 
fällt später; Appian hat hier stark gekfirzt und die Schlacht bei Mutina 
weggelassen.) 



Unienachmigeii über Theophanes and Posidonios. 103 

»och von seinen Yorältem handelt. Aber sein Werk reichte wahr- 
scheinlich doch so weit; Plut. Sulla 16 giebt detaillierte Nachrichten 
von ihm Aber die Schlacht bei Chaeronea, und es ist nicht abzusehen, 
weshalb sein Werk mit Sullas Tod geschlossen haben sollte. Wenn 
Appian es B. C. I 108 — 120 benutzt haben sollte, so würde sich 
die billige Beurteilung des Spartacus, die Unkenntnis in der Geo- 
gn^hie Oberitaliens^^) und der römischen Militttryerfassung^^) bei 
den sonst guten Nachrichten ausreichend erklären. 

Die Vorgänge in Italien während des ersten mithridatiBchen 
Krieges und die Ereignisse, welche sich im Zusammenhang damit 
nach Beendigung desselben dort vollzogen, werden von Appian I 
c 54—106 erzählt. 

Wenn überhaupt, so hatte in dieser Epoche die ethnographische 
Methode Berechtigung« Auch von pragmatischen Geschichtschreibem 
war sie in dieser Periode angewandt. Es könnte scheinen, als habe 
Appian, wenn er praef. c 12 die Gründe darlegt, welche ihn zu 
Miner Anordnung bewogen, die Einleitungsworte des Sisenna vor der 
Enählung des mithridatischen Krieges vor Augen gehabt. Nos una 
sestate in Afiia et Graecia gesta litteris idcirco conünentia manda- 
Timns, ne vellicatim aut saltuatim scribendo lectorum animos impedi- 
remns (fr. 127 P.). Aber so bequem es für Appian gewesen wäre, 
die Historien des Sisenna zu Grunde zu legen, so zeigt doch schon 
die ganae Färbung des Berichtes die Unmöglichkeit dieser Annahme. 
Bei Appian weist freilich nichts auf eine demokratische Quelle, aber 
noch viel weniger verrät sich irgend ein Wohlwollen ftir Sulla. Sisenna 
aber stand durchaus auf dem Parteistandpunkte der Sullanischen 
Beaction (Sallust lug. 95). Mit Sisenna fr. 132 (Peter) „Multi po- 

**) C. 109 heiüst es, PompejuB sei bei den Quellen des Rhodanus 
oad EpidanuB Aber die Alpen gegangen, ot dvicxouov ji^ ^k rdhf *AX- 
Kimv 6purv oö ^aKpÄv dir* dXXn^uiv, p& y 6 ^iv biä KcXtiIiv tiIiv (m^p 
'AXicic ck T?|v Tu^^tivikViv 6dXaccav, ö hi fvÖoOev tiIiv 'AXirciuiv ^irl t6 
IiWv, TTd6o€ dvrl *HpibavoO ^CTOvo^acGcCc. Eritz zu Sallust. bist. fr. 
ni 1 p. 197 nimmt nach dem Vorgange Grerlachs an, Appian habe den 
Po mit seinem bedeutendsten NebenfluTs Ticino verwechselt. Aber davon 
abgesehen, daTs Pomp, dann einen sonderbaren Umweg nach Spanien -ge- 
macht hätte, wurde die St. Gotthardspaasage im Altertum und früheren 
UA. nie benntit (die Ursachen bei Gute- Wagner Lehrb. d. Geogr. p. 737). 
Ohne Zweifel ist P. den niedrigsten Palsweg längs der Dora Riparia 
ober den Mont Gen^re (Matrona) gezogen. £)r sa^^ ^a selbst in dem 
Biief an den Senat: iter alind atque Uannibal nobis opportunius 
Mte&cL Dann hat Appians Quelle Po und Dora Riparia^ Rhone und 
pQiaace verwechselt — ^^ G. 118 wird berichtet, Crassus habe nach 
Übernahme des Oberbefehls über die Soldaten, die unter s. Vorgänger 
P«i^eit bewiesen hätten, ein furchtbares Stra%ericht verhängt. Nun 
fitanid e« einem rOm. Feldherm gamicht zu, Verffehen, die unter einem 
«ideren Commando begangen waren, zu bestrafen. Andere, heiTst es 
^aan weiter, hätten berichist, nach dem ersten Treffen seien 4000 Sol- 
^ten iosgeloost und niedersemacht. Plut. Sertor. 10 bat aus Sallust 
^ richtige Überlieferung, die der Quelle Appians nicht zu Gebote ge- 
(banden hat 



101 C. Franklin Arnold: 

pull, plurimae contiones dictataram omxdbuB animis et stadiis suffira- 
gaverunt" contrastiert durchans die Art, wie App. B. C. I 99 die 
Abstimmung über die lex Valeria als eine politische Komödie ge- 
schildert wird. Auch in den früheren Partieen finden sich keine 
Übereinstimmungen; so fehlt z. B. bei Appian die tragische Oeschichte 
von dem Tode der beiden Brüder, die ohne es zu wissen gegen ein< 
ander kämpften, welche Liy. in der Geschichte des Jahres 87 dem 
Sisenna nacherzählt hat (fr« 129 Peter. Liv. periocha 79. Orosius 
Valerius Mazimus). Der Orund, dafs Appian das Werk desjenigen 
römischen Historikers, der nach Ciceros Urteil alle Vorgänger hinter 
sich liefs, trotz seiner bequemen Anordnung nicht benutzte, lag wohl 
in den sprachlichen Schwierigkeiten — wenn er es überhaupt ge- 
kannt hat. 

Dafs Sullas Commentarien nicht zu Grunde liegen können, er- 
giebt sich aus dem Gesagten von selbst. 

Schon Wyiy'e, de fide et auctoritate Appiani etc. hat nachgewiesen^ 
dafs Appian hier nicht eine Bearbeitung von Sallusts Historien liefert. 

Die Livianische Überlieferung weicht zu häufig ab, als dafs an 
eine durchgängige Benutzung dieses Schriftstellers zu denken wäre. 
Diese Überlieferung ist übrigens nicht aus einem Gufs. Von Buch 
88 an (Gesch. d. Jahres 82) zeigen sich Übereinstimmungen mit 
Sallust (vgl. fr. I 35 Kritz mit Gros. V 21 und per. 88. — fr. I 42 
mit Liv. per. 89 Verstümmelung des M. Marius, Tod des Carbo). 
Hier also finden wir eine antisullanische Quelle. In den früheren 
Büchern aber zeigt sich das Bestreben, Sulla als Beschirmer der 
staatlichen Ordnung hinzustellen. Liv. per. 84 Sulla legatis, qui a 
senatu missi erant, futurum se in potestate senatus respondit, 
si cives, qui pulsi a Cinna ad se confiigerant, restituerentur. quae 
conditio, cum iusta senatui videretur, per Carbonem factionemque 
eins ne conveniret, effectum est. Wie ganz anders ist die Antwort 
Sullas bei App. B. C. I 99« Mag immerhin der Schriftsteller in den 
Bericht der Quelle zu viel hineingetragen haben, wenn er in Sullas 
Worten die Ankündigimg seiner Herrschaft findet^), so liegt doch 
gewifs in ihnen ein Appell an die Entscheidung durch Waffengewalt. 

Wenn also die genannten lateinischen Autoren hier nicht be- 
nutzt sind, so drängt sich die Frage auf, ob sich Anzeichen finden, 
dafs in den bezeichneten Kapiteln griechische Schriftsteller benutzt sind. 

Die Zeitbestimmungen c. 84. c. 99. c. 111 sind nach Olympiaden 
angegeben. Aber schon aus praef. c. 13 wird wahrscheinlich, daiÜB 
sie von Appian selbst eingefügt sind. Dort heÜBt es: Touc b^ 
Xpövouc, ^TTi ixkyf rc&cx, Tiepiccöv fiTOUfiiiv KaraX^T^iv dm hk idiv 
d7n9av€CTdTUJV dx biacn^paTOC uttojüiviicuj. Man könnte allerdings 
zweifelhaft sein, ob dies Versprechen in den ungefllhren Zeitangaben, 
die Appian häufig macht, gelöst werden sollte, oder ob es darauf 



<"<>) Drumann II 466. 



üniersnchimgeii über Theophanes und PoBidoniuB. 105 

hinweist) d&ls er bei seiner Arbeit dnrchgehends ein chronologisches 
Werk gebrauchte, wie z. B. Diodor die Chronographie des Erato- 
sthenes benutzt hat. Die Angaben o. 99 und c. 111 weisen jedoch 
entschieden auf ein Olympionikenverzeichnis. c. 99 öXujumdbuJV ouciXiv 
ev'eXXiiciv ^crröv IßbopH^KOvra tt^vtc* Kai oubevöc iv 'OXufAiriijt 
roT€ OTWvicjiiaTOC ttX^v crabiou bpöjüiou tcvom^vou — . c. 111 werden 
difiEreignisse der 176. Olympiade, auch solche, die mit den römischen 
BfiigerÜegen in gar keinem Zusammenhang stehen, chronikenartig 
so einander gereiht, ganz wie es in den „Olympiaden*- eines Zeit- 
genoBsen Appians, des Fhlegon v. Tralles geschieht. Dieses Werk 
ist indessen schwerlich benutzt, denn es existiert ein Fragment aus 
demselben über den 8. mithridatischen Krieg, das von App. Mithr. 
79 und 85 abweicht (Fhlegon Trall. fr. 12 M. HI p. 606). Wahr- 
aeheinlicher ist es, dafs Appian die Chronographie des Ka- 
ntor für dergleichen Angaben zu Bäte zog. Diese reichte 
lud 61 Y. Chr., und so würde es sich erklären, dafs sich in den 
spftteren Büchern Appians so viel ich weüjs keine Angaben nach 
Olympiaden finden. Femer würde man so das grofse Interesse ver- 
stehen, das Appian an der Ferson des Kastor ninmit. Ähnlich ver- 
weilt er ja auch bei den Schicksalen des Butilius und Juba. Übrigens 
hat er bekaxmtlich für Chronologie wenig Sinn, daher ist auch die 
Benntxung des Werkes flüchtig. 

Diese chronologischen Bemerkungen also sind aus einer anderen 
Quelle von Appian in den Bericht, welcher ihm vorlag, eingeschoben. 
Venehiedene Anzeichen weisen darauf hin, dafs der letztere von einem 
Giiechen herrührte. B. C. I 64 wird der Freis, den die Neubürger 
dem Cmna für seine Unterstützung gezahlt haben sollten, in Talenten 
geoanni Appian schreibt für Griechen, aber er giebt sich mit 
Einielheiten nicht solche Mühe^ dafs er römischen Münzwert um- 
nchnete (Mithr. c. 22. c. 39 Smnmen griechischen Geldes in XiTpat 
uneben). Er wird also c. 64 einen griechischen Schrift- 
steller vor sich gehabt haben. 

AnfÜhningen aus anderen Schriftstellern finden sich bei Appian 
aalaerordentlich selten, ganz anders wie bei Flutarch, der überall 
fieminiscenzen aus der eigenen Lektüre einflicht. Die Citate bei 
Appian stehen gewöhnlich mit der Erzählung selbst in Zusammen- 
^g, oft l&Cst es sich aus Farallelstellen nachweisen, dafs er sie in 
seiner Quelle vorgefunden haben mufs. Der trockenen Darstellungs- 
veise, die er befolgt, liegt es fem, die Erzählung durch solche Mittel 
ni wttnen. So kann man bei ihm aus der Art der Citate auf die 
Nitnr seiner Quelle schliefsen. 

Citate ans griechischen Schriftstellern schliefsen an sich noch 
nielit den Gebrauch von römischen Quellen aus. Auch bei römischen 
Hlrtorikem kommen wSrUiche AnfUmmgen griechischer Aussprüche 
Tör. Wenn B. C. 11 85 Sophokleische Verse angeführt werden, welche 
I^Q&pejus bei der Landung in Ägypten ausrief, so müssen <Üese, die 



106 C. Franklin Arnold: 

sich auch Flut. Pomp. 78 und Dio XLI 4 finden, von Asinius Pollio 
mitgeteilt sein. Ebenso könnte also auch der Vers aus Aristophanes 
(equ. 543), den nach B. C. I 94 Sulla beim Tode des jüngeren 
Marius ausrief, von einem lateinischen Historiker herrühren« 

Anders steht es schon mit der Stelle B. C. I 54. Dort findet 
sich die aus Herodot I 138 stammende Angabe, wie bei den Bömem 
der ältesten Zeit und den Griechen die Berechnung von Zinsen, so 
sei bei den Persem das Schuldenmachen überhaupt verpönt gewesen, 
weil es zum Lügen verführe (übe cpiXotpeub^c). Ftlr einen römischen 
Historiker waren diese Verhältnisse viel zu entlegen, sehr passend 
hingegen wurden sie von einem Griechen herbeigezogen, um die Un- 
ruhen^ welche 89 v. Chr. zur Ermordung des Prtttors A. Semproniiis 
Asellio führten, dem Verständnis seiner Leser näher zu bringen. 

Noch weniger war für einen Bömer Veranlassung vorhanden, 
den Wortlaut eines griechischen Orakels mitzuteilen und die Distichen 
anzuführen, in denen Sulla antwortete (B. C. 1 97). Höchstens könnte 
dies in Sullas eigenen Commentarien geschehen sein, aber diese liegen 
bei Appian nirgends zu Grunde. Wahrscheinlich sind diese Verse 
mit den Weihgeschenken selbst an Ort und Stelle von einem grie- 
chischen Historiker gesehen und copiert worden, ebenso wie Mithr. 
112 die Weihgesohenke beschrieben werden, die Mithridat nach 
Nemea und Delphi sandte, und wie Posidoniusfr. 41 nach Autopsie 
die Distichen citiert, welche auf dem Tropäon zu Dolos standen, das 
Orbius den dort gefallenen Bömem hatte setzen lassen. ^^) 

In dem Sullanischen Epigramm c. 97 hat Appian einen Penta- 
meter weggelassen; auch in dem Vorhergehenden zeigt sich seine 
bekannte Flüchtigkeit Nicht der Senat nannte ihn Epaphroditus, 
sondern er selbst legte sich in Schreiben an Griechen diesen Namen 
bei. Nicht er selbst hiefs Faustus, sondern sein Sohn. Endlich ist 
Epaphroditus nicht dasselbe wie Felix. Die Verwirrung an dieser 
Stelle, auf die auch Schweighäuser aufmerksam macht, erklärt sich 
am einfachsten, wenn man annimmt, dafs Appian zwei Berichte vor- 
gelegen haben; darauf weisen die Worte f\br] bi ttou TP^^P^ irepie- 
Tuxov u. s. w. ^^) „Bei seiner krankhaften Anlage Schwierigkeiten zu 
finden, wo keine sind^*)", glaubte er zwischen ihnen einen Wider- 
spruch wahrzunehmen, den er durch den unglücklichen Einfall zu 
heben suchte, 'EnacppöbiTOC sei dasselbe wie Felix. 

Die eine der App. B.C. I 97 zu Grunde liegenden Quellen dürfte 
in dem Excerpt des Photius aus Diodor wiederzuerkennen sein (Diod. 

^') Ebenso führt Posido nius fr. 46 das Epigramm auf der Statue des 
Marcellus su Lindos an. Hier beweist schon der Standort Autopsie. — 
^') App. B. C. 1 97. Die dem Sulla gesetzte Statue habe die Unterschrift 
getragen: KopvT)X{oi) COXXa i^t^^övoc €{»tuxoOc und fährt dann fort "H&t) 
bi irou fpaq>iji irepUxuxov, i^yowji^vij t6v CtüXXav *€iroupp6öiTOV iv Ti^bc 
Tilp ^l11(p{c)ülaTt dvaTpaq)fivai. xal oök direixöc ^(paCvsTÖ ^oi Kai tööc, ^ttcI 
Kai0aÜCToc imjjvo^JLdZ^xo' bOvarai bk toO aldou xal ^iTa9poMTOu dxxord- 
TU) ibidXtCTa elvai tI övo^a. — ^) Nissen von Appian 1. c. 



Untenuclmiigen über Theophanes und Posidonius. 107 

XXXVJil 15 Dindorf) diraippöbiTÖv t€ övojidcac dauröv, ouk ^ipeucen 
Tfjc <iXa2[ov€iac iEinen aasführlicheren Auszug derselben Stelle 
liefert PluL Sulla 34 £k^X€UC€V daurdv irA toutoic Gutuxti irpoc. 
oTopcüecGar toOto fäp 6 (t>f]Xt£ ^dXicra ßouXerai briXoCv* auröc 
Vi Toic *€XXiici fp&(piDy Ktti xPIMCiTiZuJv dauTÖv 'EiracppöbiTov 
dwiTÖpcuc, Ktti irap* fj^iv iv foic xpoiraioic outujc dvaT^TPcnrTar 
J\£uiaoc KopvriXioc CvXXac diracppöbtTOc", dann erzählt er weiter, 
enen Sohn habe er Faustus, eine Tochter Fausta genannt. Vergleicht 
man diese Stelle mit Appian c. 97, so erscheint sie fast wie ein 
Original neben einer schlechten Copie. Aus solchen Stellen wird es 
begreiflich, dafs Emperius meinen konnte, Appian habe die Bio- 
graphien des Plutarch fleifsig zu Rate gezogen^); wir schliefsen 
oatfirlich nur auf gemeinsame Quelle. 

Wie c. 97 finden sich auch sonst in dem behandelten Abschnitt 
Übereinstimmungen mit Diodor. Der Tod des jüngeren Marius in 
den imterirdifichen Gängen von Präneste wurde sehr verschieden er- 
xihli Nach Einigen wurde dieser bei einem Versuch sich ins Freie zu 
retten, von Feinden, die ihn erwarteten, getötet, nach Anderen starb 
er in einem Zweikampf mit dem jüngeren Pontius Telesinus (Vellei. 
n 28, 3). Appian und Diodor berichten, er sei durch Selbstmord 
ungekommen, letzterer erzählt ausführlich, dafs er sich hierzu eines 
Sdaven bediente. — Femer stimmt die Erzählung Appians von den 
L J. 87 gegen die Optimaten angestrengten Scheinprocessen mit den 
Excerpten aus Diodor. Vergl. z. B. 

Diodor XXXVIII 4. App. B. C. I 74. 

— öKdrXoc — cuTKXeicac ^auTÖv elc oIkov KdiXoc dv okriiiaTi 
v«6xpiCT0V — TicpiTTViTflc T€VÖ^€VOC äTTTiX- v€oxpicTi}j ^Kujv dire- 
lUiEcv. TTVlTn- 

Sehr nahe berührt sich die Geschichte d. J. 87 bei Appian mit 
Phit Marius 41 — 45. Hierauf ist schon von H. Peter hingewiesen^^), 
sodafe es überflüssig erscheint, noch einzelne Übereinstimmungen 
u&nffthren. Da Diodor, nachdem Poljbius ihn verliefs, das Geschichts- 
werk des Posidonius ausgeschrieben hat, und Plutarch im Leben 
dee Marius dieselbe Schrift mehrere Male citiert, so liegt es nahe, 
^e Übereinstimmungen auf dieses Werk zurückzuführen. 

Aber c. 97 schien Appian zwei Berichte vor sich zu haben. Es 
fr^t sich also nun, ob im Vorhergehenden Einzelnes auf andere 
Qndlen schliefigen läfst 

B. C. I 88 wird berichtet, nach der Niederlage bei Präneste 
babe Marius dem praetor urbanus Brutus den Befehl gegeben, den 
Senat unter irgend einem Vorwand zu versammeln und M. Scaevola, 

**) Emperius de tem^orum belli Mithridatici primi ratione. Gott. 1819. 
P- 16 „" nulle modo sibi persuadebit, qui, quam diligenter Appianus 
PhiUrchiim legerit, co^tum habeat: — ^^) H. Peter. Die Quellen Plut 
ia den Biographien d. Körner p. 103. 



108 C. Franklin Arnold: 

P. Antistius und andere Optimaten hinrichten zu lassen. Bei Liv. 
per. 86 heifst der Prfttor, dem dieser Befehl zu Teil wird, Dama- 
sippus^ und auch Appian nennt ihn c. 92 mehrere Male so. Er er- 
zählt dort von ihm als dem Führer eines Entsatzheeres , das Carbo 
nach Präneste schickte, und nennt ihn als einen der Feldherren in 
der Schlacht am Collinischen Thore. Obwohl sich der yolle Name 
L. Junius Brutus Damasippns nirgends findet, kann es doch keinem 
Zweifel unterliegen, dafs wir es mit derselben Person zu thun haben. ^) 
„Appian fand in yerschiedenen Schriften verschiedene Namen der- 
selben Person und behielt sie bei^' (Drumann II p. 463). Damach 
hätten wir c. $8 eine andere Quelle anzunehmen, als c. 92. Ebenso 
heifst der c. 90 Gutta genannte Capuaner c. 93 Albinus. Der Brand 
des Capitols wird zweimal erzählt, c. 83 und c. 86. Der jttngere 
Marius wird c. 62 ein Sohn des älteren genannt, c. 87 heifst er 
sein Neffe/') 

Der Abschnitt B. C. I 84 — 90 incl. scheint also einer anderen 
Quelle anzugehören, als das Vorhergehende und Folgende. In den 
Worten, die am Anfang des 91. Capitels zum nördlichen Kriegs- 
schauplatz überleiten: Kai irepl Tdc aöräc f))i^pac u. s. w. haben wir 
die Conmiissur zu suchen. 

In den ausgeschiedenen Capiteln ist die Topographie aufGülend 
yemachlässigt, es finden sich sogar geographische Unrichtigkeiten 
(c. 84 scheint Canusium mit Casilinum yerwechselt). Schon c. 91 
werden wir hingegen über Zeit und Ort genau und anschaulich 
unterrichtet (ßpaxu npö ^CTr^pac, XoiiTf]C in ovcr\c juific djpac Kai 

djüLTteXuiV 7TUKVUJV 7r€piK€l|ül^VUJV — f|TTU>^€VOl Kttl ^C Ttt (pUTtt 

d)iTTi7rrovT€C — ) Am Schlufs des Capitels wird der Leser plötzlich 
nach Rhodus versetzt. In die Geschichte des Jahres 82 wird der 
ein Jahr später erfolgte Tod des Norbanus eingeflochten: {icT€pov 
££aiToO|Li€Voc \md toO CüXXa 'Pobiwv fjx ä^cpiTVOOuvrujv, iamöv 
Iv ätop^ fi^ci) bi^q>6€ip€. — Der Sieg bei Clusium wird von VelL 
Paterc. II 28, 1 und Flut Sulla 28 dem Servilius zugeschrieben, 
App. nennt c. 92 als Sieger den Pompejus. C. 94 wird der Tod des 
jüngeren Marius abweichend von Liv., übereinstimmend mit Diodor 
beschrieben, und Sulla erscheint als Vemichter des samnitischen 
Volkes wie bei Strabo V p. 249 (ebenso App. c. 96 in.). Alles dies 
weist auf Posidonius als Quelle für die Hauptmasse. 

Von dem Beginn der Sullanischen Dictatur an wird die Er- 
zählung ziemlich summarisch. Man erwartet, yon der wachsenden 
Bedeutung des Pompejus zu hören, „der aufgehenden Sonne'^ wie 
er sich selbst nannte. Statt dessen wird der Leser mit flüchtigen 
Auszügen aus Chroniken (c. 99. 107), Nachrichten über Ägypten 
(c. 102), Anekdoten (c 104) und psychologischen Reflexionen abge- 



") Vgl. Mommsen R. G. II • 321. — ") Wahrscheinlich war er 
adoptiert. Lange UI 127. 



üntenudhungen Aber Theophanes ttnd Posidonias. 109 

speist — alles Dinge von höchst zweifelhaftem Werte. ^) Nach 
c 100 soll Sulla über 300 Bitter, die in den Senat aufgenommen 
vnrden, in den Tribntcomitien haben abstimmen lassen, was ganz 
aogknblich ist Ebenso falsch ist es, wenn es c. 100 heifst, Sulla 
sei „wie ein rdmischer Eönig*^ mit 24 Lictoren gegangen. Der Irrtum 
ist UD so auffallender, weil App. selbst Syr. 15 aus Polybius die 
gm richtige Bemerkung hat, dafs die römischen Könige ebenso wie 
ipiter die Consuln mit nur zwölf Lictoren gingen, vgl. Liy. I 8 
piieet ita habuisse Etmscos, qnod ex duodecim populis communiter 
creito i^^ singulos singnli populi lictores dederint. Von den Etrus- 
kem s^en Amt und Zahl der Lictoren zu den römischen Königen 
gekommen. Appian fand also den Lrrtum B. C. I 100 wohl in einer 
Khleefat orientierten Quelle. — Höchst ausführlich ist dann die Be- 
scbreibmig yon Sullas Leichenbegängnis. 

Ob für die Hauptmasse des Berichtes c. 98 — 107 dieselbe 
Quelle wie für c 84 — 90 zu Grande liegt, Iftfst sich schwerlich aus- 
machen. Auf LiyiuB, der hier den Claudius Quadrigarius (fr. 84) 
Qod doich seine Vermittelung wahrscheinlich Sullas Memoiren be^ 
mrtzte'^, geht der Bericht nicht zurück. Eine Yergleichung zwischen 
Fiat Bulla 28 und [AureL Yict.] de yiris illustribus 68 zeigt, dafs 
[AoreL ^^otor] über die Schlacht bei Praeneste dem Fenestella ge- 
folgt ist (Marius habe während der Schlacht geschlafen; die Nach- 
richt sieht wie eine maliciöse Erfindung Sullas aus.) Aus derselben 
Quelle wird wohl die Sage von Sullas Phthiriasis stammen (Plut. 
Solia 36. de vir. ilL 75). In beiden Punkten weicht Appian ab. Ob 
vir ftlr die ausgeschiedenen Partien, die trotz der angegebenen 
^(iogel doch manche wertvolle Nachricht enthalten, etwa Juba als 
Qoeüe anzusehen haben, kann nicht entschieden werden. 

Viel wichtiger ist die Frage nach dem politischen Standpunkt, 
vekber dem Bericht zu Grunde liegt, den wir auf Posidonius zu- 
rtck geführt haben. 

Am auffallendsten ist der enge Zusammenhang, der nach dieser 
^Rihlung zwischen dem Bundesgenossenkrieg und dem Sullanischen 
^^tattfimlet In dem Kampf zwischen Sulla und Marius 88/87 hän- 
gte es sich nach Plut. Sulla 8 und Livius einzig und allein um den 
Oberbefehl im mithridat. Kriege; wegen des hierauf bezüglichen Sul- 
picischen Oesetzes werden feriae imperativae von den Consuln ange- 
9gt, imd SulpiduB erscheint als Helfershelfer des Marius. Nach 
%iaa war dem Snlpicius die volle Gleichberechtigung der Bundes- 
?aMe8«i Hauptsache, sein Zusammengehen mit Marius war lediglich 
^olge eines Compromisses. Wegen der Frage der Gleichberechtigung 
vvden Alt- und Neubürger ernstlich handgemein, und damit dieser 
^tng nicht mit Hülfe der Marianer durchginge, wurden feriae an- 

**) Die Geschichte von dem spottenden Knaben h&lt Drumann II 
^ wohl mit Recht fttr eine sp&tere Erfindung. — ^^ Peter fr. h. 



110 C. Franklin Arnold: 

gesagt. Erst nachdem Sulla aas Rom sich entfernt hatte und die 
Ferien aufgehoben waren, wurde nach Appian das Gesetz über den 
Oberbefehl im Mithridai Kriege, das bisher nur privatim mit den 
Marianem verabredet war, promulgiert und durchgebracht. — Auch 
später wird auf die Coalition zwischen Demokraten und Neubürgem 
wiederholt Nachdruck gelegt, c 64 Cinna habe mit ihnen gemein- 
schaftliche Sache gemacht, vo|ii2[6|Lievoc im Tifibe Tpioncöcia buipo- 
boKf^cai TdXavTa — ; c. 66 (in dem Kampf zwischen Cinna und 
Octavius:) [Kiwac] im rdc cu^iaxibac nöXeic biißei Ka\ i\^Q\te 
KdK€(vouc, üjc bia Toücbc ^äXiCTtt ifiv cu^q)opdv axn i|) t€VO^^vt]v. 
o\ bi xpil^öxa Kttl crparidv avn^ cuvct^Xouv (cf. c. 76. 77). 

Wenn so der Sullanische Krieg als Fortsetzung des marsischen 
betrachtet wird, so erscheint die Schlacht am collinischen Thor in 
einem ganz anderen Lichte. Ebenso verlieren die von Sulla verhäng- 
ten Strafgerichte über die Samniter, über Präneste, Volaterrä u. a. 
Städte, sowie die Landanweisungen an seine Soldaten den Charakter 
tyrannischer Willkür und erscheinen als notwendige Mittel der Eini- 
gung Italiens unter Vernichtung der seitherigen Stammesunterschiede. 
Die Sullanische Diktatur zeigt sich als der vorläufige Abschlufs der 
Kämpfe seit der Gracchenzeit und als eine Anticipatien der Monarchie. 
Es ist möglich, dafs der Asiate Posidonius die Notwendigkeit einer 
solchen einsah und seinen philhellenischen Oastfreund Pompejus als 
Monarchen betrachtete. 

Es fällt in die Augen, dafs der Bericht bei Appian dem Cn. 
Pompejus Strabo und dem Cn. Pompejus Magnus sehr günstig ist. 
Dafs der Charakter des ersteren ein zweifelhafter war, würde man 
aus dieser Oeschichtserzählung nicht ersehen können. Nach Liv. 
per. 79 war allein die zweideutige Haltung Strabos Schuld, dafs der 
Aufstand des Cinna nicht im Keime unterdrückt wurde. Nach App. 67 
kam derselbe sofort nachdem er gerufen war; der Erfolg der Demo- 
kraten hatte seinen Grund in dem Beistand der Samniten und dem 
Verrat des Appius Claudius, dem einst Marius Wohlthaten erwiesen 
hatte.^) Strabo und Octavius schlagen sie glücklich wieder aus der 
Stadt hinaus — da kommt der erstere unglücklicherweise durch 
einen Blitzstrahl um. Davon, dafs man ihn beschuldigte die Beute 
von Askulum unterschlagen zu haben, dafs seine Soldaten massen- 
haft zu Cinna übergingen, dafs ihr Mordanschlag nur durch den Sohn 
vereitelt wurde, und sie ihren Hafs noch an der Leiche ausliefsen, 
findet sich bei Appian kein Wort Ebenso wird c. 63 der Tod des 
Pompejus Bufus nicht, wie von Liv. und Vellei. als Werk des Strabo 
hingestellt, sondern erscheint nur als ihm zu Gefallen vom Heere 
veranstaltet. 

Li rühmlicher Weise wird c. 80 bei dem Auftreten des, Pom- 
pejus von dessen Charakter und Thaten berichtet. Ebenso scheint 



eo 



) Die letztere Nachricht ist nur App. B. C. I 68 überliefert. 



Untennchnngen über Theophanes und Posidonias. 111 

sieh Diodon Quelle bei derselben Gelegenheit über diesen Gegenstand 
verbreitet zn haben.^^) Hier hat Appian auch die richtige Über- 
Kefening über den Beinamen Magnns, welcher Mithr. 97. 121. Liv. 
103 ftlscblich Ton den asiatischen Feldzügen hergeleitet wird. 

Der Charakter des Marias erscheint in ungünstigem Licht. Ab- 
fetoüsende ftufsere Erscheinung^^), schmutziger Geiz^, unedle Bach- 
sacht ^), hftmische Schadenfreude^^) machen die unerfreulichen Züge 
des TOB ihm entworfenen Bildes aus. Posidonius hatte ja den Marius 
ia seinen letzten Lebenstagen gesehen und konnte damals von ihm 
nur nngfinstige Eindrücke bekommen. Es ist ein befremdendes ür- 
teil in der sonst so verdienstvollen Abhandlung von Scheppig^^), 
d&Ts er den stoischen Philosophen zum Demokraten machi^^) Dagegen 
spricht schon seine römerfreundliche Gesinnung. Die B5mer stttrkten 
bebumüioh überall die aristokratischen Elemente, was z. B. dem 
Aiifltion die Baas für seine Agitation abgab. Der Akademiker Philo 
TOD Larissa flüchtete vor diesem aus Athen, sein Gesinnungsgenosse 
Antiochus von Asealon war mit Luculi befreundet Besonders aber 
stand die Schuld des Panätius mit den gemttfsigten Optimaten in 
gntem Einvernehmen, er selbst begleitet« ja den Scipio auf seiner 
betfthmten Gesandtschaftsreise, sein Schüler Q. Mucius Scaevola galt 
als Muster eines vir bonus, und spftter finden wir den Stoiker Athe- 
sodonu von Tarsus als Freund des Cato üticensis. Für Posidonius 
^Ibst kommt besonders noch seine Freundschaft mit Cicero und 
Pompejus in Betracht. Die Gesandtschaft im Jahre 86 erklärt sich 
nicht ans irgendwelcher Sympathie der Bhodier mit Marius, sondern 
los dem Bedürfiiis, mit Bom in Verbindung zu bleiben. Mithridates 
beherrschte das &gfti8che Meer, mit Sulla war deshalb jede Com- 
muucation unmöglich (App. Mithr. c. 33). Die Bhodier mufsten 
wünschen, so bald wie möglich die Bömer von ihrem erfolgreichen 
Wkierstand gegen Mithridat in Kenntnis zu setzen. Über den schliefs- 
lidien Ausgang des Krieges werden sie nicht zweifelhaft gewesen 
Min; nach früheren traurigen Erfahrungen muTste ihnen daran liegen, 
«iorch rechtzeitiges Hervorheben ihrer Verdienste sich günstige 
Fiiedensbedingungen zu sichern. — Dafs Posidonius den Bestrebungen 
ier Oracchen gerecht zu werden versuchte, beweist nur, dafs er sich 
ücht wie Cicero durch die Parteileidenschaft verblenden liefs. Zu 
einer nnbefimgenen Beurteilung veranlafste ihn nicht nur der üm- 

*0 Diodor ed. Dindorf XXXVIII 9, vgl. die Anmerkung von Wesse- 
-^g in p. 615 seiner Ausgabe. — **) C. 67. Ganz ebenso Plui Marius 41. 
- ^ C. 66, dasselbe ausf&hrlicher Diodor XXXVII 28, 2, vgl. Plnt 
Mttioi 34. — •*) C. 70, z. T. wörtlich ebenso Plui Mar. 48. — •^) C. 72, 
tti derB. Quelle Plnt. Mar. 44. — ^ B. Scheppig, de Posidonio Apamensi 
^^noB, gentium, terramm scriptore. Berl. 1870, wichtig durch den Nach- 
vdi, diis die Notiz des Suidas, Posidonius sei hd M. MapK^XXou nach 
Kom gekonmien, nicht auf Gormptel beruht. -— ^**) Sein Hauptargument 
'«i^t darin, dafs nach Cicero Brutus § 812 die Bhodier zom Dictator 
^^ nicht PoBidoniuf, sondern Molo schickten. 



112 C. Franklin Amold: 

stand, dafs der Stoiker Blossias v. Eyme Lehrer des Tib. Gracchus 
gewesen war, sondern yor allem sein lebhaftes Interesse für die socia- 
len Notstftnde, die sich überall flüübar machten, und von denen die 
Sklavenkriege, denen er bekanntlich seine besondere Anfinerksamkeit 
schenkte, nur ein yereinzeltes Symptom waren. — Gegen Marius 
wird er schon von vornherein durch Butilius^^) mit ungünstigem 
Vorurteil erfüllt sein. Dieser war, wie er selbst, Schüler des Panfttins, 
er hatte sich seit 92 in Mytilene, seit 88 in Smyma aufgehalten, 
Posidonius erwähnt £r. 38 ein griechisch geschriebenes Geschichts- 
werk von ihm. Butilius aber war gegen Marius von einer gewissen 
Animosität erftült, die sich in seiner Autobiographie bemerkbar 
machte (Plut. Mar. 28). 

Ein günstiges Zeugnis für die historische Kritik, die Posidonius 
übte, liegt darin, dafs er die Memoiren Sullas, die auf jeder Seite 
tendenziöse Entstellungen zeigten, nicht benutzt hat. Gewöhnlich 
wird angenommen, der Bericht über die Schlacht am Tifata c. 84 
stamme aus Sullas Gommentarien, weil die Zahl der auf seiner Seite 
Gefallenen auf nur 70 angegeben wird. Durch solche Nachrichten 
suchte Sulla bekanntlich sich als Götterliebling hinzustellen. Aber 
erstlich haben wir c. 84 — 90 oben auf eine andere Quelle als Posi- 
donius zurückgeführt, und dann stimmt App. B. C. I 84 nicht mit 
dem Fragment, das über diese Schlacht aus den Gommentarien er- 
halten ist. Fr. 18 (Peter p. 202) giebt den Verlust des Norbanus 
abweichend von App. auf 7000 an; bei Appian mufs vor dßbojii^- 
Kovra eine gröfsere Zahl ausgefallen sein. 

Weder Livius noch Plutarch geben von diesen Vorgängen Be- 
richte von einheitlicher Färbung, jeder von beiden Schriftstellern hat 
Autoren von geradezu entgegengesetzter Tendenz benutzt. So er- 
scheint die Erzählung Appians bald dempkratischer, bald aristokra- 
tischer, aber immer gemäfsigt. Über die Schlacht am Tifiäta berichtete 
Liv. nach Sulla — (s. Gros. V 20) — , Peter meint durch Vermitte- 
lung des Claudius Quadrigarius. Die HJauptmasse bei Plutarch geht 
auf Sulla zurück. Damit verglichen ist Appian demokratischer. An 
anderen Stellen bei Plutarch erscheint Sulla in einem höchst un- 
günstigen Lichte, so z. B. Mar. 35 (im Jahre 88 Sulla von Marias 
gerettet) und Sulla 9. 10 (Einnahme Boms durch Sulla im Jahre 88). 
Nach Plutarch zog Sulla als Wüterich und Mordbrenner in Bom ein. 
Aus derselben Quelle Florus n 9, 6: ipse quoque iaculatus incendia 
viam fecit. Dagegen App. B. C. I 59: touc biapirdZcvidc ti tujv 
ty TTOciv, aÖTiKtt iv nic\\} irdviiuv Icpopuivrujv dKÖXoZe. 

Für die Bitter zeigt der Bericht von dem Standpunkt eines ge- 
mäfsigten Optimaten keine Teilnahme (c. 54). Mit diesem Stand- 
punkt wird es wohl zusammenhängen, dafs P. Sulpicius der Volks- 



'^ Cic. de officÜB m 2, 10 Posidonius soribit in qnadam epistola, 
F. Batilium Bufum dicere solere u. s. w. Also peraönl. Bekanntschait. 



ÜBtenachiuigen fibenr TlMophanes und Posidonias. 113 

tnbua erat 87 elrwähnt wird^) und dalk Appian über seine frühere 
ThStigkeit sdiweigt Er war bekanntlich mit den Optimaten zn- 
saaneBgegangMi, wurde aber später Ton diesen yerlengnet*^) 

Es fiel nne auf, dab der Bericht dem Vater tmd Sohn Pompejns 
gflsstig ist Die Besiehungen swisehen Posidonins und Pompejns 
gelten ftr so anfiierotdentlieb (mg, dafs Strabo XI p. 492 dem ersteren 
gendeni Unkenntnis in solchen Dingen sum Vorwurf macht, über 
die er sioh durch Pompejns hfttte unterrichten können. Und es mufste 
ja avch dem rhodischen Philosophen ebenso erwünscht sein, sioh von 
aefakimdiger Seite über römische Verhältnisse orientieren lassen zu 
kflnaen, als dem Pompejns danm liegen mufste, die öffentliche Mei- 
miig der östlichen Welt durch die gewichtige Stimme eines berühm- 
ten Schriflsteilers für sich sn gewinnen. Was bei Cicero hauptsäch- 
lich Eitelkeit war^^), war bei ihm Politik. Für die Geschichte der 
Sollanischen Zeit kommt dabei noch besonders in Betracht, dafs 
ÄBsiditen bekämpft werden mufsten, die in Bntilius einen äuTserst 
popilftren Vertreter gefionden hatten. Der Charakter des Pompejns 
dferibo war nSmlieh von ihm als sehr schlecht hingestellt (Rutil, 
fr. 6. MüUer m p. 200). Theophanes, der Günstling des Sohnes, 
a&tirertete daraaf mit SohmlOiungen (fr. 1. Müller III p. 314), Posi- 
dosius in edlerer Weise durch eine Ehrenrettung. Aufser direkten 
iifomatioiien wird Pompejns den Oastfrennd auf die biogr^hischen 
Sehrifien seines Lehrers Plotus^^) hingewiesen haben. 

Wie Posidomus mehrere Sprachen beherrschte (fr. 85. 86), so 
ktt er ohne Zweifel anch die Kenntnis itois Lateinischen sich ange- 
eignet Er bedurfte dessen schon für seine Reisen im Westen, denn 
sdiwerlich traf er überall griechisch gebildete Gastftennde, wie in 
Ligurien den Massilioteo Gharmoleon (fr. 63). Er war von Anfiong 
a ein biÜDgnis, und in Rhodus hatte er Gelegenheit genug Latein 
n lemsn; in allen bedeutenden Städten Kleinasiens und Ghiechen- 
Ittds fiuiden sieh interpreles (VaL Maxim, n 2, 2). Es wird als 
leltene Ausnahme erwähnt « dab Sulla dem Molo erlaubte, vor dem 
Seisi griechisch su sprechen. Im aUgemeinen hielten die Römer 
Bit Strenge daranf^ dais alle diplomatiBchen Verhandlungen in ihrer 
äpnebe geführt wurden.^') Die Kenntnis des Lateinischen war merk- 
würdiger Weise zu Ciceios Zeit im Osten viel mehr verbreitet, als 
9tter unter Hsdrinn und den Antoninen.^') 

Wir werden also 49m in Frage stehenden Bericht Appians in 
Taigen Betiehungen mit Versieht tu benutsen haben, aber er geht 



*") C. 47 ist 8er. Sulpidue gemeint — **) Kiene, BundesgenoBsen- 
bief p. aie ff. — '^ CiocFO bat ihn im Jahre eo seinen selbstverfiUsten 
wrorf der Getchiehte seines Gonsnlats eu flberarbeiten, was Posidonius 
■it ÜBiaer Schmeichelei ablehnte. ^ ^^) Vgl B. Peter, hiatoricorom Bo- 
Bsnonun reliquiae p. CCCLtV. — '*) Egger, de P^tude de la Luigne 
UliB ehei les Grecs de Fanti^uit^ (mämoires p. 208 f.). — *') C. F. Weber, 
^ Istine scriptie, quae Giaeci veteres in liiignam soaa tran^enmt p. 14. 

JOikl datt. Phfl. SappL Bd. XIII. 8 



114 C. Franklin Arnold: 

auf gut informierte Quellen zurück. Aus diesem Qesichtspunkt ist 
auch das wichtige 59. Capitel zu betrachten , das von reaction&ren 
MaÜBregeln berichtet, die Sulla im Jahre 88 vernahm. Drumann^^) 
erklärte die Nachricht von der Ergänzung des Senats für eine Anti- 
cipation des c. 100 berichteten Pairsschubs vom Jahre 81 und glaubte 
die Worte T&t x^ipoTüvtac |bif| KttTä qpuXäc, dXXdt xarä Xöxouc, ibc 
TuXXioc ßaciXeuc kjoie, xiTvecOai von Aufhebung der Tributcomiüen 
verstehen zu müssen, was freilich unrichtig w&re. Wir werden dem 
gegenüber Mommsen (B. 0. II 257. 346) und Lange (R. A. III 
124) beistimmen, die eine zweimalige Ergänzung des Senates an> 
nehmen und die fraglichen Worte als Aufhebung der seit 241 be- 
stehenden Stimmordnung in den Centuriatcomitien erklären, wonach 
jede Klasse die gleiche Anzahl von Stimmkörpem haben sollte. 



In den italischen Ereignissen, welche dem ersten mithrid. Kriege 
parallel laufen, haben wir aus Übereinstimmungen mit Plutarchs 
Marius und mit Diodor auf Benutzung des Posidonius geschlossen. 
Durch Erwägungen sachlicher Art gelangen wir für die Appiansche 
Darstellung der orientalischen Angelegenheiten in dieser Zeit zu 
derselben Annahme. 

Die Geschichte des ersten mithridatischen Krieges bei Appian 
gehört zu den am besten geschriebenen Partien des Werks. Aueb 
bei flüchtigem Durchlesen mufs es auffallen, dafs die ausführlichsten 
Darstellungen und lebensvollsten Schilderungen nur selten solche 
Ereignisse betreffen, die auf Seiten der Bömer stattfinden, dafs hin- 
gegen die asiatischen Verhältnisse mit einer gewissen Vorliebe be- 
handelt sind. Die Schlachten von Chaeronea und Orchomenus sind 
bei Plutarch viel ausführlicher erzählt, von den Vorgängen im römi- 
schen Lager, den vielen nobiles, die sich bei Sulla einfanden, seinen 
Märschen, seinen Beziehungen zu Archelaus, von den Nachrichten, 
die Metella bringt, er&hren wir bei Appian nichts. Dagegen die 
Seeschlachten vor Bhodus, der Zug des Metrophanes, die Besetzung 
von Galatien durch Eumachos und die Wiedereroberung durch die 
Tetrarchen, der AbfaU der Ephesier, die Schicksale der Chier: alle 
diese Vorgänge werden mit einer Anschaulichkeit geschildert, dafs 
das urteil des ältesten Übersetzers des Appian, des Petrus Candidus, 
gerechtfertigt erscheint ^bei Appian glaube man nicht die Ereignisse 
erzählen zu hören, sondern gleichsam mit eigenen Augen zu sehen'. 

Besonders eingehend ist der Kampf der Bhodier mit Mithridates 
geschildert. Dies fällt um so mehr in die Augen, als die dieser 
Episode vorausgehenden und die sich an dieselbe anschliefsenden 
Nachrichten summarisch gehalten sind. Der Besitz von Bhodus war 
für Mithridat von nicht geringer, aber doch auch nicht von entschei- 



'«) Drumann, B. G. II 488. 484. 



ü&tenachQiigeii über Theopfaanes und Posidonins. 



115 



dender Wichtigkeit Von der pontischen mit den SeerSubem ver- 
bflodeten Flotte wnrden in jedem Falle die Meere beherrscht, sodafs 
aocb nachher, als die Bhodier den Angriff siegreich abgeschlagen 
hAtten, eine Verbindung mit Griechenland für sie unmöglich war.^^) 
Wicht^r war die Insel ftlr das karische Festland. Auffallend ist 
es, dafs die strategische Bedeutung von Bhodus gamicht hervor- 
gehoben wird, und schon hieraus läfst sich schlielüsen, dafs ein anderes 
ib rein kriegsgeschichtliches Interesse den Autor zu einer so ein- 
gelienden Schilderung yeranlaüst hat. Mannigfache Einzelheiten deuten 
Inf einea mit den Ortlichkeiten und den Personen genau bekannten 
Ver&sser. Die pontische Belagerungsmaschine wird angebracht, *an 
der Stelle der Mauer, wo der Isis-Tempel steht ',^^ einige Überläufer 
bemSehtigen sich eines nicht allzu steilen HügelS; mit einer niedrigen 
Maser umgeben, auf dem der Tempel des Zeus Atabyrios^^ ist. 
Wir er&hren, dafis auf rhodischer Seite auch Ljcier aus Telmissos 
klmpften^), daiüs der Admiral Damagoras nach seinem kühnen und 
siegreichen Strei&ug die Nacht über auf dem Meere blieb.^^) Am 
idüagendsten verrftt aber die Bezeichnung des Nordostwindes als 
m^ KauviKÖv den Bhodier.^) 

Yen Diodoms Siculus, dessen Quelle hier Posidonius ist, haben 
vir ein constantinisches Excerpt, in welchem eines der von Appian 
emhlten Seetreflfen vor Bhodus behandelt wird. Auch im Wortiaut 
zeigen sich hier Obereinstimmungen. 



Diodor XXXVII 28 

A KamrabÖKCC ^övip uTrcp^x^vrec 
TW Ttkifiex ocaqMAiv 

- iTopd Toic 'Pobioic T^xvn Kußep- 



App. Mithr. c. 25 

Midpibdfou jLi^v iTrißapuvovtoc 
— iTXr)d€Ci V€a»v 

*Pob(u)V b* auTÖVTä CK&(pr\ cuv 
^^ireipiqi TreptirXeövrujv 



£V b^ T(|l lpf\\i 7T€pmX^0V€l Tl|l 

ßaciXet Ka\ toOc oiKciouc im- 

CTl^PXOVTl. 



^Tpo6u^(ql ^^v T^ oi)K dXeiiTOVTO 
TWY *Pob(uiv (nSml. o\ TTövTioi) dic 

h[ fXOVTCC ilriCKOTTOV Kttl 9€aTf|V 

t4v nvbuvuiv töv ßaciX^ou 

1^8 die wörtlichen Anklänge, bei au£Eiallender sachlicher Überein- 
stiffifflong nicht frappanter sind, erklärt sich daraus, dafs wir es hier 
bH dem Excerpt aus einem Epitomator zu thun haben, Messen Thätig- 
Ut — in den früheren Büchern — hauptsächlich darin bestand, die 

*^ App. Mithr. 88 med. ö b^ Ct^XXac v€d>v beö^evoc }i€T€ai^\^cno ixtv 
^K 'P66ou, Kai 'Poöüuv od öuvt)0^vtu)v bioirXcOcat OaXaccoKpaTouvroc 
'^■^piftdrou ... ib. 88 8. f. iroX€|üi(ac oöcric Tf^c OoXdcoic. — Plat. Luculi. c. 2 
^CuUoc «cptKOftTÖ^cvoc — tV|v dTopdv bc Tfjc OoXdTTtic <mö tiäv iroX€- 
vbv voui^iaToövTUiv. — »•) App. Mithr. c. 27 a. E. — »J) C. 86. Natttr- 
&k igt hier meht der Berg in der Mitte der Insel gemeint (Strabo XIV 
P- tt& 6 'Axdßuptc, öpoc TOhf £vTa06a ()i|nf)X6TaT0v. Upöv Ai6c 'ATaßvpiou), 
«ndera ein Hügel in der N&he der Stadt Bhodus. — '*) App. Mithr. 
c U. - w) Ib. c. 26. - w) Ib. c. 26. 

8* 



116 C. Franklin Arnold: 

Darstellong des Poljbius znsammenznadehen und dessen Sprache 
in die seiner Zeit umzusetzen' (Nissen Erii Unters, p. 112). Das 
Letztere ist in noch höherem MafÜse bei den Nachrichten aas Posi- 
donias der Fall, dessen Stil eine stark individuelle Fftrbung trSgi 

Die Anschaulichkeit und Ausführlichkeit des Appian'sohen Be- 
richtes macht es wahrscheinlich, dafs Posidonius hier direkt benutzt 
isi Darauf weisen auch einzelne Ausdrttcke, wie TTveCjna KauvtKÖv, 
dKpocTÖXio, ca^ßuKn, Trpifipeuc hin, die sicherlich nicht durch Über- 
setzung aus einem lateinischen Autor in den Text gekommen sind. 

Der Wert des Berichtes wird noch erhöht, wenn wir bedenken, 
dafs Posidonius wahrscheinlich Augenzeuge der von ihm geschilder- 
ten Ereignisse gewesen ist. Ging er doch 86 von Bhodus als Ge- 
sandter nach Bom. Er muls sich also in der Zeit Torher zu Bhodus 
aufgehalten haben, und wir können yermuten, dafs in diese Jahre 
seine Amtszeit als Prjtan^^) flült, da die GesandschaftspoBten wohl 
in der Begel gewesenen Pr3rtanen übertragen wurden.^) 

Am Schlufs von c. 25 wird von einem Unfall erzXhlt, der auf 
pontischer Seite stattftmd, indem ein chiisches Schiff gegen du könig- 
liche anlief. EapitSn und Steuermann werden bestraft, und Appian 
deutet durch den Zusatz Kai Xioic £^1^Vlce iräav an, dafs es damit 
nicht sein Bewenden hatte. Diese Schlufsworte von c. 25 wertoi nun 
c. 46 aufgenommen, wo es heifst: Xioic bi. ^r)v(u)V ^ ou Tic auTWV vaOc 
de Tf|v ßaciXiKf|v dv T^ TT€p\ 'Pöbov vaufiaxi? XaGoOca dtrdßoXc — . 
Ein bei Athenäus erhaltenes Fragment beweist, dafs über die De* 
portation der Chier von Posidonius ein genauer Bericht gegeben 
wurde.®) Die Erzählung dieser Ereignisse bei Appian ist wertvoll, 
weil sie ein Aktenstück enthält: den Brief des Mithridates an die 
Chier^), durchaus sachlich gehalten, nach Inhalt und Form charakte- 
ristisi^ flir den kalt berechnenden, miüstrauischen und rachsüchtigen 
Sinn des Despoten. Dem Geist dieses Schriftstückes entspricht das 
gegen die Chier eingeschlagene Verfahren. Der König geht behut- 
sam vor; zuerst werden die Güter der zu Sulla Übergegangenen con- 
fisciert, dann eine Kommission geschickt, um den Besitzstand der 
erschlagenen Römer festzustellen.^^) Endlich wird Zenobius *der 

") Dafe er in Rhodua Piytan war, zeigt fr. 64 M. — ««) Vgl. Polyb. 
XXVII 8. — «») Athen. VI d. 266 E Posidon. fr. 39 bei Müller fll p. 265. 
Das alberne Citat aus Eupolis am Schluls des Fragments zeigt dentUcfa, 
wie behutsam man bei den Anführungen des Athen, sein mufs. Auch 
fr. 41 finden sich solche Zusätze. — **) App. Mithrid. c. 47. — "•) Ib. 
c. 46 med. ^Ef|c 6* £iTC|iirc toüc rä *P\u}iaiwv ^pcuvi^avTac tv Xi^l, Freina- 
heim suppl. Liy. 41, c. 39 Übersetdrt: feinde missis, qni in faotioneiu 
Bomanorum inqmrerent\ Die Worte beziehen sich aber auf den epheei- 
sehen Mordbef^l. Nach Mithr. «. 22 hatte Mithr. dflUnaU befohlen, der 
BesitK der Römer sollte zur Hälfte an die königl. SchatBkammer abgeliefert 
werden: Kai rä övra o(rrolc fjicpkacBai itp6c ßaciXda MtOpi^MiTiiv. Das 
hatten die Ohier nicht gethan (Brief c. 47: Kai rä tfKxi^funa tuiv *Piu- 
|uux(uiv Kapiro0c6€, i^^tv oOk dvaqp^povTCc) dvaq)^pciv «» ratam partem per- 
solvere (Schweigh.). Dies sollte nun die Commission ausmitteln. 



ünierBachuDgen über Theophanea und Posidonius. 117 

AU» des Mithridat' gesandt; zur Nachtzeit überrumpelt er die Stadt, 
btnift eine YolksversamTnlung und verlangt Geiseln und Waffen. 
Ak dem ents|Hrodien ist, erklärt der Feldherr, der König werde bald 
adbst seinen Willen durch einen Brief kund thun. Der Brief kommt 
SD, die vorsichtig geirfthlten Worte geben deutliche Beweise der 
sUsrhöchsten Ungnade und fordern die ungeheure Summe von 2000 
Tüenien. Die geplante Sendnng einer Bittgesandtschaft wird von 
Zttohios hintertrieben; mit der ftuTsersten Anstrengung wird das 
Geld zasammeDgehraoht — und als die Ghier mm wehrlos sind, wer- 
da sie auf Schiffe gebracht und nach Kolchis deportiert 

Derselbe Vorfall wird kürzer von Memnon c. 33 erzählt; dort 
ferhftngt nicht Zenobios, sondern der bekanntere Dorylaos die Strafe. 
Der Lokalhistoriker legt das Hauptgewicht auf die Nachricht, die 
HocaUeer hüten sich der Schiffe mit den Gefangenen bemächtigt, 
jene gastUoh aufgenommen uBd reich beschenkt nach Hause entlassen. 
Dieser EnShlung, von der sich bei Appian nichts findet, wird etwas 
Wahres zu Onmde liegen, wenn auch wohl die Befreiung aller Chier 
mae patriotische Übertreibung der Beschlagnahme einiger Schiffe ist. 

Poädoiiins aber hat den Brief des Mithridates nur aus dem 
Archiv ia Chios mitleiien können. Durch diese an die moderne 
Urfcondenforschung erianenide Weise der OeschichtschreilMttig doku- 
mentiert er sich als würdiger Fortsetzer des Polybius, der ja auch 
MS dem rhodischen Archiv die wichtigsten Nachrichteii über Zeit- 
gSBchichte geschöpft hat (Nissen krit Unters, p. 107). Ja wir 
kSonen noch einen Schritt weiter gehen. Über die Seeschlachten 
TOT Bhodus, denen Posidonius wahrscheinlich als Augenzeuge bei- 
wohnte, stimd ihm sicher auch der amtliche Bericht des rhodischen 
Adminds Damagoras zu Gebote. Fand doch auch Polybius im Prjta- 
ssioB sa Khodns den offiziellen Bericht des rhodischen Nauarchen 
aber die Schlacht bei Chios (XVI 15 Tiic diriCToXnc Iti ^€V0UC11C iv 
Tifi icfMiTavciqi, Ti\c vir* auroOc touc Noipoik uit6 toO voudpxou 
wqmfid€\v\Q iicpi toOtuiv tQ ßouX^ xal raic TrpurdvectvX 

Der Srzählung von den Schicksalen der Chier geht bei Appian 
OB Beridit vorher über Yorgttnge in Galatien, die in so detaillirter 
W«Be nülgeteilt werden, dafs persönliohe Information den Autor 
oninicbtei haben rnuls, wahisoheinlich von Seiten des griechisch 
gebildeten Königs Deiotarus. Dabei bleibt die Darstellung keines- 
vegs bei dem Individuellen, Anekdotenhaften stehen, sondern verrät 
dnreh die Nachricht, dafs Mithridates Ghdatien zu einer Satrapie 
ater Eomachos mnwandefai wollte, staatsm&nnisches Interesse. Die 
9tee, in denen dies bei Appian erz&hlt wird, sind abrupt und ver- 
nten nach Form und Inhalt, dafs die Quelle stark gekürzt ist. Dafs 
der erste Aerkht, aus dem sich Posidonius informierte, kein ganz 
taMhageiiar war, sondern von einer dem Mithridat feindlichen Seite 
kam, «aigt schon der spöttische Schlufss^: Kai Mitpi^dn] nepif|v, 
roloTurv £x^tv TSL XP^MtfT<x |i6va Aulserdem gebt dies aber aus 



118 



C. FrankHn Arnold: 



der von Plutarch de virtate mulier. c. 23 aufbewahrten Erzfthlung 
hervor, wonach das Verfahren des Mithridat durch die mehr als zwei- 
deutige Haltung der Tetrarchen und besonders durch den Verrat des 
Tosiopers Poredoraz Entschuldigung finden solL 

Nach der Deportation der Chier erzählt Appian die weiteren 
Mafsregeln des Zenobios und sein Ende durch die Ephesier. Daran 
schlieÜBt sich eine Darstellung der Freiheitsregungen in den übrigen 
griechischen Städten, die durch Verrat vereitelt werden. Dies hängt 
mit dem Vorhergehenden so eng zusammen, dafs kein Grund vorliegt, 
einen Quellenwechsel anzunehmen. Aufserdem zeigen die genauen 
Berichte über die einzelnen Personen, z. B. wenn von Asklepiodotos 
erzählt wird, er sei früher Gastfreund des Königs gewesen, wenn 
geschildert wird, wie Mithridates sich unter einem Bett versteckt, 
um Ohrenzenge des Komplets zu sein, und von dort aus dem Ver- 
schworenen Mjnnio zuhört, — sie zeigen dieselbe über asiatische 
Vorgänge gut unterrichtete Quelle, die wir in den Nachrichten über 
Rhodus fanden. Als Opfer der Denunciationen werden c. 48 a. E. 
1600 Menschen angege)>en, bei Oros. VI 2 (also Liv.) findet sich 
dieselbe Zahl. Jordan®^) folgert daraus, dafs Appian hier den Livias 
benutzt habe. Das ist aber aus zwei Gründen nicht anzunehmen. 
Erstens nennen Appian und Orosius z. T. andere Städte, die dem 
Beispiele der Ephesier gefolgt seien. 



Oros. VI 2. 

— similiter Smymaei, 
Sardi, Colophonii Tral- 
lianique fecerunt. 



Appian c. 48 med. 

dbv TruvBavöjievoi TpaXXiavol KarYiiai- 
TTTivol Kttl MtiTpoTToXiTai Kai Tivcc äXXoi 
öiioia Toic *G<p€cioic £öpu)v. 



Nur die Trallianer finden sich bei beiden. Nun verschlägt freilich 
angesichts der Übereinstimmung in der Zahl 1600 diese Abweichung 
nichts, soweit es sich um dieselbe Grundquelle handelt. Appian sagt 
ja ausdrücklich Kai Tivec äXXoi. Wohl aber macht sie eine Benutzung 
des Liv. durch Appian unwahrscheinlich: einmal, weil Liv. in solchen 
Aufzählungen griechischer Namen bei nicht -römischen Ereignissen 
zu kürzen pflegt®^), besonders aber weil Orosius an dieser Stelle ge- 
wifs alle Namen gab, deren er habhaft werden konnte. Wo es sich 
um Mordscenen handelt, fingiert er eher mehr, als dafs er etwas 
weglassen sollte.^) 



^ B. Jordan, de fontibus Appiani in bellis Mithridaticis enarrandis 
(Qöttingen 1872) p. 44. — «tj s. Nissen, Krit ünterauchuMren p. 28. 28. 
— ^^ Dies zeigt sich auJGser Anderem auch VI 2 p. 370. Die Quelle des 
Gros, ist hier Eutrop (Mömer) 



Eutrop. V 6. 

Cappadooiam statim occupavit et 
ex ea Ariobarzanem regem et ami- 
cnm po^uli Bomini fugavit.« Moz 
etiam Bithjniam invasit et Oappa- 



Gros. VI 2 p. 370, 

Cappadociam continuo pervasit: 
atque expulso ab eo Ariobarzane 
rege ounctam provinciam iffni 
ferroque vastavit Bithymam 



ünterBuchnngen über Theophanes nnd Posidoniüs. 119 

Aüfserdem aber fanden die Untersuchungen auf Hochverrat 
nicb AppioD, der hier gewi£s das Richtige überliefert, erst nach dem 
Ab&ll dieser StSdte statt, als auch in Pergamum eine Verschwörung, 
die 80 Mitglieder z&hlte, entdeckt worden war, während nach Orosius 
derAbfiül erst nach der Hinrichtung der 1600 eintrat. Dazu kommt, 
dais die ganze Episode bei Appian nach der Schlacht bei Chaeronea 
iber Tor der Schlacht bei Orchomenus erzählt wird, während Oros. 
ne nach beiden Schlachten berichtet. Schon diese doppelte chrono- 
l(^]ie Differenz spricht gegen die unmittelbare Benutzung derselben 
QoeUe durch beide Schriftstdler. 

Wir sehen also hier, dafs Appian den Posidoniüs direkt benutzte, 
iber doch nicht mit der Treue ihn ausschrieb, dafs sich nicht auch 
in Exeerpten aus Liy. Angaben finden sollten, die auch aus Posidoniüs 
stimmen, welche wir aber bei Appian vermissen. 

Die den rhodischen Ereignissen Voraufgehenden Begebenheiten 
(c 23) sind von Appian nur skizziert, aber sie weisen auf dieselbe 
Ober asiatische Verhältnisse gut orientierte Quelle hin. Wenn be- 
richtet wird, wie die Kaunier dem Blutbefehl des Mithridat Folge 
leiteten und die fliehenden Italiker von dem Herd der BouXaia 
'CcTia schleppten, so scheint in den Worten: Kauvioi, 'Pobioic uito- 
TcXcic tiA Tijp *Avndxou TroX^juifi T€v6)Lievoi, xal uiro 'Puj^alwv 
iqKdevrcc oö irpö iroXXoO (167) in diesem Zusammenhang, unmittel- 
\a vor der Schilderung des mannhaften Widerstandes der Rhodier 
gBgen die pontischen Barbaren, ein versteckter Tadel der römischen 
Politik zu liegen. — Die Fahrt des Mithridates nach Eos, wobei er 
sieh der Person des ägyptischen Prinzen Alezanders II. bemächtigte, 
offenbar um in ihm einen Thronprätendenten zur Hand zu haben, 
^v in der Quelle gewifs ausführlich erzählt. Appian berichtet nur, 
da& der König reiche Schätze der Kleopatra an sich nahm, Strabo 
hit in seinem Oeschichtswerk dasselbe überliefert (fr. 5 Müller HI 
p. 492) und hinzugefügt, dafs er auch 800 Talente, die von den 
Joden dort deponiert waren, einzog. Dies Fragment wird ebenso 
ui Posidoniüs stammen, wie fr. 2 (= Posidon. fr. 9. Müller HI 
p. 254. 491). Ebenso erklärt sich die Übereinstimmung zwischen 
Strabo fr. 4 and Appian Mithr. c. 9 aus einer doppelten Verwertung 
^ Einleitung des Posidoniüs zu dem mithradatischen Erieg.^^) Wie 
m Strabos reurfpacpiKd sich zahlreiche umfangreiche Auszüge aus 



ptUns ex eis regibus amicis deinde pari clade corripuit 
popoh Ronumiy Pylaemene et Nico- Paphlagoniam simili exitu ad- 
aede. flixit, pulsis ex ca Pylaemene et 

Nicomede regibus. 

^OB dieseB VerwOstungen weifii die gesamte übrige Überlieferung nichts, 
■QB^sra berichtet im Gegenteil, Mithr. sei an&ngs gegen die klein- 
*B>tiiehe Bevölkerung schonend und huraan aufgetreten. Ein Verfahren, 
^, ei Oroiius angiebt, wäre bei den damaligen Umständen geradezu 
gewesen. — ••) Doch yg\, hierüber unten. 



120 



C. Franklin Arnold: 



andern Sohriftstellem find^a (Posidonius wird fiSmid eitiert, ein 
Fragment [II p. 94] füllt bei Müller sechs Quartseiten), so wird diea 
in noch viel höherem Mafse in dem Geschiohtswerk der Fall go- 
weeen sein. 

Wie App. Mithr. a 23 toq den Geldmitteln des MifbridateB, 
so ist 0. 23 von den finanziellen Mabregeln der Bömer die Rede. 
Wir erfahren, dafs in Folge des Bandesgenossenkrieges solcher If ajigol 
herrschte, dafs die im Umkreis des Kapitels liegenden Qüter, welche 
den pontifioes und augores zur Nutcniefsung überlassen wftren, ala 
Bauplätze verkauft wurden. Dafs die so gewonnenen 9000 Ubrae 
die einzigen Eriegsgelder blieben, wird, im Gegensatss zu dem un- 
geheuren Aufwand auf pontiseber Seite, ausdrücklich hervorgehoben. 
Den Verkauf der Bauplätze berichtet auch Oros. Y 18, aber in ganz 
anderem Zusammenhang, sodafs daraus nur die Güte der Naohrieht, 
nicht eine gemeinsame Quelle bewiesen wird. 

In dem Bericht über die Schicksale des M/ Aquilius (c* 21 App.) 
scheint ein Widerspruch mit Diodor vorzuliegen» Naoh Diodor 
XXXVn 27 nahm er sich, als er von den Mytilenäem ausgeliefert 
werden sollte, selbst das Leben. Appisiu berichtet, Mithridat habe 
ihn auf einem Esel mit sich geführt, und ihm in Pergamum geschmal- 
zenes Gold in den Hals giefsen lassen*^^) Ähnlidi erzählt (Pos» fr. 41) 
Aristion den Athenern die schimpfliche Behandlux^, die der Consirfar und 
einstige Triumphator M.' Aquilius vonMithridates erduldete. *Md>ffoc 
bk 'AkuXXioc, ö uiraTcuKuic, 6 äirö CiKeXioc KaTaxatihv Opta^ßav 
— iT€£öc UTTÖ iTTireujc SXK€Tat.' Mit diesem Consular kann der von 
Diodor erwähnte Aquilius nicht identisch seiu, denn der entere war 
88 mindestens 57 Jahr alt, jener aber fafste seinen hceroisohen dat- 
schlu£s VaiTTCp v^oc ibv iravreXuic Tf|V flXuciav^ Hier findet alßo 
kein Widerspruch statt; die Mafsregeln des Mithridat aber rmk der 
Schlacht am Amnias werden von Diodor und Appian genau über- 
einstimmend erzählt. 



Diodor XXXVn 2«. 

Kai TToXXoik: tujYpiicac STrovroc 
Ti^A^jcctc Kttl ^cOfici Kai dcpo^iotc 
dirAucev elc tdc Trarplbac. — 
biaßonOeiCTic hk xnc toO MiOpi- 
bÖTOu q)iXavOpuwrtac. — 



App. Mithr. c. 18. 

^dXu> bk Kai TrXf)6oc alx^aXvuriuv. 
Oßc Trdvrac MiOpibÄTTic, (piXav- 
8pui7r€ucd|ui€v6c tc Kai ^(pöbia 
bouc, dTT^Xucev de id olKeia drr- 
idvar böEav djiWTOn&v roic iroXe- 
)i(otc (piXavOpwtriac. 

Freilich heifst es am Anfang des Diodor-Fragments drt MiOpiMtr^c 
Toiic TUJV Tui^aiujv f|T€|i6vac Kard xfiy 'Aciav ViKi^cac — , während 
doch nach Appian keine Römer, sondern nur Bithynier in dieser 
Schlacht gegen Mithridates kämpften. Hier müssen wir ans aber 
an den von Nissen^^) über die Benutzung der consiantiiiisehen £x> 

''<') Ebenso Plioias nat. hist. XXZIII 48. Posidonias gehört mit «u 
den von ihm benutsten QuellensohriftiiteUem. — ">) Nissen, Knt Unters, p. 9. 



ünteiBachüDgen aber Theophanea nnd PoBidonins. 



121 



eerpt» M^estelltai Ebiiob emnorti: Anftuig ^md Eftde derselben 
kfinsen nicht als dkdoriach gelten, sondern rubren von den Excerp- 
iarsB her.^ 

80 ergiebt sich also für App. Mitbr. 0* 17 — 27 nnd 
c 46 — 48 die nnmittelbare Benntznng des Posidonius. 
Aifterdam fuiden wir in Stmbo bist. fr. 2 einen Hinweis auf das- 
wlbe VsrbftliniB fttr e. 9. Es fragt sich nun, ob Anzeieben Yorliegea, 
<Ub Appian neben dieser Quelle nodi andere benutzt bai Fthr den 
pinllel bmfenden Abscbnitt der itaUscben Gescbiobte glaubten wir 
im aanebmen zu müssen. Ond aucb bier ist es der Fall. 

Snlla selbst gab in seinen Memoiren (bei Peter ft. 16, p. 201) 
MBOi eigenen Verlust in der Seblaobt bei Cbaeronea auf 14 Mann 
an, die znent varmilst worden wttren, am Abend kätten siob zwei 
wieder eingefunden; der feindliebe Verlust babe 110000 Mann von 
eilem 120000 Mann starken Heexe betragen. Plutarch giebt diese 
ii äurer Naititftt ISeberUcbe Lüge mit Vorbehalt, Appian mit einer 
gua geringen Abweichung ohne Bemerkung. 



App. Mithr. c. 45. 

^ 'Apx^Xaoc — Ktti 
ocoi Kora ^^poc til- 
qnn^ov, tc XaXKiba 
cuveUtovio ou ttoXu 
TcXetouc ^upiujv Ik 
MiUxa pupidbuiv 
T€v6>i6voi. Tui^iaiuiv 
K ftoSov ^^v diio- 
öovelv ir€VT€KaibeKa 
flvbpcc, buo 5* aÖTulv 
{irovnXeov. 



Plut Sulla 19 
(fr. 15. P.). 

iroXXoi jbifcv ouv iv 
Tifi irebiqi — xareKÖ- 
Tn}cav, üjcre ^upiouc 
biaTieceTv elc XaXKiba 
^övouc dnö TocouTiüv 
^upidbuüv. *0 b ^ C u X - 
Xac X^T€i T^ccopac 
Kai biKü ^triJ^riTficai 
Tiüv auToO CTpaxiu)- 
Twv, elra xai toütwv 
bÜG updc TTiv Icn^pav 



Eutrop. V 6. 

Postea commisso 
proelio cum Arcbelao 
ita eum vicit, ut ex 
CXX milibus vix decem 
Arebelao superessent, 
ex SuUae exercitu 
XIV tantum inter- 
ficerentur. 



Trapa^ev^cOai. 

Bei der üntersuobong der Quellen yoa B C I fanden wir, dafa 
dieSoUaniaclie Autobiographie in den auf Posidonius zurückgehenden 

Sti^Aen nicht benutzt isi Schon aus dieser Erwägung wird es un- 

■ ■ ■ » 

**) Zu welchen wunderlichen Folgermigen man durch Nichtbeachtung 
Aeter Recel kommen kam, zeigt Kiene, BmidesgenoaseBkrieg p. 10 n. 
Bi hiade& sicli mm das Fnigment Diodor XXXVU 15, wekhet fOr die 
Pofli, ob Latiner und BiOmer connubium hatten, wichtig ist Kiene 
^ an der GlaubwQrdigkeit der Ens&hlnng an sich fest (wie vor ihm 
%bakr), meint aber, die Sage habe sich des Vorganges bemächtigt, sie 
Im oqr das ethische Moment ins Ange u. s. w. — , nur weil das Frag- 
■ttl befimt: dn 6 Mdptoc ^TOTC Tf|v ^bvo^iiv ivi t6 Cauvrruhf iccMov, 
m Mfieh falsch ist, weil Marius sowohl, wie Pompaedius anf dem 
>Mieh«n Kxiegnehanpiatps kämpften. Ebenso fiüsch heilst es XXXVIU 
9» t 'On 6 0iM|pkK öic#EPt|KiU T6y '€UficiroYtcv — ; Diodor hat gewifs 
^«so wie die ihrigen S<dtrifteiellev heriehtet, dab Fimhria fiber den 
Bospomt ging. 



122 C. Franklin Arnold: 

wahrscheinlicli, dafs Mithi*. c. 45 der Fortsetzer des Polybius die 
Fiction Sullas dem Appian yermittelt haben sollte. 

Eine Vergleichung des Berichtes über Fimbria App. Mithr. c. 53 
mit Diodor zeigt noch bestimmter, dafs nicht überall im ersten Teil 
von Appians Mithridatioa Posidonins zu Grunde liegt Das Diodor 
XXX Vni 8 § 1—4 von Fimbria ErzÄhlte ist von der Überlieferung 
Appians ganz abweichend, z. T. derselben widersprechend. Wie sich 
von Posidonius erwarten Iftfst, betont er besonders das VerfieJiren des 
Fimbria den Provinzialen gegenüber. Die Beschwerden der Ge- 
plünderten und Fimbrias zweideutige Haltung dabei (während sich 
Flaccus der Provinzialen annahm) sind nach Posidonius Ursachen 
des Zerwürfiiisses, und nicht Privathändel des ünterfeldherm mit 
dem Quästor. Ganz ähnlich erscheint das Auftreten Fimbrias bei 
Strabo (XUl p. 594), der auch hier wieder mit seinem Vorgänger 
in der Fertsetzung des Polybius sich berührt Nach Appian'') und 
der livianischen Überlieferung^) wurde Ilion mit List genommen; 
bei Strabo nach zehntägiger Belagerung. Die Zahl 10 in diesem 
Zusammenhang sieht allerdings verdächtig aus; gleichwohl erscheint 
nach Überwindung eines Widerstandes die Zerstörungswut Fimbrias 
begreiflicher als bei Appian, wo es etwas Teuflisches hat^ weim der 
Feldherr nach der Zerstörung die Stadt durchwandert, um nachzu- 
sehen , ob auch ja nichts stehen geblieben sei.'^) Wir werden wohl 
nicht irre gehen, wenn wir die schwärzen Farben, mit denen Fimbria 
in dem ganzen Bericht gezeichnet ist, auf Rechnung seines Todfeindes 
Sulla setzen. 

Steht es demnach fest, dafs von Appian aufser Posidonius noch 
ein anderer Schriftsteller benutzt ist, der Nachrichten aus Sullas 
Memoiren gab, so würde die Frage nach der Herkunft der Über- 
lieferung durch einen Vergleich mit Sullas Lebensbeschreibung 
von Plutarch verhältnismäfsig leicht zu lösen sein, wenn für diese 
vita die Quellen überall festständen. Aber wenn nach H. Peter — 
dessen Angaben über vita Mar. 41 — 45 wir oben adoptierten — 
nur Livius zur Ergänzung der Sulla*8chen Selbstbiographie in etwas 
ausgedehnterer Weise benutzt ist, andere Autoren nur bei Neben- 
umständen zu Grunde liegen sollen, so erregt gegen dies Ergebnis 
schon ein Ausspruch Niebuhrs Bedenken. Ohne Beweis, wie gewöhn- 
lich, findet sich in den Vorträgen über röm. Gesch. der Satz: ^Bei 
(Pyrrhus und) Camillus sieht man, dafs er den Dionys gebraucht 
hat, bei Marius und Sulla den Posidonius, und wo man dies ausmittelt, 
da gewinnt seine Erzählung einen viel bedeutenderen Charakter der 
Authenticität'. Citiert wird Posidonius in der ganzen Biographie 
kein einziges Mal, das * sieht man' Niebuhrs ist also nicht ohne 

") Mithr. c. 63. — »*) Cassius Dio fr. 104, 7 €tX€ bk aöxoOc oö 
xard t6 tqciJp6v dXX* dirarficac. — •*) Kol Tf^c imoiüciic i^peOva, ircpiwdv, 
\ii\ Ti cuv^cniKC Tf|c it6Xcu)c (tv\ (c. 58). Auch die Vemiditong der Tempel 
und Heiligtümer hat die Quelle recht con amore erdhli 



üntennichiuigen über Theophanes und Posidonius. 123 

weiteres einleuchtcoid, trotzdem aber verdient diese hingeworfene 
Bemerkimg des groHsen Forschers Beachtung. Denn das Fehlen 
eines Citats ist auch bei Plutarch, der seine Quellen oft nennt, keines- 
w^6 ein Beweis gegen die Benutzung eines Schriftstellers. Auch 
in der vita Coriolani wird Dionjs von Halicamafs nirgend citiert^ und 
doch ist er der Autor, welcher als Hauptquelle der ganzen Schrift 
za Grunde liegi 

Bei der Vorliebe des Plutarch fOr das Detail tmd ftlr das In- 
diTidaelle ist es von vornherein wahrscheinlich, dafs er sich in der 
Tita des Sulla besonders an die Autobiographie hielt. Die vielen 
Anf&bruDgen aus Sullas Memoiren sind niclit deshalb gegeben, um 
der Erzfthlung mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, sondern weil 
ihm diese Stellen fOr den Redenden selbst charaktensisch erschienen. 
Wir werden uns deshalb hfiten müssen, ans den Citaten auf durch- 
gingige Benutzung zu schliefisen. 

Zum Qlück sind die Merkmale dieser ÖTro)ivri|LiaTa so charak- 
teristisch, dafs unschwer zu erkennen ist, wo sie benutzt sind. Apo- 
logetische Fftrbung^^, genaue Berücksichtigung von Ort^^) und 
Zeit^^ Namhaftmachung verdienter Militärs, auch gemeiner Sol- 
daten*^, coldlsale Angaben über die Gröfse des feindlichen Heeres^^), 
geringe über die Zahl der eigenen Truppen ^^^), winzige über eigene 
Verluste ^^, riesige über die feindlichen ^^^), crasser Aberglaube ^^), 
ZnrüekfÜhrnng jedes Erfolges auf die Huld des Fatums^^^), endlich 
Mangel an jedem rhetorischen Schmuck (Conunentarienstil). — 
Diese Kennzeichen werden uns zu wertvollen Hülfsmitteln bei der 
Feststellung der QueUen. So z. B. können wir mit Sicherheit folgende 
Stelle auf Sullas Memoiren zurückführen. Plut. Sulla XVII p. 440 
Z. 8 fll AiaXtmiiv bk ^lav fm^pav ö CuXXac Moupifjvav |i^v Ixovra 
TOTMA Kai ciTcipac buo irpöc tö toic TroXcjLiioic dvoxXf^cai TrapaTarro- 
M^votc dir^XiTi€V, auröc hk irapä töv Kn9tcöv iccpaTiäZeTo, Kai tuiv 
kpoiv T€VO]üi^vuiv txdiQex irpöc Tf|v Xaipiiiivetav. 

Anfiser SuUa, welcher dreizehninal angeführt wird, citiert Plu- 
tarck in dieser Biographie noch 4 Schriftsteller: Fenestella ^^^), 
Juba"»^, Strabo*^) und Livius.^«^) Das Citat aus dem Erst- 
gehört in die Darstellung der Schlacht bei Sacriportus. 



*^ Zuweilen von Plut. ausdrücklich bemerkt, z. B. Sulla XXni ed 
Sniems 1 II p. 447 Z. 26 Trcpl \itv oiW toütujv ainöc 6 COXXac iv Tok 
<rsDMW|Maciv diroXor^m. — *^ Plut. Bulla XVI p. 487 Z. 26 (Sintenis). — 
*^ Plut Salla XIV p. 486 Z. 10. — '«) Tapferkeit des M. Mejus, der 
ment die Mauern von Athen erstieg ib. XIV p. 436 Z. 18. — ^""^ XV 
p. 436 Z. 27. — "*) XVI p. 487 Z. 28. — *^) u. "») Bei Sacriportus 
vill er nur 23 Mann verloren haben; von den Feinden seien 20 000 ge- 
UMt, 8000 gefiuigen Plut. Sulla XXVm p. 454 Z. 21. — Ähnl. XIX 
^ 448 Z. 16. XXVn p. 462 Z. 26. — ^^) Plut. Sulla VI p. 434 Z. 7. 
- XXVn p. 461 Z. 27. — XVII p^9 Z. 29. — XXVIH p. 462 Z. 10. — 
IIX Vn p. 468 Z 26. — »<>*) Ib. Vi p. 428 u. 424. — "«) XXVIH p. 464 
Z. 15. — »•») XVI p. 489 Z. 19. - "•) XXVI p. 460 Z. 20. - •*•) VI 
^ tt6 Z. 12. 



124 C. FrankUa Arnold: 

Der ausgq^ttgt natioiialrOmische Charakter der Schrifbstollerei dieses 
Autors maeht es un^rahrsebeinliob, dafs Plutaroh für die Creechiohte 
des mitbr. Krieges gerade zu ihm gegriffen haben sollte. Auch in 
Besng auf Juba zeigt eine nähere Betrachtung, dafs wir es hier nur 
mit einer vereinselten Anführung zu thun haben« Nach dem Ein- 
marsch Sullas in Bö^otien lassen die Cbttroneer durch eine Deputation 
bitten, ihre Stadt nicht preiszugeben. Sulla schickt den Gabimus 
mit einer Legion hin. Dieser , ffthrt Plui fort^ war em wackerer 
mann und recht bereitwillig, die erbetene Hülfe zu leisten. 6 b^ 
'lößac, beifst es dann weiter, od Faßiviöv qnrici iT€)Lup6v)vat, dXXd 
'epiKiov («= Erucius). 'K M^v oöv ndXic f|^ÜJV nopd tocoOtov äE^<puT€ 
TÖv Kivbuvov. Damit hat die Erzählung yon Chäronea zunächst ein 
Ende. Im Folgenden werden ühex das Orakel zu Lefaadea Sullas 
Memoiren citiert, auch die dem Oitat vorau^ehenden Sätze müssen 
daher stammen. Als im weiteren Yerlauf der Erzählung berichtet 
ist, dafis eimge Chäroneer sidi als Führer für einen Hinterhalt an- 
boten, heifst es» Sulla habe bei Gabinius (also nicht bei Brudos) Er- 
kundigungen über diese Leute eingezogen. Demnach ist hier Juba 
nicht benutzt. Dann erst wird Erucius zum Führer des Hinter- 
haltes ernannt, nicht, wie Juba berichtete, zum Sehatz der Stadt 
Chaeronea abgeschickt. Dies war nicht mehr nötig; Gabinius war 
zurückgerufen^ wahrscheinlich weil das Heer selber die Stadt deckte. 
— Weshalb Plutarch bei einem an sich geringfügigen Umstand so 
genau ist» zeigen ^e Worte f) iröXic fi^düv: es handelte sich um sebe 
Vaterstadt. Juba ist also nur an der Stelle, wo er citiert 
wird, benutzt."^) 

Auf den ersten Anschein verhält es sich mit dem Gitat aus 
Strabe ebenso, wie mit dieser Anführung des Juba. Es kdTst 
c XXVI p. 450 Z. 20: In Athen habe Sulla an kranken Füften ge- 
litten, was Strabo ^Vorboten von Podagra^ nenne; deshalb habe ex 
sich nach Beendigung desFeldzugee, um eine Badekur zn gebrauchen, 
nach Euboea begebeopL In Stra1iK>fi 6eogra|»hie X p. 447 wird zwar 
erwähnt» dafis Sulla die wannen Bäder auf dem Idantiaehen Geiilde 
gebraucht habe, aber sein Übel wird nicht genannte Plutarch ma£3 
also aus den früheor g^sdiriebenen icropiicoi öno^vi^aTa geBehöpft 
haben (&. 7. Müller IH p. i9%). Die Vermutung liegt nahe, dafs 
Plutarch sich diese Stelle aus Strabo notiert hatte und sie nun hier 
einfügt. Aber auch das Vorhergehende kann wemgsteas nicht aus 
Sulla stammen. Plutarch berichtet, Sulla habe sich der BibUoChek 
des tei^chen Gelehrten Apellikon ben^htigt, und an die Erwähnung, 
dafs ()ie Werke des Aristoteles und Theophrast in ihr enthalten ge- 
wesen seien, knüpft sidi eine AuseinandersetBung über daa Schicksal 
dieser Handschriften. Der ganze Passus verrät nicht euien orien- 
tierten Dilettanten (das war Sniia), sondern den mit der Sache 



110 



') Gegen VoUgraff, Greek writers of Boman history Li^ea IMO. 



ÜBtersaclimigen ftber Theophanes und Posidoiiiiis. 



125 



genta martrantfin Fachmann. Nun giebt Strabo in seiner f,Q«ogra- 
pfaie*' bei Gelegenheit der BeschreibQBg der Stadt Skepsis in Mysien 
ood der Erwihaung des Per^iatetik^^ Nelens, der dorther stammte, 
Naehriehten über die Schicksale der Bibliothek des Aristoteles, welche 
uf das genaneste mit Plntarch stimmen. Nnr ist die Reihenfolge 
d» andere, da der Biograph mit dem zeitlich Letzten, Strabo mit 
Ntlens, dem Schfiler des Theqpfarast, beginnt. 



Strabo XIII p. 609 
ed. Meineke a 852 2. 21. 

fuöuc jap yxr& rf\v 'AireXXi- 
wüVTOc T€X€irrt|V C^XXac fjpe 
TT|v ^ATreXXiKuhrroc ßißXioOfiKriv 
6 TOc *A9/jvac iXuiv. 

Strabo ib. 
ed. Meineke S. 852 Z. 24. 

^upo (nach Rom) hi. KOfiicOctcav 
Tvpawraiv ö TP^MMCX'nKdc bt- 

CXCiptCOTO. 



Strabo ib. 
ed. Meineke S. 851 ZL 32. 

ScöfpacToc U NfiXet ircip^i^u)- 
Kcv, ö 5' de CKi)i|iiv KOMicoc toTc 
|i€T* aÜTÖv irapifbttiiciv, IbuA^raic 
ivepiuiroic, o1 KordicXciCTa clxov 
Td ßißXta, oöb' dmpeXuJC xei- 
M€va n. & w. 



Plut. Sulla 26 
ed. Sintenis S. 450 Z. 4. 

i&iXev iaxnib tf|v 'AtreXXiKdiv- 
TOC ToO Tt](ou ßißXioOi^idiv. 



Flut. Sulla ib. 
ed. Sintenis 3. 450 Z. 8. 

X^t€Tai bl KOfiicOefcTjc oörflc de 
Tiujiiiv Tupawltüva töv TPOM^ 
^artKÖv lvcK€udcac8ai T& iroXXd. 



Plut. Sulla ib. 
ed. Sintenis S. 450 Z. 15. 

biet TÖ TÖV NllXdUJC TOO 

CKimiiou kX%)ov, & lä ßißXia 
KaTdXiiTC 6€6<ppacT0C, eic &<piXo- 
Tifiouc Kai ibuirrac ävQpuiirouc 
ir£piY€Wc6ai. (Deshalb konnten 
die Peripatetiker die Schriften 
des Aristot. nicht benutzen.) 

Der Berickt Sirabos geht mehr ins Einzelne, als der Plutarehs; 
er enihlt| irie diese „Laien^^ aus Furcht vor dem Sammeleifer der 
AtUliden die Handschriften in einem unterirdischen Gewölbe ver- 
Wg«n, wo sie durch Motten und Feuchtigkeit litten; er giebt eine 
Benrtsiung der Leistungen der ftlteren Peripatetiker, die sidi bei 
Pbtarch nur angedeutet findet. Die Annahme, dafs Plutarch hier 
US der ,yQeograph]e'* Strabos geschöpft habe, rerbietet der Umstand, 
<UiB er dls Editor des aristotelischen Yulgata-Textes den Rhodier 
Andronikos nennt, während bei Strabo derselbe in diesem Zusammen- 
kaag nidit vorkommt. Es findet hier also dasselbe Verhältnis statt, 
wie oben bei der Nachricht von Sullas Krankheit Die ganze erste 
Hllfie Ton Plut Sulla 26 scheint aus Strabos U7ro^vr)^aTa ge- 
iosMD tu sein. 

Sdion oben wurde darauf aufinerksam gemacht, dafe in Strabos 
Ssmmelwerk die Fortsetzung des Poljbius, welche Posidonius lie- 
ferte, in umfangreicher Weise ausgebeutet sein mufs. Und hier 
lenkt der Umstand, dals ein Bhodier als Editor der Yulgata des 



126 C. Franklin Ainold: 

Aristoteles genannt wird, unsere Aufmerksamkeit auf denselben 
Autor. Nun findet sich in dem längsten Fragment ^^^), das von 
Athenäus nicht unverstümmelt und nicht ohne Zuthaten überliefert 
ist, eine Angabe über das Leben des Apellikon, welche zeigt, dafs 
Posidonius genauer über ihn gehandelt hat. Die dort sich findenden 
Nachrichten über ApeUiko, der bei Athen, wie bei Plnt. und Strabo 
ö Trjtoc heifst, machen es wahrscheinlich, dafs Strabo den Bericht 
seines Fachgenossen zusammengezogen hat. 



Pos. b. Athen. V. p. 211 
c. 55 Schweigh. 
8t€ ^^v t^ £q>iXocÖ9€i (näml. 
Apellikon), xai tq TTepnroTTiTiKä 
Kai Tf|v 'ApiCTOT^Xouc ßißXioeri- 
KT)V KQi äXXac cvvryföpale cu- 
Xvdc* fjv Tdp TToXuxpi'ifiaTOC. 



Strabo Xm p. 609 c. 
die Nachkommen des Neleus, in 
deren Händen die Aristoteles- 
Handschriften waren — , dir^öovTO 
'ATreXXiKWVTi tijj Ttjiijj ttgXXujv 
dpTupiUJV id T€ 'ApicroT^Xouc 
Kai Td 6€0<ppdcTou ßtßXio. 



Dann erzählt Posidonius, wie dieser ApeUikon eine Art Manie für 
alte Bücher und Urkunden hatte (el Ti iroXatdv cTt) Kai diTÖOcTOv), 
sodaTs er bei dem Entwendungsversuch von Originalmanusoripten 
aus dem Metroon nur durch die Flucht sich yor der Hinrichtung 
rettete. Dann trieb er sich im Auslande herum und kehrte, als sein 
Freund Aristion, auch Peripatetiker wie er, durch Mithridates Ty- 
rann geworden war^ nach Athen zurück, wirkte dort für dessen 
Sache und yersuchte sich sogar als Feldherr, wobei er kläglich 
Fiasco machte. Posidonius nennt in seiner pointierten Weise dies 
Leben einen ß(oc di|i(Kopoc, Strabo bezeichnet den Abenteurer als 
einen q>iX6ßißXoc fiäXXov f\ (piXöcoqpoc. 

Es hat sich uns also gezeigt, dafs Plutarch im Leben 
Sullas neben Sullas Memoiren auch den Posidonius durch 
Vermittelung des Straboschen Sammelwerkes benutzt hat. Aufser- 
dem sind, wie im Leben des Marius, Nachrichten aus Livius zur Er- 
gänzung der Selbstbiographie Sullas herbeigezogen. ^^^) Dafs in der 
comparatio Lysandri et SuUae c. 3 über den Charakter des Dicta- 
tors Sallusts Historien angeführt werden, beweist freüich, daCs dieser 



i>i) Poddonii ApamensiB fr. 41 bei Müller 111 p. 269. — Daik Athe- 
näus am ScbluDi des Fragments nicht den yollständigen Text des Po> 
sidon. mitteilt, wird daraus klar, dafs p. 269^ (Müller) die Erzählung 
sprungweise von Apelliko zu Athenio übergeht und dann wieder tu 
Apelliko zurückkehrt p. 270» Z. 1. ^ ">) DsJs Plutarch das Geschichts- 
werk des Livius selbst hier eingesehen habe, ist mehr als zweifelhaft. 
Er citiert in c. 26 dieser Biographie die öiro^v/mara Strabos. Und aus 
der Art, wie Strabo und Livius als Übereinstimmende Berichterstatter 
speoieller Vorgänge bei der Einnahme Jerusalems von Pompejus L J. 
63 angeführt weraen (Joseph. Aroh. lud. XIV 4, 8 bei MüUer Niool. 
Damaso. fr. 86. fr. h. Gr. III -417. Liv. fr. 27 Hertz.), wird wahrschein- 
lich, dals Strabo den Livius benutzt und citiert hat. Durch diese Mittel- 
quelle werden also Livianische Nachrichten von Plutarch in dem Leben 
Sullas verwertet sein. 



UnterBuchangen über Theophanes und Posidonios. 127 

Geeeldchischreiber seinem Jugturtha c. 94 ausgesproclienen Vorsatz 
(oeqae enim alio loco de Sullae rebus dictnri sumus) untreu gewor- 
den ist, aber nach bist fr. 1 steht das Jahr 78 als Anfangspunkt 
des von Plutarch dtierten Werkes fest , sodafs es also für die Ge- 
scfaifibte des 1. mitbr. Krieges nicht als Quelle dienen konnte. 

Ans Flut. Sulla 1 — 10 hebe ich nun die Stellen heraus, die auf 
Posidonius zurückzugehen scheinen, sei es nun, dafs Flut aus Strabos 
Sammelwerk schöpfte, oder — wie im Leben des Marius — das 
Onginalwerk selbst in Händen hatte. 

Römische Yerhftltnisse werden in den beiden ersten Gapiteln 
behandelt, aber die Quelle ist griechisch. Das zeigt schon der grie- 
ehische Spottvers auf Sulla (c^2) und geht aufserdem daraus hervor, 
dafs der Wert von 1000 HS. in attischen Drachmen angegeben wird, 
was achwerlich von Flut, selbst herrührt. 

Die Erzählung von Cornelius Bufinus, dem Urahn Sullas , der 
ans dem Senat gestoüsen wurde, weil er über 10 Ff. Silbergeschirr 
im Hause hatte, findet sich aulser bei Qellius: Liy. per.XIV (daher 
Flor. I 13) und YaL Max. 11 9, 4. Der letztgenannte Schriftsteller 
ist von Flutarch nirgends direkt benutzt ^^^) Dafs Flut, die ent- 
legene Notiz aus Liy. hier yerwerthet haben sollte, ist nach dem 
Znsammenhang unwahrscheinlich. Aber die Fragmente des Fosi- 
donins behandeln fast alle culturgeschichtliche Verhältnisse. Er 
Bchüderte die altrömische Einfachheit und Frugalität^^^) und wie in 
Italien früher der Knabe yon Vater oder Mutter gefragt wurde: 
'\mist du Birnen oder Nüsse ?' — ^imd wenn er so gespeist hatte, 
ging er yergnügt zu Bett'. Fr. 38 handelt yon dem Schwelger Api- 
cios der sullanischen Zeit. Wie nahe lag es ihm, zu berichten, dafs 
der Nachkomme eines Senators, der nicht 10 Ffund Silbergeschirr 
besitxen durfte, nun yon einem Freigelassenen y erhöhnt werden 
konnte, weil er nur 1000 HS. mehr Miete bezahlt habe, als ein ge- 
wesener Sclaye. 

Im zweiten Capitel wird erzählt^ Sulla habe seinen Namen yon 
äeiner Hautfarbe erhalten."*) Nim wissen wir, dafs Fosidonius "•) 
über die römischen Namen reflectiert hat und dabei zu dem Besultat 
gekonmien ist, das praenomen sei Eigenname, das nomen Geschlechts- 
BU16 (tö |i^v KOivöv öltcö ciTTTCVciac), das cognomen nur eine Zu- 
trat, die bei Einigen, z. B. bei Marius, ganz fehlen könne. Letzteres 
bezoehne eine Eigenschaft des Charakters oder des Körpers, wie das 
ja auch im Orient üblich sei, z. B. bei Antiochus fpUTröc (Habichts- 
M»e) *ToOto ii, irpooiTopiKÖv Ü dTriO^TOU irpdc rdc <puc€ic f{ läc 
»pdEcic i^ Tä ToO cidpaToc etbr] ko\ irden xteecem, töv Ma- 
«pivov Ka\ TÖV ToupKOuÖTOV Kttl TÖV CtiXXav.* Müller fr. h. Gr. 
Ol p. 270 hat dies Fragment, welches sich am Anfang der yita des 



»»*) H. Peter L c. p. 76. 186. — "*) Fr. 1. 2 (M.). - "•) Dies iat 
ttttilich falsch (aulla — sorula). - ""0 Fr. 42 Müller III 270. 



128 



C. Fnoiklin Arnold: 



Muias TOB FintBrch findet, unvoUBiSadig angefahrt Die Sfttee, 
welche sich im AooasatiT onm Infin. an den Schlafs des Fragmeate 
bei Mflller anscfalieüiien, sind, nach einer Z(nachenbem«rkung des 
Plntarch über die Namen der Frauen, wiedw Beferat ans Posidonius. 
Erst in dem SchluCBsatK des ersten Gapitels : cic fUv o8v raOra itoX- 
Xdc bibuiciv imxEtpificctc i\ Tf)c cuvi^Octac ^vujfiaX(a — nimmt Pln- 
tarch selbst wieder das Wori. — Die ganz richtige Ansicht dee Posi- 
donins httlt Plntarch teils fllr falsch, teils für reine Hypoibeae. 
Daraas scheint amsomehr henronEogehen, dals der Salla % mit X£«- 
Touciv eingeführte Bericht (dies Xi^TO^iv kehrt e. 2 med. in der 
Sehilderang des Privatlebens SoUas wieder) anf diesen Schriftsteller 
zurückgeht. Diese Yermatang wird durch ein Fragment dies Nico- 
laus Dainascenus noch yeivtärkt, welches auffallende Übereinstimmung 
mit Plntarch bietet. 



Nicol. Damasc. fr. 81 

(p. 416 M. m). 

NtKÖXaoc — CuXXav qpnci, töv 

*Pu)fia{uiv CTpUTTiTÖv, oÖTu) xai- 

p€lV lifliOlC xd T€XU)T01T010TC, 

q>tXoTiSXtt)V Tevöjüicvov — 



Plat SuUa 2. 

— 6v OÖTU) (piXocKt&iüifiOva 96* 
C€i TCTOV^vai X^TOüciv, ujctc — 
]Li€T& |ui()üiuiv K(A TcXurroTroii&v 
bmtTokOai — 



Nicolaus Damasoenus lehnt sich sehr an seine Quellen an. Den 
ganzen Feldzug des Pompejus in Jud&a fand Josephus bei ihm 
ebenso wie bei Strabo erzfthlt (fr. 87). Nim ist für fr. 79 die Be- 
nutzung des Posidonius 'von Seiten des Nicolaus bezeugt und auch 
für 77. 78. 80 aus iimeren Gründen wahrscheinlich. Die Überein- 
stimmung mit Plntarch rührt von der beiderseitigen Benutzung seines 
Geschichtswerkes her. 

Wfthrttid der Bericht über die Proprätur Sullas in Cilicien im 
übrigen aus der iSelbstbiographie stammt, kann die mit X^T^'^^^ ^ui- 
geleitete Nachricht über Folgen und Beurteilung von Sullas Auf- 
treten den parthischen Gesandten gegenüber ihrer Natur nach nicht 
von dem Helden der Biographie herrühren. Mit IcTOpeiTai bi 
wird dann die Erzählung von der Wahrsagung des Chaldäers an- 
geknüpft, die, wie das Citat c 27 zeigt, aus Sullas Memoiren ge- 
schöpft ist Posidonius galt für parthische SJustände dem Strabo 
als Auctorität (XI p. 515 Pos. fr. 8. 9.). Den Abschnitt zwischen 
dem X^TCTai und \cT0peiTai wird man auch auf ihn zurückzuführen 
haben. 

Der Abschnitt über die römischen omina und portenta beim 
Ausbruch des Bürgerkrieges (c. 7) geht auf Sulla zurück. 

Der sich anschliefsende Bericht über Himmelserscheinungen imd 
die Lehre der Etrusker Ton den Weltzeitaltern stimmt genau mit 
Diodor XXXVIII ö und Liv. fr. 16 (Hertz). "^) Daraus könnte man 
auf eine gemeinsame Benutzung des Posidonius von Seiten dieser 

> ") Aolberdem mit CwBins Die fr. 102 § 12 (Mndovf) und Suidas s. v. CtiJÜlac. 



UnierBuchimgexi über Theophanes und Posidonias. 129 

drei Aotoren schlie&en. Der Inhalt scheint diese Annahme zu be- 
stftiigen, denn Posidonins verteidigte die verwandte stoische Lehre 
von der ^KTTupuicic und schrieb 5 Bücher Tr€p\ ^avTiKf)c, die Cicero 
in der Schrift de divinatione zu Gnrnd legte. Aber Diodor und Plu- 
tuth stimmen Satz für Satz überein, und keiner von beiden, nament- 
lich nicht Plntarch, hat jemals seine Quelle sclavisch ausgeschrieben. 
Da wir es hier mit einem Planudischen Ezcerpt zu thun haben, so 
wild es sich mit diesem Fragment ebenso verhalten, wie mit Dio 
fr. 60 (über BopiavOoc, d. i. Viriathus). Ebenso wie hier finden 
wir dort ohne Quellenangabe denselben Bericht bei Suidas. Aufser- 
d^Q aber ist jenes Fragment in den Ezcerpten de insidiis als Frag- 
ment des Johannes v. Antiochien erhalten. (Müller fr. 60. lY p. 559) 
Man kSnnte Pos. als gemeinsame Quelle vermuten. Aber der byzan- 
tinische Schriftsteller hat Plutarchs Sulla ausgebeutet ^^^), und sein Ge- 
äcfaichtswerk hat wieder dem Suidas für die anonymen Artikel über 
römische Geschichte vorgelegen.^^') Die Citate aus Diodor und Li- 
ms sind also apokryph, und das Fragment ist aus den Schriften 
dieser Historiker zu streichen.^^) Ob die SteUe bei Plutarch aus 
Sulla oder Posidonius stanmit, ist nicht zu entscheiden. 

Flut Sulla c. 7 — 11 sind' SuUanisch. Den Einfall des pon- 
tischen Prinzen erw&hnt Appian erst viel spftter (c. 35) in der Ge- 
Kbichte des Jahres 87. Die Nachricht von dieser Incursion findet 
sich dort in die Belagerungsgeschichte des Pirftus mit den Worten 
ToO hi. auToO xp^vou eingeschoben und unterbricht dieselbe so auf- 
Ulend, dais man den Eindruck gewinnt, aus einer anderen Quelle 
Ki hier etwas eingefügt. Es ist deshalb gewüs richtig, wenn Momm- 
Ben hier in der Chronologie dem Plutarch folgt (ebenso Hertzberg). 
AnfTallend ist es, dafs der Prinz bei Plutarch Ariarathes genannt 
vird, wShrend er bei Appian mehrere Male Arkathias heiCst.'*') Ersterer 
Name ist die stets wiederkehrende Bezeichnung der kappadocischen 
KSnige. Nach Justin XXXVIII 1, 10 erhielt um das Jahr 100 ein 
Sohn des Mithridat als Prfttendent von Eappadocien diesen Namen. 
Ab aolchen lernte ihn Sulla im Jahre 92 kennen, daher nennt er 
ibn auch spftter (bei Plut. eil) so. Der Bericht des Appian stammt 

"■) NamentL c. 12. o. 81. c, 84. Müller fr. 68 IV p. 562. — "•) 
^. 70 L c. Said. s. v. 1ToMiinf)ioc Mommaen (Hermes Vi 91). — "^) 
^ber die plannd. Excezpte Monunsen (Hermes VI 82 ff.) and Haupt 
Harmes 1879 p. 67. — "^) Nach dem vorgange von Mommsen (Böm. 
Geich. II 290 6. Aufl.) und Hertzberg (Gesch. Griechenlands unter der 
Honehaft der BOmer I 867) nehme ich die Identität Beider an. Ein 
^eq^ch Ton App. Mithr. 86. 41 mit Flut. Sulla 11 med. macht es 
iwaeheinlicfa, dau der dort von Appian Arkathias genannte Prinz als 
^Aioident von Kappadocien den Namen Ariarathes angenommen hatte, 
iottin XXXVHI 1, 10 regnum Cappadociae octo annomm filio inposito 
Arisrsthis nomine additoqne ei rectore Gordio tradidit Dalii Arkathias 
M^p. Mithr. 17 nicht als Befehlshaber kappadocischer, sondern Uein- 
^BCBiseher HfiUstmppen eischeint^ erkl&rt sich daraus, dais sich die 
aüma inxwischen wieder eines grofsen Teils seines Königreichs be- 

^•ki^. 1 d«M. PUloL Siip»L Bd. XTIT. 9 



130 



C. Franklin Arnold: 



ans einer officiösen pontischen Quelle (Arkathias teilt Maoedonien 
in Satrapien ein, der Ort, wo er starb, wird angegeben). Dies geht 
auch daraas bervor, daTs Appian den noch jungen Prinzen als Be- 
fehlshaber des in Macedonien stehenden Heeres nennt, während Pia- 
tarch Sulla 15 seinen Mentor Taxiles als commandierend anführt^'') 

Da wir für die griechischen Nachrichten bei Appian Posidonius als 
Überlieferer kennen gelernt haben, so ist auch in diesem Falle an- 
zunehmen, dafs die officiöse pontische Quelle durch ihn vermittelt 
wurde. Dann liegt App. Mithr. 17. 18. 36. 41 Posidonios zu 
Grunde, Plut. XI ist Sulla benutzt. 

Im zwölften Capitel finden wir eine Übereinstimmung mit 
Diodor, die so wesentlich ist, dafs sie zu der Annahme einer gemein- 
samen Quelle führt, ohne durch allzu wörtliche Wiedergabe der Ge- 
danken die Vermutung einer Fälschung nahe zn legen. Bei Appian 
liegt derselbe Bericht yor. 



App. Mithr. c. 54. 

Kai 6 CuXXac, xp/lMaia 
oÖK diTiTTeiJiTrövTuiv o!- 
KoGev Tiüv dxOpuJV, 
ä^iafjicvoc i\br\ täv iv 
TTueoi Kai "OXujiiTiqi 
Kai 'Cmbaupip XPH- 

jLldTWV — 



Kai dvTtbouc irpdc Xö- 
tov Tok lepoic TÖ 
iifiicu Tflc OTißaiuiv 

TflC TTOXXdKlC dTTO- 
CTÄVTUiV. 



Diodor XXXVm 7 
(de virtut. et vitüs). 

ÖTi ö CuXXac xpr\\x&' 

TU)V dtTOpOU)Li€VOC ^TT- 

^ßaX€ Tdc X€ipac xpi- 
clv kpoic, iv olc dva- 
Or]iLidTUiv dpTupujv t€ 
Ka\ xpwcdlVTTXfJ0oc f^v, 
dv \ii,v A€X9oTc Tipi 
"AttöXXwvi KaGicpuj- 
fidvujv, iv *6TTibai5pu) 
bk Tijj 'AacXriTTHjj, iv 
'OXu^tricybfcnii Ali. — 



Plutarch Sulla 12. 
p. 432 S. 

lireX bk Ka\ xprwx&rijjv 
f bei iToXXüjv irpoc töv 
TTÖXeiüiov, ^Kivei xd jf\c 
'€XXdboc dcuXa • roO- 
TO ^iv ti 'eiribaupou 
TOUTO bk ii *OXuji- 
Ttiac rd KdXXicra Kai 
TTcXureX^craTa täv 
dvaOTifidTuiv pera- 
7r€|üiiTÖ|ui€voc. "ETpaiiic 
bk Kai ToTc 'A^cpl- 
KTuociv eic AeXipoüc 

c. 19. 

Tflc x^^poc (»TüJV Gti- 
ßa(uJV4:)d1TOTe^6^€Voc 
Tfjv fmicciav Tiifi TTu- 
6ii|i Kai Tid 'OXiJjüiTriip 
KaOidpujccv, Ik TUiv 
irpocöbuiv KcXeucac 
diTobibocOai t& xPH' 
juara. 

m&chtigt hatten, c. 17 in. crpandv f|T€tpav £k t€ Bi6uv{ac xai Kairirabo- 
kCqc Kai TTa(pXaTOv(ac xal faXanl^v Tdfv ^v 'Adqi. Der römische Feldherr 
Oppius hatte sich mit 40 000 Mann in den kappadodachen Bergen fest- 
gesetet (App. ebenda). Kappadooische HfilfsrOlker auf Seiten des Mi- 
thridat werden weder in dem YeneichniB Mitiir. 16, noch bei Justin 
XXXVm 8, 6 erwähnt — *») Vgl. Memnon c. 82 § 2 und auch c. 34 
§265^ MtOpt^dTOU ui6c TaEUAnv Kai Ai69avT0v ical M^vovöpov ixury 
^€0' £auToO. 



Xibpay dvrl toö- 

TUJV Ka9i^pu)C€ ToTc 
eeoic €!c Tdc Kar' 
^Touc irpocöbouc. 



üntersnchnngen über Theophanes und PosidoninB. 131 

In den bei Diodor folgenden .Worten ist das von Platarch aus- 
Mbrlich Erzählte kurz zusammengefalst: ^dbcictbai^övwc bk tQ 

kriv« TüüV tcpUiV XP^m^TUDV irpOC€V€X0clc, X^PttV äV€ü TOÜTUiV 

meifpiijce Toic 9€0ic clc xdc Korr* ?toc irpocöbouc cixpaTre- 
Uuöfievoc ik äirE<pa(v€T# KpaTctvT^i ttoX^mi)) Trdvruüc bid tötouc 
teouc (sur^ cuv€pT6iv, elccvnvoxdxac XP^M^S^'^^V ircXü n 7rXf\6oc 
suTifii'. — Plut. 1 2 : der von SuUa nach Delphi geschickte Phocier Kaphis 
Khrieb dem Feldherm, er wage nicht das G^ld zu nehmen, weil 
die beilige Leier wunderbar getönt habe. Sulla schrieb zurück, er 
loUe den Gott nicht mifsYerstehen, dieser spiele vor Freuden, dafs 
du Oeld so gut verwendet werden solle. Die eörpaireXia wird von 
Aristoteles als TrcTraibeufi^VT) Oßptc, als feine Frivolität definirt; der 
Ausdruck ^urpaireXeuö^evoc in der Diodorischen Skizze deckt sich 
ftbo mit der Erzählung bei Plutarch. 

Auf Posidonius weist die Bemerkung Diodors, am meisten habe 
SfLÜa aus Olympia nehmen können, weil dies Heiligtum noch nie ge- 
pUlndert gewesen war; von den delphischen Schätzen hingegen hätten 
die Phoker in dem s. g. heiligen Kriege das meiste sich angeeignet. 
Auf diese Thatsache, die von Griechenfreunden öfters ignoriert 
wurde '^, hatte Posidonius in einem Mheren Teile seines Geschichts* 
weites hingewiesen, als er von der Erbeutung des Tolosanischen 
Sefaaiies (15,000 TaL) durch Cn. Servil Caepio erzählte. Die Meinung, 
tie seien diese Schätze aus Delphi durch Tectosagen dorthin gebracht, 
wideiiegt Posidon. durch den Hinweis, dafs das delphische Heilig- 
tum — C€CuXTi)i^vov find toiv <I)u)k^u)v kotä töv lepdv iröXe/iov — 
sieht mehr so ungeheure Beichtttmer enthalten habe. Was die 
^AÜier noch gefunden, sei unter viele verteilt, und diese hätten sich 
wstreut*") 

Der Schlufs des 12. cap. der Biographie charakterisirt sich 
selbst als Localtradition und eigene Beflexion Plutarchs. 

In der Belagerungsgeschichte Athens bei Plutarch weist Ver- 
sduedenes anf eine griechische Quelle. Wertangaben nach griechischen 
Halsen und Mttnzen c. 13 xiXiuiv bpax^u^v diviou ToO ^€b(|üiV0U ToO 
wpoü SvTOc — tQ Upoqxivnbi irupuiv fmiCKTOV npocaiTOuor) — ; 
grieehische Daten e. 14 a. E. Athen sei am Neumond des Anthesterion 
eiflgenommen, an welchem Tage das Andenken der Deukalionischen 
Flnt begangen werde — ; genaue Ortsangaben: tv K€pa^€iKi|i — tö 
Meroft Tflc TTeipaucfic iruXiic Kai Tf\c lepöc — träc 6 dvrdc toO AinO- 
Voü Kepo^eiKÖc — f| irepl tö *€iTTdxaXK0V £(poboc — . Der Satz: 
Tuiv (ivGpiuiruiv ciT0u^^vu»v tö nepl Tfjv dKpÖTioXiv (puö^evov irap- 
Kvwv erinnert ganz an die Weise des Posidonius, in dessen Frag- 
■SDten käufig der Standort nützlicher Kräuter beschrieben wird. Auf 

^'Z. B. auch von Pl nt in s einer Beflexion c. 12 und von Timagenes 
fr.lOMiSll. mit dem Justin XXXll Setimmt. — "«) Posidon. fr. 87. Maller III 
^L KatärHch waren später neue Schätse dorthin geschickt vgl. App. Mithr. 
mKnselaes, wie das süberne Fals, hätten die Pnester versteckt gehalten. 



132 C. Franklin Arnold: 

denselben Schriftsteller weist eine Übereinstimmung mit den Worten 
Appians, die sich c. 41 an die Erwähnung der auf Posidonius zurück- 
gehenden Expedition des Arcathias anschliefsen. 



App. Mithr. 41. 
ö bi CuXXac TÖv TTeipaiä kqtc- 

TliflTTpil, 9€lbÖ^£V0C OÖT€ Xf^C 
ÖTlXoet^KTlC, OÖT€ TIVÖC äXXou 

Tujv äoibijiuiv. 



Plut. SuUa 14. 
eTxe tl Ka\ töv TTeipaiö 6 CuXXac 
Kai Td rrXeiCTa xar^Kaucev, Av 
fjv f] 0(Xujvoc ÖTrXoGyjKTi, Gau^a- 

2[6|Lt€VOV IpTOV. 



Dafs diese Quelle von Plutarch nicht ausschliefslich zu Grunde gelegt 
ist, zeigen die zwei Gitate aus Sullas Memoiren in c. 14. Das erstere, 
über die Tapferkeit des Atejus, ist augenscheinlich in einen andern Be- 
richt eingefügt, denn gleich darauf knüpft Plutarch durch dieWorte : Kar- 
€Xrjq>6ii \iky odv f| ttöXic £k6i6€V, djc . . . an die durch das Citat uüter- 
broohene Erzählung wieder an. Die zweite Stelle aus Sulla wird mit 
'AXXä T<^P 3> 436. Z. 3 S.) beginnen, denn die Verwendung des Mei- 
dias und Kalliphon fehlt bei Appian, während sie sich bei Dio findet. 

Der Bericht Appians über die Vorgänge in Attika bietet für 
die Kritik grofse Schwierigkeiten, c. 39 wird der Wert griechischen 
Geldes nach römischen Münzen angegeben: cuvr^v^x^H ^^ ^^ "^^ 
dKpoTTÖXeuic xpuctou |i^v de TcccapdKOvra Xhpac jidXiCTa, dpyupou 
h* ic dHaKodac. Der ursprüngliche Bericht von der Einnahme 
Athens ist also römisch. Wir sahen, dafs c. 35 die Expedition des 
Ajrkathias chronologisch falsch in die Belagerungsgeschichte des 
Piräus eingefügt ist Mit derselben Formel ToO bk aÖToO XP<^vou 
werden c. 29 die nautischen Operationen des Metrophanes eingeführt. 
Dann leitet Appian zu der Belagerung des Piräus über. Der Über- 
gang ist äu&erst ungeschickt. 5 Bpümoc — dveZciitvuev tc töv 
TTeipaifi, jn^xpi Kai ToGbe 'Apx^Xaoc dTriirXeiJcac Kar^cxe. Dieser 
Satz ist so durchaus unsinnig, dafs er schlechterdings bei keinem 
Geschichtschreiber gestanden haben kann. Eben hat Appian den 
Aristion sich Athens bemächtigen lassen, er zieht von da mit Arche- 
laus gegen Bruttius Sura, behauptet sich gegen ihn und erhält Ver- 
stärkungen aus dem Peloponnes — und nun soll Sura sich nach 
dem Piräus zurückziehen? Bei einem anderen Schriftsteller würde 
man eine Conjectur fordern, bei Appian sind solche Thorheiten ein 
sicheres Anzeichen, dafs er zwei Berichte zusammengeflickt hat 

Über die Erzählung von der Tyrannis des Aristion (c 28) ur- 
teilt Hertzberg, sie sei mit Pos. fr. 41 unvereinbar und gehe auf 
eine andere Quelle zurück. Am Anfang dieses bedeutendsten Frag- 
ments, das aus dem Geschichtswerk des Posidonius erhalten ist 
(Müller m p. 266 ff.), sagt Athenäus (V p. 211^), Alezander Balas 
sei leutselig gegen jedermann gewesen und gesprächig bei Gast- 
mählern, ganz anders wie der Peripatetiker Athenio, der Tprann in 
Athen wurde. ''Arrep, el xal jLiaKpöiepd icTiv, ^KGi^cofiai, iv* dTii- 
^eXuic irdvrac ^£eTd2[ul^€v touc (pdcKOvrac eTvai (piXocÖ90uc, icai 
\xi\ Toic Tpißuiviotc Kai Toic dKdpTOic TTuiTuici TrlCT€uuJ^€V. Diesen 



Üntenuchmigen Aber Theophanes and PosidonitiB. 133 

letxteren Zweck hat augenscheinlich Posidonius selbst im Ange ge- 
habt, obgleich er ihn natürlich mit anderen Worten aussprach. Ihm 
war die Philosophie nicht ein blofses Wissen, sondern Princip des 
flandehs; die, denen sie blos ersteres war, verdienten nach ihm 
flieht, Philosophen zu heifsen (C^c. de fin« Y 31. Tusc 11 25 
bei Hflller m p. 257). So zeigt er fr. 41 , dafs jener Tyrann nur 
darin Peripatetiker war, dafs er mit affectierter Grandezza einher- 
waadelte xai irapcXOibv ö irepiiraTriTiKÖc eic TfjV öpxrj^Tpav (vorher 
hatte er von der Bednerbühne vor der Stoa des Attalos geredet) 
ICO ßaivuiv TTuOoKXeT, €uxapiCTT]C€ toic 'AOnvaloic ktX., — während 
er die politischen Vorschriften, die Aristoteles^^) gegeben hatte, um 
gegebenen Falles die Tyrannis lange behaupten zu können, ganz 
aofser Acht liefs: „euO^uic Kai outoc touc jii^v eu (ppovcOvrac tiüv 
toXitöv (irapd tq 'ApiCTOT^Xouc Kai 6eo(ppäcTOu bÖTMaxa* ibc 
oktfiHi clvai Tf|V Trapoijüiiav Tf|v X^towcav Mf| iraibi jLidxaipav) 
toobufv €u6uc iiroirjcaTO ktX. (Nach Aristoteles hätte er die Strafen 
durch Gerichte verhängen lassen müssen.) In diesem Zusammen- 
hang heilst es dann in dem Fragment: Kai |li€t' ou TToXXäc fm^pac 
Tupawov auTÖv dvabeiSac ö (piXöco<poc, Kai tö tuiv TTuGaTopi- 
Kiuv dvabctSac bÖTMa TT€p\ Tf)c ^TTißouXf]C. — Die letzten 8 Worte 
and nicht ganz verständlich, und das nun Folgende mit Citaten aus 
Theopomp und Hermippus ist von Athenäus selbst zur Erklärung 
himngefligt ^*') 

Wir entnehmen aus dem Gesagten dreierlei: 1) die Handlungs- 
weise des Aristion gab dem Posidonius Veranlassung zu einem Ex- 
eora über echte und Schein-Philosophen; 2) in diesem Excurs wurden 
die Pythagoreer erwähnt; 3) Athenäus hat die Stelle nicht treu 
ftberliefert, sondern hat sich Zusätze und Weglassungen ^^^ erlaubt 

Nun ist es höchst auffallend, dafs sich bei derselben Ge- 
legenheit (c. 28) auch Appian über wahre und Schein-Philosophen 
Terhreitet, und da£s er dabei auch auf die Pythagoreer zu sprechen 
hasmt Bezeichnend genug endet dieser Excurs mit einem Stofs- 
Beofnr des kaiserlichen Beamten über den philosophischen Pöbel 
Ton Alexaadria, welcher ihm, wie manchem vorher und nachher, das 
Leben sauer machte. 

Dafs also c. 28 bei Appian Posidonius zu Grunde liegt, un- 
zweifelhaft, aber 1) heilst der Tyrann bei Appian Aristio, bei 
Athenäus Athenio, 2) ist er bei App. Epikureer (wohl wegen 
seiner Lebensweise), bei Athenäus Peripatetiker, was entschieden 
rkhtig ist, 3) erobert bei Athenäus der Tyrann von Athen aus Dolos 
ud bemächtigt sich der Tempelschätze, bei Appian Archelaus, der 
^»Bn, den Aristion mit 2000 Mann und den Tempelschätzen nach 
Athen sehickt, worauf dieser sich zum Tyrannen macht. 

"•) Arirtoi Polit Vin 11 (Bekker), vulgo V 9. - "•) S. Dan. 
Wjtte&bach im Nachtrage zu Jan Bake, Posidonii, Rhodii reliquiae 
^octdnae p. 881. — "*) S. S. 124 A. 108. 



134 C. Franklin Arnold: 

Die Verschiedenheit der Namen erklftrt sich daraus, daÜB der 
Philosoph, als er aus einem Sdaven iiapixxpafpoc ttoXithc wurde, 
den Namen wechselte, wie in solchen Fftllen ttblich war. Dafs er 
dann im Fragment noch weiter mit seinem Sclavennamen genannt 
wird, ist auf Rechnung des Athenftus zu setzen. Aber wpnn sich 
auch bei der Annahme einer Bückeroberung von Delos beide Berichte 
zur Not vereinigen lassen, so liegt doch schwerlich beiden durch - 
gehends dieselbe Quelle zu Grunde. Wahrscheinlich liegt die Sache 
so, dafs Appian am Anfang des Capitels eine andere Quelle als das 
im vorigen C. zu Orunde liegende Werk des Posidonius benutzt Mit 
den Worten Ka\ 6 \ikv dirl ToTcbe fjv Karä bt Tf|v '6XXdba TOtdbc 
tfivexo geht er zu dieser über. Aber für den Excurs am Ende 
des Capitels legte er wieder Posidonius zu Grunde (von d. Worten 
*AXXd tdp oöx öb€ jLiövoc — iTUpävveuce an), nahm aus diesem 
Schriftsteller noch c. 29, um mit den oben erörterten höchst un- 
glücklich gewählten Worten Ende c. 29 zu jener andern Quelle zu- 
rückzukehren. 

Dieses Laviren zwischen zwei Quellen setzt sich im Folgenden 
fort. Ziemlich ausführlich werden wir c. 30. 31 über Sullas Mafs- 
regeln in Attika unterrichtet. Nach manchen Thaten und Leiden 
zieht sich Sulla nach Eleusis zurück, verschafft sich Material zu Be- 
lagerungswerkzeugen, benutzt die Steine der langen Mauern zur 
Herstellung von Wftllen und hat das Glück, durch attische Sclaven 
mittelst Bleibolzen Nachrichten über die Pläne der Belagerten zu 
erhalten. Archelaus verstärkt seine Truppen durch Mannschaften 
aus Chalcis und anderen Inseln; der durch einen Ausfall der Pon- 
tier entstehende Schade wird von Sulla ausgebessert 

Nach 0. 31 hatte Archelaus eben aus Chalcis (dort war ja die 
Operationsbasis der Pontier) und anderen Liseln Verstärkungen er- 
halten, c. 32 hören wir schon wieder von einer Yerstärkungsarmee, 
die unter Dromichaetes (nur hier erwähnt) heranfuhr, Archelaus 
macht mit diesen Truppen einen Ausfall, die Römer wenden sich 
zur Flucht. Da erhalten sie unverhofft Hülfe durch eine Legion, die 
vom Holzholen zurückkehrt und der sich „die Beschimpften" an- 
schliefsen. Dann heifst es zum Schlufs (c. 32) ö b^ CuXXac tquc drri- 
fiouc 7r€pi(pavuic dTUivicaiit^vouc £HXuc€ rf^c drijüilac. Vorher aber 
war von diesen än^oi noch gar nicht die Bede gewesen. — G. 33 wird 
erzählt, Sulla habe die Belagerung abgebrochen und sich nach Elea- 
sis begeben, weil der Winter vor der Thür war. Dasselbe ist c. 30 
schon einmal erzählt. Der erste Bericht weiTs nichts von den Be- 
schimpften, der zweite nichts von den verräterischen Bleibolzen der 
attischen Sclaven. Das erste Mal muTs Appian stark gekürzt haben, 
c. 30 Kai TToXXa ^kv ibpa, iroXXa b' ävrdTracxev, IcxupuicTuiv 
KamraboKuiv &^uvo^^vujv, Ictc Kdjüivuiv ic "GXeuciva Kai Mifopa 
äv£XU)p€u Das sieht ganz aus, als sei dem Appian das Einzelne zu 
langweilig geworden. Nach dem zweiten Bttokzug erfahren wir 



Untenndinngen (Iber Theophanes upd Posidonias. 135 

neht| daHs Sulla die Belagerang wieder aufgenommen habe, sondern 
ak wSre seit dem ersten Ausfall der Verstftrkangsarmee nichts 
Torge&Uen, setzen die Verräter ihr Werk mit den Bleibolzen fort^ 
du auch im folgenden Capitel noch weiter spielt^ während es c. 32 
um! 33, in welchen die fiTtfiOi auftauchen, geruht hatte. Kurz, 
c 32 und 33 sind aus einer anderen Quelle. Diese hat jeden- 
Ms nichts mit den Sullanischen Memoiren zu thun, wie man aus 
dea disciplinarischen Mafsregeln vermuten könnte. Denn am Ende 
TRI c 33 findet sich die Expedition des Luculi behandelt, in einer 
Weise, die zu der streng chronologischen Einrichtung der Auto- 
biographie wenig gepa£st hätte. Zunächst blieb Sulla ganz ohne Nach- 
licht von ihm, ja er wufste noch nach der Schlacht bei Orchomenos 
nicht, wo er wäre. Zur Vergleichung mit Appian bietet sich, da in 
der Biographie Sullas von Flutarch kein Bericht über diese Expedition 
erhalten ist, Flut. Luculi 2. An der (Genauigkeit des dort zu Grunde 
übenden Berichtes — nach Peter ist in dem gröfsten Teil der 
Biographie Sallust benutzt — ist der Umstand geeignet irre zu 
machen, da£a der König von Aegypten jüieipäKiov genannt wird. 89 war 
Deopatra gestorben, und Ptolemaeus Lathurus kam dadurch wieder 
nr Begieruog (89 — 81). Derselbe hatte schon bis zu seiner Yer- 
treibuDg zehn Jahre regiert (117 — 107), war also bereits ein be- 
jahrter Mann und kein Knabe. — Aufserdem wird die Aussendung 
des Lucall kurz nach der Einnahme Athens in den Winter verlegt. 
Athen wurde aber am ersten März genommen; also ist diese Nachricht 
chronologisch falsch. Wichtig ist die Erzählung bei Flutarch fUr 
QU dadurch, dsüs hier berichtet wird, Luculi sei nach Aegypten 
nad Libyen gesandt, um Schiffe zu holen. Dies ist ohne Zweifel 
richtig, denn aus seinem Aufenthalt in Kjrene werden hier und 
ttderswo Zttge berichtet, die für die Kenntnis der dortigen Zustände 
seit dem Testament des Ftolemäus Apion von Wichtigkeit sind. Bei 
Appian heilst es, die Bhodier hätten Schiffe schicken wollen, aber 
lieht kfinnen, und zu ihnen vornehmlich sei Luculi gesandt — Diese 
ia die attisdien Kriegsereignisse eingeschobene Erzählung ist auf 
den Rhodier Posidonius zurückzuführen« 

a 37 hat Sulla die Hoffnung, die mondförmigeu inneren Mauern 
liederrennen zu können, er mulis sich aber mit vielen Verlusten zu- 
rtckziehen und beschliefst den Firäus auszuhungern. Wie er zu 
dieeem EntschluXis gekommen sein sollte, ist unbegreiflich; die Kap- 
pedoder beherrschten das Meer (c. 33. c. 40) , und selbst nachdem 
der eigentliche Firäus eingenommen war, konnte Archelaus Munychia 
behaupten (Flui Sulla 15. App. Mithr. 40). Die Schlufs werte von 
1 37 ToO Imxeipeiv fti Tiji TTeipaiei ti&iinay direixe t^ tvu^mQi 
nti k iroXiopKiav, die XifX(|i irapacTTicöjLievGC aurouc, KaOicraTO sind 
«Iso mit den oben besprochenen Schlufsworten von c. 29 in dieselbe 
Dane zu setzen. Appian leitet damit zur Darstellung der Einnahme 
Athens e. 38. 39 über. Nachdem diese erzählt ist, sehen wir denn 



136 



G. Franklin Arnold: 



auch c. 40 Sulla sofort seinem angeblichen Vorsatz, den Pirttns aus- 
zuhungern, untreu werden. Appian knüpft so offenbar an die Quelle 
von 0. 37 wieder an, dafs er z. T. dieselben Worte gebraucht. 

c 37. 

TrpoTp^iru)v fi^a Kai &it€iXu)V 
Ka\ TrapaKttXüJV, d)c iv Tipb€ 
Tip ßpax€i ToO navTÖc auToic 
KpiGricofji^vou. 



c. 41. 

Ka\ 7r€pi6^u)V aörouc Kai irapaKa- 
Xujv im TÖ^^pTOV, djc dv nj^be ?ti 
XoiiTijjTfic 8Xt]c dXmboc kqi K^pbouc 

TlüV 7Tp07T€7rOVrmdVU)V ÖVTOC. 



Dafs er seinen Angriff auf die frisch gebauten Teile der Mauer 
richtet, wird c. 37 ebenso wie c 40 erzfthlt, ebenfalls, dafs er durch 
abwechselnde Verwendung der Truppenteile zu verschiedenartigeil 
Beschäftigungen das Heer vor Unlust zu bewahren suchte. Die 
Breviloquenz CTparoO |i€TaßoX^ miKYrl XP^M€V0C c. 40 ist nur aas 
c. 37 verständlich. 

Die Nachrichten c. 41 (Verstärkungsarmeen des Dromichaetes 
und Arkathias, Zerstörung des philonischen Arsenals im Pirftus) haben 
wir oben auf Posidonius zurückgeführt. Dafs die letztere Stelle (und 
also auch Plut. Sulla 14 a. E.) nicht von Sulla herstammt, geht 
schon aus dem Inhalt hervor, denn Sulla liebte es, sich als Erhalter 
von Kunstwerken hinzustellen. Aufserdem aber zeigt dies die An- 
gabe, Sullas Heer habe nicht ganz Vg des feindlichen betragen. Nach 
Plut. SuUa c. 16 waren die Bömer vor der Schlacht bei Orchomenos, 
nach des Feldherm eigener Angabe 16 000 Mann stark. Appian 
sagt c. 41, die Pontier hätten 120000 Mann gehabt; darnach wftre 
also Sullas Armee etwa Yg der feindlichen gewesen und nicht Vs. 
Nach Sulla selber stellte sich das Verhältnis noch viel ungünstiger. 
Er berichtet Plut. Sulla 15, allein die Hülfsarmee des Taxiles habe 
aus 100 000 Hopliten, 10 000 Reitern und 90 Sichelwagen bestanden. 

Wir fanden also, dafs Appian c. 28 — 41 zwei Schriften 
neben einander gebraucht hat, in keiner derselben sind 
Sullas Commentarien benutzt. Die einzelnen Gapitel verteilen 
sich so: 

c. 28 bis 'AXX& fop x 

c. 28 zweite Hftlfbe. c. 29 

(ohne den Schlufs) Posidonius 

c. 30. 31 X 

c. 32. 33 Posidonius 

c. 33—37 

(mit Ausnahme v. c. 35 med.) x 
c. 38. 39 nicht x, c. 39 röm. Quelle 

(durch Posidonius?) 
c. 40 X 

c. 41 Posidonius. 

Wir werden nun jene unbekannte Quelle zu charakterisieren 



Üntenacbungen über Theophanes und Posidonias. 137 

haben. Die Thorheiten von c 29 a. E. und c, 37 a. E. dürfen wir 
nicht aaf ihre Bechnnng setzen. Aber die Schilderung der Mauern 
des Pirftos erfordert eine genaue Besprechung. 

C. 30 heifst es, Sulla habe einen Teil seines'Heeres zur Belagerung 
des Aristion in Atheu benutzt. — auTÖc — im töv TTcipaiä Kaxf^XGc, 
KoroDceicXeic^^viuv ^c ict tcixti tuiv TroXejiiiujv. "Yipoc b* fjv ta tcixti 
vrjxetuv Teccapcncovra fxdXiCTa, xai eiptacTO Ik XiOou fX€TdXou t€ 
Uli TCTpoTiüVou" TTcpiicXciov ?PT0V, 8t€ toic 'AOnvaioic iiii TTeXo- 
Rownciouc CTpaTTiTwv Kai -rtiv dXiriba ttic viiqc dv ti^ TTeipaiei 
Ti6^^€V0C, MoXXov auTÖv ^KpornivaTO. Dann wird weiter erztlhlt, 
Sdla habe nach vergeblichen Versuchen die Erstürmung dieser 
Riesenmauem aufgegeben, sei nach Eleusis zurückgegangen, habe 
sieh Maschinen von Theben schicken lassen, den Hain des Akademos 
gefUlt, um Hob zu gewinnen — xal jatixoiväc clptduileTO fieTicrac. 
Tä Tc ^oicpa CKi\r\ KaOi^pet, XiBouc xal xAm<x Kai ttiv ic tö x^M^k 
ucTußaXXuiv. Man mufs hier genau unterscheiden zwischen den 
Uaoem um den Pir&us und de^ langen Mauern. Die letzteren braucht 
Sulla nicht erst einzunehmen, sie sind verMLen, und ihre Steine 
werden, wie die B&ume der Akademie, als Material verwendet. Sie 
wen nach Poljbius schon i J. 200 halb zerstört (Liv. XXXI 26^^^) 
iiiter angustias semiruti muri, qui brachiis duobus Piraeum Athenis 
iongit) und seitdem nicht wieder emeui Die riesigen Mauern von 
40 £llen (= 60 PuIjs) umgaben nach Appian nur den PiräusJ Wie 
konnten nun diese TTcpiKXeiov fpTOV genannt werden? unter Peri- 
kies waren die langen Mauern aufgeführt, und zwar der nördliche 
Teil 458 begonnen, 457 vollendet (Thucyd. I 107. 108); der südliche 
UO hinzugefügt (Classen z. d. St.). Der Piräus hingegen blieb, wie 
er ?on Themistokles L J. 477 befestigt war, bis zur Zerstörung 
durch Lysander 404, später (393) baute Eonon die Mauern wieder 
ViL um Ol. 113 also um 330 v. Chr. wnrde in einem noch er- 
Utoien Psephisma^^) die Ausbesserung verfügt. In diesem Pse- 
pluama wurde bestimmt, dafs das Fundament aus Steinen bestehen 
soQe, aber der Oberbau aus Lehmziegeln mit eingefügten Holzbalken. 
Dib dieser Beschluls genau in der angegebenen Weise zur Aus- 
^tUffong gelangte, wird durch Autopsie der vorhandenen Beste von 
Seiten des Archftologen Bofs bestätigt. Woher sollte nun die Mauer 
staounen, von der Appian sagt: cTpTacTO ix XiOou ^€T<iXou t€ xai 
TCTpGTfuiVGU? Dazu koDunt noch, dafs der Unterbau nach neueren 
listtongen nur 11 Fulis dick ist^^): nach dem Urteil von Sach- 
Yvitlndigen ist es eine Unmöglichkeit bei dem weiten Abstand der 
Tbme von einander, deren Unterbau nicht einmal massiv ist, eine 
FestuDggm&ner von 60 Fuls Höhe au&uführen, die noch dazu einer 



'") D. L Polybins, s. Nissen, krit. Untere, p. 125 £ — "") Böckh., 
Stüiih.* 1266. 858. — Bofs, Arch&ol. Aufb. p. 232 f. — '**) Bols l c. 

P m. 



138 



C. Fxanklin Arnold: 



solchen Berennung, wie sie dort Sulla unternahm, erfolgreichen Wider- 
stand hfttte leisten können. An diese Mauern lafst Sulla von ebener 
Erde Leitern legen (eö6uc — also ehe ein Wall aufgeworfen oder 
andere Maschinen herbeigeschafft waren — liif\fe räc icXIfiaxac) 
c. 30. Archelaus wird, als schon die Bömer Gegenwerke angelegt 
hatten, an Seilen hinaufgezogen (c 32), ja als die Mauer einge- 
nommen wird, springen mehrere Barbaren nach innen hinab (c. 34). 
Wegen dieser Unmöglichkeiten will Bofs^^) 1. c. bei Appian ftndem 
und T€(xn irrjxcwv TcccapäKovra lüidXiCTa in reccapcuvKaibeica 
verwandeln. Aber eine Mauer von 21 Fufs wäre nichts AnTserordent- 
liches gewesen (App. Pun. 96 die Höhe der Mauern von Karthago 
irrixuiv TpidKOVTa x^^P^c in&kHdjv t€ xal irupfUJv), und ihre be- 
deutende Höhe wird gerade von Appian wiederholt betont, c. 30 
TOiotcbe odct TOic reixectv. c. 40 ol bk ainoi (die Mannschaften) 
— de TÖ fpTOV aÖTÖ die ^i^a bf| xal Xafiirpöv, Toiuivbe xcixwv xpa- 
Tf)cai, (piXoTijiOtijuevoi. Appian whrd also die fabelhafte Höhe, die 
von Pexikles herrühren sollte, in seiner Quelle gefunden haben. 

Diesem Autor mufs entschieden Thucyd. I 93 vorgelegen haben. 



App. Mithr. c. 30. 

Kat eTpTOtCTO dx XiOou )ii€TdXou 
Te Ktti TexpaTiwvou, TTepixXeiov 
?PT0V, 8t€ toTc *A9Tivaioic ini 
TTeXoTTOVvriciouc cxpaTTiTwv, xai 
•rt|v dXmba rf^c viktic dv ti|» TTei- 
paiei TiOd^evoc, laaXXov auröv 
dKpaTuvaTo. 



Thucyd. I 93. 

dvTÖc bfe oöre x<i^^ oöre tttiXöc 
fjv, dXXdSuvqiKobo|üiTi)Lidvoi ^efa- 
Xoi XiGoi Ktti dv TO^^ dtr^vioi 

dßoüXeTo Tdp tiJi fieTdöei 

Kai Tip irdxei dqpiCTdvat xdc tujv 
iroX€)iiu)V dmßouXdc — töv xe 
TTeipaid dicpeXijiuixepoy dvojiiZe 
xfjc fivui TiöXeujc • . . 

Dort ist natürlich von Themistokles die Bede. W^in es non 
heifst, die von ihm angelegten Mauern des Piräus hätten nur die 
Hiflfte der beabsichtigten Höhe erreicht, so scheint daran die falsche 
Nachricht (Sage?) angeknüpft zu sein, dafs Perikles diesen Plan zur 
Ausführung gebracht habe.^^^) 

Ergiebt sich so, dafs die scheinbar genauen Angaben über Höhe 
und Bauart der Mauer fingiert sind, so kann man zu den Geschichten 
von den verräterischen Sclaven, die auf BleiboLeen höchst ausführ- 
liche Nachrichten über beabsichtigte Operationen des Archelaus ein- 
geritzt haben sollen, kein rechtes Zutrauen fassen. Kurz die Be- 
lagerungsgesohichte des PirSus bei Appian ist ziemlich unbrauchbar, 
weil sie aus verschiedenen Quellen zusammengearbeitet ist, von denen 
eine wenig Zuverlässigkeit hat. Das Brauchbarste sind die einge- 
fügten Nachrichten über die Vorgänge aufserhalb Attikas, aber diese 
stehen nicht immer an der richtigen Stelle. — Die Erzählung Applaus 

"°) Ib.' p. 289 f. — "*) Daher bei Appian fiQXXov aöröv ^KpaxOvaxo 
Curüus, Gr. Gesch. II 690 A. 19 vermutet aus unserer Stelle, oals The- 
mistokles eine Höhe von 60' beabsichtigt habe. 



üntennchnogen über Theophanes und Fosidonins. 139 

TOD der Einnahme Athens kann zur Ergänzung der Plutarchischen 
bennist werden. Claudius Quadrigarius hat von der Belagerung des 
PirlQS durch Sulla einen sehr detaillirten Bericht gegeben. Fr. 81 
(Peter I 233)'^') giebt die Nachricht, Archelaus habe einen Holz- 
torm mit Alaun getrfinkt, und Sulla habe ihn in Folge dessen trotz 
Tieler Bemtlhungen nicht anzünden können. Yoll Verwunderung sei 
SoOa abgezogen. Die Worte 8au)uidcac ttoX€m(ouc^^) ämyfe. bei 
App. c 37 erinnern an diesen Bericht. Dafs Archelaus den Be- 
lagenmgsmaschinen gegenüber einen Turm errichtete, wird c. 31 a. 
E. erwähnt, xal toijtoic 6 *Apx^Xaoc Tniprov dvGicTTi Kaxd tö xeixoc, 
dum geht Appian mit dem folgenden Capitel zu einer anderen Quelle 
Aber. C. 36, wo wieder die erstere Quelle benutzt ist, erfahren wir 
Ton einem Turm, den Sulla mit Feuergeschossen vergeblich anzu- 
ifloden sucht, und den er dann mittelst Leitern zu erstürmen unter- 
nimmt Ktti TÖv TrXiicidZovra nüpTOV d7T€iTÖ|Li€VOC ijuirpftcai, TToXXd 
liiv 1^161 TTupcpöpa TogeujüiaTa Ic aöröv, toüc hk. €6ToX^OT4Touc 
ivJirc^TTCV iiA KXt^dxuiv. Nach vielen Bemühungen flUigt schliefs- 
Hdi der Turm doch Feuer. Diese Angaben enthalten ein so wirres 
Dnitheinander, dafis man nicht sieht, ob derselbe Turm gemeint ist, 
wie c 31 oder ein anderer. Der von Oellius erwähnte Nebenumstand 
bnn sehr wohl ausgefallen sein. An die Annalisten der Sulla- 
Bisehen Zeit erinnert manches in dieser Belagerungsgeschichte. 
Appian braucht diese Grundqnelle deshalb noch nicht selbst einge- 
säten zu haben. 

Wir wenden uns nun zu dem Bericht des Plutarch über die 
ScUacht bei Chaeronea. Weil es sich um seine Vaterstadt handelt^ 
iit er dabei sehr ausführlich, die Beschreibung ist beinahe zehnmal 
80 lug wie die der Sehlacht bei Orchomenos, die doch fast ebenso 
vicfatig war. Sullas Commentarien sind dreimal citiert, das Geschichts- 
verk des luba ist eingesehen, Flut, beruft sich auch auf örtliche 
Triditionen seiner Landsleute. In Chaeronea hat er wahrscheinlich 
bfle Biographie verfiifst^^), und manche Ortsangabe beruht wohl 
nf persönEoher Anschauung. Mehrere Male wird gesagt, seit jener 
Zeit habe die örtlichkeit sich verändert, und dann folgt eine genaue 
Tt^ngraphie der Landschaft zur Zeit des Mithridates. Dafs Tithora 
■ den Perserkriegen den sich flüchtenden Phokem als Zufluchtsort 
gediant habe, mochte eine dem Plutarch nicht fem liegende Bemi- 
unenz (ans Ei^orus)^ sein; aber wie kam er dazu, die Sage, Ead- 
Boe habe sich hier niedergelassen, dadurch zu begründen, dafs Ouip 
fWbr. ihfb anun. ^Spl) das phönicische Wort ftlr „Kuh** sei, und dafs 
tth 80 die Beaeichnung 'AnöXXuiv 6oüpioc und der Ortsname 6oupiov 
vUfae?*^ Ebenso auffallend ist c. 20 die Beschreibung des böo- 

'^ Bei GeU. Noci att. XV 1, 5. — >>*] itoXcmCouc ist mit Beiske 
n leieii, itatt des iroXXoOc der Handschriften. — '><) H. Peter, die Quellen 
Plnteshi elc p. 4. — »•) Anders Herodot VOI 82. — *»«) c. 14, ed. 
wema p. 440 Z. %1 f. 



140 



G. Franklin Arnold: 



tischen Flusses Melas, von dem gesagt wird, er sei nicht nur durch 
seine Anschwellungen ssur Sommerszeit, sondern auch durch die Vege- 
tation an seinen Ufern dem Nil ähnlich, nur dafs dieselben Pflanzen 
es in Böotien nicht zur 8amenbildung brächten und klein blieben. 
Plutarch selbst ist wohl nie in Ägypten gewesen, und die Nachricht 
▼errät den Geographen von Fach, der die physikalischen Erschei- 
nungen verschiedener Gregenden zu vergleichen strebt. So nennt Flut. 
1. c. denselben Flufs auch itXüüi)10C tv miTatc jüiövoc tuiv '€XXtivikuiv 
7roTa^ÜJV, Strabo IX 407 stimmt nur dann mit Flui (Lberein, dafs 
an dem Ufer des Melas Bohr wüchse, aus dem Flöten gemacht würden. 



Strabo 1. c. 

TÖv MdXava Troiafiöv töv — 
TToiouvra — tö ?Xoc tö qpüov töv 
auXT]TtK6v KdXajüiov 



Flut Sulla c. 20. 

TT€pl 8V ^dXlCTa TÖTtOV f| 

Xijüivti TÖV auXriTiKÖv ^Kcp^pciv 
KdXafiov. 



Stammten die geographischen Nachrichten des Flut, aus Strabos Ge- 
schichtswerk, so würden sie sich auch in dessen „Geographie'^ finden, 
die später geschrieben ist. Wahrscheinlich rühren dieselben von dem 
weitgereisten Geographen Fosidonius her, dessen Geschichtswerk in 
dieser Biographie benutzt ist. Dieser, ein Syrer von Geburt, übte 
auch sonst Sprachvergleichung (fr. 85, 86 M.) und schenkte gerade 
der phönicischen Litteratur seine Aufinerksamkeit: bei dem Philo- 
sophen Mochos von Sidon wollte er die Atomenlehre gefunden haben. 

Mit Bestimmtheit auf Sullas Commentarien zurückzuführen 
ist die erste Hälfte des 15., der Anfang des 16. Kapitels und 
c. 17 vom Citat an. Durch c. 18 wird die Erzählung unterbrochen; 
mit den Worten '€v b^ toutijj geht Flutarch offenbar zu einer andern 
Quelle über; läliat man c. 18 weg, so erhält man eine mit Appian 
übereinstimmende Schlachtbeschreibung, in die man nur den an fal- 
scher Stelle erzählten Angriff des Murena einzurücken haii 

Wir haben schon oben gesehen, dafs der Schlufs des Appan*schen 
Berichtes über die Schlacht bei Chäronea aus Sullas Commentarien 
stammt. Die Erzählung (Mithr. c. 42 — 45) ist durchaus einheitlich, 
nirgends begegnen wir Widersprüchen und Wiederholungen, wie wir 
sie oben bei der Belagerungsgeschichte des Firäus so reichlich fanden. 
An drei Stellen begegnen wir wörtlichen Anklängen an Flutarch, 
c. 19, Abweichungen nur im 18 c Flutarchs. Die See-Expedition 
des Archelaus c. 45 a. E. gehört dem östlichen Kriegsschauplätze an, 
ebenso wie die folgenden Capitel werden diese Nachrichten auf Fosi- 
donius zurückgehen. 

In dem Abschnitt über die Schlacht bei Orchomenos berührt 
sich wieder Appian auf das engste mit Flutarch und der Livianischen 
Überlieferung (Frontin und Eutrop), dies Verhältnis dauert bis c. 53 
(Fimbrias Tod), besonders was Liv. anbetrifft. 



Unteranchnngen über Theophanes nnd Posidonias. 



141 



FroDti]Ln812. 



9 qai8 qnaesis- 
set, abi impera- 
torem reliquis- 
sent, regponde- 
rent^pngnaatem 
in Boeotia. 



App. Mithr. 49. 
££ifjXaTo ToO ttnrou 
Ka\ cimeTov dpirdcac 
dvot TÖ ^€Taixtitov 
?6€i ^exä Tujv dcm- 

CTÖVjKCKpaTlWC ÖTIC 

u^aiv,(2i *Puj|LiaToi, ttu- 
öoiTo, TToO COXXav, 

TÖV CTpOTTlTÖV ÖjLllBv, 

TrpoubüiKaT€, X^TCtv' 
iv 'Opxo^eyl|i. 



Eutrop. V 6. 
XY milia hosiiiun 
interfecta sünt fiUus- 
qae Archelai Diogenes. 
ebeo.Oro8.YI2p.371. 



Entrop. V 6. 

Arehelane ipse triduus 
nndiis in palndibus 
hüaL 



App. Mithr. c. 49 a. E. 
Kai TUJV TToXeiiiuiv 
dTTuiXovTO }xiM dfxq>\ 
Touc )üiupiouc Ktti irev- 
TaKicxiXiouc — Kttl 
CUV auToic 6 TraTc *Ap- 
XeXdou AiOT^VTic. — 



Flui Sulla 21. 
?v8a bf| CuXXac aöröc diro- 
7TT]bricac ToO \'TrTrou loxl cti- 
^€iov dvapirdcac, (iiOeiTo bid 
Tüüv q)€UTÖVTU)v elc toüc ttg- 
XejLiiouc, ßoulv *e^ol ixkv iv- 
xaOGd 7T0U KttXöv, i 'Pui- 
fiaioi, TcXeirräv, ö^eTc bfe 
ToTc TTuv0avo)i^voic, iroO 
irpobebiliKaTe töv auTOKpd- 
T p a ^*') (1) , ^e^vim^ voi 
9pd2;eiv, ujc £v 'Opxo^evtfi. 

Plut, 21. 



Kttl AlOT^VTlC 6 TflC 

*ApxeXdou TuvaiKÖc 

ulÖC — ?Tr€C€V. 



App. Mithr. c. 50. 

*Apx^Xaoc b* iv gXei 
Tivl £Kptjq>Oii. 

Wie Ctsar pflegte auch Sulla hervorragende Leistungen einzelner 
Soldaten nnd ihre Belohnungen zu erwähnen. Appian erzählt c. 50 
T(m Baeillufi, der als der Erste über den Wall in das Lager der Feinde 
skflrmte, c 51 wird seine Belohnung durch einen Kranz und die Ver- 
tolung von Ehrenpreisen an die Soldaten berichtet. Der ganze Be- 
rieht bei Plnt. und App. ist durchaus römisch, und die Persönlichkeit 
Snllia tritt derartig in den Vordergrund, dalÜB wir auch ohne aus- 
drOckliches Citat seine Memoiren als Orundquelle anzunehmen haben. 



Cass. Dio fr. 104. 
^ia90pac tivoc Tifi Oi^ßptqi Trpöc 
t4v raptCEV T€VOfi^vr)c 



App. Mithr. 52. 
fptboc ainCji (i. e. Oi^ßpiqi) xai 
TÄ ia\ilq, T€VOji^VTic. 



Aach der Nachfolger, welchen Flaccus dem abgesetzten Fimbria giebt, 
wird Ton beiden mit Namen genannt. 



Cass. Dio fr. 104 a. E. 
(er wiegelte die Soldaten so 
aof) UICT6 TOUC crpariilnrac 
Ofppov TÖV imT€TaTMvov 
c(piciv drreXdcm. 



App. Mithr. 52. 
TTpi&ra ^^v B^pMov rdc ^dßbouc 
dq)6(X€T0, t6v dvTiCTpdTTiTOV und tou 
<t>XdKK0u KaTaXeXetfijüi^vov, djc oT tou 

CTpaTOO Tf|V CTpaTTlTlOV TieplO^VTOC. 



*'^ Der Auadmck zeigt, dafs Plntarch eine lateinische Quelle be- 
aitit iaJL Er übersetite das Wort Imperator, welches er in Sullas 
Comaentarien fand, im Sinne der Kaiserzeit. Sulla war damals nicht 



142 



C. Franklin Arnold: 



Allerdings weicht Dio von Appiftu darin ab, dafs nach Ersterein 
FlaccQS den Fimbria nach Born snrttckschicken will, während bei 
Appian Fimbria selbst droht, nach Born zu gehen. Vielleicht hat 
I)io geglaubt, in diesem Nebenumstande seine Qaelle corrigieren zu 
müssen. 



Oros. VI 2 p. 372. 

Fimbria Flaccum consulem 
apud Nicomediam occidit. 

öros. VI 2 p. 372. 

Fimbria stationem regis in- 
vadit, Pergamo pellit, fo- 
gientemque insecutuä apad 
Pitanam obsedit, etprofecto 
cepisset, si LucuUus eum 
mari coartari voluisset. 



App. Mithr. c. 52. 

6 <l>X(!iKKOC ic NiKOfiribciav ?<puT€ 

ö bi. (t>i^ßpiac auTÖv dTieXOdiv f laetvev. 

App. Mithr. c 52 a. E. 

(<l)i^ßp(ac) aÖTÖv T€ ßaciX^a cuvcbiuj- 
Eev ^c tö TT^pTttMOV xai ^c ITiTdvnv 
Ik toö TTepTdfiou biacpirrövra dneXOuiv 
dTreTd(pp€U€V. £ujc 6 ixkv ßaciXeuc ini 
V€wv Jqputev ic MiTuXifjvnv. 



C. 53 berichtet Appian die Einnahme Iliums durch Fimbria. Die 
Hier hatten durch Gesandte dem Sulla Unterwerfung angetragen und 
beriefen sich darauf dem Fimbria gegenüber. 



Dio fr. 104, 7. 
(0ifißp(ac) fTraivövTiva au- 

TIJJV tlii tfji TTp€C߀(qi Tfl Trpöc 

t6v CuXXav Tie^qpGcicri ttoi- 
T)cd|üi€voc, Kaibioup^peiv jliti- 
bfevöiroT^pijiCTrcicovTai, d^i- 
qpOT^pouc xdp c(pac *Pu)- 
^a(ouc cTvat cIttuuv, lireira 
die napd (piXouc aurouc eic- 
fiXOe Kai ^EeipTdcaTO raura 



Oros. VI 2 p. 372. 

Fimbria Iliensibus 
iratus, a quibus pro 
Sullanae partis stu- 
dio obiectu porta- 
rum repulsus vide- 
batur, ipsam urbem 
Uium , antiquam 
illam Bomae paren- 



tem, f unditus caede 
incendioque delevit. 



App. Mithr. c. 53. 

6 Oijißpiac £ir^vr|C€ 
fji^v, dic ffir\ 'Pui- 
^aiuivq)iXouc' IkI- 
X€uce hk xat auTÖv, 
ÖVTaTuijiaiov elcuü 
b^X^c^^ KaT€ipuj- 
V€ucd)yi€v6c ti Kai 

Tf\C CUTT€V€10C TnC 

oöciic ^c'Puifialouc 
iXicOciv. 



Dio 1. c. 

TOÜC dvOpÜJTTOUC SCOUC l^buWieri jblTl- 

bevöc 9€icd^€V0C Karexpi^caTO, Kai 
T]?|v TTÖXiv irficav öXitou Kardirpticev. 

^Liv. fr. 18 (Hertz) 
Augustinus de civ. dei III 17. 

eversis — et incensis Omni- 
bus cumoppido simulacrisso- 
lumMineryae simulacrum sub 
tanta ruina templi illius, ut 
scribit Liyius, integrum, ste- 



App. 1. c. 

elceXOdiV bfc touc iv nocl 
Trdvrac ?kt€iv€ Kai ndvxa 
£v€7r(fATrpti. 



App. L c. 

Kai okÖTTebovoubiv aÜTf\c, oöb * Upöv, 
oöb* äT^XjLia fii f\v. Tö bl rf\Q 'A0T|väc 
Iboc, ö TTaXXdbtov KaXoOci, Kai bione- 
T^c fiToOvTai, vojittouci Tivec etjpeOfl- 
vai TÖTe dOpaucTov. 



tisse perhibetur. 

Wenn App. dann dies Gerücht durch Berufung auf die Sage corri- 



Untenachangen über Theophanea und Posidonins. 143 

giert, 80 bringt er wohl eigene Weisheit zu Markte. Die Angaben 
D&eh Olympiaden am Schlnüs des C. sind aus einem chronologischen 
Werk eingeflDgt; statt iT€VnfJKOVTa ist ^xaröv su schreiben. 

Es lige nahe, diese Übereinstimmungen zwischen Appian und 
Lmns, da es sich um asiatische Verhältnisse handelt, aus gemein- 
nmer Benutzung des Posidonius zu erklären. Aber Diodor giebt 
ciaeQ ganz abweichenden Bericht vom Standpunkt des Provinzialen, 
Stmbo stimmt mit ihm fiberein. 

Ifit c. 54 bricht Appian den Bericht über das Schicksal Fim- 
briiB ab, c 55—58 handeln von den Vorbereitungen zum Frieden 
TOD Dardanos. Dann kehrt c. 59 die Erzählung wieder zu jenem 
xQiflek und schildert anschaulich seine letzten Schicksale. Die Livia- 
>i<eb« ÜberUeferaag stimmt mit diesem Bericht; dab Oros. den 
Flmbria zu Thyatira enden läfst, statt in Pergamum, beruht auf 
Flfiehtigkeit. Dort hatte er sich yorher aufgehalten, das berühmte 
Heiligtom des Asklepios befand sich an letzterem Orte. 

Oroe. VI 2 p. 372. App. Mithr. c. 60. 

iotemploAesculapiimanu xal Ic tö 'AckAiittioG tepöv irapeXGdjv 
loa interfectos est £XP^c<^o Tifi £iq)€t 

Liy. per. 83. App. c 60. 

oö Kaipiou b ' auTiö xfic nXnT*lc T^vo- 
}iivr\c, dx^Xeuce töv iraiba €nep6icat. 

*0 bi Kttl TÖV beCTTÖTTlV iKT€lV€ KQI 
OÖTÖV in\ Tlf) beCITÖTI]. 

C. 61 folgt nun der Bericht yon der Regelung der Verhältnisse in 
der Prorinz Asia durch Sulla. Auf das an den Ephesiem vollzogene 
Strafgericht war schon c. 21 hingewiesen (ähnlich hatte c. 25^ Appian 
^ später c 46 aus derselben Quelle erzählte Schicksal der Chier 
forher angedeutet). C. 21 fanden wir Abweichungen von der Livia- 
Bischen Überlieferung; wie dort finden wir auch hier (c. 61 — 63) 
spcdelle Angaben über kleinasiatische Verhältnisse vom Standpunkt 
eines Provinzialen. lassos, Samothrace, Clazomenae, Samos werden 
ib Opfer des Seeräuberwesens genannt, der Wert des Tempelschatzes 
TOD Samothrace in Talenten angegeben, die Finanzlage der Städte ge- 
xbOdert (bav€lZ6^€V0l )üi€T<iXuiv tökuiv), die Verpfändung ihrer 
Ojxmiasien, Hafenanlagen, Theater und Staatsbauten berichtet Nicht 
oW versteckte Mifsbilligung wird hervorgehoben, dafls die Seeräuber 
üir Unwesen während Sullas Anwesenheit trieben; über den Über- 
BAt der römischen Soldaten wird geklagt. Erinnern wir uns nun, 
vie Aber Bhodus, Chüatien, Ephesus und Chins Posidonins der Mittels- 
lUBii war, durch welchen Appian derartige Quellen benutzt, so wer- 
^ wir dasselbe Verhältnis auch hier anzunehmen haben. 

Wir haben so den Bericht Appians über den 1. mithr. Krieg 
^fitiseh SQ sichten versucht Es bleiben noch zu besprechen die Er- 
^■gBUN vor der Schlacht am Amnias (c. 17) und die Beden. 



Fnnbriajdesertus ab exercitu, 
ipsd S6 percussit, impetravii- 
Hoe de servo suo, praebens 
d esTvioem, nt se occideret. 



144 C. Franklin Arnold: 

Die aUmfthliobe Entstehung der Yerwickelnngen zwischen Mithri- 
dates und den Bömem ist von Appian so heillos confus dargestellt, 
dafs die Quellenforschung weder Interesse noch Möglichkeit hat, den 
Ursprung der stark verkürzten Nachrichten im einzelnen nachzu- 
weisen. Zum Teil rührt diese Verwirrung daher, daüs die dem Jahr 90 
Yorausliegenden Ereignisse in einem früheren Teil des Werks, den 
verlorenen '€XXr)viKd behandelt waren (c. 11 die bia Tf\c 'EXXiiviKtic 
Tpaq)f]C i>€&r)Xu)Tai). Daher kommt es, dafs die wichtige Expedition 
des Sulla (92) nur beiläufig in Beden erwähnt wird, und dafs diese 
Beden häufig Beziehungen enthalten, die nur aus der Darstellung 
Justins Erklärung finden. Mit dieser finden sich manche Überein- 
stimmungen. C. 15 werden dieselben Hülfsvölker aufgezählt, die 
Justin XXXVm 3, 6 nennt. *^) Dafs in dem 38. und 39. Buch des 
Trogtts Pompeius Posidonius benutzt ist, steht fest. 

lustin. XXX Vni c. 8 § 9 = Posidon fr. 11. 

§ 13 = Diodor XXXIV 14. 
XXXIX 10 = Posidon. fr. 17 = Diodor XXXIV 16. 

Mendelssohn konnte deshalb in seiner Untersuchung über den Parther- 
zu'g des Antiochus Sidetes die Angaben des Trog. Pompeius als aus 
Posidonius stammend yerwerten. 

Die Beden des Pelopidas und der Gesandten des Nikomedes am 
Anfang tragen denselben Charakter wie die am Schlufs des 1. mithr. 
Krieges dem Sulla, Archelaus und Mithridates in den Mund gelegten. 
Es sind dabei in ihnen Nachrichten enüialten, die sich in der Geschichts- 
erzählung nicht finden: so die Bestechung des M'. Aquillius durch 
Mithridates Euergetes (c. 12. c 57); der Mordversuch, den Mithridat 
durch einen gewissen Alexander auf Nikomedes gemacht haben soll, 
wird nflr hier erwähnt (c. 57). Appian scheint durch die Beden 
eine Verbindung mit den früheren Teilen seines Werkes herstellen 
zu wollen. Damit steht nicht im Widerspruch, daüs ihm Beden aus 
Posidonius vorlagen (vgl. fr. 41), und er sie teils verkürzt, teils ver- 
wässert hat. So hat ja auch Livius Beden der Annalisten über- 
arbeitet, was daraus ersichtlich ist, dafs sie oft Nachrichten ent- 
halten, die von der vorangegangenen Darstellung abweichen.'^) 
Dafs Appian ähnlich verfahren ist, zeigt die angeführte Überein- 
stinmiung mit Justin, und aufserdem findet sich in der Unterredung 
zwischen Sulla und Archelaus jene schon oben angeführte Nachricht 
über die Beraubung der hellenischen Orakel eingeschaltet, die auch 
bei Diodor und Plui Sulla 12 überliefert ist. 

Die Geschichte des zweiten mithridatischen Krieges, der bei 
Appian ganz als Nachspiel des ersten erscheint, ist durchaus nicht 
römerfreundlich, was besonders ein Vergleich mit Menmon zeigt. C. 66 
(Preisaussetzen für Essen, Trinken, Witze-machen etc.) weist auf 

"*) Die bei Justin fehlenden Thraker nennt Posidon. fr. 41. — 
"*) Nissen, Erit. Untersuchongen p. 99. 



IJnteTsilohnngen Aber Theophanee und Posidonins. 145 

dieselbe Quelle^ die Nie. Damasc. fr. 77 zn Grunde liegt, also Posi- 
donins. Die Nachricht über das Opfer des Mithridat c. 66 verrät 
Kenntnis des Ritus der Mithra-Beligion. Milch, Honig, Wein und öl 
wird verbrannt, nicht Fleisch, weil dadurch das heilige Feuer ver- 
unreinigt würde (Herodot I 132). Das Ol wurde in Earmanien ge- 
wonnen**®), der zum Opfern gebrauchte Wein war gewifs der Chaly- 
bonische, den die Könige allein trinken durften, dieser war aber 
auch anderwärts angepflanzt, wie Posidonius fr. 58 berichtet.***) In 
der merkwürdigen Urkunde des Cjrus, die im Schlofs Ahamtha in 
Medien von den Beamten des Darius aufgefunden wurde, befahl der 
König, dafs den Juden Wein, öl, Getreide uud Salz geliefert würde, 
zum Brandopfer für den Gott des Himmels, 1. Esra 6, 9. 

Diese Nachrichten weisen auf eine gut unterrichtete Mithridates- 
freundliche Grundquelle, möglicherweise Metrodorus v. Skepsis. Sehen 
wir uns hier genötigt, die Yermittelung derselben dem Posidonius 
zuzuschreiben, so können die Nachrichten ähnlicher Natur, die sich 
am Anfang des dritten mithridatischen Krieges finden (vgl. das Opfer 
c 70), sehr wohl aus derselben Grundquelle durch einen anderen 
griechischen Geschichtschreiber dem Appian zugekommen sein. 

Wir haben c. 1—27, c. 28 zweite Hälfte, 29. 32. 33. 35 zweite 
Htifte, 38. 39. 41. 46—48. 54—66 auf Posidonius zurückgeführt. 
An den meisten dieser Stellen zeigten sich die Grundquellen als 
griechische (pontlsch, chiisch, rhodisch, galatisch u. a.), einige Male 
nahmen wir römische Überlieferung als durch Posidonius übermittelt 
an a 22. 39 und auch wohl c. 32. Wenn wir nun an manchen 
Stellen unmittelbare Benutzung des Posidonius von Seiten Appians 
annehmen zu müssen glaubten, so ist doch möglich, dafs anderes 
durch Liv. oder eine andere Mittelquelle überkommen sein kann. 

Die Nachrichten der anderen Qu^le fanden wir sehr ungleich 
an Wert: recht gut über die Schlacht bei Chaeronea, am schlechtesten 
die Beschreibung der Belagerung des Piräus. Sullas Commentarien, 
andere lateinische Quellen und eine (griechische?), die sich an Thu- 
cydides anlehnt, wurden unterschieden. Hierbei mufs Peter gegen- 
flber nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dafs Sullas Memoiren 
überall da, wo keine Tendenz hiueinspielt, also z.B. in chronologischen 
Fragen, als höchst wertvolle Quelle betrachtet werden müssen. Gegen 
Ende des Krieges mehrten sich die Übereinstimmungen mit der livia^ 
niichen Überlieferung, auch da wo, wie Abweichungen von Diodor 
zeigen, nicht Posidonius gemeinsame Quelle sein kann. 

Soviel läfst sich über die Appiansche Erzählung der mithrida- 
tisehen Kri^e und der gleichzeitigen römischen Ereigmsse mit Sicher- 
heit feststellen. Es genügt fdr den Historiker, denn durch das Gesagte 
ist der ungleiche geschichtliche Wert der einzelnen Teile dieser Über- 
hefenmg gekennzeichnet. 

"^ Brissonius de regno Persarum p. 184. — ***) Nämlich in Damas- 
kva IL m p. S76. 

J&bib. f. «Um. FhiloL Snppl. Bd. XIU. 10 



146 C. Franl^lin Arnold: 

Dem Leser Appians aber wird sich immer wieder eine Frage 
aufdrängen, die nicht historischer Natur ist, sondern in die Litteratur- 
geschichte gehört, und die bei der Beschaffenheit unserer Hülfsmittel 
nur vermutungsweise beantwortet werden kann: ,Jn welcher Weise 
hat Appian diese Quellen benutzt, resp. wer hat sie vermittelt?'^ — 
Ich denke mir das Verhältnis so: 

Was die römischen Berichte betrifft, so sind Sullas Commen- 
tarien und die Nachrichten des Annalisten Claudius Quadrigarius — 
der von Orosius in diesem Zeitraum citiert wird — durch Livius 
vermittelt, und zwar wahrscheinlich so, dafs Sullanische Nachrichten 
durch Quadrigarius von Livius benutzt sind. Dem Annalisten ver- 
danken wir die Beschreibungen der Belagerung des Piräus, er hat 
auch die Stelle des Thucjdides, die er nur halb verstand, in seine 
Erzählung hineingearbeitet. Ist doch erst kürzlich wieder von Moll- 
mann an Sallust gezeigt worden, in wie ausgedehnter und für uns 
überraschender Weise die römischen Historiker des letzten Jahr- 
hunderts der Republik die griechischen Geschichtschreiber und Redner 
ausgebeutet haben.^^^) 

Ist es nun wahrscheinlich, dafs Appian direct aus Livius die 
Nachrichten mit römischer Färbung geschöpft hat? 

In dem parallelen Abschnitt der Bürgerkriege glaubten wir 
eine Benutzung des Liv. durch Appian nicht annehmen zu sollen. 
Als griechischen Schriftsteller, der u. a. auch dem Liv. gefolgt sein 
soll, kennen vrir Juba. Erwähnung mag finden, dafs die Phrase (c. 45) 
xd dxpeia rf\c Xciac cu)p€u6^VTa biaJ[ujc(i|ui€voc, ibc f0oc dcri *Pu)- 
fialoic, auTÖc dv^TTprice sich ganz ähnlich Pun. 48 findet, wo Juba 
Quelle ist. Doch ist hierauf nicht allzuviel zu< geben, und das 
Schlimmste bei dieser Hypothese ist, dafs die gangbare Annahme 
der Benutzung des Liv. von Seiten Jubas nicht auf den festesten 
Füfsen steht 

Bei Erwähnung livianischer Stücke in dem Leben Sullas von 
Plutarch wurde bereits auf die Wahrscheinlichkeit hingewiesen, dafs 
Strabo dieselben dem Biographen überliefert habe.^**) Anhalt dazu 
bot einerseits der Umstand, dafs man aus Liv. fr. 27 (Hertz) auf 
Benutzung des Livius von Seiten Strabos schliefsen kann, und andrer- 
seits das Citat aus dem Geschichtswerk des Letzteren in der vita 
des Sulla. Für Appian läfst sich der Gebrauch dieser Schrift aus 
einem Citat freilich nicht nachweisen; aber Citate sind bei ihm über- 
haupt selten , und ihre Beweiskraft wird für die Mithridatica durch 
die frappante Übereinstimmung zwischen Mithr. c. 9 und Strabo fr. 4 
ersetzt. Es ist schon von Müller darauf hingewiesen worden, der 
bei dieser Gelegenheit bemerkt: *Sicuti Appianus, eodem modo Strabo 
de hello Mithridatico expositurus, de initiis regni Pontici et progressu 

'**) E. MoUmann Quateniis Sallnstius e scriptoram Graecorum exem- 
plo pendeat. Begimonti Prnssoram 1879. — "^ In Strabos Geographie 
wird Cicero zweimal citiert XIV. p. 660 und XVII. p. 798. — 



Uhienachangen über Theophanes und Poudonius. 147 

puea praemisisse yidetnr' (fr. h. Gr. III p. 492). Die angeführten 
Steilen bandeln von einem TVaum, der die Herrschaft des Mithridates 
KÜstes Torhergesagt haben soll. Nun wird in dem achten Capitel 
Hieronjmns y. Kardia citiert, — das einzige Citat in dem ganzen 
Mi0pib<iT6toc Appians. Es ist das zweite Fragment dieses Schrift- 
stellers bei Müller'^), das vierte giebt das Alter desselben Mithri- 
dates Ktistes an, von dem Appian in dem folgenden Capitel spricht. 
Dorch das Citat c« 8 will er eine Angabe widerlegen, die wir spSter 
bei ihm selbst lesen, dafs nämlich Alexander der Orofse in Amisus 
die demokratische Verfassung wiederhergestellt habe. Hätte er die 
Diadocbengeschiohte selbst eingesehen, so würde er die Notiz c. 83 
eingefügt haben, wo er selbst die falsche Nachricht aus Theophanes 
giebt» Aus Posidonius kann das Citat nicht stammen, denn die An- 
gabe, welche dadurch widerlegt werden soll, findet sich in der Oe- 
schiebte des Jahres 70 und soweit reichte das Werk des Posidonius 
nicht. Strabo aber hat den Hieron jmus v. Kardia in der ^Greographie' 
dreimal angeführt (fr. 5, 11, 12), aus dem Oeschichtswerk Strabos 
hat also Appian eine Angabe berichtigt, die er später selbst dem 
Theophanes nacherzählt. 

Cregen die Benutzung Strabos könnte man die geringe Ver- 
breitong des Werkes geltend machen. Diese hatte in dem Fehlen 
des kflnstlerischen oder rhetorischen Schmuckes ihren Grund. Aber 
gerade für Appian, bei dem das stoffliche Interesse vorwiegt, lag 
darin nichts Abschreckendes, und in Alexandria war das Werk leicht 
in bekommen. Ein doppelter Nutzen konnte ihm aus dieser Leetüre 
erwachsen. Für die Partieen, welche er in gedrängter Übersicht be- 
handeln wollte, fand er hier zerstreute Notizen aus anderen Schrift- 
steilem ^^^) gesammelt, und da Strabo seine Quellen sehr sorgfältig 
anzuheben gepflegt, konnte er sich zu diesen selbst wenden, wo er 
den £reignisäen eine ausführliche Darstellung zu Teil werden lassen 
wollte. 

Das gewonnene Resultat unserer Untersuchung ist besonders 
wichtig für die Beantwortung der Frage, mit welchem Zeitpunkt 
iaä Werk des Posidonius abschlofs. 

Bei Appian fanden wir diesen Schriftsteller in der Geschichte 
des ersten und zweiten mithridatischen Krieges zu Grunde liegen; 
ab Quelle für die Erzählung des dritten erkannten wir die Mithri- 
«iatika des Theophanes. Auch in dem letzten Teil des ersten 
Baches der 'Bürgerkriege' zeigte sich ein Quellen Wechsel: bis zu 
«lern Bericht von Sullas Dictatur ergab sich Benutzung des Posi- 
ioniutf. Bei Appian reichen also die Spuren dieses Geschichtswerkes 
U» 82 V. Chr. 

Ebenso bei Plutarch. In den Biographieen des Sulla und 

^) Mfiller fr. h. Gr. n p. 462. — fr. !•. "») Lauer 1. c. 16 
macht dazanf aoftncrksam, dali c. 2 fast wörtlich mit Polyb. XXX 16 

10* 



148 C. Franklin Arnold: 

des Marias führten wir zahlreiche Angaben auf den rhodischen 
Philosophen zurück; in den Viten des Luculi und Fompejus erinnerte 
nichts mehr an ihn, hier sahen wir Plutarch dem Sallust und Theo- 
phanes folgen. 

Nicht anders stellte sich die Sache bei Livius. Unsere Unter- 
suchung begann mit dem Nachweis, dafs die Verehrung für Fom- 
pejus den Liyius an das Werk des Theophanes wies, der in seiner 
Schilderung des dritten mithridatischen Krieges seinem Gönner den 
GeÜGkllen that, ihn als zweiten Alexander hinzustellen. Für die ge- 
naue Übereinstimmung zwischen Appian und Livius in der Geschichte 
des ersten mithridatischen Krieges fanden wir die Ursache darin, 
dafs Liyius von 146 an in der Erzählung der aufseritalischen An- 
gelegenheiten ebenso den Fosidonius zu Grunde legte, wie in der 
vierten und fünften Dekade den Folybius. Obgleich der livianische 
Bericht uns nur trümmerhaft überliefert ist, wird doch diese an 
sich wahrscheinliche Annahme durch die Erwägung einzelner Stellen 
zur Gewifsheit.^*^ 

Bei Diodor stanunt die Geschichte des Yiriathus und der 



^^^ Die Periocha des 60. Buches sohliefst: praeterea res a Q. Me- 
tello consule adversus Baleares gestas continet (123 v. Chr.) qnoB 
Graeci Gymnesios appellant, qaia aestatem nudi^ziguni Balea- 
res a teli missu appellati aut a Balio, Herculis comite ibi reHcto, 
cum Hercules ad Geryonem navigaret. motus quoque Syriae re- 
fernntiir etc. Diese Worte tragen zunächst griechischen Ursprung an 
der Stirn. Nun lesen wir Diodor V 17: dXXai bi vf)coi — imö ixiv twv 
*€XXy|vu>v övo|Lta2[6|ui€vai fuiLivficiai ftiä t6 toOc ^voiKoOvrac fUMvoöc xfjc 
icldf\TOC ßtoOv KUTd Tf)v ToO 6<§pouc düpav, öirö bi t(£»v ^TXU'piu'v kuI tdiv 
'Pwf&aduv irpocaTopeOovTai BaXiap^c dirö toO ßdXXciv rate c<p€vbövaic Xi- 
Oouc lüieTdXouc KdXXicra tiXiv 6irdvTUJv dvOpuümuv. Und in demselben 
Capitel einige Zeilen weiter unten: Öti t6 iraXatöv 'HpuKXffc ^crpäTCuccv 
iiti fripuöviiv. Hier haben wir also alle drei Etymologieen des Livius 
beisammen (den BaJios hat Diodor wohl nur weggelassen, weil er von 
ihm später ausführlich handelte — YI 3). Beide Stellen stammen aas 
Posidonias, den Diodor im vierten und fünften Buche häufig ausschreibt. 
Am schlagendsten zeigt dies IV 20. Dort sagt Diodor: T6i6v ti kuI tra- 
pdboEov Ka6* i^^Ac cuv^ßn irepl ^{av v^vd^xa tcv^cBat. Der Gastfreond 
des Fosidonius Charmoleon hatte die Geschichte selbst erlebt und diesem 
erzählt (fr. 68). In dem fünften Buch weist c. 29 auf Fosidonius fr. 26, 
c. 32 auf Fosidonius fr. 48. 75. — 

2. In auffälliger Weise wird in diesen Büchern von Livius Bhodas, 
die zweite Heimat des Fosidonius, erwähnt: per. 68 Metellus Numi- 
dicus in ezilium voluntarium Bhodum profectus est, ibique legende 
et audiendo magnos vires avocabatur (cf. Flut. Marius 29 ^v 'Pööq) 
q>iXoco<pCJv bii3Tf)6r|) >- und noch auffallender per. 89 C. Korbanus 
consularis proscriptus in urbe Rhode cum comprehenderetnr, ipse sc 
occidit. cf. App. B. C. I 91 in der Geschichte des Jahres 82. ibw- 
TiKoO CKdq)0u dmßdc ic Pö6ov fti^irXeuccv. "OOev öcrcpov ^EatroOficvoc 
Oirö ToO COXXa, 'Poöiuuv (Ltx dfitpiTvooOvTUiv ^auröv kv dyop^ \iici} 
6idq>0eip€. 

3. Die Art, in der Gros. V 11 die 126 v. Chr. in Afrika auftretende 
Heuschreckenplage beschrieben wird, erinnert ganz an die Manier 
des Fosidonius. 



ünienuchniigen über Theophanes nnd Posidonius. 149 

Sdayenkiiege ans FoBidonius, und auch in den folgenden Büchern 
weist manches auf sein Gesohichtswerk zurück. ^^^) In den von uns 
behandelten Ereignissen ist bis zum Auftreten des Pompejus ein 
Qnellenwechsel nicht wahrzunehmen. In der Geschichte des Pom* 
pejus aber findet sich XXXIX 20 dieselbe falsche Angabe über das 
Alter desselben, die Plutarch als von seinen Schmeichlern ausgehend 
zortlckweist, und die von Theophanes kolportiert wurde. 

So sehen wir also, dafs die Schriftsteller, welche aus grie- 
ehiechen Quellen schöpften, bis 82 zum grofsen Teil dem Posidonius 
gefolgt sind; bei den Berichten über die späteren Ereignisse aber 
liegen fibendl andere Darstellungen zu Grunde. Es ist bereits aus- 
führlich dargelegt worden, dafs für die römischen Verhältnisse nach 
dem Standpunkt und der Auffassung des Posidonius die Dictatur 
Sullas einen passenden Abschlufs bot (siehe oben S. 108). Auch 
in Sjrien trat um diese Zeit eine wichtige Wendung ein. 83 v. Chr. 
wurde Tigranes König vcm Syrien. Damit war der zwölQfthrige 
Kiieg zwischen den fünf Söhnen des Antiochos Grypos beendigt, 
und Sjrien wurde in das Schicksal des Mithridat verflochten. Ebenso 
war für Ägypten dieser Zeitpunkt folgenreich. Von dem Testament 
Alexanders II an, welches das römische Volk zum Erben einsetzte, 
begannen Roms Ansprüche auf dieses Land. Cicero datierte deshalb 
Ton da an Ägyptens Abhängigkeit von Rom. Dies Testament mufs 
um 83 gemacht sein.^^^ 

Nehmen wir aus diesen Gründen die s allanische Dictatur als 
das letzte von Posidonius berichtete Ereignis an, so werden wir von 
dem Widerspruch befreit, an dem die Annahme Müllers laboriert, 
da(s das Werk nur bis 96 v. Chr. geführt sei, während das längste 
and inhaltreichste Fragment die Zeit der mithridatischen Kriege 
behandelt. Müller wurde dazu durch die Worte des Suidas bewogen, 
wonach Posidonius die Geschichte des Polybius ji^XP^ '^^^ iroX^^ou 
KufynvaiKoC kqi TTToXcjLiaiou fortgeführt habe. Diese Worte beziehen 
kich &nf die gleich darauf erwähnten Aißuxd des Posidonius Olbio- 
polita, dessen Schriften Suidas mit denen des Apameers durch- 
einandergeworfen hat. 

So unvollkommen auch unsere Überlieferung über die in Bede 
stehende Epoche ist, so können wir doch von Glück sagen, dafs ein 
so hochbegabter und vielseitig beanlagter Schriftsteller wie Posi- 
donioB sie behandelt hat. Wie er ein Buch *über den Stil' schrieb, 
•o Terwandte er offenbar Sorgfalt auf eine geschmackvolle Dar- 
«tellong, was die Fragmente deutlich erkennen lassen. Ein so feiner 
Kenner wie Cicero würde ihm auch sonst nicht die von ihm selbst 
rerfalste Geschichte seines Consulats zur Überarbeitung übersandt 



"n Diodor XXXVIII 7 vertritt dieselbe Ansicht wie Posidon. fr. 27. 
— XXX VII 26 berührt sich mit Posidon. fr. 41. — "') Vgl. Sharpe Ge- 
•dndite Egyptens von der ältesten Zeit bis zur Eroberung durch die 
Aiaber (Leipsig 1868) 11 p. 16 ff. mit v. Gntschmids Anmerkungen. 



150 C* Franklin Arnold: UntersticlitiDgen etc. 

haben« Die gefällige Aufsenseite seines Oeschichtswerkes hat gewils 
wesentlich zn der weiten Verbreitung desselben beigetragen. Dabei 
fehlte es ihm nicht an sonstigen Eigenschaften, die ihn für seine 
Aufgabe in hervorragender Weise befähigten. Es mag sein, dafs 
er an kritischer Schärfe dem Poljbius nicht gleichkam. Aber er 
hatte als praktischer Staatsmann politische Verhältnisse selbständig 
beurteilen gelernt, er beschäftigte sich eingehend mit militärischen 
Fragen, seine Beisen, deren Ergebnisse er als Geograph von Fach 
wissenschaftlich verwertete, eröffneten ihm einen weiten Gesichts- 
kreis. Über die italischen Verhältnisse konnte er von den vor- 
nehmen Bömem, mit denen er in intimem Verkehr stand, sich per- 
sönlich unterrichten lassen. Sein Denken war durch philosophische 
Studien geschult und vertieft, und manche Züge, die von seiner 
Persönlichkeit überliefert sind, zeigen uns die seltene Verbindung 
der sprichwörtlichen Selbstbeherrschung seiner Schule mit einer 
wohlthuenden Humanität des Charakters. 



DIE BEBIGHTE 

DES 

PLATON UND ARISTOTELES 

ÜBER 

PROTA.GORAS 

(MIT BBSONDEKEB BEBOCKSICHTIOUNG SEINES BBKBNNTNISTHEOBIS) 

KRITISCH UNTERSUCHT 

VON 

WILHELM HALBFASS. 



A. Einleitang. 
I. 

Das Leben des Protagoras nnd seine Bestrebungen 

im allgemeinen. 

Indem es unsere Absicht ist, die bei Piaton nnd Aristoteles^) 
sich findenden Mitteilungen über Protagoras, soweit sie die Er- 
kenntnistheorie angehen^ einer kritischen Prüfung zu jimterziehen, 
erscheint es uns bei der Unbestühmtheit der spärlichen Quellen not- 
wendig, zunSchst einen Blick auf sein Leben und seine Thätigkeit 
im allgemeinen zu werfen. 

Protagoras, um 480^ im ionischen Abdera geboren, durch- 
zog in seinem vielbewegten Leben die gesammte griechische Welt 
und erregte überall durch sein rednerisches Talent und seine glän- 
zende Erscheinung gewaltiges Aufsehen.') Besonders gern hielt er 
sich in Athen, dem TrpuraveTov Tf\c coqpiac (Prot. 337 D) auf, wo 
er das Vertrauen des Perikles gewann^) und bei ihm unter Anderen 
ueh Enripides und Anaxagoras kennen lernte. Nachdem er nach 
der Angabe des Heraklides Pontikus (bei Diog. L. IX 50) zum Ge- 
setzgeber Yon Thurii ernannt worden war, finden wir ihn vor dem 
Ansbmch des peloponnesischen Krieges und noch während der ersten 
Kriegsjahre wieder in Athen ^), wo er vielleicht fortan seinen be- 

*) Die sich auf die ErkeuntniBtheorie des Sophisten beziehenden 
MittesloDgen späterer Schriftsteller können nach unserer Ansicht, die 
vir hier nicht weiter begründen wollen, das Resultat unserer ünter- 
Boebimgen nicht wesentlich beeinflossen. — ') Für seine Chronologie be- 
ntMD wir bei Piaton nur Eine sichere Angabe Meno 91 E: ot^al t^p 
«6t^ diroOonfdv ^TT^c Kai 4ß^o^l^KOVTa Ity] ycTOvöra, TCTrapdKovra 
W ^ t4 rity^- 1°^ übrigen schlielsen wir uns den betr. Ausführungen 
bd Vitruiga, de Proiagorae vitos ae philosophia, Groningae 1853 an. 
— ") Rep. eOOD: ... Kai ^irl toAti} tQ axpiq, oütui cipöbpa qptXoOvrat, 
^m p^fov o6k ^iri Tale KCcpaXdfc ircpicp^pouciv aörodc ol ^ToApoi; auch 
& Stelle Tim. 19 E geht gewifs unter Anderen auf ihn. — *) Vergl. 
PloUreh, vita PericliB, c. XXXVI und das in der plutarchischen Scluift 
com. ad Apoll. (Mor. ed. Hübner p. 118E) aufbewahrte Fragment, das 
«iBsiffe grossere, welches uns von Protagoras erhalten ist — ^) Dafür 
^»cehen anlser einigen Stellen in den K6XaK€c des Eupolis [cf. Mei- 
seke, Frg. com. Graec. II* p. 490f. Frg. Xf.] besonders die Necp^Xat 
dei Aristopbanes , aus denen die betr. Stellen später berücksichtigt 
vcfdea werden. 



154 Wilhelm Halbfass: 

ständigen WohnEitz nahm, bis er etwa um 410 der Gottlosigkeit 
angeklagt, Athen verlassen musste und auf der Flucht den Tod in 
den Wellen fand. 

Als Quelle für die Darstellung seiner Bestrebungen im All- 
gemeinen steht unS; abgesehen von den Nachrichten aus dem späteren 
Alterthum, namentlich den bei Diog. L. aufbewahrten Notizen, nur 
die Schilderung des ^ Dichterphilosophen' Piaton zu Gebote. Der 
Dialog Protagoras, der hier vor Allem in Betracht kommt, ver- 
dient schon deswegen zunächst als Quelle herangezogen zu werden, 
weil er uns nach dieser Richtung hin ein treueres Bild des Sophisten 
giebt, als der Theaetet für seine Erkenntnistheorie. Abgesehen 
nämlich davon, dass er wahrscheinlich kaum mehr als 10 Jahre nach 
dem Tode des Abderiten geschrieben ist, ist er objectiv und durch- 
sichtig gehalten, während jener vieldeutig und verwickelt angelegt 
isi In diesem spottet Piaton mehr Über die Pedanterien und Lächerlich- 
keiten der Sophisten im heiteren und unbefangenen Tone; in jenem 
wirft er ihnen mit bitteren und zjlmenden Worten ihre Gedanken- 
losigkeit und ihr unmoralisches Verhalten vor. 

Bei der Diskussion über die im Protagoras aufgeworfene Frage, 
ob die Tugend lehrbar sei oder nicht, zeigt sich, dafs der Sophist 
einen ganz andern Begriff mit dem terminus *äp€Tf]' verbindet als 
Piaton. Während letzterer in einer äpcTii, welche auf indi- 
vidueller Begabung beruhend im bürgerlichen Leben zur Ge- 
wohnheit erstarkt, wol eine nicht zu verachtende Vorbereitung 
zur wahren Tugend erblickte, diese aber in ihrem ganzen Um- 
fang nur auf dem Wege philosophischer Einsicht für möglich 
hielt ^), verstand Protagoras unter jenem terminus lediglich die 
Fähigkeit im praktischen Leben eine geachtete und vorteilhafte 
Stellung einzunehmen.^ Diese Kunst erbietet er sich seinen 
Schülern, mögen sie auch wenig begabt sein, auf dem Wege eines 
rein praktischen Unterrichtes gegen gute Bezahlung beizubringen^), 
voi*ausgesetzt, dafs sie sich von früher Jugend an tüchtig anstrengen^); 



") Theaet. 1760: . . . . i^ ^dv toOtou (9€6c oöbaMtl oöba^üL>c döiKoc, 
dXX' die ol6v T€ öixaiÖTaTOc) YV(£)ctc co<p(a kqI dpciV) dXiiOivf), vergl. Sie- 
beck, Gesch. der Psychologie I' S. 289. — ^ Hauptstelle ist Protag. 
318E: . . . t6 b^ lidOrma ^crl cößouXia iT€p( t€ tuiv oiKciiDv dnuic dv 
dpicTQ tV)v aOroO oiKiov btoiKCt xai trepl tuTv Tf)c iröXeuic, 6iru)c Td Tfjc 
ir6X€iüc ftuvaTUiTOTOC dv clr) xal irpärreiv kqI X^ctv* vergl. daneben ibid. 
312 B, 318 A, 349 A, 357 £; Meno 91 A f. Rep. 600 C f. — ^) Prot 328 B: 
^Tdi oTfiai . . . öia<p€pövTU)c dv tuiv dXXuiv dv piiimuv dnrvtca( nva irpöc 
TÖ KaXöv Kai dtaOdv tcv^cOai cf. Theaet. 161 D: . . . TTpuiraxöpac y^ht 
co(p6c, dicT€ Kai dXXuiv ötbdcKaXoc dStoOcOai ^CTd McrdXujv ^tc6uiv, fmctc 
hi d^a6^CT€po{ T€ xal q>oiTr|T^ov fmtv ffv irap* ^k^vov ibid. 178E: . . . 
f^ oübcic T* dv aÖT<^ öicX^Y^TO biftoöc iroXO dpifOpiov el ^i\ toOc cuvöv- 
Tac ^nctOev, ort xal t6 ^^XXov £c€c6a( t€ xal böHciv oOrc ^dvTlc oOtc Ttc 
dXXoc d^ctvov Kp(v€tev dv H o(>töc. — •) Prot 323 C f.: ... tV|v dp€Tf|v 
oö q>Oc€i . . . oOb* diTÖ ToO aOTO^dTOU, dXXd bibaxTÖv t€ xal ^ ^irt^c- 
Xeiac . . . öca hk. ^E ^iriiitcXctac xal dcx/|C€U)c xal 6ibaxv)c olovrai 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 155 

dagegen ist er der Beschäftigung mit abstrakten Studien durchaus 
abgeneigt.^^) 

Von der Pädagogik im Allgemeinen scheint er eine sehr rohe 
Vorstellung gehabt zu haben, da er z. B. die Aneignung der dperrj 
mit der Erlernung der Muttersprache^^), die Bildung des Geistes 
mit der Dressur des Körpers auf gleiche Stufe stellte ^^) und die 
firnehung überhaupt, in welcher Drohungen und Schläge die Züch- 
tigangsmitiel bilden ^^), mit dem Pfropfen von Obstbäumen verglich 
(Theaet. 167B); zugegeben mag werden, dafs Piaton, der in diesem 
Punkte ja so völlig anderen Anschauungen anhing (cf. Bep. 619 A; 
Phaedo 82 B, 83 C; Theaet. löOD), übertrieben hat. 

Auch im Gebiet der Moral und des Bechtes kennt der Sophist 
keine unendliche Aufgaben, vielmehr liefern der positive Staat und 
die Yon demselben aufgestellten Gesetze [dfaOujv Kai iraXaiujv eu- 
pq^fr^a (Prot. 326 B)], denen als Zwangsmittel Odtvaroc, cpurai, 
XPn^drurv bripeüceic, xai d)c firoc elTreiv, EuXXrjßbTiv täv oTkujv 
dvarporrai (Prot 325 C) zu Gebote stehen, den höchsten Mafsstab 
für die Beurteilung der menschlichen Handlungen. Reflexionen über 
die Berechtigung einer solchen Zwangsgewalt schneidet er kurz mit 
dem Hinweis auf die Erfahrung db, welche zeige ^ dafs die Bürger 
eines Gemeinwesens am besten fahren, wenn sie sowohl selbst den 
Gesetaen ihres Landes gemäfs leben, als auch ihre Kinder zu striktem 
Gehorsam gegen dieselben erziehen.^^) 

T<T>^c6ai • * • • ^r|Aov ön il ^iri^cXciac xai |Lia6/)C£U)c KTr)Tf)c oöct]c 
. . . .; ibid. 326 C: Ik ira{6uiv ciniKpiXiv dpEd^Evot ^^XP^ oOirep Av ^u)a, xal 
biftdaccma xal vouOctoOciv. cf. Stobaens de asaiduitato aerm. XXIX: TTpu)- 

TOTÖpaC Öl€T€, ^llb^V €tvai |lf|T€ T^XV»1V dV€U ^EX^T11C, |i/|T€ ^eX^Tr)v 

dvcu T^xvric und Crameri anecdota ed. Paris 1 171: ... . TTpuiraTÖpac 
. . . clirc <|iöccuic Kol dcKf)C€UJC öibacKaXCa b&Tai xal dirö vcöthtoc bi 
dpEofi^YOUC bdv juuzv6dv€iv. Auch ein bei Diog. L. IX 55 erwähnter Titel 
enea Buches ircpi paOimdruiv acheint una hier erwähnenswert; vergl. Frei, 
quaestionesProtegoieae. Bonn 1845 8. 189. — ^^) Prot. 318£: . . . ol fi^ Ydp 
dJüUN XuiPuivrat toOc v^ouc Tdc fdp li^vac aöroOc irccpcuTÖrac dxovrac 
nUxv aO dtcvrcc ^MßdXXouciv elc t^x'^^^^i AcytciLtoiüc tc xal dcrpovo- 
Iftiav xal T€Ul^€Tp{av xal ^oucixfiv öiödcxovTCC .... irapd b* i\ii 
A^ixÖMCvoc o6 ircpl dXXou tou i\ irepl oO fixet. Diese Abneigung gegen die 
Mirtbematik steht im scharfen Gegensatz zu der Vorliebe, wdche Piaton 
atr sie besafii; cf. Bep. 521C f. und 68dD. — '0 Prot. 328A: . . üjarcp 
dv ci ZfiTolc Tic btbdcxaXoc toO ^XXiivtZeiv .... oötui bi dpcrf^c xal tCjv 
AJJüBiv «ibmuv. — *') Prot. 326 A: .... xal toOc ^uOilioOc t€ xal Tdc 
apIAOviac dvaTxdZouct oixctoOcOat rate ^luxalc Tübv iratbujv, tva /|)iepi6T€poi 
TC «bctv . . . ir^^irouci elc iraiboTpißou, Xva rä ciifiiora ßcXrlui ^x^vrcc 
irKtipervta t^ öiavo(<;t xP^ct^ oöci); cf. Theaet. 153 B, 167A f.: . . . 6 ^^v 
loxpöc 9apMdK0tc ^eTaßdXX€l (iitl ti^v d^€{vuJ ^iv), 6 bi co<piCTf|c X6toic 
.... Touc }Uv coqioiic xaTd ^^v c((l^aTa iaTpoOc X^rui» xard bi qiurd 
THmfrfoOc^ man beachte den absichtlich kfihl gehaltenen Ausdruck 'juera- 
Idxicnr*. '*) Prot. 325 D: ... ei b^ ^/|, ibcirep EuXov biacTp€q>6|Lievov xal 
■oitvTÖMcvov €(f6üvouav diretXatc xal iTXr)T<xtc; bezeichnend für die 
prote^oreische Anschauung ist, dafs in diesem Abschnitt 8 mal der ter- 
warnn» 'dvoxxdZciv' yorkommt. — ") Prot. 327 B: . . XuciTeXet tdp, 
oiuos, i^lv ^ dXXr|Xu)v bixatooWr) xal dpen^* xal bid roGTa irQc irovrl irpo- 



156 Wilhelm Halbfasa: 

Bemerkenswert ist, dafs er gewisse ethische Eigenschaflen, nftmlich 
aib(()C und biKr|^^), die er konfuser Weise auch anzulernende Fertig- 
keiten nennt, als conditiones, sine quibus non ftlr die Gründung und 
den Fortbestand der Staaten au&tellt; diese sollen für alle Bürger 
eines Gemeinwesens eine normatiTe bindende Ejraft besitzen.^^ Ist 
dieser Gedanke, der allerdings arge Widersprüche in sich birgt ^^, 
wirklich aus dem Kopfe des Abderiten entsprungen, so traf Perikles 
eine gute Wahl, als er ihn beauftragte, für Thurii das Staatsrecht 
zu schreiben/®) Da im übrigen die Abschreckungstheorie den Kern* 
punkt seiner praktischen Moral bildet ^^), so legte ihm Piaton die 

OO^uic \tf€x Kai 6i6(JicK€i Kai Td MKaia Kai xä v6^ifia; ibid. 326 D: .... 
dircibdv bi ^£ bibaocdAurv dtroAXatwciv, Vj ttöXic aö toOc tc v6|aouc dvax- 
Kd2:€i |uiavedv€iv koI Kaxd toötouc Z^v Kaxd irapdbciYfjia. — '*) Prot. 
322 0: . . . äyovra clc dv6pUnrouc alödi t€ xal b(KT|v iv* eTcv irdXeuiv 
Köcfioi TC Kai öccfioi, qptXiac cuvaturfoC; die später für diese termini ein- 
tretenden Aasdrücke: biKaiocOvr) xal cuMppocOvTi Kai t6 öciov clvai stam- 
men von Piaton her, während erstere als spez. protagoreische anzusehen 
sind. — *•) Prot. 822C flF.: . . . irri irdvxac ei?i . . . Kai irdvxcc m£t- 
exövTtuv* oii fäp dv t^vgivto itöXcic, ci ÖXitoi a(m£iv füiCT^oiev iSiZnep 
dXXujv T€xvC[fv' Kai vö^ov ye 6^c irap* ^^oO t6v pLi\ buvdfuicvov alboOc Kai 
6(kt)c \ierix^iv kt€{v£iv die vöcov iröXewc; ibid. 823 ti: \bc dvaTKOtiov oO- 
6^va ÖVTiv' oi)x\ dnujCY^irujc fuier^xciv aÖTfJc, f\ ^i\ cTvai iy dvBpUiiroic; 
ibid 824 E f.: . . . . oö dvaxKalov irdvrac toOc iroXlTac ^ct^x^iv, et trcp 
^^XX£l iröXtc ctvat . . . . ci toOt* tcrXv oö M irdvrac lüier^x^iv Kai ^erd 
toOtou irdvT ' dv6pa .... Mit besonderem Nachdruck betont also Pro- 
tagoras den allgemeinen Anteil der Menschen an jenen Tugenden und 
ihre unbedingte Notwendigkeit für jedes Gemeinwesen; die Be- 
stimmung 'irdvT€c' kommt hier 16 mal vor. — ^') Schon aus den in 
Anm. 6 erwähnten Worten: M irdvrac Od» ... . töv fif) ftovd. 
^cvov fmeT^x^tv . . . geht hervor, dafs Protagoras sich darüber nicht klar 
war, ob die Tugend angeboren sei oder erworben werde. Wahrscheinlich 
legte er sich die Sache so zurecht: Zum Leben in der Gesellschaft sind 
jene socialen Tugenden unbedingt erforderlich, und die meisten ßürger 
haben ein natürliches Gefühl dafür und leben nach ihnen; einigen scheint 
aber dieses GefShl abzugehen, diese müssen im Interesse der Gesammtheit 
zur Erlernung jener Tugenden gezwungen werden. Wir haben also schon 
hier den uralten Streit über den Satz, dals die Interessen des Individuuma 
mit denen der Gesellschaft zusammenfallen, vor uns. Dieselbe Konfusion 
wiederholt sich bei dem protagoreischen Strafrecht: Beruhen nämlich 
die moralischen Eigenschaften auf natürlichen Anlagen, so kann Niemand 
für moralische Schwächen bestraft werden, wogegen sich Protagoras 
durchaus verwahrt; werden dieselben aber erst durch Erziehung und Ge- 
wöhnung erworben, so war es im !biteresse der Gesammtheit billig, die* 
jenigen za bestrafen, welche sich dieselben nidit angeeignet hatten; aber 
wie kommt es dann, daXs aUe Menschen, trotz ihrer individuell verschie- 
denen moralischen Ansichten, jene Tugenden stillsohweigend stets als 
Molche anerkennen? — '*) V«^. 8. 154 und die Angaben bei Diog. L. II 
121, wo rrpurraTÖpoc ^ TToXtriKÖc als Titel einer Schrift erwähnt wird 
und ibid. 111 37 und 67, wo noch Aristoxenus resp. Phavorinus mit^ 
geteilt wird, dafs der von Piaton in der Republik behandelte Stoff 
zum grolsen Teil einer protagoreischen Schrift entnommen sei. Übrigens 
wird auch von den übrigen Häuptern der Sophisten, von Gorgias, Hippiaa 
und Prodikus eine staatsmännische Thätigkeit berichtet — '') Prot. 
324 A f.: oObclc T^p KoXd^ct Toiic dbiKoOyrac . , . &n fj6(Ki|C€v .... 6 



Die Berichte des Piaion and Aristoteles über Protagoras. 157 

Deklamationen über die Schönheit und Herrlichkeit der Tugend (cf. 
Ph>l 333 C, 349 £, 352D) wohl nur ironisch, um seine bombastische 
Bedeweise zu geifseln, in den Mund. 

Dais sich Protagoras namentlich durch seine rhetorischen 
Fertigkeiien, die er auch in erster Linie bestrebt war, seinen Schü- 
lern beizubringen, einen Namen gemacht hat, bezeugt vor allem sein 
beriliuntes oder berüchtigtes Versprechen ^töv tittu) Xötov 
KpciTTui TTOieiv''^), womlt er aber keineswegs, wie man behauptet 
hai'^), Unrecht in Becht und den Unterschied zwischen gut und böse 
aufheben wollte, denn Aristoteles, der dort von eristischen Trug- 
beweisen, £v6u^rj)iaTa q)aiv6)Li€va, spricht, in denen das unbedingt 
wahrscheinliche mit dem bedingt wahrscheinlichen vertauscht wird, 
bemerkt ja ausdrücklich, dals jenes Versprechen nicht in die Ethik, 
sondern in die Rhetorik gehöre'^): . . . ip^Gböc T€ "X&p iccx kqi ouk 
dXT|6^c, dXXä q>aivöjüi6V0V xai dv oubejitqi t^xvij, dXX' dv ^r)ToptK^ 
Kai dv dpiCTiK^. Die Stelle ist also wohl so zu fassen, dafs Protagoras 
in einem dirdYT^Xpa seinen Zuhörern versprach, sie in utramque 
pariem disputieren zu lehren, d. h. möglichst viele Gründe itbr die 
Sache beider Parteien aufzufinden [vergl. Theaet. 178E: . . . f\ cu, 
w TTpurraxöpa, TÖye ircpl Xötouc mOavöv dKdcxi}) f^jinBv dcöjievov 
cic biKacrripiov ßdXTiov &v irpoboSdcaic f\ tüjv IbiujTuiv 6ctico0v; 
©€0. Km ^dXa . . . toöto ye ccpöbpa uTTicxveiTo Trdvrwv biacpd- 
pctv aÖTÖc]. Darin, dais Aristophanes mit dichterischer Freiheit 

hl iierä XdTou dmxcipdrv KoXdZeiv o() toO irpocXiiXuOdToc ^cxa d&tK/|)uiaT0C 
TtiMvpdrat .... dXXd toO (idXXovTOC xdpiv, tva ^1^ aOOtc dbiicfiqi ^Vire 
oOtöc outoc ^f|T6 dXXoc ö toOtov iötUv KoXacO^vra . . . . diTOTpoirf)c 
ToOv €v€Ka KoXikci; ibid. 326 A: t^ pLi\ \xeTlxo)na (iroXiTUcflc Tdxvrfc) Kai 
ftiftdcKCiv Kai KoXd2l€iv .... luic dv KoXoZöpevoc PcXtIutv tdviiTai: cf. Grorg. 
625 B; Tim. 87 B. — ><>) Arist. Bhet 1402» 26 f.; ähnlich bei Seneca, 
ep. 88, 37: Protagoras ait, in omni re in utramque partem disputari 
posse ex^ aequo, et de hac ipsa re, an omnis res in utramque partem 
diipotabiÜB ait, bei Gellius N. A. V 3: Protagoras, insincerus philoso- 
phoa, poUicebator, se id docere, quanam verbornm inconstantia causa 
mfizmior fieret fortior und bei Hermolaus (Suidas Y. *Aßb/)pa). Auch 
Ifokrates wurden jene Worte beigelegt [de perm. p. 313 B: . . . vOv bi 
A^TCi, «it tph ToOc {Vrrouc Xötouc Kpeirrouc bOvafjiai ttoi^v]. Piaton er- 
vlhst sie Apol. 186 und 19 B, ohne dabei einen Namen zu nennen; 
Amtophanes schiebt sie bekanntlich N€<p. Y. 113 dem Sokrates unter. 
— **) So Hildenbrand, Gesch. und System der Rechts- und Staats- 
philoappfaie Bd. I S. 72. Im Wesentlichen auch Zeller a. a. O. S. 931 
c£ Axistoklei bei Euseb. praep. evang. XIY 20, 766 Bf.: . . . raCrrö Kaida 
«ml diperVj . . . trp6c touc oOk olo^dvouc äxeiv voOv kqI Xötov; Aristo- 
phanet NcipdXat Y. 882 f.: 6iruic ^kcCvu) tüi Xötui ^a6if|C€Tat, töv Kpcirruj, 
6cnc dcrl rat töv fVrrova, öc TdbtKa XdTwv dvarpdirei töv Kpcirrova, cl 
hi |i^, TÖV ToOv döiNOv xtäcQ Tdxvi); ibid. 888: toOto oOv ^d^v1lco, ömuc 
«p6c «dvra tä öCicata dvTiX^TCw öuvf)C£Tat; ibid. 902: oö5^ Tdp clvai 
«dvu qn||ii bixqv; ibid. 1019: ral cd dvonr€{c€i tö ^dv alcxpöv dirav koXöv 
^T^ceöi, TÖ öd KOXöv alcxpöv cf. Isokrates, Panegyr. 8. — '*) So fafst schon 
Frei a. a. 0. 8. 148 den Satz; ihm stimmten entschieden bei Yitringa 
a. a. O. 8. 180 ff. und Emminger, die vorsokratischen Philosophen nach 
dea Berichten des Aristoteles, Würzburg 1878. S. 86 f. 



158 Wilhelm Halbfass: 

aus dem X6toc xpeiccuDV einen Xöxoc biKaioc und aus dem f^TTiuv 
einen äbiKOC macht und in einem Wettkampf der beiden personi- 
ficierten XÖYOi den fibiKOC siegen läfst, können wir nur eine An- 
spielung auf die damalige Unsicherheit ethischer Begriffe überhaupt 
erkennen^'), keineswegs aber einen Beweis dafür, dafs der Sophist 
jenen Satz auch aufserhalb der Rhetorik angewandt hat. 

In der Ausschmückung des gesprochenen Wortes wird 
Frotagoras kaum grofsen Geschmack entwickelt haben, denn die ihm 
von Piaton in den Mund gelegten Reden, welche ein zu individuelles 
Gepräge tragen, um sie einfach für aus der Luft gegriffene Erfin- 
dungen des Autors zu halten, leiden an einem UbermSfsigen Gepränge 
mit altertümlichen Worten und Wortverbindungen, an überflüssigen 
Umschreibungen einfacher Begriffe und an einer ungewöhnlichen 
Häufung von Partikeln. ^^) In der Bildung und Anwendung neuer 
termini, womit er sich angelegentlich beschäftigte, scheint er über 
das richtige Mafs hinausgegangen zu sein.'^) Besafs er weiter ein 
unleugbares Geschick bald mit erhabenem Pathos ^^, bald im leichten 
Unterhaltungston ^^ seine Zuhörer durch aus dem Leben gegriffene 



") Man vergl. namentlich V. 1397: \bc /|6u Kaivotc TrpdTMaci Kai 
bcSioTc ö^iXdv Kai Tiöv Kae€CTil)TU)v v6|Liurv öircpcppovdv öüvacöai; ibid. 
1421 f.: oOkouv dvi?jp 6 töv vÖ|üiov toötov tiOcIc tö irpurrov i&orep o) 
Kdifib; Kai X^t^uv firciOc Toiic iroXaiouc; fjTTOv bf^x' ^Eccxi Kd^oO Kaivöv 
aOrö XotTTÖv bdvai vö|liov toIc öi^ctv, toöc Trar^pac dvTtTOTtrciv ; dazu Iso- 
krates, de perm. p. 316B. § 168, 280, contr. soph. 292Bf. 294B. Panegjr. 
§ 8. — **) Hierüber handelt vollaiAndig: Polzer, protagoreiBche Stu£en, 
Reichenberg 1875. Progr., vergl. auch Sauppe in seiner Schulausgabe des 
ProtagoraB, S. 57 zu S20Gff. Im Theaetet beachte die Stelle 167At — 
") Diese Dinge behandelte er in der Schrift 'Opec^ireia (Phaedr. 267 C), 
die übriffens Themistius (orr. XXIU ed. Dindorf p. 289 D) dem Prodikos 
zaschreibt. CiasBen (de grammaticae Graecae primordiis p. 28 f.) nennt 
ihn den Begründer der griechischen Grammatik, cf. die Notizen bei 
Diog. L. IX 53 und Arist. Soph. Elench, 173« 17 und Poet. 1456« 15. 
Frei a. a. 0. 8. 131 und Weber, quaestiones protagoreae. Marburg 1850. 
p. 42 bemerken mit Recht, dafs 'Öp6öc' ein von Protagoras häufig ange- 
wandtes and von ihm eigentümlich geprägtes Wort gewesen sei. Cf. Cra^l. 
391 C: . . . 6i6d£ai c€ -n^iv öpOÖTfira irepl tiIiv TotoOTiuv, f^v ^^aOc irapd 
TTpuiraTÖpou . . . ibid. 383B, 384B, Theaet. 152D, 16lDf, 169D, 17lC, 
182 D, 183 A, 184 C; Aristophanes N€<p. v. 668 f.: *AXX* ^repa b€i \a€ iTp6- 
T€pov TOÜTurv jiavedvetv t&v T€TpaTröbuiv Ätc ^ctW öpOiSic dpp€va, Plu- 
tarch V. Periclis c. XXXVI (siehe oben) öpOÖTarov Xötov. — 
**) Vergl. die Bemerkungen von Platon, Theaet. 161 C: jiCTaXoirpeiruic 
Kai KaTaq>povir)TiKdic; ibid. 165 E: TroXudpaToc coq>{a; ibid. 166 A: Kora- 
(ppovuiv i^^uiv; ibid. 168 B: juteTaXetdrepov . . ^ßof|6f]C€v; Prot. 338 A: . . . 
Vva ^CToXoirpCYrdcTcpoi qpaivmvrai; man beachte die Stelle bei Basilias 
Magnus, CXXXV ed. Paris. 1730, p. 226: TTXdTWV rfl üoxxiq. toO X6tou 
... Kai 1TapaK^l^ul^^ Td irp6cuma . . . TTpwTaTdpou biaßdXXuiv t6 
dXaZoviKÖv Kai imiporfKov und Himerius orat XXI § 11. — *') Vergl. 
Grrote, Plato and the other companions of Socrates 1871. Vol. II p. 49: 
Protagoras is indifferent for dialectic forms and strict accnracy of dis- 
cussion, he is eloquent in populär and continuons exposition . . .; ibid. 
p. 73: Protagoras is essentiallj showy and populär, intended for nnme- 



Die Berichte des Platon und Aristoteles über Protagoras. 159 

Beispiele, didaktische Mythen, Gleichnisse und Citate bekannter 
Dicbterworie zn erheitern und zu fesseln, so zeigte die im Protagoras 
[z. B S29B, 331 C, 332 A, 334E und sonst oft] trefflich gezeichnete 
Abneigung, sich in eine dialektische Erörterang einzulassen, zur Gte- 
n&ge die ünf&higkeit, seine Ansicht mit bestimmten Worten und 
logisch scharf zu formulieren.^ 

Nach den mitgeteilten einzelnen Zügen scheint uns das eigen- 
tfimliche Wesen des Sophisten darin vor allem bestanden zu 
haben, dafs sein Nachdenken sich nur auf das richtete, was praktisch 
nahe lag und mit einfachen Mitteln erreicht werden konnte, dafs er 
es nicht nur vorzojg etwas in mangelhafter und provisorischer Form 
zu statuieren^ als es deswegen aufgeben, weil es nach der Natur der 
Sache stets unvollkommen bleiben wird, sondern dafs er sich auch 
zutraute, mit den Mitteln, welche den Menschen in ihrer Gesammt- 
beit zu Gebote stehen, etwas zu Stande zu bringen, womit sie sich 
begnfigen, wobei sie sich beruhigen können. Ganz der entgegen- 
gesetzten Ansicht war Platon, sein grofser Antipode^ dafs nämlich 
den Menschen die echte 009(0 auf immer verschlossen bleibe ^^) und 
selbst die tüchtigsten und besten nur unter einer höheren Ägide 
das letzte Ziel des menschlichen Strebens erreichen können.^} 

IL 

Die Ustorisohen Angaben über den Satz: ^ndvTUJv xpnM<3:TU)v 

M^Tpov ävOpujiToc' im allgemeinen. 

Indem wir uns nunmehr, nachdem wir kurz dargestellt haben, 
mit welchen Vorzügen und welchen Schwächen der Sophist ausge- 
stattet war, zur Prüfung der Mitteilungen über seine Erkenntnis- 
theorie wenden, bemerken wir von vornherein, dafs wir in Über- 
eiostimmung mit den neueren Schriften z. B. von Schanz ^^), Weck- 



roa9 assemblies, reproducing the established creeds and sentiments of 
tfaose assemblies, to tbeir Batisfaction and admiration; Wolff, nnm Plato, 
qaae Protagoras . . . tradidit, recte ezpoBuerit. Jever 1871. Progr. 8. 6: 
arte ei comitate invenes elegantes delectare et allicere studebat. — 
^ So rügt Alkibiades: . . . ^^ icpi* kKAcn} dpuirficei ^axpöv Xötov diro- 
Tcivuiv, ^KKpovunr toOc Xö^ouc (cf. Theaet. 154E) koI oök 46^iuv biMvai 
ioTov, dXX' diro)uniia!yvurv . . . (Prot. 336 C) und Hippias: . . . irdvra 
xdÜUov iKTcivavra, oöpiq, iqtiyra, cpcOtciv clc tö ir^Xatoc tüöv Xöyu'v . . . 
.ibid. 338 A). — '*} Rep. 428 E f.: rvj» c^iKpordTqi dpa £6vei xai ^ip€l iav- 
Tf)c . . . 6Xn co<pf| dv cir) xal kqtä qpOctv olKicOetca ttöXic kqI toOto, die 
^ouBE, <pucct öXittCTOv TiTv^TOi T^voc, ({1 irpocViKci TaOnic rf\Q tmctrwi^c 
urroAcrrxdvciv, fjv ^övy^v b€\ TiSrv dXXu)v ^irtcnmiliv coq>(av KoX^cBai . . . 
- *^ Phaedr. 248 A f.: . . . ai dXXai t|iuxai, i\ piiy dpicra 8c<f» iiro^i^vr) 
Kol cticac!«^ (mcpttpcv clc t6v Hvj Tdirrov iViv toO i'jviöxou K€<paXf)v xal 
cvu«epfi)Wx^ "^ irepiq>opdv, OopußouM^vr) (mö tüjv timurv xal MÖyic 
KoBpodica Td övra' f\ b^ Tdrc \iiy i^pc, tötc ht föu, ßla21o^^(uv b^ tiSiv 
ivvufv Td M^ €l^, rä b' oÖ. — '*) Beiträge znr Kenntnis der vor- 
•okratiachen Philosophen aus Plato, Teil I. Die Sophisten. GOttingen 1867. 



160 . Wühelm Halbfass: 

lein'*), Wolff, Grote, Peipers**) und Laas®*) die Zuversicht, mit 
der einst Frei'^) von der zureichenden Vollständigkeit und Glaub- 
würdigkeit der Quellen sprach, durhaus nicht teilen, dafs wir uns 
im Gegenteil denselben gegenüber noch kritischer verhalten werden, 
wie die meisten unserer Vorgänger. 

Wir beginnen mit Piatons Berichte d. h. mit dem Thetttet, 
in welchem gleich im Beginn der Diskussion Über die Berechtigung 
atcOricic mit iixiccrwit] zu identificieren, der folgende Ausspruch des 
Portagoras mitgeteilt und vom jungen Theätet als ein oft gelesenes 
Wort bestätigt wird: [ZQ. 'AvdTVWKttC f&Q ttou; 0€. *Av^TVUJKa Kai 
TToXXdKic] ^TrdvTUiv xpr\ix&T{jjy ji^Tpov ävGpuiTTOV clvoi tujv 

jLltV ÖVTlüV Vbc ?CTl, TOIV bk OUK ÖVTUJV ibc OUK ?CTl' 

(152 A). Der erste Abschnitt dieses Satzes kommt in derselben 
Form noch zweimal im Theätet (160 D und 170E) vor; aufserdem 
im Cratylus (386 E), bei Aristoteles (Met 1062*» 12), bei Sextus 
Empirikus (adv. Math. VII 60), bei Diogenes L. (IX 51) und bei 
Alexander, dem Kommentator des Aristoteles (zu Met 1062^ 12, 
Bonitz p. 625), in etwas geänderter Form im Theätet 183 B: . . . 
ouTroj cuTXWJpoO|Li€V auTiu irävT* Svbpa iravTiüV xpr\}i&T\x)v jn^Tpov 
elvai und bei Aristoteles: . . . TTpuJTaYÖpac fivOpuJTröv <pT]Ci ndvTUJV 
eivai jLi^Tpov (Met 1053* 35): Die Form: ^ndvTUJV xPnM«TUJV 
^^xpov 6 fiv0pu)7roc' findet sich bei Sext Emp. (Pyrrh. Hyp. 
1216), bei Aristokles (Comm. ad Euseb. praep. evang. XIV 20, 766B), 
bei David, dem Kommentator des Aristoteles (Scholl, ad Arist categ. 
6* 36, Br. 23^) und bei Proklus (Comm. ad Piatonis Parmenidem, 
ed. Cousin IV, 23). Wir sind durchaus geneigt, den Satz in der 
zuerst mitgeteilten Form für authentisch zu halten. Ein 
&pez. protagorischer terminus ist offenbar jüi^Tpov, wie aus folgenden 
Stellen im Theätet erhellt: , . . TfjV dpxi*|v xcO Xöyou TcOaujuaKa 
. . . ÖTi TtdvTUJV xpr\\i&T{X)v n^rpov iczXv öc f\ KUVOK^cpaXoc . . . 
(161 C); . . . <poiTT]T^ov fijLiTv Trap* ^KeTvov, in^xpifi dvri aärqj 
iKdcTiji xf^c auxoö cocpiac . . . (161 E); f| fjxxöv xi oTei xö TTpuJxa- 
TÖpeiov iLidxpov €lc Oeoüc f\ ek dv9piwTrouc X^TCcGai . . . (162 C); 
. . . ^^xpov iiifev tdp ?Kacxov f)|iiuiv elvm xaiv xe dvxujv Kai ^rj 
. . . (166 D); ... Kai coi, iav x€ ßoüXq, ddv X€ |bi4 dv€Kxdov övti 
ILi^xpijj . . . (167 D); . . . dTTOce^vuuiV xö Trdvxuiv ^i^xpov . . . 
(168 D); . . . €!x€ dpa c€ b€i blaTpa^^dxuJV nipx fi^xpov elvax 
. . . (169A); . . . aöxip TTpiwxaTÖpqi dp* ouxl dvdTKti, el fifcv iir\bk 
auxöc dicxo indxpov elvai fivGpuiTTOv juribi ol ttoXXoi . . . (170 E); 

^^ Die Sophisten und die Sophistik nach den Angaben Platos. 
Würzbarg 1865. — '") üntersnchongen über das System Platos. Teil I. 
Die Erkenntnistheorie. Leipzig 1874. — '^) Idealismus nnd Positivismus. 
Teil I. Berlin 1879. — >^) A. a. 0. 8. 78: e Platonis potissimum, Aristo- 
telis, Sexti Empirici libris adhibitis Protagorae placito sat oerte definiri 
possunt, eine Behauptung, die schon nach wenigen Jahren Weber (a. a. O. 
8. 22 f. und schon 1 Jahr früher in dem Progr.: Über R'otagoras aus 
Abdera, Marburg 1849. 8. 10) heftig angriff. 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles Über Protagoras. 161 

. . . TdT€ KQi 6 TTpurraTÖpoc aurdc EuTXw^P^cexai, ^i\T€ laiva \xi\' 
T€ TÖv itriTux^ivTa fivGpiüTrov iiiipov eTvai . . . (171 C); . . . irdv- 
Tuw ^^xpov ävOpwiroc Ictiv, dbc qpat^, (b TTpurraTÖpct, XeuKWV . . . 
OüÖ€VdC ÖTOÜ OÖ TWV TOIOUTIÜV . . . (178 B); . . . dvdTKTi auTijj 

6fioXoT€iv coipdiTcpöv t€ fiXXov fiXXou eTvai xai töv iikw toioOtov 
fiCTpov etvai, ^jioi bk Tqj dvemcTiiiüiovt \ir\bk öituuctioOv dvär^nv 
elvoi M^Tpiji TiTV€cGai . . . (179 B). Auch der terminus xpilM^Ta 
scheint von dem allgemeinen Sprachgebrauch abgewichen zu sein; 
Platon ersetzt ihn hftufig durch TTpdtMaTa [cf. CratjL 386 AC und 
dun Sext Emp. PyrrL Hjp. I 216 und Arist Met 1053* 32 f.] 

Den zweiten Absatz: Wu)V )iiv dvTiüV übe £cTt, Tdiv bk |if| 
ivTuiv die OUK IcTi* treffen wir mit denselben Worten weder bei 
Pkton noch bei Aristoteles wieder, sondern nur bei spftteren Schrift- 
8t«lleni, bei Sext Emp. (Pjrrrh. Hyp. I 216 und adv. Math. YII 60), 
bei Diog. L. (IX 51) und bei Ajristokles (a. a. 0.) Obwohl nun 
Aristoteles ihn vielleicht nur deswegen nicht erwähnt hat, weil er 
ihn fUr unwesentlich hielt und die Form desselben, wie aus Stellen 
im Protagoras^) hervorgeht, ganz zu der protagorischon Diktion 
flberhaupt pafst, tragen wir dennoch, weil derselbe Gedanke im 
Thefttet zweimal anders ausgedrückt wird [160 C: . . . tfib xpi- 
Tf|c Kord TÖV TTpuiTayöpav, Ti&v te dvruiv ^fioi, djc ?CTi Ka\ tujv \xi\ 
JVTuiv die ouK fcTi; 166D: . . . ji^Tpov ydp ?KacTov fmdiv elvai 
TUJV T€ dvruiv KQI }if\] und Cralyl. 386 A unmittelbar auf die 
Worte: irdvTUiv XPHM^^v ktX. fast genau dieselbe individuelle 
Auslegung folgt, wie Theaet 152 A, Bedenken, denselben ohne 
Weiteres fttr ein Citat zu halten. Ob Protagoras etwas gelehrt 
habe, was sachlich diesem Absätze entsprach, wird an einer späteren 
Stelle entschieden werden. 

Wir beschSftigen uns zunächst mit dem Sinn des ersten Ab- 
nizes: irdvriuv xpvmdTUJV ^^rpov ävGpiünoc, zu deutsch: * Aller 
Dinge Mafs ist der Mensch'. Da es sich, wie der Zusammen- 
lang lehrt [vergl. Schmidt, krit Komm, zum Theätet Leipzig 1877. 
ä 446] an dieser Stelle nicht darum handelt, was der Mensch, 
sondern was das Mafs der Dinge sei, so fassen wir irdvTUiv XPH' 
MOTuiv ^^Tpov als Subjekt, dvOpumoc als Prädikat und nehmen 
ih den Sinn des Satzes an, dafs nicht irgend etwas Anderes, etwa 
Oott oder die Natur das Mafs aller Dinge genannt werden könne, 
sondom eben der Mensch. ^^) 

Noch eine andere Konstruktion ist möglich: man kann logisch 
aoeh m fx^rpov und dvOpuJiroc gleichsam das Subjekt, in TrdvTWV 
XPitfAdTUiv das Prädikat sehen. Dann wäre der Sinn des Satzes: 
Nicht nur über dieses oder jenes, sondern über alles kann der Mensch 

*^ Mao beachte namentlich p. 834 Af und 861 Af., of. Theaet. 
167 Ar. nnd 167 D: . . . oöhi y&p toOto q>€UKT^ov, dXXd irdvruiv imdXicra 
^•wcrtov Tip voOv €xovn und S. 20 Anm. 2. — "') Gut übersetatt daher 
^i« a. a. 0. S. 44) 'das Mals aller Dinge heifst Mensch'. 

'•M. L «Um. Pha SuppL Bd. Xm. 11 



162 Wühekn Halbfiuat 

reflektieren^ seine Heinong ftnfsorn und Kritik üben. Für di«fte Auf- 
fassung würde eiBtlick der Umstand sprechen, daTs der Satz emplia- 
tifich mit irdvTUJV xpim^TUJV anhebt, w&farend doch für den G^dacken: 
das Mafs der Dinge heilst Mensch tüjv xpim<iTU)V jLi^Tpov dvOpuiTTOC 
genügt hätte und femer die eigenthtUnUche Stellung des Sophisten 
anr Yolksreligion (ygL Exkurs I). Allein Pratagoras, dessen bom- 
bastischen Ton wir kennen lernten, begann yielleicht nur deshalb 
mit irdvTUDV XPW^UJV» um einen gröfseren E£fekt za erzielen, ohne 
sich bei dem Attäribute ndvruiv allzuviel zu denken. Da auTserdem, 
wie wir aus dem anazagorischen Trävra xpr\iMTa sehen, dieser Aus- 
druck damals eine stehende Phrase gewesen zu sein scheint und sich 
heranssteUen. wird, dafs Piaton im TheStet auf die heraogeBOgene 
Deutung nirgends ersichilich Bücksicht ninmit, so begnügen wir uns 
damit, an dieser Stelle einfach auf die Möglichkeit derselben hinge- 
wiesen zu haben. 

Wir betonen schon hier, dafis nach unserer Überzeugung jene 
Worte das einzige authentische Bruchstück einer protegorisch^i 
Erkenntnistheorie bilden, indem uns die übrigen Angaben unserer 
beiden Autoren nur mutmafsen lassen, wie sich wohl, der Sophist 
gewissen erkenntnistheoretischen Problemen gegenüber verhalten 
habe. Wir halten es daher durchaus für den Kernpunkt unserer 
Untersuchung, namentlich darüber zu einer möglichst sicheren £nt* 
Scheidung zu gelangen, wie Protagoras den terminus ävdpuiTioc ge- 
gefafst hat, ob generell oder individuell. 

Obwohl wir nun, weil äv9pu)Troc ohne Artikel steht und am 
Schlüsse des Auster uches eine prägnante Stellung einnimmt, auf 
den ersten Blick jedenfalls geneigter sind, diesen terminus im 
generellen als im individuellen Sinne zu nehmen, legt Piaton 
sowohl Theät 161 A: odKoOv oütuj ttujc X^yei, uic ola ^^v &acTa 
t^oX (paivr)Tai, ToiaCxa ixkv £ctiv ^moi, ola bk cot, TOiaura 54 au 
coi' ävOpwTtoc bi, cu T€ Kd^u); wie Cratyl. 386 A: die äpa ola ^€V 
i\xo\ q>aivnTai xä npdTMaTa clvai, rotaura ^^v ^criv i\iOi' ola hk 
&v CGI, TOiaura b* fiv coi jenen Satz extrem individualistisch 
aus. Indessen spricht der an beiden Stellen von einander ab- 
weichende Wortlaut und die Art der Anknüpfung an den Aussprach 
[Theftt. 152 A: oiihcoOv outu) itujc . . . .; Cratyl. 386 A: . . üjc 
äpa . . .], wie auch Peipers a. a. 0. S. 44 bemerkt, dagegen, diese 
Auslegung ohne weiteres für ein wörtliches Citat zu 
nehmen; die Zustimmung des TheStet [Xdipei T^tp ouv oötuic] 
kann nur den Sinn haben, dafs dieser den Satz ebenso verstanden 
habe, wie ihn der Berichterstatter gedeutet hat. 

Dazu kommt, dafs an andern Stellen im Thetttet die Identität 
des q)aivec6at mit elvai in wesentlich anderer Form behauptet resp. 
bestritten wird, so heifst es: . . , troXXou b€\ Ta q>aiv6^€va dKÄCTtü 
TaOxa Kai elvai, dXXd ttSv TOÖvavTiov oöbiv d»v (paivetai cTvai 
(168 A) ... . oub^v Ti av ^äXXov tö q>aiv6|K6V0V ^öviii ^Keivifi yi- 



Die Berichte des PIftUMi imd AriaioteleB über Protagoras. 163 

VfoxK^ f^ ei clvai bei övo^iASeiv^ t\r\^ &cnep <paiv6Tai . . . . (166 C); 

Tifi H^v Skka icn TC xai cpoiveTai, tuj hi. Skia . . (166 D), 

diis iemer sonst z. B. Gratyl. 386 C: . . . dla äv boKfj dKdCT^j 
TOiaura koi elvat (vergl. S. 80) Piaton sieh bei der Auslegung des 
Sftti« das terminos ^boiUtv' bedient und dafs schliefslieh weder bei 
Aiistolales noch bei Bextus Bmpiricos die mitgeteilte Auslegung 
wdrtheh wiederkehrt.^) 

Allein selbst zugegeben, dafo sich dieselbe auf authentische 
Worte des Abderiten stützt, bleibt die Frage noch offen, ob sie 
stchlich mit der historischen ftbereinstimmi 

Ehe wir aber die weitere Erörterung des Autors selbst einer 
usfikhriiehen Kritik unterziehenf suchen wir zunächst die Frage zu 
besntworten, welches i^osophische Problem er durch seinen Satz 
batte löten wollen. £& wird sich zeigen, dafs die historisehe Um- 
gebmigwohlnacheineinanthroponietrisehen Standpunkt über- 
haupt hindringte, keineswegs aber einen e;^tremen Subjekti- 
Tiimus erheiflchte, und dals femer Plaix>n, obwohl er yon seinem 
ogaen Sjstem aus eine generelle Auf&Lssnng sogar für wesentlich 
idäntisch hielt, sich aus zwei bestimmten GhrOnden yeranlafst sah, 
seinen Angriff lediglich gegen den Individualismus zu richten. Ge- 
liigt uns der Beweis fUr beide Behauptungen, so ist wenigstens so- 
nA sicher, dafs die platonische Auslegung nicht notwen- 
dig die historische zu sein braucht; dafs sie im Gegenteil mit 
dieser dorohaus in Widerspruch steht, hoE&a wir durch unsere kri- 
tttche Prüfling des platonischen Berichtes selber darzulegen. 

m. 

Die Uatoriselie Stelle, welehe der Satz des Protagoiaa in der 
GesoMclLte der griechisclien Philosophie einnimmt. 

Unter den philosophischen Systemen, wdiche einen EinfluCs auf 
die Gedaakenriehtung unseres Sophisten ausüben konnten, ist aufser 
etwa demjenigen Heraklits^) nur das des Anaxi^goras^) zu nennen, 
der sich wie Protagoras des Schutzes und der besonderen Freund- 

'*) Gl Cic. Acad. quaesi II 46, 142: . . . alind iudicium Protagorae 
ctt, qoi potet, id cnique yermm esse, quod cuique videatur. Die von 
SM sdbeföbrten Axgamwke berühren z. T. schon Wendt zu Teanemann, 
6ci^ d. Phaloe. Bd, I 2: Auft. Leipzig 1829 8. 499 und Marbaoh, Lehrb. 
L GeKb. d. Phik>8. I Abt Leipzig 1888 8. 141. — *«) Der Euidc X&fw: 
diM» Philoiophen (cf. Sezt Emp. adv. Math. VU 127 und 182) trSgt 
wa n sehr teilt physikalisehen, tttils theiatiseheti Charakter, um ernst- 
M «rii dem erkenntnsstheoretischeii Prinzip des Abderiten parallel ge- 
•Wlt zu werden. Man beachte flbrigentf S. 178 ff. — *^ Obgleich ProUr 
fSnM mit vielen andern Phdlcflophen in Zusammenhang cpeDraoht wird, 
MMsaUid» hftufig mit Hemklit und Demokrit, weisen, soweit uns die bez. 
l'ittecatiir bekamit geworden ist, auf Aaazagoras, aulser Aristoteles 
vMct. 1007^ 19) MUT Zeller a. a. O. Bd. P 8. 856 und Laae a. a. 0. 
& IS hin. 

11* 



164 Wilhelm Halbfiuss 

scliaft des Perikles zu erfreuen hatte und bei diesem jedenfalls mit 
dem Sophisten bekannt wurde. Erinnert schon äufserlich die sowohl 
in den Fragmenten [I, III, VEI, XV, XVI, XVII, XXI bei Schau- 
bach, Anazagorae fragmenta, Lipsiae 1827] und in den kritisierenden 
Bemerkungen von Piaton [Gorg. 466 D, Phaedo 98 C] und Aristo- 
teles [Phys. 203» 23, Met 1007'' 26, 1056* 29] hftufig erwähnte 
Verbindung ^TrdvTa xpiiiiara^ auffallend an den Ausspruch des 
Abderiten, so tritt auch eine innere Verwandtschaft beider zu Tage, 
wenn wir den anaxagorischen voOc mit dem protagorischen äv- 
8pu)iT0C vergleichen. Freilich hatte ersterer, indem er den Anstofs 
zur Bewegung gab^^), um das Chaos, in welchem sich die XP^IM^^'^^ 
oder CTT^piiaTa ungemischt befanden und einander durchdrungen 
hatten, aufeuheben, vor allem eine physikalische Bedeutung^), 
aufserdem aber noch eine erkenntnistheoretische und teleo- 
logische^^, weil das einzige Analogen zu einem Wesen, welches 
sich so spezifisch von den übrigen XPilM^^fa unterschied^), eben der 
menschliche Geist war. Es lag nun für Protagoras, der, im schroffen 
Gegensatz zu Anaxagoras^), die einseitigen physikalischen und astro- 
nomischen Studien, denen sich dieser einzig hingegeben hatte, ver- 
warf, dagegen die Bedürfiusse und Interessen des Lebens betonte, 
ziemlich nahe, auf die zuletzt erw&hnte Seite des voCc, welche sein 
Schöpfer, wie schon Aristoteles klagt ^^), vernachlässigt hatte, den 
ganzen Nachdruck zu legen. Er konnte sich sagen, wenn der Mensch 
das einzige in der Erfahrung gegebene Analogen zu einem Weltgeist 
ist, der in die todte Masse Ordnung schafft und bewirkt, dafs ein 
Ding sich vom andern scheide, so ist für alle erfahrbaren Dinge der 
menschliche Geist für die Merkmale der xpilMOcra mafsgebend. Dieser 
Schritt von der vertrauensvollen Hingabe an die Natur zu der kri- 



**) Prg. XVIII: . . . iiiei VipSaTO ö voOc Kivöv, dirö toO Ktvoufi^ou 

irOVTÖC fel€Kp(v€TO KCl ÖCOV ^KivT^CCV 6 VOOC, ITÄV TOOtO blCKpiOt)' KtV0U> 

fi^wv b^ Kai 6taKpivo)üi^vuiv i^ irepixUipilcic itoXX(|i ^dXXov ^o(et biaKp(v€cOat ; 
frg. XVII: irdvra xpf\\iaTa ö>ioO f|v; etra voOc ^XOUiv aOrd 5t€K6c^T)C€. 
cf. Ariat Phys. %66^ 24: . . . dpxi^iv aÖTÖv kiW|C€Uic. — **) Cf. Phaedo 
98 C f.; Legg. 967 B; Arist. Met. 984» 15 f. 986* 18. Zeller a. a. O. 
S. 806 f. und Breier, die Philosophie des Anazagorae nach Aristoteles. 
Oldenburg 1840. S. 40 f. — *«) Prg. VDI: . . vöoc TvUifiT|v trcpl irovröc 
irdcav tcx€i; Arist. de an. 406^ 19: . . iroXXaxoO yikv yäp tö alrtov toO 
KoXOt^c Kai 6p8dic t6v voOv ktf€i . . . cf. Siebeck, Gesch. d. Psychologie. 
T. I. 1880. S. 79 f. — ") Frg. VUI: . . . vöoc bä im öircipov Kai aöro- 
Kparkc Kai ^^^tKTal oi}b€v\ xpiwian, dXXd ^6voc a(iTÖc ^<p* ^utoO ^cnv* 
voöc kctx TÖ XcirröxaTÖv t€ irdvruiv xp^l^dTuiv kuI KaOaptbrorov. — voOc 
bi irAc öfioiöc Icn Kai 6 ^c(2:uJv Kai ö ^Xdccuiv cf. Cratyl. 4130. Aiist. de 
an. 406* 18. — ^') Diesem wurde ja der Vorwurf gemacht; oitbiv coi 
^^Xcl Tfjc irarpiboc (Diog. L. n 7); cf. Cic. de erat, fil 16. — *•) Arist. 
de. an. 406* 17: diroMbuici d^<pui Tf| aörQ dpxtl t6 t€ Ttvtifocciv koX t6 
Kivdv, X^TU'v voOv Ktvf)cat tö iröv . . .; ibid. 429* 19: . . . dvdTKii dpa, 
irc€\ irdvra vo^, d^iT^I clvai, i&circp q>iiclv 'AvaCavöpac, fva KportJ, 
toOto (cTiv, Tva TvwpiZIi}. cf. Zeller a. a. 0. S. 866 und Breier a. a. Ö. 
S. 66. 



Die Berichte des Flaton and Aristoteles über Protagoras. 165 

tiachen Fzage, wie sich denn der Mensch ihr gegenüber verhalte 
und der Antwort^ daJB gerade erst durch ihn als solchen allen Dingen 
ihre Stelle zugewiesen werde, ist schon ein so fundamentaler und 
die hergebrachte Anschauung über den Haufen werfender, dafs wir 
keinen Grund haben anzunehmen, Protagoras habe sogleich 
den einzelnen Menschen zum höchsten Mafsstab aller 
Dinge erhoben. 

Aach Sokrates, der mit seinem TvuüOi ceauTÖv' auf der Bahn 
weiter wandelte, welche der Klazomenier eröffiiet hatte und übrigens 
mit 'unserm Sophisten die Abneigung gegen mathematische Speku- 
Utionen and die Hinwendung zu ethisch-praktischen Fragen teilt^^, 
kehrte nur den menschlichen Gesichtspunkt überhaupt vor. Eben 
dahtin wies ja auch die ganze Beaktion, welche sich in der Mitte des 
5. Jahrhunderts gegen die einseitigen Naturstudien erhob und die 
Philosophen daran erinnerte, über den Makrokosmus nicht den Mikro- 
koemufl zu vergessen und vor den Spekulationen über das Weltall 
die geistigen Fähigkeiten des Menschen zu prüfen. Die mannigfachen 
nenen Strömungen im Geiste des griechischen Volkes, der gesteigerte 
Verkehr der Nationen unter einander, der ungeahnte Aufschwung in 
den Künsten und Wissenschaften, der wachsende Reichtum, der die 
Bedfirfikisse der Menschen stetig vergröfserte, die freiere Richtung 
in den religiösen Anschauungen, welche den Glauben an die alten 
Götter erschütterte und die im Menschen noch schlummernden Kräfte 
erweekte, endlich die Umwandlung der alten Monarchien in Republiken, 
deren Gesetze, ein Menschenwerk, auch wieder von Menschen um- 
gesiollBen werden konnten^) — alle diese Momente, welche wir nur 
kon anzudeuten brauchen, weil sie schon von kundigerer Hand in 
treffenden Zügen ausgeführt worden sind, konvergierten nach der 
Kinsieht, dafs der Mensch der Mittelpunkt des Universums 
sei, keineswegs aber nach der Doktrin, dafs der willkürliche 
Einfall des einzelnen Menschen unbedingt einen allge- 
mein gültigen Wert besftfse. 

IV. 

Das Verh&ltnis des Satzes des Protagoras znm platonisclien 

System. 

Um zu begreifen, warum Piaton, obwohl die generelle Deutung 
uns als die historisch wahrscheinlichere erscheinen mufste, scheinbar 



*'') Xen. Mem. IV 7, 8: . . . t6 6i l^€xpl ti&v öucSuv^tuiv t€u>^€Tp{av 
Movedvctv dnc^oidfui^cv .... ToOra tKavd clvai dvOpiinrou ß(ov KaTUTpCpciv 
■■i AXuiv iroAXdrv T6 xal dMpcX(fiU)v ^aOimdruiv diroiouXOeiv und ibid § 6, 
c£ ibid. I 1, 16: oitbi yäp nepl Tf)c tiIiv irdvruiv <pOc€Uic, Qirep Tdhr iroX- 
Xdnr o( ffX^CTOt öicUtcto cicoinZiv .... aördc bk ncpl ti&v dvOpumciuiv 
Ad biükijeto .... Es spricht übrigens nichts gegen einen freundschaft- 
lichen Veikehr Beider, to oft Protaioras in Athen weilte. -^ *') Charak- 
tciiitiseh nach dieser Hinsicht ist die Äuiserung des Sophisten Hippias: 



166 Wilhelm HalbAun: 

nur die Snbjektivitätslehre angreift, zeigen wir zonächst, dafs er 
die Menschheit in ihrer Gesamtheit so wenig als Mafs 
der Dinge ansah, wie den einzelnen Menst^hen in der ganzen 
ZafttUigkeit seines empirischen Znstandes. 

Es ist ein bekannter Satz Piatons, dafs die Seele, indem sie in 
den Kerker des Körpers eintritt, die -ihr verliehene Fähigkeit , die 
Objekte einer höheren Erkenntniswelt ^^) zu erfieissen, fest voUstlindig 
verliert. Wenn sie aber anch in einzelnen Fftlien, wo sie das rich- 
tige Streben bekundet^), eine über die blofse hiia hinausgehende 
^TncT^liil erlangt, so verdankt sie dieselbe ausschlieMich der *ävd- 
^VT)Ctc deijenigen eVbr\j welche sie einst im körperlosen Zustand 
geschaut hatte. Die Ideen und namentlich die des Guten ^^) und 
nicht der , Mensch sind also dann das Mafia der Dinge, und Piaton 
konnte, weil ihm diese Idee mit der Gottes identisch war [vergl. 
Peipers a. a. 0. S. 631 und Siebeek a. a. 0. S. 189], den Sats aus- 
sprechen: ö 66ÖC fmtv irdvTUiv xP^m^^'f^Aiv |Li€Tpdv fiv cYt) 
fidXicTo Kai iToXtP jiäXXov fj iroO Tic, djc <paciv, ävOpuiiroc 
(Legg. 716 C). Piaton giebt femer zu, dafs es der Mensch inner- 
halb der bdia dXiiG^c, welche er bezeichnend genug meistens ÄpOrj 
nennt, i^xneipiq, icai Tivi rpiß^ (Phileb. 55 B) namentlich im Gebiete 
des KaXöv Ka\ ÖLfoBöv zu einem richtigen urteil und fblgeweise auch 
zu einer zweckmttfsigen Handlung bringen kann^); allein deijenige, 
6c 6p6dk boSdZei,, also so zu sagen den Nagel auf den Kopf trilFk, 
kann für sein Thun keine Rechenschaft ablegen, weil er ohne voGc 
geurteilt und gehandelt hat [cf. Symp. 203 A: . . • tö öpOd boEd* 
£€iv xal fiv€u ToO ^x^^v Xötov boOvai oök oIc6', £(pT], 6ti oßre 
^nicTOcOai icrwi äXorov jap irpäT^a wSk, &v eir\ diric-nrifiii; 
und Tim. 51 D f.]. Wiederum ist also auch er nicht das Mafs, 
die Ursache der öpOönic, sondern diejenige Idee, deren empirisoheB 



vö|u>uc . . . wSk. dv TIC /jTncaiTO crrou^ctiov irpör^a ctvat f\ tö neidccOm 
aÜTotc, oOc y€ iroXXdiac aörol ol O^ficvoi diro6oKi|uidcavT€C ^eraTidcvroi 
. . . cf. die S. 158 Anm. 23 mitgeteilten Yeree 1421 f. aus den N€<p. des 
Aristophanes. — ^*) Phaedo 76 G . . . fjcov . . • ai Hiuxal xal irpörcpov, 
irplv ctvai ^v dvOpUmou clbet, xu^P^c cuifidTUiv, kuI q)p6vr)av eTxov; für die 
Objekte dieser £rkenntni8welt hat Platon eine ganze Kdhe von Namen: 
rd €l6n, TÄ ÖVTUic övTa, al ibiai, t& dXii6Ctic övxa, tö iravTcXiDc öv, tö 
dXr)0^c, i\ qplüctc. — ^^ Rep. 506 D: . . . dpx^cei jap i^futlv xdv dkircp 
ötKaiOGÜvnc ir^pi . . . oOtuj xal ircpl toO dyaOcO 5UX9i]C . . . dXX* öiruic 
^f| oöx oloc t* £co|Liai iTpoOu|Lio0^evoc hk dqcimövwv T^Xurra ö<pXf)CU). cf. ibid. 
61 7 B, Tim. 28 C und Siebeck a. a. 0. S. 197. Nur Oott und wenigen 
Sterblichen ist es vergönnt: toO \xbf {b6lr\c dXt)6o0c) irdvTa dvöpa ^€T- 
^€iv. voO bä OcoOc, dvOpcOmuv bk jivoc ßpaxO ti (Tim. 51 E). cf. Bep. 
429 A. Arist de an. 404^ 6. — ^>) Rep. 508 £: . . . toOto toCvuv tö ti^v 
dX/|6ctciv irop^ov toIc yitviucko^^ic tcal v^ yvfyxhocovn Tf)v 50va^tv 
diroöiööv tV)v toO dyaOoO iö^av «paOI clvai, alTiav b* txncci\\irfc oGcav 
Koi dXr)0€<ac tbc yiVf\ucK0\i4yt\Q m^v ötovooO . . . . cf . Tim. 29 El 92 B. 
Phaedo 98 A. Phaedr. 278 D. — **) Meno 97 B: . . . b6ia dXT|6Ac irpöc 
öpOöniTa irpdEcuic oöö^v xc^puiv i^tcfuitbv <ppovif|ceuic; besonders der KiXnttler 
trifft Termittelst ihrer oft das Richtige (Phileb. 59 A). 



Die Berichte des Piatoa imd Aristoteles Aber Protagoras 167 

Bild er, obne den Gegenertand bewnTBt eu keimen, sixftOig getroffen 
hat*«) 

Mithin bleiiyt für den ganz aiäf sich und seine i^ähigfaeiten, oder 
nach platonischer Aufiaesung Unfähigkeiten angemesenen ävOpumoc 
nnr die aicOifac und eine oait ihr unmittelbar verbundene hiia Über, 
irokäie Fiaton meistens mit der afcdr|Cic auf ^Imhe Stufe stellt.^) 
Da 68 aber innerhalb dieser Sphäre weder eise d^fjOeia noch eine 
ouda^^) und fdgUcdi auch keine ^mcTrjjiif]^^) giebt, so war in den 
Augen Piatons der anthropometrische Standpunkt flber- 
hanpt ohne wissenschaftliche Bedeutung. Dieser Übenseagung 
giebt er in zwei Sitz^i Ausdruck, welche offenbar ihre Spitze nicht 
ttor gegen das Beohthaben des einzelnen auf theoretischem und 
paktischem Gebiete kehren, sondern gegen die Anschauung Über- 
haupt, welche alles S«ni und Geschehen an den Faktor des Menschen 
knüpft: aurd auT&v ouciov IxomA tiva ß^paiöv ^cTi td TipdribiaTO, 
ou irpöc itfiäc, oöb' dq>' ^m^v, d\K<3fi€va ävw Kod KdTUU tijj fmer^piii 
(povT&cjuaTt, iäika icaO' üina rrpöc Tf|v a\>rujiv ouckxv Ix^vrot, ^irep 
ii^uK€V (OratjL 386 D), Kord TJ|V auriDv ^uciv ica\ id Tipd^tc 
«pdTTOVTOi, oh Kord Tf)V fmcrdpov boSav (Sbid. 387 A). Wir werden 
nun die Gründe aufzuzeigen haben, welohe Piaion Teranlasseii konnten, 
lediglich den extremen Subjektivismus zu bekämpfen. 

V. 
Wie TwUUt lioii Aristipp dam Satie das Pr^tagoraB gegoiflber? 



In der Person des Cjrenaikers Aristipp hatte der Sophist aller- 
dings einen Anhänger erhalten, weicher in d^m jedesmaligen Bewufst- 
s»eui des einzelnen Individuums die emzige konstatierbare Thatsache 
und das alleinige Eiiterium ftlr die Wahi'heit sah^^), mithin dem in Bede 



**) Der hhla fehlt die dvdfivncic: Meno OSA: . . . 6iaqp^p€t beciüi^i 
dva}ivf|C€ui<: ^incnf)|iT) öpdf^c h6lr\c. cf. Ken. 478 C: yv^^oaiK <paiv€Tai 
W^a CKOTiu&dcT€pov, dtvoiac 6^ (pavdrcpov, ibid. 479 D, 633 D. — **) Theaet. 
161D: . . . 6 öv 6* alcefic€uic boSdrij . . .; ibid. 179C: . . al alcen««: 
mi «i «OTÄ Tcnhoc ööSai .....; Tim. 38 C: . . . Td alcBritd MEu irepi- 
Aiirrd |iCT* oic6^auic . . .; ibid. 37 B: . . . ötov irepi t6 ak^TÖv y^vnirw 
. . . Meax . . . ; ibid. 58A: . . . alcdr|TÖv . . . böCij fier* aicÖr|CCttic 
ii€ptXi|VT6v . . .; Cfaarm. 159 A: . . . aic€fno(v Tiva trop^av, ^ ^c 66Ea 
. . .: Phaedo 96 B: ... 6 ^TK^<paXoc . . . Tdc a(G9if)C€tc . . . nop^oiv . . . 
U ToOmfv bk b6£a . . . cf . Phileb. 88 C. — ^) Phaedo 81 B: . . . tä toIc 
ö|i|iaa CKonl^ftcc kqI d€i6^c, vöt^töv t€ kqI <piXo€eq)(i;i olperöv; of. ibid. 
€6 Bf.; S^B\ fiep. 687 D f. •— ^^ Bep. 6S9B3 . . . töv 6^ -rtc dvui 
icsxvTvdic . . . TiSiv aic6r)Tu>v kiax&p^ ti fiav8dv€iv, oih'e paO^v dv irorl 
<^fUu odrdv . . . ^mcr/mirv ydp oOö^v kty^yf ¥u»v TotoOruiv; of. Phaedo 
76Af. — ^^ Segct Emp. TTpöc MoucucoOc 63: oi dir4 Tf^c KupV^vn^ <]P>^ 
€0901 ^6va quicW öirdpxetv Td nddf), dUo hk oiib^\ adv. Math. VII 191 ff. : . . 
fodv oOv ol KupnvatKoi Kpinfipia elvcti Td ndOn kqI ^öva xaTaXafx- 
§dvcc6ai Nol döidt|icucra Tvrxdveiv . . . . dri fi^ Tdp XeuKatvöjuicOd, q>no, 
Kul TAvKa£6MC6a, buvardv A/^t^sv dbuiMieücnuc xal dvcEeXi^YKTUic öti 6^ tö 
^miinttiiöv ToO udBovc X€URdv (h^riv f{ yXvKd knv, oöx olöv Tdwxpoiveceai« 



168 Wilhelm Halbfass: 

stehenden Satze eine durchaus individuelle Wendung gab. 
Nach Aristipp hat jedes Individuum sein eignes Mafs zur Konsta- 
tierung und Beurteilung der ^irdOti', ob dasselbe mit dem eines 
andern Individuums vergleichbar sei, steht völlig dahin. ^) Nun ist 
freilich historisch nicht überliefert, dafs der Cjrenaiker ein Schüler 
des Sophisten gewesen ist, denn er kam nach Athen, nicht um diesen 
zu hören, der vielleicht damals gar nicht mehr lebte, sondern um 
sich Sokrates anzuschliefsen (xarä kX^oc CuiKpdrouc Diog. L. 11 65). 
Allein abgesehen davon, dafs eine persönliche Bekanntschaft beider 
immerhin denkbar ist, insofern das reiche und üppige Kyrene gewifs 
auch von Protagoras vorübergehend besucht vrurde, teilte er mit 
diesem die Vorliebe für die praktische Seite der Philosophie^^) und 
die. Verachtung der mathematischen Wissenschaften.^) Bei der be- 
kannten Vorliebe Piatons für diese Wissenschafben [man vergl. nur 
Bep. 526 A f.] begreifen wir aber recht wohl, wie er in der Sub- 
jektiyitätslehre des Cjrenaikers eine Frucht der protagorischen 
Weisheit erblicken konnte und daher bestrebt war, mit allen Mitteln 
seiner überlegenen Dialektik eine philosophische Bichtung zu ver- 
nichten, welche durch ihre einseitige Bevorzugung der praktischen 
Interessen die Grundlagen des philosophischen Denkens überhaupt 
übersah. 

VI. 

Wie verhalteii sich Piatons Zeitgenossen dem Satz des Protagoras 

gegenfiber? 

Noch aus einem ahdem seine Brust tiefbewegenden Grunde 
mochte er sich bewogen i^hlen, den Ausspruch des Sophisten von 
seiner verwundbarsten Seite anzugreifen. Obwohl dieser nämlich, wie 
wir S. 3 sahen, ausdrücklich das Auflehnen des einzelnen gegen die 
von der Gesamtheit aufgestellten Gesetze verwarf, war faktisch, 
wie aus den Berichten Platons^^) und den Klagen z. B. von Ari- 



<»<0 Sexi Emp. adv. Math. V U 196 f. : . . . ^Kacroc yäp toO löiou ird- 
6ouc dvTtXaMßdverai, .. . |yiii6€v6c bi KOtvoO irddouc irepl i^Mdc t^vo- 
lüi^vou irpoircT^c icri t6 \tf€\v öri t6 £)üu>1 tgIov <palvö^evov toIov xal Tip 
irapccTdiTi qpaivcTai . . . ü)ct€ koiv& }ibf f\}iäc öv6|üiaTa TiB^vai toi'c 
TrpdTMaci, irdGri 5^ T€ ^x^iv Xbia ... — *•) Diog. L. U 91: . . Tfjv 
cppövr^civ dTuOöv |l4^ elvai X^ouciv, oö ö* aörfjv bi alpcri^v dXXd biä rä i£ 
ainf\c ireptTiTvö^cva. — ^^ Er wird besonders von Aristoteles deswegen 
getadelt: . . . tiDv cocptcruiv Ttvec, otov 'ApCcrtiriTGC TrpoemiXdiaSCev oördc 
(Tdc juiaeimaTiKdc); (Mot. 996* 82) als Grund dafär wird angegeben: rdc 
^aOrmaTiKdc oöb^va irotdcOai Xötov nep\ dtaOuiv Kai xaKtliv (ibid. 996* 85) ; 
ähnlich noch ibid. 1078* 82 bei und Sexi Emp. VE 11, Diog. L. n 92. 
— »») ßep. 657 B: . . . iX€uO€p(ac fj iröXic mcctV) xal icappr|dac t^Tverai 
Kai itovcia kv aOxQ iroietv, 6ti tic ßoOXcrat . . . öirou 6^ ye 
Itovcia bf\\ov 5Tt ibiav ^KacToc dv KaTacKCui*|v toO aöroO ß(ou 
KaTacK€ud2:ovTa ^v aijxfji firic ^KacTOv dp^CKOi; Gorg. 482 £: . . . 

IV T€ Tfl ^KKXTldijt, ddv Tl COO X^OVTOC Ö öf|^0C Ö 'AdllVaÜUV |Llf| <pfl OÜTttlC 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 169. 

stopfaanes*^ und Isokrates^) anleagbar hervorgeht, der Aus- 
spraeh 80 gedeutet worden, als ob er die subjektive Willkür zur 
alleioigen Sittenriohterin erhob und der pietfttlosen Ausbeutung 
eg(nstischer Interessen Thttr und Thor 5£fhete.^) Sind jedenfalls 
die Ursachen einer verftnderten Anschauung in Recht und Moral in 
allgemeineren kulturgeschichtlichen Potenzen zu suchen und nur zu 
einem sehr geringen Bruchteil auf den unmittelbaren Einflufs des 
proUgorischen Satzes zurückzuführen, so war Piaton doch wohl im 
Rechte, wenn er den Ausspruch des Abderiten als das Signal zu 
einer philosophischen Bewegung betrachtete, deren nach erkenntnis- 
tkeoretiBcher Seite von Aristipp, nach der moralphilosophischen Seite 
TOtt der Volksmeinung vollzogene Konsequenzen nicht nur schnur- 
itncks seinen persönlichen Überzeugungen entgegenliefen, sondern 
mit jeder besonnenen philosophischen Ansicht in Kollision geraten 
ffloÜBten. Wir haben aber bisher keine Ursache gefunden, diese 
Konsequenzen Protagoras selber schon aufzubürden. 

Nachdem wir nun das S. 163 uns gegebene Versprechen gelöst 
IQ haben glauben, kehren wir zu der weiteren Entwicklung der 
protagorischen Lehre im Theätet zurück« 

B. Die platonisehe Darstellimg. 

L 

Wie verhilt sieh Protagoras gegenüber der Gleichung 

dmcnfiiüiTi ■=" alcGiicic? 

An seine individuelle Auslegung des protagorischen Ausspruches 
hfipft der Autor zunftchst einen Beweis für seine Behauptung, dafs 
derselbe im Grunde genommen mit der Gleichung: lniCTi^|Lir] = 
alcOncic, welche Thetttet 151 £ angesetzt hatte, identisch sei 

<X(iv, MCTOpaXXö^cvoc \tf&c & ^Kdvoc ßoiiXcTai .... Legg. 889 £ f. : OcoCpc 
. . . cfvoi npdn&v <paav oOroi rixyi}, oö <pOc€i dXXd Ttci vö^oic, kqI 
TouTouc dAXouc dXXn öin} SicacTot ^Kdcroic cuvui^oXÖTilcav vo|Llo6cTOÜ^evol 
• . . . T& 6^ bi\ bucaia oöb' ctvat tö irapdirav qpOcct, dXX' d^<ptc- 
titroOvTac btorcXdv dXXif|Xoic Kai inETomQiiUyovc dcl raOra & 6' dv 
ucT^eufvTm Kai örav, Tdxc xOpta Ixacra cTvai .... toOt' icriv . . . diravra 
tvöpiiiv cocpunr trapd v^oic dvOpcinrotc . . . <pacKÖVTUiv clvai t6 biKaiörarov 
ö li TIC dv vtK^i Pia216^evoc, ^cv ddßeiai re dvOpiinroic i^iriirrouci v^otc 
. . CTdcac T€ btä taOra . . . cf. 8. 165 Anm. 48. — *') Vergl. aulser den 
S. ISS Anm. 23 mitgeteilten Versen noch: Y 1888: £btbaEd^r|v C€, Tolav bi- 
ttJoicdvnX^tv, eiraOrd tc M^^^^c dvair€ic€tv die öiKaiov koI KaXöv t6v 
nxipa T^KTCcOaC Icnv öirö vSxv ulcd^ v. 1427: ck^mioi toOc dXcKTpOovac 
nt TdXXa Td ßord raöriy die toOc noT^pac d^Ovcrai, Kakoi T€ 6iaq>^pouav 
w|Äv iKdvot irX/|v t' öti f^ipiqiara oö TPd<poua. — ••) Vergl. auTser 
den früher au&eführten Stellen: de Perm. § 175, 197, 202, 213; 
dam hnoBB, Ofymp. XXXIII. — •«) übrigens stellt schon Sokratea 
-len. Mem. III 4, 12) die bedenkliche Maxime auf: i^ Tdiv \hiiuv imfii- 
^ wiJfi€i M^vov btaq>^p€i Tf\c vSrv xotvii^ . . . oü vdp dXXoic ndv dvOpdH 
voK M Tuiv Kotvdiv l1n^€X6^evol xP^S^vrai f\ dicircp ol Td löta oIkovo- 
Moömc 



170 Wilhelm HalbfMs: 

[TpÖTTOV bi Tiva äXXov €(piiK€ T& aÖTÖ raöra]: Da nttmlich 
derselbe Wind einem Frierenden kalt, einem Nichtfrierenden warm 
erscheint, so müssen wir nach Protagoras schliel^n) dafs nur der 
frierende resp. nicht&ierende Mensch und zwar immer nur für seine 
eigene Person über die Natur des Windes entscheiden kann.^) Da 
also der odcOiicic allein das urteil über die oucia itv€i3iüuxtoc zu- 
kommt, so mufs sie dXifOi^c^ und folglich intcnf|^1l sein und zwar 
iv T€ OepiioTc Kai tt&ci toic toioutoic. unter dra rä TOiaOra hat 
man zu yerstehen: ckXtipöv küi Gep^öv (Theät. 156 E); Oep^d, 
Eripä, T^uK^a irdvia öca toO tuttou toütou (171 E); Xcukwv, 
ßap^iuv, Koupujv oObcvöc örou od tu>v toioutu)v (178 B); 6€p|Liä 
Kai CKXiipä Kai KOÜq>a Kai t^^k^^i (184 E). Wir vermögen aber 
nicht einzusehen, wie aus dieser Argumentation folgen soll, dafs 
Protagoras im Gebiete der atc6r|Cic einen extremen Subjektivismus 
predigte. ^^ Da er sich wohl kaum vor der Thatsache verschliefsen 
konnte, dafs die sinnliche Auffassung der Meufiohen durchweg die 
gleiche ist, so lag der Gedanke für ihn viel nfther, dafs die Sinnes- 
wahmehmui^en, welche in der That oft bei gleichen Objekten je 
nach den wahrnehmenden Subjekten AbweiohuBjgen aufweisen, erst 
durch den sie empfindenden Menschen als solche qualificiert werden. 
Die Wendungen; ^7raKoXou6r|Ctt)|yi€V oöv aörCp; f\ TreicöjLieOa toi 
TTpiUTaTÖpqi deuten auch darauf bin, dafs der Autor von sich aus 
ein solches Beispiel wählte*®), bei welchem die subjektive Differenz 
beträchtlich zu sein pflegt, also eine ausgepiilgt individuelle Aus- 
legung bestätigte. 

Wir übergehen einstweilen den Abschnitt 1Ö2C — 157 D, in 
welchem das Verhältnis des Sophisten zu Heraklit erörtert wird, 
und wenden uns zu dem die soeben besprochene Stelle ergänzenden 
Abschnitt 157E — 158 D. Hier bemerkt der Berichterstatter pole- 
misierend, dafs die sogenannten abnormalen psychischen Erscheinungen 
mit der Gleichung diriCTtiiar] *« alcSticic in Widerspruch zu stehen 
scheinen: ttoXXoO bei xä qpaivöjueva Jkäctiu raOra Kai dvai, dXXd 
Tiäv TouvovTiov oubev S)V «paiveTai elvai (158 A); bald darauf ver- 
sucht er es im Namen des Protagoras, auch diese Phänomene mit 

^') 162 B: T^i )i^ ^itoOvTi «|iuxpöv T<)» bi ^^ od; ähnlich 154 A: 
dXAi)) dvOpUmqj dp' ö^otov xal col q^aivcrai önoOv; lx€ic toOto tcxupiXic, f{ 
iroXO ^fiAAov, 6x\ obbi col oön^p toöt^ bid t6 fnib^noTE ö|jioiuL)c aöxdv 
ceauTt|i i%!Ew. cf. Arist. de an. 428^ 1: . . . irörcpov ndvTuiv ö^oiuic icrbf 
i\ akÖt^ac, f\ dXXuyv dAXuic ... — ^') Cratjl. S86B: oOtoc d Xötoc^ &c 
dv Td dvTO \iv3i9 ^c ^cr^v dXir|e/|c; ebenso Phaedo 88 B, 84 A, 6oph. 
237 A. Euthyd. 286 AC und Theaet. 160 C: dXnef)c dpa i\Mi i\ ipi) a(> 
cencic* Tflc Tdp äyif\c oOciac äei ioru — ^') Schon Wecklein a. a. O. S. 16, 
Schneidewin, disqaiaitio de Piatonis Theaeteto. Göttiogen 1865. S. 83 
und Schnippel, Widerleg, der soph. Erkenntnistheorie. G^ra 1874. S. 8 
sind gleich&lLi dieser Überzeugung. — **) Subjektive und individuelle Be- 
dingungen wirken gerade auf unser Urteil über Wärme und Kälteein, im 
höheren Mafae als z. B. bei den Gesiehtsvorstellnngen; vergl. Monsson, 
Physik auf Grundlage der Erfahrung. 3. Aufl. 11^ S. 10 und II' S. 345. 



Die Berichte des Plalon und Aristoteles über Protagoras. 171 

dem ladiTidaalisinus is Einklang -zu bringen. Wir werden auf diese 
dttlektisefae £röitenuig spftter gebührend eingehen und machen hier 
zunlchst auf den in unserm Abschnitt deutlich zu Tage tretenden 
Wechsei der drei psjdhologischen termini aicOdvccOai, (podvccGai, 
boUi€i}f anfinerkBam. Die ivxmyna^ vöcot äXXai T6 kqI ^aviai, das 
vopcKoikiVy TTopopfiv i\ Ti SKko irapaicddvecdai werden sowohl 
oici^ceic wie q>alv6^€va genannt: ibc Travröc fiäXXov fmiv i|J€ub€ic 
ak8^ic iv aOrotc Tiirvofi^vac xai ncXu bei Ta q>atvö^€va . . . 
iXka irfiv Toövavriov oub^v div q)aiv€Tai efvai (158 A); sodann 
werden ^aivEctat und 6v€ipuiTT6iv mit boialeiv bezeichnet: u»c o\ 
Mav6^6VOl 1i o\ öv£ipu»TTOVT€C ou \^vbf\ boSdZouciv . . . (158 B) 
and sehUefblieh das TrapmcddvecOm ein böEacjna genannt: . . . ÖTToTa 
TOimuv Turv öoEoqA(iTuiv dXridf) . . . (158 E). Auch sonst gehen 
im Thefltet die termini q>afvecOai und boxeiv in der Bedeatimg 
Torstellen, wofür auch bo£d£eiv eintritt, aic6ävec6ou und boEdZeiv 
oid dc6dv€c9at und q>aiv€c6ai h&ufig in einander ttber. Da zu 
diesen terminis nooh ein vierter gleichwertiger irdOoc hinzutritt, so 
wild ihre Vieldeutigkeit, zumal noch bOKeiv in zwei völlig von 
einander verschiedenen Bedeutungen auftritt (vergL 8. 186 ff.), so 
lafUlend^), dafs man aus dieser Thateaehe entweder folgern mufs, 
Platoo habe die termini dnr<di«nandergewor£en, weil aiu demjenigen, 
wts er Aber die Lehre des Sophisten in Erfahrung bringen konnte, 
sieht mit Sicherheit hervorging, welche Ausdehnung dieselbe besaijs, 
oder auch, dafs Protagoras selber mit den Ausdrücken wechselte und 
io Phton Veranlassung gab, ihn Stttze behaupten zu lassen, die er 
leihst schwerlich als sein Eigentum betrachtet hfttte. Jadenfalls 
freht aber aus derselben hervor, wie schwierig es ist, aus dem 
Thetiet den genauen umfang der protagorischen Lehre 
Bit ausreichender Sicherheit festzustellen. 



*^ Mao beachte: Td bi T€ (paivcTUi alcedvecOai icTiv (162 6); 
^ tXukOtiic . . . T^UKÖv TÖv otvov Tfl (»TiuivoOcij fhbvTr} ijioir]ce ical 
(ivai Kai 4pa(v€c6at . . . (159 D); cl yäp bi\ ^Kdcrqi dXT|6k icrai 6 dv 
V alcerfccuic boEdZi], icai)üif)TC tö dXXou irdOoc dXXoc ß^XTiov biaKptv^, 
«'ITC t^ Ö6€av Kupti(»TCpoc fcrai . . . (161 D); und besonders in der dem 
Protagoias in den Mond gelegten Verteidigungsrede: . . . ]uivfmr)v 
«■pdvcrt TOI, Iira6€ toioOt6v tt o^cav irdOoc, olov Ort litacxe, ^v^ic^i 
v<kcxovTi (1#6B); . . . ^AeyEov die ot^x^ ^^lai alc6/|cctc ^icdcnfj i\pLfSrv 
T<TV0Tiit, f^ dK IMurv fitvofi^vuiv oCib^ it dv mAXXov tö <paivö)i€vov . . . 
ilMC); . , , tC^ ^ dcOevpOvTi iriKpd qpaivcrat & 4c6ici kuI (Um . . . 
A M^ Kdiivwv dfiodf|c, ön TotaOra boSdZci . . . d^€{vulv yäp i\ iripa 
<Ei€ . . . iircl <3iö ri f€ t)pcu6<t boSdZovra t(c tivo ücrcpov äkrfif^ liroincE 
Mdlciv. eöTC Tdp t& ^i\ övra öuvotöv boHdcat, oürc dXXa irap' ü dv 
t4cx!j • • • wovrjpdc yfixtfic ^gci boSdZovTac cuTT^vf) idurfic XPncr^ 
Msfa boEdcai Crcpa roiaOta, (t bt\ Ttvec rd q)avTdc^aTa (uro diret- 
P<ec dAf|Wt mXoOav . . . (166 BC); . . . rd ^^f ivoUd 4 boKcl to6ti) 
m Icnv Mkcn|i; e€p^d lupd . . . (171 E); . . . irdvrujv frfrpov dvepui- 
*K . . . X€UKd»v ßap^uiv . . . Ixuiv . . . t6 xpor/ipiov 4v a(iTi{i olaird- 
CKi . . . (176 £)) cf. Eep. 602 £, Phaedr. 261 D, Soph. 216 C, 286 £, 240 D, 
fvm. 165 A. PUleb. 83£, 86A, 89 A. 



172 Wilhelm Halbfass: 

Eine bedeutsame Rolle spielt an unserer Stelle weiter der ter- 
minus ^dXiiGi|c', welcher nach griechischem Sprachgebrauch sowohl 
mit den Begriffen ^ wahr' und * wirklich' auf theoretischem Gebiete, 
wie mit dem Begriff ^richtig' auf praktischem Gebiete sich deckt 
Piaton giebt zu, dafs sowohl die normalen wie die abnormalen Sinnes- 
wahmehmungen und Vorstellungen für den, der sie jedes Mal an 
sich erfahre, Wirklich' d.h. 6Lkr\W] sind, er leugnet aber in Über- 
einstimmung mit der populären Anschauung, dafs die abnormalen 
qpaivöjieva auf ^Wahrheit' d.h. dXr|6eia Anspruch machen können. ^^) 
Er giebt freilich, wie wir S. 167 Anm. 55 und 56 sahen, auch nicht 
zu, dafs die normalen alcOrjc€ic ^wahr' im eigentlichen Sinne des 
Wortes sein können; allein sie bilden doch wenigstens das Sprung- 
brett, um sich in die Ideenwelt emporzuschwingen^'), während die 
Seele im Traume, wo sie der ävä^V1lClC entbehrt, nur mit der Welt 
der (paivöjüieva in Verbindung treten kann.^^) 

Froti^oras aber, so folgert Piaton, kann, weil er von seinem anthro- 
pometrischen Standpunkt aus — gleichgültig ob generell oder indi- 
viduell aufgeÜEifst — theoretisch und principiell beide Vorstellungsarten 
nicht von einander scheiden kann, nur aus rein praktischen Gründen 
dem Wachen yor dem Träumen, den normalen Sinneswahmehmungen 
vor den Sinnestäuschungen, der Gesundheit vor der E[rankheit den 
Vorzug geben. Hätte aber wirklich der Sophist den individuellen 
Standpunkt vertreten, so konnte ihn Plato, ohne das schwere Geschütz 
seiner Ideenlehre ins Treffen zu führen und ohne mit dem terminus 
^dXTi6/)c' ein qui pro quo anzustellen, durch die Bemerkung ab- 
fertigen, dafs die Menschen ohne weiteres gewohnt sind, nur den 
sogenannten normalen physischen Erscheinungen eine praktische 
Bedeutimg beizulegen. Wäre ferner Plato eine bestimmte Aufserung 
des Sophisten über diesen Punkt bekannt gewesen, so hätte er doch 
diese sicherlich hier erwähnt und nicht nur lediglich auf Grund 
seines eigenen Sjstemes eine Entscheidung getroffen. ^^ 

^^) Dafs in dem Zugeständnis Piatons: irepl bi töv irapöv ^Kdcrip ird- 
Goc, ii O&v al aic6f|C€ic koI al xard raOrac bölax yiTvövTai, x^XcirUircpov 
IX^v die oi)K dXii8€!c (179 C) dXiiOdc mit 'wirklich' zu übersetsen ist, 
hat zuerst Ereienbühl, Neue Untersuchungen zu Piatons Theätet. Luzem 
1874. S. 31 ff. bündig bewiesen. — ") Symp. 211 C: . . . dpxÖMCvov dmö 
Ti£rv&€ Tdw KoXtlfv ^Kcivou ^cxa toO xaXoO d€l ^iravidvai ificircp ^irava- 
ßaO^otc xp^^cvov . . .; cf. Bep. 511 B: . . . Tdc (moB^cctc irotoO^cvoc 
oOk dpxdc, dXXd rCji övn OiroB^cetc, olov ^irißdcctc t€ xal 6p|idc . . .; 
und Phaedr. 249 Bf. — '") Eep. 671 C: . . . örav t6 yutv dXXo tt^c miux»^c 
eOöij, Öcov XoTicriKÖv Kai fi^epov Kai dpxov ^Kcivou. c£ ibid. 620 G, 533X), 
534 G. Mit Recht macht Peipers a. a. 0. S. 402 darauf aufinerksam, 
dafs die Worte: dT€ yäp vuvl 6iaX^€c6ai o<)bkv kwXOci Kai bf t^ üirvip 
öoKCtv öiaX^ccOai (Theaet. 158 G) von Piaton nicht ernst gemeint sein 
können y denn öiaX^yccOai kann nach ihm die Seele nur im Wachen. — 
'*) Auch Peipers a. a. 0. S. 131 stellt eine nähere Kenntnis Platons 
darüber, wie sich Protagoras faktisch in dieser Besdehung verhalten 
habe, in Abrede; wir möchten aber im Gegensatz zu ihm (a. a. 0. S. 47) 
aus Prot 834 A ff., eine Stelle, welche auch Sauppe in seiner Schulausigabo 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles Über Protagoras. 173 

n. 

Wie verhielt tdoli Protagoras der Lelure des Heraklit gegenüber? 

Nachdem wir in den Auseinandersetzungen Piatons über den 
Sensoalismas des Abderiten kein Argument entdecken konnten, 
welches für die Authenticitftt der platonischen Auslegung 
des bekannten Satzes spräche, kehren wir zu dem früher von 
ms bei Seite gelassenen Abschnitte 152G — 157C zurück. In 
diesem sucht der Autor darzulegen, dafs die Lehre des Heraklit: 
(cx\ \iiv yäp oub^TTOT' oöWv, dei hk T^TVCxai (162 C) der eigent- 
liche Kern des Anthropologismus sei, während das Bindeglied beider 
Lehren durch den Relativismus: Iv |Li^v fäp a\n6 KaO' axnö oi)biv 
dcnv (152 C) ausgefüllt werde. 

Erinnern wir uns, daJTs er den Sensualismus mit der Lehre des 
Sophisten für wesentlich identisch hielt und im Bereich der a1fcOr)Cic 
die Lehre des Heraklit anerkannte [cf. Arist met 986*^32 f. Tim. 
28 A£, 30 A, 316, 49 A, ölCff.], so ist es zwar sehr natürlich, 
wenn er zwischen jenen beiden Lehren einen engen Zusammenhang 
Toranssetzte; allein ob historisch Protagoras von Heraklit ausge- 
gangen oder überhaupt nur sein Anhänger gewesen ist, bleibt noch 
naerwiesen. Früher nahm man allerdings ein solches Abhängigkeits- 
rerhUtnis als selbstverständlich an^^); allein neuerdings hat man 
mit Recht daran gezweifelt und die Möglichkeit einer anderen Basis 
der protagorischen Lehre zugegeben ^^), wir hoffen nan unsererseits 
oaehweisen zu können, dafs aus dem Theätet ein historischer 
Zusammenhang nicht nachgewiesen werden kann. 

Zunächst weisen wir darauf hin, dafs der Berichterstatter 
lelber zugesteht, beide Lehren treffen nur zufällig zusammen : . • . 
ml ir€pl TOiJTOu irdvTCC af\c ol co<poi £u^q)^p€cOov TTpuiratöpac 
Tc xai 'HpdicXeiTOC (152 £) und es nur als seine persönliche Ansicht 
binstellt, dafs der Sophist auf den Schultern des Ephesiers stehe. 
Indem es seine Absicht ist, den rothen Faden, der sich durch alle 
relativistischen und sensualistichen Anschauungen hindurchzieht, 
dem philosophischen Publikum klar vor Augen zu legen, kommt er 
ra der üeberzeugung, dafs sie alle letzUch auf Heraklit als Aus- 
gangspunkt hinweisen: dp' oOv iTpöc XapiTUiV irdccocpöc Tic fjv ö 

dea Dialoge« fBr eine spez. protagorische hält, nur auf eiuigepraktiBohe 
Kontniane des Sophisten in der Medicin schlielsen. — ^*) Wir nennen 
bot: Bnuidis, Gesch. d. Entw. d. griech. Philos. Bd. I S. 204. Lassalle, 
HeiaUit der Dunkle. Bd. n 8. 399. Steinhart, Einltg. zu Platons Werken 
Bd. m 8. 9. Weber a. a. 0. 8. 20. Schans a. a. 0. 8. 78. — ^'^) Wir 
b«beB hervor: Sehneidewin a. a. 0. 8. 29; Lange, SensuaUsmus des 
Protagons. 06ttingen 1878. 8. 7. Peiners a. a. 0. 8. 8 und 882. Alle 
VenraadtKhaft des Sophisten mit Heraklit leugnen Orote a. a. 0. VoL II 
p. tu tand teüweise auch Laas a. a. 0. 8. 81 und 198. Mfins a. a. 0. 
0- 18 ffiaabt, dab Protagoras lediglich auf dem Wege der Erfahrung 
v Auitellung seines Satzes gekommen sei. 



174 Wühelm HalbfiuB: 

TTpiDTaxöpac Ka\ toOto f||iiv fifcv fjfvliaxo Ttp ttoXXiIi cupcpctii», laic 
bi ^aeriraic dv diroppfiTq) Tf|V dXiiBeiav ?X€T€v'*) (162 C); 
Xdpiv ouv jioi etcci, ddv coi dvbpöc, fJiaXXov hk dvbpi&v dvojüiacTalv 
TV]c biavoiac T^v dXrjOeiav dTroKCKpumm^vriv cuv€£ep€uW|cuJ^al 
dvr' ouTa»v''^) (155 D); . . . dXXoi b^ iroXu KO)AV|fÖT€poi, d)v jn^XXu) 
COI rd füiucTi^pia X^t^iv . . . (156 A). Aus den augefahrten Stellen 
ersieht man anch, dafs Piaton sich von dem orakelhaften Ton, in 
dem jene Lehren yorgetragen wurden, wenig befriedigt fühlte und 
es schon deshalb angezeigt fand, selber eine leicht verstfindlicbe 
Darstellung zu geben, welche er offen als sein Eigentum aagiebt: 
tjTTÖXaße Toivuv ouTUici . . • (153 D); dirujjuieOa toi dpri X6ir4> 
(153 E); ä9p€i ddv iruic ä7roT€Xec8fi, ßoüXeTai tdp bf) X^t^iv 
(6 jüiOeoc) d)c . . . (156 C); . . . diTCJibiiü t€ xal irapaTiBimi ^KdcTWV 
Tiliv cotpüuv dTt0T€ucac6ai £u)c dv elc qiuic tö cdv bÖTfm SuveH- 
aTÄTW (1Ö7 C). 

Mit der Annahme eines heraklitischen Unterbaues der prota- 
gorischen Lehre steht femer eine bisher fast unbeachtet gebliebene 
Stelle in Widerspruch. S. 154 sahen wir, dafs der Sophist seine 
Schüler zu fleifsigen Übungen des Geistes und des Körpers ermahnte 
und ihnen verhiefs, sie von Tag zu Tag ßeXTlovec zu machen. Nun 
führt Piaton (153 Bf.) als oifjicTa kavd fUr den Xöroc: ^cti \iiy 
oub^TTOT* oöb^v, dcl bk T^TVCTai an, dafs ja auch f| tujv cuijütdruiv 
^'£ic UTTÖ ftcuxiac iliIv xal ö^T^ctc bioXXuTUi, dagegen uiro yv'iivaciujv 
KOI Kivrjcewv im ttoXu cu^Zerai und dafs ebenso fi dv t^ M^^XQ ^^^^ 
und jLiaBriccwc jiiv xal jueX^XTic Kivrjceujv dvrtJüv, Kräial xc iiaOri- 
juara xai GwZerai xal f^TVCTai ßeXTiwv, imö f)cuxiac bk d^eXe- 
THciac xal d^aBiac oöaic, oöte ti )juxv6dv€t d t€ &v ^dOg dmXav- 
Gdverai, so dafs als Resultat zum Vorschein konamt: tö fi^v dpadya- 
Gov KivY]cic xard t€ m^ux^^v xal xaxd cuijua, xo bk xouvavxiov. 
Offenbar spottet hier Piaton über den von seinem eigenen Stand- 
punkt aus nutzlosen und nie zu wahrer Einsicht führenden päda- 
gogischen Eifer, indem er sich scherzend fragt, ob jener vielleicht 
deshalb xivrjceic des Körpers und des Geistes anempfehle, weil er 
Anhänger der -Werdenslehre sei Da dieser Einfall natürlich nur 
ironisch zu verstehen ist, so wufste der Autor im Ernste offenbar 
keinen Punkt anzufCkhren, aas dem das heraklitische Gewand der 
protagorischen Lehre klar hervorleuchtete. 

Dafs er aber wirklich an dieser Stelle Protagoras im Auge 
hat^^), bezeugen eine Reihe von Einzelheiten in der Sufseren Form: 



^') Peipera a. a. 0. S. 47 fragt mit Recht, woher denn Piaton 
darüber eine sichere Kunde erhielt, wenn die Lehre nur Einoeweihten 
(£v diTopp/)tur) nritgeteilt wurde. — ^') Wir lesen so statt der Hermann* 
flehen Lesart ZtyvSjv mit Schubarty FleokeisenB Jiüairbücher 1870. S. 615. 
— ^*) Das merkte sekon der treffliche Wolff (a. a. 0. S. 4): Ao veri. 
aimile est, Socratem hoc looo veram Protagorae mtionem reddere vel 
imitari. 



Die Berichte des Platon und Axistot^lee über Protagoras. 175 

Der genaae PaTaUelismus iwischen tu»v cui^äTVüV S£ic und iv t^ 
\^XH ^^ findet aich ebesßo Prot. 351 A f. ^^); der ganze Abschnitt 
igt chiastisch geordnet ^^) und innerhalb der beiden Unterabschnitte 
Thesis und Anütheais genau abgezirkelt (vergl. S. 158 Anm. 24 und 
S. 161 AnoL 36); achlieMich erinnern mehrere Worte und Wendungen 
aa eöoelne Stellen im Mythus im Protagoras. ^^) Ob auch die als 
a|M€ia hcovd angefahrten Momente, daTs tö Gep^öv le xai irOp 
TiXXa T^wqi Kai imTpoireviei und dab T6f 6 Cuiuiv t^voc i% tuiv 
auTwv TOÜTUJV (sc. 9opä Kai Tpii(iic t^v^ccic irvpöc) (pucrai auf 
oaaere Sophisten zurttckzufOhrea sind^^) und von Piaton daher als 
praktische Beweise für den EinfluTs von Heraklit auf ihn beigebracht 
werden konnten^ ist mindestens zweifelhaft; Stellen wie Prot« 320D 
Q&d 321 D^) lassen allerdings die Möglichkeit offen. 

So wenig Piaton mit bestimmten Ausdrücken die 
Lehre des Protagoras auf Heraklit zurückführt, so wenig 
ist, wie wir sehen werden, bei Aristoteles davon die Rede , 
erst Spfttere, namentlich Sextus Empirieus führen die 
Lehre einfach als Eonsequenz des Heraklitismus auf. 

ni. 

Tia Terhidt sicli Protagoias gegenüber den Konsequenaen, 
wdoke PlatOB ans der angenommenen lieraklitiBclten Grandlage 

fBr dessen Lelire zog? 

Wir prüfen nunmehr einige Folgerungen, welche der Autor im 
Kamen des Sophisten aus dem Heraklitismus zieht. Zunächst sucht 
«die Thatsaehe blofs relativer Begriffe, wie hodi, schwer, 
^nb u. s. w. als Argument für die Gültigkeit seiner individuellen 
Auslegung zu benutzen. Allein insofern dieselben geometrische und 
(ijnamische MaJsbestimmungen^ voraussetzen, welche von der ein- 

") . . . t6 m^v (Tf|v biüvaiuv) Kai dii6 ^iriCTf||iiic TifviTai . . . xal 
aT6 fiaviac kcU dic6 Ou^oO; {quijy bi dirö 9!!ic€iuc kuI e(iTpo(p{ac tOliv 
ui|idnttv • . .; 6dpcoc ^y xäp dirö t^x^t^c t^TvcTai dvOpiiiicoic xal dic6 
fufioö T€ xal ^avCaCy ibciccp i\ bOvafiic, dvbpcia hk .d«6 «pOceuic xal 
ÜTpo^iac Turv i^iuxurv T^TVirai. cf. ibid. 336 A f. -^ ^^) Bei der cmfid- 
Twv ^ic wird xaeret das vorteilhafte und dajm das nachteilige, bei der 
h T^ ^fvxi ^ic soeret dae nachteilige und dann das vorteühafte auf- 
gttüüt — ") Man beachte die Wendungen: i^ tiXiv cu>MdTU»v £Etc . . . 
it&UiiTai . . . c462jeTai; i^ 4v t^ MfVxQ ^Eic . . . . Kivficeuiv Övruiv, KTfirai 
7€ Mad^i^utra ical abZ/excLL . . . öii4 b* i^cuxlac . . . oOre xt ^v6dv€t (cf. 
Tbea<»t 167 A: . . . d^€{vulv fäp if\ Mpa llic oötu) hl Kai 4v xfji irai- 
^ 6nö ^T^pac S£euic in\ Tf|y dfAeCvu) ^CTaßAiiT^gv); dficXervida findet 
Qcii aaCier Phaedr. 276 A nur noch bei gana späten Sehriftstellem. — 
"i Das erste Argument hält Weoklein a. a. 0. S. 16 für heraklitisch; 
^ iweike Axgument bringt Wolif aw a. 0. S. 11 wohl mit Unrecht 
mit ttaer von Bessays und Zeller als heraklitisch erkannten Stelle bei 
Platarcä (eCHDt. ad Apoll, c. 10) in Verbindung. -— ^') d20D: . . . Td 
^nwirdx^ TViroOa $€ol Tt^c £v6ov £k Tfjc Kai mipdc; 381 D: .... d#A^ 
lovov l^v dvcu nupöc (ti^ co^iov) sniTfiv tijj f^ %gn\diii\y f^icBau 



176 Wühelm Halbfass: 

zelnen sinnlichen Wahrnehmnng des Menschen völlig nnabhttngig 
sind, können sie yielmehr als Folgerungen eines anthropo- 
metrischen Standpunktes überhaupt angesehen werden. 
Piaton, der selber jene Begriffe durchaus nicht an das Postulat einer 
absoluten Bewegung knüpfte^), stellt ihre Ableitung aus einem 
extremen Subjektivismus, wie die Wendungen: ... die fpait] &v 
TTpwTaTÖpac t€ xai irfic 6 xd aörd £K€(vt{i inixeipdlv X^t^iv . . . 
(164 B); . . . fiv C€ TTpurraTÖpac ^pnrai f\ Tic dXXoc (154 C) zeigen, 
auch nur als seine persönliche Ansicht hin. 

Sodann baut der Autor auf der absoluten Werdenslehre eine 
Sensationstheorie auf, welche die älteren Monographien über 
unseren Gegenstand in Bausch und Bogen für den Sophisten in An- 
spruch nehmen^), während man jetzt mehr und mehr das. Gewand 
derselben durchaus als platonisch anerkannt^^, daneben freilich be- 
hauptet hat, dafs der Inhalt zum grofsen Teile als Authentische 
Lehre des Protagoras aufzufassen sei.®^ Nun scheint uns von vorn- 
herein eine so phantastisch ausgesponnene Theorie, wie die 156 A — 
157 C entwickelte, wenig zu einem Manne zu passen, der, wie Pro- 
tagoras, wesentlich rein praktischen Interessen zugekehrt war. Wenn 
nämlich wirklich Protagoras gelehrt hätte, daCs alle Empfindangs- 
qualitl&ten absolut von einander verschieden sind und in unablässig 
neuen^ mit den früheren unvergleichbaren Verbindungen^) auf den 
Menschen, der sich ihrer nicht erwehren kann, einstürmen, so wäre, 
da es in diesem Falle nicht möglich wäre, sie wiederzuerkennen und 
sie mit konstanten Namen zu belegen, ein Austausch der Gedanken 



^) Phaedo 101 C: . . . oök oTcOa dXXuic truic iKacrov Y^TvöfiCvov f) 
)iCTaq(öv Tf\c ibiac oödac ^Kdcrou oO Av ^erdcxig xai ^v toOtoic oök ^x^ic 
öXkr\y TivA alrCav fi Tf|v Tfjc budboc ^€Tdcx€civ, cf. ibid. 102 B ff. — 
^^) Wir nennen: Schleiermacher, Übers. Platons. 11' S. 173 ff., Stallbaum 
und Wohlrab in ihren Ausgaben des Theätet, Steinhart a. a. 0. 
Vol. lü. S. 46. Frei a. a. 0. S. 79 ff. Susemihl, genet. Entw. d. pkt. 
PhiloB. Bd. I 8. 188 f., Ribbing, genet. Darst. d. plat. Ideenlehre, Bd. X 
S. 122, Schmidt in Fleckeisens Jahrbücher 1878. S. 216. — **) Yergl. 
ÄuTaerungen von Weber a. a. 0. S. 22: Plato sua sentiendi dioendique 
forma, quam a vere Protagorea plane abhorruisse facüe quis credat, 
U8Q8 est, ibid. S. 80: . . nmil sunt nisi merae fictiones Piatonis, qm 
suam artem Protagorae subdidit, Wolff a. a. 0. S. i: . . Plato ipse 
sententiam Protagorae ad hanc formulam compreeserit, ut acrius contra 
aophiatam agere posset; ibid. S. 14: . . novnm igitur habes argumentum, 
ex quo Platonem non pro vetito habnisse rem minus accurate expositam 
e suo amplificare censeas. — "^ Wir heben hervor: Schanz a. a. 0. 
S. 72 ff., Wecklein a. a. 0. S. 20 ff., Alberti, zur Dialektik Piatons. 
Leipzig 1868. S. 7, Heller a. a. 0. S. 980 f. , Grote a. a. 0. Yol. II p. 
884 f. Lange, Sensualismus etc. S. 9 ff., Siebeck a. a. 0. S. 167 f., die 
Äufserungen von Münz a. a. 0. S. 20 ff. und S. 86 stehen darüber mit 
einander in Widerspruch. — "^ The&i 167 A: oöt€ yäp iroioOv ^cri ri, 
irplv Äv Ti|i irdq(0VTi Suv^Oi], oÖt€ itdcxov, irplv dv r^ iroioOvn* t6 t^ 
Tivt EuvcXOöv Kai iroioOv dXXi^i oG irpocircc6v irdqcov dv€(pdvii nnd vergl. 
damit die später noch genauer zu besprechende Stelle Theät. 169 E f.: 
oÖKoOv tf}h n oifbiv dAXo ...... dXXolov t€W|C€toi. 



Die Berichte des Platon und Aristoteles über Protagoras. 177 

der MeBschen unter einander unmöglich. Diese Theorie würde also 
aofterdem den Hanptlehrsatz des Sophisten, dafs der Mensch seinen 
Stempel der Natnr aafdrttcke, auf den Kopf stellen.®^) Wir sind 
um 80 weniger Terpflichtet, Protagoras einen so handgreiflichen 
Widersprach zozniranen, als Aristoteles und Theopln^st sich über 
diesen Punkt in ein undurchdringliches Schweigen hüllen und Platon 
Bar unbestimmt *KOpi|iÖTepoi' als Autoren einer Lehre bezeichnet, 
deroB ^ucTT^pia er dem staunenden The&tet auftischt: Wer sind 
nim diese KOMi|i6T€pot, welche Platon in einen für sie selbst gün- 
stigen Oegensats zu den iidK* €0 fifioucoi bringt, o\ oöb^v fiXXo 
oiö^evot cTvat f| ot3 fiv buvuivrai äirplS toTv x^POiV Xaß^cGai, irpd- 
Eöc bt Kttl T€V^C€ic Kttl TTÖv TÖ döpttTOV oÖK dtTobexöficvoi die tv 
ouciac ^^p€t?^) Da unter diesen ä^oucot wahrscheinlich Demo- 
krit und dessen Anhänger gemeint sind^'), so dürfen wir als den 
Begründer der dargestellten Sensationstheorie nicht etwa den Ato- 
migten hinstellen, sondern eher Empedokles, den Platon ja auch 
152 D ab Parteigänger Heraklits anführt^) und dessen objektive 
nnd subjektive diroppoort^ eine auf&Uende Verwandtschaft sowohl 
mit der hier vorgetragenen Wahmehmungstheorie wie mit der ihr 
zu Orunde gelegten heraklitischen Flufslehre haben. AuTserdem 



") Das Verdienst, darauf mit Nachdruck hingewiesen zu haben, ge- 
bührt wohl Orote a. a. 0. Vol. 11 p. SSI f.; ihm ist hierin besonders 
Uai a. a. O. S. 31 und 198 gefolgt -— *^) tcvkeic und irftv t6 döparov 
Ulden bei Platon sonst s. B. Tim. 52 A einen entschiedenen Gteffensatz, 
ua Charakteristik der d^oucol vergl. Soph. 246 A f. Tim. 78A. Phaedo 
81 B. Phileb. 67 B. — *>) Allerdings that Platon damit wohl Demokrit 
(Jnrechl, aber dieser galt ihm als das Haupt der (puaKoC und war ihm 
ieahalb sehr zuwider (vgl. Diog. L. UI 40), Steinhart a. a. 0. S. 206 
denkt an Hippon und Kriüas, deren Ansichten Aristoteles (de an. 406^ 2 ff.) 
gdüielt, Campbell in seiner Ausgabe des Theätet Oxford 1861 an Anti- 
fthenes. — **) xal irepl toötöu irdvrcc ISf)c oi C090I . . . Euficp^pccGov 
npomiTöpac tc meI *Hpdid€iT0C xai '€^1r€boKXf)c. Nach Wolff a. a. 0. 
8.4 Anm. % ist der terminus KpActc dem Empedokles eigentümlich. — 
*) Yergl. Meno 76 G f.: . . . oükoOv X^ctc diroppodc Ttvac rdhf övruiv 
tttft "Einr. ... Kai iröpouc, cic oOc xal 61' iDv al diroppoal iropci^ovrai 
• . . ml tSUv diroppod»v rdc ^^v Ap^örrctv ^(oic tü)v iröpuiv . . ,; 
Arist de an. 418^ 21: die 9€po|Li^vou toO «puröc kuI y^itvoili^vou iror^ 
jifTfl£u Tfjc ff^ Kttl irepi^ovToc, i^^dc bi XovOdvovroc, de sensu 486* 28, 
438» 4. Zeller a. a. 0. S. 647 f. und Peipers S. 80. In Besug auf das 
Sehen spesiell vergi. Meno 76 D: . . . vStv diroppoCtiv . . . rdc bk tk&r- 
TQuc 1\ ^€{Zouc €Tvm . . . £cn yäp xp<^a diroppof| qcnMdttuv d^ict cOmüic- 
Tpec Kol ak6riT6c; Tim. 67 G f.: . . . xP^ac iKoXicapiey , qilk&fa vSjv cui- 
9&Twr IxdCTuiv diropp^oucav, öi)i€i £i^|uieTpa |ii6pta ^xo^^^v irp6c otTcOr)av 
. . tA (pcpö^cva änö vSry dXXurv ^öpla ifündirrovTd t€ €(c Tf|v d^nv rä 
^ ükftrrui, Td bi piMfUj Td 6' tca rote aörf^c rf\c 6i|i€U)C ^^pcav cTvat 
nibcMaders Theophr. de sensu f 7f.: 'E^ircboicXfic ti|) ^vapfiörrctv (rdc 
^toppodc) ^ ToOc iröpouc toöc ^icdcnic (alcOfjCCuic) aic6dvcc6ai, biö 
»1 06 Mvpc6m Td dXXf|Xaiv xpfviEtv, ön vSjt ^^ €ÜpOT£poi övtcc TtXnr bi 
CTCv^TEpoi TUTxdvouav ol iröpoi irp6c t6 alcOriröv . . . toOc iröpouc 
^voUtt K^Mai ToO t€ irupöc xal toO Obatoc, drv . . . q>^pcc9a{ t£ rd 
Uffii^ieTa icpöc Tf|v öi|nv b\ä Tf|v diroppo/|v. 

iftink. 1 elaa. PbUoL SnppL Bd. TTH. 12 



178 Wilhelm flalbiMs: 

haben wir Ursache an Ar i stipp ^^) zu denken, dessen S. 167 f. kurz 
mitgeteilten Ansichten hart an die Konsequenzen der angeblich pro- 
tagoreischen Wahmehmungstheorie streifen. 

Da wir also die Sensationstheorie nicht als integrieren- 
den Bestandteil der protagoreischen Lehre ansehen 
können, so dürfen wir schon deshalb nicht die Konsequenzen, 
welche der Berichterstatter aus derselben folgert, um die Thatsache 
der abnormalen psychischen Phänomena in Einklang mit dem ex- 
tremen Subjektivismus zu bringen, dem Sophisten zur Last legen. 
Piaton lälst es aber auch selber nicht an Andeutungen fehlen, dafs 
er auch hier wieder nur seine persönliche Ansicht darüber vortrfigt^^), 
wiewohl die Subjektivisten, wenn sie konsequent verführen, sich 
jene Phänomena zurecht legen würden, um trotz der ihnen entgegen- 
stehenden populären Anschauung ihre Lehre aufrecht zu erhalten. 
So heifst es gleich im Beginn dieses Abschnittes (158 E — 160C): 
. . . iyiox) Toivuv fiKOue da nepi auToiv fiv X^TOiev oi Td dei bo- 
KGÖvra*^) öpiZö^evoi xiji boKoOvri elvm dXTi6f|' X^to^ci W, ujc ijib 
oI|Liai, ouTUJC £puJTUJVT€C (l58 E) (man vergl. 162 C: . . . f)viKa 
fdp bi^^ev 8v rpöiTOV X^toi^v tö öokoGv ^KdcTip toOto Kai cTvai 
T(f> boKoOvTi). Die dialektische Argumentation vermittelst der ab- 
strakten Begri£fe rauTÖv und rd ^repov steht femer zu derS. 159 be- 
lichteten gewöhnlichen Beweisführung des Sophisten durchaus im 
Oegensatz. 

Hätte weiter Protagoras gelehrt, dafs z. B. der wachende Mensch 
mit dem kranken völlig unvergleichbar sei und deshalb auch prin- 
cipiell dem Menschen in gesunder Verfassung vor dem Krauken kein 
Vorzug gebühre, und dafs femer niemand wissen könne, ob er das- 
selbe Ding im Sinne habe, wie ein anderer, — welche Lehre Sext. 
Emp. (adv. Math. VII 62) ihm ohne weiteres unterschiebt — , so 
hätte für Piaton keine Veranlassung vorgelegen, erst durch eine 
mehrfache quatemio terminorum^^ diese Konsequenzen dem Sophisten 
abzulocken. Er argumentiert nämlich so^): 



*^) Phileb. 53 C, eine Stelle, die man allgemein auf Ariatipp bezieht, 
kommt auch KOfii|io{ vor: dpa irepl /jbovf)c oOk dicfiKoa ^^ üic dcl T^edc 
£cTiv, oöda bi oCiK £cTt t6 irapdirov i^&ovf|c' ko^i|ioI t^p bi\ nvec aO toO* 
Tov TÖv XÖTOv ^TnxctpoOct )uiiivO€iv ^Mtv. otc b^ xdptv Ix^^v ... — **) Dar- 
auf macht zuerst Wolff a. a. 0. S. 6 t. au&nerksam; die gleiche Ansicht 
teilen auch Zeller a. a. 0. S. 899 und Schmidt a. a. 0. S. 474. — ^ rd 
boKoOvra kann dem Zusammenhang nach nur Voratellungsinhalt bedeuten. 
*') Einer solchen begegneten wir schon in dem Abschnitte über die ab- 
normalen alcOif|C€ic und werden noch später Gelegenheit haben, Piaton 
dieses logischen Fehlers zu zeihen, — *^) Wir schlieisen uns hier der 
Heusde'scnen Koigektur an, der auch Heindorf in seiner Ausgabe und 
Schmidt im kritischen Kommentar gefolgt sind; im Hermannsohen Text 
pafst die erste Antwort des Theätet gamicht auf die Frage des Sokrates. 
Wir lesen also so: 

G2. ... Kai }ii\ (moXdßiu^cv i1} fx^ xainöv etvat ö ^purn|»|i€v, tQ 6* Srcpov. 
06. 0(iK. dXX* aXuic frepov. 



Die Berichte des Flaton nnd Aristoteles über Protagoras. 179 

Was durchaus von einem andern verschieden ist, wird in keinerlei 
Weise dieselben Wirkungen ausüben, als ein anderes oder überhaupt 
in irgend einer Weise sich ebenso verhalten ; wenn weiter etwas einem 
anderen fthnlich wird, so ist es mit ihm identisch zu halten, wenn 
es aber unfthnUch wird, von ihm verschieden anzunehmen. 

Obwohl auch der erste Teil dieses Satzes unrichtig ist, beschäf- 
tigen wir uns nur mit dem zweiten Teile, denn* die Pointe der ganzen 
spisteren Argumentation kommt darauf hinaus, dafs Piaton still- 
schweigend in der Oleichung: TÖ dvo)üiOiou)üi£VOV — cTre iaoTiSj) eire 
dXXui — ^Tcpov TiTVCxai, ?T€pov durch 8Xu)c (KOfiib^, iravrdTraciv) 
Ircpov ersetzt nnd dadurch den Sophisten zu der fast wahnwitzig zu 
neonenden Doktrin treibt: Es habe jeder Mensch in jedem einzelnen 
Momente IbiatalcGticeic (Theät. 166C) d. h. individuelle Wahr- 
nehmungen und aus ihnen hervorgehende Vorstellungen, Tbiai sowohl 
ia Bezug auf andere Individuen zu denselben Zeiten und unter denselben 
VerbÜtnissen, wie in Bezug auf sich selbst zu anderen Zeiten und 
aoter anderen Yerhftltaissen.^) Dafs die aicOi^cetc der Menschen 
onter sich gröfsere oder kleinere Differenzen aufweisen, insofern sie 
oft einander ävö^oiai sind, wird jeder zugeben; dafs aber aus der Un- 
Sbnhehkeit noch durchaus nicht die völlige Ungleichheit folgt, zeigt 
sehr klar das von Piaton selbst gewählte Beispiel. ^^) Es ist sehr be- 
achtenswert nnd gegen die Annahme des extremen Subjektivismus 
sehr bezeichnend, dafs Piaton unter der Hand und auf eigene 
Paust die Steigerung jener einfachen Thatsache ins Absurde und Un- 
miSgliche yomimmt. Hierfür sprechen nttmlich die folgenden Wen- 
dangen: . • . ovbk cd auriji raäTÖv biä tö ^tiö^itotc öjiioiuK aöröv 
C€(nrn|» fx^tv . . . (154A); . . . cor* dKetvo tö ttoioOv i^fe ^ifJTroT* 
Skkm cuveXOöv lauröv Ttwficav toigOtov T^viixai . . . (160 A); . . . 
f)Muiv f| &vdTicii cuvbeT ji^v, cuvbeT bk oubevl tujv SXXuiv oub' aO 
niiiv auToic . . . (160 B); . , . öxe hi\ xö i\xk noioCv ipiol icxi xal 
ouK dXXqi, tfih kqi akedvoMat auxoO, fiXXoc b' ou (160 C); . . . 

CO. •AÖUVOTOV ToCvuv . . . 

96. 'AbiWaTOv. 

Cfi. *Ap oCyv ob Kai . . . 
^) Wahrend die meisten unserer Vorgänger hier die Übertreibung des 
Bcnchterstatters rügen» halten gerade diese abenteuerliche Theorie fSr 
pcottforetsch Schneidewin a. a. 0. 8. 63, Wecklein a. a 0. S. 24 
■ad Sdhoster, Heraklit von Ephesua, Leimig 1873. S. 83. — ^^^ Nach 
PhtoB ist nämlich der gesunde Sokrates dem kranken in Bezug auf sein 
Befinden nnlbnlich, folglich ist er von ihm ein völlig verschiedener; 
ebenso der schlafende von dem wachenden u. s. w. Man kann nun 
Mch das kontradiktorische OegenteiT davon beweisen, indem z. B. in 
B«ng auf die Anzahl der Gliedmaüaen der kranke Sokrates dem ge- 
■QDden sehr ähnlich; und folglich nach der Gleichung tö 6|lioio0^cvov 
Toitdv fiTvcrm mit ihm auch identisch ist. Der springende Punkt in 
der Argumentation Piatons liegt in dem Satze: Kui t^v &n f€, dXXo 
^Ui)i cumuTvOMCvov Kai dXXn^i oO jadnä dXX* ^Tcpa tcwVicct (169 A), in 
«elehem ^Tcpa im Sinne von dXuic ^Tcpa genommen ist, vergl. Schmidt 
ft. a. 0. S. 474. 

12* 



180 Wilhelm HalbfiM»: 

bidceiv iroT^ t6v auröv €lvai töv ävo)ioioüfAe vov v^ Tcpiv dvoMotoCc- 
Gm övTi; juäXXov hk töv etvai xivcc, dXX* o^x^ touc* koI toütouc tit- 
vofi^vouc äiTcipouc, ^dvTTcp ävojuioUucic tWviTTOi • . . (166 B); . . . 
iiiXeflov die oöxt ibiat aicO^ceic ^Kdcrui fijüuBv xiTVÖvrat, t\ ujc 
ibt(jüv TiTV.Ofi^vuiv oubiv Sv fiäXXov tö qpaivöfiievov jiövui dK€tvi{i 
tItvoito . . . i]bTr€p 9a(v€Tai . . . (166 C); jiyplov jut^vroi biacp^petv £t€- 
pov irifiov airtf^ tout% öti tiIji fit^v oXXa fcri tc xal q)a(v€Tai, vSb bk 
dXXa. 

Hftlite nim Prötagoras aach wirldieh gelehrt: Jeder emzelne 
Mensch sei in jedem AagenUiok immer nur fttr sich selbst das 
Mafs seiner Empfindung, so würde er nur behauptet haben: alle 
Empfindungen sind im Sinne der extremen Subjektivitätslehre sub- 
jektiv wirklich (tfü) K(Mi\c^^) . . . TUivre dvruiv d^ol, ujc 
fcTi Kttt Tuliv )üif| ÖVTtuv, dic oi/K IcTt), aber nicht, wie es Piaton 
wendet, alle Empfindung und jeder YorstsUungsinhalt überhaupt ist 
objektiv wahr. Der-Berichterstatter schliefst nämlich so: Da nach 
der voraufgegangenen Erörterung loh, das wahrnehmende Subjekt, 
absolut an das Objekt gekettet bin, welches mich ja erst zum Sub- 
jekt macht und seinerseits in einem bestimmten Zeitpunkte kein 
anderes Ich zum Subjekt machen kann, als gerade mich, mitbin 
ohne diese Wahrnehmung nichts ist, so ist letztere auch das einzige 
Eoiterium, wodurch ich mich von einem anderen unterscheide, sie 
ist daher recht eigentlich f) d]Lif| oöda und macht mich zu einem äv, 
folglich ist meine Wahrnehmung dXii6f)C d. h. objektiv wahr 
(vgl* S« 16 Anm. 2) und das wahrnehmende Subjekt im Besitz der 
^mcTfjiüU): iTuic dv oSv di|i€ubf|C fiiv xal ^j| irrdujv Tf) &iavo((|t irepi 
xd övra . . . oök dtricrfiiiuiv öv etriv Jivirep aicOriilic (160 D). 

Der Mittelbegriff in diesem Schlufs, f) oöcia, ist im 
platonischen Sinne Protagoras jedenfalls fremd ge- 
wesen^^^); er wollte sich sicherlich nicht zum KpiTtic über die in 
ihrer starren Unveränderlichkeit den Menschen unnahbare plato- 
nischen övra aufwerfen, eben weil er von ihrer Existenz unmöglich 
eine Ahnung haben konnte. ^^^) Da Piaton nur durch ein solches 
qui pro quo^^) Protagoras in Widerspruch mit den Denkgesetzen 

^^D Über die Ersetsang von fi^pov durch KpiTf)C (vgl. ibid. 170 D, 
178 B ff., 179 A) siehe S. 190, Anm. 125. — ^^*) Auch hierauf weist der 
Yortreffliche Wolff a. a. 0: S. 19 hin; der Begriff der oöda wird übrigens 
von Piaton auch im nicht transcendentalen Sinne gebraucht, cf. Phaedo 
92 D: 1^ oOda ^x^uca n^v liruivupiav tV|v toO 6 ^criv; Tbeät. 155 E: 
iTpdEcic bi Kai fcv^cetc xai ttüv^tö döporov o(hc dirobcxöficvoi ibc 4v 
oöciac \iip€\. — ^^^ Unnötig ist *daher die Besorgnis Piatons, die er 
CratyL 385 E f. ausspricht: ir^€pov xai t& övtu oönuc ix^xv coi 9a(veTaty 
ibUf, aÖTtXiv f| oöda dvm i&cir€p TTpuiraT^pac £X£Y€, X^vuiv irdvnuv XPHMd- 
Tuiv . . . f^ ^civ 6oKd coi a(nä aör<^ nva pcßaidTTiTa Tf)c oödoc. — 
^^) Zu diesem lag der äufsere Anlafs allerdings nahe genug, (Lenn die 
fivra in dem bekannten 2. Abschnitte des Ausspruches: TiSnf |ui^ övruAr 
üfc ^cn, TiSrv bi \ii\ övTUtv liic oök £cti unterscheiden sich ftniäerlich ja 
in nichte von der begrifflich himmelweit davon verschiedenen der plato* 



Die Beriehte des Plaion und Aristoteles über Protagoras. 181 

zu setzen vermochte, so folgt, dafe dieser die objektive Wahr- 
heit aller atc6i)c€ic nicht gelehrt hat. 

IV. 
Wie TerUdlt sieli Protagoras zur Lehro vom KorrelaUyisinns? 

Noch bevor Haton das zuletzt mitgeteilte Baisonnement an- 
stdlt, spricht er nebenbei und nicht etwa als Eonsequenz aus den 
Torangegangenen Untersuchungen in scharf ausgeprägter Form eine 
fondamentale Wahrheit aus, nSmlich die Lehre, dafs kein empfinden- 
des Subjekt ohne empfundenes Objekt und kein empfundenes Objekt 
ohne empfindendes Subjekt mOglich sei Diesen Eorrelativismus^^'^) 
im Gebiete der sinnlichen Wahrnehmung formuliert er in dem 
Doppelsatz: dy6rpa\ bi. t€ iM T€ tivöc ytTVccGai, äiav akOavö- 
Mcvoc T»TVui^m. alcOavö^evov f&p^ nr^bevöc bfe aic6av6^€- 
vov dbuvaTOV TiTvecOax" dKdvö t€ tivI TiTvecGai, öxav tXuku 
n micpöv i\ Ti ToioÖTOV TiTVTlTai* T^UKÖ T<ipj Milöcvl bi y^ukü 
dbuvaTOV yiTVCcOai (160 A\ Aber nur aus Wendungen: oCkouv 
. . . dy&fKt] . . . dbOvoTov . . . aftuvarov . . . XelTtexai . . . f| dvatioi 
. . . Xcmerai . . . dic 6 Xötoc 8v bieXiiXüOaiLiev aijiaivei (160Afi'.), 
wozn wir noch die Stelle: . . . fj Ka\ xotuTi) fiv fidXiCTa ?CTac6ai 
Tov Xdrov, (i fm€ic tjTrcTpdii/afiev ßoTi9o0vT€C TTp. d)c id jiifev 
TToXXd 5 boKEi TauTij Kttl ?CTiv ^KdcTifi, 6€p^d, Eiipd, tXuK^a, irdvra 
Sca ToO TU7T0U T01/T0U ziehen, scheint uns klar hervorzugehen, dafs 
eben Piaton und nicht etwa Protagoras dem Eorrelativis- 
mus eine wissenschaftliche Form verliehen hat.^^ Ob der 
Satz: irdvTUiv xpr\}i6r[{i}V ^^rpov ävOpuuTroc Piaton dazu gebracht 
habe, jene fundamentale Idee zu fassen, ISfst sich aus der vor- 
liegenden Stelle nicht mit Sicherheit entnehmen, immerhin scheint 
uns eine derartige Beeinflussung unwahrscheinlich. ^^ 



Bischen Ideenwelt. — ^^ Wir nennen diese Lehre so mit Laas a. a. 0. 

8. 179 Kom Unterschied vom Relativismus, der zwar kein Oljjekt ohne 

Sflbjekt, wohl aber ein Subjekt ohne Objekt bestehen l&lst; diese Lehre 

ptiäfiert Platon z. B. Eep. 438 B: . . . td m^ iroidt drra iroioO Ttv6c 

knv . . , rä irXcCui irp^ xd ^dxxui . . . ßapOrcpa irpdc KouqnSxcpa . . . 

lai In ye rä Ocpjid irp6c rd «(luxpd koI irdvra xd Totkoic ö^oia (cf. 

Tim. 61 C, Charm. 167 C. 168 D); cf. Peipers a. a. 0. S. 858 f. und die 

•ptter sa besprechenden Stellen bei Arist. de an. 486* 20 ff. und Met. 

1047^ Sf.). — ^^ Ans der Kritik des aristotelisoben Berichtes erhalten 

wir hierfSr einen weiteren Beweis. Es ist uns nicht gelangen, bei Platon 

dae weitere Stelle sa finden, welche den KorrelativiBmns gleichfiUls 

famuliert; auch bei Aristoteles findet sich — unserer Kenntnis nach — 

vor der Relativismus innerhalb der ak6i)ctc scharf formuliert (z. B. 

4e an. 414« 1», 419^ 9, 418^ 2, 420» 27). Dals Piatons Ausdrucksweise 

nd die Art seiner Kritik ffir Protagoras ab Urheber dieses Ge- 

iiaakees sprechen, wie Laas a. a. 0. S. 179 meint, vermögen wir nicht 

fwwehm. — ^^^ Dafs jener Satz so interpretiert werden kann, dsJa 

dsr KonelatiYismus schlielalich zum Vorschein kommt, sah schon Qrote 

a. ^ 0. Yol. n p. 346 ein; allein der vorliegende Bericht sieht nicht so 



182 Wilhelm Halbfass: 

V. 

Gestand Protagoras dem Hensolieii die F&bigkeit des 6e- 

d&olitniBses zu? 

Wir bem^kten Bchon früher (vergL 8. 179 f.), dafs die Prota- 
goras zageschriebene Idee der Ibtai alcOrjceic lediglich eine pla- 
tonische Zuspitzung einer bekannten, nachweisbaren Thatsache sei, 
keineswegs aber einen integrierenden Bestandteil der protagoreischen 
Lehre bilde und werden nunmehr aus einem Abschnitt (163 B — 164 D), 
in welchem das Verh&ltnis des Subjektivismus gewissen psycho- 
logischen Thatsachen gegenüber interpretiert wird, neue Beweise 
für die Richtigkeit unserer Annahme erhalten. 

Der erste liegt in der Antwort des Thefttet auf die Bemerkung 
Platons, dafs der Umstand, dafs wir eine fremde Sprache verstehen 
und nicht nur gemalte Buchstaben sehen und tönende Laute hören, 
uns zwinge, eine über äie nackte aicOiicic hinausgehende Fähigkeit 
des Menschen anzunehmen. Denn wie könnte ich TÖ cxfifia xal tö 
Xpu))üia 6pdv Kat Triv öivvixia Kai Tf|V ßapÜTiiTa dKOueiv, wenn 
ich nicht wenigstens insoweit ebenso höre und sehe wie ein anderer, 
dafs ich mit ihm dieselben Zeichen sehe und dieselben Laute höre, 
wenn auch die aus diesen Empfindungen in mir aufsteigenden Vor- 
stellungen andere als bei einem anderen sind. Als Piaton daher 
diese Antwort dem Vertreter des Sensualismus in den Mund legte, 
fiel er entweder aus der Bolle oder er dachte nicht im Ernste daran, 
jene ungeheuerliche Theorie irgend einem Philosophen aufzu- 
bürden.^^«) 

Giebt aber Piaton wirklich zu, dafs die alcOrjceic des einen 
nicht öXuic ^TCpai als die des andern sind, sondern eben nur Srepat, 
so ist erst recht nicht abzusehen, warum meine eigenen aicOrjceic 
stets absolut von einander verschieden sein sollen; vielmehr bin ich 
nur ein dvö^oioc resp. öjLioioc wie im voranfgegangenen Momente, 
kann also offenbar noch von den Empfindungen und mithin auch 
von den Vorstellungen wissen, welche ich früher besessen habe, 
weil diese nach unserer Voraussetzung in einer gewissen Anzahl 
den jetzigen gleich oder ähnlich sein müssen. Da nun aber das Er- 
kennen ähnlicher alOiiceic nichts anderes als ihr Vergleichen 
mit einander bedeutet, diese Seelenthätigkeit aber notwendig das 
Vermögen des Gedächtnisses erfordert, welches die Fähigkeit ist^, 

aas, dab diese mögliche Interpretation die historische gewesen ist. 
— ^^ Das letztere nimmt Groto a. a. 0. p. 866 an; vergL Lan^e, Sen- 
sualismus etc. S. 80; Peipers spricht (a. a. 0. 8. 465) wohl mit Recht 
die Vermutung aus, Piaton habe deswegen von der vorauszusetBenden 
Fertigkeit mit gewissen hörbaren und sichtbaren Zeichen bestimmte 
Vorstellungen icu verbinden, keine Notiz genommen, weil ihm diese me- 
chanische Fertigkeit eines ^eiuffeschulten Rekruten' zu tief unter der 
wahren ^Tncnfmr) gestanden haoe. — '^ Cf. Locke ^ essai conceming 
human understanding, bock II chapt. X S: . . . fhat the mind has a 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 183 

frühere VorsteUnngeii wieder zurückrufen zu können und dabei zu 
wissen, dafs wir sie Bchon einmal besessen haben, so ist, sobald die 
platonischen !btai a{c6/jc€ic als Fiktion aufgedeckt sind, nicht abzu- 
sehen, warum Protagoras das Gedächtnis dem Menschen 
abgesprochen haben soll.^^^) Piaton scheint diese Konsequenz 
freüich Yorausgesetzt zu haben, indem er so schliefst: Wahrnehmen 
L B. Sehen ist gleich Wissen, folglich ist Nichtwahrnehmen z. B. 
Xichtsehen gleich Nichtwissen; nun ist das Erinnerungsbild ein 
Nichtgesehenes — wenn matt unter Sehen den auf einen Beiz von 
aofaen hin erfolgenden aktuellen Vorgang yersteht — also auch ein 
Niehtgewufstes; aber das Erinnerungsbild ist doch ein Wahrge- 
nommenes, folglich ein Oewufstes, Protagoras kann folglich das 
nidit wissen, was er weifs, und seine Lehre ist vernichtet: Kai ouTUi 
W| diTuiX€TO fiOGoC 6 TTpurraTÖpcioc . . . (164 D)."*) Weder aber 
ist dieser Beweisgang, in welchem die termini ^Wahrnehmen' und 
^Wissen' nicht in Eindeutigkeit gehalten sind, wie Piaton selbst zu- 
giebt, ernsthaft zu nehmen ^^'), noch dürfen wir den Ausweg, den 
dfiT Autor den Abderiten aus der beschriebenen Kalamität wühlen 
ISbt, dafs nftmlich der aktuell Sehende ebenso von dem das Er- 
nmerungsbild Wahrnehmenden toto genere verschieden sei, wie die 
Ton ihnen wahrgenommenen Eindrücke (cf. 166 B), als authentisch 
aof&ssen, denn er gründet sich ganz auf die von uns als unprota- 
goreisch zurückgewiesene Doktrin der tbiai alcOrjceic 

Die Wahrscheinlichkeit, dafs der Sophist recht wohl dem 
Menschen das Gedächtnis vindiciert haben kann, ohne dafs der Be- 
richterstatter darauf Rücksicht nahm, steigt im Gegenteil noch, 
wenn wir die Stellung näher ins Auge fassen, welche die ^vt^M^'i 
das Gedächtnis in der platonischen Erkenntnistheorie einnimmt. 

Phiton definiert nämlich die MVrjjiiTi so: cuJTiipiav . . . alcOrj- 
auic TfjV ^vrj^Tlv X^y^iv öpduic £v Tic \l^o\; sie ist durchaus an 

power in many cases to receive perceptions which it has once had, 
vHh this additional perception annexed to them, that it has had them 
before, cf. Hume, works ed. Green and Grose. Vol. 1 p. 541. — ^^^) Dats 
er praktisch diese Fähigkeit gar wohl in Ansprach nahm, zeigen Stellen 
vie Prot 324 B (siehe S. 156, Anm. 19). — "^) Insofem er nämlich dann I 

nicht mehr KpiTi^c rdrv övtujv die ^cn ist; 165 D findet sich derselbe i 

Sdilaft, Grote a. a. 0. Vol. 11 p. 868 bemerkt hierzu: the pnzzle is no- i 

thüig bot a false inference dednced from a false premiss. — "*) Schon 
^er Schlnls: wenn Sehen »> Wissen, ist nicht Sehen » nicht Wissen 
i«t natürlich fitlsch; Piaton hätte mit demselben Rechte auch folgenden 
Schlolii sieben können: Die YOgel sind zweibeinige Thiere, folglich sind 
^ nicht Vögel nicht zweibeinige Thiere; nun sind aber offenbar die 
Menschen nicht Vögel, folglich müssen sie nicht zweibeinige Thiere sein, 
ein Sats, der in Besn^ auf die Anzahl der Beine jedenfalls falsch ist. 
Das blolse Streiten mit Worten rügt Sokrates ironisch an sich selber: 
• . dvnXoTiKi&c £o<Ka^ev irp6c tAc tiIiv övo^dTUiv ö|uioXot(ac dvojioXoTil- 
(<Mievot; Tgl. ibid. 154E: . . . cl ^t>p öcivol Kai coq>ol . . . fiiicv . . . 
**WjU»v Toöc Xdrouc TOtc \6fO\c ^KpoOoMCv und ibid. 165 A, 166 Bf., 
•wB. 



184 Wilhelm Halbfius: 

das cS>\ka gefesselt [cf. Tim. 26 B, Bep. 486 C, Gorg. 501 A] und 
zur d7riCTi^|yiii so wenig geeignet, wie die aTc6i]Cic selbst. ^^^ Von der 
\xvr\^y dem ^iCxedächtnis' ist toto genere versdiieden die ^avo^vncic', 
die ^Wiedererinnerung', welchen er so definiert: Ötov Sl li^iä toG 
cal^aToc ?iracx€ ttoB* f| vuxn» Taut* äveu toO ciü/üiaTOC iv iaur^ 
5ti ^dXicTa dvaXa^ßdvi], töte dva^ifjivr)CK£c6a( ttou X^tom^v. 
Sie trägt im Gegensatz zur )biWj)iii einen durchaus diano^tischen 
Charakter, scheidet die böla &kr\Qf\c von der £mcTri|ifi (siehe S. 167, 
Anzn. 53), ist mit letzterer sogar identisch: • . . Sp* ouv xai TÖbc 
&^oXoToC^€V, ÖTav tmQvf\\ir\ TrapattTViiTai Tpötrc)! TotouT(|i dvd- 
^vnciv cTvat (Phaedo 73 C; of. ibid. 72 E und Meno 81 D) und über- 
haupt die Vermittlerin zwischen der Welt, welche uns in unserer 
zeitlichen Existenz umgiebt und derjenigen ^S noT* elbev f^uiv fi 
i|iuxf| cu^TTopeuOeica Oei^ xai uirepiboOca S vCv elvai q)afx€v 
(Phaedr. 249 C). Da aber der antluropometrische Standpunkt des 
Protagoras mit der Annahme dieser Seelenthätigkeit unvereinbar 
war, so mochte dieser immerhin ausdrücklich neben einer soma- 
tischen alcOricic noch eine somatische )ivrj|iil festhalten: das 
Beich der dvTu;c övra blieb ihm yerschlossen und damit die Nichtig- 
keit seiner Lehre erwiesen. 

VI. 

Steht der Satz des Protagoras in Widerspmoli mit dem 

principiam contradictioniB? 

Zu den bisher dargelegten Wahrscheinlichkeitsbeweiseo dafür, 
dafs Piaton nicht in der Lage war, bestimmte Äufserungen 
des Sophisten über erkenntnistheoretische Probleme, 
welche seinen Satz näher erläutern konnten, zu benutzen, 
wie dafür, dafs dieser gegen eine individuelle Auslegung 
protestiert haben würde, hoffen wir aus der Kritik, welche 
Piaton dem Ausspruch mit Bezug auf das prindpium identitatis et 
contradictionis hat zu Teil werden lassen, einen weiteren Beweis 
hinzufügen zu können. 

Die Erörterung über diesen Oegexuiatz beginnt gleich nach der 
Verteidigungsrede des Ftotagoras (166 A — 168 B) und erstreckt 
sich bis 171 D, wird sodann durch einige in die Ethik schlagende 
Bemerkungen und durch einen langen Exkurs 172C— 177C, von 
dem Piaton selber sagt: ine\bi\ Ka\ irdpepTCX TUXT<iv€i XcTÖ^cva 
(177 B) unterbrochen und dann durch einige weitere, die Hauptsache 
weniger berührende Zusätze bis 179 C ergänzt. Die Erörterung 
ist zwar eng mit der Frage verquickt, wie sich Protagoras dem 



^^*) Phaedo 96 B erw&hnt Piaton als eine offenbar ihm feindliche 
Anrieht: . , , 6 b' ix^itpoXöc £cnv ö räc aic6r|ceic irap^wv . . . (k toO- 
Tuiv hi T^TvoiTO \xyiwr\ Koi 66Ea, dx bi ^WmT)c xal öö1t)c, XoßoOa)c t6 
fjpc^dv, KOTd ToOrac T^TvecOai ^mcrfifjuiv, ähnlich Phileb. 38 C und 39 A. 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 185 

Weiibegriff gegenüber verhalten habe; allein wenigstens innerhalb 
des Kernes der Kritik, welcher mit den Worten: tö boKoOv ^Kdcru), 
TOÖTo Ktti elvcu q>iic( nou ip boxei (170 A) anhebt und mit den 
Worten: ouKOuv iliretMt djLupicßnTctrai imö Trdvruiv, oubevi &v dr\ 
f| TTpurroTÖpou dX/jOeia dXriOTic, oG xi Tivi dXXiu, oör' aörifi dKeivi)) 
(171 C) schliefst, kommt dieser Begriff nicht in Frage. 

Die Anfangsworte dieses Abschnittes kommen in ähnlicher 
Foim noch vor an folgenden Steilen: 162 C: tö öckdOv dKdcTifi 
TOÖTO KQi elvai v^ boKoOvTi (162 C); rd }xkv iroXXd ^ boKi) Taöra 
Kai Icnv iKdcTifi (171 £); tö del boKoCv ^KdcTip toOto xai elvat 
TouTi)! 1^ boKct (177 C); ola dv bojoji ^KdcTi)! ToiaöTa Kai eTvai 
(CratyL 386 C). Hierher sind noch die folgenden Stellen zu rechnen: 
TÖboKoGv ^icdcTifi toOto Kai £cTi (161 C); TÖ boKoOv ^KdcTifi toOto 
Koi clvai ibiurri] tc xai iröXei (168 B). Abgesehen davon, dafs der 
Wortlant Überall von einander abweicht, wir also die Worte in 
170A nicht ohne weiteres als ein wörtliches Gitat aus 
irgend einer Schrift des Protagoras auffassen dürfen, ist 
aodi der Sinn der einzelnen Stellen^nnd zwar wegen der wechselnden Be- 
deutung des Hauptterminos ^boKeiv' fast nirgends derselbe, CratyL 
386 C wird nftmlidi boKCiv synonym mit qpaivecdai gebraucht, weil 
jene Worte den bekannten Saiz des Abderiten auslegen, welcher 
anmittelbar vorher (386 A) durch <paiv€c6ai erläutert war; Theftt. 
171 E wird es im Sinne von alcddvecOai genommen, wie der Nach- 
satz: Ocp^d, Sfipd, ^Xinoia ndvra öca toO Ttiirou toütou zeigt; ibid. 
161 C und 162 C hat es die Bedeutung ^Vorstellungen haben', und 
üwL 168 B erhftlt es die neue Bedeutung *gut scheinen', wie aus 
den letsten Worten: IbiufTQ Te Kai iröXei hervorgeht. 

Wie soll nun an den Stellen 170 A imd 177 C der terminus 
'boKeiy' geCabt werden? 

Bevor wir die Entscheidung treffen, ziehen wir noch diejenigen 
SteUen heran, an denen nicht wie hier die Gleichung bOKCiv «« cl - 
vai mit dem zugehörigen relativen Dativ, sondern die Gleichung 
boKciv «9 dXiiOic €lvai proklamiert wird. Es sind dies die fol« 
geaden: . • . o\ Td ä€i boKoCvra 6pi2IÖM€VOi T(j> öokoGvti elvai dX^Or) 
(158 fi); el bf| ^KdcTiji dXfieic &Tai, 5 dv bi' aicOriceuic boi6l^ 
^161 D); Tdc äXXyiXuiv qpavraciac tc Kai bö£ac Öp6dc ^KdcTOu 
'161 fi); etircp a dv ^KdcTCti bcxQ ^Kdcrtfi dXnOf) £cTai (Cratyl. 
386 C). Da die zuletzt angeftlhrte Stelle nur eine Auslegung des 
Mannten Ausaproehes ist und in dei^enigea im Theätet boKeiv 
fvpi. bciU&y nur eine rein psychologische Bedeutung besitzen kann, 
^ ist jedenfidla an keiner der vier Stellen boxeiv durch *gut 
leheinta' zu ttbersetsen. 

Hi0iiuiok drSngen sich uns die folgenden 3 Fragen auf* 
1) Ist der Satz: tö boKoOv ^KdcTifi toOto kciI ?cti di boKCi 
dem Sinne nach von dem Ausspruch: irdvTuiv XPHH^^'^^v 
H^TpQv dv6piuvoc verschieden? 



186 Wilhelm Halbfass: 

2) Welche Bedentang hat in dem Satze der terminus 

*bOK€lV?' 

3) Bediente sich Protagoras vielleicht bei der Auslegung 
des Ausspruches der Wendung tö boKoCv ^KdcTiji toCto 
Kai dXr^O^c icTx (^ boKcT? 

Endlich fliefst aus der platonischen Kritik des unter 1) erwähnten 
Satzes noch eine 4. Frage: 

4) Liegt auf Grund der Diskussion über die drei ersten 
Fragen ein Widerspruch der Lehre des Protagoras mit 
dem principium identitatis et contradictionis und mit 
der populären Anschauung vor? 

Zunächst suchen wir zu erweisen, dafs der zuerst bezeich- 
nete Satz nur eine neue Auslegung des längst bekannten 
Ausspruches ist, welche Piaton hier deswegen statt des Aus- 
spruches selbst oder der früheren Auslegung (152 A) anwendet, weil 
der terminus ^bOKctv' neben der rein psychologischen Bedeutung 
Vorstellen' und der Bedeutung ^meinen' noch den Begriff ^beschliefsen' 
in sich schliefst und daher die hier benutzte Form des Ausspruches 
leichter zu den Eonsequenzen benutzt werden konnte, zu denen der 
Autor die Lehre des Protagoras treiben wollte [vergl. Peipers a.a.O. 
S. 48 und Berkuskj a. a. 0. S. 18 f.]. 

Die Ersetzung des Ausdrucks q>aiv€c6ai durch bOKetv überhaupt 
kannnicht gegen unsere Behauptung in die Wagschale fallen, denn 
erstlich werden Cratjl. 386 C zweimal hinter einander die Gleichun- 
gen boKcTv B» £Tvai resp. boKcTv *» dXiiO^c elvai mit relativem Dativ 
offenbar als Ausdeutungen und Eonsequenzen des vorher (386 A) mit- 
geteilten und durch den terminus ^q)aiv€cOai' erläuterten Aus- 
spruches des Sophisten vorgetragen und zweitens wird Theät. 161 C 
der Satz: t6 boKoCv ^Kdcrui toOto kqI £cTt ausdrücklich mit dem 
Worte ävOpujiroc in Verbindung gebracht: toi pkv &\\a pot irdvu 

fjiUwC elpTIKCV, die TÖ bOKOOv . . . Tf|V b' ÄpX^lV TOO XÖTOU T€- 

Oaü^axa, öxi ouk €?Tr€v . . . irdvrujv xpnM^w'V in^rpov ^cnv öc . . .; 
er kann also nur als eine platonische Erläuterung des Diktums ge- 
fafst werden. Wir verweisen noch auf den S. 171 besprochenen Wechsel 
der psychologischen termini im Theätet überhaupt. 

Zu diesem negativen Argument fügen wir ein positives hinzu, 
welches aus der platonischen Eritik des in Bede stehenden Satzes 
unmittelbar fliefst. Stets rekurriert nämlich der Beweisgang auf 
den bis jetzt allein als authentisch anzusetzenden Satz des Sophisten, 
was nicht erforderlich gewesen wäre, wenn Piaton daneben sich auf 
den 170A genannten Satz hätte berufen können. So heifst es z.B.: 

€lc TOÖTÖ T€ dvdtKTlC f^K€l 6 XÖTOC TldVTUJV XP^M^TUIV . . . 

XifMjy (170 D); . . . jiiib^ ainbc ipero ji^rpov clvai ävöpui- 
7T0V . . . (170 E); t6t€ Ktti 6 npuiTaxöpac ainöc EuTXwp/jceTai 
lirJTC KÜva |üiriT6 töv ^TriTuxövxa fivOpiüTTOV ji^rpov elvai . . . 
(171 C). Auch die Wendungen: Ti oöv XPncö^eSa xip Xöt^H (170C) 



I>ie Berichte des Piaion and Aristoteles über Protagoias. 187 

and foiKCV ^K T€ toO Xötou dvdipai cTvai deuten darauf hin, in- 
dem im Theaetet überall, wo ö Xö^oc mit. Beziehung auf Protagoras 
gebraucht wird, ausschlierslich die Worte: *7rdvTU)V XP^M^TUiv 
fi^Tpov dvOpuiTroc' gemeint sind.^^^) Am frappantesten vielleicht 
tritt die Beziehung zu diesen Worten gleich im Beginn der Beweis- 
f&hnuig zu Tage, dort hei&t es: Da ja auch wir (Sokrates und 
Theodoros) zu den dvOpu)iroi gehören , welche nach' jenem Xötoc 
das MaTs der Dinge sind, so dürfen wir ja unsere böSat abgeben • 
und haben — nach des Sophisten eigenen Worten — ein Recht 
duaof, respektiert zu werden (oukoOv, üb TTp., kqi f|fi€Tc dv6p((i- 
uoi, iiaXXov bk irdvTUJV dv9p((iTrwv böEav X^TOjicv). 

Dab aber Theodoros den in Frage stehenden Sai^ als prota- 
goreisch bezeichnet [CQ. tö boKOÖv ^KdcTifi toCto koi €Tva( (pr\ci 
TTOu 4» boKcT; 66. 0iicl tdp odv], beweist ebensowenig seine un- 
anfechtbare Authenticitftt, wie die Zustimmung des jungen Theaetet 
zo der platonischen Auslegung des Ausspruches 152 A (yergl. S. 7) 
ein Zeugnis ftir die unbedingte historische Treue derselben '^^) war. 

Es liegen uns also keine zwingenden Gründe vor, in den oft 
wiederholten Worten einen neuen Satz des Abderiten zu 
sehen und wir dürfen, obwohl Piaton sogleich gegen dieselben 
das praktische Argument geltend macht, dafs sich in allen speziellen 
Fllien ein jeder von einem andern, dem er ein gröfseres eib^vat 
zutraue, belehren lasse ^^^, und dadurch kund giebt, dafs er sie im 
praktiBchen Sinne auffasse, dem terminus *boK€iv' nur die 
rein psychologische Bedeutung ^vorstellen' geben. Dazu 
kommt noch, dafs die in jenen Worten, wenn boKcTv mit ^meinen' 
Sbersetzt würde, enthaltene Lehre: AUe urteile sind fOr den ür- 
teQenden 'stets wahr' völlig nichtssagend ist^^^ und schlecht zu 
dem resoluten Wesen des Protagoras pafst. 

"*) So: Tf|v b' dpxV|v ToO X6tou TcOaO^axa, öxi oök ctircv . . . irdv- 
Tw xpnMdnuv . . . (161 C); t6v bk X6tov aO ^f) ti|i ^/||uuxt{ ^ou btuiKC 
. . . (166 D); ci62€Tai x^P ^ ToOrotc 6 X6toc oOtoc . . . (167 D); . . . 
^■occpvuttiv bi t6 irdvTUiv ^^Tpov, cirouöAcat f^Ac bteKcXcucaTO ircpi t6v 
«frroö Xötov (168 D); . . . ciroubdcai aOroO ircpl rdv Xötov (168 E); . . . 
ivniMunrrcc t^p Xötm*, öti a(ndpKt\ fKacrov ck (pp<Wiiav ^iroicr (169 D); 
m Toivuv bt* dXXuiv, dXX* ^K ToO ^Kcivou XÖTOU die biä ßpaxurdTtuv Xdßd»- 
m* T^ ö^oXoTiav (169 E); xi oOv xP^cö^^Oa t<|i \6fi\t (170 C); kqI ni\y 
ricToOrö T€ dvdtKvic ö Xöyoc flK€i 6 irdvruiv XPnM* *t^ (170 D); ij ical 
tttörq dv MdXicra fcracOot t6v Xötov . . . (171 E); xal öcoi t* bi\ jif| 
tBvtidvaa t6v TTp. Xötov X^ouav, d>6^ nuic t^v coq>{av dTouav (172 B); 
tcpi K^ Tdp ToO ifii] övTOC iKdcnp i^bcöc fj t^TOvötoc ^i^biv itui tiIi XÖT^p 
^Maxd»M^ . . . (178 £}. — ^>*) Hiermit fftllt die Annimentation, aufweiche 
oek Schanx a. a. 0. 8. 67 f., Wolff a. a. 0. 8. 8 und Münza. a. a. 0. 8. 6 f. 
■tStien, um yeae Worte als em 'germanum Protagorae dictum' hinzustellen, 
^M a mmen . — **•)... koC <po^ev oöb6^a övnva oö tä piky ainbv i^T^cOai ti&v 
^Uoiv coqNirTcpov, rä hk dXXouc touroO ... xal kv rotyroic diraa ri dXXo 
T^coMCv fi oOtoOc Toiic dvBpdnrouc fjT^cOoi coqpiav kqI dfxaOiav icai 
(Ha wapä c^pktv. ^ "*) Urteilte z. B. Jemand fOr sich: die Tiere haben 
eatweder zwei oder vier Beine, und ein Anderer für sich: die Tiere haben 



188 Wilhelm Halb&ae; 

Jß»ohm wir uns abw die Girtlnda klar« welche den Autor Ter- 
anlasaen konnten, dem Xötoc des Sophisten eine praktische Wendung 
%VL geben, so werden wir sowghl unsere Antwort auf die beiden 
ersten Fragen mit weiteren Argumenten belegen, abi auoh die dritte 
von ans gestellte Fra^e beantworten können. 

Konnte Piaton in der Auslegung des Xötoc das Attribut ^dXi^c' 
in der Bedeutung ^wahr' hineinbringen, so konnte er denselben — 
wenn auch nur durch Sophistik — in Widerspruch bringen sowohl 
mit der Thatsache, dafs nicht alles, was man urteilt, wahr ist, wie 
auch mit der popuUüren Überzeugung, daüis nicht alles, was man 
thut, richtig ist. 

Wir saben an einem früheren Orte (vergL S. 180), dafs, wfthrend 
Plabon in der den Menschen unnahbaren Ideenwelt das einzige Kri- 
terium für die Wahrheit d. h. die objektive Gültigkeit sah, Prota- 
goras den alcOrjceic Km Kard ratJTac böSai eine allerdxngs nur sub- 
jektive WirkUchkoit zuschrieb. Diese Ansicht galt aber Platon mit 
der LeugniUkg d^ Wahrheit überhaupt wesentlich identisch und ihm 
war jedes Mittel recht, diese Identiiftt auch swoen Lesern plausibel 
zu machen. Eine geeignete Handhabe dazu bot sich ihm aber in 
dem zweiten Abschnitt des bekannten Ausspruches: tu>v fi^v övtujv 
übe IcTi, Tu)v bk ^f| 5vTWV die ouK ^CTi, welche er in dem Sinne 
au£fsJBt: Alle Urteile sind wahr, jeder Irrtim:i iat mithin aus- 
geschlossen. Indem er nttmlicb die övra im transcendenten Sinne 
nimmt, schUe&t er so: W«m der Mensch das Mai£ der övxti die 
&Ti und der \ii\ övra, ibc ouk Icti ist, so trifft sein urteil stets 
das richtige ^^^), weil es nie ein pi\ dv erfabt.^^^) Für Protagora^ 
konnte aber der ihm hier zugescboWe Satz: AiravTec bo£ä£ouci rd 
övra nur die Bedeutung besitzen: Die Vorstellungen, aus denen sich 
das Urteil zusammensetzt, sind fOr den Urteilend^i stets in Wirk- 
lichkeit vorhanden [vergl. Phileb. 37 B: oukoCv tö boEdZov, äv re 



entweder zwei oder vier oder sechs Beine, so verstolsen ihre Urteile 
zwar picht gegen die Logik, aber sie haben keinen Wert, denn der- 
jenige, welcher in der NflSborgesohichte bewanderter ist, wird sich am 
beider Urteil garnicht kümmern, weil er weils, dafs es auch Tiere ohne 
alle Beine giebt. — "^ Weil ja nach PUton alles, was ins Bereich der 
oöcCa ^llt, eo ipso wahr «ein moTs; er nennt auch geradezu t6 6vtuk 
öv t6 dXnOdc oder i\ dXif|6€iai vergl. Parm. 184 A: oökoOv ical ^mcnfmn . . . 
aOrfi ixiy d £ctiv imofiiuiii rf^c 8 fcriv d\/|6€ta aörftc dv MiYr\c clr| im- 
cnfmn; ndvu tc. Phaedr. 249 D: . . . i^Oca 6id xP^vou t6 6v dvotw^ T€ 
Kai eciupoOca riiXxfifi Tp^cpexai tcal e(maQ&, gL S. 16, Anm. fi. -- ^^^ Cf. 
The&i 167 A : . . . oOre tdp rd ni\ övra buvoTÖv bo£dcai, oOrc dXXa «op* 
S dv irdq(i]' TaOra bi dcl dkt]Qf\ (wirklieh), ibid. 171 A: . . . Eutxuip^ irou 
dhfifi (wirklich) cTvai Ö|uu>Xotijl»v Td Övra öoEdZiciv dirotvrac; ibid. 178 B: 
. . . ota iidcx€i oiö^£VQC, dXi)Öf) t€ oUTai abvßi koI 6yTo; das qni pro qno 
stellen ins grellste Licht { Theät. 161 D: . . . a(h'6c Td ^ouroO &cacToc 
MÖvoc öoSdcei, raOra bk irdvra 6p0d icai äkrfi9{ . . . (wirklich) und Bep. 
413 A: . . . f) oO t6 Td 6vTa boiiltiv dXnOcOetv öokcI coi elvai (dXn^Eiktv 
a> wahr sein). 



Die Berichte des Platon und Aristoietes über Protagoras. 189 

<p6ukr£v T€ pf) öpOiJkc bo£daj, tö t€ boi6llexv 6vtujc odbiitor' 
diioXXuav]. 

Nachdem Piaton jetat, wenn auch nur dnrdi aarge Sophistik, 
m den Xöroc des Abderiten ^dXYiO^c' in der Bedeutung * objektiv 
vihr' eing^ftUui hatte, konnte er jetzt leicht Widerspruche mit den 
obentaa Denkgesetzen nnd der alltttglichen Er&ihnmg aufzeigen. 

Inwieweit der Sophist selbst Flaton Gelegenheit gegeben hatte, 
ds8 angedeutete qm pro quo anzustellen, ist schwer genau zu be- 
stimmen; wir schlie&eni indes aus mehreren Anzeichen, dafs er 
'dXi|Mc^ in einer Weise anwandte, welchle Mifeyei»tftndnisse herbei* 
niAhren nur zu sehr geeignet w«r. Andrerseits Hegt es auch nahe, 
dafii Flaton damit dem Abderiten eine derbe Zureehtsetzung fOr dme 
in seinem Sinne den Namen der ^Wahrheitf entweihende und viel- 
l«ieht auch Tom allgemeinen Sprachgebranch abweichende Benatzung 
der Worte ^äkr^c' und 'äXrjeeia' geben wollte. ^'^) 

Wir werden daher die dritte von uns aufgeworfene Frage (vergl. 
S. 186) dahin beantworte«!, dafs, obgleich das Fehlen von dXT]9^c in 
dem von Piaton an die Spitze des ganzen Absbhnltfe gestellten Satze : 
TO boKoOv ^icdcrqj toCto xal Icn & boKEi dieselbe eher verneinen 
ISfst, die eigenartige Argumentation des Autot« zn unmotiviert er- 
xheiaen würde, wenn sich nicht der Sophist bei der Auslegung 
seines Ausspruches jenes terminus in prSgnanter Weise bedient 

Dafs Protagoras durch den Zusatz: TUiv füi^v övTUivdic 
fcTi, Tuiv hk }ii\ dvTUJV d)C OÖK ?CTi in offenbaren Wider- 
sprach mit dem Identitätsprinoip geraten sei, konnten 
wir nicht zugeben; wir untersuchen jetzt, ob andere Punkte 
seiner Lehre dagegen versüefsen. Wie wir schon oben bemerkten, 
kslt Flaton dem Satze: tö öokoCv ^KdcTqj toCto Kai &Ti, in welchem 
er ja boKeiv mit *gut scheinen' übersetzte, eine demonstratio ad 
eenlos entgegen, dafs nflmlich alle Menschen voraussetzen, es gebe 
bei ihnen coq>ia xai d|üia9ta. Nachdem er diesem praktischen Argu- 
ment sofort ein theoretisches Gewand angezogen hat, dadurch, dafs 
er die beiden Gleichungen: coq)ia «» äXTidf|C bidvoia und &^o6(aB«= 
V€uW|c böEa aufstellt***), ftbrt er fort: Wie sollen wir jenen Satz 

w 

'^) So hat man aas der pifignanten Hervorhebung des Wortes 
'4^e€Mi' im The&t 152C, 165D, ISlG, ie2A, leeD, 17lC; BtfthTd. 
SMC; Cratyl. 384 B, 886 G, 391 C (Soph. 246 C?) und der eigentümlichen 
Berrorhebung des terminus 'dXv|e^c' in der Verteidigungsrede des So- 
pkiiteo s. B.: & b/) Tiv€C qMXvrdc^ara Oic6 dirctpiac dXTiB^KaXoOciv, ^fib 
M (kXriiu M^f Td Srcpa vSrv Mpsiv, &Kr\dicr€pa bi oObiv (167 B) auf 
drn Titel *AXf|8cta einer prolagorischen Schrift schUeüsen wollen. Wir 
nd indes mit Zeller (a. a. 0. S. 899) und Wecklein (a. a. 0. S. 8) der 
Aiaidit, dafr die angefahrten Stellen sich auch ohne einen solchen Titel 
cfkliitn kssen. — >*i) Sollte dXrfiic die Bedeutung 'wirklich' haben, 
to ersetst im Griechischen ctvat far sich schon dXii6^c dvai. — ^") Th^t 
W C werden 009(0 und dfiaOia gans anders defimert (vergL S. 2, Anm. 1). 
Pratagoims würde von seinem' Standpunkt aus* jene Gleiehnngen hOohst 



190 Wilhelni Halbfasa: 

auslegen?*^) rrÖTcpov iLkr\W\ cp&ficv dcl touc dvGpiÖTTOuc ioEtoiv 
f\ nork ^ky dXiiBf), ttot^ hk \\te\)bf\; Dem Zusammenhang nach 
können wir den ersten Teil der Frage nur übersetzen: Sollen wir 
glauben, dafs die Menschen stets das Richtige treffen? Für Prota- 
goras konnte er aber nur den Sinn haben: Sollen wir glauben, dals 
die Vorstellungen der Menschen für den Vorstellenden stets wirk- 
lich sind? Nach unserer früheren Auseinandersetzung (yergl. vorige 
Seite) würde Protagoras die Fragtf im letzteren Sinne bejaht haben, 
im ersteren Sinne yemeint haben. Indem Piaton indes die Bejahung 
der ersten Frage als aus dem ^Xöyoc' unmittelbar folgend voraus- 
setzt, schliefst er weiter so: Wenn Protagoras urteilt: Alle urteile 
sind wahr, so behaupten tausend andere : Nein, dein Urteil ist falsch, 
und da nach seinem eignen Satze ihr Urteil auch wahr ist, so mnfs 
er sein eignes Urteil, mithin auch seinen Satz für falsch erklftren. 

Der Schlufs h&tte natürlich auch so verlaufen können: Wenn 
auch tausend andere urteilen, mein Urteil ist &lsch, so urteile ich 
wiederum, dafs ihr aller Urteil falsch ist und da sie nach dem Satze 
zugeben müssen, dafs dies Urteil richtig ist, so ist auch der Satz 
richtig. Wir erhalten so das kontradiktorische Gegenteil von dem 
vorhin gewonnenen Resultate. ^'^) 

Abgesehen von diesem bedenklichen Umstände ist der springende 
Punkt in dieser Beweiskette: elirep fe. KaO' ^KdcTiiv böiav £cTat 
KQi ouK fcrai gar keine Folgerung aus dem Satze in 170A; denn 
selbst, wenn er praktisch aufgefafst wird, kann er nur die Behauptung 
aussprechen: Jedes Urteil ist für mich wahr. Der Sophist warf sich 
also selbst in diesem Falle nicht zum unfehlbaren Kpir/jc über alle 
auf^^^), vielmehr hing, wie wir bald zeigen werden, ob andere 

bedenklich gefunden haben, da er nur eine XP^cr^ 6idvoia und eine 
iTovrip& böla kannte (vergl. Theät. 167 B). Jene beiden Gleichungen, in 
denen btdvota und böSa eigentlich gar keinen Gegensatz, so wie 009(0 
und d^a6(a bilden, könnte man passend vielleicht so wiedergeben: co<p(a 
ist die richtige Einsicht, d^aOia die unrichtige Ansicht; dieselbe 
Definition von d^aeia findet sich Prot. 361 C. — '") T( xpncd^cOa t^» 
X6t4i; die Frage sieht fast aus, als 'ob Piaton nicht wfifüte, in welchem 
Sinne Protagoras den 'Xöyoc' au%efiüst habe; den Ausführungen Yon 
Schmidt (a. a. 0. S. 491), dals 6 Xötoc auf den vorangegangenen Teil 
des Beweises zu beziehen sei, kOnnen wir nicht beipflichten. — "^) Ver- 
gleiche damit die Notiz bei Diog. L. IX 61: TTpi&TOC £<pfi b<)o Xdrouc 
€Tvat ircpl iravröc irpdy^aToc dvTtKci^^ouc dXXf|Xoic, welche Wolff (a. a. 0. 
S. 8) mit Unrecht zu den 'dicta sincere ad Protagoram relata' z&hlt. — 
''') Mit welchem Beohte überhaupt Piaton den spez. protagorischen 
terminus V^pcv' in den terminua 'KptTf|c' (. . . tfit KpiTfjC xard t6v 
np. Tiöv T€ övTUJV 4jbio(, liic IcTx . . . (160 G); i^^tv Töle dXXotc wcpl TflC 
cf)c xpiccuic iroT^pov xai oitK (crt xpiratc T^v^cOat, f) dcl c^ Kplvcficv 
dXnOf) öoEiZciv (170 D); . . . dXXd ircpl toO fi^ovTOC . . . irörcpov a<nöc 
£auTi|i dpt€<roc KpiTf|C . . . (178 E); cf. . . . ^f|T€ xd dXXou irdOoc dXXoc 
ß^Tiov &taKptvct . . . (161 D); ... Ixuiv yäp aiyvSnf tö Kpixfipiov 
^v ain(^ . . '. (178 B); . . . dicupor^pa /} KpCctc xi^c xoO öhioitoioO ircpl xfjc 
dcoji^vnc VJ6ovf)c . . . (178 D); . . . öxi xal x6 }j£KXoy fcccOaC x€ xal ööH«v 
oöx€ ^dvxic oüxc xic dXXoc d^^vov Kpivciev dv f^ aOxöc (179 A); ist 



Die Berichte des Piaton und Axistoteles über Protagoras. 191 

meine Überzeugungen, die natürlich für mich stets wirklich sind, 
teilen, auch nach seiner Ansicht davon ab, ob jemand auf Omnd 
sorgftltiger Beobachtung, vielfacher Erfahrung und reifen Nach- 
denkens ein Urteil gefUlt hatte, oder auf einen oberfl&chlichen und 
Torfibergehenden Einfall hin! 

£in Widerspruch der als authentisch anzunehmenden 
Lehre des Protagoras mit dem principium contradictionis 
ist also bisher nirgends zu Tage getreten. 

. vn. 

Welche Formel drflckte etwa das ftlanbensbekeimtnls des 
SopUsten In der praktisclieii Philosophie ans? 

Wohl nicht der Satz: tö boKoGv ^KdcTifJ toOto xal 
{cTiv 4i boK€i entsprach seiner ethisch-politischen Über- 
'.«Qgung, sondern die Formel, welche herauskommt, wenn 
nan anstatt des einzelnen Individuums ein ganzes Ge- 
einweseuy eine iröXic setzt, d. h. der Satz: tö koiv^ 
iEav TOuTO tWveTai dXi]6ic töt€ örav böEq Kai öcov 
V boK^ xP<^vov (172 B) [vergl, ibid. 172 A: oÖKoOv xal nepl 
oXiTiKoiv ... da fiv ^KiicTii nöXic oirjOeica Ofirai vdpuixa iaxrtfji, 
aCra xat cTvai tQ dXnOeiqi ^Kdcrr)], nach welchem, wie der Autor 
t>enchtet, viele, die sonst dem Xöyoc des Sophisten nicht beipflich- 
teten, dennoch ihr praktisches Verhalten einrichteten, ^^f) Wenn 
nlmlich Protagoras, wie wir S. 156 sahen, trotz der individuell ge- 
erbten AofEiassungen moralischer Begriffe, gewisse sociale Eardinal- 
togenden, alöuic und biioi voraussetzte, denen er für alle zu einem 
Gemeinwesen gehörenden Bürger eine normative Verbindlichkeit zu- 
<dirieb, so stimmt diese Idee zwar gut zu dem zuletzt angefahrten 
Sitze in 172 B, aber gar nicht zu dem Satze in 170 A, in der vom 
Berichterstatter beliebten Deutung. 

Piaton freilich, der nicht nur auf theoretischem Oebiete, son- 
<ieni auch in der SphSre des biKaiov, öctov xal xaXöv ein (ptJCEi 
iauToO fxov (172 B. cf. Cratyl. 387 A: xarä Tfjv auriöv cpüciv Kai 
m npoictc irpdTTOvrai, oö Korä -rtjv f|jii€T^pav böSav und Eep. 506 A) 
voraussetzte, hielt die in jenen Worten niedergelegte politische An- 
seht nicht biofs für sehr verkehrt, sondern auch für höchst verderb- 

ueht recht ersichtlich, es scheint aber mit gar keinem Rechte. — 
^ Kai öcoi T€ bV| \ii\ iravrdiiact töv T\p\UTj/Lf6pov Xöyov X^you- 
^iv; Cihi Kuic Tf|v co<piav dtouci. (ti^v co9(av dyciv ist eine sonst in 
«iner BedeutoDg nicht wieder vorkommende Wendung.) Dafs diese Auf- 
Cunmg im politischen Leben damals wirklich gang und g&be war, be- 
vasea Stellen wie Prot 337 C, Legg. S89 E, Xeu. Mem. 111 8, 3. 7. IV 
^ tt. 6, 8. veigl. Arist soph. elench. 173* 10£: . . . ^avria T&p ctvai 
f^ Koi vöfAOv, Kai Tf|v 6ticaio€0vT|v Kord vöfiov ^4v, ctvail koXöv, wnä 
^ 9^Qv oO . . . ifv b^ t6 fiiv Kard 9OCIV aCrrolc t6 dXqB^c, t6 bk 
««t4 vö^ov t6 Tolc itoXXolc boKoOv. 



192 Wilhelm Halbfass: 

lieh; er nnterbricht daher den Faden der Diskussion, mn in einer 
berühmten Episode, in welcher man in neuerer Zeit^^^) mit Recht 
das schwere Oeschtttz der platonischen Argamentation gegen den 
anthropometrisohen Standpunkt überhaupt gesehen hat, das Treiben 
der Helden des Tages, der Bhetoren und Sophisten, dem ernsten 
und würdigen Leben des wahren Philosophen gegenüberzustellen. ^^) 
Indem er nun grade bei der Kritik der Lehre des Protagoras 
die praktischen Folgen jener 172 B ausgedrückten politischen Über- 
zeugung dem Leser vor die Augen führt, giebt er selbst einen neuen 
Beweis für die Wahrscheinlichkeit einer generellen Deutung des 
Ausspruches: irdVTUiv xpTm<iTuiv fi^Tpov ävepumoc^ welcher sich 
bei dieser Auffassung mit dem Satze: JÖ KOtvQ böSav touto t^- 
Tverai dXiiO^c t6t€ örav böEq xal öcov fiv &okQ xP<^vov durchaus 
im Einklang befindet. ^'^) 

VIIL 
Wie verhält steh die Lebre des Protagoras zum Wertbegriff? 

In den letzten Abschnitt unserer Kritik des platonischen Be- 
richtes stellen wir die Untersuchung darüber, wie sich der Sophist 
dem Wertbegriff gegenüber verhalten habe, d. h. ob er 
auf dem ethischen Gebiete einen Unterschied unter den Urteilen und 
Meinungen hinsichtlich ihres objektiven Wertes angeselzt habe. 

Auf den ersten Blick sprechen manche Anzeichen dagegen; 
denn erstlich macht der Autor zu dem Ausspruche des Sophisten 
selbst kritische Bemerkungen wie: . . . t6t€ xal 6 HpuiTaTÖpac 
auTÖc £uTxu)prjc€Tai ^ilT€ Kuva jiirJTC töv ^niTuxövra ävdpumov 
ji^Tpov elvm ^r\bk irepi dvöc ou fiv ixi\ jidOq (Theaei 171 C); 
. . . dvdficii auTiJi ö]LioXoT6iv coq)uiT€pöv t6 dXXov dXXou clvai 
Kai TÖV päv ToiouTov fi^Tpov €?vai, iyioi bk tijj dveiriCTfj^ovt \ir}f>k 
ÖTTUicTiouv dvdxKTiv elvQi liirpi^ xiTVCcBoi (179 B); . . . oörrtu 
cuTX<AipoCM€V ndvT* dvbpa irdvruiv xpilfidTuiv fi^Tpov clvat, dv pfi 



^'^ So schon Schleiermacher a. a. 0. S. 126 ff. 180; ihm sind hierin 
gefolgt: Snsemihl, a. a. 0. S. 187, Berkuskj a. a. 0. S. 28 ff., Kreienbühl 
a. a. 0. S. 8 und Peipers a. a. 0. S. 482 ff., dagegen hat sich besonders 
nur Bonitz, plat Stuaien. 2. Aufl. Berlin 1875. S. 66 ausgesprochen. — 
isB) Der energiBohe und lebendige Ton, der in dieser Episode herrscht, 
zeugt dafür, dals Piaton hier seinen Angriff nicht gerade unmittelbar 
gegen langst verstorbene Männer, wie Protagoras, richtet, sondern sogen 
seine eigenen Zeitgenossen, namenÜieh, woran wohl zuerst Schleier- 
macher (a. a. 0. 8. 127^) gedacht hat, gegen den Weltmann Aristipp, 
wenn auch Anspielnngen an Antisthenes (174 A, 1780, 175 D) vorkommen. 
— "*) Wenn man den Aussprach im individuellen Sinne nimmt, stimmen 
freilich die ethischen Ansichten des Sophisten schlecht zu seiner Er- 
kenntnistheorie; diüier die Bemerkungen von Frei (a. a. 0. S. 118 ff.}: 
Ethica deniqne Protagorae placita nulla sane ex j^rte sophistam sapiunt 
. . . quod ttt philosopho iure crimini vertas, homini laudi dacendum est ; 
Umlich Lange, Gesch. d. Materialismas Bd. I S. 181, Steinhart a. a. 0. 
Bd. I S. 420, Schanz a. a. 0. S. 112. 



Die Berichte des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 193 

9pövi^6c TIC ) (183 B); . . . xal raCrd t€ Obc ^T^^ai, col rrdvu 
öoxcT, 9povr|C€U)c oCct]c koi dqppocuviic \ii\ Tidtvu Suvardv elvai 
TTpurrcrröpav i\r\W\ X^t€iv oöbfev yctp äv ttou t^| dXri0€i<!i 6 dxe- 
poc ToG ^T^pou cppovi^uiTcpoc eXr\, cTnep & &v ^KdcTqi boicQ 
kdCTUJ dXnefl &Tai (CratyL 386 C). 

Zweitens hatte Piaton zwar den Sophisten von sich aus zu dem 
Zugest&ndnis getrieben: ircpi T€ toO djLieivovoc Kai x^^povoc bia- 
9^p€iv Ttvdc, oOc hi\ KQi cTvai co(poüc; allein bei der Disknssion 
Qber den Satz: tö öokoGv ^KdcT({i toCto Kttl fcTi (^ boKet nimmt 
er auf dasselbe keine Bttcksicht, weil man ja nicht wissen könne, 
ob der Sophist, wenn er noch lebte, damit einverstanden gewesen 

wäre: . . . VOV ik Tax* äv TIC f||ÜlOC dKÜpOUC T1061T| Tfjc tÖTT^p ^Kei- 

voü ö^oXoTtac . . . Mf| Toivuv 5i* äXXuiv*^, dXX* ^k toO dKcivou 
lÖTOu die biä ßpaxuTdTUiv Xdßw^ev Tf|v 6|üioXoTiav (169 E). 

Drittens wendet Platon ein, die pädagogische und rhetorische 
Wirksamkeit des Sophisten stehe mit seinem Ausspruch in argem 
Widerspruch: . . . i\\i€ic ^^v aÖTÖv iScTTCp Oeöv GaufidCo^ev 
^iri coq>{qi' 6 b* dpa dTUTX«V€V ö)v elc q)pöviiciv oöbfcv ßeXTluiv 
porpdxoü T^pivou, iii\ 8ti dXXou tou dvGpifiiruJV (161 C); . . . t( 
bij ttotc, iZi ^TaTpc, TTpuiTayöpac jutv cocpöc, dlcTe xal' 
iXXuiv bibdcxaXoc dSioOcOai biKaCuic jütCTd ^€TdXu)v juicGuiv, 
Tificic bt d^aO^CTcpoi t€ Ka\ cpoiTTiT^ov fijiTv fjv Trap* iKcTvov, jiA^Tpiji 
ovn avriji ^Kdcnii ttJc aÖTOö co9iac; (161 D). 

Viertens beklagt sich Platon, dafs die Lehre des Abderiten, 
welche: ain&QKf] ^KacTOV eic 9p6viiciv ^iroici, das Abwägen und 
Prfifen der Urteile, das biaKpiv€c6ai, biicxupiZecOat, dmcK^iiiacOai, 
ton £u^Tracav Tfjv tou biaX^YCcO<3ti irpaTfidTCiav, aufhöbe: . . . xai 
UT|TC Td dXXou TidOoc dXXoc ß^XTiov biaxpivei, \if\ie Tf|v böHav 
wpiurrepoc ?CTai dincK^ipacGai ?T€poc Tf|V ^T^pou, dp9f| f[ ipeubfic 
. . . TÖ Top dmcKOTTciv Kai 4X^TX€iv Tdc dXXifjXuiv cpavTaciac t€ 
Kat bdEac öp6dc ^KdcTOu oöcac, oö ^aKpd ^^v xai biuiXuTioc 
«pXuapia . . . (161 D f.). 

Fünftens wundert sich Platon, warum denn Protagoras gerade 
den Menschen und nicht das Schwein oder irgend ein anderes Ding, 
^j wie der Mensch, auch afc0T]Cic besitze, zum Mafs der Dinge 
»beben habe, da doch nach seinem Grundsatze oub^v bioicei 
£icco(piav ^xacTOC twv dvGpidnuJv ßocKrj^aToc 6touo0v 
-.162 E)."») 

^'^ unter den dXXot sind wohl nicht Heraklit oder Theätet zu ver- 
nefaen, aondem die Hateimicfi t^vt) des Sokrates ist gemeint. — • ^'^) Tf|v 
^ ^Av ToO X6tou T€6aöfiaica, dn oök elirev , . , öiri irdvnuv xprwiämuv 
w^Tpov ^criv Oc fj KuvoK^q>aXoc f) ti dXXo dTom/ircpov Tunr ^x^vtuiv 
«^töilQv (161 C); cf.: d TTp. aCrröc HtiTXWp^ccrai ^/|T€ KÖva ji^xc t6v im- 
^Ävra dv6pumov fi^pov clvai . . . (171 C); . . . f^ cO öticxupicato Äv U»c 
^ col 9aiverat ixadrov XP<^M<X| toioOtov xai kuvI koI ÖT4ioOv2^i(i(fi; 
IM A). Das Schwein galt als das yeräohtlichste Qeschöpf : . . . cöxcpCtic 
ttcicp eiipiov 0aov iy d^aetqi fioXOvirrai (Bep. 6S6E); cf. ibid. 878 D, 
Jtkiti. f. eUM. FhUoL SnppL Bd. Xin. 13 



194 Wilhelm Halbfass: 

Wir hoffen diese Einwände, welche gegen eine Lehre geriohtet 
sind, welohe, anf dem schroffsten IndiyidualismnB beruhend, jede 
Diskussion, jede Erziehung und Wissenschaft aufheben würde, ent- 
kr&ftigen zu können und beginnen mit der Bekämpfung des letzten 
Einwandes, welchen Piaton von einem besonderen Gesichtspunkt aus 
erhoben hat, während die yier ersten Einwürfe, wie wir sehen werden^ 
auf Einem und demselben Grundgedanken beruhen. 

Ebensowenig wie Piaton daran dachte, Schwein, Frosch und 
Mensch deswegen auf gleiche Stufe mit einander zu stellen, weil 
alle an der aTcOT]Ctc Anteil haben ^^), ebenso sehr haben auch seine 
philosophischen Zeitgenossen und Vorgänger, Protagoras einge- 
schlossen, den geistigen Punktionen der Menschen unbedingt den 
Vorzug gegeben vor denen der Thiere, indem sie gewisse Funktionen 
angaben, die nur dem Menschen und nicht auch den Thieren zu- 
kommen. ^^) Wir sehen keinen Grund, warum Protagoras, der 
doch mit den Menschen in einem so engen Verhältnis und so viel- 
seitigen Verkehr stand und gewohnt war, sie vom praktischen 
und nicht vom physiologischen Gesichtspunkt ans zu betrach- 
ten, von dieser allgemein geltenden Ansicht eine Ans- 
^ nähme gebildet haben soll. Im Gegenteü würde er energisch 
gegen eine derartige Erweiterung seiner Lehre protestiert haben! ^^) 

Auch war sich der Berichterstatter jedenfalls bewulst, dafs er 
durch solche Deklamationen und Appellationen an das Geftlhl seiner 
Leser keineswegs einen strengen Beweis gegen den Sophisten bei- 
bringe^^); allein ein ethisches Argument erblickte er doch sowohl 



Legg. 819 D. Man beachte BchlieMich noch Aristophanes, Neq>. v. 1427 : 
CK^pai ToCic dXeKTpOovac xal TdXXa rä ßoTci TaiHi, üic touc iror^pac 
djutOverat' xakot t£ öiacp^pouov i^fiiaiv dK^voi, itX/|v t' Öti \{ir](p(c)LiaTa oO 
Tpd90uav; v. 1430: t( bf\ra kit^ibii toOc dXcKTpöovac äiravra }it^&, oök 
ic6(€tc xal Ti^v ia!mpov xdirl HOXou xaSeObcic; od raöröv, oöb' dv CujxpdTci 
öcxoCi). — ^'') Man denke nur an seine Lehre von der Wanderung der 
MenscheDseele in Tierleiber als Strafe: Tim. 90Eff. Phaedr. 249 B. cf. 
Theät. 174 B: t( bi wot* icxiv dvOpuiTroc xal t( rfl ToiaÖTij q>Ocei 
trpocflxci ftidcpopov Tütiv SKKwv iroictv f\ irdqcciv, Iy\t& T€ xal irpdtMax' 
^X^i biepeuvUi^cvoc. ibid. 186 C: oöxoOv rä )dy d)Qi)c TCvo^6^olc irdpecri 
qpOcct alc6dv€c6oi dvOpUiirotc tc xal 6r)p(oic, öca bxä toO aüjuaToc 
iraGifmara ini rfiv Mnjxi?|v T€(v€r tä bi irepl toOtidv dvaXoTtc^aTa . . . 
— *•■) So beachte man die Bemerkung von Alkmäon: dvOpumov tuiv 
dXXuTv Zxlmjv biacp^pctv, öti |li6vov Siävirici, rd b' dXXa alcOdverai {Lidv, oO 
Suv(r)a bi, \bc ^TEpov 6v (Theophr. de sensu § 26), und Arist. de an. 
414*> 16: . . . ^T^poic bä xal tö 6iavoy]Tix6v xal voOc, olov dvOpunroc 
xal e! Ti toioOtov Ixcpöv ^cnv f\ xal n^mirrcpov, ibid. 415* 7: reXciirctlov 
bi xal ^dxicra Xoticm6c xai ötdvoio. Wenn freilich Anazagoras, Em- 
pedokles und Demokrit den Pflanzen eine Miux^i zuschrieben (Zeller 
a. a. 0. S. 824), so waren sie schwerlich im Stande, sie von der mensch- 
lichen \\^\J%fy strenge zu scheiden. — "^) Man veral. S. 18 Amn. 8. Zu 
dem entgegengeseteten Besultat gelaugt Laas a. a. 0. S. 219. — *^') Dieses 
Zageständbois liegt in dem Gegensatz yon diröbeiEic xal dvdrxn einerseits, 
und cixöra und mOovoXoiria (ein in der klassischen Zeit seltenes Wort!) 
andererseits; cf. 168 A: ... xal toütou xdpw xd iroXXd xal dToira raOra 



Die Berichte des Platon nnd Aristoteles über Protagoras. 195 

in jener Anspielung wie in dem Hinweis darauf, dafs der Ausspruch 
des Protagoras sowohl die Menschen zu den Göttern emporhöbe wie 
umgekehrt die Götter zu dem Standpunkt der Menschen erniedrige: 
. . . ipa DU cuvOau^dZeic el iia\(pyn\c oötujc ävaq>avr)C€i jini^^v 
Xeipiuv de coq)iav ötouoOv dvGpiÄrruJv f| kqi 0€uiv; (162 0).***) 

Wir geben nunmehr zur Abwehr der vier zuerst namhaft ge- 
machten Einwftnde über. 

Wenn, wie wir S. 154 auseinandersetzten, der Abderite es sich 
zur Aufgabe gemacht hatte, junge Leute &€ivouc TÖ X^yciv Kai tö 
irpdTTCiv zu machen, so müfste er damit faktisch der Überzeugung 
sein, dafs die Meinungen und Urteile der Menschen hinsichtlich ihres 
Wertes qualitativ von einander verschieden sind; allein er besafs, 
mögen auch in der Schilderung unseres Autors Übertreibungen unter- 
gelaufen sein, eine in den Augen Piatons so rohe und oberflSchliche 
Vorstellung von den Faktoren, welche den höheren Wert des Einen 
Urteils vor dem andern bedingen (vergl. auch S. 155), dafs dieser 
TOD einem solchen Wertbegriff gar ^eine Notiz nahm. 

Der Sophist war nSmlich offenbar der Ansicht, dafs derjenige, 
welcher sich dem Unterrichte eines Sophisten hingab, um von ihm 
ftber die Pflichten gegen seine Familie und den Staat belehrt zu 
werden und Praktiken zu erhalten, wie man sich zu benehmen habe, 
um der Welt gegenüber als ein biKaioc Kai xpilCTÖc zu gelten^*'), 
in Folge dieser Erziehung darauf Anspruch machen könne, seine 
Urteile für wertvoller als die Anderer zu halten. 

Wenn man aber auch auf Grund einer solchen Bildung tugend- 
haft, gerecht u. s. w. handelte, so konnte man doch, vom Stand- 
punkte Piatons aus, nie den Grund seines richtigen Handelns an- 
geben, weil die philosophische Einsicht, die Kenntnis der eXbr\ 
fehlte**); man konnte dann auch nie t^ toö biaX^T^cGai irpat- 
ItaTciqi*'^) einen andern überreden, dafs einer gerechten Handlung 

tnvfiaiMCv. Die Ironie, die in dem terminns rä cUöra steckt, erhellt 
aoi Phaedr. 267 A: Tidav H roptCav t€ idco^ev cdbciv, oi trpö tu^ 
^ÄfiOurv T& clKÖra elöov liic TX^iiytia ^fiXXov ... — ''^ Ober den in 
die«em Abflchnitt befindlichen Ausspradti des Sophisten über die Götter 
lergl. Excnrs 11. — "^ TheÄt 167 C: . . . dXX' ö C096C dvri irovT)pdiv 
6vTuiv ctÖTOtc iKdcnuv xp^l^r^ iiroCrjccv clvai kqI ftoKctv . . . xal ö co- 
9iCTf|c Toüc iraitoio^dvouc oörui buvdfievoc iraiöcrruircly cocp6c rc xal . . . 
et ibid. 176 B: . . . irovripiav (pei!rretv . . . !va \ii\ koköc xal Wa dxaSöc 
ftoKf) clvai und dazu die Bemerkung von Platon: raOra ydp ^cnv ö 
Ut6H€voc Tpa<i>v ü6Xoc, ibc i\io\ (paCverm. — '") Cf. Phaedo 82 A f.: 
«k ß^TiCTOv Töirov lövTCC ol T?|v 5imoTticf)v T€ Kol iroXiTiic?|v dpcTf|v hn- 
i«ti)6cuic6t€C, f^v hi] koXoOci cui9poo>vr|v t€ xal biKaiocOviiv , £E lOcuc tc 
Koi ficXIrnc TCTOvüiov dv€u q)iXoco9(ac t€ xal voO; . . . und Rep. 684 Bf.: 
Sc ftv |if| ^xü ötopicacdai rCp Xöxq) dirö TOtrv dXXuiv irdvriuv dq>€Xaiv tf|v 
TOÖ dxadoO ibiay xal ißcircp tv }i&xQ h\ä irdvruiv iX^TX^^v, &icStdiv ^V) 
«aT& 66S0V, dXXd xar* oOc(av irpoOuiüioO^evoc ^irxciv . . .; The&t. 
174 C: . . . €lc CK^i|nv ainfic 6iKaiocuvf)C tc xal dbixlac ...— "•) Meno 
WB: Öt6 xal oöx oto( tc dXXouc irot^v toioOtouc olot aOroi clav, drc 
«6 h\* iiricT^^nv övrec toioOtoi . . . X^oua }iti ähfi^i xal iroXXd, tcaa 

IS* 



196 Wilhelm Halbfaas: 

der nnbedingte Vorzug vor der ungerechten gebühre, sondern konnte 
nur von Fall zu Fall die Vorteile einer gerechten, tugendhaften u. s.w. 
Handlung aufweisen.^*®) 

Die S. 192f. aufgeführten Argumente gegen die Einführung des 
Werthbegriffs durch Protagoras sprechen also nur die Einführung 
eines Werthbegriffs auf Grund fester theoretischer Principien, kein e s - 
wegs liefern sie aber den Beweis dafür, dafs Protagoras im 
Ernste einen Jeden für gleich sehr auTdpKi^c cic <pp6* 
VTiciv angesehen habe. 

Wir glauben daher, nach unserer kritischen Prüfung des plato- 
nischen Berichtes, uns nicht von der historischen Wahrheit zu ent- 
fernen, wenn wir behaupten, Protagoras habe sowohl auf 
theoretischem wie auf praktischem Gebiete dort den nor- 
malen alc6ifjc€ic T€ Kai xarä ratJTac böHai den Vorzug 
vor den abnormalen, hier den wertvollen Urteilen der 
Menschen den Vorzug vor den wertlosen eingeräumt und 
folglich den Satz: TrdvTWV XPHM^^'^^V jii^Tpov äv8pU)7roc 
im generellen Sinne verstanden. 

C. Die Angaben des Aristoteles ftber die Lehre des Protagoras. 

I. 

Die Hitteünngen des Aristoteles über den Ansspraoli: ttoivtujv 

XPiim6tujv fi^Tpov ävOpumoc. 

Nachdem wir die Angaben Piatons, des ersten Gewährsmannes 
für unsem Sophisten, geprüft haben, sind wir in Übereinstimmung 
mit unsern Vorgängern ^^^) der Ansicht, dafs damit die gröfste Arbeit 
gethan sei. Die übrigen Berichterstatter, von denen wir uns nur 
mit Aristoteles näher beschäftigen werden, lassen nocli weit 
weniger, als Piaton, erkennen, bis wohin der Sophist selber gegangen 
sei und wo ihre eigenen Folgerungen anheben. 

Aristoteles erwähnt unsem Sophisten, den er dadurch sichtlich 
vor den übrigen auszeichnet, dafs er ihm einen Platz unter den 
Philosophen anweist, in erkenntnistheoretischer Hinsicht aufser viel- 
leicht an einer Stelle in der Psychologie (de an. 426* 20 ff.) nur in 
der Metaphysik, namentlich im Buche f. 

Bevor wir jedoch die Mitteilungen in diesem Buche, welches 
Böse (de Aristotelis librorum ordine et auctoritate S. 155), als 
Theaetetus in sermonem Aristotelis philosophicum translatus be- 
zeichnet, einer Prüfung unterziehen, wenden wir uns zunächst den- 

bä oiybtv iLv X^YOUciv. — "^) Rep. 867 B: fipd coi ftoKö T0i6vb€ elvai äfa- 
66v, ö &eEl(}(^€6' dv ^x^iv oü rdrv diroßatvövruiv 4(pi^|bi€voi, dXX' a&TÖ ab- 
ToO ^v€Ka dc1Ta2;ö^€vol; — "*) Man vergL die Bemerkungen von Frei 
a. a. 0. S. 78, Weber a. a. 0. S. 23, Vitringa a. a. 0. S. 108, Schanz 
a. a. 0. S. 66 und Wolff a. a. 0. S. 3: . . . quaecumqae ceteri scrip- 
tores Bomniant, ad Theaeteti fundamentum referri posaunt. 



Die Berichte des Piaton und Aristotelea über Protagoras. 197 

jenigen Stellen zu, an denen der bekannte Ausspruch des Abderiten 
selbst berührt wird (vergL S. 160). 

Die Eine derselben befindet sich im Beginn des 6. Kapitels des 
11. Boches, welches bekanntlich mit dem 5. bis 8. Kapitel des 
4. Baches korrespondiert, resp. ein kurzes Besum6 über das dort 
abgehandelte giebt. Im vorhergehenden 5. Kapitel, welches dem 
4« Kapitel des Buches f entspricht, hatte Aristoteles besonders mit 
Rücksicht auf Heraklit (cf. 1062* 32 f.) das principium contra- 
dictionis vertheidigt; das 6. Kapitel beginnt gleich mit der Behauptung: 
aach der Satz des Protagoras führe auf einen Widerspruch mit dem 
genannten Axiom: irapaTrXrjciov bk toTc eipfm^voic icfi xai tö 
X€x6tv wr6 ToO TTpurraTÖpou • xal fäp dKcTvoc icpr\ ndvTUJV 
XpnMOTuiv clvai fi^xpov fivGpwirov oöbfev ?T€pov X^yu^v 
f) TÖ boKoOv ^KdcTup toOto Kai elvai iraTiuJC. Oft erscheine näm- 
lich Toicbi elvai TÖbe KaXöv, toicM b' dvavTiov; wenn aber xö 
qxiivöfievov ^Kdcrip für Jeden das jüi^Tpuv ist, dann müssen aller- 
dings entgegengesetzte Ansichten gleich wahr sein: toutou titvo- 
^(vou TÖ auTÖ cu^ßaiv€i clvai xai )Lif| eivai Kai KaKÖv Kat ä^aGöv etvai. 

Man sieht also zunftchst, dafs der Berichterstatter den Aus- 
:^rach des Protagoras hier, genau wie Piaton, im individuellen 
Sinne auffafst, dafs er ihn unmittelbar nacheinander einmal durch 
boKCiv mit dem zugehörigen relativen Dativ und einmal durch 
(paiv€c8at auslegt (cf. Cratyl. 386 AC). Diese Auslegung unter- 
scheidet sich aber wesentlich von derjenigen, welche er in der der vor- 
liegenden Stelle entsprechenden (1009* 6 ff.) giebt. ^^^) Denn dort 
heilst es: . . . irdvTa rä boKoCvTa Kai rd (paivö^eva dXriOf) 
ecTiv; es wird also der ^Xöyoc' in absoluter Form ausgesprochen. 
iofEallend ist es jedenfalls, dafs Aristoteles erst hier, bei einem 
korzen Resume über die in Buch f abgehandelte Materie, den Aus- 
spruch des Abderiten wirklich erwähnt, während in dem analogen 
.(bschnitt iii jenem Buche selbst die leiseste Andeutung dazu fehlt. 
Wir kommen auf die weitere Auslegung des Autors bei unserer 
Kritik der Mitteilungen im Buche f zurück und berühren an dieser 
Stelle nur noch einige bemerkenswerte Punkte. 

Es scheint die Folgerung des Autors: Nach dem Aus- 
sprach des Sophisten sei gut und böse identisch, gegen dessen 
Einführung des Wertbegriffes zu sprechen (vergl. S. 192ff.). 
lUein wir sind keineswegs genötigt, diese Worte auf Protagoras zu 
beziehen; im Gegenteil geht aus zwei Stellen bei Aristoteles (Top. 
Ibb^ 30 und Phys. 185^ 19) hervor, dass die Worte: . . TÖ auTÖ 
cufißaivei xai KaKÖv Kai dyaOöv cTvat von Heraklit herrühren. 

Auch sonst gebraucht Aristoteles bei Erwähnung des Sophisten 
Wendungen'^'), die nicht diesem, sondern Heraklit eigen waren, auf 



»**) Man vergL nur lOea'» 20 ff. mit 1009» 22 ff. und 1062* 36 f. mit 
lOf«*» If. — "») Peipen a. a. 0. S. 294, 684 und 716 hält das Wort 'irariiüc' 



198 Wilhelm Halbfasa: 

dessen Widerlegung es ihm bei der Verteidigung des prinoipium 
contradictienis wesentlich ankam. Hieraus nun aber wieder allein 
auf ein nahes Verhältnis zwischen beiden Männern zu schliefsen, 
wie es z. B. Peipers^^) gethan hat, sehen wir keine Veranlassung. 
Nicht um die Philosophen^ welche durch ihre Aussprüche jenes 
Axiom zu verletzen schienen, war es dem Berichterstatter zu thun, 
sondern um die logischen Ungeheuerlichkeiten, welche aus der 
Läugnung desselben hervorgingen. Wir müssen weiter die dem 
Sophisten beigelegte Lehre: . . . jH^Tpov . . . elvat tö ipaivo^e- 
vov iK&CTM^ (1062^ 19) als durchaus unprotagorisch 
• zurückweisen: wie sehr auch die Berichte über seine Lehre unter 
einander abweichen, so steht doch so viel fest, dafs er das Subjekt 
und nicht das Objekt zum Mafsstab der Dinge erhob; der Be- 
richt des Aristoteles ist also hier sicher als inkorrekt 
anzunehmen. 

Aufser Met. 1062^ 12 f. kommt Aristoteles noch im 1. Kapitel 
des 10. Buches, welches über die Anwendung des MaTses und der 
Einheit handelt, zurück. Wenn wir, so polemisiert er, die ^TTiCTruit] 
und die alcOT]cic das MaTs der Dinge nennen, so wenden wir den 
terminus ^^xitpov* genau so falsch an, wie wenn wir sagen: die Elle 
habe uns so imd so viel Fub vorgemessen; vielmehr würden um- 
gekehrt diriCTrjjuiTi und aTcOiicic erst durch die TTpaTjuara und die 
Länge der Elle erst an etwas «nderm bestimmt: xai ttiv ^iTiCTifi|inv 
bi M^Tpov TUlv npax^idTUJv X^to^cv Kai Tfjv atcBriciv bia tö auiö, 
8ti TVU)p(Zo|i^v Ti auraic, direl imeipouvTai fiäXXov f\ juexpoö- 
civ (10Ö3» 32 f.). 

Gkuiz denselben Fehler habe einst auch Protagoras begangen, 
indem er den Menschen das Mafs von Allem genannt habe: TTpu)- 
xatöpac ö* fivGpwiröv cpiici TidvTUJv elvai füL^rpov . . . 
(1053* 36), wobei er entweder den wissenden oder den wahr- 
nehmenden meinen konnte (djcirep fiv ei töv ^TriCTrjiiova ei- 
7TÜIV fj TÖV alcOavöjuevov). Da nun aber 6 ^iriCTrj^ujv imcTrJHriv 
f X€i und ö alc6av6)i€VOC aTc6T)Civ ixei, so komme jener Ausspruch 
auf die alltägliche Bedensart hinaus, dafs ^TTicnfijüir] und atcOncic 
das Mafs der UTTOKet^eva seien; wie aber diese Bedensart unkorrekt 

1062^ 16 in der angewandten Bedeutung fSr spez. protagorisch und stützt 
darauf seinen Beweis dafür, dafs The&t. 167 A die Worte: ^iT€i xai tö 
irotoOv clvairi xai t6 irdcxov aOTiIiv iit\ ^vöc voffcai, (De qxxciv, oOxcIvat 
iraT^ujc authentisch seien; vergl. indes Weber a. a. 0. S. 36. — ^**) A. a. 0. 
S. 684. Aristoteles stellt, namentlich im Buche f, die Sache immer 
nur so dar, dals die Eonsequenzen der Lehren nicht nur von Hera- 
klit und Protafforas, sondern anch von Empedokles, Anaxagoras, Parme- 
nidesnach dem Einen Punkte hin konvergierten, nämlich sich mit dem prinoi- 
pium contradictioniB in Widerspruch zu befinden; cf. z. 6.: . . . ÖXiuc 
bi biä TÖ OtroXajißdvciv <pp6viictv |ui^ ti?|v a!c6iiciv, Ta\nr\v ft* cTvai äXXoiu)> 
av, TÖ 9aivÖM€vov xaTÖ^Tf|v alcOriav it dvdtKiic dX^Ok cTvai q>aciv ^x 
TouTUiv TÖp xai *€^1r€6oKXf|c xai AnMÖxpiTOC xai ti£iv dXXiuv die (Lizoc 
€lir€tv txacToc TOioi^Tmc b6ia\c TCT^^lvrai Cvoxoi. 



Die Berichte dea PlaAon und Anatoteles über Protagoras. 199 

ad, sei aaeh der Satz des Sophisten ohne irgendwelchen Wert: 
oubiv Mj X^T^v TrepiTTÖv q)aiv€Ta( ti X^t^iv (1063^ 3). Wie man 
sieht, fa&Dgt diese Benrteilang aufs engste mit der eigenen erkennt- 
nistbeoretischen Anschauung des Autors zusammen [vergL: ou T^cp 
6iä TÖ fmac olecGcu äXr]6u»c ce XeuKÖv efvai €? cu XeuKÖc, äXXä 
bia TÖ d cTvai Xcuköv fipeic ol (pdvrec toOto dX1lOeuo^€V (1051^ 6 ff.)] ; 
sie leigt zugleich, dals Aristoteles den Satz des Sophisten durchaus 
im generellen Sinne nimmt, indem er ihm etwa die anthropo- 
logische Wendung giebt: Mer Mensch mifst alle Dinge und 
Verhältnisse mit seiner eigenen Elle', und dementiert da- 
durch diejenigen, welche von Yome herein nur eine individuelle Aus- 
legung für möglich halten. ^^^) Da aber leider mit keiner Silbe an- 
gedeutet wird, daCs die Auslegung, welche Aristoteles dem Aus- 
spruche giebt, wirklich die historische ist, so erhalten wir unmittel- 
ber ans seinen Berichten über denselben keine bestimmte Auskunft, 
welche die aus der platonischen Darstellung emporgewachsenen 
Zweifel beseitigte. Wir wenden uns nuxmiehr zu den Mitteilungen 
im Buche f. 

n. 

Die Erl&uterong des SatEes im Buolie r. 

Das 3. bis 6. Kapitel dieses Buches beschäftigt sich aus- 
schliefslich mit der Widerlegung der Angriffe gegen die ßeßaiOTdTTi 
dpX^ aller ontologischen Wissenscfhaft, gegen das prindpium contra- 
dictionis et exclusi medii, welches in folgender Form ausgesprochen 
wird: . . . TÖ . . . auTÖ ä^a uirdpxeiv t€ Kai \ii\ öirdpxeiv döüvaiov 
m auTui Ktti Kara tö ainö (lOOö*» 19 f.). 

Zunächst führt Aristoteles im 4. Buche gegen die Gegner, 
welche zum Teil Physiker sind: xpujvrai bk TA XÖT^i toutiu ttoXXoI 
Kai Tilrv trepl q)uc€U)c (1006* 2 f.), analog wie Piaton im Theätet 
(182 f.) die Thatsache der Sprache ins Feld: TTpdrrov ouv bfiXov, 
uK ToöTo T* ovTÖ dXriO^c, Sri CTijLiaivei tö övo)Lia rö elvai kqi tö iii\ 
civai Tobi* &ct' ouk fiv iräv oötwc kqi oöx oötujc fxo* (1006* 28 f.). 
ARein es handele sich um noch ernstere Dinge: tö dTTOpoujiievov oö 
TouTÖ dcTiv, el dvb^x^Tai tö auTÖ ä|üia elvai Kai |if| elvai dvBpu)- 
nov TÖ Svo^a, dXXd tö npäy^a (1006^ ^Of.); gäbe man jenes 
Axiom nicht zu, so müfste man den Substanz- und Wesensbegriff 
aufgeben: dvaipoOciv ol toOto X^tovtcc ouciav Kai tö ti f\y ctvai 

'^*) Man ersieht auch aus den angeführten Stellen, dafs. Aristoteles 
keiaenregt, wie Piaton, den Aasspruch des Abderiten mit dem nackten 
Senioalisrnns identificierte; die Formel homo mensnra gilt allerdings von 
naserea geistigen Thätigkeiten noch weit mehr als von den sinnlichen 
Wahraehmunffen; veisL die von Grote a. a. 0. Vol. 11 381 beigebrachte 
Stelle aus Baion: Fabo enim asseritur, sensu m humanum esse men- 
nnm rerum; quin contra, omnes perccptiones, tarn Sensns, quam 
Mentii, sunt ez analogia hominis, non ex analogia Universi. 



200 Wilhelm Halbfass: 

und nur Accidenzien (cu^ßeß1lK6Ta) zu lassen. Diese Eonsequenz stehe 
aber mit der Erfahrung, wie mit dem Begriff in Widerspruch und 
führe auf einen regressus in infinitum: €i bk irdvra KaTd cufißeßri- 
KÖc X^T^Ttti, oub^v icTtti npuiTov TÖ Ka6* ou el dei tö cu^ßeßtiKÖc 
Ka6* uiroK€i|Li^vou xivöc cimaivei -rfiv xariiTOplav dvdYioi dpa €ic 
dneipov Uvai (1007* 33 ff.). Hielten aber die Läugner des Axioms 
den Begriff der oucia aufrecht^ so müTsten sie behaupten: Alles sei 
ein und dasselbe: hl ei dXTiOeic al dvricpdcetc &\xa KQTd toO auToC 
TTÖcai, bf^Xov d)C SiravTa Icxai ?v: fcrai jap tö aurö Kai Tpirjpiic 
Ktti ToTxoc Ka\ dvOpujTroc, €l xard Travröc ti f| KaTaq)Ticai f\ diro- 
q)f)cai dvWx^Tai (1007** 18 ff.). Gerade auf diese Ungereimtheit 
fahrten aber die Lehren des Protagoras und Anaxagoras: KaOairep 
dvdYKii ToTc TÖvTTpujTaTÖpou X^youci XÖTOv(cf.TheÄt.l72B). 
ei xdp Tijj boKei jmfi eTvai Tpirjpric ö dvOpujTroc, bf^Xov öti 
ouK ?CTi TpiTJpiic ficxe KttV IcTiv, eTiiep i\ dvTi9acic dXn- 
Qi\c. Ktti ifiTvexai bf| tö toO 'AvaEaxöpou ö^oö irdvia 
XpriiiaTa- ficTe \ir\bkv dXiiOiöc uTidpxeiv (1007^ 22 ff.). Soll 
man aus den Worten: ei fdp TCfi . . . dXr]9rjc den hier noch nicht 
näher angegebenen Xö^oc des Protagoras heraus interpretieren, so 
würde er etwa lauten: Trdca böia dXiiOrjc dcTiv* üjcirep boKei, ouTUi 
Kai &TIV, Formeln, wie sie die Kommentatoren des Aristoteles zu 
dieser Stelle (z. B. Sjrianus, Ausgabe der Berliner Akademie von 
Aristoteles Vol. V 875» 38) völlig kritiklos wirkUch aufgestellt 
worden sind. Die absolute Fom^ des Xö^oc kehrt auch im Beginn 
des 5. Kapitels wieder, wo Aristoteles auf unseren Sophisten wieder 
zurückkommt; dort heifst es: £cTi bk dirö tt^c auTf]C böSn^ ^^^ 
ö TTpujTaTÖpou Xötoc Kai dvdyKii ö^oiiüc ä^q)U) auTOuc 
f[ elvai f\ ixi\ elvar etTe tdp Td boKoOvTa irdvTa Kai ict 
9aiv6|Lievd dcTiv dXriGfi dvdxKri Trdvra ä|Lia dXriöfi Kai ipeubf) 
eivai. TToXXoi xdp Tdvavria uiroXajLißdvouciv dXXrjXoic Kai touc \ix\ 
TauTd boEdZavrac ^auToTc bieipeOcOai vojüiiZouciv ojc t* dvdxKn tö 
auTÖ eTvai Te Kai yii\ elvai (1099* 6 ff.)."*) 

Dem platonischen Bericht zufolge hatte aber Protagoras keines- 
wegs die objektive Wahrheit aller boKoOvTa Kai q)aivö|üieva, worunter, 
dem Zusammenhange nach, sowohl Empfindungen und Yorstellungeni 
wie Urteile zu verstehen sind, behauptet; vielmehr hatte Piaton 
den Sophisten nur durch Sophismen vermittelst des schwerlich als 
authentisch anzunehmenden Satzes: TÖ bOKoGv ^KdcTif) toCto kqi 
IcTi i^ boKei zu einer solchen Behauptung, die allerdings mit dem 
obersten logischen Axiom in schroffem Widerspruch steht, getrieben. 

War aber Piaton eine direkte Äufserung des Abderiten, welche 



^^^ Man könnte auch versucht sein zu glauben, dafs der Gedanken- 
gang des Autors der folgende gewesen sei; wenn alles wahr ist, so 
giebt es nichts falsches, also kernen Irrtum; der Begriff ^wahr' verliert 
alle Bedeutung, Protagoras hätte ebenso gut auch alles ^leubf) nennen 
I können. 



Die Bericht« des Piaton und Aristoteles über Protagoras. 201 

gegen das principium contradictionis verstiefs, nicht bekannt, so ist ab- 
solut nicht abzusehen, woher dann Aristoteles Kunde von einer solchen 
iofsenuig erhalten sollte. Allein der Stagirite führt jene Worte ja 
aoch nicht unmittelbar als bestimmten Ausspruch des Protagoras 
an, so wie er Met. 1053* 36 und 1062^ 13 durch q)T]ci resp. icpx] 
den bekannten Satz: irdvrujv XPHM^^'^^V ktX. einleitet. Namentlich 
mit Bflcksicht auf die bekannte Art, wie er auch sonst über die 
Lehren anderer Philosophen berichtet ^^^), ist unter 6 Xöyoc hier 
nur die Quintessenz der protagorischen Lehre zu ver- 
stehen, derjenige Punkt, auf den es Aristoteles in erster Linie ab- 
gesehen hatte, um den Widerspruch mit dem obersten logischen 
and ontologischen Axiom bloszulegen.^^) 

Um so weniger sind wir verpflichtet, der aristotelischen Aus- 
legung an unserer Stelle irgendwelchen authentischen Wert beizu- 
legen, als, wie wir S. 196 sahen, Met. 1062^ 12 f. der Ausspruch 
des Protagoras nur in relativer Fassung erläutert wurde; die 
dortige Wendung: tö bOKoCv ^KdcTifJ toOto Kai icTi stimmt 
wörtlich mit der von Piaton Theät 161 C gebrauchten iiberein 
(rergL S. 185). unser Autor legt wohl deswegen der Fassung des 
Satzes kein grofses Gewicht bei, weil derselbe auch in relativer 
Form insofern gegen die obersten Denkgesetze verstiefs, als er auf 
einen unbeschränkten Relativismus hinauslief (vergl. S. 205). 

Legen wir nun auch auf die absolute Fassung, in der uns der 
Autor den *XÖYOc' des Sophisten bietet, keinen grofsen Nachdruck, 
so ist doch wichtig, daran zu erinnern, dafs der aristotelische 
Begriff *q>aivö^€Vov' sich keineswegs mit dem q)alvö^6- 
vov deckte, welches etwa Protagoras bei der Erläuterung 
»eines Ausspruches anwandte, wie auch namentlich aus Met. 
lOlÖ** 1 f., Trepi bt Ttic dXriOeiac, die ou iräv tö qpaivöjuievov 
aXne^c, npdiTov iiiv öxi oub* f| alcGriac ipeubfic toO Ibiou ktiv, 
flXX* fj qpavrada ou toutöv t^ akericei, welche Stelle nach Syria- 
üüs^*) auf nnsem Sophisten geht, erhellt. 



"0 Man vergl. hierzu die Bemerkungen von: Schleiermacher, Werke, 
m. Abteilosg, Bd. II S. 33, 83, 87; Bonitz, Komm, zu Met. 983^ 6 ff. 
m* 5 und aristotel. Stadien, Heft I zu Phys. 207* 19; Schwegler, 
Komm, zur Metaphysik S. 26, 41, 184, 839; Henne, Ecole de Mdgare; 
Ftois 1841. S. 77; Zeller, plat. Stadien, Tabingen 1839. S. 199 u. Gesch. 
l griech. Philos. Bd. I S. 648, 743 und 948; Breier a. a. 0. S. 29 und 
49; Schuster a. a. 0. S. 287, Emminger a. a. 0. 8. 49, 86 f. 135 und 
146 nnd Peipers a. a. 0. S. 683. — >^^) Mit Recht macht Emminger 
1. a. 0. S. 86 f. darauf aufmerksam, data Aristoteles, dadurch, dafs er 
te *X6toc' in absoluter Fassung nimmt, namentlich 1007^ 22 f, den 
Ssfai des Sophisten aof Dinge 'oOciai' ausdehnt, während doch Pro- 
ta^foraa, wenn wir nur irgendwelchen Wert der platonischen Darstellung 
Megen wollen, ihn nur für Qualitäten ausgesprochen hatte; cf. 
S. 181 und 188. — "•) Scholl. Aristotelis 876^ 18: koI TTpuiTaTÖpav 
M Mb^ci irdv TÖ cpaivö^cvov dXii6k ctvai bucxupiJ^öjuicvov (cf Alezander, 
ed. Bonitz 268: biaX^T^TUi iTp6c toOc irdv tö <patvö)btevov dXii6k X^to^^^» 



202 Wilhelm Halbfiua: 

Behauptete nfimlich Protagoras unter Zofitimmung Piatons 
(Theftt. 179 C: ... nepl hi tö Tiapöv ^Kdcrqi irdOoc, Ü Obv a\ 
aic^ceic xai a\ KQTd rauToc böiai TiTVOvrai, x^t^^^^'^^pov ^Xeiv, 
u)c OUK dXtiOeic, cf. S. 172^ Anm. 70) die subjektive Wirklichkeit 
des qpaivdjLievov iKacTi\i oder des irapöv dKdcTt}j irdOoc, so konnte 
er schon deshalb das aristotelische qxuvÖMevov nicht für dXriOec 
erklärt haben, weil er unmöglich im Stande gewesen wfire, mit 
dieser Kategorie irgend einen Sinn zu verbinden. Während nämlich 
dasjenige ^qpaivöfievov', das Protagoras allein im Sinne hatte, etwa 
mit der aTc6iicic xai xard TauTT]V b6ia identisch war, also in den 
Augen Piatons sowohl wie des Aristoteles eine sehr untergeordnete 
Stelle im Geistesleben des Menschen einnahm, hatte das aristote- 
lische ^9aivöji€V0V% obwohl es im Wesentlichen mit der alcOiiac 
die wichtigsten psychologischen Merkmale teilte ^^), dennoch auch 
an denjenigen Eigenschaften Anteil, die sonst nur dem vor)TÖv und 
der imcT{\yLr] zukamen; es war auch dem pnncipium contradictionis 
unterworfen« ^^^) Hätte Protagoras die absolute Wahrheit jedes der- 
artigen qpaivöjLievov gelehrt, so hätte er sicherlich nicht den Beifall 
Piatons an der oben angegebenen Stelle geemtet. 

Aristoteles that also darin entschieden dem Abde- 
riten Unrecht, dafa er den von Piaton in der gegen jenen ge- 
führten Kritik benutzten terminus ^aivöjievov' ohne weiteres in 
einer von ihm selbst erst geprägten Bedeutung nahm und so dem 
protagorischen Satze einen Sinn unterlegte, welchen der Urheber 
selbst mit demselben schwerlich verbinden wollte. 

m. 

Das VerhUtnis der protagorisolien Lehre zun SensualiBinuB 

und RelatiyismnB. 

Nachdem Aristoteles gegen den Satz: Tidv tö qpaivöjiACVOV 
dXT]6^c eine Reihe von Beweisen beigebracht hat, die sämtlich 
schon im Theätet [der Reihe nach: 165 D, 159 E, 158 B, 171 E, 
185 E, 159 C f.] eine Rolle spielen, zieht er die entscheidende Eon- 
sequenz***): . . . ToÖTo dvaipoCcov oötoi o\ Xötoi äiravTcc 

toOtö T€ ft^ ama(v€i tö nepl Tfjc dXnOeictc ^iit6v). — "°) Vergl, de an. 
428* 28: t6 (patvEcOai £cTai tö 6oEd2:€iv öircp alcBdvcTai juii^ xard cu^ße- 
ßilKÖc; ibid. 429* 1: . . . i^ qiavTacCa idviidc dcrtv i}rtö Tf)c alc6r|C€uic tt^c 
xot' dv^pTCtav TiTvofi^c; cf. Frendenthal, über den Begriff des Wortes 
q>avTac(a bei Aristoteles, Göttiogen 1868. S. 32 und 34. — *'0 ^^ an. 
428» Iff.: . . Jii (pavToda ^(a Tic icrxy töutidv bi[ivafiic f\ ^Eic, xaG' flv 
Kpivo^€v Kul dX]i6€i!ioM€v f^ Mi€\iö6^€6a; ibid. 433^ 26: . . . qpavTacia b^ 
iTdca fi XotictikVi f^ akOryiud], Cf. Freudenthal a. a. 0. 8. 58 f. und 
Feipers a. a. 0. S. 718 f. — *^^ Als Beispiel führt er an, dals die 
Qualität 'süIb' des Weines unverändert bleibe, weim auch derselbe 
Wein, desBeu saüser Geschmack von einigeu empfanden wurde, andern 
Bauer und noch andern anders schmecken würde. Cf. 1010» 26: xaTä 
t6 cI&oc fiiravra tiTv^CKOiiicv. 



Die Berichte des Platon und Axisioteles Über Frotagoras. 203 

— ai80 nicht blols der des Sophisten — , AcTiep Kai ouciav )yif| 
€lvai ^nfctvöc- ouTU) ^nl>* i-i dvdTKnc ^ne^v (lOlO** 24t). *^) 
GIbe es nftmlich nur alc6T)Td und keine Dinge an sich, so wären 
alle 6vTa immer an animalia (^MM/uxa) gebunden, welche dieselben 
wahniehmen; nun giebt es freilich ohne alcOiiTd noch akOi^^aTa, 
aber die aic9T)Td existieren auch buvd^ei als äiroKciMeva auch 
wenn sie nicht dadurch, dals sie jemand alc6dv£Tai, dvepTciqi vor- 
banden sind: . . . tö bi rä öiroK€i|bi€va |if| elvai, & irotei Tf|V al- 
cOnciv, xat dv€u alcOrjceiuc dbuvaTOV ou tdp hi\ f{ t' alcOrjcic aini\ 
^ouTiJc dcTiv, dXX* toi Ti Kai Jxepov irapa t#|v atcOnciv, 8 dvdrKii 
irpÖTCpov clvai tfic alcGriceuiC (lOlO** BSfLy^) Auch in der 
Psychologie^ und an einem späteren Orte in der Metaphysik ver- 
schanzt sich der Autor hinter denselben Kategorien der buvafiic 
nnd ^v^pTCia An diesem Oi-te heilst es: . • . oÖTC T^P M^^XP^V 
ouTC Oep^öv ouTC tXuKU ouT£ ö.Xuic aicOiiTÖv oubiv fcTai 
}Li\ alcOavoM^vuiv**'), dicTe töv TTpuiTaTÖpou Xöyov cu^i- 
ßnceiai X^T€iv*^^ auTOic (sc. MetapiKotc) (1047* 4 ff.). Da 
auch hier der Berichterstatter es nicht für angezeigt findet, mit be- 
stinunten Worten anzugeben, wie denn eigentlich der Xötoc des 
Frotagoras gelautet habe, so bleibt uns nur die folgende Hypothese 
2u bilden ttbiig^^): der Satz des Frotagoras, folgert Aristoteles, 
bat nur dann einen erträglichen Sinn, wenn er sensualistisch ge- 
faxt wird ^^), d. h. auf solche Svra beschränkt wird, welche aic6T)Td 

'**) TÖ T^p dvoTKoAcv o(»K ^b^xcTai dXXuic xal dXXuic ^X^iv, ü&cr* 
rf Ti Icnv tt dvdTKT)c, oöx f Eci oötui T€ koI oöx oötuic (1010^ 28 f.). — 
'^) et Met 1049*> 4: iirci bi t6 irpörcpov bttbpicrai irocaxäic X^crat, 
fovcpöv 6x1 irpÖT€pov ^^pfcta buvdfxcuic cTvai; de an. 416* 19: irpörepat 
T^ cio vSjv 6uvdfi€uiv ai ^v^pT€tat Kai ai TrpdEctc . . . Grote a. a. 0. 
Vol. n S42. — "*) De an. 426^ 20 ff.: . . . ol irpÖTCpov 9UC10XÖT01 
toOto 06 KoXüOc Gl€TOv oi)biy oi6|ievoi oürt X€Uk6v oötc \iikay dv€U 6i|i€U)c 
. • . bixuK T^p XcTOfi^c Tf)c alc6/|C€U)c xal toO aicOiyroO, Tilhr ^^ xard 
twapv, Turv bi KttT* ^v^pTCiov, 4irl toOtuw \it)f cu^ßa(vet tö XcxÖ^, M. 
^ vSnß tiipwv od cufißaivci. Obwohl Philoponus unter den qpucioXÖTOt 
Frotagoras versteht (toOc TTpuita'ropeiouc aivtrreTai . . . fiXcjSc ^ Kai 
TTUtuiv tö bdy^a toOto iy JJpunaydfiq, (I) ti|> bioXÖTip) sohlieDsen wir 
«Ol mit Ti«ndelenburg (in seinem Komm. s. d. St.) und Zeller a. a. 0. 
S. S99 dem Simplicius an, welcher auf Demokrit hinweist — 
'^ 80 ist unzweifelhaft mit Bonitz (vergl. dessen Komm. s. d. St.) statt 
aicSavö^€vov zu lesen, -r '^0 ^c' eigentümlichen Wendung: töv 
HpuiTayö pou Xötov kiy^iy begegneten wir schon 1007^ 22 (vergl. 
TkeSt USB); Teigl. auiserdem cu^ßif|C€Tai mit: dvdtKV) . . . (1007^22) 
«d . . . dvdTKTi . . . (1009» 7). — ^^") Die ErlAutenmg dieser SteUe 
TOB Alexander (ed. Bonitz 341): ixdvoc (TTp.) Cipaocc ^fj cTvai ^/lT€ dXXo 
Mi|^, dXX' ola dv aÖTd xpivi} t\ alcOnac, ToiaOTU xal icny kann ebenso 
venig rar aolhentischen Erklärung der Stelle. beitragen, wie die von 
Weber (a. a. 0. S. 88) herangeaogene Bemerkung Ton Hermias (Irr. 
gttt phüot. c 4 p. 404): . . . öpoc xal xpicic tiXiv irpUTMdTUiv 6 dv^HU- 
«oc, »od T& ^ öiroiriirrovra toIc alcOficcdv ^cri irpdrMaTa, Td bi pLi\ 
^«rivrovro oöx Icnv iy toIc clftca tIJc oödac cf. Grote a. a. O. VoL III 
P 492, Brandis a. a. 0. Bd. U' S. 127, Bitter a. a. 0. Bd. n S. 148, 
Pcipen a. a. 0. S. «86. — ^^) Es ist eben nur des Berichterstatters Yer- 



204 Wilhelm Halbfass: 

KttT* ^V€pT€iav sind. Diese nSmlich setzen schon ex hypothesi einen 
aic6avö)Li€V0C voraus, der sie als solche ins Leben ruft und für 
welchen sie natürlich immer äXi^df) sind^^); unter dieser Ein- 
schränkung kann man dem ^Xötoc', mögen auch sachliche Gründe 
noch gegen seine reale Möglichkeit sprechen, logisch nichts an- 
haben. Hätte nun der Abderit schon selbst diese Konse- 
quenz gezogen, so wäre es sehr ungereimt gewesen, dafs 
sie Aristoteles erst als eine Folgerung aus dem ^Xö^oc' 
hinstellt; dafs vielmehr P 1 a t o n zuerst den fundamentalen Oedanken 
des Korrelativismus innerhalb der sinnlichen Wahrnehmung ^^^) klar 
ausgesprochen hat (vergL S. 181) , beweist noch eine Stelle aus 
dem 6. Kapitel Es heifst dort in einer Wiederholung der früheren 
Auseinandersetzungen des Relativismus: €i bk firj den irdvra irpöc 
Ti, dXX' ?vid IcTi Ktti auTÖi Ka9' autd, ouk Sv d^ iräv tö q)oiv6- 
M€Vov dXriO^c* tö t«P cpaivö^evov iivl Icii 9aivö)Li€Vov, iüct€ 6 
X^TWV finavTa xd q)aiv|6|i€va elvai äXtiBi) aTravta noiei 
xd övxa npöc xi'") (1011* 17 ff.). Die Lehre: ttSv xö q>aivö- 
juievov dXr]Odc £cxi, so polemisiert der Autor, verstöfst nur dann 
nicht gegen die Logik, wenn die bezüglichen Koordinaten: (^, 8x6, 
fj, &c hinzugefügt werden. ^^) Alles ist dann nur, soweit es von 
einer bestimmten atcOiictc oder böia erfafst wird, bevor nicht ein 
boi&CvJV vorhanden ist, existiert weder etwas, noch wird etwas vor- 
handen sein: dvdTKTi Kttl npöc xi iroieiv STtavxa Kai irpöc böEov 
Kai TTpöc. alcOnciv, ujcx' oöx' t^TOVcv oöx' fcxai oubfev jitibevöc 
TTpoboSdcavxoc (101 1^ 4 f., vergL Theät. 178 C). Gegen diese Lehre 
bringt Aristoteles die früheren Argumente vor: immer hat es Dinge 
gegeben und wird immer solche geben, welche nicht von uns vorher 
vorgestellt waren: €$ bk, T^TOvev f\ fcxai, bfjXov öxi oök fiv etr] 
äTiavxa irpöc böEav (1011** 6. cf. 1010*^ 30—1011» ö) und femer 
läuft ein unbegrenzter Relativismus in einen regressus in infinitum 



mntunff, dafs der SatK des Protagoras auf diesen Punkt hinausfahre; 
einen historischen Wert besitzt sein Baisonnement nicht, vergl. Laas 
a. a. 0. S. 186. — »««) De an. 428» 11: ol niv (alcO^ccic) ald äKrfiexc: 
. . .; ibid. 427^ 11: Vj \itv fäp atcOncic vSsy iöCuiv del dXr)6/)C, indessen 
zeigt Freudenthal a. a. 0. S. 11, Anm. 1, dafs Aristoteles in diesem 
Punkte nicht mit sich konsequent war. — **') Allerdings ist hier, genaa 
genommen, nicht von Korrelativismus, sondern nur von Relativismus die 
Kede (vergl. S. 181, Anm. 105); um so weniger kann nach dem aristote- 
lischen Berichte Protagoras als der Schöpfer jener fundamentalen Idee 
angesehen werden. — *•") Vergl. damit Sext. Emp. Pyrrh. Hyp. I 217: 
Kul b\ä ToOxo xiOrici tä q>aiv6|üi€va ^Kdcxtp ^6va xal o({tuic cicdTci tö 
iTp6c Tl. — ^^') Etwas kann für den Einen Sinn, zu der Einen Zeit nnd 
unter bestimmten VerhUtnissen allerdings zugleich etwas anderes sein 
ffir einen andern Sinn, zu einer andern Zeit und unter andern be- 
stimmten Verhältnissen: oÖT€ t^P dtract raÖTd q>a(vecOat oÖtc Tip ainx^t 
d€l TQÖTd, dXXd iroXXdKic TdvavTia KOTd töv uötöv xpdvov i\ juiiv jap &(pi?| 
50o X^TCt ^v tQ ^voXXdEci tüjv ^oktOAuiv, i\ 5' öiptc fv. 



Die Berichte des Platön und Aristoteles über Protagoras. 205 

hinaus: el 6' Ikqctov Icrai Trpöc tö bol6lov, irpoc SiTeipd icrai 
Tifi €!b€i Td bo£dZov (1011'' 11 f. cf. 1007» 34 ff.). 

IV. 

ÜbeniolLt Aber den Berloht des Aristoteles. 

Überblicken wir das Resultat unserer Kritik der Mitteilungen 
des Stagiriten, so finden wir, dafs dasselbe, abgesehen von der im 
Exknra 11 behandelten mathematischen Stelle, ein überwiegend 
negatives ist: Wir erfahren nichts, was wir nicht schon aus der 
platonischen Darstellung wnCsten, und dasjenige, was wir überhaupt 
erfahren, steht an Schärfe der Fassung weit hinter der Darstellung 
Piatons zurück. 

Den Ausspruch: TrdvTUiV xpr\ii&x{xjy ji^Tpov ävOpuJTTOC ist er, 
im Gegensatz zu Piaton, an einer Stelle sehr geneigt, ohne 
Weiteres im generellen Sinne aufzufassen; es scheint auch aus 
seinem Berichte hervorzugehen, dafs diese Worte das einzige 
authentisthe Bruchstück einer protagorischen Erkenntnistheorie bilden. 

In Übereinstimmung mit Piaton folgert er erst aus der 
Fassung, welche er dem Xö^oc des Sophisten verleiht^ einerseits die 
Lengnung des principium contradictionis, andrerseits den Kor- 
relativismus im Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen, diese 
Lehre in etwas anderer Form als Piaton. 

Von einem historischen Zusammenhang mit Heraklit und 
einer protagorischen Sensationstheorie verlautet bei ihm 
nichts. 

Wenn im übrigen seine Darstellung weit farbloser ist und 
weniger charakteristische Züge bietet, wie die platonische, so dürfen 
wir nicht vergessen, dafs er ein ganzes Jahrhundert später als Pro- 
Ugoras lebte, dafs seine sophistischen Zeitgenossen ein schwächlicher 
Abklatsch jener Männer waren, die, wie Gorgias und Protagoras, 
die ganze gebildete Welt mit dem Glänze ihres Namens erfüllten 
ind die Fürsten und Grofsen der £rde zu ihren Freunden zählten, 
<lafs daher sein persönliches Interesse an den Abderiten nur ein sehr 
geringes sein konnte. 

Exkurs I über Theät 162 D f. 

Wir behandeln in diesem Exkurse in aller Kürze noch eine 
Stelle im The&tet, welche eine angebliche Äufserung des Sophisten 
«ber die Religion betrifft 

Piaton hatte dem Abderiten den Vorwurf gemacht (cf. S. 195), 
dafs sein Satz nicht nur die Menschen auf völlig gleiche Stufe mit 
jedwedem Tiere stelle, sondern auch die Existenz der Götter der 
Veiming der Menschen unterstelle. Protagoras beantwortet in der 
ibm in den Mund gelegten Verteidigungsrede die Appellationen an 
(lie Würde des Menschen und die Berufung auf die Götter speziell 
nach dem herkömmlichen Text mit folgenden Worten: . . . Oeoüc T€ 



206 Wilhelm Halb&SB: 

€lc TÄ lU^COV fitOVTCC, oOc i-fth ?K T€ TOO X^T^IV KOI TOO 

Tpdqpeiv trepl auxdiv, die elciv f\ die oök €lciv dEaipw . . . 
(162 D). Man hat die Worte: o&c i-^d) . . . dEatptü für authentisch 
gehalten ^^) und mit dem bekannten Ausspruch in nahe Beziehung 
gebracht, namentlich, um die Richtigkeit der platonischen individuellen 
Auslegung zu erhärten. ^'*^) 

Wir müssen uns indessen durchaus den Ausführungen Btall- 
baums anschliefsen, welcher (in seiner Ausgabe des Theätet zu 
dieser Stelle) die zuletzt angeführten Worte für ein Olossem 
erklärt hat, das in den Zusammenhang gar nicht passe. 
In der That ist hier ja nicht davon die Bede, was Protagoras über 
die Existenz der Götter lehrte, sondern ob die Konsequenz, die 
Piaton aus dem Ausspruch des Sophisten zieht: er führe dahin, die 
Menschen den Göttern nicht nur gleichzustellen, sondern sie sogar 
zu Richtern über sie zu erheben, ein stringenter und wissenschaft- 
licher Beweis gegen denselben sei.^^^) Diese Worte aber fttr ein 
Glossem aus einem späteren Schriftsteller zu halten, dazu führt uns 
auch der Umstand, dafs keine der vielen Angaben späterer Autoren 
über diesen Punkt ^^^ genau mit der unsrigen übereinstimmt, und 
dafs sie alle wieder unter sich von einander abweichen. 

Wenn auch höchst wahrscheinlich der Abderite eine unpopuläre 
Äufserung über die Götter gethan hat^^), so fühlen wir uns nicht 
berechtigt, unsere Stelle als eine authentische Fassung 
derselben anzusehen und aus ihr einen Schlufs auf die 
historische Auffassung des bekannten Ausspruches zu 
ziehen. 

Exkurs II über Arisi Met. 998» 2 f. 

In ähnlicher Weise, wie bei Piaton, haben wir auch aus Ari- 
stoteles nachträglich eine ganz isolierte Bemerkung heranzuziehen, 
die auf den Namen des Protagoras geht. 

Sie betrifft einen Angriff des Sophisten auf die Gül- 
tigkeit der mathematischen Sätze. Nachdem Aristoteles im 

^^) So namentlich die älteren Bearbeiter des vorliegenden Themas: 
Brandis a. a. 0. S. 630, Gteel, historia crit. soph. Traiect. ad Rhen. 
1823 p. 98 ff., Baumhaner, de vi quam sophiBtae Atbenis habneront, Trai. 
ad Rhen. 1844. S. 63^ Frei a. a. 0. S. 96 ff., Ulf. und 179; Vitringa 
a. a. 0. S. 145, Michelle, Philos. Platons im Verhältnis zur geoffenbarten 
Wahrheit I Abt. Munster 1869. S. 82, femer Heindorf, Campbell, 
Wagner, Wohlrab in ihren Ausgaben. — "*) Vergl. darüber Peipera 
a. a. 0. S. 47. Berkusky a. a. 0. S. 14. Zeller a. a. 0. S. 898. Hermann 
a. a. 0. S. 366 bringt die Verse in folgenden Zusammenhang mit dem 
Ausspruch: ircpl |iiv OcOCiv, oOc itic ctdv f^ ibc oOk clciv oök ^x^J cl&^ai, 
fj hi &Kf\Q€\a f\b€' irdvTUiv xpr\\i&r\uv u. s. w. — **^ Eine den etwaigen 
IndividualismuB des Sophisten bezeichnende Äufserung hätte jedenfalls 
der Autor bei seinem Feldzuge an einem andern Ort untergebracht, als 

Serade hier. — '*^) Man findet dieselben vollsttodig gesammelt bei 
[uUach, fragm. philos. Graec. Vol. H p. 161 f. — "•) Vergl. Diog. 
L. IX 62: . . . biS, ToOnpf Tf|v dpxi^ toO cuYYpd|ui|üiaTOC 4E€kX?|6ti irp6c 



Die Berichte des Platoft und Aristoteles über Protagoras. 207 

2. K^tel des 3. Buches die platonische Ansicht über die mathe- 
matischen Gebilde bekfimpft hat: . . . Trapd Tä aic6iiTä xat t& eTbti 
Td fiaOimoTtica Tilrv irpatMdruJV elvai qpiici }xeTaiv (987^14), wendet 
. er sich gegen die Amiahme der Identität der ^aOl)^aTlKd mit den 
aic8f)Ta Nach dieser Annahme müssten die ^aOimoriKd aufhören 
111 existieren, sobald nicht auch ein ^)lii|I(ixöv ti vorhanden sei: 
. . . f| Tcuibacia twv aicBiiTi&v icvx ixefeB&v Kai (pOapTuiv* d<p6€{- 
p€TO T^p fiv <p9€tpo)i^vu)V (997^32). Allein erstens geht deswegen 
noch nicht die A^onomie zu Ekide^ weil etwa die sinnlich wahr- 
nehmbaren Sterne untergingen, und femer werden wir jeden aus- 
beheo, der mit dem Instrument in der Hand nachwiese, diese Linie 
sei nicht grade, jener Kreis nicht vollkommen rund, diese Linie 
berflhre jenen Kreis nicht nur in Einem Punkte u. s. w. Grade 
solche Eüiwendungen scheint aber unser Sophist erhoben zu haben, 
denn es heifst bei Aristoteles: äTTTCTai T^p toö kqvövoc du 
Kard CTlT^f|V ö kukXoc, dXX' ujcirep TTpuiTatdpac fXeycv, 
dX^XXU^v Touc T^uj|Li^Tpac, oä6' cA Kivrjceic Kai £Xik€C toC 
oupavoO öfioiai, irepi div i\ dcrpoXoTia iroteirai toüc Xötouc, oÖTe 
Td cripcia toic äcrpotc Tf|v airrf|V Ix^x <puciv (998^ 2 ff.). ^•^) 

Welche Ansicht positiv eigentlich der Abderite im vorliegenden 
Falle gehabt habe, erwähnte weder Aristoteles, noch sein Kommen- 
tatoren Alexander ^^®), Syrianus*'^) und Asdepius*'*), deren An- 
gaben, wie Zeller (a. a. 0. S. 907 Anm.) mit Recht bemerkt, ledig- 
lich Erzeugnisse eigener Phantasie sind; sachlich bleibt allein die 
Möglichkeit ttbrig, dals nach Protagoras die Qerade den Kreis nicht 
Kord CTlT^^Vy sondern KOTd ^f^KOC bertthre. 

Auffallend ist nun, daüs uns weder Piaton und Aristoteles, 
noch spfttere Schriftsteller nähere Aufklärung darüber ge- 
währen, wie Protagoras seinen Angriff gegen die Mathematik gemeint 
habe, obwohl sich Oelegenheit genug geboten hätte. 

So berührt Aristoteles, als er die mathematischen Sätze 



'AeT|va(iuv kqI Td ßißX(a oötoO xaT^KOucav tv dtop^ (mö xfipuKa dva^cSd- 
IKvot irap* ^fcdcTOU nliv KCKnm^uiv . . .; Sext. Emp. adv. Math. IX 57, 
Hfailoetratns y v. Protagoiae, ed. Kayeer p. 404, Enseb. praep. evang. 
XIY 19 und die näheren An^ben bei Mullach a. a. 0. — - ^'*) Analyt. 
poet. 76^ 39 ff. erwähnt er dieselben Angriffe gegen die Gültigkeit der 
Mathematik; es heilst dort aber nur allgemein: dücirep tiv^c ^<pacav . . . 
— "•) Ed. Bonitc p. S41: TTpumuröpac oOv töIc otcOirrolc T^poxpUl^€voc 
4fero TOUC jemnirpac ikt(%€w ilic h^cuöcili^vouc, öcikvOc &n oOö^v TeOruiv 
toioOtöv icxiy öirolov ^k^voi X^tougv, dTVOüiv xal aÜTÖc ön ^f| ircpl 
TÖ^Tunr d L6toc oötoIc dicircp oöv obbi dXXip tivI t€xv(tq. — *'*) Scholl. 
Amt. ed. Usener 861^ 3: dXX* ^Kdvo Kai irpöc TTpun-oröpav kuI irpöc 
aArrac to6c tc drtMdJIovTOC TCuipcTpiov xai Toiic ^öva Td alc6T|Td X^- 
TovTQC clvai ^v|T^ov icvi, irÖTCpov Td ^v oöpavi^i xai fiXiuc t^i alcOviTCp 
CTporrOXa Kai eö8^a fidXXöv icnv dKpiß^cTcpa i) d ö ifcWM^'rpiic Ocuipd. — 
"*) Seholl. Arist ed. Brandis 619^ 3: Cqicpc bi Kavöva* 6 TTpurraröpac 
vA Kpocftirrc t4> xOKXqi koI ibciKvucv, Ati oö koI tö Sv a)fi€lov TivecOai 
^ 4^ 



208 Wilhelm Halbfass: 

gegen die Leugnung des obersten logiseben Axioms ins Feuer führt: 
. . . t6 fe ^äXXov kqI Ijttov ?vecTi iv tQ qpucei tüjv övtwv . . . 
oub' öjuioiujc bi^i|i€ucTai 6 rd T^iiapa ir^vrc olö^evoc wxi 6 xiXia 
(Met. 1008^ 31 ff.) mit keiner Silbe den Abderiten und Piaton spielt 
im Protagoras (318 E; cf. S. 2) nur leise an seine Neigung gegen 
die Beschäftigung mit den mathematischen Wissenschaften über- 
haupt an. In Theätet wird, wo 169 A die Frage aufgeworfen, ob 
denn der Mathematiker Theodoros wirklich öiatpctmidTUJV ir^pi ein 
^^Tpov sein könne , wenn Trdvrec ö^oiujc cd kavoi ^auTOic €tc T€ 
dcTpovo^iav Ka\ T&XXa £iv bf| cu Tr^pi alriav ^x^^^ biaqi^peiv, nur 
einfach auf die Thatsache hingewiesen, dafs ebenso, wie wir in 
Krankheiten Ärzten, in Feldzügen Feldherren, auf der See Steuer- 
leuten ein gröfseres Vertrauen schenken als Laien, so auch dem 
Mathematiker von Fach in mathematischen Dingen eher glauben 
können, als dem Nichtmathematiker (cf. ibid. 144 E, 178 D). Wir 
sind weder im Stande aus dieser farblosen Schilderung uns über die 
rätselhafte Stelle eine Auskunft zu verschaffen, noch aus einer 
andern Stelle im Theätet (162 E), an der von dem cIköc die Bede 
ist, welches der Geometer nicht bei seinen Beweisen anwenden darf: 
aiTÖbeiSiv bt Kttl dvdTiciiv oöb* f^vrivouv X^T€T€, dXXd t«|» cIköti 
Xpf)c6€, a^t ei dG^Xoi Gedbwpoc f| dXXoc Tic tüjv x^Uj^eTpulv XP^~ 
^evoc Tewj^€Tp€Tv, fi£ioc oöb' dvdc jiiövou dv etil (cf. S. 194, Anm. 135). 

Um so mehr müssen wir uns über das gänzliche Schweigen 
Platens, zumal bei seiner bekannten Hochachtung vor der Mathe- 
matik wundem, weil doch die gröfsere Hälfte des Theätet gerade 
gegen den Sensualismus geschrieben ist und die Lehre: Jede sinn- 
liche Wahrnehmung eines einzelnen Individuums erschüttert, wenn 
die mathematischen Sätze nicht mit ihr übereinstimmen, deren 
Gültigkeit und beweist deren Unrichtigkeit ^^^)y nur eine einfache 
Konsequenz dieses philosophischen Standpunktes ist und leicht die 
Handhabe bot, denselben ad absurdum zu führen. 

Wir gestehen, diesem Dilemma gegenüber ratlos da- 
zustehen und können uns, abgesehen von der Möglichkeit eines 
Glossems oder eines Schreibfehlers, die Angabe des Stagiriten nur 
mit Hilfe der Hypothese erklären, dafs derselbe hier nur das Prin- 
cip das Protagoras und nicht bestimmte Aufserungen des- 
selben im Auge gehabt habe. 

Wie wir oben auseinandersetzten, glaubte Aristoteles der 
Lehre des Protagoras den Todesstefs versetzt zu haben, dadurch 

^'') Dafs hierin die Quintessenz des protagoriechen Angriffes gegen 
die objektive Giltigkeit beruhe, ist von den verschiedenen Erklärenii 
trotz Abweichungen untergeordneter Art, zugegeben worden. Man vergl. 
die Bemerkungen von: Bitter, Handbuch der griech.röm. Philoe. Bd. 1 
S. 682, Schwegler in seinem Kommentar zur Metephysik S. 127, Bonitz 
in seinem Kommentar S. 149, Peipers a. a. 0. S. 814, Oberweg, Gmnd- 
rifs u. 8. w. Bd. I S. 90, Ghrote a. a. 0. Vol. II p. 846, Emminger a. a. 0. 
S. 88 und Münz a. a. 0. S. 14. 



Die Berichte dee Piaton and AriBtotoles über Protagoras. 209 

Mb er nachwies (1010^ 30 ff.), dafs sie die Existenz nur solcher 
ÖYxa behauptete; welche aicOnTOt kqt' £v^PT€iav sind. Da er aber 
gerade kurz vor der firagliohen Stelle auf die Absurdität hingewiesen 
hatte, die niathematischen Gebilde eben als solche dvra zu fassen, 
äo kann der Sinn unserer Stelle sein: Will Protagoras konsequent 
rerfahren, so muXs er eben gerade diese Absurdität begehen und 
diejenigen mathematischen Sätze, die mit der aicGticic sich nicht im 
Eioklang befinden, fGLr ungenau und falsch halten. 

Zusammenfassendes Resultat der üntersnohnng. 

Wir sind am Schlüsse unserer kritischen Prüfung der Quellen 
über die Erkenntnistheorie des Protagoras angelangt und verzeichnen 
jetzt kurz die Ergebnisse desselben. 

Eine sichere historische Auslegung des Ausspruches: 

'ndVTUIV XPIIM^TUJV ^i^TpOV ävGpUJTTOC, TÖV llky ÖVTU)V 

ic fcTi, TWY bi oÖK dvTiüv uic OUK ?CTi', welcher als authen- 
tischer Ausdruck der protagorischen Lehre — der erste Abschnitt 
auch dem Wortlaut nach — angesehen werden darf, gewinnen 
vir weder aus Piaton noch aus Aristoteles. Allein es ist 
die grölste Wahrscheinlichkeit wenigstens dafür vorhanden, 
da£s Protagoras ^äv6puJTT0c' im generellen Sinne aufgefafst hat, 
sodads wir berechtigt sind, den ersten Abschnitt zu übersetzen mit 
'das Mafs aller Dinge ist der Mensch als solcher'. 

Die Tendenz des Ausspruches war eine vorwiegend prak- 
tische; sie enthielt an die Menschen die Ermahnung, die Ausbil- 
dong derjenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erstreben , welche 
flr das Öffentliohe Leben wertvoll sind , dagegen die Beschäftigung 
mit Oegenstfinden zu unterlassen, die mit den Bedürfhissen und 
Interessen der Welt in keiner Verbindung stehen. 

Aus der Kritik, welche namentlich Piaton der Lehre des 
Protagoras hat angedeihen. lassen, können wir weiter schliefsen, dafs 
<ierselbe auf erkenntnistheoretischem Gebiete die subjek- 
ÜTe Wirklichkeit aller aicOrjceic Kai Karä TauTac b6£ai, 
uf praktischem Gebiete die relative Gültigkeit der Mei- 
nungen aller Menschen innerhalb eines Gemeinwesens 
behauptet hatte. 

Auf jenem Gebiet wird der Sophist ohne Zweifel den soge- 
Baimten normalen psychischen Zuständen den Vorzug vor den 
tbnormalen hinsichtlich ihres objektiven Wertes gegeben haben; da 
^er kein Grund vorliegt, warum er nicht dem Menschen die 
Fähigkeit zusprach, ihre Empfindungen und Vorstellungen mit 
eigenen früheren oder mit denen Anderer zu vergleichen und zu 
Terbinden, so hat er implicite jedenfalls das Vermögen des 
Oedftehtnisses als solches anerkannt. 

Auf diesem Gebiet scheint er zu der Überzeugung vorgedrungen 
zu sdn, dafs gewisse sociale Tugenden, albaic und biKii, die 

'akik 1 oUm. PUloL SnppL Bd. XIU. 14 



210 Wilhelm Halbfaes: Die Beriolite etc. 

Grundlagen des Lebens in jeder Gesellschaft bilden und 
als solche für jeden Bürger eine normative Kraft besitzen; 
Meinungen, welche sich diesen Fundamentalbedingungen unter- 
ordnen, wird er für gute und richtige; solche, welche sich mit denselben 
nicht im Einklang befinden, für schlechte und falsche gehalten haben. 

Er war sich nicht darüber klar, ob jene Tugenden ange- 
boren sind oder erst erworben werden müssen. 

Bei der Sichtung der abnormalen aicOVjceic xal Kard raurac 
böHai von den abnormalen wie der falschen Meinungen von den 
richtigen leitete ihn mehr ein natürliches Gefühl fUr das 
Zw'eckm&fsige als eine wissenschaftliche Einsicht in das 
Wahre. 

Aus den Berichten von Piaton und Aristoteles geht ein 
historischer Zusammenhang mit Heraklit und dessen Lehre 
nicht mit Sicherheit hervor. 

Nicht Protagoras^ sondern Platoir hat zuerst den Korre- 
lativismus innerhalb der sinnlichen Wahrnehmungen in einer 
wissenschaftlichen Form ausgesprochen. 

Die Mitteilung Platons über die Stellung des Sophisten zur 
Beligion verschafft uns über den authentischen Sinn des zu 
Anfang dieser Obersicht verzeichneten Ausspruches keine nShere 
Auskunft. 

Die Notiz des Aristoteles über den Angriff des Sophisten 
auf die Gültigkeit der mathematischen Sätze ist nicht in 
Einklang mit der übrigens überlieferten Lehre zu bringen. 

Die authentische Lehre des Protagoras dem Wortlaut 
nach vorzuführen, halten wir für eine Unmöglichkeit. 



Inhaltsyerzeieluiis. 



Seite 

A. Einleitnng. 153— 169 

I. Das Leben des Protagoras und seine Bestrebungen im 

allgemeinen 168—159 

IL Die historischen Angaben über den Satz: 'irdvruiv xpr\^ä' 

TUIV jH^TpOV dv6pUJ1T0C, TÜJV ^l^V ÖVTUIV UlC €CTl, Tl&V hl OÖK 

ÖVTUAT die oOk kcn im allgemeinen' 169 — 163 

III. Die historische Stelle, welche den Satz des Protagoras in ' 

der Geschichte der griechischen Philosophie einnimmt . 163—166 

IV. Das Verhältnis des Satzes zum platonischen System . . 166—167 

V. Das Verhältnis des Satzes znm Aristipp 167—168 

TL Das Verhältnis des Satzes zu Piatons Zeitgenossen . . 168 — 169 

B. Die Darstellung Piatons. i69— 196 

I. Das Verhältnis des Satzes zur Gleichung: ^mcr/iiiT) b» 

a(ceT)cic 169—172 

IL Das Verhältnis des Satzes zur Lehre des Heraklit. . . 173—175 
IIL Das Verhältnis zu den Eonsequenzen, welche Piaton ans 
der postulierten heraklitischen Grundlage für den Satz 

des Protagoras zog 176—181 

lY. Das Verhiitnis zum Eorrelativismus 181 

V, Gestand Protagoras dem Menschen die Fähigkeit des 
Gedächtnisses zu? 182—184 

VI. Steht der Satz des Protagoras in Widerspruch mit dem 
nrincipium contradictionis? 184—191 

Vn. Welche Formel drückt den Standpunkt des Protagoras 

in der praktischen Philosophie aus? 191—192 

VIII. Das Verhältnis der Lehre zum WertbegrifF 192—196 

G. Die Darstellnng des Aristoteles. 196—209 

L Die Angaben über den Satz: irdvTÜiv xp^mdru^v in^rpov 

dvefMUiroc 196—199 

IL Die Erläuterung des Satzes im Buche V 199—202 

IIL Das Verhältnis des Satzes zum Sensualismus und Bela- 

tivismus 202—206 

IV. Übersicht über den Bericht des Aristoteles 206 

Exkurs I über Theät. 162 D f. 206—206 

Exkurs II über Met 998» 2 f. 206-209 

D. Zusammenfassendes Resultat der üntersnchnng. 209—210 



14' 



ÜBER 

DIE TECHNIK UND DEN YORTRAG 



DBB 



CHORÖESÄNGE DES ÄSCHYLÜS. 



vo» 



N. WECKLEIN. 



Ober den Vortrag der tragischen Chorgesibige haben ver- 
schiedene Gelehrte schfttzenswerte Beobachtungen gemacht; aber 
fiber bestimmte Ortmdsfttze und Kriterien ist man noch nicht einig 
geworden. Im folgenden suchen wir für die Technik und den Vor- 
trag der Äschjlischen Chöre einige Anhaltspunkte durch die Berück- 
sichtigung erstens der nichtantistrophischen Partien, zweitens der 
Ephymnien, drittens der Gliederung der Ghorgesänge zu gewinnen. 

1. Ein Chorikon, welches aus verschiedenen sich nicht respon- 
dierenden Teilen besteht, haben wir Agam. 475 — 488. Allerdings 
könnte dieses Chorikon hier nicht in Betracht kommen, wenn es als 
eine Epodos des vorhergehenden Stasimon bezeichnet werden müTste, 
Dafs es aber mit diesem Stasimon in keiner Verbindung steht, nicht 
als ein Teil und Abschlufs desselben erscheint , hat 0. Müller ge- 
sehen und R. Amoldt der Chor im Ag. des Aesch. Halle 1881 S. 
41 ff. über allen Zweifel erhoben. Ebenso sicher ist es, dafs Hermann 
die Partie richtig in vier Teile geteilt hat: l) iTupöc . . ijiuOoc. 
2) Tic . . KQMCiv; 3) t^vaiKÖc . . Huvaiv^cai. 4) iriGavöc . . kX^oc. 
Der Inhalt zeigt so deutlich wie nur immer möglich, dafs vier nach 
einander sprechende Personen sich in der Bezeugung der Unsicher- 
heit des Feuersignals und der Leichtfertigkeit ohne weiteres daran 
zn glauben überbieten. Um so überraschender ist es, wenn unmittel- 
bar darauf die Meldung durch den Boten bestätigt ivird. 0. Müller, 
welcher das Chorikon unter drei Personen verteilt, dachte an ein 
luT^v, Hermann an die Aristerostaten, indem er dem ^^coc dpi- 
crepoö die darauf folgende Meldung des auftretenden Boten {48 9 — 502) 
niteilt Dieser Disposition, welcher auch Amoldt a. 0. sich an- 
whliefst, steht entgegen, dafs die Trimeter 489 — 502 zwei Personen 
gehören müssen. Denn €Ö t^p rrpöc ed qpaveici iTpoc8r)Kn tt^Xoi 
(500) ist Schlufsvers und mit öcTic xdb* fiXXoc T^b' dir€uX€Tai 
iröXei, auTÖc q)p€vuiv KapiroiTO Tf)v dfiapriav mufs, wie der LÖhalt 
und die mangelnde Verbindung zeigt, ein anderer seinen Beifall zu 
den vorher ge&ufserten guten Wünschen geben. Da Niemand an- 
wesend ist als der Chor — entgegenstehende Ansichten verdienen 
keine Berücksichtigung — , so kann auch der letzte sprechende nur 
ein Choreute sein und sprechen nicht ftlnf , sondern sechs Personen 
nach einander. Darum können wir fOr jene vier Chorteile auch nicht 
einen CTOixoc ansetzen, der bei einem Chor von zwölf Personen der Zahl 
nach entsprechen würde. An den Halbchor von sechs Personen kann 



216 N. Wecklein: 

man wohl deshalb nicht denken, weil man nicht einsähe, warum nur 
der eine Halbchor zum Wort kommen sollte. Aber die fraglichen 
sechs können auch zweimal drei oder dreimal zwei gleiche Personen 
sein. Im ersteren Fall hätte mau den Eoryphaios und die beiden 
Parastaten^), im letzteren die beiden Halbchorführer, wovon der eine 
auch Eoryphaios ist. Wir müssen uns für das letztere entscheiden, 
weil wir nicht 2X3, sondern 4 + 2 Teile haben. 

Ein weiteres Beispiel mangelnder Besponsion bietet die Parodos 
oder besser gesagt Epiparodos der Eumeniden (244 — 275). Man 
hat zwar Besponsion herstellen wollen, aber der klägliche Erfolg 
wird vor solchen Versuchen abschrecken. Es treten zunächst in 
261 — 275 deutlich fünf Teile hervor, die immer mit einem Trimeter 
beginnen. Die vorausgehende sechste Partie, welche, wie die Er- 
widerung TÖ b' ou TrdpecTiv (261) zeigt, mit dem folgenden in Ver- 
bindung steht, mufs also auch mit einem Trimeter begonnen haben. 
Der mangelhafte Trimeter der Überlieferung ob* aur^ y* oöv dXKav 
£xu)V nepi ßp^T€i kann dies nicht gewesen sein, weil ircpi ßp^T€i 
mit TrXexOeic einen Dochmius bilden mufs und der Sinn den über- 
lieferten Text als lückenhaft kennzeichnet. Beispielsweise ergänzen 
wir die Lücke in folgender Weise: 

8b* aute TOwv<öv JdGeov u)c> dXKoiv f x^v 
iT€pl ßp^iei 7tX€x6€ic 9eäc djißpÖTOu 
uTTÖbiKOC Qi\e\ yevicQai X€pa»v. 

Diesen sechs Teilen geht noch eine dochmische Partie voraus und 
dieser zehn Trimeter. Der gleichmäfsige Anfang jener sechs Teile 
mufs natürlich auf den Gedanken bringen, der vorhergehenden 
dochmischen Partie den letzten Trimeter (2f5d) als Anfang zu 
geben, wie dies früher 0. Müller, neuerdings wieder Kirchhof 
gethan hat. Das ist aber nicht statthaft, weil 252 und 253 
zusammengehören, wie wenn es hiefse: Kai vCv ob* £v6db* ^CTi irou 
KaTanTttKuiv öc^f| Tdp ßpoxelojv al/idTuiv ^€ TrpocTcXqu Es unter- 
scheidet sich also die siebente (blofs dochmische) und achte (blofs 
aus Trimetem bestehende) Partie von den übrigen sechs. Sicher ist, 
dafs verschiedene Personen oder verschiedene Teile nach einander 
zum Vortrag konmien. Am deutlichsten tritt es bei den schon er- 
wähnten Worten xö b* oö irdpecTiv (261) hervor; auch werden ja 



^) Ich verstehe darunter die zwei Choreuten, welche dem EoryphaioB 
zur Seite stehen, wenn der Chor in drei Stoichoi der Bühne zugekehrt 
ist. Freilich haben wir kein Becht, das Wort irapocTdriic so zu ge- 
brauchen und den Parastaten eine bevorzugte Stelle za geben. In 
Aristot. Polit. III 4 bezeichnet irapacrdnic den gemeinen Choreuten in 
Gegensatz zum Eozyphaios, in Aristot. Met IV 11 wird weiter nichts ge- 
sa^ als dafs, wenn der Eorjphaioe (als fidcoc dpicrepoO) die Mitte bildet, 
sein Nebenmann (irapacrdTric) eher kommt als derjenige, der an dritter 
Stelle steht (TpiTocTdriic), weil dann von der Mitte aus gerechnet wird. 
Es ist also irapacrdnic gar keine technische Bezeichnung. 



Ober die Technik n. den Vortrag der Chorg^äng^ des Äscbylns. 217 

durch den gleichen Anfang sechs Teile geschieden, diese Scheidnng 
muffl ihren Zweck haben. Man hat das Ganze bald an sieben (Her- 
mann), bald an acht (Linwood), bald an zwölf (Franz), bald an fOnf- 
lehn (R. Amoldt) gegeben. Die Verteilung an ftlnfzehn hat keine 
Berechtigung; die an zwölf ist auch nicht möglich, weil die zehn 
Trimeter zusammengehören. Ich mufs dabei meinen eigenen früheren 
Irrtum bekennen. Kirchhoff setzt vor 253 *chori partes singulae', 
man mülste also die vorausgehenden Trimeter dem Koryphaios, die 
sieben Teile Ähnlich wie 0. Müller siebenmal zwei Choreuten geben. 
Das ist aus dem schon angeführten Grunde nicht richtig, weil 253 
zom vorhergehenden gehört. Und wollte man die gleiche Verteilung 
anch nach Abtrennung dieses Trimeters festhalten, so ist die Ana- 
logie der sechs übrigen Teile entschieden dagegen: wenn dieser Teil 
den folgenden gleich steht, mofs er auch in gleicher Weise mit einem 
Trimeter anheben. Wie gesagt, heben sich acht Teile deutlich ab; 
was ist damit anzufangen? Was bedeutet es, wenn wir einfach die 
Zahlzeichen von 1 — 8 oder nach anderer Auffassung von 1 — 7 vor- 
setzen? Erinnern wir uns der Epiparodos des Aias. Dort tritt zu- 
erst der eine, dann der andere Halbchor auf. Nehmen wir hier das 
gleiche an, so ist alles klar. Die Trimeter 244 — 53 spricht der 
Koryphaios als Führer des ersten Halbchors. Er schliefst mit den 
Worten: ^er mufs hier irgendwo sein; der Duft von Menschenblut 
giebt mir den angenehmen Beweis dafür'. Darauf ruft der Halb- 
chor seinem Führer zu, sich genau nach ihm umzuschauen und ja 
Dach allen Seiten zu sehen, dafs er nicht entwische: 

Spa öpa ^dX' ai) XcOcc^ t€ ndvTa, ^f| 
XdOi] q>\rfba ßdc liarpocpövoc ärlTac. 

Nim konmit der zweite Halbchor, ein Mitglied nach dem anderen; 
gleich die erste Furie entdeckt den Verbrecher (ßb^ afrre kt£. d. L 
läer ist er, wieder glaubt er wie in Delphi an dem Heiligtum einen 
Sehnts zu haben). 

Es ist gut, dafs wir mit diesem Ergebnis einen neuen Beweis 
ftr die Zwölfzahl der Choreuten bei Äschjlus gewonnen haben, da 
BttBche (in neuester Zeit Eirchhoff und B. Axnoldt) immer noch 
<braB festhalten, dafs Ag. 1344ff. fün&ehn Choreuten sprechen, ob- 
wohl in der Beratung des gesamten Chors 12 Stimmen abgegeben 
werden. Es ist dort auch der Wechsel des Versmaises zu beachten 
BAd die drei Tetrameter scheinen nicht drei, sondern zwei d« L dem 
Pflhrer des einen und dem Koryphaios als Führer des anderen Halb- 
chors anzagehören. Die Zwölfzahl hat Weil noch in Eum. 585—608 
gefunden. Auch der Areopagiten scheinen in den Eumeniden zwölf 
gewesen zu sein. Eirchhoff h^t nftmUch erkannt, dafs die ßncic der 
Athena 681 — 710 nach 573 zu setzen ist. Femer ist zu beachten, 
<Us auf die Frage der Athena t( ydp; irpöc t&)iaiv ttujc tiGcic" 
^MO^ipoc ili; (678) keine Antwort erfolgt Worauf solf sich TiOeica 



218 N. Weoklein: 

bezieben, wenn der 6€C^6c wegfUlIt. Mit diesem mnfs aucb der Vers, 
welcber nach der Versetzung von 681 — 710 die^zwölfmalige Wieder- 
kehr eines Distichon unterbricht, wegfallen. Die zwölf Distichen 
676 — 730, sechs des Chors, sechs des Apollo (die Personenbezeich- 
nung 679 ist von Weil und vor Weil schon von Karsten berichtigt 
worden), begleiten die Abstimmung des Areopags und suchen noch 
auf dieselbe einzuwirken. Man darf gewifs aimehmen, dafs nach 
jedem Distichon eine Stimme abgegeben werde. 

fiine dritte nichtantistrophische Partie mufs entschieden in dem 
ersten Teile der Parodos der Sieben g. Th. 78 — 108 anerkannt 
werden. Alle Liebesmüh, Strophen und Antistrophen zu bilden, ist 
umsonst gewesen. Dagegen hatsich in der folgenden Partie 109 — 150 
die Annahme antistrophischer Besponsion immer mehr bewährt und 
seitdem für die sechsfache Wiederkehr des gleichen Versmaüses eine 
Erklfirung gefunden ist, worüber später, haben wir keinen Qrund 
mehr daran zu zweifeln. Deutlich nun weist der Inhalt jener ersten 
Partie auf mehrere Sprechende hin; da dies so ziemlich von allen 
anerkannt wird, brauchen wir nicht weiter darauf einzugehen. Leicht 
lassen sich zwölf Teile unterscheiden (78, 83, 86, 88, 91, 95, 96, 
100, 101, 103, 104, 106). Der neueste Versuch von Muflf, der Chor 
in den Sieben des Aischylos Stettin 1882 S. 8 ff., 78— 108 an zwölf, 
109 — 165 noch einmal an zwölf Choreuten, die letzte Strophe und 
Antistrophe an Halbchöre zu verteilen, scheitert an der Verschieden- 
heit der Gliederung, die auf eine Verschiedenheit des Vortrags hin- 
weist, und an anderen Beobachtungen, die wir im Folgenden machen 
werden. 

Eine vierte der Besponsion ermangelnde Partie finden wir in 
demselben Stücke V. 848 — 860. Es war ein sehr unglücklicher 
Gedanke, daraus eine zweite Strophe und Antistrophe, eine Fort- 
setzung des vorausgehenden Gesanges, zu machen. Wie kann der 
Chor seine Beobachtungen fortsetzen, da die Leichen der beiden 
Brüder sichtbar werden (6pqi ö X^pöc rä cuijuaTa ßacToZö^eva 
Schol.). Mit Becht auch konnte sich Weil nicht mit der Anordnung 
von Hermann befreunden, nach welcher die eine Strophe mit dXXd 
TÖuiv, (b qpiXai, xaT* oOpov schliefst, die andere mit ^p^ccer' ÖL}xqA 
KpaTi tröfiTn^ov x^poiv TiiTuXov anhebt. Weil zieht dXXd t^uiv, li 
qpiXai, Kar' odpov zur folgenden Strophe und nimmt deshalb vor 
848 einen entsprechenden Ausfall an; er übersieht, dafs das an- 
kündigende rdb' auTÖbiiXa am Anfang stehen mufs. Weiter mufs 
man beachten, dafs auf die Frage Ti (pu); mit Ti b' dXXo t' f\ irövot 
Tr6vu)v b6|Liu)V dcp^CTioi; von einem anderen Sprechenden die Ant- 
wort gegeben wird und deutlich drei Teile hervortreten. Bei dem 
Sichtbarwerden der Leichen weist also der Korjphaios mit Tab' 
auTÖbiiXa KT^. darauf hin, ihm erwidert die Führerin des anderen 
Halbchors mit xi b* dXXo . . dqp^CTiot; darauf fordert der Korj- 
phaios, dem es allein zukonmit, seine Parastaten, ich meine die ganze 



über die Technik n. den Vortrag der Chorgesänge des Äscbylns. 219 

Schar (t& q>(Xat), auf, einen Elagegesang anzustimmen, mufs aber 
vorerst die neu auftretenden Personen, Antigone undlsmene, begrüjben. 

Wer an der eben behandelten Stelle eine zweite Strophe und 
Antistrophe annimmt, könnte ebenso , da Hermann aus Suppl. 
825 — 835 Strophe und Antistrophe bilden will, diese als viertes 
Strophenpaar dem vorausgehenden Gesänge hinzufügen. Es ist das 
eine so ungereimt wie das andere. Wie dort das Erscheinen der 
Leichen, so bringt hier das Auftreten des Herolds der Ägyptier eine 
plötzliche Aufregung des Chors hervor, welche die Betrachtungen 
desselben unterbricht. Über die Partie selbst, welche die corrupteste 
des ganzen Äschylus ist, läfst sich nicht urteilen; nur so viel kann 
man sagen, dafs von antistrophischer Besponsion keine Spur ist 
und dals der Inhalt auf verschiedene Sprechende hinzudeuten scheint, 
was ja der Situation auf das beste entspricht (vgl. Bamberger Opusc. p. 8). 

Wenn man diese fünf Partien mit einander vergleicht, so er- 
kennt man, daSa der Dichter in Situationen, in welchen sich der Chor 
an der Handlung auf das lebhafteste beteiligt und sich seiner eine 
besondere Erregung bemächtigt, Chorika ohne Besponsion anbringt. 
Diese dvopotöcTpoq>a werden immer von einzelnen Choreuten vor- 
getragen. Wir werden später fttr die Verbindung des Einzelvertrags 
und der nichtantistrophischen Form einen besonderen Orund finden, 
der uns g^estattet zu sagen: .da der Dichter in aufgeregten Momenten^ 
wenn z. B. ein Teil des Chors zerstreut auftritt, um des Einzelver- 
tngs willen die aufgelöste Form, nicht um dieser wülen den Vortrag 
von Einzelnen anweüdet, so kann man nicht ohne Orund annehmen, 
dafs Einzelvortrag in der Regel nur bei dem Mangel an Besponsion 
aizuBCtzen sei. Es hätte sich für denselben auch die monostrophische 
Form geeignet, aber der Dichter hat sie nie angewendet und nur 
der oben bebandelte gleichartige Anfang der sechs Partien in der 
Epiparodos der Eumeniden erinnert daran. 

Das Cborikon, welches Cho. 152 — 162 die Ausgiefsung der 
Grabesspende begleitet, scheint gleichfalls nicht antistrophisch ge- 
wesen zu sein, wenn auch Hermann Besponsion herstellen will. Nach 
der Aufforderung 6^äc bk ktL (160) mufs der Oesamtchor diesen 
'PSaa an den Toten' gesungen haben. Übrigens hat der Gesang 
«ne singullre Stellung. Das kurze gleichfiedls nicht antistrophische 
Ckorikon Prom. 687 — 695 ist nur eine lebhaftere Oefühlsäulserung 
11 Stelle der zwei Trimeter, mit denen der Eoryphaios gewöhnlich 
nach einer längeren ßncic seiner Empfindung Ausdruck zu geben 
pflegt, wird also in gleicher Weise von dem Eoryphaios vorgetragen 
worden sein. 

2. In den Fröschen des Aristophanes 1261—1280 verspottet 
Eoripides die Vorliebe des Äschjlus für Ephynmien und den lockeren 
Ziuammenhang, in welchem dieselben mit dem übrigen Gesänge 
^bea, dadurch dafs er i^ KÖirov oä iTeXd6€ic irc* äpuiT<iv, welche 
Worte das erste Mal in grammatischer Verbindung mit dem voraus- 



220 N. Wecklein: 

gehenden Ti ttot* AvbpobAiicTOV dKOuuJV stehen, viermal ohne gram- 
matische Verbindimg und ohne Znsammenhang des Inhalts wieder- 
holen Iftfst: 

06höt' *AxiXXeO, xl ttot' dvbpobdiiaov äkouiuv 

lf| KÖTTOV oü TreXdOeic ^tt* dpiuT^v; 

*€p|iäv lAy npÖTOvov Tiojjiev t^voc ol xrepi Xifivav, 

lf| KÖTTOV ou TreXdGeic ^tt' dpuJYdv; 

KubiCT* 'Axaiüöv 'Aip^uic TroXuKOipave jidv9av^ jiou nai* 

if| KÖTTOV ou TTeXdGeic 4tt* dpuiTdv; 

€u(pajüi€iT€' ^eXiccovö^oi bö^ov *ApT^Miboc tt^Xqc oTt^iv, 

ifj KÖTTOV ou TTeXdGeic ^tt* dpiu^dv; 

Kupiöc ei)it OpoeTv öbiov Kpdroc aiciov dvbpwv, 

ii\ KÖTTOV ou TieXdGeic ^tt' dpiu^dv; 

Bringt man anch die Übertreibung des Komikers in Beohnung, so 
darf man doch jedenfalls auf die hSnfige Anwendung dieser Form 
der Yolkspoesie bei Äschylus schliefsen wie anch darauf, dafs das 
Ephymnion natürlich immer in der Strophe, nicht aber immer in der 
Antistrophe sich eng und innig an das voraus Gesungene anschlofs 
und dabei das musikalische oder formelle Moment über das inhalt- 
liche und logische das Übergewicht hatte. 

An verschiedenen Stellen haben die Gelehrten die *Lücken der 
Überlieferung durch Annahme eines Ephymnion ergänzt. Welcher 
Fortschritt für die Textkritik damit erzielt worden ist, will ich nur 
an einem Beispiel zeigen. Der Chorgesang Cho. 935 ff. schien bis 
in die neueste Zeit herein nur disiecta membra poetae zu enthalten. 
Grofse Lücken gähnten uns bald da, bald dort entgegen. Die kühnsten 
Änderungen konnten nur ein leidiges Verständnis zu Stande bringen. 
Endlich erkannte Verrall in dem Journal of Philology IX, 17 S. 114 f., 
dafs Ephymnion anzunehmen seien (ich hatte längere Zeit vorher 
meinem Freunde Prof. Westermayer die gleiche Entdeckung mitge- 
teilt). Verrall irrte nur darin, dafs er der zweiten Strophe das gleiche 
Ephymnion wie der ersten geben wollte, während doch in der zwei- 
ten Antistrophe noch ein Stück der Strophe Trdpa tö (p«Ji>c ibeiv er- 
halten ist. Das richtige, das schon Härtung geahnt, hat Kirchhof 
erkannt, dem überhaupt nach dem, was Wilamowitz Ind. schoL Grj- 
phisw. 1879 p. 6—8 veröffentlicht hat, die Priorität der Entdeckung 
zukommt Nun bleibt nur eine einzige crux noch übrig, wenn wir 
schreiben : 

Str. I. inoke ii^yf bixa TTpiajütiöatc XP<^vt{i, 
ßapubiKOC TTOlvd' 

l^oX€ b* ic bdfiov TÖv 'Axa^^juivovoc 
bmXoOc X^ujv, ötTrXoöc "Apric. 
Aac€ b' de TÖ träv 
ö TTuOoxp^CTac (pirfdc 
' BcöOcv cd 9pabatciv dipinim^voc. 



Ober die Technik o. den Vortrag der Chorgesange des Äschjlus. 221 

'6noXoXijHaT' (b becirocuvuiv bö|üiuiv 
dvacpirr^') KaKUJV xal icredvujv Tpißäc 
imö öuoiv MiacTÖpoiv, 
buco{^ou växjOLC 

ani. n. l\xo\€ b* ^ fi^Xei KpuTrrabiou fidxac 
boXiÖ9puiv bai|iuiv'), 
ttiT€ b' iv^) \i&W xepöc dTirnj^ijac 
Aiöc KÖpa (AiKav hi viv 

1TpOCaTOp€UO|l€V 

ßpoTol TuxövTCC KaXujc) 

6X^6piov TTvtouc* iir'*) ixöpoTc kötov. 

'CnoXoXuEaT' ib bcctrocuvuiv böjuiuiv 
dvaq)UTql kokOjv Kai KTedvuüv rpißac 
xmö buoiv ^lOCTÖpoiV; 
bucoi^ou Tvixac 

str. n. Tdircp 6 AoEiac ö TTapvdccioc 

ixixav ?xwv fiuxöv xöovdc Ire* ö^tpoK^) 

epioEev*), boXiav'') 

ßXdßav dTXPOvicGeicav^ dirolxcxai. 

f xpaTCiTat TTiöc TÖ eciov TTapd TÖ |if|') 

uTTOupTcTv KaKoTc; 

O^pic^^) b' oupavoOxov dpxdv c^ßciv. 

TTdpa T€ q>dic Ibciv [xifa t* dqpijp^eri ") 
i|idXiov oWujv.^*) 

dvorrc lüidv, bd^ior^ iroXuv Stöv xpdvov 
Xa^aiTtCTcTc £k€icO* det. 

aaiistr. IL rdxa b^ iTavT€Xf|c xpdvoc dMeii|i€Tat 
TrpdSupa bui^druiv, örav dq)' icTiac 
liiiicoc irav ikaWji ^^) 
KaOoppoiciv dTfiv iXarripioic ^^) 



*) dvcupuT^ für dvaqpurdc Heimsoeth. — ") ba(|uuiifv för das aus der 
3^he wiederholte iroivd. Nicht (fi ist in 4^, sondern, wie der Sinn 
uiflit, «oivd in baCfuuv sa &ndem. — *) h' iv für bi Pauw. — ') in" fdi 
iy Sckütx. -> ■) iir* ÖM<paX4» OptoScv fOr in' öxOci dSev. An iir' ö|uupaXi{i 
^ bereits Schüti gedacht Diese treffliche, vom Sinne dorohans ge- 
Meite Emendation ist wie viele, viele anderen im Schutt der Vergangen- 
M begraben geblieben. — ^ boXiav für dböXuK 6oX{ac Nach dem Schol. 
^ bereite Victorins boXiov geschrieben. Die Beischrift dböXuic verdankt 
<iM« llilsferstaiidnis ihren Ursprang. — *) ßXdßav für ßXairro^^av H. 
!*• AhrcM, ^TXPovtce^kav fttr ^ xp^voic 6dcov Bothe. — *) Vielleicht 
«perüTot b4 wSk t6 jifiboc ecuiv. — ^^ O^mic für dHiov Heimsoeth. — 
" M^ T* dqnjp^ für ^^^av t* äfft^ipi^ Stanley. — **) oIk(uiv für 
^*nn H. L. Ahrens. — ^') M^oi für bö^oic Hermann. — '«) iXae^ für 
^a Kayser. — '^ KaOopMolciv für Ka6apH0lc HermaniL dTÜv IXaTV)- 
PÜK fiBr üvorv iAanfipiov Schütz. 



222 N. Wecklein: 

Tiixct ö' eönpöcuiiT* ÄTitai*^) tö iräv 

ibeiv ep€u|i^vouc;^^ 

V^TOiKOi böjiujv necoOvrat irdXtv. 

TTdpa TÖ cpfflc IbcTv neT« t' dcpqp^Gii 
ipdXiov oIkiudv. 

fivttTe jidv, böjLior ttoXüv xpövov 
Xa)iaiTT€TeTc ?k€ic8* deC. 

In dem vorausgehenden Chorgesang desselben Stücks 783 — 837 
hat, nachdem Dindorf das Ephymnion des mittleren Strophenpaares 
festgestellt, Kirchhoff auch dem ersten und dritten das zugehörige 
Ephymnion gegeben. Es ist wahr, der Inhalt des dritten Refrains 

cu be Oapcujv, ÖTav f\KQ 

jjiepoc fpTU)V, 

iiraucac Opoeoucqi 

xrpöc ck *T^KVOv' norpöc aöbdv 

TT^paiv' dvenl|iO|üi(pov dtav*®) 

pafst weniger nach der Antistrophe, welche die nachfolgende Wir- 
kung angiebt (Vollende den gerechtfertigten Mord — und verschaffe 
damit den Freunden in der Ober- und Unterwelt Genugthuung'). 
Auch die Anknüpfung mit cu bi. ist nach der Antistrophe minder 
geeignet Aber wir müssen uns hier an das oben angeführte ir) 
KÖTTOV QU TTcXdGeic dir' dpu^^dv; erinnern. Ja wir verstehen jetzt 
erst, was der komische Diditer angreift, oder haben wenigstens jetzt 
erst ein sprechendes Beispiel dafür. 

Ein anderes if| kottov bietet uns das erste Stasimon der Eu- 
meniden 321 — 396. Das Ephymnion der ersten Strophe hat die 
Handschrift noch nach der Antistrophe erhalten. Das zweite und 
dritte hat Bergk und vor Bergk bereits K, Merkel (Ausg. der Eume- 
niden Gotha 1857) erkannt. Während nun das Ephymnion mit der 
zweiten Strophe auf das engste verknüpft ist (öwjiidTUJV T^tp ciXo- 
jüiav I dvarpOTTac ktI), schliefst es sich an die Antistrophe in fol- 
gender Weise an: 



*•) cöirpöcum* ätyrai für eimpoolmv^ Koir<f, — ") lö^v Opeu^^^ouc fflr 
l&^v dKoOcai 6p€0|yi^voic. dKoOcat hat Hermann beseitigt; weil man irrtüm- 
lich 6p€U|yidvouc als Objekt von I6€tv betrachtete, interpolierte man 
dKoOcai. ep€0|ui^ouc (oder ep€o^^vulv) mnfs auch der Schol. gelesen haben. 
— ^^ iTOTpöc IpTM', welches nach ^traOcac die ÜberUefemng hat, ist von 
Seidler getilgt worden; Opoeoücqi habe ich für Opoo!&C(]i geBchrieben vgL 
Fers. 64 Tpcjut^ovrat; zu weiteren Änderungen liegt jetst, wo nicht mehr 
die Remponsion mit 789 — 793 herzustellen ist, keine NOtignng vor; 
ir^patv' für Kai ircpaivuiv Anratns, dv€iTifLip|Liq>ov für iir{|Lio)ui(pov Schütz : das 
im Med. stehende M^o^<pav ist aus M|Lio^<pov und überschriebenem av 
entstanden. 



über die Technik n. den Vortrag der Chorgesänge des Äschylus. 223 

CTr€ijbo^€V atb**^) ä<p€X6iv xiva xdcbe nepCjUvac, 
6€ULrv b' dT^Xetav d^aici XiTaic iiriKpaiveiv, 
juiilb* €lc ä^Kpictv dX9€iv — 
Zeuc b* alMOCxaT^c*®) dHiöjiiicov JBvoc löbe X^cxac 
de dmiStidcaTO — 

dvoTpcmdc, öxav "Apric 
xiOacöc uiv (piXov eXq. 
dnl xdv Jto' U^evai") 
Kpaxcpöv 8v6* öjüioiujc 
^aupoO|ii€V uq)* al^axoc v^ou. 

Bergk wollte, um die Anknüpfung zu erleichtern, £iTixp^Tru>v für 
dvoxpoTrdc schreiben. Aber dvaxpoirdc, welches freilich nur durch 
die Eriimerong an das kurz vorhergegangene buj|uidxu)V dvaxpoTrdc 
eine klare Bedeutung erhält, steht als Apposition zu xdcbe jiiepifjivac. 
Der Zusammenhang ist klar; denn dafs man aijiOCxaT^c dStö^icov 
fOvoc xöb€ je einmal auf die Erinyen selbst hat beziehen können, 
ist kaum begreiflich. Bei dem dritten Ephymnion haben wir da.8 
gleiche, wenn ich so sagen darf, Hysteron Proteron wie bei dem vor- 
her behandelten Chorgesang: dem Inhalt der Antistrophe (TTiirruJV 
h* KtL) geht der Inhalt des Ephymnion (jidXa tdp oöv dXo^eva 
KX^) als Ursache voraus. Die vierte und letzte Strophe hat kein 
Ephymnion. 

Nach SuppL 127 und 150 ist das Ephymnion noch in der 
Handschrift erhalten; nach der letzten Strophe hat es erst Canter 
erg&Dzt. Das mittlere dieser Ephymnion steht mit Strophe und 
Antistrophe in grammatischem Zusammenhang, denn CTT^p^a cefiväc 
}Uya ^axpöc . . ^K(puT€tv ist das eine Mal von xeXcuxdc . . Kxi- 
cci€V, das andere Mal von ßücioc T€V^c6u) abhängig. Das erste steht 
weder mit der Strophe noch mit der Antistrophe in Verbindung. 
Das dritte schüefiBt sich an die Strophe nur als Ausruf des Schmerzes 
m, dagegen kann es mit der Antistrophe in engeren Zusammenhang 
gebracht werden: 

uqiödev b' eO kXuoi KaXouficvoc* 

'dZi^v, loOcldi 
^liivic pdcxeip' ^k eeiBv. 
KOW& b' drav") 
tajLiexdc oupavöviKov. 
XaX€TroC ydp ^k 
7rv€u^axoc dci x^iMuiv*. 



"^ onödoM€v aXb* för cir€ub6|yi€vai 6' Döderlein. — "•) Zcöc b* fttr 
Zrbc T^ Linwood, at|uiocTorrk für al^aTocTat^c Bothe. -— ") diö' U|uicvat 
Ar ib b&ÖMtvai E. A. J. Ahrens. — **) äfov für drav, wie Ag. 131 die 
Haadtchrift dra für dya bietet, Bamberger. 



224 N. Wecklein: 

Über die Ephymnien in dem Kommos Ag. 1448 ff. können wir 
erst später handeln. Eum. 778 — 880 werden zweimal die ganzen 
Strophen wiederholt. Etwas anderen Charakter hat die dreimalige 
Aufforderung 

afXivov alXtvov eiir^, tö b' cO viKdrui 

Ag. 121, 139, 159, der, wie Keck bemerkt hat, die dreimalige Er- 
widerung 

aTXivov atXivov <oöt€>, tö b' eö viKdrui 

folgen mufs. Ähnlich ist die zweimalige Aufforderung eöqpa^eire 
bfe iravbajii Eum. 1035 **), 1039 und dXoXuHaTe vOv M jütoXiraic 
1043, 1047; welche Eirchhoff passend einem Herold giebt Man kann 
sich vielleicht wundem, dafs dem wiederholten öXoXu£aT€ keine Er- 
widerung folge. Aber mit diesen Worten verschwindet die Prozes- 
sion und es wird durch dieselben die Vorstellung geweckt, als werde 
der Gesang noch fortgesetzt. 

Von drei Strophenpaaren hat nur ein einziges ein Ephymnion 
in dem Beschwörungslied Pers. 633 — 680. Der Ruf ßdcKe Trarcp 
fixaKe Aapidv ol (vielleicht Aapiaie) folgt der dritten Strophe und 
Antistrophe. Vielleicht aber kann der Ausruf i^^, welcher sowohl 
hinter der zweiten Strophe wie Antistrophe überliefert ist, ebenso 
betrachtet werden. 

Durch die Feststellung der EphymnieU; die vorzugsweise das 
Verdienst Kirohhoffs ist, hat die Kritik und Auffi&ssung der Chorge- 
sänge des Äschjlus einen auCserordentlich bedeutenden Fortschritt 
gemacht, einen solchen Fortschritt, dafs fast alle früheren Ausgaben 
antiquiert sind. In seiner Ratlosigkeit gibt Wellauer bei verschie- 
denen Chören den Trost, codicum auxilium exspectandum esse. Da- 
mit dürften wir ad calendas Oraecas vertröstet sein: die Forschung, 
in der Wellauer freilich, nicht stark war, hat Ordnung in das Chaos 
und Licht in die Dunkelheit gebracht ohne die vergeblich er- 
wartete Hülfe. 

Alle künstlichen Systeme, alle Prooden und Mesoden &llen 
weg, nur in einem einzigen Fall, von dem wir spftter zu handeln 
haben, findet sich die Oliederung a ß ß a, es ist auch der einzige 
Fall, wo Strophe und Antistrophe zwischen Orchestra und Bühne 
geteilt sind. Sonst kommt es nirgends vor, dafs zwischen Strophe 
und Antistrophe eine anderweitige Partie stünde, die den SSngem 
eben dieser Strophe und Antistrophe angehörte. Somit ist an die 
Stelle wunderlicher Gliederungen die gröfste Einfachheit getreten. 

Aufser den aufgezählten eigentiichen Ephymnien begegnet uns 



'") In diesem Verse hat €Öq>a)üLdT€ hi irav6a|ui{ für €i&<pa^€tT€ bi xiiy- 
pdT€ Schwenck hergestellt: xufp^'^c i>t erklärendes Gloasem zu fäc <nr6 
KcOOcav: man erkannte nicht, dals diese Worte su ßctrc gehören. Die 

gewöhnlich angenommene Verbesserung Hermanns xu^pt'ftn kann darum 
eine Geltung nahen. 



über die Technik u. den Vortrag der Chorges&nge des Äschylus. 225 

in zwei Chorliedem noch eine Analogie von Ephymnien, die ich 
rhythmische Ephymnien nennen möchte. Suppl. 630 — 697 wieder- 
holt sich sechs mal in dem zweiten Teil der drei Strophen und Anti- 
strophen der logaödische Bhythmus: 

- « _ u u - v^ 

^ ^ ^ \J \J ^ ^ 
_ V^ - u v> - i^ 

1. oöv€K* dbicTicav fifific, =- äZovrai fäp öfid^ouc 
i|/fjqK)v\|ib* €Ö9pov* ?6€VT0* Zr\vöc YKTopac dYVoO* 
aiöoOvrai b* Wtac Aiöq toitäptoi KaSapoTci ßui- 
iroiMvav xdvb* dfi^TCtpiov. ^oic ecoöc dp^covrai. 

2. f\ßac b' fivOoc fibpeiTTov '^ TiKT€c6ai bl 96pouc f&c 
IcxiU' |LiT)b' 'AcppobiTac dXXouc euxojieO' aUi, 
euvdTuip ßpoToXoiTÖc "A- "Aprcfiiv b* ^Kdrav T^vai- 
pi]C x^pceiev dunrov. kwv Xöxouc iqpopeueiv. 

3. voucuiv b* ic}i6c dir' dcriBv — €U(pif||ioic b* inX kuijuioic**) 
Coi KpoTÖc diepirric' poCcav Geiar* doiboi**^) 
€iip€vf|c b* 6 Ai}K€toc ?- dtviöv T* ^K CTOjidTUiv <pep^- 
CTU) irdcqi veoXaiqu c6u)9ifijLia cpiXcipöpfiixS. 

Die vierte Strophe entbehrt dieses Nachgesanges, wie wir oben 
den Shnlicben Fall kennen gelernt haben, dafs in dem ersten Stasi- 
mon der Eumeniden die vierte Strophe ohne Ephymnion ist. Der 
gleiche Nachgesang in dem gleichen Yersmafs kehrt ebenfalls seohs- 
nuJ wieder ih dem im ganzen aus drei Strophen und Antistrophen 
bestehenden Stasimon Ag. 867—474: 

1. QU jap fcriv iitakiic — oloc xal ITdpic dXGdiv 
irXouTou npdc xöpov dvbp\ de böfiov töv 'ArpeibSv 
XoocTtcavTt )LidTOiv Akac ^cxuvc Eeviav Tpane- 
Pui^öv €ic dq)dv€iav. lay KXoiraici x^vaiKÖc 

2. €^i^öpq>u)V bt koXoccOjv — oOc [ikv Y<ip Tic f 7T€jii|i€V 
^X^TQt x^9^^ dvbpi* olbev, dvri bk q)iuTU)V 
öfifidrurv b' iv dxtivfatc Tcuxn Ka\ ciroböc ek dxd- 
fppct iräc' 'A<ppobiTa ctou bö^ouc dcpiKveiTat. 

3. ol b* ouToO irepl tcTxoc =-Kpiviü b' dcpOovov ÖXßov 
Oifjicac IXidboc yäc ^rJT' elriv irroXmöpGnc 
€u^op<pot Kordxouciv- i- fii^' oOv aöröc dXouc uir" dX- 
XOpd b* ^x^vrac^ &pui|jev. Xuiv ßiov KaTiboijii. 

**) HemiBim hat €Öq>Tmov geschrieben; ich habe lieber Ki£ifiotc für 
ßtOMOlc geseilt, da p und k aolserordentlich häufig verwechselt werden. — 
*•) MoOcav Mar' Ar ^oOcai deai t' Hermann. — *") ^x^ovroc für ?xov- 
Toc Oiclll. Dals dem Spondens in der Antisirophe jetzt ein Jambus 
tttsmicht, wird niemand mehr bedenklich finden, wenn er daranf hin 
die beiden Partien vergleicht. 

Jahrb. t cIms. FhU. SnppL Bd. XIH 15 



226 K. Weckleint 

An diese monostropliiscfaen QesKnge erinnert ancb der in Strophe und 
Antistrophe Sept. 108 — 150 je dreimal wiederkehrende Rhythmus: 



Vd>_. — u_u — _ 



Die Natur des Refrains besteht darin, dafs nach den gleichen 
Abschnitten, welche von einzelnen oder einer kleineren Anzahl von 
Sftngem vorgetragen werden, die ganze Schar mit dem gleichen 
Ruf oder Lied einfällt (vgl Christ Metrik § 626). Wir haben also 
in dem Ephjmnion ein Kennzeichen dafür, dafs die betreffenden 
Partien nicht von dem gesamten Chor vorgetragen wurden. Man 
denkt zunächst an Halbchöre; es müCste dann etwa der eine Halb- 
chor die Strophe, der andere die Antistrophe, der Gesamtchor den 
Refrain gesungen haben. Es ist aber doch auffallend, dafs mit Aus- 
nahme «ines einzigen Chorgesanges alle Chör^, welche Ephymnien, 
sowohl eigentliche wie rhythmische, haben ^ aus drei Strophen be- 
stehen. Dafs dies nicht zuföllig ist, zeigen besonders jene zwei Chor- 
gesänge, bei denen auf einmal die vierte Strophe kein Ephymnion 
hat. Wenn wir fUr diese Erscheinung einen Grund suchen, so müssen 
wir ihn in der Gli^emng des Chors d. h. in den drei CTOiXOi finden. 
Dann aber ergibt sich, dafs je ein Stoichos Strophe und Antistrophe, 
der Gesamtchor das Ephymmon singt Für diese Anordnung bietet 
sich uns noch ein eigentümlicher Beleg. Wir haben oben schon an 
die Analogie in Sept. 108 — 150 erinnert. Strophe und Antistrophe 
lassen sich dort ungefähr auf folgende Weise herstellen: 

Str. 1. Gcol TroXCoxoi xöov6c, TO' depöoi,*') 
Ibeze TtapO^vujv 

Ik^ciov Xöxov bouXocijvac öircp. 
kOmg ir6p\ TTTÖXiv öoxjüioXocpav äv2ipuiv^)' 
xaxXdZci TTVoaTc ''Apeoc fipjüicvov.*^) 
dXX* lö ZcO niyxiuc Ttdiep iravreX^c,^) 
äpf|£ov baiuiv dXuiciv. — 

2. 'ApT^ioi bk fröXtc^a Kdb^ou 
KUKXoGvrai, (pößoc b* dpeiiuv önXwv, 

t bid bi TOI T€vuu)v liTTreiuiv'^) 
^uviipovrai**) 9ÖV0V x<x^ivoi. — 

3. imä ö* drdvopec irp^TTovrec crpaTou 
öopuccok'"*) carotc TniXaic ißb6|iaic 
TipodcTavTat irdXtii Xaxövrec 



*^ le* &ep6oi far te' !t€ wdvrcc Steueloff. — »■) kOm« för KOpa t^P 
Klausen. öoxMO^<Mpdv fOr Ö0XMoX6<pujv Bnmck. — **) 6pfi€vov ftir ^f>6- 
^€vov Eng^r. — *^) irdvnuc irdrcp iravreX^c ffir ir<H€p iravr^^c ivAvnuc — 
"*^ bid&€To( T€ hi\ x^vuoc imriac Hermann ohne Wahrscheinlichkeit. — 
") fnvOpovrai für KivOpovrai L. Dindorf. — '') bopCiccoic fOr bopvccöoic 
Blomfield. 



über die Technik xl den Vorira^ der Chorgesänge des Äschylns. 227 

antistr. 1. cd t', ili Aiotev^c (piXöfiaxov KpiÜToc, 
ßucfTToXtc T€vo0, 

TTaXXdc, ö 6* finTioc irovrofi^biov ÄvoH 
t Ix^ußöXuj ^axavqi TToceibäv ^) 
^idXuav q>övu}v ^iriXuciv bibou. 
cu t' "Apric qpeO 9€0 Kiibeiav 7t6Xiv^) 
q>viXaSov ic/jbecai t' ^vapiruic — 

2. Kai Kuirpic, &T€ "xIvoxk irpoiütdruip, 
dXeucov* dOev totp Ü atjuaroc 
T€T6vaH€V XiTatci'*) ce QeoK\\no\c 
dtüToOcai*') TreXaZöjüiecBcL — 

3. xai cu, AuKCi" fivaS, Auk€ioc t^voC 
CTpaTiIi bätqi CTÖvu)V (ivTiTac*®) 
cu T*, iS Aatiüic, euTUKoZou.'^) 

Wir baben also in Strophe und Antistrophe drei Partien, welche 
darch den gleichen rhythmischen SchluTs deutlich gekennzeichnet 
sind. £3 wurde schon früher bemerkt, dafs diese sechsmalige Wieder- 
kehr des gleichen Verses ihren besonderen Qrund haben müsse. 
Eine vollkommen befriedigende Erklärung hat Eirchhoff mit der 
Überschrift ^chori partes singulae' gegeben: es kann kein Zweifel 
mehr sein, dafs die drei CTOixot nach einander in Strophe und Anti- 
atrophe die gleichen Partien singen. In Shnlich^ Weise werden 
wir also in allen oben angeführten G^sängen^ auch in Pers. 638 — 660 
je eine von den drei Strophen und Antistrephen einem crotxoc, den 
Refrain aber und eventuell das vierte Strophenpaar oder die Epodos 
(Pers. 672 — 680) dem Gesamtehor geben. Wenn wir darum Cho. 
935 — 972, welcher Oesang, wie gesagt, allein unter denen, welche 
Ephjmnien haben, aus zwei Strophen besteht, an Halbchöre ver- 
teilen, so werden wir entsprechend nicht zweimal die Strophe dem 
einen, die Antistrophe dem anderen Halbchor, sondern das erste 
Strophenpaar dem einen, das zweite dem andern zuteilen müssen. 
So stellt sich uns zu unserer eigenen gröfsten Überraschung 
eine ganz andere Norm heraus, als sie gewöhnlich angenonmien wird. 
Wer die Strophe singt, singt in der Regel auch die Antistrophe. 
Es hat ja auch Prom. 574 — 608 lo sowohl die Strophe wie die 
Antistrophe. Und noch andere Beispiele bestätigen diese Anordnung. 
Der Schlufs der Suppl. (1018 ff.), welcher zu so vielen Erörterungen 



*^) ix6uß6Xqi ^dxov dirocößet K^pqj Merkel, es müfste lxOuß6Xoic 
päxo:^ diroc6ßct K^rrpotc heilsen. — '*) fcv|()€iav it6Xiv tHe iinbwpiov K&b- 
Mou iD&Xtv. — ^ XtTcäa ffir Mritlc Hermann. — *^ duroOcai filr dirOou- 
cat Seidler. — *^ dcvrivac för durdc nach der Erklärung des Schol. — 
**; fttr cO t\ \b AoTOxdvcio KoOpa töEov ^cruicdZou (ivTUKdZou): Aiitui(c 
hat Seidler, dnvwilov L. Dindorf gefunden. Falsche Eiti&ning von 
ebtwcüjoüf welches bedeutet 'mache dich fertig', 'sei bereit', scheint das 
GloHsm TÖEov hflrvorgemfen an haben. 

16* 



228 N. Wecklein: 

Anlafs gegeben bat, ist endlicb durch die vereiBten Bemttbongen 
der Gelehrten in die richtige Ordnung gebracht. Zu dem Haupt- 
chore tritt wie im Schlufs der Eumeniden noch ein Nebenchor. Mit 
UTTob^gacOe b^ ÖTraboi jli^Xoc (1023) fordern die Danaiden ihre 
Dienerinnen auf , den Oesang zu erwidern. Man könnte erwarten, 
dafs diese zur Strophe der Frauen die Antistrophe singen. Dafs 
dies nicht der Fall ist, zeigt der Vorwurf, der den Worten diriboi 
b' "Apieiiic dTvd ctöXov olKTiZo|ui^va |iT)b' ött' dvdrKac tomoc fXOoi 
KuGepeiac (1031) gegenüber mit KuTrpiboc b' ouk d^eXei GecMÖc 
ob* eöcppuiv. buvaxai fäp Aiöc dxxicra cüv *'Hp(f Kid. ausgesprochen 
wird. Die Dienerinnen entschuldigen es, dafs ihre Frauen der Kj- 
pris nicht die gebührende Achtimg schenken, sie wollen es wieder 
gut machen und sprechen zu den Danaiden wie etwa bei Euripides 
Hipp. 99 fF. der Diener zu Hippoljt: Ti|iaTciv, iL rrai, baijiövuüv XPfl- 
cBai xp€ii^v. Wie aber die zweite Strophe, so gehört auch die zweite 
Antistrophe den Dienerinnen; denn nur sie können die Worte 
sprechen 9UTdb€CCiv b* ^Trinvoiac xaKd t* dXTH • • • TrpocpoßoOnai, 
sie erwarten nichts Gutes von der Zukunft und suchen schon hier 
den Frauen beizubringen, xd Oeuiv iir\biv dTdZeiv (1062). Mit 
Becht also hat Eirchhoff das erste Strophenpaar den Danaiden, das 
zweite den Dienerinnen gegeben. Im dritten Strophenpaar wechseln, 
wie Westphal erkannt bat, Frauen und Dienerinnen. Nur scheinen 
hier blofs die Führerinnen der beiden Chöre zu sprechen. Die richtige 
Verbindung der Verse ist teilweise von Schütz u. a. festgestellt worden : 
str. Dan. ö ^^Yac Zeuc dTraX^Eai 

Tdjüiov AlTUirroT€vfi |jioi. 
AncilL TÖ \iky Sv ß^XtaTov dr\' 

cö bk edXTOic av fiGeXKiov. 
Dan. cu b^ t' ouk oicGa tö ji^XXov. 
antistr. Ancill. t{ bk jLidXXiu 9p^va Aiav 

KaOopdv, dipiv dßuccov; 
Dan. ji^Tpiov vOv ?Troc eöxou* 

Tiva Kttipöv ^e bibdcxeic; 
Ancill. Td 0€iüV ^r\bkv dtdZeiv 
Das vierte Strophenpaar endlich hat Eirchhoff gewifs mit Becht 
dem Ensemble beider Chöre gegeben. Wir haben also nur in dem 
Wechselgesprftch des dritten Teils den Fall, dafs nicht gleiche Reihen- 
folge in Strophe und Antistrophe herrscht; da aber alle Verse das 
gleiche jonische Versmafs haben, kann man sagen, dafs auch im 
dritten wie in allen anderen Teilen Strophe und Antistrophe an die 
gleichen Personen verteilt seien. — Die Farodos desselben Stücks 
besteht aus drei Teilen: den ersten Teil, anapästlBche Hjpermetra, 
trägt der Eorjphaios vor. Den zweiten Teil hat jedenfalls der ge- 
samte Chor; den dritten Teil, welcher Ephynmien hat, haben wir 
oben den drei Stoichoi des Chores gegeben. In gleicher Weise zer- 
fiLllt die Parodos der Perser in drei Teile; den ersten bilden wieder 



Ober die Technik n. den Vortrag der Ghorgesänge des Äschylns. 229 

anapSfitüche Hjpermetra des Chorführers. Der zweite besteht aus 
jonischen Strophen, welche der Gesamtchor schon deshalb erhalten 
mufd, weil zwischen der zweiten Antistrophe und dritten Strophe ein 
Zosammenhang des Gedankens besteht, der nur einem und demselben 
Vortragenden zukommt (*zwar kann man nach menschlicher Berech- 
oQng keinen erfolgreichen Widerstand gegen das unermefsliche Perser- 
heer erwarten; aber dem Trog der Gottheit kann niemand ent- 
gehen'). Ein ganz anderer Ton hebt mit der trochftischen Strophe 114 
ao. Die Analogie der Hiketidenparodos rät diesem dritten Teil 
gleich£all8 geänderten Vortrag, also Vortrag des geteilten Chores zu 
Tindideren. Bei zwei Strophenpaaren kann man nur an Halbchöre 
denken. Wollte man nun ^die erste Strophe dem einen, die Anti- 
strophe deio anderen Halbchor zuteilen, so würde der Konjunktiv 
TTCC) (125) Ton dem fütf], welches der andere Halbchor spricht, ab- 
hängig sein; es müfste notwendig wie bei ^cerai (121) das Futurum 
»tehen. Es geht also auch hier nur an, das erste Strophenpaar dem 
einen, das zweifle Strophenpaar dem anderen Halbchor zu geben. — 
In der Plarodos der Sieben g. Th. haben wir bereits Vortrag der 
eüuelnen, in dem ersten Strophenpaar Vortrag der drei CTOixoi 
Torgefonden. Das dritte Strophenpaar gehört entschieden dem Gte- 
«amichor. Dagegen hat das zweite einen anderen Charakter als das 
dritte. An der Spitze der beiden Strophen steht der Ausruf I I 1^ ?; 
derselbe steht auch in der Mitte der Strophe nach ''ApT€)Lii qpiXa, 
da er in der Antistrophe an dieser Stelle fehlt und auch nicht stehen 
kann, wird er gewöhnlich auch in der Strophe getilgt. Wie aber, 
wenn wir folgende Anordnung hätten? 
Str. A. £ £ e £, 

dToßov äpMdruüv d|iq)i iröXiv kXuu), 

Ac irdivi* "Hpa* 

€XaKOV äSövuiv ßpiOcjn^vuiv xvöai. 
B. II £ £, 

"ApTEpt (piXa, 

boptTivaKTOc alOfip b' ^TrijuaiveTai. 

Ti TTÖXic &ii}ii irdcx€i, Ti TevrjceTai; 

TTOi b* In rikoc in&jei Öeöc; 
antistr. A. I I I ^, 

dxpoßöXuiv V dTrdX£eu)v XiOdc ^px^rai, 

Ä 9iX* "'AttoXXov 

KÖvaßoc dv TTuXmc xotXKob^TUJV caK^iüv. 
B. I I I f, 

Ttai Ai6c ßeev") 

iToXeMÖKpavTOV dyvöv t^Xoc dv |idxqt, 

cu T€ ^dKalp* dvacc' ^Otku ihpic iruXac^) 

dTrrdTTuXov Iboc dirjppuou. 

'^ 6i6c ödcv für At66€v von den Bergh. — '^) ibp\c nOXac für np6 
^^^OKf ao dala ihpic niiXac dem ^irrdiruXov £boc entspricht und die Bitte 



280 N. Wecklein: 

So erhalten wir vier Teile der Parodos mit wechselnder Art 
des Vortrags: einzelne, CTOtxoi, Halbchöre, Qesamtchor. — Die Par- 
odoB der Eutneniden hat Bofsbach an Halbehöre so verteilt, dafs 
die Bichtigkeit der Anordnung durch den Inhalt auf das schönste 
bestätigt und schwerlich bezweifelt wird. Die Anordnung ist fol- 
gende: str. I A B A B, antistr. I A B A B, str. HAB, antistr. II 
A B. Das dritte Btrophenpaar singt der Qesamtchor.'^) 

Überall also finden wir Anhaltspunkte für das Gesetz, dafs 
Strophe und Antistrophe nicht einen Wechselgesang, sondern ein 
symmetrisches Ganze bilden. Wir sehen nur bestfttigt, was die alte 
Überlieferung angiebt, welche der Gliederung in Strophe, Antistrophe 
und Epodos blofs eine orchestische Bedeutung beilegt (Schol. zu Eur. 
Hec. 647 icr^ov bk ÖTi Tf|v \xkv CTpo(jrf|v kivoüjlicvoi npöc Tot beEid 
o\ xopt^ci^ lü^ov, Tfjv hi dvTiCTpoqrfiv irpöc xd dpiciepd, Tf|v be 
^TTipbdv \cTd|Li€VOt fjbov imd die bekannte Stelle bei Atilius p. 295 
ed. Keil, Marius Victorinus I 16, 2. 

Erst jetzt sind wir imstande eine schwierige Frage zu be- 
handeln, welche den Eommos des Agam. 1448 — 1576 betrifft. Wir 
haben in demselben ein dreifaches Strophenpaar des Chors und der 
Klyt&mnestra^), dazwischen nach der ersten und dritten Strophe 
des Chors eine Chorpartie ohne Antistrophe, nach der zweiten 
Strophe eine Partie, welche nach der Antistrophe als Ephymnion 
wiederholt wird« um für die beiden nichtantistrophischen Partien 
1455 — 1461 und 1537 — 1550 die Antistrophe zu gewinnen, sta- 
tuierte Bumey für die erste den Ausfall der Antistrophe, die andere 
wiederholte er als Ephymnion. Hermann betrachtete die eine mit 
Annahme einer Lücke als Strophe, die andere als Antistrophe. End- 
lich stellte Wilamowitz (Ind. schoL hib. Gryphisw. 1879) auch die 
erste als Ephymnion auf und glich damit kurzweg alle Lücken aus. 
Wilamowitz bemerkt dazu, dafs er durch Erörterungen von Kirchhoff 
auf seine Entdeckung gebracht worden sei; da Kirchhoff bei der 
Ansetzung dieses Ephymnion Wilamowitz nicht nennt, scheint er 
sich als den eigentlichen Urheber dieser Entdeckung zu betrachten.^^) 
Nun ist auf einmal die schönste Ordnung gewonnen, drei Strophen mit 
drei Antistrophen, von denen jede aus einer Chorpartie, einem Ephy- 
mnion und einem System der Klyt&mnestra besteht. Nichtsdesto- 
weniger erheben sich schwere Bedenken^ auf die ich schon im Jahres- 
bericht von Bursian für 1879 S. 57 hingewiesen habe. Die Worte 

passend motiviert. — ") Kirohhoff allerdings giebt die Strophe dem einen, 
die Antistrophe dem anderen Halbchor. Die Analogie der verschiedenen 
F&Ile, die wir kennen gelernt haben, wo jedesmal der Schloüs an den 
Gesamtchor übergeht, spricht entschieden gegen diese Anordnung. — 
*^) Man darf die anapästischen Systeme der iQyi&mnestra so bezeichnen, 
da wie die eine Unebenheit sicher durch Tilgung von 1521 f. wegfällt, 
gewifs 80 auch die andere durch die Annahme einer Lücke, welche Her- 
mann nach 1654 ansetzt, zu beseitigen ist. — *^) Mittlerweile habe ich ge- 
funden, dafs G. C. Schneider (Ausg. des Agam. 1839) der Entdecker ist. 



Ober die Technik o. den Vortrag der Chorgesänge des Äschylns. 231 

der KlytSmnestra 1479 vOv b' ujp9u)cac CTÖjittTOC tvui^t^v . . . bot- 
^ova T€VViic Tf]cb€ KiKXrjcKiüV beziehen sich ebenso auf die Worte 
des Chors 1468 bai^ov, Sc ^^niTveic buijiiaci kt^. wie die Worte 
der Eljtftmnestra 1567 k TÖvb' dv^ßnc cuv dXii6€i(f xp^l^MÖv — 
denn das ist augenscheinlich die richtige Emendation — sich an 
die jetst mimittelbar vorhergehenden Worte Tic fiv Tovdv dpaiov 
^KßaXoi b6^u)v; KeKÖXXviTat t^voc irpöc äTqi anschliefsen. Darf 
diese Beziehung durch das Dazwischentreten eines Ephymnion ge- 
:»tort werden? Früher, als mir das Gesetz der regelmäfsigen Gliede- 
rung der Chorgesänge noch unbekannt war, glaubte ich diese Frage 
entschieden verneinen zu müssen, wie das neuerdings auch B. Amoldt 
a. 0. S. 79 gethan hat. Anders stellt sich die Frage jetzt. Die 
Vereinzelung jener beiden Partien oder auch die von Hermann an- 
genommene Besponsion derselben kann nur dann festgehalten werden, 
wenn für sie ein anderer als der Chor, der die vorausgehende Partie 
fi'ingt, als Vortragender angesetzt werden kann. Eine Zeit lang 
glaubte ich auch an den drei anapästischen Systemen, welche in den 
Eommos der Choephoren 340, 372, 400 eingelegt sind, eine Analogie 
gefanden zu haben und meinte, wie die Systeme 340 und 400 sich 
ents|tarechen, während das nütüere für sich stehe, dafs ebenso hier 
die beiden fiufseren Partien als respondierender Anteil des einen 
Halbchorführers zu betrachten seien, während in der Mitte der Eory- 
phaioB seinen TeU wiederhole und damit sich die Antistrophe singe. 
Dies lielse sich hören, wenn wir blofs anapästische Systeme hätten. 
Da aber auf diese wieder meüsche Partien folgen, so fällt jene Anar 
logie weg, und es wäre nicht ersichtlich, warum 1459 — 1461 ein 
uderer singen soll als derjenige, der 1448 — 1464 gesungen. Die 
melischen Partien sohliefsen auch die Vereinzelung d. L den Mangel 
der Responsion aus und doch ist, obwohl der Text 1458 ff. nicht in 
Ordnung ist, die Herstellung dieser Besponsion und die Annahme 
«iner grölüseren Lücke nach 1458 sehr bedenklich, das letztere des- 
halb,, weil von dem Inhalte, welchen Klytämnestra 1462 — 1467 an- 
gibt, uns nichts abgeht. Wir müssen also unsere Bedenken über- 
winden und uns zur Annahme der Ephymnien verstehen. Wir haben 
nun wieder drei Strophenpaare: geben wir diese wieder den drei 
CToixoi und von den Ephymnien die anapästischen Systeme dem 
Koryphaios, die melischen Partien dem Gesamtchor, so werden auch 
unsere Bedenken beseitigt, indem Klytämnestra sich mit jenen Worten 
•n den vorsingenden croixoc wendet imd die dazwischen von dem 
Oesamtchor, beziehungsweise Eoryphaios wiederholten Worte unbe- 
achtet lälst 

Man kann fragen, waitun das mittlere Ephymnien stehen ge- 
blieben, die beiden äuTseren weggefallen seien. Man glaubt gewöhn- 
lich, daCs nur ein Zeichen die Wiederholung angezeigt habe, welches 
mit der Zeit nicht mehr beachtet oder verstanden wurde. Wenn 
wir aber sehen, dafs an das mittlere Ephymnien das nachfolgende 



232 N. Wecklein: 

• 

sowohl bei der Strophe als bei der Antistrophe sich anschliefst und 
darauf Bezug nimmt, also auch bei der Antistrophe das Ephjmnion 
zum Verständnis des Folgenden nötig ist, so drängt sich uns eine 
andere Vermutung auf, welche eine Bestätigung erhält durch das, 
was der SchoL zu dem wiederholten 9XaTToOpaTToq)XaTToOpaT 
in Aristophf Frö. 1285 bemerkt: Ttv^c hi. kqI cimeiouvrai aÖTÖ, ÖTt 
TÄv biopOundiv TivU 7repi€iXov tdc TOiaOrac dv toic \iikeci rrpoc- 
9^C€ic. Wir müssen an absichtliche Weglassung der ftlr den Sinn 
nicht in Betracht kommenden Ephjmnien denken. 

Wir haben hier noch die Parodos des Agamemnon zu be- 
sprechen. Über den ersten und dritten Teil kann kein Zweifel sein ; 
der eine fällt dem Koryphaios, der andere dem Gesamtchor zu. 
Wie aber steht es mit dem zweiten, der aus Strophe, Antistrophe 
und Epodos besteht? Dem Gesamtchor kann er nicht gehören, weü 
die Aufforderung aTXtvov atXivov eXrci nur an die Gesamtheit ge- 
richtet sein kann. Halbchöre kann man auch nicht annehmen, selbst 
wenn man nach der gewöhnlichen Weise die Strophe dem einen, die 
Antistrophe dem anderen Halbchore geben würde. Denn die Epodos 
mülfite dann der Gesamtchor erhalten, während doch auch die Epodos 
mit jener Aufforderung schliefst. Strophe, Antistrophe und Epodos 
aber eignen sich natürlich auch nicht für die Verteilung an die drei 
Stoichoi. Es bleibt also nur der Vortrag einzelner über. Ich habe 
früher die Strophe dem einen Halbchorfdhrer, die Antistrophe und 
die Epodos dem Koryphaios als dem anderen Halbchorfdhrer und in 
seiner Eigenschaft als Koryphaios gegeben, B. Amoldt hat an den 
Koryphaios und die beiden ^Farastaten' gedacht. Wir werden jetzt 
nicht mehr Strophe und Antistrophe an verschiedene Sänger verteilen 
und welche Partie könnte sich dafür auch weniger eignen als diese 
einheitliche Erzählung? Es läge ja in einer solchen Verteilung eine 
gewisse Unnatur, die sich ein griechischer Dichter kaum hätte zu 
Schulden kommen lassen. Wir müssen also die ganze Partie einem 
einzigen Sänger zuweisen und haben die Wahl zwischen dem Kory- 
phaios und dem anderen Halbchorführer. Ich würde entschieden 
den ersteren vorziehen, wenn er nicht in den vorausgehenden Ana- 
pästen schon ziemlich lange beschäftigt wäre. Doch darf uns das 
wahrscheinlich nicht irre machen. Dafs hier ein einzelner Strophe, 
Ant. und Epodos singt, scheint seinen Grund in der Nachahmung 
einer besonderen Weise altertümlicher Volkspoesie zu haben. Darauf 
weist auch die eigentümliche Art der Aufforderung atXivov aTXivov 
eiird hin. 

3. Wir haben bereits bei verschiedenen Chorgesängen eine 
mehrfache Gliederung und in Verbindung damit einen Wechsel des 
Vortrags gefunden. Die Parodos des Agamemnon, der Perser und 
der Hikediten zerfällt in drei, die der Sieben g. Th. in vier Teile. 
Ebenso zerlegt sich der Schlufschor der Hiketiden in vier Teile. 
Auch die Stasima Suppl. 630—709 und Bum. 321—396 werden 



über die Technik n. den Vortrag der Chorgesänge des Äschylns. 233 

iiisofeni in zwei Teile geschieden, als auf eine Partie mit Ephynmien 
eiae Partie ohne Ephymnien, auf eine Partie einzelner Tcdle des 
Chors eine Partie des Oesamtchors folgt. Von der grofsen Chor- 
parüe Sept. 832 — 960 haben wir bereits zwei Teile abgesondert 
Auf eine Partie des Oesamtchors 832 — 847, welche die Stellung 
eines Stasimon hat, folgt bei dem Erscheinen der Leichen des Eteo- 
kies und Polyneikes ein Gespräch einzelner Choreuten 848 --860. 
Dann zeigt der Chorftihrer das Auftreten der Antigene und Ismene 
an (861 — 873). Die weitere Gliederung deutet der Dichter selber 
an mit 

fljLiäc bk bfacT) TrpÖTcpov <p^jiiic 

TÖv bucKdXaböv 6' ujivov *€pivuoc 

ÄX^iv 'Alba T* 

ixÖpÄv iraiav' irnjüi^XTrciv. 
Obwohl der Dichter ausdrücklich sagt, daCs der Chor vor dem 
Klag^esang der Schwestern (irpärEpov (prjjiiiic) singe, hat man wegen 
einzelner Spuren in der Handschrift (es ist einigen Partien der Name 
der Ismene and Antigone vorgesetzt) aus dem folgenden Klagelied 
einen Wechselgesang zwischen den Schwestern und dem Chore ge- 
macht. Man hätte schon deshalb davon abstehen sollen, weil in der 
ganzen Partie keine Spur von schwesterlichem Pathos ist Darauf 
hat auch Muff a. 0. S. 25 hingewiesen. Freilich hat Weil, der übri- 
gens mittlerweile selbst seine* frühere Ansicht wieder aufgegeben 
Hat, die Bedeutung von ^irtju^XTreiv dafür angeführt mit der Bemer- 
kung: mos erat (btio]), feminas genere proximas cantum funebrem 
praeire, ceteras succinere: Im bl CTevdxoVTO TuvaiKCC. Ab hoc 
more Aescbjlum non discessisse par est, quod etiam verbo dirifiA- 
^€iv significari videtur. Itaque dnaKOUcdcac aut tale quid ezcidisse 
^Qjspicor. Aber es ist alles in bester Ordnung; es folgt zuerst der 
üMvoc 'Epivuoc, dem folgt nach (dTriji^XTreTai) der naiäv 'Alba. In 
der That handelt der erste Teil (874—887) von der Erfüllung des 
Fluches, der auf dem Hause des Oedipus lastet, während der zweite 
Teil ein eigentliches Klagelied um die Toten ist. Äufserlich zeigt 
aeh der unterschied darin, dafs der erste Teil nach der Strophe und 
Antistrophe anap&stische Hjpermetra hat. Es wird auch der Vor- 
trag der beiden Teile verschieden gewesen sein, während diejenigen, 
welche Antigone und Ismene aus dem Spiele lassen, gewöhnlich 
doithaus Halbchöre wechseln lassen. Nur Muff hat in dem ersten 
Tale Halbchöre und Halbchorführer, im zweiten die zwölf einzelnen 
Cboreqten angesetzt Auch ich war früher der Ansicht, dafs die 
Belisehen Partien des ersten Teils den Halbchören, die anapästischen 
den EblbchorfÜhrem angehören; nachdem sich uns aber eine andere 
Ansicht über das Verhältnis von Strophe und Antistrophe ergeben 
hat, liegt nicht der geringste Grund vor, diesen Hymnos nicht dem 
^fesamtchore, die anapästischen Hjpermetra dem Koryphaios zuzu- 
weisen. Dagegen muis bei dem zweiten Teile, wie allein schon X^- 



234 N. Wecklein: 

T€ic 896 beweisen kann, ein Weoheel des geteilten Chors ange- 
nommen werden. Da bf{TCL in Verbindung mit einem wiederholten 
Worte (xeTUjLip^voi — TeTUji^evoi bfiia 889) gewöhnlich so ge- 
braucht wird, dafs der^ eine das Wort des anderen nachspricht, es 
bestätigend und bekräftigend, so hat man schon in älteren Ausgaben 
bei T6TUiLi|üi^voi bfxra einen Wechsel im Vortrag angenommen. Dann 
aber ergeben sich bei unbefangener Auffassung nicht zwölf, sondern 
vierzehn Teile. Muff, der ganz besonders geneigt ist, die zwölf Cho- 
reuten einzeln zum Wort kommen zu lassen, meint, dafs seine Hypo- 
these durch diese Stelle gestützt werde. Wir können nicht beistimmen 
und finden unsere Ansicht bestätigt, dafs Vortrag mehrerer einzelner 
Choreuten nur bei niohtanti^trophischen Partien angenommen werden 
darf. Auch mit dem Satze, der sich uns oben ergeben hat, daiä die 
strophische und antistrophische Partie den gleichen Sängern zufällt, 
stimmt die einfach und deutlich aus dem Inhalt sich ergebende Ver- 
teünng an Halbchöre auf das beste überein. Denn in der ersten 
Strophe haben wir folgende Abwechslung: 

str. A bi* eöujvufiwv T€TU|ifi^voi 

B T€TüHfi^VOl bf\B\ 

A öjiocTrXdYXVUJV re TrXeupwjidTUJV 

\j \j \j \j \j yj _ 

alai öaijiöviot 
aiai ö* dvTicpöviuv 
- Gavdxujv dpal. 

B biayraiav X^T^ic böfioici kqI*^ 
cüj^aciv ireirXaTii^vouc**) 
dvaubdrip jüi^vct 
dpaiip t' ^k naipöc 
ou bixöcppovi**) T[dT|iip. 

antistr. A bifJKCt bt xat iröXiv ctövoc, 

B CT^vouci mjpTOi, 

A cT^vei tiibov q)(Xavbpov ^evet 
KTcavd T* dniTÖvoic, 
bi' ibv alvojüiöpoic, 
öl* J>v vcTkoc ?ßa 
Kttl 9avdT0ü T^Xoc. 

B £^0lpdcavT0 b* öEuKdpbioi 
KTrjfiae', Act' tcov Xaxeiv 
bioXXaKTfipi b' oöv**) 
d^€^q>€ia q>iXotc 
o\jb* ^TTixapic *'Apiic. 



*•) \iyeic für X^Tcic irXat&v u. irerrXoTJi^ouc fflr ircirXaTiLi^oiK ^^ui 
Elmsley. — **) oö btxöq>povi für 6txö<ppovi fordert der Sinn. Ebenso 
nachher b* oOv für 6* oÖK. 



über die Technik tu den Voriarag der Chorgesänge des Aschylos. 235 

Die zweite und dritte Strophe und Antistrophe besteht, wenn 
man nicht wie neuerdings Weil eine unwahrscheinliche Zergliederung 
und Zerpflückong eintreten lassen will, aus je zwei Teilen (str. A 
B SS antistr. A B), so dafs wir ganz cÜe gleiche Anordnung wie in 
der Parodos der Eumeniden erhalten. Auch das ist gleich, dafs im 
Anfang der eine Halbchor den Satz des anderen unterbricht, hier 
A bi' euujvii^uiv t€tu|üim^voi — B T€Tu^fi^voi bti0' — A ö/iocTrXdT- 
XVUfV T6 KiLy in den Eumeniden A ^7rd0ofi€V, q)iXai, — B fj iroXXd 
bf\ iradoOca kgi ^dTT]V i^dj, — A dTrddOjüi^v irdOoc ktI Denmach 
besteht das ganze Chorikon aus fünf Abteilungen mit wechselndem 
Vortrag: Oesamtchor, einzelne Choreuten, Chorführer, Gesamtchor 
und Chorführer, Halbchöre. 

Ein besonders interessantes Beispiel vielfacher Oliederung bietet 
der grofse Kommos in den Choephoren 315 — 475. Es ist interessant 
la yerfolgen, wie in diese Partie nach den verwegenen Umwälzungen 
von Schütz allmählich durch Hermann, 0. Müller u. a. Ordnung und 
Klarheit gebracht worden ist. Da immer noch über die Zuweisung 
einzelner Partien Zweifel herrscht, kommt es zunächst darauf an, die 
einzelnen Glieder zu sondern; denn wir können jetzt von vornherein 
sagen, daCs innerhalb einer und derselben Abteilung die Reihenfolge 
sich nicht andern darf. Das erste anapästische System 340 — 344 
bildet keinen Abschnitt, weil zur Strophe des Chors noch die Anti- 
:^ophe fehlt; dagegen ist die Besponsion abgeschlossen bei dem 
zweiten anapästischen System 372 — 379. Da nun ohne Zweifel bei 
423 ein neuer Abschnitt anhebt, so könnte man 315 — 371 als erste, 
380—422 als zweite Abteilung gelten lassen. Nun aber steht die 
uapästische Partie 372 — 379 in der Mitt6, ohne zu dem einen oder 
anderen Teile zu gehören. Zweitens werden beide Teile in unmoti- 
Tierter Weiae von ani^ästischen Systemen unterbrochen. Drittens 
weisen diese Systeme durch ihre Gleichheit auf einander hin und 
was die Hauptsache ist, wir haben zu beiden Seiten jenes vereinzelten 
map. Systems je sieben Teile, gleich geordnet und an gleicher 
Stelle die zwei respondierenden anapästischen Systeme eingeschoben. 
Wir müssen also notwendig die ganze Partie 315 — 422 als ein ein- 
iges symmetrisches Ganze betrachten und können nimmehr, da nach 
<iem Anfange feststeht, dafs zur Strophe des Orestes Elektra die 
Antistrophe singt, dafs die Strophen und Antistrophen des Chors 
xwischen die Strophen und Antistrophen der Bühnenpersonen fallen, 
swisehen Strophe und Antistrophe des Chors aber eine anapästische 
Partie eingeflochten ist, so zu sagen a priori die Zugehörigkeit der 
Tienehn Teile bestimmen: 

Or. Che. El. Cho. Or. Cho. El. Cho. Or. 
»tr. 1 str. 1 ant. 1 syst str. 2 ant 1 ant 2 syst. str. 3 
Cho. El. Cho. Or. Cho. El. 

str. 2 ant. 3 antisysi str. 4 ant. 2 ant. 4 
^^i wie trefflich pafst der Inhalt zu dieser Abteilung. Auch 



236 N. Wecklein: 

bei Aschylus ist Elektra die leidenschaftlich erregte, Orestes der 
mehr sentimentale und vor der That zurückbebende. Nur der Elektra 
kann also 394-399 

Kai iröi" &v ä|iiq)i8aXf|C 

Zeuc im x^^P^ ßdXoi, 

(peO qpeG, Käpava batSac; kt^., 

nur dem Orestes andererseits 405 — 409 

TToT iroT bf| V€pT^pu)V Tupawibec; 
Xbere iroXuKpaTeic dpai cpGijLidvujv, 
!b€c0* 'ArpeibSv rd Xoln' djLirixavwc 
?XovTa Kai biJü^dTU)v 
äTi)L4a. nqi Tic xpdTTOiT* dv, (b Zeu; 

zugehören, und wenn auf die zuletzt angeführten Worte der Chor 
entgegnet; Wr zittert das Herz, wenn ich solche traurige (d. i. trost- 
lose) Worte höre; wenn ich aber andererseits dich in voller Kraft 
sehe, dann kehrt die Zuversicht wieder und schwindet die Traurig- 
keit', wem können diese Worte anders als Orestes gelten? Orestes 
mufs also vorher die trostlosen Worte gesprochen haben. Man mag 
die Emendation örav b' aur' diraXKf) c' öpuJiiiai, Odpcoc dTT^craccv 
dxoc (415 f.) gelten lassen oder nicht, der Sinn der Stelle mufs der 
atigegebene sein. Wenn man endlich die Worte 418 fP. 

Ti b' fiv q)dvT€C Tuxoi|i€v; f[ rdirep 
7rd0o|üiev dxea npöc t€ twv xeKOji^viwv, 
ndpecTi caiveiv, xd b' oöxi Bikf^iai; 
XuKOC tdp ujcx' db^öq)pujv 
dcavxoc ^K jiaxpöc Ictx 6u^6c. 

auffafst, wie sie aufgefafst werden müssen: ^wie kann man es richtig 
bezeichnen; oder (mufs man sagen): was wir von der Mutter erlitten, 
läfst sich sühnen, für das andere (den Mord des Vaters) aber giebt 
es keine Verzeihung. Denn so wenig wie einen wilden Löwen kann 
die Matter unser Oemüt versöhnen', so kann wieder nur Elektra die 
Worte sprechen, denn unter den Leiden, für die es unter Umständen 
eine Verzeihung geben wttrde, versteht sie die erUttenen ErSnkongen, 
die sie '444 — 450 ausführlich schildert. So steht also der erste Ab- 
schnitt des Eommos fest und zeigt in der MannigÜEdtigkeit die Regel- 
mttfsigkeit, die wir überall bei Äschjlus finden. Wenn Orestes die 
Strophe, Elektra die Antistrophe singt, so vertreten die beiden 6e> 
schwister gleichsam nur eine Person (vgl. kXOOi vuv, tu ndxep, £v 
pepei TToXubdKpuxa it^vOti 332). Zudem sind es Bühnenpersonen. 
Die gröfsere anapästische Partie 372 — 379 flQlt natürlich dem Chor- 
führer zu; bei den beiden anderen Systemen, die sich entsprechen, 
kann man an den Führer des anderen Halbchors denken. Doch 
haben wir keinen genügenden Grund von dem Koryphaios, dem 
solche Partien sonst zukommen, abzusehen. — Der zweite Abschnitt 
423 — 455 überrascht uns mit einer ungewöhnlichen Anordnung: 



über die Tecbnik n. den Vortrag der Chorgesänge des Äschylus. 237 

str. 1, str. 2, ant. 2, ani 1. Es ist das jener einzige Fall, von dem 
wir oben gesprochen haben. Wir könnten darum geneigt sein, der 
Umstellong, an welche Weil gedacht hat, ohne noch das Gesetz der 
regelmftlsigen Abfolge von' Sinrophe und Antistrophe zu kennen, das 
Wort zu reden. Weil hat nSmlich die Partie des Orestes 434 — 438 
den ersten Worten tö Tiäv ärifiwc ^XeEac entsprechend ans Ende 
(nach 456) gesetzt, so dafs Chor und Elektra wetteifernd den Ore- 
stes bestürmen und dieser zuletzt den festen EntschluTs die That zu 
Tollbringen kundgiebt. Wir erhielten dann einflEioh eine Strophe und 
eine Antistrophe unter verschiedene Personen verteilt, wie wir es 
im folgenden Abschnitt sehen werden. WeU führte als ftulsere 
Stfltie fOr seine Ansicht den auffälligen Umstand an, dafs das zu 
438 gehSrige Scholion sich dem Scholion zu 455 angeschlossen habe. 
Wenn auch manchmal Scholien falsch gestellt sind, müfste dieser 
merkwürdige Zu&ll doch sehr bestechend sein. Heimsoeth Wieder- 
herstellung S. 484 zweifelt aber an der Richtigkeit der Umstellung 
and vermutet, dafs die unrichtige Stellung des Scholion nur ein 
Versehen in der Ausgabe von Dindorf sei Diese Vermutung hat 
sich wie kaum eine andere von Heimsoeth bestätigt. Das Scholion 
steht in der Handschrift bei dem Verse, zu welchem es gehört. Es 
sind bei Dindorf öfter Scholien, die nicht bei ihrem Verse, sondern 
onten am Bande stehen, irriger Weise zu dem letzten Verse der be- 
treffenden Seite gesetzt: hier aber haben wir ein reines Versehen. 
Der Inhalt fordert die Umstellung nicht unbedingt.^ Es wftre auch 
nicht ganz unbedenklich, wenn Orestes die eine Partie schliefsen und 
<lie nfichste (mit 456) wieder beginnen würde. Endlich darf uns 
dteünregelrnftOsigkeit der Strophenordnung um so weniger auffallend 
sein, als damit auch eine UnregelmäTsigkeit in dem Vortrag von 
Stn^he und Antistrophe verbunden ist, welche sich auch bei Äschylus 
inrgends mehr findet: Der Strophe einer Bühnenperson entspricht 
die Antistrophe des Chors. Mit Recht aber hat aus dieser auffUligen 
Entsprechung Heimsoeth geschlossen, dafs nicht der Chor, sondern 
Kor der Chorführer der Vortragende sei. Die erste Strophe und 
Antistrophe wird bald der Elektra allein, bald Chor und Elektra 
(Che. EL »» EL Cho.) zugeteilt Augenscheinlich ist 428 Schlufs^ 
Ters und 429 Anfang einer neuen Partie. Dafs auch die Antistrophe 
ia Reicher Weise getrennt werden mufs, beweisen am deutlichsten 
die das vorhergehende bestätigenden Worte 453 Td ^ivTäp oÖTU)C ix^x^ 
die nicht der Elektra, sondern nur dem Chore zogehören können. 
Feiner kaon auch die erste Partie 423 — 428 deshalb schon der 
Elektra nicht gegeben werden, weil wir gesehen haben, dafs die un> 
nnttalbar vorhergehende Partie der Elektra zufftlli Endlich kann 
otta wieder gleichsam a priori feststellen, dafs wenn der Chor mit 
Orestes abwechselt, er auch mit Elektra wechseln mufs. Es ist also 
die erste Strophe so verteilt, dafs was der Chorführer in der Strophe 
singt, in der Antistrophe Elektra hat und umgekehrt. In der zweiten 



338 N. Wecklein: Über die Technik etc. 

Strophe wechselt einfach der Chor mit Orestes. — Im dritten Ab- 
schnitt 456 — 462 ist Strophe und Antistrophe gleichm&Tsig an 
Orestes, Elektra, Oesamtchor (vgl. crdcic irdTKOivoc fibe 458) ver- 
teilt — Den letzten Abschnitt 466 — 475 endlich hat Kirchhoff sehr 
schön allen zusammen zugewiesen. — Wie eine anapSstische Partie 
des Chorführers den Kommos einleitet, so wird dieser auch durch 
eine kleine anapftstische Partie des Eorjphaios abgeschlossen. 

Die Ergebnisse unserer Untersuchung lassen sich in folgenden 
Sätzen zusammenfassen: 

1. Die Annahmen von Frooden, Mesoden, von künstlicher Ver- 
flechtung der Strophen und Antistrophen erweisen sich als irrig. 
Einfsichheit und Ordnung ist das Gesetz der chorischen Technik des 
Äschylus. Nur beschränkt sich diese Oleichmäfsigkeit auf das ein- 
zelne Glied des Chorgesangs und muTs darum bei der Bestimmung 
der Ordnung die Gliederung der Chorika, besonders der Parodoi 
tmd Eonunoi wohl beachtet werben. 

2. Wer die Strophe singt, singt in der Begel auch die Anti- 
strophe. 

3. Gesang von einzelnen Choreuten, sei es von allen zwölf — 
denn nur diese Zahl ist bei Äschylus anzunehmen — , sei es von 
den Führern der Halbchöre, deren einer der Koryphaios ist, ist nur 
nachweisbar in nicht antistarophischen Partien. AusnahmsföUe sind 
Ag. 104—159, Cho. 423—428 mit 489—443, 451—455, Suppl. 
1053 — 1062, wo der Chorführer unter besonderen Umständen in 
antistrophischen Partien thätig ist. 

4. Yerwendung der Halbchöre und der drei CTOtxoi findet sich 
in einigen Parodoi und Kommen, auch in dnigen Stasimen, welche 
Ephymnien haben. Sonst werden die antistrophischen Gesänge von 
dem Gesamtchor, die anapästischen Chorika und die dem Chore zu- 
fallenden Trimeter und Tetrameter von dem Koryphaios vorgetragen. 
AusnahmsfUle bilden Ag. 1344 bez. 1348—1371 und Eum. 585 — 608, 
wo die zwölf Choreuten nach Baader sich am Gespräch beteiligen, 
und Fers. 155 — 158, wo der »aedrüdrlichen Aufforderung des Chor- 
führers entsprechend (irdvrac fxudoici irpocaubfiv) der gesamte Chor 
die Köni|^ mit den vier Tetrametem begrttist. Weniger i^t als 
Ausnalime Ag. 489 — 502 zu betrachten, wo nur das in einer me- 
lischen nichtantistrophischen Partie begonnene Wechsülgespräch der 
beiden HalbohorftLbrer in Trimetem fortgesetzt wird. 

5. Dazu fügen wir zum Schlufs noch die Bemerkung, daüs der 
Prometheus wie in anderen Punkten (vgl. meine Ausgabe S. 22), so 
auch in der Technik und Gliederung der Chorgesänge sich von den 
übrigen eikaltenen Stücken des Äschylus unters(^eidet und von der 
besonderen Kunstweise des Äschylus keine Spur aufweist 



NATURPER80NIFICATI0N 



IN 



POESIE UND KUNST DER ALTEN. 



VON 



ADOLF GERBER. 



'akib.l«lMi.I1üL SmipL Bd.Xin. 16 



Die Yorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die Griechen, die 
Alexandriner nnd die Bömer in den Werken ihrer Poesie nnd in den 
Werken ihrer Kunst der sie umgebenden landschaftlichen Natur 
menschliche Gestalt yerleihen. Dieselbe kommt dabei zu wesent- 
lich anderen Resultaten als die beiden Woermann'schen Abband- 
ioBgen ftber den landschaftlichen Natursinn der Griechen und Bömer 
and die Landschaft in der Kunst der alten Völker; sie unterscheidet 
sich Ton diesen auch durch den ganzen Gang der Untersuchung. 
Wihrend Woermann nftmlich die Dichter getrennt und nebensach- 
lich behandelt und der Kunst sein Hauptinteresse widmet, ist für 
QDs die Gegenüberstellung der Poesie und Kunst der leitende Ge- 
danke; während Woermann (d. Landschaft in d. Kunst, p. 237) 
ferner z. B. dadurch, dass er bei seiner Besprechung der anthropo- 
morphischen Naturdarstellungen der hellenistischen und römischen 
Epoche die drei Abtheilungen, der ursprünglich mythologischen 
Gestalten, der reflectirten landschaftlichen Naturpersonificationen 
und der Localgottheiten der Länder, Städte, Flttsse, Berge u. s. f. 
macht, zu yiel Zusammengehöriges trennt, als dass sich eine klare 
Entwickelung einzelner Gruppen geben Hesse, werden wir es vor- 
liehen, die Erde, Länder, Städte, das Meer, die Flttsse und Quellen, 
& Nymphen, Nereiden, Satyrn und Aehnliches und endlich die Berge 
uehelnaDder durch den grössten Theil der antiken Poesie und Kunst 
n rerfolgen. Bevor wir jedoch zu den Einzeluntersuchungen ttber- 
geben, hat die Einleitung noch zwei Aufgaben zu lösen. Sie muss 
kiin im Allgemeinen das Verhältniss der Poesie zur Kunst darthun; 
ne mu88 feiner bei einer so vielfach schwankenden Terminologie, 
vie sie gerade auf diesem Ge\)iete herrscht, die anzuwendenden Be- 
zeichnungen möglichst bestimmt definiren. An ihrem Ende wird 
sich zugleich Gelegenheit bieten, die Beschränkungen, welche wir 
ans bei dem grossen Umfange unsers Stoffes auferlegen, zu recht- 
fertigen. 

Poesie nnd Konst eines Volkes und einer Zeit wurzeln in dem- 
selben Boden; in den Erzeugnissen beider muss deshalb, soweit sie 
nch auf denselben Stoff beziehen, auch derselbe Geist herrschen. 
Man vergleiche das Ethos und die Erhabenheit äschyleischer Cha- 
raktere mit den Gestalten des Polygnot (Brunn, Kttnstlergesch. U^ 
14 £), die sanftere Anmuth und vollendet harmonische Durchbildung 
«dekiea Menschenthums in den Festfeiernden des Parthenonfrieses 

16* 



242 * Adolf Gerber: 

(Broirn, Bildw. d. Parthenon. Münch. Akad. Sitzb. 1874, p. 40 ff.) 
mit dem Geiste der sophokleischen Tragödie; nicht nünder beachte 
man jedoch, dass römischer Poesie und römischer Kunst die Schilde- 
rung der subjectiven Theilnahme des Locales an allen Handlungen, 
die in seinem Bereiche geschehen, im Gegensatz zu den Griechen in 
gleicher Weise eigen ist (vgl. unten). 

Ist demnach die innere üebereinstimmung von Werken der 
Kunst und Dichtung desselben Volkes in derselben Epoche eine un- 
abttnderliche Nothwendigkeit, so liegen gleichwohl in der Weise, in 
welcher derselbe Gedanke hier oder dort zum Ausdruck gebracht 
wird, die Ursachen äusserer Verschiedenheiten, und gerade für unsere 
Untersuchung ist ein solcher Differenzpunkt von besonderer Wichtig- 
keit zu beachten. Der Dichter kann den Dingen der sinnlichen Welt 
in ihrer natürlichen Gestalt menschliche Empfindung und zum Theil 
auch menschliche Thätigkeit leihen; der Künstler bedarf dazu da- 
gegen der menschlichen Gestalt. In Folge dessen kann der letztere 
dem Dichter wohl auf mythologischem, nicht aber auf anderen Ge- 
bieten ungehindert nachschaffen. Wo Homer (B 548) das nahrnng- 
spendende Gefilde den Erechtheus gebären lässt, zeigen die Künstler 
uns die Mutter Erde den Erichthonios emporreichend; während bei 
Dichtem der Anthologie Aphrodite vom wirklichen Meere geboren 
wird (Anth. Pal. Dübner V, 180, 5; XVI, 178), war an der Basis 
des Weihgeschenkes des Herodes Atticus in Konnth die Thalassa 
die Aphrodite emporhaltend gebildet (Paus II, 1, 8). Wenn die 
Poesie uns aber schildert, wie Berge, Bäume, Blumen und ähnliche 
Gegenstände freudig oder traurig bewegt sind, dann beginnen für 
die Kunst Schwierigkeiten, die sie, wie wir sehen werden, nur theil- 
weise and nur durch besondere Auskunftsmittel überwinden konnte. 

So schwer der Künstler dem Dichter überallhin folgen kann, 
so leicht kann wenigstens eine reflectirende Poesie von der Kunst 
Gestalten entlehnen, selbst wo dies Verfahren einem unmittelbaren 
poetischen Empfinden widerstrebt. Die unendlich häufige oft kaum 
mehr zu durchschauende Wechselwirkung poetischen und künstleri- 
schen Schaffens wird in hervorragender Weise unsre Aufmerksam- 
keit in Anspruch nehmen. 

Wir schliessen den ersten Theil unsrer Einleitung mit einem 
Blicke auf eine Anzahl von Personificationen der komischen Bühne 
imd die Mjthoi des älteren Philostratos. Wolken, Wespen, Vögel, 
Frösche werden wohl einmal in menschlicher Gestalt personificirt, 
sind dadurch aber keineswegs zu Personificationen von allgemein 
giltigem Ausdrucke geworden und kommen daher auch in der Kunst 
nicht vor« Die Nephele einer Vase malerischen Stiles, welche Woer- 
mann (a. a. 0. p. 256) hierherzieht, ist die mythologische Mutter 
der Helle und des Phrixos, deren ursprünglicher Zusammenhang mit 
der Natur in der mythischen Erzählung vollständig zurückgetreten 
ist Die Mythoi (Im. I, 3. Kayser ed. Tenb. p. 299 l. 10 ff.) endlich, 



Naturpersonification in Poesie and Ennst der Alten. 243 

eigentlich schon Personificationen der unsinnlicben Welt, sind ähn- 
liche Eigenartigkeiten, die ftlr einen bestimmten Fall einmal yersucht, 
ebensowenig canonische Giltigkeit erlangt haben; einzelne Gestalten 
derselben dürften sich z. B. von yerwandelten Gefährten des Odjsseas 
nicht nnterschieden haben. 

Im zweiten Theile unsrer Einleitung definiren wir nunmehr die 
Bezeichnongen, welche wir anzuwenden gedenken. 

Personification bedeutet uns die menschliche Beseelung und 
Verkörperung eines Gegenstandes der sinnlichen oder unsinnlichen 
Welt; als Personificirnng oder Verleihen von Persönlichkeit be- 
xeicknen wir dagegen eine bloss menschliche Beseelung ohne gleich- 
zeitige Verkörperung. 

unter den Personificationen scheiden wir die.mjthologischen 
ond auf mythologischer Grundlage geschaffenen poeti- 
schen Ton den begrifflichen. ^) Erstere sind schon bei den Griechen 
der homerischen Welt fast alle so geistige Wesen, dass sie nicht mehr 
Verkörperungen yon Naturgegenstfinden büden, sondern als selbst- 
sUndige Indiyidualitftten im Reiche der Natur walten, und sogar bei 
Erde und Flüssen, welche stets mit ihren Elementen identisch bleiben, 
scheiden sich doch in gewisser Weise die mythologischen Gestalten 
TOtt Erde und FIubs der umgebenden Natur; sie sind demnach volle 
freie Persönlichkeiten. Im Gegensatz zu ihnen sind die begrifflichen 
nr^rflnglich keine lebensvollen Persönlichkeiten, sondern menschliche 
Bilder für den Begriff eines Gegenstandes; dass dieselben trotz 
ihrer begrifflichen Natur dennoch häufig zu lebendigen Persönlich- 
keiten werden, findet darin, dass sie einmal menschlich gebildet 
wtteo, seine Erklärung. Als Localpersonification bezeichnen 
wir endlich unter den Personificationen nur diejenige, welche ein 
in seinem gegraphischen Orte befindliches Local so in sich verkörpert, 
dass sie die Stelle desselben im Zusammenhange der Landschaft ein- 
ninimt In Folge dessen sind Personificationen^ die noch mythologisch 
iind, notfawendig niemals streng iöcal und selbst die begrifflichen 
sind durchans nicht allgemein zugleich local, sondern nur soweit sie 
obige Bedingung vollständig erfüllen« 

Während eine Personification immer sowohl das geistige als 
das körperliche Wesen eines Gegenstandes umfasst, kommt es auch 
Tor, darä nur das geistige Wesen eines solchen durch eine mensch- 
Uche Gestalt verkörpert ist, die wir vielleicht am meisten in üeber- 
onstimmong mit der flblichen Terminologie als den Gott des bezflg- 
&hen Gegenstandes bezeichnen dürfen. Derartige Götter fehlen 
iwir den Griechen, welche in der Natur nie Körper und Seele schei- 
den, ohne dass das Seelische sofort individuelles Leben gewänne und 

1) Wir vermeiden die Bezeichnung „aUegorisch**. Lesaing (Abhandl. 
^ i Fabel): „Aber was will er mit seiner JÜlegorie? — Ein so fremdes 
Wort, womit nur wenige einen bestimmten Segriff verbinden, sollte 
fibeikuipt aus einer guten Erklärung verlMumt sein/* 



244 Adolf Gerber: 

somit nicht Iftnger unmittelbar an das Körperliche gebunden ist, 
sind dafür aber bei den Bömem, denen eine solche Trennung durch- 
aus geläufig ist, um so häufiger. Schon wegen ihrer engen Zu- 
sanmiengehörigkeit mit dem physischen Locale, von dem diese Götter 
nur durch begrifiOiches Denken getrennt sind, sind sie fast stets 
Localgötter. 

Neben Localpersonificationen, welche ein Local in sich dar- 
stellen und Localgöttem, welche das geistige Wesen eines Locales 
sind, kann man drittens von Localbezeichnungen reden. Dieses 
darf dann geschehen, wenn ein Local durch mythologische Personen, 
oder Menschen bezw. Thiere, welche sich an demselben au&uhalten 
pfiegen, angedeutet oder bezeichnet ist; die Theilnahme an anderen 
Handlungen, welche diese Wesen etwa zeigen, ist natürlich nicht 
diejenige des Locales, sondern ihre eigne. 

Endlich sei noch auf den unterschied zwischen Personification 
und Repräsentant bezw. Vertreter hingewiesen, ein Unterschied, 
dessen Nichtberücksichtigung zu nur allzuvielen Lrrthümem Anlass 
gegeben hat. Die Personification ist, wie wir sahen, dasjenige, was 
sie bezeichnet, der Vertreter ist nicht selber das, was er vertritt, 
sondern steht nur in mehr oder minder engem Zusammenhange mit 
demselben. 

Gehört die Personification vorzugsweise der Kunst an, so ist 
die Peraonificirung das eigentliche Gebiet der Poesie. Sobald wir 
nämlich von der Mythologie absehen, wird einem Naturgegenstande 
nie die Personification, sondern höchstens die Personificirung zu Theil. 
Wollte man zum Beweise aussermythologischer Naturpersonificationen 
die üebertragung von Namen menschlicher Körpertheile auf Dinge 
in der Natur anführen, so ist dieser Einwand doch bei näherer Prü- 
fung ein unbegründeter. Mag es auch nicht ausgeschlossen sein, 
dass eine ganz kindliche Phantasie in einer Zeit des griechischen 
Volkes, welche weit hinter der homerischen zurückliegt, den Dingen 
um sich her wirklich menschliche Gestalt gegeben habe, so ist es 
doch auch sehr wohl möglich, dass der Mensch solche Bezeichnungen 
gleich in allgemeinerer Bedeutung auf die Natur übertragen habe. 
Wenn er z. B. die Gipfel der Berge und Bäume Häupter nannte, den 
Band eines Hügels odcfr eines Flusses Augenbraue, so braucht er 
deshalb nicht immer volle menschliche Gestalten in diesen Dingen 
gesehen zu haben. Mag dem nun aber auch sein, wie ihm wolle, 
jedenfalls gilt von der ganzen uns bekannten griediischen Poesie in 
noch höherem Grade, als Hense (Poet. Personificirungen in griech. 
Dicht, p. 1 u. a.) es annimmt, dass die vom menschlichen Körper 
auf die Natur übertragnen Bezeichnungen ihre eigentliche personi- 
ficirende Kraft völlig eingebüsst haben. 

unter den Personificirungen scheiden wir, wenn wir uns dieses 
Ausdrucks bedienen dürfen, eigentliche imd uneigentliche. Eine 
uneigentliche Personificirung erkennen wir dort, wo einem 



Nftinzpersoiiificatioii in Poesie und Kunst der Alten. 245 

Naturgegenstande in Folge göttlicher N&he, wunderbaren Gesanges 
oder gar nur im Affecte oder dadurch, dass er redend eingeführt ist, 
Persönlichkeit geliehen wird. Die Majestät der Götter, die Macht 
du Gesanges zeigt sich gerade in der Beseelung des sonst ünbeweg- 
liehen, die Gewalt der Leidenschaft oder Schuld findet ebenso in der 
Beseelung dessen, was keine Empfindung hat, den rührendsten und 
am meisten tragischen Ausdruck, und selbst die bei den Griechen 
80 ausserordentlich gebräuchliche Form, dass ein Grabhügel oder 
dgL in Epigrammen redend eingeftOirt oder angeredet wird, schliesst 
noch keine durchgehende Personificirung desselben gegenüber an- 
dern in seinem Localbereiche vor sich gehenden Ereignissen ein. 
Die eigentliche Personificirung tritt dagegen erst dann ein, 
wenn ein Naturgegenatand einer weder aus dem Gange der gewöhn- 
lichen Weltordnung fiäUenden noch ihn selber direct berührenden 
Handlung gegenüber subjectiven menschlichen Antheil nimmt, und 
dieser Antheil vom Dichter besonders hervorgehoben wird; nur dieser 
Penonifioining gegenüber dürfen wir in der Kunst eine entsprechende 
Berfiekdchtigung des Locales erwarten. 

Obwohl es bei den angegebenen 2jielen unsrer Untersuchung 
talbatTerstftndlich nicht unsre Aufgabe sein kann auf alle poetischen 
Personificirangen einzugehen, so wird es sich gleichwohl zur grösseren 
Klarstellnng nicht überall vermeiden lassen; ausser den eigentlichen 
auch die aneigentlichen hie und da zu berühren. Sowenig wir uns 
tener mit allen unbestritten mythologischen Personificationen zu 
bwchlftigcp brauchen, weil dieselben nicht mehr direct die Natur 
penooxfidren, sondern ganz persönliche in die verschiedensten Sagen 
Teiflochtene Individuen darstellen, deren Zusammenhang mit dem 
Locale zn einem sehr losen geworden ist und namentlich nicht mehr 
der Gebundenheit des wirklichen Naturgegenstandes entspricht, so- 
wenig dfirfen^wir sie doch auch ganz übergehen, weil sie einerseits 
u^rOnglich aus dem innersten Wesen der Naturgegenstttnde heraus 
eoietasden sind und andemtheils für die mannigfach sich verzwei- 
genden poetischen und begrifflichen die Basis abgegeben haben. Die 
kosmogonischen Personificationen endlich, welche zum Theil, wie 
Weleker (Griech. GötterL I, 619 u. 648) vom Pontes sagt, nur kos- 
mogonische Ideen und Potenzen sind, haben in einer Untersuchung, 
weldie sich auf die Personification der Natur in uns überlieferter 
Poesie und Kunst der Alten bezieht, voUends keine Stelle. 



I. 

Erde und Linder. 

Die Erde gehört zu den Natnrereoheinangen, welche von jeher 
unmittelbare Gewalt über das menachlische Gemüth ausüben; weil 
sie in unablässig reger Thfttigkeit und Kraft alles hervorbringt und 
ernährt, so widmet ihr der kindliche Mensch Verehrung, auch ohne 
dass nothwendig eine besondere Gottheit dazwischentritt. Diese 
göttliche Verehrung der Erde selber, sowie eine persönliche, gött- 
liche Schaffensthätigkeit des Elements finden wir auch bei den 
Griechen. 

Bei Homer (B 548; X 309) gebiert das Nahrung spendende 
Ackerland (2[€ibiupoc fipoupa) den Erechtheus und nährt den Otos 
und Ephialtes, während bei Eoripides (Ion 542) der Xuthos dem 
Ion auf seine Frage, ob er der Erde als Mutter entsprossen, erwidert, 
dass der Erdboden (ir^bov) keine Kinder gebäre. Solon (Bergk 
Poet. Ljr. Graec.' fr. 36) sagt, er habe die grosse Mutter der olym- 
pischen Götter, die schwarze Erde (jH^lTilp MeticTT) baifiövuiv 'OXuM- 
TTiujv ffi ji^Xatva) durch seine Seisachtheia frei gemacht — gemeint 
ist hier speciell Attika — , Hippolytos (Eur. Hipp. 1025) schwört 
wiederum neben dem Zeus beim Erdboden (TT^bov xOovöc) und der 
Chor in der Antigene (Soph. Ant. 338 ff.) singt, dass der MenscL 
die Erde, die höchste der Götter (Oeuiv rdv äirepTdrav fäv) durch 
Anbau ermüde. Endlich erinnere man sich der hesiodischen Gaia, 
soweit sie nicht in menschlicher Gestalt erscheint, und besonders 
der Darstellung des lepöc t<S^|üioc in dem herrlichen Fragment der 
Danaiden des Aischylos (Nauck No. 43), dem sich nahe verwandt 
ein Fragment des Euripides (Nauck No. 890) , eine Stelle in dem 
Lehrgedichte des Lucretius (I, 250 ff.) und eine andre in demjenigen 
des Vergil (II, 324 ff.) anschliessen. Diese Vorstellung der Mutter 
Erde in ihrer natürlichen Gestalt überwiegt bei den Dichtem durch- 
aus die andere, welche sich die Mutter Erde in menschlicher Gestalt 
denkt, und es ist zweifelhaft, ob die letztere, welche mit Sicherheit 
zuerst in der Theogonie des Hesiod (153 ff.) neben der ersteren er- 
scheint, bei Homer überhaupt schon vorkommt, da selbst Bezeich- 
nungen wie fait^ioc ulöc (r\ 324) und rait]C dpiKub^oc v\6c (X 576) 
die Gaia wohl aJs Göttin, nicht aber nothwendig als menschlich ge- 
staltetes Wesen voraussetzen. Wenn es hiermit als erwiesen gelten 



NaIarperBonificaiion in Poeüe und Eanst der Alten. 247 

kann, dass dem Griechen die weite Erde selber zugleich eine Oöttin 
w«r, nnd die Gdttin ebendeshalb auch als faia (Ffi, fä) und nicht 
als Oea Tf)c rf)c oder dgl. bezeichnet wird, können wir jetzt eben- 
fidls schon entscheiden, ob die Erde etwa durch eine die äusseren 
Erscheinungsformen der Natur menschlich gestaltende Phantasie zu 
ihrer menschlichen Gestalt gelangte und in Folge dessen der Grieche 
die Erde in der Wirklichkeit als menschliche Gestalt ansah. Die 
Antwort muss durchaus verneinend ausfallen. Nicht auf diesem 
Wege, sondern weil man ein dem natürlichen Verhältnisse der Erde 
tarn Himmel und zum Menschen adäquates Bild aus dem mensch- 
lichen Leben suchte und dieses in der Mutter fand, erhielt die Erde 
die mütterliche Gestalt, und es fiel dem Griechen nicht ein, in der 
wirklichen Erde eine menschliche Gestalt zu sehen. 

Wie die gesammte Erde die allgemeine Mutter im Leben und 
im Tode ist — für letzteres vergleiche man zwei Zeilen aus einem 
EfMgramm des Meleager^ — , so sind es nicht weniger die einzelnen 
LS&der. Manche Beispiele bietet Pindar (Bergk' Ol. VI, 84 f.; IX, 
20; L I, 1; VII, 3 ff.; VIH, 17 ff.), bei Euripides (L Aul. 1498) 
ruft die Iphigenie das pelasgische Land als Mutter an, imd besonders 
Tide Belege giebt die palatinische Anthologie (Dübner VII, 18, 5; 
78, 3; 241, 5; 428, 13; 573; XV, 47; XVI, 296). Wie femer bei 
Hesiod (Theog. 129 f.) die Erde die Berge hervorbringt, so ist bei 
Eoripides (Troad. 222) die Insel Sicilien ebenfalls die Mutter ihrer 
Berge. Wfthrend man sodann, vielleicht halb unbewusst, von der 
stets mit ihrem Elemente identisch bleibenden Mutter Erde eine 
individueller gestaltete Seite loslöste, die mit der Bhea intentificirt 
werden konnte, dürften sich etwa um die Zeit Pindars von den 
Luidegpersonificationen, deren Wesen mehr ideell und bald sogar 
begrifflich wurde, gleichnamige Landesgöttinnen als durchaus indi- 
fida^le Gestalten des Mythus getrennt haben, da wir lieber die 
gegentheilige Bemerkung des Scholiasten') bezweifeln, als Pindar 
alexandrimscher Künstelei beschuldigen möchten. Wie endlich sp&ter 
Beben die Erde als eine besondere Personification ihrer Bewohner- 
sdiaft die Oikumene^) trat, so haben sich wahrscheinlich schon weit 
früher neben die Länder die Personificationen ihrer Einwohner- 
sdiaften gestellt, denn die Oemeinschaft von Menschen im Wechsel 
der Generationen ist in der Vorstellung an sich etwas Lebendiges, 
dem nur die individuelle menschliche Gestalt geliehen zu werden 
VrMcht, um es zu voller Wesenheit zu erheben. Fast unmöglich 



1) Anthol. Pal. VII, 476, 9: 

'AAXd C6 TOuvoOfuii, TA iTavTp6q)€, rdv irav66upTOv 
f^MO colc KÖXirotc, liArcp, ^voticdXtcot. 

3) SchoL Pyth. IV, 26: €tiii6aa tä oGroi cuMirAdKCtv xä Tdrv x^P^ 
4 Tftv «dXiiuv Kai Td niiv V|pu)tbu)v övö^ara fttaKoivoiroioOvTcc etc. 

4) Der Ausdrack nfica i\ oIkou|ui^vv) findet sich schon bei Demosth. 
de cor. p. 241, § 48. 



248 Adolf Gerber: 

.dürfte es freilich sein, zu entsolieideii, ob diese Personificationen der 
Bewohnerschaften jemals als identisch mit den mythologisch-poeti- 
schen Landespersonificationen empfnnden wurden oder nicht; jeden- 
falls ist es in gegebenen einzelnen Fällen bei Dichtem oder nur durch 
schriftliche üeberlieferung bekannten Kunstwerken oft schwierig, die 
eine oder die andere Bedeutung sicher nachzuweisen, da ausser den 
gleichlautenden Bezeichnungen noch die ideelle Natur beider die 
Bestimmung erschwert. Nachdem wir die engen Beziehungen zwi- 
schen Erde nnd Einzeliftndem, sowie die verschiedenen Arten von 
Personificationen, die hier in Betracht kommen, angedeutet haben, 
prüfen wir das Wichtigste aus dem uns vorliegenden Material 

Wie bei Homer sich wahrscheinlich keine €kda in menschlicher 
Gestalt, und mit Bestimmtheit keine mythologische IndividuaUsirung 
des Erdbodens durch eine aus ihm hervorragende Gestalt fand, so 
ist im homerischen Hymnus auf den delischen Apollo (v. 61 £f.) die 
Insel Dolos auch nur poetisch personificirt.^) Die wirkliche Insel 
redet und empfindet als im Mythus mithandelnde Person, ohne des- 
halb in menschlicher Grestalt zu erscheinen. Ein rechtes Gegenstück 
zu dieser wahren Poesie des homerischen Hymnus ist der delische 
Hymnus des Kallimachos, welcher schon in seiner Grundanffassung, 
dass nicht Leto durch die Lftnder irrt, sondern die Gegenden vor 
der Göttin fliehen, gekünstelt erscheint. In durchaus begrifflicher 
Weise wird bald die Insel mythologisch individualisirt, bald sogar 
die volle mythologische Person an Stelle des wirklichen Locals ge- 
setzt (vgl. bes. 264 f. u. 16 ff.), welches dadurch seinen beharrenden 
Charakter, der ihm als Local eigenthümlich ist, vollständig einbüsst. 
Delos zieht wie eine Nereide andern Inseln voran zum Okeanos und 
der Tethys, eine so gekünstelte Anschauung, dass selbst der Scholiast ^) 
ihr nicht mehr zu folgen vermag und eine andere Erklärung fOr noth- 
wendig hält. Während somit bei Ländern, die als Locale mithandelnd 
in Mythen verflochten sind, in der älteren Zeit nur die poetische Personi- 
ficirung, im Hellenismus auch mythologische Individualisirung und 
mythologische Personification stattfindet, lässt sich eine poetische Per- 
sonificirung oder gar Personification des Erdbodens oder ganzer Länder 
als blosser Zeugen eines sie nicht direct betreffenden Vorganges auch 
an letzterer Stelle noch nicht nachweisen. Da der Erdboden an sich 
nämlich dem Griechen zu abstract gewesen sein dürfte, um ihn zu personi- 
ficiren, und da ein Land, ja selbst eine Insel sich einmal in der Natur 
nicht als ein leicht übersehbares Ganzes und dann nicht als eine Einheit, 



5) Zu ^€ibiic€ (v. 118) vgl. V. 186 (v. 186—188 sind interpolirt: 
Baumeister Hymn. Hom. p. 189 f.). Dass ^ctbidv hier kein eigenüiches 
Lachen^ sondern nur ErglSnsen beaeutet, beweisen viele ähnliche Stellen: 
Baumeister a. a. 0. p. 136 u. 288. 

6) Schol. Hymn. in Del. 18: oOx Sn ai vf|coi dOpofZovrat, dXX' oi 
CEopxoi Ocoi. Schneider, Callimaohea vermuthet: Sirapxot 6co( ■>« die be- 
herrschenden G. 



Natarpenonification in Poesie und EunBt der Alien. 249 

sondern ab eine Vielheit darstellen, so zog man es vor, dort, wo 
man überhaupt personificirte, die Einzelheiten der Landschaft, wie 
Beige, Flttsse, BSume, Blumen, menschlich zu beseelen (vgl. das 
Idyll). Der Widersprach, welchen die Behandlung der Länder bei 
Pindar (OL VI, 84 f.; P. IX, 66 flF. ; XH, 1 ff.; bes. L Vü, 1 ff.) hier- 
gegen erhebt, ist nur ein scheinbarer. Wir sehen dort nämlich die 
Länder, in denen etwa» yor sich geht, keineswegs als Landschaft 
Antheil nehmen, sondern es wird vielmehr überall das Vaterland 
als die Mutter und ideelle Vertreterin seiner Bewohnerschaft als mit- 
fthlend gedacht Somit findet hier nicht eine landschaftliche Landes- 
personificirung statt, wie wir sie bei den Römern sehen werden, 
sondern eine ideelle, aus dem ethischen Verhältnisse des Landes zu 
den Seinen hervorgehende. 

Bevor wir zu den Römern übergehen, werfen wir noch einen 
Blick auf einige Gestalten, welche wir fbr Personificationen von Be- 
wohnerschaften halten möchten; interessant ist es, dort den Ueber- 
gang der poetischen Metapher zur wirklichen Personification zu be- 
obachten. Wo Aischjlos (Pers. 181 ffl) den Gegensatz Asiens und 
Griechenlands schildern will, bedient er sich des Gleichnisses von 
dem persischen und dorischen Weibe; auch wenn er sagt (Pers. 
929 £): 

•Ada bk xe«i>v 

aivtüc alvt&c dnl y^vu K^KXtrai 

bleibt er wahrscheinlich bei einer Metapher stehen. Anders Euripides. 
Wenn man bei dem Ausruf des nach seinem Morden wieder zur 
Bednnnng gekommenen Herakles (Herc. Für. 1389 f.): 

cD Taia Kdbfiou näc t6 örißaToc Xeuic, 
KcipacOe cufiTrevGricaT*, . . . 

aoeh noch Zweifel hegen kann, so ist doch (Helena 370 ff.) die 
Hdlaa, welche Elagruf erschallen lässt, sich die Haare zerrauft und 
das zarte Kinn zerkratzt, sicher eine volle Personification. Wenn man 
ausserdem noch die Ntjcci des Aristophanes in Betracht zieht, so 
dürfte es kein Zufiül sein, dass Panainos, wie uns Pausanias (V, 11,5) 
beriditet, gleichzeitig an den Schranken des olympischen Zeusthrones 
eine flalamis und eine Hellas malte. 

Bei den Römern betrachten wir zunächst wieder das Verhalten 
des Locaiee dort, wo es in einen mythologischen Vorgang mit- 
haadehid verflochten ist, sowie dort, wo es Zeuge von Ereignissen 
der Sage oder Geschichte ist. Wie schon Eallimachos im ersteren 
Falle die Insel Deloe mythologisch individualisirte, so thut es auch 
Ovid bei der Tellus im Phaetonsturze, nur dass die crass realistische 
Art der DnrehfÜhrung ein so recht deutliches Beispiel dafttr giebt, 
wie wenig sich diese, wie wir unten sehen werden, von der Kunst 
esOdinte Typik ftlr einen reflectirenden Dichter eignet (Met ü): 



250 Adolf Gerber: 

Sustulit oppressos coUo tenus arida yoltus: 275 

^Vix equidem fauces haec ipsa in verba resolvo' — 282 
Preseerat ora yapor — , ^tostos en aspice crines 
Inqae oculis tantnin, tantom super ora favillae'. 
Dbcerat haec Tellas. neqne enim tolerare vaporem 301 

ülterius potuit, nee dicere plura, sanmqae 
Rettulit 08 in se propioraque manibus antra. 
Orid selber trägt die Verantwortung, wenn es für diese Vor- 
stellung der Tellus kein entsprechenderes Bild giebt, als dasjenige 
einer Schildkröte, die durch Hitze, Bauch und Asche bedrängt ihren 
schon versengten Eopf ausstreckt und einzieht. 

Anders verfahren die römischen Dichter, wo Erdboden und 
Länder nur Zeugen eines Vorganges sind. Während der Alexandriner 
sich hier aus oben erwähnten Gründen überhaupt einer Personifici- 
rung enthielt, macht der Bömer bei der Schilderung von Begeben- 
heiten gern den Erdboden zum Subject — wir meinen Wendungen 
wie tellus est pressa genu bei einem Fallenden und Aehnliches — 
und betont besonders den Antheil, den der Erdboden oder ganze 
Länder auch an historischen Ereignissen nehmen, bedient sich jedoch 
fast ausnahmslos nur der poetischen Personifioirung und nicht der 
Personification. Bei Vergil (Aen. lU, 673) ist die tellus Italiae in 
Angst und Schrecken über das zornige Gebrüll des geblendeten 
Polyphem; aus den Gedichten Glaudians führen wir aus zahlreichen 
Beispielen (Jeep ÜI, 131; VII, 18 f.; VIH, 127 f.; XXIV, 61 f.; 
XXVIII, 338; XXXV, 71 ff. und 79 ff.) nur an, dass Lydien stolz 
ist auf die Quelle des Pactolus und Germanien mit den Wäldern des 
Caucasus bei der Geburt des Honorius von Furcht und Schrecken 
befallen wird. 

Neben der directen Personificirung des Locals giebt es endlich 
bei Claudian eine Kategorie von Personificationen, in denen sich 
eine begriffliche Charakteristik des Landes und Volkes einzeln oder 
verbunden kund giebt oder gar alte mythologische Elemente auf- 
treten. So erscheint die Hispania in golddurchwirktem Gewände, 
Oelblätter im Haare, Gallia dagegen mit blondem Haare, torques 
und gallischen Wurfspeeren, Africa in der dunklen Farbe seiner 
Bewohner mit Aehren und Elfenbein, das oströmische Beich aber als 
Aurora, die Mutter des Memnon. Sie alle sind trotz ihrer Begriff- 
lichkeit zu so individuellen Wesen geworden, dass sie sich im Tempel 
der Göttin Roma versammeln (XSl) und selbst zum Olymp empor- 
dringen. Als charakteristisches Beispiel diene zum Schluss die Er- 
scheinung und das Auftreten der Africa in dem Gedichte über den 
Gildonischen Krieg. Gildo beherrscht seit 6 Jahren Africa. Rom 
leidet Hunger, weshsdb die Koma als ein wahres Jammerbild mate- 
riellen Elends in den Olymp gekonunen ist; sie hat dort ihre Klagen 
vorgebracht und die Götter gerührt; dann heisst es weiter (XV, 
131 ff.): 



Natarpersonificatioii in Poesie und Emut der Alten. 251 

Maerent indigetes et si quos Borna recepit 
Aut dedit ipsa deos. Genitor iam corda remitti 
Coeperat et sacrum deztra sedare tomoltam, 
Com procul insanis quatiens ululatibus axem 
Et contnsa genas mediis apparet in astris 
Africa. Bescissae vestes et spicea passim 
Serta iaeent. Lacero crinalis vertice dentis 
EfFractom pendebat ebur. Talique snperbos 
Irrnpit damore fores. 
In der Kunst erscheint die Erde abgesehen von Cult- und Votiv- 
hildem nur in den Mythen, wo sie auch schon beim Dichter als freie, 
lebensvolle Persönlichkeit gleich andern Göttern auftrat, in voller 
mensehlicher Gestalt. Ueberall, wo der Zusammenhang der Göttin 
ond des Elements dagegen festgehalten werden sollte und der grie- 
chische Dichter deshalb nur die natürliche Erde poetisch personificirte, 
wurde der Erdboden in einer aus ihm hervorragenden mütterlichen 
Gestali gewissennassen mythologisch individualisiri Es geschieht 
dieses, wie schon in der Einleitung berührt, bei Erichthoniosgeburten 
auf Vasen und andern Monumenten, femer z. B. in Gigantomachien 
auf Vasen wie am pergamenischen Altar und vermuthungsweise 
wenigstens auch in dem Phaetonsturze eines philostratischen Ge- 
mfildes (I, 11. Eayser p. 310 1. 28). Wie gefährlich es für den 
Dichter werden konnte, sich dieser der Sprache der Kunst durchaus 
angeinessenen Typik zu bedienen, hat uns oben die Tellus des Ovid 
ge&eigi- Wfthrend die Erde, wo sie mithandelnd in Mythen verflochten 
ist, demnach von den Künstlern entsprechend der poetischen Person! 
fidruDg mythologisch individualisirt wurde, findet dergleichen, wo der 
Erdboden oder einzelne Länder bloss Zeugen andrer Vorgänge wären, 
weder in der griechischen noch in der hellenistischen Epoche statt, 
da auch die Dichter dieser Perioden dieselben in diesem Falle nicht 
personificirten. Bevor wir zu den hier anders verfahrenden Bömem 
fibergehen, müssen wir die Betrachtung verschiedener Gruppen von 
Personificationen, welche sämmtlich nicht Localpersonificationen in 
unserem Sinne sind, einschalten. 

Zn den ältesten dieser Darstellungen gehören die von uns (S. 249) 
bereits kurz erwähnten der Hellas un4 Salamis. Wir erfiahren leider 
mir, dass Salamis ein Haplustre in der Hand hatte, und können 
ausserdem aas den übrigen Darstellungen an den Schranken mit 
Unlänglicher Sicherheit schliessen, dass sie stehend gebildet und 
wie alle andern Paare in eine Beziehung zu einander gesetzt waren. 
So wenig wir auf so schwache Anhaltspunkte eine sichere Folgerung 
bauen können, so wird die Annahme, es sei dargestellt gewesen, wie 
die Salamis der Hellas diesen Schiffsschmuck überreicht, doch min- 
destens eine grosse Wahrscheinlichkeit haben; sie wären dann die 
Personificationen der Bewohnerschaften, indem die Salaminier den 
Hellenen die Beute übergeben, welche das Volk von Hellas durch 



252 Adolf Getber: 

seinen Sieg an Salamis' Küsten errangen hatte, etwa in derselben 
Weise, als wenn wir die Lipsia der Germania eine französische 
BtLstung reichen Hessen. Mag man hier nun nnsrer Dentong in 
vollem umfange beistimmen oder etwa an Stelle der Bewohner- 
schafben ideelle Landespersonificationen annehmen, sicher sind Hellas 
und Salamis hier keine Localpersonificationen, denn eine Landkarte 
wollte der Künstler gewiss nicht darstellen. Ferner möchten wir 
vielleicht die Kyrene nnd Libya des Amphion zu Delphi (Paus. X, 

15, 6) und bestimmter die Hellas und Elis, welche Antigenes und 
Philippos bezw. Demetrios und Ptolemaios Lagu kränzen (ib. VI, 

16, 3; vgL auch Plin. N. H. XXXIY, 78), sowie von erhaltenen 
Werken die Asia und Hellas der Perservase (Mon. d. Inst IX, 50, 
51) als Darstellungen von Bevölkerungen in Anspruch nehmen; be- 
sonders die letzteren tragen spedell den Charakter der Völker zur 
Schau.') 

Pindarischen Landespersonificationen entsprechen dagegen die 
Nemea einer Archemoros- sowie die Thebe einiger Kadmosvasen 
(Hejdemann n. 8226. 3255; Oerhard Etr. u. Camp. Vas. t C). 
Da es nSmlich eine Bevölkerung von Nemea nicht gab und eigent- 
liche Localpersonificationen schon wegen des Stiles der Vasen, der 
nicht zu voller landschaftlicher Entwicklung kam, sondern auch in 
späterer Zeit in der Begel bei der Scheidung verschiedener Gründe 
stehen blieb, hier fem liegen, so bleibt uns zunächst bei der 
Nemea, sodann aber wegen ihrer Oleichartigkeit auch bei der Thebe 
nur mehr die Möglichkeit der Annahme von Landesgöttinnen oder 
ideellen Landespersonificationen, welche von Pindar häufig noch 
nicht unterschieden wurden. Wie bei diesem femer im siebenten 
isthmischen Liede die Thebe an allem, was in Theben geschehen 
oder von Thebanem ausgeführt war, Antheil nehmend geschildert 
wird, so ist die Nemea beim Tode des Archemoros zugegen, und 
folgt die Thebe einmal mit Pan und einmal mit dem ebenfalls durch- 
aus mythologisch als greisen Landeskönig geüusten Fluss Ismenoa 
dem Kampfe des Kadmos gegen den Drachen. 

Waren wir bei den bisher betrachteten Gestalten selten ohne 
alle Bedenken, so kann bei der zum Schlüsse zu behandelnden Kate- 
gorie von Personificationen hinsichtlich ihrer Natur ein Zweifel nicht 
obwalten, nur rücksichtiich ihrer Bedeutung im Zusammenhange der 
Qemälde ergeben sich auch hier einige Schwierigkeiten. Das erste 
Bild, welches wir zur Besprechung auswählen, stammt aus Hercu- 
laneum, die andern entnehmen wir den Philostraten. Die Arkadia 
des herculanischen Bildes (Heibig Katal. n. 1143) ist durch Bosen- 

7) Eine Vertretunf^ der Bewohnerschaft eines Landes durch die 
Hanptgöttin desselben hegt wahrscheinlich auf einem von Schoene 
(Griech. Bei. IX, 63, vgl. p. 27 f.) pnblicirten Belief vor, wo Athene 
einer durch die Inschrift KIOZ oder auch als Udos bezeichneten männ- 
lichen Qestalt gegenfibersteht 



NaimpeTflonificaiion in Poesie und Kunst der Alten. 253 

knas, Frachtkorb and Fan alfi ein blomiges, firachttragendes^ heerden- 
reiches Land bezeichnet; Thessalia, das Land der Bosse, reich an 
Korn nnd Oel, schmücken Aehren and Oelkranz and neben ihr steht 
ein FttUen (Ln. ü, 14 p. 360 I. 22 ff.); die binsenamrahmte Skyros, 
in der Oel and Wein vorzüglich gedeihen, ist dorch meerblaaes Ge- 
wand and Binsenkranz, doroh Oelzweig and Bebe charakterisirt 
(ion. 1, p. 392 1. 1 ff.); anf den Beichtham Ljdiens weist ein gold- 
dorehwirktes Gewand^) (ü, 9, p. 355 1. 16 f.) and Kalydon mit 
seinen Eichenwftldem ziert ein Eichenkranz (ian. 4, p. 397 1. 21 ff.). 
Zeigt die Tjpik demnach diese Gestalten als Personificationen von 
Lfindem mit Bflcksicht aaf ihre Prodacte, aach jetzt aber ohne Be- 
rücksichtigang der Terrainformation, welche die eigentliche Er- 
adbeinongsform eines Landes in der Wirklichkeit bedingt, so fragt 
sidi femer, wie wir dieselben im Zasammenhange der einzelnen Bil- 
der aa&a£Msen haben. Aasgeschlossen ist zanächst eine Geltang 
derselben als Localpersonificationen, da die Arkadia z. B. nicht be- 
zeichnet, dass an ihrer Stelle im Bilde das weite Land Arkadien 
liegt and aach bei den gleichzeitigen Dichtem eine poetische Personi- 
fidmng eines Landes, wo dasselbe als Landschaft Zeage von Er- 
eignissen wftre, nicht yorkommi Da femer gegen die Annahme von 
mjihologisch poetischen Landespersonificationen gleich denen, welche 
wir nach Pindars Vorgang aaf den Vasen fanden, die allza wenig 
indiTidaelle Natar der meisten Gestalten spricht — wie sollte sich z. B. 
die Arkadia mit ihrem Fmchtkorb and Pan bewegen? and wie kann 
die Thessalia die persönliche Theilnahme eines Landes zeigen, in 
einem Falle, wo sie kaum als Zaschaaerin in Betracht kommt, son- 
dern wie ein Wappen aas den feilenden Wassern aaftaacht? — so 
erledigt sich alles am einfachsten, wenn wir die Personificationen 
als bildliche Luschnften fassen, darch die deatlicher, als es darch die 
Mittel der Landschaftsmalerei geschehen konnte and in einer mehr 
ansprechenden Weise, als darch Bachstabeninschriften dem Beschaaer 
odtgetheilt warde, in welchem Lande die dargestellte Scene vor sich 
ging. Dass es aber den Malern des Hellenismas sehr dämm za than 
war, das Local der Handlang kenntlich za machen, beweisen die 
aodi wiederholt von ans heranzaziehenden, aaf dem Esqailin ge- 
fandcnen and jetzt im Vatican befindlichen Odjsseelandschaften, aaf 
denen die widbtigsten Pankte gar darch wirkliche Inschriften be- 
sondera beaeichnet sind. 

Bei den Bflmem finden wir endlich, dem entsprechend, dass die 
Poesie den Erdboden andern Ereignissen gegenüber poetisch personi- 
ficirie, anf Sarkophagen ftasserst hftafig die begriffliche Localpersoni- 
fieation, welche stets gelagert erscheint, aber bald mit diesen, bald 

S) Wir lesen mit Eayser xP^cCji ye — t({i KÖXirqj, da eine xdXmc, 
velche hier Ton Hercher coigicirt ist, als Attribut einer Landespersoni- 
ficalion nicht sa erklären ist. Aach Glaadians Hispania trägt em gold- 
dvehwirktes Qewand. 



254 Adolf Gerber: 

mit jenen Attributen versehen ist So ist der Erdboden unter den 
Rossen des Helios und der Selene auf Endymionreliefs (Jahn, Arch. 
Beitr. 51ff.)i sowie unter denjenigen des die Proserpina entflUurenden 
Pluto menschlich dargestellt. Der angeschmiedete Prometheus des 
bertthmten capitolinischen Sarkophags (MilUn, 0. M. 93, 383) stützt 
den Fuss auf das Haupt einer solchen Tellus, und in Phaethondar- 
stellungen (Wieseler, Phaethon i n. 1; Miliin, G. M. 37, 83) sitzt 
zweimal ein Berggott oberhalb derselben, ein Fall, durch den vollends 
die Ansicht derjenigen abgewiesen wird, welche hier überall die 
Göttin Erde erkennen möchten; ein Berggott auf einer Erhebung 
über einer Tellus, einer Meeres- und Flusspersonification gegenüber, 
bezeichnet einen vom ebenen Lande sich erhebenden Berg, dem 
gegenüber sich ein Fluss ins Meer ergiesst. Ob man nach Massgabe 
der einzelnen Attribute im Weiteren z. B. eine Tellus unter dem 
Wagen des Pluto als sidlisches Land oder eine andre mit Tranben 
im Haare in der Aussendung des Triptolemus (Gerhard, Ant Bildw. 
310; Brunn, Münch. Akad. Sitzb. 1875, I, p. 21 f.) deshalb als 
attisches Land bezeichnen darf, scheint bei dem schon in der Dar- 
stellung einer und derselben Scene meist durchaus willkürlichen 
Wechsel der Attribute sehr zweifelhafL Ganz vereinzelt ist endlich 
die Darstellung eines Endjmionsarkophages (Mus. Cap. IV, 29; 
Righetti 69; Jahn a. a. 0. p. 65), wo der Erdboden unter den 
Pferden nicht als Localpersonification erscheint, sondern in der hervor- 
ragenden Gestalt mythologisch individualisirt ist. 

Die begriffliche Personification der Tellus findet sich femer auch 
ganz unabhängig vom Local. Wie die Unendlichkeit in Zeit oder 
Baum durch Helios und Selene gegeben wird (Brunn, Münch. Akad. 
Sitzb. 1874, p. 13), so dient zur Bezeichnung des gesammten Erd- 
kreises die Gegenüberstellung der Bilder der Erde und des Meeres 
(Jahn a. a. 0. p. 86, Anm. 30), ganz wie Petronius (119) es in 
Worten ausdrückt: 

Orbem iam totum victor Bomanus habebat 

Qua mare, qua terrae, qua sidus currit utrumque. 

Verwandt ist auch wiederum die Geltung der Tellus und noch mehr 
die der Oikumene (ma3dmus orbis) auf dem Wiener Kamee (Miliin, 
G. M. 181. 676) und in einer Stelle des Vergil (Georg. I, 26 ff.). 
Dort befinden sich die Tellus und eine Personification des Meeres 
neben dem Throne des Augustus, wfthrend die Oikumene ihn mit 
einem Kranze schmückt, hier heisst es, dass der Erdkreis (maximus 
orbis) den apotheosirten Kaiser als Urheber der Früchte und Herr- 
scher über die Witterung mit der Myrthe krftnzen werde. Endlich 
erscheinen die begrifflichen Personificationen einzelner Lftnder be- 
sonders häufig auf den Münzen friedlicher Provinzen, die ihren Er- 
trag Bom zufliessen lassen können, während in den Darstellungen 
besiegter Provinzen, in welchen der Triumph der BOmer über die 



Natourperflonificatioii in Poesie und Eonat der Alien. 255 

Völker gefeiert wurde, die Bewohnerschaften personificirt waren. 
Db88 Land und Volk schliesslich nicht immer auseinander gehalten 
worden y zeigten die zu freien Wesen gewordenen Personificationen 
Claadians. 

Wir schliessen diesen Abschnitt mit einem Blick auf die grie- 
chischen Landesheroen. Während den homerischen Gedichten eine 
Heroenverehrong noch fremd ist, beschäftigte sich der Volksglaube 
der besten Zeiten Oriechenlands mit ihnen wie mit halbgöttlichen, 
dämomsch fortwirkenden Verstorbenen der Heldenvorzeit. Zugleich 
yennehrte sich besonders seit der hellenistischen Zeit unausgesetzt 
die Zahl der ältesten und eigentlichen Heroen ^ indem man für alle 
Ordnungen u. s. f. sie als ideale Urheber erdichtete. Man gewöhnte 
aich, wie Preller (Griech. Mjth.^ II, 6) sagt, zuletzt von allem Ezi- 
sUrenden auf einen Heros zurttckzuschliessen und nicht allein Länder 
und Städte, sondern auch die Innungen, die Dörfer pflegten ihre 
Heroen aufrustellen und als erste Urheber ihres Daseins und ihres 
Namens zu yerehren. Sind demnach die Heroen ihrer Entstehung 
and ihrer Natur nach schon durchaus verschieden vom römischen 
geniuB loci, welcher nur als das geistige Element eines bestimmten 
Locales existirt, so ist erst recht ihre Identificirung mit bestimmten 
gleichnamigen Localen abzuweisen, die nirgends bezeugt ist, und der, 
ausser der gänzlich verschiedenen Natur beider, noch Schwierigkeiten 
besonderer Art entgegenstehen. Es wird z. B. von einem Heros die 
weibliche Benennung einer Stadt, eines Flusses, eines Berges ab- 
gleitet nnd umgekehrt von einer Heroine eine männliche (Paus. I, 
38, 7; n, 2, 3; HI, 1, 2; VIII, 4, 6), es werden die Namen eines 
Berges, einer Ebene, einer Stadt, eines Flusses zu zweien und dreien 
auf einen Heros zurfickgefQhrt (ib. Vm, 3, 3; 4, 6; 21, Iff.; 24, 
1 ff.), alles Fälle, in denen es der Volksphantasie nicht möglich sein 
konnte, den Heros noch mit einem bestimmten Gegenstände zu 
identificiren. Eine letzte Bekräftigimg, wie weit in späterer Zeit 
nieht die Identificirung, sondern vielmehr die Scheidung von Heroen 
oad Local ging, bietet Pausanias in einer Stelle (H, 15, 4), wo ein 
König Inachos als Stammheros von dem Flusse Inachos geschieden 
wird. Auf die Darstellung der Landesheroen in der Kunst brauchen 
wir nicht einzugehen; wir weisen nur auf die berühmteste, den 
Jalysoe des Protogenes hin (Overb., Ani Schriftq. 1907. 1914—23. 
Bnmn, Kg. II, 234 ff.). 

Bevor wir zum Folgenden übergehen, verweilen wir einen Augen- 
Uiek bei den bis jetzt gewonnenen Resultaten. Wir fanden bisher 
keine Personification, die einer die Natur nach ihren äusseren Er^ 
Kbeinnngsfonnen in menschliche Gestalten verwandelnden Phantasie 
fltren Ursprung verdankte, vielmehr war die mütterliche Oestalt der 
Erde durch den Mythus, welcher ein dem natürlichen Verhältniss 
der Erde zum Himmel und zum Menschen adäquates Bild suchte, 
di^emgen der Länder durch die die allgemeine Mutter Erde speciaU- 

JtiBb. t cbM. FliUoL SvppL Bd. Xm. 17 



256 Adolf Gerber: 

sirende Mythologie und Poesie entstanden. Vielleicht spaltete sich 
dann etwa mn die Zeit Pindars die einheitlich mythologisch-poetische 
Personification bisweilen in eine individuell mythologische Gottheit, 
die in Sagen und Genealogien verflochten war, und eine weniger 
individuelle als ideelle Personification des Landes, und während 
eine Um- und Weiterbildung dieser letzteren zu rein begrifflichen 
Personificationen der Lftnder rttcksichtlich ihrer Bodenerzeugnisse 
fahrte, traten daneben Personificaüonen der Länder hinsichtlich ihrer 
Bewohnerschaften^ wie die Oikumene und andere, bei denen wir 
nicht bestimmt zu entscheiden wagten^ ob sie ihre Entstehung einer 
besonderen Schöpfung verdankten, oder sich aus den ursprünglichen 
mythologisch-poetischen Gestalten abzweigten. 

In nationalgriechischer Poesie erschien nur die als freie Lidivi- 
dualität in Mythen verflochtene Erde in voller menschlicher Gestalt. 
Dagegen wurden die wirkliche Erde oder ein wirkliches Land, wo sie 
im Mythus mithandelten, nur poetisch personificirt und nicht gleich 
dem homerischen Xanthos in einer menschlichen Gestalt mythologisch 
individualisirt, wo sie aber als blosses Local Zeugen anderer Vor- 
gänge waren, überhaupt nicht personificirt; nur in ideeller Weise, als 
Vaterland, nahm ein Land an den Leiden and Freuden seiner Be- 
wohner Theil. Die Bewohnerschaften sahen wir endlich unter dem 
Einflüsse der Kunstwerke erst allmählich zu festen Personificationen 
gelangen. In der Etmst kam der Erde nur im Cult und Votivbild 
sowie in den Mythen, wo sie auch schon in der Poesie freie Persön- 
lichkeit war, diie volle menschliche Gestalt zu. Dagegen entsprach 
der poetischen Personificirung der im Mythus mithandelnden wirk- 
lichen Erde ihre mythologische Individualisirung, und dem Nicht- 
vorkommen der Personificirung des Erdbodens oder der Länder als 
theilnehmender Landschaft stand ebenso das Nichtvorkommen von 
Localpersonificationen gleich, wie positiv dem mit seinen Bewohnern 
fllhlenden Vaterlande die ideellen Landespersonificationen oder Landes- 
göttinnen der Vasen. 

In der Poesie des Hellenismus sahen wir im Mythus mithandelnde 
wirkliche Länder in Nachahmung der Kunst mythologisch indivi- 
duahsirt oder gar mit Aufhebung des beharrenden Charakters des 
Locals zu freien mythologischen Wesen gemacht, wogegen der Erd- 
boden oder einzelne Länder als Landschaft an in ihrem Localbereiche 
vor sich gehenden Ereignissen auch jetzt noch nicht theilnahmen. 
Die Kunst zeigte uns hier die besondere Kategorie der begrifflichen 
Personificationen, durch welche sie deutlicher, als durch die Mittel 
der Landschaftsmalerei das Land, in welchem die dargestellte Hand- 
lung geschah, bezeichnen konnte, weshalb wir denselben die Gel- 
tung bildlicher Inschriften vindicirten, denen in der Poesie nicht 
eine Personification, sondern das denselben Begriff bezeichnende Wort 
entspricht 

Weit bedeutender als der Unterschied von Griechenthum und 



Natarpenonificatioii in Poesie und Ennst der Alten. 257 

HeUenismiis stellte sich die Abweichung der Römer heraus. Wäh- 
rend zwar bei mithandelnden Ländern, wo die Localbeziehung fest- 
gehalten, nur die mythologische Individnalisirung realistischer durch- 
geführt wurde, und wo man sie aufgegeben, nur statt ursprünglich 
mythologischer zu lebensvollen Wesen gewordene begriffliche Personi- 
ficationen eintraten, £Euiden wir bei dem Erdboden und ganzen Län- 
dern, die nur Zeugen mythologischer oder historischer Ereignisse 
waren, im Gegensatz gegen früher jetzt auch die poetische Personi- 
ficirang im weitesten Umfange; besonders verdiente es jedoch hervor- 
gehoben zu werden, dass abweichend von dem, was wir bei den 
Flfissen sehen werden; in diesem Falle wohl die Personificirong, aber 
gar nicht oder selten die Personification eintritt. Die Kunst bediente 
sich der begrifflichen Personification endlich einerseits, wo ent- 
sprechend der poetischen Personificirung der Erdboden local be- 
zeichnet und sein Antheil an einer Handlung dargestellt werden 
sollte — eine mythologische Individnalisirung war hier ganz ver- 
einzelt — andrerseits aber auch, wo überhaupt der Begriff Erde 
oder der eines bestimmten Landes bildlich auszudrücken war. 

Bei den Landesheroen betonten wir schliesslich ihre Verschieden- 
heit vom römischen genius loci, sowie besonders ihre Nichtidentität 
mit bestimmten Theilen der Erdoberfläche. Die Bezeichnung „Landes- 
nymphe^^ für die Personification eines Landes ist, um dies hier noch 
anzufügen, weil ohne Anhalt in der antiken Terminologie und weil 
zu Verwechslungen mit den ihnen völlig fremden eigentlichen 
Njmphen führend, bestimmt abzuweisen.^) 



n. 

Städte. 

Da TtöXtc und bff|üioc ebensowohl das Local, als die Bürger- 
schaft bezeichnen können, lässt sich auch bei personificirten TTÖXeic 
oder bfi|iot an beides denken. Dessenungeachtet bezeichnen die 
Stidtepersonificationen, welche uns in Kunstdarstellungen erhalten 
and, wie wir sehen werden, sicher nur mehr die Bürgerschaften, 
dn umstand, welchem das jedenfalls schon gleichzeitige Vorkommen 
Ton LSnderpersonificationen rücksichtlich der Bevölkerung durchaus 
parallel ist. Den Städtepersonificationen stehen nicht als Personi- 
ficstionen, sondern als Vertreter von Städten die Städtegottheiten 
gegenüber, sei es dass ein an erster Stelle verehrter Gott, oder ein 

9) Pind. Ol. VII, 14 bezeichnet *A€X(oio vti^qia die Rhodos als die 
jaiiffe Frau des Helios. Wenn Donner in der Uebersetsmig (v. 418) 
Ton iSih. IV, 2601 dcru xpuco6p6vou — Kupdvac von der goldthronen- 
den ,^yniphe'' Eyrene spricht, ao iflt das durchaus willkürlich. Eyrene 
irt Landesneroine und war seine Nymphe, sondern die Tochter des 
Lapiflieiikünigs Hypseus. Vgl. PyÜL IX, 18 f. 

17* 



258 Adolf Gerber: 

der Stadt gleichnamiger Heros diese Geltung hat. Obwohl demnach 
weder die Städtegottheiten noch die Städtepersonificationen Natur- 
personificationen sind, so müssen wir wegen entgegenstehender An- 
sichten doch beides mehr im Einzelnen nachweisen. Wir behandeln 
daher zuerst eine Beihe von Personificationen und darauf als Ver- 
treterin einer Stadt die Tyche von Antiochia. 

Den Demos in den Rittern des Aristophanes und den des Par- 
rhasios (Brunn, Kg. ü, 99 bes. 109 ff.) wird schon wegen ihrer 
feinen psychologischen Zeichnung Niemand fOr eine Naturpersoni- 
fication halten; wenn wir femer auch von der ErEcheinung der Demoi 
und Poleis des Eupolis sowie von der Gestaltung der Demoi des 
Aristolaos, Euphranor, Leochares und Lysen (Brunn a. a. 0. 11, p. 
154. 183. I, 387. 558) und der Gruppe, in welcher die Demoi der 
Byzantier und Perinthier den der Athener kränzten (Demosth. de 
cor. p. 256), keine eingehendere Eenntniss haben, so wird doch 
ebensowenig Jemand in ihnen Personificationen Yon Oertlichkeiten 
vermuthen dürfen. Auch über die älteren Städtedarstellungen, die 
TTÖXtc Twv 6rißaiu)V des Damophon in Messene (Paus. lY, 31, 10; 
Brunn a. a. 0. 1, 288 u. 290) und die M€T<iXTi iröXtc des Eephisodot 
und Xenophon in Megalopolis (Paus. Vin, 30, 10; Brunn a. a. 0. 
269) sowie die späteren im Festzuge Ptolemaios II (Eallizenos b. 
Athen. Y, p. 201 d ff. Overb., Ani Schnftq. n. 1990) wird uns wenig 
berichtet. Gleichwohl dürfen wir indess, was zunächst das Künstlerische 
betrifft, daraus, dass die letzteren als reichgekleidete und geschmückte 
Frauen mit goldenen Kränzen — Eorinth mit goldenem Diadem — 
atfftraten, auch für die ersteren auf eine ähnlich einfache Darstellung, 
ohne besondere äussere Attribute, schliessen, während uns hinsicht- 
lich der Bedeutung die Aufstellung der Stadt Theben neben Epami- 
nondas und die Ausdrucksweise des KaUixenos von Rhodos einen 
Anhaltspunkt gewähren. Da nicht das Land Theben, sondern viel- 
mehr die waffenflüiige Bürgerschaft yon Theben im Yerein mit ihrem 
Feldherm Messene neu gegründet hat, und Pausanias hier auch weder 
yon einer Göttin Thebe noch yon einer Tyche spricht, und da femer 
doch am besten die griechischen Bürgerschaften Alezander oder 
Ptolemaios Dank abstatten, so dürften auch hier überall wiederum 
die Bewohnerschaften personificirt sein. Aus allen übrigen Städte- 
personificationen, die uns im Original oder durch schriftliche Ueber- 
lieferung bekannt sind, empfiehlt es sich, diejenigen der puteolani- 
sehen Basis zu einer eingehenderen Erklärung heranzuziehen. Da 
wir nämlich nicht allein so glücklich sind, jede der dort dargestellten 
Städte inschriftlich bezeichnet zu finden, sondern uns obendrein so- 
wohl über die Städte selber als über den Anlass der Errichtung 
dieses Denkmals manches bekannt ist, so dürfen wir mit Recht hoffen, 
auch in das Bilduugsprincip derselben einzudringen. 

Yierzehn durch yerschiedene Erdbeben unter der Regierung des 
Tiberius zerstörte und yon diesem reichlich unterstützte Städte Klein- 



Naiarpersonification in Poesie und Ennsi der Alten. 259 

asiens errichteten ihm zum Danke beim Tempel der Venus Genetriz 
eine Colossalstatue und stellten zugleich ihre eignen Bilder im Um- 
kreis um dieselbe auf. 

Eine Nachbildung dieser Stftdtepersonificationen ist uns in unsrer 
Basis erbalten, die laut Inschrift im Jahre 784 von den Augustalen 
in Puteoli dem damals in Campanien anwesenden Kaiser gewidmet 
wurde, üeber die Genauigkeit der Nachbildung haben wir zwar 
keine sicheren Anhaltspunkte; wenn jedoch auch eine absolute Ent- 
sprechung aller Einzelheiten ausgeschlossen ist, weil die Originale 
freistehende Gestalten waren und das Princip der Anordnung an der 
Basis ein durchaus künstlerisches ist, so ist doch andrerseits die 
DarsteUung der Gestalten des Beliefs eine so charakteristische, dass 
sie uns, soweit sie erhalten sin^, wenigstens für unsem Zweck die 
Originale ersetzen. Jahn, dem wir eine ausführliche Behandlung 
dieser Bildwerke verdanken (Ber. d. Sachs. Ges. d. W. 185 J. p. 119 ff.), 
führt dieselben theils auf Gründungssagen, theils aufchare^teristische 
Eigenthttmlichkeiten der Städte, theils endlich auf beides zugleich 
zurück, ohne dabei alle Schwierigkeiten zu überwinden. Overbeck 
acfaliesst sich in seiner Geschichte der Plastik (2. Aufl. II, 363 ff.) 
im Wesentlichen Jahn an, und so sind wir denn genöthigt, die ein- 
zelnen Personificationen nochmals von unserm Gesichtspunkte aus 
zu prüfen. Zunächst einige Bemerkungen über die Mauerkrone. Da 
die Philadelpheia, Eabjra, Mostene und die Stadt der Hyrcaner sie 
jedenÜEhlls nicht haben, die meisten andern mit einem bisweilen mit 
Binden versehenen polosartigen Kopfschmuck versehen sind, und aUein 
die Hierokaisareia und vielleicht auch die Ephesos sicher eine Krone 
mit ordentlichen Zinnen tragen, so folgt daraus, dass sie kein noth- 
wendiges Attribut ist. Dass sie femer nicht die Trägerin als Per- 
sonifieation der wirklichen Stadt charakterisirt, beweist ihre Ver- 
wendung bei der Tyche und der Aphrodite auf Kjpros. Die Tyche 
and Aphrodite erscheinen dadurch vielmehr nur als iroXioCxoi Oeoi, 
Tuid ebenso darf daher auch die Personification einer Bürgerschaft, 
weil sie die Mauern beschirmt, die Mauerkrone tragen. Bei der Einzel- 
betrachtung halten wir uns nicht an die Reihenfolge der Personi- 
fieationen an der Basis, sondern beginnen mit denen, die uns 
•meai^esten Boden gewähren. Fast die Mitte der Bückseite nimmt 
die rersonification von Mjrina (Jahn a. a. 0. p. 138 ff. t. HE, 8) ein. 
Dieselbe stellt sich als eine Orakel ertheilende Priesterin des Apollo 
dtt. Den Lorbeer in der Linken lehnt sie an einem Dreifusse, auf 
dem sich der runde Aufsatz befindet, auf welchem sonst Apollo, 
Themis oder Py thia sitzen. Die Gründungssage, welche eine Amazone 
Myrina nennt, föllt hier von selbst weg; wenn wir aber erfahren, 
dass zu Mjrina das Orakel Grjneion gehörte, so erkennen wir in 
der Priesterin des Apollo ein deutliches Bild der dem Apollo die- 
nenden Bürgerschaft, wie Cicero ^^) in ganz verwandter Ausdrucks- 

10) In C. Yerrem act II, lib. IV, cap. 50, § 111: Etenim urbs iUa etc. 



260 Adolf Gerber: 

weise die Einwohnerschaft des sioilischen Henna als sacerdotes, 
aecolae atque anüstiies Cereris bezeichnet Oleich links von 
Myrina steht Kibyra (a. a. 0. p. 137 f. t. III, 7) in der Ge- 
stalt eines kühnen . zmn Kampfe gewaffheten Mildchens. Mit 
kurzem Chiton und Stiefeln bekleidet, hält sie Speer und runden 
Schild in der Linken; ein mächtiger Helm ziert ihr Haupt. Jahn 
nennt sie zwar eine Amazone, kann sich dabei indess einer- 
seits nicht verhehlen, dass eine Amazone ohne offiie Brust 
und mit grossem runden Schilde für die entsprechende Zeit un- 
gewöhnlich ist, und dass andrerseits auch gerade hier eine Gründung 
durch eine Amazone nicht überliefert ist. Nun hatte Kibyra früher 
aber ein beträchtliches Contingent an Reiterei und Fussvolk ins 
Feld gestellt und war noch die Hauptstadt eines Conventus; es ent- 
sprechen sich demnach wieder der kriegerische Charakter der Per- 
sonification und deijenige der Bürgerschaft. Dass endlich sowohl 
hier als bei der Myrina eine Erklärung der Gestalten als Personi- 
ficationen der Städte selber ausgeschlossen ist, versteht sich von 
selber. Die nächste Stelle mögen Temnos und Tmolos (p. 136 f. t 
ni, 6 u. p. 134 f. t. II, 4) einnehmen, welche beide als Jünglinge 
mit bakchischen Attributen dargestellt sind; dieser führt in der er- 
haltenen Linken den Thyrsos, in der Rechten wahrscheinlich den 
Kantharos, jener hat die Nebris und neben sich eine Weinrebe. 
Beides waren dionysische Städte d. h. in Folge ihres Weinreichthums 
Hauptsitze des Dionysoscultus. Wenn es auch an sich mögüch wäre 
in beiden Gestalten den an erster Stelle in diesen Städten verehrten 
Gott Dionysos als Vertreter derselben zu erkennen, so brauchen wir 
andrerseits auch keinen Anstand zu nehmen, hier entsprechend der 
Myrina, Aigai und Ephesos dionysische Bürgerschaften verkörpert zu 
sehen; denn dass wir für weibliche Städte — dass Temnos und 
Tmolos Feminina sind, ist von den Erklärem mitonter ausser Acht 
gelassen — männliche Bildungen finden, ist deshalb nicht aufßülig, 
weü die Bürgerschaft als bf)MOC männlich ist und man einen Jüng- 
ling mit bakchischen Attributen vielleicht für würdiger hielt als eine 
einer Bakchantin ähnliche Gestalt Ganz unrichtig ist es dagegen 
jedenfalls, wenn Purgold (Arch. Bemerk, zu Claudian u. Sidonias 
p. 12) in dem Tmolos unsrer Basis den „weintragenden l^los^^ 
personificirt sieht. Erstlich gehört kein Berg zwischen die olädte, 
dann wird, wie wir unten nachweisen, ein Berggott erst durch die 
Darstellung auf dem realen Berge charakterisirt und endlich würde 
diese Annahme ^ selbst Mls sie möglich wäre, für doi verwandten 
Tenmos nicht gelten, weil die Stadt dieses Namens nicht weit von 
Smyma liegt, das Gebirge aber weit im Innern des Landes auf der 
Grenze von Mysien und Lydien. In der Mitte der zweiten Schmal- 
seite steht Aigai (p. 149 f. t. IV, 13), eine weibliche Gestalt in 
langem überfallendem dorischen Chiton, der nur auf der linken 
Schulter befestigt die rechte Brust frei lässt. In der Linken führt 



Natorpenonifioation in Poesie und KmiBt der Alten. 261 

sie sieber den Delphin, während die Lanze in der Bechten wahr- 
scheinlich als Dreizack zu ergänzen ist. Aigai lag nicht am Meere, 
doch scheint der Poseidononlt in allen Orten dieses Namens heiinisch 
gewesen an sein. Da nun Delphin und Dreizack, weil an Meerherr- 
sehaft hier nicht zu denken ist, unbedingt auf Poseidoncultus hin- 
weiBen und da z. B. in einem Oemttlde des Ismenias (Plut vit X 
oratt p. 843 e. f. Brunn, Kg. II, 268) die üeberreichung des Drei- 
zacks geradezu die üebergabe des Priesterthums des Poseidon aus- 
drückt, so ist nach demselben Princip in der Aigai auch eine dem 
Poseidon dienende Bürgerschaft zu erkennen. 

Nachdem wir an ftlnf Gestalten dasselbe Bildungsgesetz nach- 
gewiesen haben, dürfen wir bei den engen Grenzen, die dieser Arbeit 
gesteckt sind, etwas schneller vorwärtsgehen. Philadelpheia (p. 134, 
t n, 3), ein Ort reich an Götterfesten, ist als eine fromme Stadt 
durch ome Ptiesterin gegeben; die Stadt dei^ Hjrcaner (p. 148, t. 
m, 11), deren Bürgerschaft aus Makedonem bestand, die etwa als 
Wdir gegen die Galater dort angesiedelt waren, durch eine kurz- 
bekleidete weibliche Gestalt mit makedonischem Filzhut; Mostene 
(p. 149^ t. IV, 12), ein jugendlich blühendes Mädchen mit Fruoht- 
Bchun und Blumen oder Fruchtgewinde in der gesenkten Hechten, 
bezeichnet sehr wohl eine obstausführende Stadt, wenn anders aus 
der alleinstehenden Erwähnung der MocTr)vä Kdpua bei Athenaeus 
(n, 52b.) ein solcher Schluss erlaubt ist; obwohl hier andrerseits 
udi die Annahme einer Personification der Stadt selber an sich 
locht ausgeschlossen wäre, so ist sie doch nicht nothwendig und wird 
dadurch, dass diese Auffassung bei allen übrigen Städten unmöglich 
ist, hinfUUg. Eyme (p. Id6f. 1 11, 5) hat zwar ihr charakteristisches 
Attribut yerloren, ist aber jedenfalls nicht der Gründungssage ent- 
apreehend als Amazone gebildet, sondern vielmehr der Aigai, in 
welcher wir den Poseidoncultus ausgesprochen fanden, in ihrer ganzen 
Erscheinung am Nächsten verwandt; sollte sich daher der Dreizack, 
welchen man in ihrer Hand vermuthet, wirkUch nachweisen lassen, 
würde sie ebenfalls als eine dem Poseidon ergebene und vielleicht 
zDgkieh als eine seefahrende Bürgerschaft zu erklären sein. Die 
Magnesia (p. 128, t. I, 2) ist femer zu zerstört, um sie näher be- 
mtheilen zu können, wogegen die Darstellung der Hierokaisareia 
(p. ISO t. IV, 14) zwar ziemlich wohl erhalten, die Stadt selber uns 
dafür aber zu wenig bekannt ist, als dass wir zu einem sicheren 
Sdilnsse gelangen könnten. 

Eme eingehendere Behandlung erfordern noch Sardeis, Apol- 
kmidea und Ephesos. In der Gestalt der ersteren (p. 128 ff. 1. 1, l) 
mochte Jahn mythologische Beziehungen auf einen Laodesheros 
Tjfes sehen, ohne dieselben indess nüt Bestimmtheit in Anspruch zu 
Aduoen. Gewiss würde man auch nicht anstehen, solche zuzugeben, 
wem dasselbe bei den andern Städten der Fall wäre. Da wir der- 
gleichen aber bisher nicht gefunden haben, so ist es unsre Pflicht 



262 Adolf Gerber: 

nach einer andern Erklftrong zu suchen, welche Jahn selber uns zu- 
föllig durch eine von ihm angeführte Stelle des Nonnos") an die 
Hand gibt. Dort wird Sardeis die Amme des Plutos genannt. Da 
wir nun ebenfalls bei der Tyche den Plutos so zu sagen als Attribut 
finden, so verbietet uns nichts in der vorliegenden Gruppe die Per- 
sonification des reichen Sardeis mit dem Plutosknaben anzunehmen. 
Apollonidea (p. 147, 1 1. m, 10), eigentlich ApoUonis, ist in kurzer 
Bekleidung dargestellt; das Attribut, welches sie in ihrer Rechten 
h&lt, ist unkenntlich. Auf eine Amazone, für welche Jahn die Ge- 
stalt zu halten geneigt ist, führt nichts bestimmter hin; dieselbe 
gleicht vielmehr im Allgemeinen der neben ihr stehenden Stadt der 
Hyrcaner, welche, wie wir oben gesehen haben, eine makedonische 
Colonie ist, und es erweist sich in der That eine nähere Verwandt- 
schaft beider mit Hülfe der von Jahn erwähnten (XUI, p. 625) und 
einer zweiten von ihm nicht angeführten Stelle des Strabo.^^) Ans 
der ersten Ittsst sich nämlich vermuthen, dass Apollonis wie die 
makedonische Niederlassung Thyateira an der Strasse von Pergamon 
nach Sardeis gelegen, gleich dieser ein militärisch wichtiger Punkt 
sei. Zur Gewissheit wird diese Yermuthung durch die zweite Stelle, 
wo es heisst, dass Aristonicus bei seinem Aufstande sich Thjateira's, 
Apollonis* und andrer fester Plätze bemächtigt habe. Denmach ist 
die Stadt Apollonis von Attalos und Eumenes vielleicht nicht nur 
nach ihrer Mutter Apollonia genannt, sondern auch wohl von ihnen 
befestigt; jedenfalls zeigt die Darstellung der Stadt aber auch hier 
wieder deutlich den Charakter der Bewohnerschaft. Während Eibyra 
als grösserer Waffenplatz durch ein Mädchen in voller Bewafihung 
dargestellt wurde, genügte für kleinere wehrhafte Gemeinwesen wie 
die Stadt der Hyrcaner und Apollonis ein Mädchen in kriegerischer 
Bekleidung. Am verwickeltsten ist endlich die Darstellung der Ephesos 
(p. 141 £ t ni, 9). Diese erscheint einzig als wirkliche Amazone 
mit entblösster rechter Brust; aber nicht wegen der Gründungssagen 
ist sie so dargestellt, sondern als Dienerin der Artemis. Dass der 
Dienst der Artemis der Grundgedanke der Gestalt ist, bestätigt sich 
einerseits durch das neben ihr auf einer Säule stehende Bild der 
Göttin — man erinnere sich des Dreifusses der Myrina — , andrer- 
seits vielleicht auch durch die Flammen auf ihrem Haupte, die bisher 
noch einer Erklärung bedürfen. Mit Becht verwirft Jahn die Mei- 
nung von Buüfon und Gronovius, welche darin eine Hindeatung auf 
den Tempelbrand des Herostratos sahen, und ebenso die Ansicht 
Hirts, der in denselben eine Anspielung auf die Menge der Opfer 
erkannte, von denen die Altäre der grossen Göttin täglich brannten. 



11) Dien. Xm, 467 f.: 

Kol öt TTXoOtoio Ti9/|vac 

Cdp&iac cCidibtvac (^xov) 

18) XIV, p. 646: irpdnrov in^ oOv irapcidireccv €ic Gudretpa, cIt* 
'AiroXXtuviöa £q(ev, cIt' dXXuiv iapUro qppoupiujv. 



Natarpenonificatioii in Poesie und Emisi d^r Alten. 263 

Wie jedoch, wenn in den Flammen ein Hinweis auf die Heiligkeit 
der Stadt Iftge, die sogar von sich behauptete, die Oeburtsstätte des 
Apollo nnd der Artemis (Tac. Ann. III, 61) zu haben, deren Heilig- 
ihtim in ganz Eleinasien im höchsten Ansehen stand? Es ist be- 
kannt, dass die Ghriechen seit den ftltesten Zeiten die Götter von 
einem übematflrliehen Lichtglanze tunflossen dachten. Während dies 
in der Malerei seit Alexander durch Nimbus und Strahlenkranz be- 
zeichnet wird, zwei Attribute, die immer mehr zum Ausdruck der 
Göttlichkeit Überhaupt werden, musste die statuarische Kunst den 
Nimbns als etwas ftir das Auge Beleidigendes vermeiden , und ist 
aoeh der Strahlenkranz selbst in Reliefs nur äusserst sparsam zur 
Anwendung gelangt (Stephani, Nimbus u. Strahlenkranz p. 3fif., 97, 
95). Wenn wir nun jedoch andrerseits bei Homer (£ 203 ff., 225 f., 
▼gL E 4ff.) und dann wieder bei Vergil (Aen. H, 681 ff., vgl. X, 270f.) 
den göttlichen Lichtglanz als Flammen auf dem Haupte erscheinen 
sehen, so sind wir berechtigt auch in der plastischen Kunst die 
nammen als eine weit mehr als Nimbus und Strahlenkranz den be- 
sonderen Forderungen derselben entsprechende Form des übernatür- 
lichen Lichtes zu erwarten. Dürfen wir daher die Flammen der 
Ephesos in dieser Weise erklären, so wäre durch sie der Schutz der 
Gottheit bezeichnet, in welchem die Stadt als Dienerin der berühm- 
testen Artemis steht, die Heiligkeit, welche mit Nothwendigkeit von 
der Gottheit auf ihre Priesterin übergehen muss. Aber noch zweierlei 
Attribute bleiben übrig: die Aehren und der Mohn in der Bechten 
ond die Maske unter dem linken Fusse. Erstere sind von Jahn 
Epedell auf die Fruchtbarkeit der Gegend gedeutet. Da wir bisher 
jedoch noch bei keiner Stadt mit Nothwendigkeit auf eine Darstel- 
lung des Locals hingewiesen wurden, und da auch bei der Ephesos 
selber bisher die Bürgerschaft im Vordergrunde stand, so möchten 
wir Aehren und Mohn allgemeiner auf den Beichthum der Stadt be- 
liehen, wie auch die Tjche und verwandte Gestalten ebensowohl mit 
diesem Attribute als mit dem Füllhorn xmd dem Plutosknaben dar- 
gestellt werden (vgL Plin. N. H. XXXIV, 77; Campana opp. di ant. 
plast. 16, 17; Theoer. Id. VII, 157 u. a.). Während die Maske 
selber endlich bei den Flüssen behandelt werden wird, fragt sich hier 
nur, was durch sie ausgedrückt werden soll, die Lage der Stadt am 
Flusse oder ihre Herrschaft über ihn. . Das letztere erkennt Jahn 
imd, wenn wir sehen, wie stolz die Figur den Fuss auf die Maske 
setzt, so werden wir nicht anstehen, ihm zu folgen. Fassen wir nun 
sehliesslich alles über die Ephesos Gesagte zusammen, so erkennen 
wir auch in ihr die Stadt nicht nach ihrer landschaftlichen Seite, 
s<»deni nach dem, was ihre Bürgerschaft auszeichnei 

Es dürfte hiermit dargethan sein, dass in allen Personifica- 
tiooen der Basis das verwandte Bildungsprincip, welches der gemein- 
same Anlaes der Errichtung erwarten liess, auch wirklich nachweis- 
bar ist Ohne Bezug auf Gründungssagen, sowie ohne Bücksicht auf 



264 Adolf Gerber: 

das landschaftliche Bild der Stftdte ist in ihnen das^ was die Bürger- 
schaft aus einer jeden Stadt gemacht hatte, und was demnach die 
Bürgerschaft auszeichnete, zum Ausdruck gebracht. Sie stehen also 
in der genauesten Beziehung zu den Stttdten im Festzuge des 
Ptolemaios, nur dass man sich dort mit einer allgemeinen Bezeich- 
nung begnügte, während hier nach Art der Personificationen einzelner 
bestimmter Länder die Charakterisirung ins Einzelne gehen musste, 
um die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Städte wiedeizugeben. 
Die Einzelbetrachtung griechischer Städtepersonificationen, die wir 
hier nicht weiter fortsetzen, bestätigt daher, dass das Volk, die 
Bürgerschaft es ist, was in ihnen dargestellt ist, nicht aber das Local 
Auf die Städtepersonificationen bei den Römern näher einzugehen, 
unterlassen wir; wir bemerken nur, dass sie entsprechend der unter- 
geordneten Bedeutung der Städte gegenüber den Provinzen weit 
seltener vorkommen und verweisen hinsichtlich der Boma, die theils 
als Inbegriff der Stadt Rom, theils aber auch als Inbegriff der rö- 
mischen Weltherrschaft eine ganz gesonderte Stellung einnimmt, auf 
Wissowa (De Yeneris simulacris Romanis p. 53), wo die wichtigste 
Litteratur angegeben und eine besondere Behandlung der Roma- 
bildungen in Aussicht gestellt ist. 

unter den Städtegottheiten, zu denen vielleicht auch die im 
Vorigen besprochene Athene gehört, behandeln wir allein die Tjche 
von Antiochia. Es veranlasst uns zu dieser Wahl der Umstand, dass 
sie von manchen Seiten als landschaftliches Naturbild ^') anfgeÜBisst 
wird, ünsre schriftlichen Quellen über diese Göttin sind Pausanias 
und Malalas. Ersterer gibt kurz an, Eutychides habe den Syrern 
am Orontes eine Tyche gemacht, die bei den Einheimischen in grossen 
Ehren stände (VI, 2, 7); dass die Tyche von Antiochia gemeint sei, 
erfiihren wir nicht, dass der Orontes mit dargestellt war, kann man 
höchstens aus der Ausdrucksweise vermuthen. Malalas (Chronogr. 
XI p. 200 f. u. 276 ed. Bonn. Vgl. 0. Müller, Antiq. Antioch. bes. 
p. 41, Anm. 10) berichtet andrerseits von zwei Tyohen von Antiochia, 
ohne jedoch bei einer von beiden den Namen des Künstlers zu nennen. 
Die eine, die Tyche von Antigonia ist noch zur Zeit der Seleukiden 
nach Cilicien gekommen, die andre, die von Antiochia, welche über 
dem Orontes sitzend dargestellt ist, steht dagegen fortdauernd in 
den grössten Ehren. Da ijun die bei Pausanias genannte syrische 
Tyche des Eutychides wenigstens vermuthungsweise mit dem Orontes 
dargestellt war und sicher besonderes Ansehen genoss, so Uegt es 
trotz der in letzter Zeit (Arch. Zeii 1866 p. 255 £) von Michaelis 

13) In Bezug auf die LandschaftUchkeit der Tyche ist am weitesten 
gegangen Woermann (Landschi^ in d. Kunst d. alten Völker , jp. 266), 
wenn er sagt, dass dieselbe sich „als nicht viel mehr als eine renectirte 
landschaftliche Personification*' charakterisire und dass die ganze alte 
Kunst keine Gruppe „von ähnlich bedeutendem landschaftlich plastischem 
Qehalt** auüroweisen habe. 



Natnrpersomfication in Poesie nnd Eniut der Alten. 265 

mit Beeht hervorgehobenen Bedenken doch noch immer am nttch- 
sten in der antiochenischen Tyche bei Malalas das Werk des Enty- 
ehideB za erkennen. Wenn daher die bekannte vaticanisohe Statue, 
der imsre Besprechung gilt, eine Beplik der von Malalas und Pau- 
nziias besprochnen Göttin ist, so ist es für uns werthvoll, zu con- 
statiren, dass demnach beide Schriftsteller sie nicht Antiochia, sondern 
Tjche von Antiochia nennen. 

Schon nach der Annahme Visconti*s, welcher dann auch Ottfried 
MfiUer (a. a, 0. p. 36) nnd andre beigetreten sind, sitzt die Tyche 
auf dem Berge Silpius. Vorausgesetzt, dass dieselbe wirklich die 
Penonification der Stadt sei, so müsste Antiochia bei der Errichtung 
der Tyche auch dort gelegen haben. Die Stadt wurde nun aber ur- 
sprünglich nicht nur nicht auf dem SilpiuS; sondern gerade in einiger 
&itfemung von dem sehr steilen Berge, dessen Verheerungen man 
f&ithtete, in der Ebene unmittelbar am Orontes angelegt und die 
Tyche nicht etwa später, sondern gleich bei der Gründung aufgestellt 
(Mfiller a. a. 0. p. 24 u. 27).^^) Es folgt daraus, dass die Tyche 
in keinem Falle auf dem Silpius sitzt, sondern vielmehr wahrschein- 
lieh am Ufer des Orontes, das nach neueren Beisenden ^^) ganz, wie 
wir es bei der Gruppe sehen, mitunter steil abgerissen ist, und an 
dem die Göttin auch ursprünglich ihre Aufstellung gefunden. End- 
lich werfen wir einen Blick auf die äussere Erscheinung der Tyche, 
ob dieselbe eine landschaftliche Erklärung nothwendig macht, oder 
ob sie sich aus dem Begriffe der Tyche und der Auffassung der 
alexandrinischen Zeit zur Genüge erklärt. Die Aehren — auf Münzen 
yielleicht aus besondrer Veranlassung mitunter eine Palme — 
bruchen jedenfalls nicht speciell auf den Bodenreichthum der Ge- 
gend zu gehen, sondern können allgemein als Symbol des Segens 
gelten, wie wir sie mit dem Mohn zusammen auch bei der Demeter 
und dem Bonus Eventus finden (vgl. S, 263). Das Motiv, welches 
Brunn in seiner Eünstlergeschichte (I, 412 f.) so fein schildert, zeigt 
zwar nichts von der ernsten strengen Auffassung der besten Periode, 
d&rfte aber unter apollinischen und bakchischen Darstellungen der 
Zeit hinsichtlich des Genrehaften nicht ohne Parallele sein. Wenn 
sieh demnach die Gestalt allein aus dem Begriffe der Tyche erklärt 
nnd wir nun bedenken, dass nicht die allgemeine Tyche dargestellt 
werden sollte, sondern die von Antiochia, die ihren Sitz am Orontes 
bit and an den üfem dieses Stromes waltet, so müssen wir zugeben, 

U) In die Angabe des Malalas, dass die Tyche von Antiochia gleich 
bei der Gründun^^ der Stadt •errichtet ward, iat um so weniger ein Zweifel 
ZQ Ktsen, weil ja auch die nur von 807—800 v. Chr. bestehende Stadt 
Anfigonia sefaon ihre l^dhe gehabt hatte. 

U) Richter, Wall&hrten im Morgenlande, p. 288. Derselbe be- 
nditei ngleieh, p. 281, der Berg Silpius sei so steil, dass er nie bebaut 
fGwesen seine könne; auch beweisen zahlreiche Grilber, dass derselbe 
^er Üeberliefenmg gemäss ursprünglich nicht einmal in <üe Befestigungen 
^ Stadt einbeiogen war. 



266 Adolf Gerber: 

dass ein Künstler diese Aufgabe nicht wohl feiner und geftlliger 
lösen konnte, als indem er Tyche und Fluss zu einer so schönen 
Composition verband, dass dieselbe auch für andre Städte hSufig 
nachgeahmt wurde. Bei dieser Erklärung der Gruppe bedürfen wir 
des landschaftlichen Elementes in der Tyche selber nicht. Dass im 
Flussufer etwas Landschaftliches liegt, ^drd Niemand leugnen; aber 
zu behaupten, dass die Tjche deshalb selber Landschaft sei, wäre 
dasselbe, als wenn man einen am Ufer sitzenden Fischerknaben des- 
wegen weil er dort sitzt als Landschaft bezeichnete. Die Annahme 
eines landschaftlichen Elementes in der Tyche ist vielmehr aus den 
mannigfachsten Gründen unmöglich. Die schriftlichen Quellen re- 
deten nur von einer Tyche, nie von einer Personification der Stadt, 
geschweige denn einem anthropomorphischen Naturbilde; eine Stadt 
in sanft geneigter Ebene ist noch viel weniger als eine Bergstadt 
einer sitzenden weiblichen Gestalt zu vergleichen, ja eine Phantasie, 
welche in den äusseren Erscheinungsformen der Natur mencchliche 
Gestalten sieht, ist den Griechen überhaupt fremd. Ein indisches 
Beispiel (Meghadüta Stenzler 63 ff.) wird den Gegensatz, in welchem 
nicht allein die Tyche, sondern auch die Personificationen von Län- 
dern und Städten zu anthropomorphischen Naturbildem stehen, ins 
hellste Licht stellen: 

Auf seinem (sc. des Götterberges) Schoosse, wie auf dem des 

Geliebten 
Wirst Du nicht verkennen, wenn Du sie erblickst, o Du nach 

Lust wandelnder 
66. Die Alakä (Stadt des Beichthumgottes), deren herabsinkend 

durchsichtig Kleid die Gang& (Ganges) ist, 
Die zu Deiner Zeit (L e. wenn Du kommst o Wolke) eine wasser- 
durchströmte Wolkenmasse hoch mit ihren Palästen trägt. 
Wie ein liebend Mädchen das Haar mit Perlenketten durchflochten. 

Eine derartige Anschauungsweise ist den Griechen jeder Zeit 
fremd geblieben; man bleibe daher streng bei der Benennung: Tyche 
von Antiochia. Nachdem wir bei derjenigen Stadtgottheit, die am 
meisten als Naturpersonification gegolten, den Nachweis geführt 
haben, dass sie keine solche ist, brauchen wir auf andre Städtegott- 
heiten nicht mehr einzugehen. 

m. 

Meer. 

Das Meer war seiner wechselvollen Natur gemäss sehr reich an 
Gestalten. Wir verschieben die Betrachtung der Wesen, welche dem 
späteren Meerthiasos angehören, wir meinen in erster Linie die Ne- 
reiden und Tritonen, bis wir zu den ihnen entsprechenden Nymphen 
und Satyrn kommen, und beschäftigen uns hier nur mit dem Elemente 



Nfttnipenonification in Poesie imd Kunst der Alten. 267 

selber. Eine eigentliche mythologische Personification desselben, die 
nach Art der £rde im Cnltns verehrt und als Tolle Individuaütttt in 
Sagen yerflochten wttre, scheint in nationalgriechisoher Zeit nicht 
Tonokommen. Der Pontos des Hesiod ist, wie Welcker treffend be- 
merkt, vielmehr eine kosmogonische Potenz als eine wirkliche Gott- 
beii Die Amphitrite (vgl. Welcker a. a. 0. I, 650; Nftgelsbach, 
Hom. TheoL 83) bezeichnet, der Ilias unbekannt, in der Odyssee (t 9 1 ; 
i 422; ]i 60. 97) das Meer; da jedoch alle Beiwörter, welche ihr 
gegeben werden, auf das wirkliche Meer gehen können und jeden- 
fidlB keins mit Nothwendigkeit ein menschlich gestaltetes Wesen 
TOiaussetzt, so scheint sie dort noch nicht als menschlich gestaltete 
Persfinhchkeit gedacht, während sie bei Hesiod (Theog. 243. 254. 
930 £) andrerseits wohl voller menschlicher Gestalt theilhaftig ge- 
worden ist, aber als Nereide nicht mehr das Meer personificirt. Die 
Thalassa wird femer nicht wohl vor dem Hellenismus zu einer Per- 
sonification gelangt sein, denn Thalassa als Name einer Hetaire 
(Athen. XlM, 567 c) setzt nicht voraus, dass man sich das Meer 
selber in menschlicher Gestalt dachte — statt eine Hetaire un- 
bestSttdig wie das Meer zu nennen, nannte man sie gleich Meer (vgl. 
Athen, a. a. 0. d die Elepshydra) — und auch die Angabe des 
Diodor (Y, 55), dass das Meer die Mutter der Telohinen sei, braucht 
in dieser Form keine alte rhodische Sage zu sein, sondern es waren 
die Teichinen in der &lteren Zeit vielleicht nur im Sinne der Aphro- 
dite Anadyomeme als dem Meere Entstiegene meergeboren (vgl. auch 
Pind. Bergk' Fr. 64: AfiXoc növrou Girfdriip). Während sich dem- 
uch dorchans keine Anhaltspunkte dafür finden lassen, dass die 
Thalassa in dieser Periode schon zu einer mythologischen Person 
geworden sei, ist der Okeanos in der älteren Zeit zu den Flüssen zu 
ählen. So ist er bei Homer (0 195 £; E 201 £f.; 245 f.) z. B. wie 
der Xanthoa zugleich Fluss und göttliche Person. Aischylos, welcher 
ihn im Prometheus als mythologische Person auf die Bühne bringt, 
«heiai darauf zwar an einer Stelle (299 £f.), wo er sagt, Okeanos 
habe seine im&vu^ov i^eO^a verlassen, Oott und Fluss zu scheiden; 
<lodi ist das wohl nur eine Concession an die Speculation seiner Zu- 
hörer, die den Oott auf einem greifenartigen Thiere ankommen sehen, 
^ er kaum 200 Verse vorher (v. 137 ff.) noch beide identificirt hat 
Raden wir somit in der eigentlichen griechischen Zeit keine Per- 
sonification des gesammten Meeres, so darf uns dies trotzdem kaum 
Wunder nehmen, da vielmehr das ganze Beich individueller Oott- 
heilen, welches im Meere waltete, einer solchen widerstreben musste. 
Ein Wandel tritt ein mit dem Hellenismus. Sei es, dass man 
aich zuerst gewöhnte, früher individueUe Oottheiten, wie Nereus, 
^phitrite und andre auf das Element selber zu übertragen und 
^oa entsprechend auch allgemein eine Thalassa annahm, sei es, dass 
ouD an die schaumgebome Aphrodite und Aehnliches anknüpfend 
^ Meer der Erde entsprechend zur wirklichen Mutter machte, und, 



268 Adolf Gerber: 

nachdem die PerBÖnlichkeit gescliaffen war, dann auch die Gebnrten 
vermehrte. In poetischer Personificirung finden wir die Thalassa 
zuerst bei Antipater Sidonins und Meleager von Ghidara, welche sie 
in ihren Epigrammen (Anth. Pal. Y, 180, 5; XVI, 178) als Matter 
der Aphrodite feiern, in der Kunst als Personification mit Sicherheit 
erst an der S. 242 genannten Basis des Weihgeschenks des Herodes 
Atticus in Connth, und zwar in Verbindung mit der Aphrodite. 
Während wir endlich die Zeit zweier |Statuen desselben Tempel- 
bezirkes (Paus. II, 1, 7 u. 9) nicht kennen, bietet der ältere Phi- 
lostratos (Im. II, 16 p. 363 1. 17 ff. VgL Brunn, Erst Verth. 288) 
wahrscheinlich ihrer begrifflichen Natur entsprechend ruhig gelagerte 
Personificationen der beiden Meere, welche den Isthmos bespülen. 
Abzuweisen ist es dagegen, wenn Heibig (a. a. 0. n. 1184 u. 1258) 
ein bei der Befreiung der Andromeda forteilendes Weib und auf 
einem Phrixosbilde gar eine am Ufer stehende, erstaunt und erschreckt 
die Hände erhebende Gestalt als eine Thalassa bezeichnet Denn 
erstlich könnte man, wo nur ein Meer in Betracht kommt, auch 
nur von der Thalassa spi'echen und zweitens müsste eine solche ent- 
sprechend den oben besprochenen Ländern ruhig gelagert dargestellt 
sein. Eine Philostratosstelle (Im. I, 27 p. 332 1. 26 ff.) endlich, wo 
man in T^auKÄ Tuvaia mehrere Thalassai bei einem Meere erkennen 
wollte, ist durch eine Conjectur von Eayser^^ sicher geheilt 

Da selbst in mythologischem Zusammenhange das Meer erst 
spät zu einer Personificimng und Personification gelangt zu sein 
scheint, so ist es nur natürlich, dass wir eine Personificirung oder 
Personification desselben als theilnehmender Landschaft weder in 
griechischer, noch in hellenistischer Poesie und Kunst finden. 

Bei den Bömem tritt gerade in dieser Hinsicht in der Poesie 
wieder überall die Personificirung, in der Kunst die Personification 
ein. Nereus, Doris, Thetis^^, Amphitrite gelten als Bezeichnungen 
des Mittelmeeres oder einzelner seiner Theile, während Oceanus und 
Tethys andrerseits das Weltmeer bedeuten. So spricht Claudian 
von einer Thracia Amphitrite (XXVI, 337), einer Oaetula Thetis 
(XXXIII, 149), einem mittelländischen Nereus (V, 303), aber nur 
von einem Britannus (XXIX, 40 f.) und Cantaber (70 £) Oceanus, 
einer Hispana, Oermana (XVn, 50), Hibera (XXXVI, 319 f.), Cimbrica 

16) Es ist SU lesen: Ypdcpoi bk kqI t6v 'Spunröv v€av(av £v tXoukqIc 
TUvaCoic- TÖ bi\ inX eaXdTnr) (st Td bi icvi edAarrai). Dass ifXaux^ hier 
nicht auf die Farbe geht, sondern im Sinne von OoXdcaoc, marinna steht, 
dürfte ans SchoL Theoer. VIT, 69 hervorgeben; die fX, y. sind Nereiden, 
welche auch von Statins (Silv. III, 2, 84) als glaucae sorores bezeichnet 
werden. 

17) Zu Nereus v^l. Lucan. Phars. Weber I, 654; II, 688, 713 
(Hie primum rubnit civili sanguine Nereus von einem Grfecht im Enripus) ; 
femer Statins, Silv. 11, 2, 74 f., m, 2, 16. 74. Wenn Markland Stat 
Silv. IV, 6, 18 richtig Erythraeae ThetidLs liest, wird auch das rothe 
Meer als inneres Meer noch wie das Mittelmeer behandelt 



Natnrpenonification in Poesie und Ennst der Alten. 269 

Te&ys (XXVI, 335). Der Aegaeas geräth bei dem GKgantenkampfe 
in Sehrecken (XXXVII, 117), die zorttckgeiaretene Tethys bleibt beim 
Nahen der Megaira unbeweglich stehen (III, 132 f.). Diesen Per- 
sooifieinmgen der Dichter — denn yor einer Personifioation des 
Meeres in der Natur scheute sich doch selbst der Römer — ent- 
sprechen in der Kunst folgerichtig Personificationen^ welche gleich 
der Tellus überall gebraucht wurden, wo es galt, den Begriff Meer 
oder ein locales Meer bezw. Meerlocal bildlich darzustellen. Ersteres 
hat auf dem Wiener Eameo statt, während letzteres am häufigsten 
auf Sarkophagen Torkommt. Wir finden hier, stets gelagert, sowohl 
weibliche als männliche Gestalten und einige Male auch beide zu- 
gleich (Gerhard A. B. 39); bisweilen dient ihnen ein Delphin oder 
Seedraehe (Gerh. a. a. 0. Wieseler a. a. 0. Clarac M. d. sc. pL 210) 
smr beetimmteren Charakterisirung, da Meer und Fluss sich so nahe 
stehen y dass ohne ein solches Kennzeichen eine bestimmte Ent- 
aeheidnng oft nicht zu geben ist. Mit Unrecht macht deshalb Foerster 
(Baab u. Bückkehr der Persephone p. 160 ff.) eine solche männliche 
Meerespersonifieation mit Seedrachen zur P^sonification des sonst 
gaas unbekannten kleinen Sees Pergus (Ovid Met. V, 385 ff.). Ab- 
gesehen davon, dass wir bei einem so kleinen Gewässer yiel eher 
eine Nymphe erwarten müssten, ist man bei diesen Nebenfiguren; 
die in den Darstellungen derselben Scene (vgl. unten) beliebig 
wechseln, auch gar nicht berechtigt, mythologische (Gelehrsamkeit 
anxawenden. Was endlich die Benennung der Meeresdarstellungen 
auf Sarkophagen betrifft, so dürfte die Bezeichnung Oceanus, welche, 
wie wir sahen, in der Kegel nur vom Weltmeer gebraucht wird, in 
mythologischen Darstellungen, die doch meist am Mittelmeer locali- 
airft sind, nicht zutreffend sein. Es kann vielmehr, da Bezeichnungen 
wie Tyrrhenus, Hatria, Aegaeus zu speciell erscheinen, eine männ- 
Ijehe Gestalt am besten Nereus genannt werden, während bei den 
weiblichen die Wahl zwischen Doris, Thetis und Amphitrite schwer 
flmi. lieber eine blosse Maske zur Andeutung des Meeres wird 
unter den Flüssen gehandelt werden. 



IV. 

Flflsse und Quellen. 

Nicht minder als der mütterliche Erdboden ist auch das lautere 
quellende und rinnende Wasser dem kindlichen Menschen heilig, sei 
eSy dass er es unmittelbar verehrt, sei es, dass er an eine Gottheit glaubt, 
die in dem Flusse oder in der Quelle waltet. Dem Griechen sind 
Flnss und Quelle an sich heilig, der Bömer scheidet auch hier, wie 
wir sehen werden, ein Geistiges, welches er verehrt, von der Materie, 

Der Zanthos des Homer spricht (0213) zwar dv^pi €lcd^€V0C 
aus dem tiefen Strudel, sagt aber gleichzeitig (v. 217) Ü i}iid€V 



270 Adolf Gerber: 

y' dXdcac Trebiov xdia ^^p^epa ^^€; in der hesiodischen Theogonie 
(y. 337 — 370) sind die wirklichen Flüsse und Quellen die Kinder 
des Okeanos und der Tethys; im zweiten homerischen Hymnus (v. 
66 ff.) unterredet sich Apollo mit der Quelle Telphusa in ihrer natür- 
lichen Gestalt. Bei Aischylos (Sept. 273 ff.) werden den Quellen 
der Dirke und den Wassern des Ismenos Opfer gelobt, die Danaiden 
wollen d^e argivischen Flüsse, welche nährenden Trank durchs Land 
ergiessen, durch Hyntnen feiern (Suppl. 1027 ff.), des Pleistos' Quellen 
werden in den Eumeniden (v. 27 f.) neben der Kraft des Poseidon 
angerufen. Bei Euripides (Troad. 205 f.) wird die Peirene ein hehres 
Wasser genannt, Ströme mit ihren Quellen sind heilig (Med. 410, 
846) und Krathis nährt und beglückt durch göttliche Quellen ein 
an trefflichen MSnnem reiches Land (Troad. 228 f.). Noch Theocrit 
(Id. Ym, 33 ff.) l&sst den Menalkas, der für seine Lämmer Gedeihen 
wünscht, neben den Thälem das göttliche Geschlecht der Flüsse an- 
rufen. Fluss und Flusspersonification sind demnach identisch, beide 
werden ö TroTajiöc genannt, und es ist deshalb unsre Bezeichnung 
„Flussgott*\ mit der wir die Vorstellung eines Gottes des Flusses 
(Gcöc ToO TTOTafioC) zu verbinden geneigt sind, auf griechischem 
Gebiete nur mit Vorsicht zu gebrauchen oder lieber ganz zu yer- 
meiden. 

Bevor wir näher auf das Verhältniss von Fluss und Fluss- 
personification eingehen, werfen wir einen Blick auf die Entstehung 
der letzteren. Nicht dadurch, dass der Mensch in der äusseren Er- 
scheinungsform der Flüsse menschliche Gestalten erkannte — es 
findet sich kein Beispiel, dass ein Fluss in der Natur einer mensch- 
lichen Gestalt verglichen wäre, und Aelian^^) hebt, da ihm der wahre 
Grund verborgen, mit Becht den Gegensatz zwischen dem natürlichen 
Flusse und seiner Darstellung durch einen Menschen oder Stier her- 
vor — sondern dadurch, dass man für die nährende befruchtende 
Kraft des Stromes einen wesensgleichen Ausdruck suchte, wurden 
die Flüsse zu väterlichen Gottheiten, denen die Quellen als weibliche 
hilfreich zur Seite stehen. Ebenso sahen die Griechen in den Flüssen 
nicht wirkliche Stiere, Eber oder Widder, sondern nur die Wesens- 
gleichheit Hess sie solche Benennungen wählen, und die Wesens- 
ähnlichkeit des wilden und doch wieder zeugenden und befruchtenden 
Stieres mit dem brausenden imd befruchtenden Strome erschien ihnen 
als eine so grosse, dass der Stier nicht ein dem Gultus angehöriges 
natursjmbolisches Bild blieb, sondern stiergestaltige Flüsse als volle 
individuelle Persönlichkeiten in Mythen eingeführt wurden. 

Die Identität des natürlichen Flusses und de&uFlusses als einer 
menschlichen Gestalt, die als volle mythologische Individualität in 

18) Var Eist. II, 33: Tf|v tCöv iroTa^uiv 9ÖCIV, Kai xd ^^Gpa a^p-nX^v 
6p<Xl^€V' ö|iiuc bä ol TtjuiXrvTCC aöroOc koI t& dT^X^ara aOnZiv ^pYa26^6vol 
ol ^^v dv6pumofiöp<pouc aCtroOc löpikavTo, ot bi ßodrv cTboc aörotc irc- 
pi^eiixav. 



Natoxpenonification in Poesie und Kunst der Alton. 271 

die mannigfachsten Sagen yerflocbten wurde, konnte nur in einer 
kindlichen und aller Beflezion entbehrenden Zeit gleich der homeri- 
schen Bestand haben. Dort ist der Xanthos natürlicher Floss und 
geht doch gleichwohl zur Oötterversammlung (Y 7, 40), dazu wird 
er in einem Falle, wo er als natürlicher Fluss mithandelnd am 
Kampfe gegen die Griechen theilnimmt, in einer aus ihm hervor- 
ragenden menschlichen Gestalt mythologisch individualisirt (s. p. 269). 
Poseidon wohnt der Tyro in der menschlichen Gestalt des Flusses 
Enipeus, der als bei weitem der schönste der Flüsse auf der Erde 
hinströmt, in dessen Mündung bei (X 235 ff.), auch der Okeanos wird 
bald als Strom bald als menschengestaltiges Wesen gedacht (4> 195 ff., 
£ 201 ff., 245 f.). Der Dichter beschreibt uns keinen dieser Vor- 
ginge genauer, noch erklärt er, wie es möglich war, dass ein Fluss 
bald in seiner menschlichen, bald in seiner natürlichen Gestalt er- 
scheinen konnte. Die Götter sind bei ihm so freie Persönlichkeiten, 
so durchaus an keine bestimmte Gestalt gebunden , dass er einfach 
glaabt^ und auch wir nach keinem Warum fragen dürfen, sondern 
mit ihm glauben müssen. Sobald man jedoch mit der Speculation 
an dieses YerhUtniss yon Fluss und Flusspersonification herantrat, 
mnsste man entweder zu einer natürlichen Erklärung der Mjthen 
gelangen, oder bewusst oder unbewusst die mythologische Gi9stalt 
Ton dem natürlichen Flusse trennen. So wird im Bhesos des Euri- 
pides (y. 348 ff., 919 f.) erzählt, dass eine Muse, während sie den 
Strymon durchschwimmt, von fiesem befruchtet wird, indem der- 
selbe ihr ubpo€i5r)C beiwohnt, wie auch in einem Fragment des 
Chairemon (Athen. II, 43 c) das Wasser der Körper des Flusses ge- 
nannt wird. Andrerseits dachten die Griechen beim Acheloos, der 
gegen Herakles kämpft, bald nicht mehr an den natürlichen Strom, 
und, wie Pausanias (11, 15, 5) uns berichtet, schieden in Argos 
später manche von dem Flusse Inachos, der ursprünglich sicher auch 
der Vater der ältesten Geschlechter gewesen, einen besonderen 
Stammesheros Inachos, nach dem dann erst der Fluss seinen Namen 
erhalten haben sollte. 

Obwohl wir schon manche der auf die Flüsse bezüglichen 
IKehterstellen berührt haben, müssen wir doch die Behandlung, 
welche der Fluss im Zusammenhange der Landschaft in der Poesie 
erfthrt, nochmals ganz specieU ins Auge fassen. Während die Hias 
den Xanthos als mithandelnde Person noch mythologisch individuali- 
sirt, spricht die Quelle Telphusa im homerischen Hymnus in ihrer 
aaatarl ic hen Gestalt, also nur mehi* poetisch personificirt, mit dem 
ApoUo. Da femer im Bhesos gar an die Stelle eines in einer mytho« 
k)giBchen Handlung begriffenen Flusses der natürliche Fluss gesetzt 
wird, so darf es um so weniger auffallen, dass ein Fluss dort, wo 
er bloss der Zeuge einer in seiner Nähe vor sich gehenden Hand- 
lang seine würde, weder jemals als Personification noch auch nur 
poetisch personificirt erscheint, sondern höchstens als landschaftlicher 

JakA. 1 elMS. PlüoL SappL Bd. XUJL 18 



272 Adolf Gerber: 

Hintergrund erwähnt oder nneigentlich pereonificirt wird. Denn, 
wenn bei der Anknnffc des Apollo in Delphi in einem Gedichte des 
Alkaios (Bergk^ Fr. 2) der kastalische Quell leuchtender floss und 
der Eephisos seine Wellen höher hob, so liegt darin nur eine Be- 
seelung zur Hebung der Majestät des Gottes, und wenn Aias (Soph. 
Aj. 862 f.) von den troischen Quellen und Flttssen Abschied nimmt, 
so hat ebenfalls nur das statt, was wir in der Einleitung uneigent- 
liche Personificirung genannt haben. Hätte ein Künstler bei dem 
Tode des Aias etwa trauernde Flüsse dargestellt, so wäre die rührende 
Wirkung, welche gerade die Abschieds werte an die Natur haben, 
zerstört, und besonders hätte er dadurch, dass er an den Flüssen 
Affecte darstellte, etwas gethan, was ihm sein Vorbild nicht darbot 
und der Volksanschauung deshalb auch nicht entsprach. Der grie- 
chische Dichter schildert uns noch nicht, wie die Landschaft am 
Menschen Antheil nimmt, sondern nur, wie der Mensch in der Er- 
regung das an sich Leblose menschlich beseelt 

Der Hellenismus geht einmal in dieser Beziehung, sodann aber 
auch in einer ganz andern Richtung einen Schritt weiter. Bion (Id. 
1, 31 ff.) dichtet, dass die Flüsse das Unglück, welches die Aphrodite 
durch den Tod des Adonis betroffen hat, beweinen, und dass andre 
Theile der Natur in andrer Weise ihren Schmerz äussern. Liegt 
darin den Griechen gegenüber eine bedeutende Abweichung, so ist 
gleichwohl auch der Unterschied von der römischen Poesie hier noch 
ein doppelter. Erstlich findet nämlich die Schilderung einer solchen 
Theilnahme im Idylle seltener statt, und zweitens lehnt sich die Art 
der Theilnahme noch an das Wesen der Naturgegenstände an. Der 
Wiederhall der Adonisklage in Bergen und Wäldern wird zum be- 
wussten Wehruf, in dem Fliessen der Quellen und Flüsse erkennt 
der Dichter Thr&ien der Trauer, die Farbenveränderung der Blumen 
ist ein Rothwerden vor Schmerz; natürliche Vorgänge werden mit 
zartem poetischen Empfinden zu willkürlichen Gefühlsäusserungen. 

Durchaus andere Neuerungen zeigt der Hellenismus in der 
künstelnden Behandlung der Mythen durch einen Kallimachos. Wo 
derselbe in dem schon berührten delischen Hjrmnus die Länder and 
alles, was in ihnen ist, fliehen lässt und somit die Beharrlichkeit der 
Localitäten aufgehoben hat, setzt er auch die m3rthologischen Flnss* 
und Quellpersonificationen an die Stelle der wirklichen Flüsse und 
Quellen (v. 75 ff.) und der unmittelbar zur Leto in Beziehung ge- 
setzte Peneios ist zum Theil als natürlicher Fluss poetisch personi- 
ficirt, und zum Theil nach Art des homerischen Xanthos im Kampfe 
mit Achill mythologisch indiyidualisirt (y. 11 2 ff.). Auch hier gehen 
die Römer weit über die Alexandriner hinaus, indem sie selbst bei 
Ereignissen der Geschichte und Gegenwart an die Stelle der land- 
schaftlichen Flüsse die Personificationen oder Gottheiten derselben 
seteen. 

Wenn wir uns jetzt vollständig den ROmem zuwenden, so gilt 



KatarpCTBonificatioii in Poesie und Ennst der Alten. 273 

68 wie bei den Griecben zonlUshst das Verhftltniss des sogenannten 
Flossgottes zum Flusse ans der Poesie festzustellen. Während bei 
letzteren beide identisch waren, trennen erstere in der Regel ganz 
bestimmt einen Flnssgott und eine Quellnjmphe von den GewKssem, 
in denen sie herrschen. Bei Vergil (Aen. Vlil, 31 u. 66 f.) taucht 
der Tibennus als deus ipse loci aus dem Wasser empor und sucht 
oachher wieder die Tiefe ^^), femer haben viele Flttsse einen eignen 
Palast mit Hofstaaten in der Tiefe ihrer Gewässer (so der Tiber 
Claad. I, 265 ; vgl XXXVI, 5) und besonders charakteristisch ist die 
QoeUe Cyane bei Ovid (Met V, 425 ff. u. 465 ff., vgl. 485 ff.). Die 
Göttin dieser Quelle löst sich nämlich aus Trauer und Gekränktheit 
m die Wellen auf, deren Göttui sie noch soeben gewesen, sodass die 
Ceres, als sie an die Cyane kommt, von ihr keine Auskunft mehr 
über ihre Tochter erhalten kann. Sollte jedoch noch jemand daran 
zweifeln, dass die Auffassung der Flüsse in der ursprünglichen rö- 
mischen Volksanschauung von der in der giiechischen in dem Sinne 
Terschieden ist, dass die Griechen den Fluss selber personificirten, 
die Bömer aber einen Gott im Flusse annahmen, so sei er auf die 
Yerwandlungssagen beider Völker hingewiesen. Die griechische 
irethnsa wird eine Quelle (Paus. V, 7, 2 u. a.), der Hirt Selemnos 
in Achaja zum Flusse gleichen Namens (ib. VU, 23, 1 f.); der ita- 
lische Epidins dagegen ein Flussgott im Samus (Suetou. de rhet. 4), 
die Dia zur Gemahlin des Tiberinus (Her. Garm. I, 2, 17 ff.), der 
Hyhtt noch bei Yalerius Flaccus (Arg. I, 21 8 f.) zum Gotte einer 
Quelle. Bei der Macht der griechischen Vorstellungen, welche manche 
eigenthflmlich italischen ganz erstickten oder wenigstens veränderten, 
ist es indess nicht wunderbar, dass auch bei römischen Dichtem 
Quell- und Flusspersonificationen vorkommen, und dass es Fälle 
giebt, wo man schwer entscheiden kann, welche Auffassung dem 
Dichter vorschwebte, oder solche, wo derselbe geradezu von der einen 
in die andre übergeht Beispiele für Personificationen sind der 
Alphens und die Arethusa bei Ovid (Met. V, 632 ff.), eine mytholo- 
giiche Individualisirung ist der Voltumus des Statins (Silv. IV, 3, 
S7C), ein Schwanken zwischen der Gottheit und Personification 
emet Flusses zeigt endlich der Achelous des ersteren Dichters. Zu- 
Dlehat lädt er den Thesens und seine Begleiter in seine Gemächer, 
weQ der Strom zu stark angeschwoUen sei, um passirbar zu sein 
(Met Vm, 649 ff.), dann ist er in seinen Beden mit dem Strome 
identiseh (v. 582 £L) und schliesslich verbirgt er seine bäurischen 
Zöge wieder in den Wellen (IK, 96 f.). 

. Zuerst wird uns jetzt die äussere Erscheinung der Personi- 
fiettionen und Gottiieiten beschäftigen; darauf die Frage, inwieweit 
der Dichter dieselben benutzt, um durch sie die Landschaft mensch- 

19) Vgl. ib. 72: Tuqne, o Thjbri tue cum flnmine sancto. Serv. 
*d e. l.: Adesto Tiberine cum tnis undis. Enniua: Macrobius Sat. VI, 
1 p. 499 Jan: Teque pater Tiberine tao cum flumine sancto veneror 

18» 



274 Adolf Gerber: 

lieh belebt und theilnebinend darzustellen. Während die griechischen 
Flüsse echt göttliche Wesen waren, sind die römischen mit allen 
Znflllligkeiten menschlicher Organismen oder überhaupt realer Dinge 
behaftet. Wenn eine solche Gestalt aus den Wassern emportaucht, 
so trieft ihr schüfumkr&nztes Haar (Claud. XXYIH, 162 f.), die 
Homer des eisigen Hebrus sind grau vor Kälte (ib. XX, 164 f.) und 
der Tiber des Claudian (I, 216 fr.) gleicht, wie er daliegt, vielmehr 
einer Marmorstatue, über die Jahrzehnte hindurch ein Bach herab- 
geflossen, als einem lebendigen menschlichen Wesen. Auf seinem 
Haupte wuchert gleichaltriges Schilf undurchdringlich fCLr Wind und 
Sonne; die wilde Stirn lässt Begen ausströmen; dumpf murmelnde 
Bäche schwitzen seine Homer, der Bart löst sich auf in Wellen; von 
krausem Grase ist sein Hals umwuchert und Wasser träufelt über 
seine Brust herab. Diesem Tiber, in dem Mensch und Fluss in 
einander übergehen, vergleiche man den Phasis des jüngeren Philo- 
Stratos (8. Eayser II, p. 402 1. 20 ff.), als Gegenstück des Hebrus 
mag der Skamandros seines älteren Verwandten (1, 1, p. 296 1. 23ff.) 
wegen seiner versengten Haare gelten. Wenn die Hörner auch in 
der Kunst weit seltener zu sein scheinen, so ist doch nicht eine 
grosse Wirkung von Seiten der Tjpik der Kunstwerke auf die 
Phantasie der Dichter in Abrede zu stellen. Von dort stammt der 
Schilf- bezw. Weiden- (Ov. Met. IX, 99) oder Pappelkranz (Claud. 
XXVin, 163 f.), von dort auch die Palla (ib. v. 165) und besonders 
die Urne (ib. v. 168) und das recubare (Stat. Silv. I, 3, 74) der 
Flüsse. Obwohl nämlich die Urne, wie wir später sehen werden, 
zum begrifflichen Ausdrucke der durch den Fluss bewirkten Be- 
wässerung dient, und demnach die Personificationen mit diesem 
Attribute rein begrifflich sind, so werden doch diese begrifflichen 
Personificationen als lebendige Persönlichkeiten unter die mytholo- 
gischen aufgenommen; es konnte dies bei den Römern um so 
weniger Schwierigkeit machen, weil sie gewohnt waren einen Fluss- 
gott vom Flusse zu scheiden, und die Urne ihnen daher leicht als 
die Quelle des Stromes galt, die der Gott bald sanfter und bald 
stärker strömen zu lassen vermochte. Sowenig also die TJme an sich 
Anstoss erregt, so unpoetisch ist es gleichwohl, wenn Claudian den 
Eridanus mit seiner Urne mitten aus dem Flusse hervortauchen lässt, 
eine Stelle, die wir theUs aus diesem Grunde, besonders aber um 
eine ausfühi'liche Schilderung eines solchen spätrömischen Flussgottes 
zu geben, hier mittheilen. 

XXVin, 159: nie caput plaaidis sublime fluentis 
Eztulit et totis lucem spargentia ripis 
Aurea roranti micuerunt comua vultu. 
Non illi madidum vulgaris harundine crinem 
Velat bonos. Band caput umbravere virentes 
Heliadum totisque fluunt electra capiUis, 



NatnrperBoiiification in Poesie und Knust der Alten. 275 

Palla tegit latos nmeros cnrraque patemo 
Intextus Pha^thon glaucos incendit amictns, 
Fultaque sab gremio caelatis nobilis astris 
Aetheremn probat nma decus. 

Solche Gottheiten nnd Personificationen gebrauchen nun die rö- 
mischen Dichter und unter ihnen besonders Statins und Claudian 
nicht nur, wo sie die Theilnahme eines Flusses an mythologischen 
oder historischen Ereignissen schildern, sondern wo sie nur über- 
haupt Flüsse und Quellen nennen. Statins sagt zur Verherrlichung 
der tiburtinischen Villa des Manlius Vopisous:' 

SÜY. I, 3, 74. nia recubet Tiberinus in umbra 
niic sulphnreos cupit Albula mergere crines. 

Derselbe Dichter geht auch bisweilen von der Vorstellung des Fluss- 
goties in die des wirklichen Flusses über: 

ibid. y. 70. Illis ipse antris Anienus fönte relicto 

Nocte 8ub arcana glaucos ezutus amictus 
Huc illuc fragili prostemit pectora musco, 
Aut ingens in stagna cadit vitreasque natatu 
Plaudit aquas, 

ja er spricht sogar auf den blossen Gleichklang der Worte hin von 
den Njmphen oder Gefährtinnen der Satjm, wo er die njmphae «» 
Wasser meint und redet die Wasser, welche zum Bade des Claudius 
Etruscus strömen, in folgender Weise an: 

ibid. I, 5, 15: Ite, deae virides, liquidosque advertite vultus 
Et vitreum teneris crinem redimite corymbis, 
Veste nihil tectae, quales emergitis altis 
Fontibus et yisu Satjros torquetis amantis. 

Am häufigsten bedient sich die Poesie jedoch endlich der Personifica- 
tionen, der Gottheiten und Personificirungen um die Theilnahme einer 
Landschaft zu schildern. Bei Valerius Flaccus (Arg. I, 106; II, 537) 
schauen die Flüsse mit erhobenen Hörnern neben Nymphen und 
Faunen der Argo nach und sind bei der Tödtung des Meerungeheuers 
sm troischen Gestade mit der IdKischen Mutter und ihrem Chore 
»uimmengestelli Statins (s.p. 273) Iftsst den Voltumus eine lange 
Bede halten, wie er nach Erbauung der via Domitiana die Ehre habe, 
ein gebildeter Fluss zu sein (amnis esse coepi), kein Dichter aber 
sebaltet mit den Flüssen so frei als Claudian. Der Hermus freut 
sich der bakchischen Feier seiner Nymphen und iSsst die üme reich- 
licher strömen (XXXV, 69 f.); der Cephisus bricht sein Schilf in der 
Trauer um den Naroissus (ib. 136); der Eridanus frohlockt über 
die Niederlage des Alarich; er und seine Collegen, die ligurischen 
and Tenetischen Flüsse laden das Vieh zur Weide und rufen den 
P^ die Dryaden und Faune zurück (XXVlll, 178 ff., bes. 198 ff.); 



276 -^dolf Gerber: 

der BhenuB lässt aus Angst vor der Megaera seine Urne fallen (III, 
133); der Tiber, derselbe, welcher auf seinem Lager hingestreckt 
einem überwachsenen und überströmten Marmorbilde glich, fordert 
die italischen Flüsse aus Anlass eines Doppelconsulats in derselben 
Familie zum Festmahl in seinen Eönigspalast und bringt dabei den 
Göttern Spenden dar (I, 247 f.); zugleich einen Flussgott und eine 
Personificirung der Wellen zeigt endlich der Hebrus: 

XX, 164: Comua cana gelu mirautibus extulit undis. 

In der Kunst zeigen die Flüsse eine Entwicklung, welche der 
des Dionysos eigenthümlioh nahe verwandt ist. Aelter als die mensch- 
liche Gestalt wird hier wie dort die Stierbildung sein, beim Dionysos 
ganz, bei den Flüssen, wie wir sahen, zum Theil ein symbolischer 
Ausdruck der befruchtenden Wirkung. Die Darstellungen des grössten 
griechischen Flusses Acheloos, dessen Name zugleich lange eine all- 
gemeine Bezeichnung für einen Fluss oder Süsswasser schlechthin 
geblieben ist (vgl. Wissowa, De Macrob. Sat. fönt. 45 f.), zeigen die 
mannigfachsten Verbindungen von Stier- und Menschenkörper. ^) 
Der Wasserstrom, welcher ihm hier und da auf Yasenbildem und 
Münzen und auch wohl jedenfalls nach künstlerischem Vorgänge bei 
Sophokles aus Mimd oder Bart hervorbricht, deutet dabei nicht auf 
eine Trennung von Flussgott und Fluss, die ungriechisch sein würde, 
sondern beruht vielmehr auf der künstlerischen Typik, welche einer 
Unterscheidung von andern Stiergestalten bedurfte ; denselben Zweck 
erfüllen die Wellen, welche grossgriechische Münzen mitunter unter 
dem Flussstiere zeigen. Eine besondere Hervorhebung verdient hier 
noch eine von Brunn (Arch. Zeit. 1874, p. 112 ff.) gewiss mit Recht 
auf den Acheloos bezogene ausserordentlich feine Wiener Bronze; in 
dem durchbohrenden Blicke ihres Auges findet nicht mehr die be- 
fruchtende Wirkung eines Flusses, sondern die wild zu Thale tobende 
Gewalt eines Bergstromes den feinsten symbolischen Ausdruck. Da 
ein stiergestaltiger Fluss nur im Cultus oder, wie im letzten Falle, 
rein begrifflich, niemals aber als Localpersonification vorkommen 
dürfte, so wenden wir uns am Schlüsse dieses Abschnitts kurz zu 
den gehörnten Flnss-Masken. Wie Jahn (Ber. d. sächs. Ges. d. W. 
1851, p. 144 f.) ausführt, beruhen dieselben eben wie die Verwen- 
dung von andern Köpfen bei Wasserspeiern in der Architektur und 
an natürlichen Quellen auf der allgemeinen Vorstellung, dass das 
Wasser einer Quelle oder eines Flusses aus einem Munde oder Rachen 
hervorkäme. Sie dienten entweder als Cultussymbol, wie auf einem 
Votivrelief von Megara (Wieseler, Abh. d. kgl. Ges. d. W. zu Göt- 

20) Jahn, Arch. Zeit. 1862 p. 313 ff. u. 329 ff. t. 167 u. 168 gibt zu- 

fleioh Nachweise bezüglich andrer Publicationen; andre stiergestaltige 
lüsse 8. bei Aelian a. a. 0., dazu: Eur. Iph. Aul. 276: *AX(p€Öc raupö- 
irouc. Die Erklämoffen des stiergestalteten Adielous, welche^dae Scholion 
Trach. 13 gibt, sind meist werthlos. 



Natarpenonificatioii in Poesie und Kunst der Alten. 277 

tingen B. ZX), oder zur Bezeichnung des Begriffes Fluss, so bei 
der Ephesus der puteolanischen Basis (s. p. 263), oder sie waren rein 
deoorativ. Bei den Masken der Meergötter, die wir hier anschliessend 
treten endlich zur Differenzirung mitunter Krebsscheeren an die Stelle 
der H5mer, eine Verbindung, die künstlerisch durchaus organisch 
erscheint, aber eine tiefere Bedeutung, wie sie bei den Hörnern vor- 
handen war, vermissen lässt. 

Den bisher betrachteten Bildungen von Flüssen steht dem Ur- 
sprünge nach wahrscheinlich jünger, aber doch schon früh die 
menschliche gegenüber. Auf die unbestritten mythologischen Dar- 
stellungen, die uns nur durch schriftliche üeberlieferung bekannt 
sind, — 68 sei z. B. an den Asopos in einer olympischen Statuen- 
gmppe, welche die Entführung der Aigina durch den Zeus darstellte, 
erinnert (Paus. V, 22, 6, vgl 24, 7 u. IX, 39, 3) — gehen wir 
nicht näher ein, eine um so aufmerksamere Betrachtung verdienen 
dag^en die drei ältesten uns erhaltenen Flüsse, wir meinen den 
Alpheios und Eladeos^^) im Yordergiebel des olympischen Zeus- 
tempels sowie den sogenannten Eephisos des Parthenon. Alle sind 
in den Giebelecken gelagert dargestellt; während aber jene bei nor- 
maler Körperbildung nur in den Köpfen einen recht bäurischen Aus- 
druck haben, zeigt der Kephisos^*) in Gestalt und Gewandung so 
fltlssige Formen, dass eine Einwirkung des Anblicks des natürlichen 
Flaues auf die Phantasie des Künstlers nicht in Abrede gestellt 
werden kann« Es besteht nun die schwierige Frage, ob demnach 
diese Flüsse und zwar besonders der letztere noch mythologische 
Individualitäten oder nur mehr Localpersomficationen sind, ob sie 
als freie göttliche Persönlichkeiten zugegen sind, oder ob sie zeigen, 
da« wir uns die Composition des Giebels auf beiden Seiten durch 
das Wasser eines Flusses abgeschlossen zu denken haben. Die Ent- 
scheidung dürfte, obwohl die Abwesenheit von Localpersomficationen 
M Polygnot schon von vornherein auch hier gegen solche spricht, 
bei der Poesie liegen. Wenn die Dichter dieser Periode ans bei 
ähnlichen Ereignissen, wie dem Wettfahren des Pelops und Oinomaos 
oder dem Streite der beiden Götter ums attische Land schilderten, 
wie die umgebende Natur und namentlich die Flüsse aufrnerksamen 
Aatheil nehmen, stände einer Deutung des Kephisos als Localper- 
sonification nichts im Wege. Es ist aber, wie wir oben gesehen 
haben, in der Poesie das Gegentheil der Fall. Es folgt daraus, dass 
diese Erklärung nicht haltbar und zur mythologischen zurückzu- 



tl) Pansaaias (V, 10, 7) hält, wie ans den Worten: lix€i H ical ic 
ta 4AXa nop* 'HAchuv tim&c iroTafiOlv ^idXicra ^etd t^ *AX<p€iöv hervor- 
geht, den Kladeoa des Giebels für den mythologischen Flussgott und 
nicht f3r eine blosse Localbezeichnung. 

tt) Michaelis, Parthenon p. 192 f. — Eine Andeutung wirklichen 
Waaen dfixfte nicht irorhanden sein. Die Wellenbewegung der Rück- 
seite scheint dem Gewände anzugehören. 



278 Adolf Gerber: 

kehren ist, bei der sich uns keine Schwierigkeiten entgegenstellen. 
Dass bei wichtigen Ereignissen in der Götterwelt auch die Flüsse 
als Götter zugegen sind, zeigt noch Homer, der sie alle zur Götter- 
Versammlung entbieten l&sst, und gerade die Anschauungen Homers 
bestrebte sich Phidias für das Auge in prachtvollen Bildern festzu- 
stellen (Welcker, Gr. Götterl. II, 107). Wie nun aber endlich im 
Bhesos der natürliche Fluss rationalistischer Weise an die Stelle des 
Gottes gesetzt wird, so musste es einem Künstler noch viel mehr 
erlaubt sein zu einer formalen Charakteristik des mythologischen 
Gottes das Flüssige vonf natürlichen Flussp zu entlehnen. Vom 
Eurotas des Eutychides (Plin. N. H. XXXIV, 78 n. AnthoL Pal. JX, 
709), in welchem das ubpoeib^c, wie ich es nach Euripides nennen 
möchte, zum vollendetsten Ausdrucke gelangt zu sein scheint, wissen 
wir zu wenig, um zu entscheiden, ob er mythologisch oder local zu 
fassen war. Der Orontes desselben Künstlers (s. o. p. 264 ff.), welcher 
durch wirkliche Wellen und eine aus denselben hervorragende Ge- 
stalt charakterisirt ist, dürfte nicht einfach localbegriff lieh bezeichnen, 
dass die Tyche am Wasser sitzt, sondern es scheint vielmehr in 
mythologischer Weise die Huldigung des Flusses an die Göttin, 
welche an seinem Ufer Sitz und Herrschaft hat, dargestellt zu sein. 
Wo die FluBspersonification zu deinem Bilde für den Begriff Fluss 
geworden war, begnügte man sich nicht mehr mit der besprochenen 
Typik; man hob das Wesen des Flusses im Allgemeinen durch be- 
sondere Attribute hervor und suchte ausserdem, wie die einzelnen 
Länder, auch die einzelnen Flüsse in der tnannigfachsten Weise zu 
differenziren. um das Fliessen und die Bew&sserung des Landes 
anzudeuten, erhSlt die Personifioation die Urne, je nachdem der 
natürliche Fluss von Pinien, Weiden oder Pappeln beschattet oder 
von Schilf umkränzt und bedeckt ist, schmückt sie ein Schilfkranz 
oder Schilf in der Hand bezw. ein Kranz aus dem Laube jener 
Bäume; die Schiffbarkeit bezeichnet' ein Steuerruder. Weitere Attri- 
bute sind nirgends zahlreicher vertreten als am Nil, dem bedeutend- 
sten Strome der antiken Welt (im Vatioan: Glarac M. d. sc 748, 
1813). Sechszehn Knaben, die ihn umspielen, bedeuten die Ellen, 
welche er steigen kann, Füllhorn, Aehren und Papyrus den Segen, 
den er durch die Knaben über Aegypten ausgiesst; Sphinx und Kro- 
kodil bezeichnen ihn endlich als aegyptischen Strom. Nach ähn- 
lichen Grundsätzen ist auch der Tiber des Louvre geschaffen (a. a. 
0. 176, 254 u. 338, 1818): Derselbe ist durch die Wölfin mit den 
Kindern kenntlich gemacht und besonders der umstand, dass er das 
Füllhorn hält, als habe er es empfangen, lässt die Vennuthung 
Brauns^) wahrscheinlich erscheinen, dass er geradezu als Gegen- 
stück des Nil componirt sei, damit durch die Vereinigung beider 



28) Museum und Ruinen Borns p. 129; vgl. bes. eine Münze mit 
Tiber und Nil: Eckhel D. N. IV p. 69. 



Natoxpenonificatioii in Poesie und Ennst der Alten. 279 

FMtte die (Jetreideversorgung Borns durch Aegypten plastisch dar- 
gestellt werde. Oemeinsam iet endlich dem Nil und Tiber die Dar- 
Btellnng des realen Flusses an der Basis. Obwohl dadurch eine Art 
Doppeldarstellnng entsteht, indem einmal der Flnss als Begriff und 
andrerseits die Andeutung des wirklichen Flusses vorhanden ist, so 
konnte doch die antike Empfindung hier desto weniger daran Anstoss 
nehmen, weil die realistische Darstellung der Personification völlig 
notargeordnet erscheini 

Nachdem wir das Prindp, nach welchem die begriffliche Per- 
sonification eines bestimmten Flusses gebildet wird, kennen gelernt 
haben, braachen wir auf einzelne statuarische Werke, seien sie nun 
begrifflich oder mythologisch, ^cht weiter einzugehen, weil sie in 
ihrer Vereinzelung uns über das Verhalten der Flüsse zu andern 
Ereignissen keine Aufschlüsse geben können. Eine genauere Be- 
sprechung widmen wir dagegen den Personificationen von Flüssen 
and Quellen in der hellenistischen Malerei und römischen Sarkophag- 
büdaerei und gehen bei ersteren, da es an charakteristischen Ori- 
ginalen fehlt, von den Beschreibungen der Philostrate aus. Aus der 
grossen Zahl von (Gestalten, welche diese uns darbieten, scheiden 
wir zunftchst den Acheloos, den Eridanos und Alpheios sowie die 
Qnellnjmphen des Hippoljtosbildes aus. Der Acheloos (Jun. 4) ist 
rein mythologisch und individuell und ausser Zusammenhang mit 
einem bestinimten LocaL Der Eridanos und Alpheios (I, 11 p. 311 1. 
31 f. u. 17 p. 320 1. 7 f.), welche aus den Wellen hervorragende 
Gestalten zeigen, geben sich, wenn sie auch erst in den spftteren 
Formen der Sage in dieser Weise mithandelnd auftreten, als mytho- 
logieeh individualisirt kund wie bei Homer der Xanthos im Kampfe 
mit dem Achill. Die Quellen mit den aus ihnen hervorragenden, 
venigstens nach den Worten des Bhetors mit römischem Realismus 
dttgestellten Nymphen sind, obwohl sie nicht mithandeln, sondern 
nor theilnehmende Landschaft sind, ebenso behandelt (Ü^ 4 p. 345, 
Ll8ff.). 

Ganz andrer Art und zwar rein begrifflicher Natur sind die 
flbrigen Personificationen, unter denen wir noch wiederum den Nil 
(I, 6) von nnerer Betrachtung ausschliessen, weil er keiner grösseren 
littdschafUichen Herstellung angehört und deshalb nur von secundttrem 
Werthe für uns ist. Denen, die dann übrig bleiben — wir rechnen 
anch den Skamandros zu ihnen, da ein Hervorragen aus dem bren- 
nenden Strome doch wohl vom Bhetor hervorgehoben wSre, und die 
▼erwandten Darstellungen der niasminiaturen**) den Fluss sitzend 
zeigen — scheint zunächst gemeinsam tö ic dtKUiva (vgl. p. 360, 
19), also die gelagerte Stellung eigen zu sein; nur unbedeutende 
Abweichungen sind es, wenn der Skamandros sitzt, oder der Xanthos 



U) A.Mai, Homeri Iliados pictorae antiquae ex codice Mediolanensi 
bibliotkecae Ambrosianae t. 53. YgL Woermann a. a. 0. p. 299 f. 



280 Adolf Gerber: 

des jüngeren Philostratos (10, p. 405 1. 5) KardKCirai ^aXXov fj 
dvecTT]K€. Von ganz besonderem Interesse ist es dann zu verfolgen, 
wie die Künstler durch weitere Mittel die einzelnen Personificationen 
als diejenigen bestimmter Flüsse charakterisirt haben. Das erste 
Moment ist die Gestalt selber, die uns zwar nicht oft erwähnt wird, 
aber doch dort, wo sie beschrieben, von Wichtigkeit ist Der Wein- 
fluss der Andrier (I, 26, p. 330 L 7) ist äKparoc Kai dpTWV tö eiboc, 
der Meles (II, 8, p. 351 1. 21 ff.) irapexöjüievoc elboc äßpdv kqi 
p€ipaKiiüb€C Kai oäb^ £co<pov; der Phasis (Jun. 8, p. 402 1. 21 ff.) 
iy ßXocupip Tip eibei — KOjüifi ycip d)Li9iXaq>f|c aurtp Kai dvecrnKuia 
Y€V€idc T€ UTToqppiTTOuca Kai TXauKiuivrec öipOaXjuioi. Das Nächste 
ist sodann die Art der Hervorbringnng des Wassers. Das Gewöhn- 
liche scheint die Urne gewesen zu sein (tö ^eOjLia) dnö KäXmboc 
dKX€Öfji€VOV, $Tr€p oiJv etiüöev (vgl p. 402 I. 24 f.), doch finden sich 
auch fein berechnete Abweichungen. Der Meles (p. 351 L 27) ritzt 
als kleines poetisches^FIüsschen nur mit den Fingerspitzen den Boden, 
dem gewaltigen Phasis (a. a. 0. 1. 25 f.), den wir zum Tiber des 
Claudian in Parallele setzten, quillt das Wasser aus dem ganzen 
Körper hervor, wozu als künstlerisches Analogen die Meerwesen, an 
welchen das herabrinnende Wasser plastisch ausgedrückt ist, zu 
stellen sind. Dass der Zanthos (a. a. 0. 1. 6 f.) durch seinen Fuss 
die Quelle regelt, wie dass dem Nil ein besonderer Tajüiiac (p. 301 
1. 15 ff.) gesetzt ist, ist für die begriffliche Charakterisirung von 
geringem Belang. Das wichtigste Charakteristicum ist endlich das 
Lager, auf dem die Gestalten ruhen. Der Weingott liegt auf Trauben 
und Tjrsosstäbe wachsen neben seiner Quelle (a. a. 0. 1. 6 f.); der 
Meles hat Safran, Hjakinthen und XuiTÖc (a. a. 0. 1. 20 f.); der ihm 
benachbarte Xanthos ruht auf Pflanzen, unter denen sich neben 
Binsen und Schilf ebenfalls wieder Xurröc findet (a. a. 0. 1. 4 f.), 
wogegen der Phasis in dichtem Böhricht liegt (a. a. 0. 1. 21). Durch 
die Beschaffenheit der Gestalt, die Art der Hervorbringung des 
Wassers und die Gewächse des Lagers ist demnach der Phasis als 
wasserreicher, schilfumkränzter Strom im Barbarenlande charakterisirt, 
der Xanthos muss desswegen ein binsen- und lotosreicher mittel- 
grosser Fluss im westlichen Eleinasien oder Lakedaimon^) sein, der 
Meles ein sich durch blumige Auen schlängelndes poetisches Flüss- 
chen in denselben Gegenden; ebenso ist endlich die ungewöhnliche 
Natur des Flusses auf Andres vollauf charakterisirt. 

Wenn auch die begriffliche Durchbildung dieser Kategorie von 
Personificationen schon an sich eine Geltung derselben als Fluss- 
götter d: h. als Verkörperungen des geistigen Elements der gleich- 
falls real dargestellten Flüsse ausschliessen muss, so stellen wir 
trotzdem noch die Frage nach der Möglichkeit einer solchen Auf- 

26) XuiTÖc ist nach Pape Wörterbuch' eine um Sparta und in der 
Gegend von Troja wildwachsende Eleeart, die besonders an Fluasufern 
una in feuchten Niederungen wuchs. 



Natorpersonification in Poesie und Kunst der Alten. 281 

fassnng. Die Philostrate brauchen für die Personificationen niemals 
die Beteichnong Oeöc in dem Sinne, wie Vergil den Tiberinus deus 
nennt; das Einzige, was man für eine derartige Geltung derselben 
anfilhren könnte, ist, dass die beiden Bhetoren in einigen Fällen dem 
Flnssbilde auch Spuren individueller Empfindung vindiciren, so dem 
Nil (I, 6, p. 300, 24 f.), dem Meles (II, 8, p. 351, 21) und dem 
Peneios (II, 14, p. 360, 18), und wenn sie im Laufe ihrer Beschrei- 
bongen vom realen Flusse zum menschlich gestalteten konmien, je 
einmal ö irora^öc auröc sagen (11, 8, p. 351 1. 20 u. Jun. 8, p. 402 1. 
20 f., vgL I, 1, p. 296 1. 22 f.). Dass hierauf jedoch kein weiterer 
Werth SU legen ist, geht daraus hervor, dass sie hftufig in einem 
Sfttze ganz unvermittelt von einem zum andern übergeheji, dass im 
Bilde des Meles die Eretheis sich nicht bei dem menschlich dar- 
gestellten, sondern an dem realen Flusse in Liebessehnsucht ver- 
lehrt (p. 351 1. 15 ff.) und auch der reale, nicht der personificii*te 
sie wieder liebt (ib. 1. 18 f.); ja es ist in der Beschreibung des Phi- 
lostmtos die Personification des Meles so unpersönlich, dass die 
Kretheis sie aberhanpt gar nicht sieht (ib. 1. 28 ff.). Nachdem wir 
somit festgestellt haben, dass einerseits die menschlichen Gestalten 
nieht nur nicht als vom Flusse getrennte Flussgötter empfanden 
wurden, sondern gar in einem Falle, wo der Fluss im Mythus mit- 
handelt, nicht die Personification, sondern der reale Fluss das Fer- 
«(hüiche ist, und nachdem wir femer schon vorher dargethan, dass 
dorch die Tjpik der Personificationen eine so vollständige Charakte- 
ristik des Flusses gegeben wurde, wie der Maler sie nie durch die 
Darstellung der realen Landschaft allein erreichen konnte, tragen 
wir kein Bedenken, diesen Personificationen, eben wie wir es p. 263 
bei den LSndem gethan haben, in erster Linie die Bedeutung bild- 
licher Inschriften zu vindiciren. Dass den Etinstlem des Hellenismus 
aber soldie Personificationen in der Bedeutung von bildlichen In- 
iehriflen zur Bezeichnung des Locales willkommen waren, beruht, 
wie oben schon angedeutet, auf ihrer ganzen Richtung, dass sie nicht 
Bo lehr eine ideaUsirende Wiedergabe wirklicher Landschaften er- 
strebten, als eine möglichst deutliche Bezeichnung der Oertlichkeiten, 
welche ihnen von Wichtigkeit schienen. So ist auch auf dem ersten 
Lfistiygonenbilde der vaticanischen Odjsseelandschaften der Qudle 
Artakia die Quellpersonification und ausserdem noch die Inschrift 
KPHNH beigefügt, um den Beschauer sicher wissen zu lassen, dass 
^ Wasser im Vordergrunde nicht irgend ein Fluss oder Sumpf, 
fiondem die bei Homer (k 107 f.) genannte Quelle ist. 

Wenn wir schon den römischen Dichter die Flüsse als theil- 
aebmende Landschaft nicht nur poetisch personifidren, sondern auch 
dorch Flnssgötter beleben und durch Flusspersonifioationen ersetzen 
eahen, so kann es uns selbstverständlich erscheinen, dass Fluss- und 
QüeUpersonificationen bezw. Gottheiten ebenfalls in den Werken der 
Koost ftosserst zahlreich in derselben Bedeutung vorkommen. Die 



282 Adolf Gerber: 

Aeneasciste (Mon. deir Inst. Vlll, 8) zeigt den schilfreichen Numicus 
mit einem Schilfbündel im Arm und daneben die Quelle Jutuma und 
einen Silen als Quellgott, am zahlreichsten sind aber derartige Ge- 
stalten, den specifisch italischen Quellsilen ausgenommen, in den 
mythologischen Darstellungen der Sarkophage und in den historischen 
Reliefs der Triumphbögen und Siegessäulen. In den erstgenannten 
Monumenten sind die mftnnlichen und eine Gattung der weiblichen 
fast nur in der uns schon bekannten Weise mit der Urne unter dem 
aufgestützten Arme oder auf dem Knie gelagert und jene meist 
mit der den Oberkörper vom frei lassenden Palla, diese meist voll 
bekleidet dargestellt; bärtige und jugendliche, männliche und weib- 
liche wechseln bei der schablonenhaften Ausführung dieser Beliefs 
in den Darstellungen derselben Scene, sodass wir uns also davor zu 
hüten haben, in der Erklärung von Sarkophagen bei bärtigen im 
Mythus etwa nach grossen Strömen zu suchen, bei jugendlichen 
männlichen nach kleineren Flüssen oder bei weiblichen nach Quellen. 
Während wir in allen diesen Gestalten entsprechend ihrer von den 
Griechen entlehnten Typik lieber rein begriffliche Personificationen, 
als wiederum zu lebensvollen, individuellen Gottheiten gewordene 
erkennen, erscheinen andrerseits einige zum Theil nach schönen 
griechischen Vorbildern geschaffene Gruppen von Nymphen auf Paris- 
und Endymionsarkophagen'^ so individuell, dass wir sie nicht als 
personificirte Quellen, sondern als von freien Nymphen wohl nicht 
zu scheidende Quellgöttinnen bezeichnen. 

Aus den Darstellungen auf historischen Monumenten heben wir 
zum Schluss den Danubius der Trajansäule (Fröhner, La colonne 
Trajane pl. 31 u. t. lY, pL 1) und den Tiber vom Constantinsbogen 
(Bartoli et Bellori Vet. arc. t. 46) hervor. An jener ist der reale 
Fluss mit einer aus den Wellen hervorragenden bärtigen schilf- 
bekränzten Gestalt dargestellt Obwohl hier demnach eine mytho- 
logische Individualisirung des Locales nach griechischer Weise vor- 
liegen könnte, so ziehen wir es bei dem specifisch römischen Charakter 
des ganzen Monumentes doch vor, hier den aus den Tiefen seiner 
Wasser emporgetauchten Strom gott Danubius zu sehen, wie dem 
Aeneas bei Yergil der Flussgott Tiberinus erscheint. Wie die Dar- 
stellung des Danubius demnach keine Vermischung der Flusspersoni- 
fication mit dem materiellen Elemente ist, wie Purgold (a. a. O. 
p. 41 f.) will, so können wir auch den Tiber des Constantinsbogen 
nicht mit diesem Gelehrten als eine theilweise Auflösung der Fluss- 



26) 0. Jahn, Arch. Beitr. p. 64; Gerhard, Ant. Bildw. 36, 88, 89; 
Braun, Ant. Marmorw. I, 8; Glarac mus. de sc. 165, 78; verbeck, 
Heroengallerie XI, 5 u. p. 240 f. Ann. d. Inst. XI, H. Beispiele sitzen- 
der Flüsse bieten, um dies hier noch nachzutragen, ausser den Tliasnii- 
niaturen pompejanische Wandgemälde, hadrianische Münzen (Mus. Sancl. 
numism. sei. t. XX, 187 u. 189), sowie die Gestalt eines Prometheus- 
sarkopbages (Clarac M. d. sc. 216), welche bisher als Beiggott gedeutet. 



Naiorpenionificaiion in Poesie and Eonst der Alten. 283 

peisonificaiion in Wasser betrachten, müssen aber nichts desto we- 
niger in ihm ein yerstSndnissloses Werk aus der Zeit des Verfalles 
erkennen. Während nämlich sonst ein Flnss entweder durch eine 
gelagerte Gestalt mit üxne, oder durch einen aus natürlichen Wellen 
heryorragenden Flussgott bezeichnet wird, ist hier beides vermischt 
und der gelagerte Tiber mit seiner Urne mitten in den realen Strom 
hineingelegt, wie wir oben bei Claudian den Eridanus mit Urne aus 
seineii Wassern auftauchen sahen. Ebenso wichtig, als die Eigen- 
tfaflmlichkeiten der Typik des Danubius und des Tiber bleibt uns 
endlich gerade der Umstand, dass beide den Antheil, welchen die 
Landschaft an einem historischen Ereigniss, hier an dem römischen 
Donanübergang, dort an der Niederlage des Maxentius nimmt, be- 
sBogen. 

Fassen wir jetzt die Beobachtungen, welche wir bei den Flüssen 
and Quellen gemacht haben, kurz zusammen, so ist zunächst zu con- 
siatiren, dass die mythologische Personification bei den Griechen hier 
wiederum nicht auf dem Wege einer die Natur formen menschlich 
gestaltenden Phantasie, sondern aus einer Anschauungsweise der 
Katar entstanden ist, die sich für alles, was sie verehrte, aus mensch- 
liehen Verhältnissen ein Bild entaiahm, welches bald nicht mehr als 
Bild empfunden wurde, sondern sich im Glauben des Volkes als 
ebenso wirklich darstellte, als der Fluss in der Natur; ja selbst das 
Symbol des Stieres war nicht aus der äusseren Aehnlichkeit seiner 
Gestalt mit derjenigen des Flusses, sondern aus der Wesensähnlich- 
keit beider genommen, und wurde als volle Individualität in Mythen 
verflochten. Während bei Homer noch die mythologische Fluss- 
personification und der wirkliche Fluss durch die Zwischenstufe des 
mythologisch individualisirten realen Flusses in einander übergehn, 
bleibt nachher die menschliche Gestalt allein der Sage, wogegen der 
wirkliche Fluss immer nur in seiner natürlichen Gestalt vom Dich- 
ter geschildert und verehrt wird. Man war soweit entfernt, dem 
natürlichen Flusse menschliche Gestalt zu verleihen, dass selbst im 
Mythna der wirkliche Fluss an die Stelle der Personification gesetzt 
würde, und man gewöhnte sich andrerseits so sehr an die Trennung 
der mythologischen Person von dem natürlichen Flusse, dass sich 
dieselbe sogar in einem besonderen Stammesheros ganz ablösen konnte. 
Eine Personificatiov oder auch nur poetische Personificirung eines 
Flnssea als theilnehmender Landschaft blieb endlich der griechischen 
Periode fremd. In der Kunst erschienen sie, wo sie freie mytholo- 
gische Personen waren, natürlich in voller menschlicher Bildung bezw. 
als Süere oder Stiermenschen, und wir erkannten auch in denen des 
ol^pischen Zenstempels und des Parthenons nicht Localpersoni- 
ficaüonen, sondern mythologische Gestalten, weil weder ein polygne - 
tisdies Gremälde, noch die Vasen — diese allerdings zum Theü aus 
stilistischen Gründen — Localpersonificationen zeigten, und die gleich- 
Mtige Poesie überhaupt deren Annahme verbot. 



284 Adolf Gerber: 

Während sich hinsichtlich der in3rthologi8chen Flüsse in der 
Poesie des Hellenismus keine Veränderung zeigte, gab das Idyll die 
ersten Beispiele poetischer Personificirung der Flüsse als theil- 
nehmender Landschaft. Die Kunst individualisirte daher nicht nur 
die als Mithandelnde in Oötter- oder Heroensagen verflochtenen re- 
alen Flüsse in hervorragenden Gestalten, was schon Homer gethao, 
sondern that dasselbe auch bei den Quellen, die nur Zeugen des 
Unterganges des Hippolytos waren. Das durch die Hinzufügung der 
Urne oder andrer Attribute entstehende Bild für den Begriff Fhiss 
konnte schliesslich, solange man seiner unpersönlichen Natur ein- 
gedenk war, wohl als bildliche Inschrift, nicht aber als theilnehmende 
Localpersonification verwandt werden, weshalb wir dasselbe bei den 
Philostraten auch wesentlich in jener Geltung fanden. 

Die Römer stellten sich auch hier wieder ganz anders. Ab- 
gesehen davon, dass bei ihnen wahrscheinlich nach älterer italischer 
Auffassung Fluss und Flussgott meistens getrennt sind, spricht der 
Dichter von mythologischen Gestalten, wo er wirkliche Flüsse und 
Quellen schildert, und verwendet zum Ausdruck der Theilnahme des 
natürlichen Flusses im Gegensatz zu dem, was .wir bei Ländern und 
Meeren beobachtet, noch häufiger die Personification oder die Gott* 
heit, als die poetische Personificirung. Der Künstler gebrauchte 
andrerseits zur Darstellung des Locals überhaupt, wie zur Darstel- 
lung eines theilnehmenden oder mythologisch mithandelnden Locals 
vorzugsweise die begrifflichen Personificationen, die dadurch so sehr 
einen ihnen ursprünglich nicht zukommenden, persönlichen Charakter 
erhalten^ dass ein späterer Dichter wie Claudian sie zu individuellen 
Wesen macht, während sich in der Beschreibung der Philostrate 
nur die ersten Spuren einer solchen Geltung zeigten. 



V. 

Nymphen, Nereiden, Silene, Satyrn, Pane, Fanne, 

Tritonen etc. 

Alle hier genannten Naturwesen unterscheiden sich von den 
bisher betrachteten dadurch, dass sie niemals Looalpersonificationen 
sind, dagegen andern Ereignissen gegenüber miühnter eine Stelluog 
gleich derjenigen des Chores in der Tragödie oder im Satyrspiel 
einnehmen und in seltenen Fällen auch als blosse landschaftliche 
StafßEige ein Local bezeichnen. Von sehr verschiedenen Ausgangs- 
punkten erlangen sie in später Zeit schliesslich eine gewisse Gleich- 
werthigkeit in ihrer Verwendung. Wir verfolgen sie zuerst einzeln 
durch die Poesie. 

Das Wort vu)Liq)r) ist von so allgemeiner Bedeutung, dass es 
nicht nur Göttinnen wie der Thoosa (Od. a 71) oder der Ealypso 
(c 14) zu Theil wird, sondern sogar die Penelope (b 743) von der 



NatozpenoDification in Poesie and Eanst der Alten. 285 

Eorykleia noch so angeredet wird. Wir wollen nnter Nymphen nur 
diejenigen Wesen verstanden wissen, welche von Homer, seien sie 
nan vu^(pai vntdbec, Kprivaiai, öp€CTidb€C, oder Bewohnerinnen 
schöner Haine, Flussqnellen oder grasreicher Auen, alle die gemein- 
same Bezeichnung der KoOpai Aiöc alTiöxoto erhalten. Meist walten 
sie an den Orten , nach denen sie genannt sind^ und besonders ihr 
Leben in wasserreichen Grotten wird vom Dichter phantasievoll aus- 
gemalt (vgl V 103 ff.). Dort haben sie ihre Tanzplfttze und Sitze, 
dort stehen ihre steinernen Mischkrüge und Amphoren, dort weben 
^ie auf steinernen Webstühlen wunderbare meerpurpume Gewänder. 
Sie jagen femer mit der Artemis, der Göttin der W&lder (l 102 ff.); 
Bergnymphen lassen Ulmen wachsen um das Grab des Eetion rZ419f.), 
udere senden dem Odysseus gnttdig Wild von den Bergen (t 154 f.); 
ja hie und da naht, wie andre Göttinnen, auch 'mal eine Nymphe in 
nehtbarer Gestalt einem Sterblichen, sich ihm in Liebe zu verbinden 
(Z21 ff.). Mit Opfer und Gebeten werden sie geehrt (v 349; 355 ff. 
p 240 ff.) und mit allen andern Göttern zur Versammlung in den 
Olymp entboten (Y 8 f.). Wie endlich die homerischen Götter die 
freisten Persönlichkeiten sind, insofern sie an keine bestimmte, den 
Menschen sichtbare Gestalt gebunden sind, so erscheint sogar in der 
guzen Handlung der Ilias und Odyssee niemals eine Nymphe körper- 
lidi sichtbar, geschweige denn als landschaftliche Staffage, und ob- 
wohl der Dichter den Odysseus seine Schätze in der Grotte der 
Nymphen verbergen Iftsst, sieht jener doch nicht etwa die Nymphen 
V 366 ff.). Die homerischen Nymphen führen also, um sie kurz zu 
ebarakterisiren, den Menschen in der Regel unsichtbar, ein sich selbst 
geaflgendes, göttliches Leben; nur als göttliche Wesen schenken sie 
dam und wann den Menschen gnadig ihre göttliche Theilnahme 
(TgL NSgelsb. a. a. 0. 91 f.). Denselben Charakter bewahren sie 
bei den Tragikern (Aesch. Eum. 22 f. Soph. Phil. 724lf. Eur. El. 
785 f.), wo sie ebensowenig als Bestandtheil einer Naturschilderung 
vorkommen.^ Hinsichtlich der MeXiai der hesiodischen Theogonie 
»wie andrer 9720 mal so lange als ein Mensch lebenden Nymphen 
M Hesiod, oder der mit gleichaltrigen Bftumen hinwelkenden im 
iMMBerisehen Hynmus auf die Aphrodite, bei Pindar und anderswo 



27) Ein eigenthümlicher Irrthum ist Lehrs P. A. p. 122 passirt, 
venn er ans .^rist. aves 10971: x&pL&Ciu b* iy KofXoic dvrpotc NOfiq>aic 
<)ipcittc cufiiraiZtuv — Subjeot sind die Vögel -- folgert, dass die 
^jHB^ien, wenn der griechische Winter es räthlioh mache, in schützen- 
^ Grotten ihre Eursweil suchen. Es gehen ja nicht die Nymphen zu 
^ VOgeln, sondern die Vögel fliehen vor dem Winter zu den Nymphen 
.rgl Ä^h. Eum. 23). Es bleibt auch so immer ein leichter Zug von 
gmehafter Anfifaesung der Nymphen darin, dass man sie mit den Vö^^ln, 
^eren winterlicher Aufenthalt m ein Oeheimniss gehAllt war, spielen 
iiMi, et fehlt aber durchaus eine so realistische und nur bei den Römern 
(Hör. a IV, 7y 6 f.) mögliehe Auffassung, dass es den Nymphen im 
Winter n kalt sei 



286 Adolf Qerber: 

sei auf Lehrs' Populäre Aufsätze 2. Aufl. p. 114 ff. verwiesen, aus 
denen besonders das hervorzuheben ist, dass die physische Verbindung 
einer Nymphe mit einem Baume sehr spät ist; „dass durch Einhauen 
in einen solchen Baum die Nymphe selbst verwundet werde und 
deshalb gar Blut aus dem Baume fliesst, scheint erst dem Scharf- 
sinne des Ovid anzugehören.^' Unsere besondere Aufinerksamkeit 
verdienen dagegen wieder die Nymphen bei Apollonios Bhodios, und 
zwar nicht so sehr, weil sie noch ausführlicher nach Oertlichkeiten 
eingetheüt sind — es giebt dort auch vuM<P<)(i ^Xeiovöfioi und Xei- 
fiuividbec — als weil sie ihrem veränderten Wesen nach eine ganz 
andere Stellung einnehmen. Wenn die Nymphen auch nach wie vor 
mit der Artemis jagen (m, 821 ff.) und sich nächtlicher Weile von 
allen Seiten her versammeln, sie mit Gesängen zu feiern (I, 1221 ff.\ 
so ist doch ein Eber der Schrecken der Sumpfnymphen (Arg. K, 821), 
die Nymphen des Pelion folgen vom Gipfel ihres Berges staunenden 
Blickes der Argo (I, 549 f.), Waldnymphen beweinen den Tod der 
Kleite imd nennen die Quelle, welche aus ihren Thränen entsteht, 
nach der Beklagten (I, 1066 ff.), die Sumpfnymphen am Phasis 
schreien laut auf bei den Zaubereien der Medefk (m, 1218 ff.), die 
Nymphen des Flusses Aigaios, des Berges Meliteion und der Wäl- 
der der Ebene spenden Blumen für das Brautlager des Jason und 
berühren staunend das goldene Yliess (lY, 1143 ff.). Die Nymphen 
herrschen demnach nicht mehr, hoch über den Menschen stehend, in 
der Natur, sondern tragen vielmehr den Charakter lieblicher Land- 
mädchen, sie leben nicht mehr mit den andern Göttern unbekümmert 
um den Sterblichen dahin ^ sondern verfolgen alle Handlungen der 
Menschen mit der Aufmerksamkeit leicht erregbarer "Katurkinder. 
Sie dienen daher dem epischen Dichter, wie der Chor dem tragischen 
und die Satyrn schon längst im Satyrspiel als ideale Zuschauerinnen, 
an denen er die Wirkung der Ereignisse, welche er darstellt, deut- 
lich machen kann. Da diese Nymphen jedoch, wie schon aus den 
oben angeführten Stellen hervorgeht, alle durchaus individuelle 
Wesen sind und sich wohl vorzugsweise an bestimmten Orten auf- 
halten, indessen keineswegs an diese gebunden sind, so darf man 
natürlich nicht sagen, sie seien der Ausdruck der Theilnahme eines 
Berges, Sumpfes, Waldes oder überhaupt eines bestimmten Locales. 
Gerade bei Apollonius ist vollends um so weniger an so etwas zu 
denken, weil ihm die poetische Personificirung eines Locales voll- 
ständig fremd ist, und das einzige Beispiel einer Natnrbeseelung, 
welches Woermann^) beibringt, nicht stichhaltig ist. Viele Stellen 
bei römischen Dichtem (Ovid Met. V, 316 ff.; VI, 14 ff.; Prop. (ed. 
Müller) in, 30, 37 f. u. a.) lassen auf eine sehr ausgedehnte 

28) Es unterliegt keinem Zweifel, dass Arg. IV, 1170 ff. das rcXäv 
von dem Erglänzen der Gestade und Pfade im Morgenlichte verstanden 
ist. Vgl. die Anm. 5, femer Meleager, Anth. Pal. V, 144 und 147; 
IX, 368. 



NatarpersoDification ia Poesie nnd Kunst der Alten. 287 

Verwendung äer Nynaphen in der oben angedeuteten Weise bei den 
alexaadrinischen Vorbildern schliessen, ohne dass auch dort etwas 
darauf hindeutete, als seien sie in irgend einem Falle nicht indivi- 
daelle Wesen, sondern der Ausdruck der Theilnahme des Locals. 
Neben der Benutzung der Nymphen als Chor steht als zweite die- 
jenige des Idylls und verwandter Poesie, welche in Nachahmung und 
Äosfllhrung fi-üherer mythologischer Vorbilder die Liebe der Nym- 
phen ni schönen Jünglingen und zwar besonders zu Hirten zum 
Gegoistande hat. Auch hier sind uns, abgesehen Ton der mannig- 
fach behandelten Hylassage (Theoer. Id. XIII, 39 ff.; Nicand. Heter. 
ap. Anton. Lib. Schneider Fr. 48; Ap. Rhod. I, 1228 ff., vgl. Val. 
Flaec m, 521 ff.), mehr Beispiele durch die Nachahmungen römi- 
scher Dichter und durch Kunstwerke bekannt, als uns direct er- 
balten sind; aber auch hier zeigen die Nymphen sich nicht mehr als 
hohe göttliche Wesen, sondern als die plebs superum (Ovid Ibis 81, 
Tgl Claad« XXXVI, 271: Dryadum plebs) mit durchaus mensch- 
lichen Interessen. 

Die Nereiden sind bis zur alexandrinischen Zeit stets durch- 
ana göttliche Wesen, die im Meere und an seinen Küsten walten, 
T<fti den Sterblichen durch Opfer geehrt werden, ihnen aber eben- 
sowenig wie die Nymphen immer gleich körperlich sichtbar sind. 
Bei Homer kommen sie einmal (£ 35 ff., bes. 65 ff. u. 139 ff.) aus 
ihren Wohnnngen in der Tiefe des Meeres hervor, ihre Schwester 
Tbetis zum jammernden Achill an die trobchen Oestade zu geleiten, 
bei Aiscbylos bilden sie im Prometheus den Chor, aber als Göttinnen 
bei einem Ereignisse in der Götterwelt, bei Euripides (Electr. 442 ff.) 
endlich verlassen sie die euböischen Gestade, um dem Achill die 
WalTen des Hephaistos zu tlberbringen, ein Ereigniss, welches uns 
in einer sehr grossen Zahl vpn Kunstdarstellungen überliefert ist^ 
obschon es dort seinen mythologischen Charakter mehr und mehr 
einbüsst. In alexandrinischer Zeit sind sie dagegen in ihrem Wesen 
kaam von den damaligen Nymphen verschieden*^) und erscheinen, 
eben wie diese, als landschaftliche Staffage bei Darstellungen aus 
der Heroensage; ein Beispiel bietet die Befreiung der Andromeda 
ia den Metamorphosen des Ovid (IV, 747 ff.), von der man gewiss 
tof ein hellenistisches Vorbild znrückschliessen darf. Die auf dem 
Heeresgrond gewachsenen Blätter und Zweige, auf welche Perseus 
^ Haapt der Medusa gelegt hat, sind versteinert; die Nereiden 
(pdagi nymphae) aber wundem sich dartlber, versuchen nun auch 
ihrerseits solche Zweige zu versteinern und freuen sich, dass es 
ihnen gelingt. 

Die Silene, in ihrer phrygischen Heimat als Quellgottheiten 
Terehrty sind im homerischen Hymnus auf die Aphrodite (v. 262 f.) 

29) DieNereidenheissenSoph. Phil. 1470: vö^cpmdXtat; ferner Schol. 
Ap. Rhod. IV, 1412: vO^cpai 6aXdcciat, endlich Ovid. Met. IV, 747: pelagi 
cjm^hae; XIV, 657: natdes aequoreae. 

J«kik t elMs. PhUoL SnppL Bd. Xni. 19 



288 Adolf Gerber: 

yielleicbt zum ersten Male als Naturbevölkerung zi» den Njmpben 
in Beziehung gesetat.^) Da dies jedoch in der übrigen griechischen 
Poesie selten oder nie stattfindet, und der genannte Hymnus deut- 
lich die Einwirkungen des Bheadienstes zeigt, so ist daraus nicht 
abzuleiten, dass nach dem Volksglauben des eigentlichen Griechen- 
lands die Silene eine allgemeine Naturbevölkerung bildeten; sie 
scheinen dort vielmehr kaum anders, als im Gefolge des Dionysos 
aufzutreten.'^) In Italien lassen dagegen einige unten zu erwähnende 
Quellsilene auf Cisten, sowie namentlich der Umstand, dass Silanus 
direct eine Quelle bezeichnet'^), darauf schliessen, dass die Silene 
dort dem die Quellen liebenden italischen Faunus'') nahe verwandt, 
wiederum meist^ens Quellgottheiten sind. 

Viel tiefer als die Silene stehen gewiss ursprünglich die Satyrn. 
Homer kennt sie gar nicht, ebensowenig die Theogonie des Hesiod. 
Ein berühmtes, von Strabo (X, 471) erhaltenes Fragment des letzt- 
genannten Dichters bezeichnet sie dagegen als das f^voc ouribavüjv 
CaTupujv Kttt d|üirix<xvo€pTWV und gleicher Herkunft mit den Berg- 
nymphen und Eureten. Sowenig als die letzteren oder etwa die 
Kentouren scheinen die Satyrn jedoch in gut griechischer Zeit auch 
nur nach Weise der Nymphen als stehende Naturbevölkerung ge- 
golten zu haben. '^) Bei keinem einzigen griechischen oder helleni- 
stischen Dichter kommen sie anders vor, als im Zusammenhang mit 
Dionysos, und in dem einzigen uns erhaltenen Satyrspiele, im 

30) Groddeck u. llgen haben übrigens v. 269—272 verdächtigt. 

81) Pausaniaa III, 25, 8 giebt vielleicht den einzigen Beleg, dass 
Silen im eigentlichen Griechenland auch als Quelldämon verehrt wurde. 
Da in der N&he des Ortes Pyrrhichos auch eine Silensage localisirt war, 
und derselbe nur 2 Stunden vom Meere lag (vgl. Bnrsian, Geogr. II, 148), 
so kann hier auch ausnahmsweise ein alter phrygischer Einfluss vorliegen. 

82) Jahn, Ficoron. Ciste p. 30. Glossen p. 197 Sl Silanus » 
Kpouvöc, p. 266 Silanus «- Kpf|vr). Ferner Festus p. 852; Lucr. VI, 1265; 
Geis. med. III, 18; Hygin. f. 169; Orelli 8321. 

88) Der Orakelhain des Faunus zu Tibur liegt an der Quelle Albunea 
(Verg. Äen. VII, 81 ff.) und Picus und Faunus pflegten am Quell des 
aventinischen Haines zu ruhen (Ovid Fast III, 291 ff.). PreUer, r5m. 
Mythol.* p. 846, vermuthet femer gewiss mit Wabrschemlichkeit in dem 
Silenskopf auf italischen Münzen den einheimischen Faunus. 

34^ rausanias I, 28, 5 wollte z. B. gern erfahren, wer die Satyrn 
eigentlich seien; h&tte er es gewusst, wflrde der karische Mann ihm nicht 
das Märchen von den Satyrinseln haben aufbinden können. Der Philostr. 
V. ApoUon. 7, 27, p. 128 K erwähnte, unserm Alb und dem römischen 
Faunus incubus vergleichbare gespensterhafte Satyr ist etwas ganz an- 
deres, als die Schaaren von Satyrn, welche wir aus der Kunst und rö- 
mischen Dichtem kennen. Vgl. dagegen für die italische Anschauung 
der allgemeinen Verbreitung der Satyrn besonders Lucr. De rer. nat 
IV, 580: 

Haec loca capripedes Satyros, Nymphasque teuere 
Finitimi fingunt; et Faunos esse loquuntur, 
Quoram noctivago strepitu ludoque iocanti 
Adfirmant vulgo tacituma silentia rumpi . . . 



Natoipenonifioation in Poesie und Kunst der Alien. 289 

Kjklops des Enripides (v. 13 ff.), sind sie nicht in Sicilien heimisch, 
sondern dorthin verschlagen. Da die Satyrn das rein natürliche, sinn- 
liche Element der menschlichen Natur vertreten, das gegen die höhere 
SiiÜiehkeiS in einen ehenso entschiedenen Gegensatz tritt, als gegen 
jede Bildung geistiger oder socialer Art, so dürfte es vielleicht 
nicht anmöglich erscheinen, dass sie in- sehr alter Zeit erst aus den 
losgelassenen Vermummten der dionysischen Festfeiem entstanden 
Afid, wie Welcker (Ott. OötterL II, 83 f.) gewiss Becht hat, wenn er 
den Pan deshalb anun TSnzer werden iSsst, weil die Hirten ihn seit 
Utester Zeit durch Tttnze gefeiert haben. Auch das Vorkommen d^sr 
Satyrn in nicht bakohischen Vasendarstellnngen unteritalischer oder 
überhaupt italischer Herkunft kann für Oriechenland nicht beweisen, 
daas die Batym dort als eine allgemein verbreitete Natnrbevölkerung 
galten hStien; denn einerseits können dieselben bei dem grossen 
Einflnss des Dramas auf die unteritalische Vasenmalerei aus dem 
Sityrspiel herübergenommen sein, andrerseits können specifisch ita- 
hsehe Anschauungen ihre Aufiaahme bewirkt haben, wie sich auch 
sonst auf diesen Vasen manche locale ungrieohische Eigeothümlich- 
keiten kund thun. Noch weniger lässt sich endlich behaupten, diese 
Satyrn seien keine individuelle Wesen mit individuellen Empfindungen, 
»ondem sie bezeichneten die Theilnahme des Locals, an welchem die 
Handlung vor sich geht 

Die Annahme Helbigs (Unters, üb. d. camp. Wandm. 269), es 
seien im Volksglauben der besten Zeiten Griechenlands Berg und 
Wald nicht nur mit Satyrn, sondern sogar mit einer Fülle von Fanen 
bevölkert gewesen, scheint schliesslich in Bezug auf die letzteren 
ebensowenig richtig als hinsichtlich der ersteren. Es dürfte vielmehr 
der eine Oott Pan, welchem Miltiades zum Dank für seine Hilfe bei 
Marathon eine Statue errichtete, erst gegen Ende des fünften Jahr- 
honderts durch die frei den Mythus weiterbildende Kunst oder Poesie 
TerrietfUtigt sein.^) 

In ganz hervorragendem Grade zeigt sich femer das frei poe- 
tuehe Gestalten und Weiterbilden mythologischer Vorstellungen 
doreh die Künstler in den unendlich mannigfachen Bildungen der 
Meergeschöpfe. Im Volksglauben gab es einen Gott Triton, die 
Konst schuf daraus Geschlechter von Tritonen; der Volksglaube 
iunnte allerlei Meerungeheuer, der Künstler stellte diese dem Auge 
siekibar dar. Nach dem Vorbilde der Thiasoi des Dionysos und der 
Rhea schuf man einen Meerthiasos mit Seetigern, Seelöwinnen, See- 
viddem, Seestieren, Seerossen, Seekentauren; ja die Medusa be- 

S5) Die Lesart des Schol. Theoer. IV, 62 steht nicht so fest, dass 
«ie dtt Vorkommen von Panen bei Aischylos und Sophokles sicher be- 
lengea könnte. Wir möchten auch nicht mit Preller (a. a. 0. I, 617) 
<lett ?erviel£Eichten Pan und das d&momsche Gesohlecht der Pane gans 
f<m einander trennen; es erfordert dieeer Punkt jedoch noch eingehende 
Uoiemchimg. 

19* 



290 Adolf Gerber: 

geisterte sogar zur Darstellung einer Meermedusa. Nicht weniger 
reich, als die Zahl der neugeschaffenen Wesen war ihre Durchbil- 
dung. Von feinster, seelischer Charakteristik eines Skopas (vgl. 
Brunn Kg. I, 330 f., 335) bis zu einem BeaUsmus, welcher wie bei 
alten Fischen oder Muscheln die ganzen Gestalten bewachsen liess, wo 
sich Seegewttchse und Flossen an die Stelle menschlicher Theile setzten, 
wo die herabrinnenden Wassertropfen in der Plastik erstarrt waren, 
blieb keine Stufe ohne Vertretung. Weil der Künstler aber an das, 
was im Glauben oder in der Wirklichkeit existirte, anknüpfte, weil 
er selbst im üeberschwang des Kunstvermögens seine Gestalten so 
organisch bildete, dass er die Natur durch wirklich lebensfUhige 
Wesen zu bereichem schien, so wurden alle diese in der Welt der 
Phantasie auch als ebenso wirklich existirende Gestalten empfunden, 
als die im Mythus überlieferten (vgl. Welcker a. a. 0. 65. 111). 
Nicht allein in der griechischen Zeit, sondern auch im Hellenismus 
bleibt man aber dessen eingedenk, dass diese Gestalten nur der 
Welt der Phantasie angehören, und verwendet sie wohl in Sagen, 
stellt sie jedoch nicht bei Ereignissen der Geschichte und Gegen- 
wart als eine körperhafte Bevölkerung der umgebenden Natur dar.^ 



86) Es dürfte hier auch noch der Oit sein, zu fragen, inwiefern 
denn Tritonen und andre Gestalten einen landschaftlichen Eindruck 
machen. Der Kflnstler übersetzt, wie wir sehen, keineswegs das Meer 
selber in menschliche Gestalten, sondern er zeigt nur au seinen Ge- 
stalten, die er als Meerwesen concipirt, auch geistig und äusserlich die 
Wirkung 'des Meeres. Die Stimmun&f, welche wir selbst empfinden, wenu 
wir langer auf das Meer hinausblicken, das Sehnsuchtsvolle, welches bei 
Poseidon noch durch die Majestät des Herrschers gemildert ist, ist von 
Skopas mit Recht den Wesen, welche sich immer im Elemente aufhalten, 
zur Gnmdstimmung gegeben; ausserdem zeigen sich zum Theil vielleicht 
schon an seinen Gestüten, zum Theil erst später auch äusserlich die 
Wirkungen des Meeres in Seege wachsen, in herabrinnenden Tropfen und 
Aehnlichem. Wenn wir Modernen nun dies alles sehen, so wird dadurch 
in uns ge wisser massen der Eindruck des Meeres reproducirt, indem die 
Gestalt selber uns als nicht wirklich dabei verloren gehen kann; nur 
wäre es nicht richtig, desswegen die landschaftliche Stimmung — denn 
nur insofern könnte man hier von Landschaftlichem sprechen — txir 
Ursache der Erfindung zu machen. Uns interessirt die Stimmung 
dieser Gestalten; dem Griechen sind sie dagegen individuelle Wesen 
und ihre Charakteristik durch die Nothwencugkeit, sie lebensfähig zu 
machen, bedingt. Wir sehen daher in diesen Bildungen plastische Land- 
schaftsmalerei, die Griechen aber Glieder der mannigfachen Gestalten 
ihrer Götterwelt. Der beste Beweis dafür, dass sie nicht das Meer und 
die Meereswogen selber in diesen Wesen verkörpert sehen, liegt endlich 
darin, dass dieselben einerseits niemals in einer Schilderung des Meeres 
als Theile desselben vorkommen, und dass sie andrerseits dort, wo sie 
in Verbindung mit ursprünglich mythologischen Wesen geschildert werden, 
wir)[ liehe Wesen im Meere sind. — Auch der sogenannte Glaukos ist mit 
Gaedechens wohl am wahrscheinlichsten als solcher zu fassen, als ein 
bakchischer Thiasot im Kreise der Meergötter. Die Trauben und HOrner 
neben spitzen Ohren lassen in ihm ein Mittelding zwischen einem 
Tritonen und einem Meerdionysos erkennen. Für uns Moderne ist der 



Natorperaonification in Poesie und EniiBt der Alten. 291 

Bei den Römern widmen wir allen in diesem Abschnitte zu- 
sammengefassten Wesen erst kurz eine gesonderte und darauf eine 
gemeinsame Betrachtung; zu der letzteren sind wir berechtigt, weil 
sie schliesslich ihrer Natur nach kaum mehr von einander verschie- 
den sind. Schon bei den Nymphen fehlt oft jede feinere Differenzi- 
ning. Dasselbe Wesen, welches Ovid eben noch Hamadryas genannt, 
bezeichnet er im Folgendem als Naias (Met I, 690 f.), ja eine Nais 
äürbt mit ihrem Baum (Fast IV, 231 f.). Aehnliche Stellen finden 
sich bei andern Dichtem, sodass man dort lieber eine Verallgemeine- 
rang der Bedeutung anzunehmen haben wird, als sonst nach einer 
Erklftrung zu suchen (vgl. Lehrs a. a. 0. 1 16 ff.). Zu diesen Schwierig- 
keiten einer bestimmten Scheidung tritt endlich die schon im vori- 
gen Abschnitte von uns berührte, dass auch Quelle und fliessende 
Wasser als nympha bezw. nymphae bezeichnet wurden. — Noch we- 
niger, als zwischen den einzelnen Arten von Nymphen, wird in den 
meisten Fällen zwischen Satyrn, Panen und Faunen eine Scheidung 
möglich sein« Die jüngeren Bildungen der Pane und erst die der 
Paoisken waren den Satyrn von Anfang an nahe verwandt und be- 
sonders die letzteren verbanden sich wiederum ohne Schwierigkeit 
mit den einheimischen Faunen. Man könnte vielleicht vermuthen, 
dass die so einander angeglichenen Wesen, welche man mit gleichem 
Rechte (Pane?) Satyrn oder Faune nennen mag, von den italischen 
Faunen die allgemeine Verbreitung in der Natur, von den griechi- 
schen Satyrn aber wesentliche Seiten ihres Charakters bekommen 
haben. Da bei den Nereiden, Tritonen u. a. Vermischungen gleich 
den bisher besprochenen ausgeschlossen sind, so gehen wir gleich 
£Q einer kurzen Betrachtung des Wesens und der Verwendung dieser 
Gestalten über. 

Wenn Horaz (Carm. I, 1, 30 f., vgl. IV, 3, 10 ff.) sagen will, 
dass ihn die Natur zum Dichter mache, spricht er von den Chören 
3er Nymphen, und Satyrn; wo Statins (Silv. II, 3, 6 f.) den Baum 
des Melior besingen soll, ruft er die Najaden und Faune an. Ebenso 
schauen die N^'aden und Faune bei Valerius Flaccus (Arg. I, 105 f.) 
vereint der Arge nach, wobei ihre sichtbare Erscheinung gelegent- 
lich durch „manifeste in lumine visi^' hervorgehoben ist. Claudian 
Itot sie gemeinschaftlich die Cypressen beklagen, welche die Ceres 
ahhaut, um sie zur Aufsuchung ihrer Tochter am Aetna als Fackeln 
ZQ entzünden (XXXVI, 381), ja gemeinschaftlich sendet er sie auch 
zur G^tterversammlung, eine Ehre, die das hesiodische T^voc OUTI- 
6avuiv comjpuiv xm äjiiiixavocpTWV wohl kaum erwartet hätte (ib. 
T. 16f.). 

. . . Liquidis incumbunt patribus udae 
Natdes et taciti mirantur sidera Fauni. 



Undschaftliche Eindruck, den Brunn nachgewiesen, dadurch ungeBchmälert; 
fGr imt kann er auch ein Landschaftsgemälde sein. 



292 Adolf Gerber: 

Die Nereiden erscheinen andrerseits bei Catull (LXIV, 14fif.) 
durch das Wunder des ersten Schiffes angelockt bei hellem Tage» 
bis zu den Brüsten hervorragend aus dem grauen Meere, den Ar- 
gonauten, und aus Peleus und der schönen Nereide Thetis wird als- 
bald ein Paar. Claudian dichtet, dass die Nereiden mit der Meeres- 
fluth in die Ströme kommen (XXIX, 79 f.) und fürchtet ironisch, 
dass den Eunuchen Eutrop, welcher die üppigen Nereiden zu täuschen 
weiss, die Tritonen auf hoher See zurückhalten (XIX, 67 f.). Eine 
Stelle, wo die Einführung mehrerer der betrachteten Wesen in die 
umgebende Natur besonders deutlich hervortritt, bietet endlich 
Statins (Silv. U, 2, 100 ff.) bei dem Preise des Surrentinischen 
Landgut« des Pollio: 

Saepe per autumnum iam pubescente Lyaeo 
Conscendit scopulos noctisque occulta sub umbra 
Palmite maturo rorantia lumina tersit 
NereICs et dulces rapuit de collibus uvas. 
Saepe et vicino sparsa est vindemia fluctu, 
Et Satjri cecidere vadis, udamque per undas 
Dorida montani cupierunt prendere Panes. 

Von den römischen Dichtem gilt demnach wirklich, was den 
griechischen so oft fölschlich zugeschrieben wird, dass sie nicht nur 
bei Darstellungen der Heroensage, sondern auch bei Ereignissen der 
unmittelbaren Gegenwart die Natur mit einer Fülle körperhafter, 
allerdings kaum mehr auf einem hohen menschlichen Standpunkte 
stehender, geschweige denn göttlicher Naturwesen bevölkern; allein 
bei den Römern giebt es Nymphen und Satyrn wie Bebe und Hasen, 
Nereiden und Tritonen wie Seehunde und Haifische, und erst ein 
Plinius konnte berichten, dass zu des Augustus Zeit in Gallien ent- 
seelte Nereiden angetrieben seien (N. H. IX, 5). 

Von den Kunstdarstellungen dieses Kreises, welche einen seht 
bedeutenden Theil der uns überhaupt erhaltenen oder beglaubigten 
Kunstwerke ausmachen, interessiren uns nur diejenigen, wo wir diese 
Wesen als Localbezeichnungei) bezw. als an der Haupthandlung An- 
theil nehmende Bevölkerung der Natur finden. Völlig ausgeschlossen 
ist daher alles spedell Bakchiaßhe, die Verbindung der Nymphen mit 
Apollo und Hermes, ihre Kindspflegerschaft u. s. f., ausgeschlossen 
sind auch alle selbstständigen Darstellungen von Meerwesen. 

Wir beginnen unsre Betrachtung mit den Vasenbildem. Da 
jedoch gerade sie noch eine eingehende Untersuchung erfordern, die 
wohl nur vor den Monumenten selber durchgeführt werden kann, 
so begnügen wir uns hier mit den geringsten Andeutungen. Auf 
die Geltung der Satyrn ist schon oben hingevriesen; noch weniger 
ist der häufig vorkommende Pan befriedigend erklärt. Die Nereiden, 
welche bei der Befreiung der Andromeda auftreten (Heydemann 
3225; Mem. d. Accad. Erc. IX, 5 — 7), scheinen als Chor oder als 



Natorpersonification in Poesie nnd Eoiuit der Alien. 293 

landschaftliche Stafiage gefasst, da zu einer blossen Bezeichnung des 
Meeres doch einfachere Mittel wie etwa ein Fisch oder dgl. zu Gebote 
standen. Nymphen lassen sich, weil sie zu sehr nur schönen jugendlichen 
Mädchen gleichen, schwerer im einzelnen Falle bestimmt nachweisen. 

Besser steht es mit der Verarbeitung des Materials in der 
hellenistischen und der von ihr beeinflussten campanischen Wand- 
malerei. Unser Erstes ist es hier, zu der Frage nach den 'AxTai 
und Cxomai Stellung zu nehmen, die Eugen Petersen zu unsrer 
Freude schon vor einigen Monaten wesentlich in unserm Sinne wie- 
der in Fluss gebracht hat.'^) Am Eingehendsten hat Heibig hier- 
über gehandelt.^) Die ^AxTai, CKOTTiai und Aei^ilivec seien nicht 
mythologische und im Volksbewusstsein lebendige Gestalten, son- 
dern vielmehr aus der Beflexion der Künstler hervorgegangene 
Personificationen; es komme denselben, entsprechend den unwandel- 
baren Gesetzen der ewigen Natur, aus deren Bereich sie entlehnt 
seien, ein gehaltener, von jedem Affect freier Charakter zu. Folg- 
lich seien sie, da sie dazu dienen sollen, eine verwandte Stimmung 
im Geiste des Betrachters hervorzurufen, nicht bei dramatisch be- 
wegten Handlungen am Platze, sondern bei solchen, welche die dar- 
gestellten Individuen mehr oder minder im Einklänge mit sich selbst 
und mit der Aussenwelt zur Anschauung bringen. Die Satyrn, Pane 
nnd Nereiden seien dagegen ihrem mythologischen Charakter gemäss 
vortrefflich dazu geeignet, Eindrücke einer dramatisch bewegten 
Handlung zur Schau zu tragen. 

Wir prüfen zuerst^ ob sich in der Anwendung der sogenannten 
'AicTai and CKOiriai gegenüber den Satyrn und Panen wirklich dieser 
Unterschied geltend macht. Die 'Aktoi, welche zugegen sind, wie 
Perseus die Andromeda nach Tödtung des Ungeheuers vom Felsen 
I9st, sind kaum Zeugen einer unbewegten Handlung (Heibig, Kat. 
0. 1187 — 89), die 'AxTai oder Cxotriai eines andern Bildes sind bei 
der sehr aufregenden Scene vom Falle des Ikaros zugegen; eine von 
amen erhebt die Hand (Robert, Arch. Zeit. 1877 t. II, l). Die 
Cxomai des Philostratos (Im. 11, 4, p. 345 1. 14 ff.) endlich zer- 
fleischen sich die Wangen und sind jedenfalls Zeugen einer sehr be- 
wegten Handlung. Schon aus diesen Beispielen ergiebt sich, dass 
die Annahme, die 'AxTai und CxoTTiai seien nur affectfreie Zeugen 
einer anbewegten Scene, nicht ohne Willkür ist. Andrerseits bietet 
ein Bild (Heibig a. a. 0. n. 1205) mit dem Daidalos und der Pasiphae 
wenigstens keine äusserlich bewegte Handlung, noch weniger zwei 



37) Arcbäol. epigraph. Mittheil, aus Gestenreich „Die dreigestaltige 
Hekiie" p. 83 f. Der Verfasser hatte sich seine Ansicht über die *AicTa{ 
und Gcomal gebildet, bevor ihm Petersens Aufsats bekannt wurde. 

38) Rhein. Mus. 1869, p. 497 ff. Untersuchungen 215 ff Ausserdem: 
Stephani, Mälanges gr^o-romains I, p. 624 ff. Nimbus und Strahlen- 
TOa 67 f.; Brunn „Die PhilostratiBchen Qemälde gegen Friedrichs ver- 
theidigt^ 882 ff. Zweite Vertheidigg. 22 f. 



294 Adolf Gerber: 

andre (a. a. 0. n. 970 n. 1359) und doch ist beidemal ein Satyr 
als Zeuge zugegen. Wir ziehen daraus die Folgerung, dass eine 
principielle Scheidung in der Weise, wie Heibig sie oben angiebt, 
zwischen den 'AKTai und CKOiriai einerseits und den Satyrn andrer- 
seits in Wirklichkeit gar nicht stattfindet — Doch kommen wir zum 
Kernpunkte der Frage und prüfen wir die Gründe, auf welche man 
die Annahme von 'AKTai und CKOTTiai baut. Man stützt sich auf 
die esquilinischen Odysseelandschaffcen und den älteren Philostratos. 
Auf dem dritten Lästrygonenbilde findet sich die Inschrift AKTAI 
unter der Gruppe dreier, nach Helbig's eignem Zugeständnisse 
nymphenartiger Wesen. Das könnte auf den ersten Blick über- 
zeugend scheinen ; aber auf dem ersten Bilde steht dieselbe Inschrift 
auch oberhalb eines Mannes in der Tracht des täglichen Lebens, 
welcher in einem Nachen vom Ufer abstösst, in dem wir also einen 
Fährmann oder Fischer zu erkennen haben. Gewiss wii*d nun Nie- 
mand behaupten wollen, dieser Fischer sei kein Fischer, sondern 
eine begriffliche Personification der Gestade. Gilt dieser Schluss 
hier, so gilt er ebenfalls bei den drei weiblichen Gestalten, in wel- 
chen nach Analogie der hellenistischen Poesie nicht bloss nymphen- 
artige Wesen, sondern wirkliche Nymphen oder vielleicht richtiger 
Nereiden zu erkennen jetzt nichts mehr im Wege steht. Nachdem 
bewiesen ist, dass die Inschriften nicht zu den Figuren und folglich 
nur zum Local gehören können — man vergleiche ähnliche Inschriften 
auf Vasen — , bedarf es noch einer Erklärung, weshalb der Künstler 
durch sie das Local bezeichnete und weshalb er sie gerade zu den 
Nereiden und dem Fischer setzte. Wenn wir dabei unsem Blick auf 
sämmtliche Inschriften und die ihnen entsprechenden Darstellungen 
lenken, so ergiebt sich leicht, dass der Künstler bestrebt war, gerade 
das hervorzuheben, was er beim Dichter betont fand. Die dKTat, 
die KprjvT] und die vojiai der Lästrygonen und später die dKTai der 
Kirke sind die wesentlichsten Punkte der homerischen Schilderung 
(k 89 f.; 107 f.; 82 ff.; 140). Andrerseits sahen wir schon p. 281, daES 
die Quellnjmphe hier die Quelle bezeichnet; dass Fischer, Hirt 
und Heerden auf Gestade und Weiden hinweisen ^^), bedarf keines 
Nachweises; aber auch die Nereiden, welche hier in keiner Weise 

89) Die am meisten hervortretende Gestalt, an der die von einigen 
angenommenen Hörner ebensowohl sich aufbäumende Haare sein können, 
möchten wir besonders wegen ihrer für einen Fan auffallenden Beklei- 
dung für einen Hirten halten ; dasselbe thun wir bei der nächsten Figur 
etwas weiter im Hintergrunde, deren helleres Colorit nicht auf ein weib- 
liches Wesen hinweist, sondern durch den Localton, dem alles übrige 
untergeordnet wird, bedingt sein dürfte. Dieselbe hat die gleiche Kopf- 
bedeckung wie der Hirt des ersten Lästiygonenbiides, dessen Kopf noch 
eben sichtbar isi Endlich ein innerer Grund: Wäre wohl ein antiker 
Maler so spröde gewesen und so wenig auf die Gelegenheit zn einer 
wirksamen Gruppenbildnng bedacht, dass er einen Hirten und eine Hirtin 
oder einen Hirten und eine Nymphe, die gemeinschaftlich als Local- 
bezeichnung dienen, gar nicht zu einander in Beziehung gesetzt hätte? 



Naturpenonification in Poesie und Ennst der Alten. 295 

ab theilnehmender Chor in die Handlang verflochten sind, deuten 
ebenso in idealer Weise auf den Meeresstrand hin, wie der Fischer 
io realer. So dienen die bildlichen Darstellungen und die In- 
schriften beide dem gemeinsamen Zwecke der Localbezeichnung, 
und deshalb war es auch natürlich, dass sie als Buchstabeninschrifben 
und bildliche Inschriften wie Glieder einer inscriptio bilinguis zu- 
sammengestellt wurden. 

Nachdem die erste und wichtigste Stütze gefallen, ruht die An- 
nahme der 'AKTai und CKOTTiai nur mehr auf Philostratos (11, 4). 
Dort heisst es in der Beschreibung des Gemäldes, welches den Tod 
des Hippoljtos darstellte: CKOTTial p^v aurai, bi^ t&v dOrjpac cuv 
*ApT^mbi bpuTTTOvrai lac irapeiäc dv etbei TuvaiK&v. Wir könnten 
sagen, der Schriftsteller bediene sich hier einer rhetorischen Aus- 
dmcksweise, oder er habe die Inschriften, die etwa dem Bilde hin- 
zogeftigt gewesen, in derselben Weise missverstanden, wie dies in 
neuerer Zeit bei den Odjsseelandschaften geschehen. Trotzdem 
brauchen wir hier die Bichtigkeit der Interpretation des Philostratos 
für seine Zeit nicht in Zweifel zu ziehen, wenn wir uns erinnern, 
dass derselbe mehr als 200 Jahr nach Christo und auf italischem 
Boden eine Gemäldesammlung beschreibt. Wenn er gewohnt war, 
auf r5mischen Bildwerken eine menschliche Gestalt auf einem reali- 
stisch dargestellten Berge für das geistige Wesen dieses Berges an- 
zusehen, so konnte er ebensogut Bergnymphen für den Ausdruck 
der geistigen Theilnahme ihrer Bergwarten halten.^) Nur darf ein 
Schriftsteller des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. uns keine Autorität 
sein ftlr die Interpretation von Kunstwerken, deren Erfindung 
meistens am ebensoviel hinter unsrer Zeitrechnung zurückliegt, son- 
dern da haben die zeitgenössischen Dichter einzutreten, die die Nymphen 
aii Antheil nehmende Wesen und zwar speciell gerade auf Berg- 
warten (Enr. Hei. 447. Ap. Bhod. I, 549 f., 1226; HI, 883; IV, 
1150) kennen, und dadurch eine andre Deutung derartiger nymphen- 
Uiniicher Gestalten von vornherein ausschliessen. 

So ist es denn auch nicht schwer, Helbig's Motivirung der 
Cicoinai als Gestalten hervorgegangen aus der Ettnstlerreflexion und 
verschieden von den Nymphen gründlich zu widerlegen. Die CxoTriai 
lollea in erster Linie durch das CKOireiv, das unverwandte Hin- 
schauen oharakterisirt sein (Rh. Mus. a. a. 0. p. 502 f.). Abgesehen 
davon, dass eine Fersonification aus einem so äusserlichen Gesichts- 
punkte bei den Griechen unerhört ist, ist das Schauen allen Natur- 
vesen, welche an einer Handlung Antheil nehmen, gemeinsam; dazu 

40) Es ist anzanehmen, dass auf dem philostratischen Gemälde die 
Bergwarten auch realistisch dargestellt waren. Wenn es dann heisst, 
diese Beigwarten zerfleischen sicn die Wangen in Gestalt von Frauen, 
«o igt damit nicht gesagt, dass diese Frauen die Bergspitsen in sich 
perwonificiiten, sondern zonächst, dass die Theilnahme der Bergwarten 
an den Frauen, die das geistige Element derselben sind, zam Ausdruck 
kommt (vgl. unten p. 802). 



296 Adolf Gerber: 

will die Ironie des Schicksals, dass die einzigen bezeugten CKOiriat, 
diejenigen des Philostratos nicht in der Thfttigkeit eines unverwandten 
Schauens begriffen sind, sondern sich die Wangen zerfleischen. Die Er- 
klärung einiger Flügelgestalten als CKOiriat richtet sich endlich selber. 
Heibig glaubt, einer Felswarte kämen Flügel zu, weil sie von ge- 
flügelten Stürmen umbraust sei. Könnte es aber einen grösseren 
Widersinn geben als die Darstellung eines unverrückbar festen Gegen- 
standes durch eine Flügelgestalt? St^phani (Nimbus und Strahlen- 
kranz p. 67) meint dagegen, die CxOTTtai seien geflügelt, weil sie 
sich in den höchsten Schichten der Luft auf einzelnen ragenden Berg- 
spitzen aufhalten und mit ihrem Blicke schnell in weite Femen 
dringen; eine Phantasie, die einer Widerlegung auch nicht bedürfen 
wird. Sehr richtig hat vielmehr schon Robert (Eratosth. Gatasterism. 
rel. p. 247) die Bildung geflügelter CKOiriai zurückgewiesen, ohne 
dass jedoch die von ihm vorgeschlagene Erklärung dieser Gestalten 
befriedigen könnte. Da nämlich die Erzählung des Aratos (Fhainom. 
96 ff.), die Parthenos des Himmels sei eigentlich die Dike, welche 
im goldnen Zeitalter unter den Menschen geweilt, im silbernen sich 
in die Gebirge zurückgezogen habe und später dann an den Himmel 
versetzt sei, nicht wirklich, sondern bildlich verstanden ist, so fällt 
auch Bobert*s Folgerung, dass man die Parthenos, weil die Dike sich 
in die Berge zurückgezogen habe, und Dike und Parthenos identisch 
seien, deshalb bei allen mythologischen Vorgängen in gebirgiger 
Gegend als Zeugin erwarten könne. Wir selber möchten für die be- 
treffenden Darstellungen die Deutung auf Windgötter und meist 
speciell auf Zephyros vorschlagen, ohne jedoch bei dem geringen 
Yorrath uns nur in Abbildungen bekannter Gemälde ganz fest dar- 
auf bestehen zu können. Obwohl die Gestalt meist für weiblich ge- 
nommen wird und auch die Bekleidung dafür sprechen könnte, so 
findet sich nach den Publicationen doch im Hypnos (Heibig, Kai n. 
974; Zahn, Wandgem. HI, 30) dieselbe weibliche Bildung und volle 
Bekleidung einer jugendlichen männlichen Gestalt; der Nimbus 
(Stephani a. a. 0. p* 97) kann bei einer jugendlichen Luftgottheit 
nicht auffallen, Krbnz und Zweig finden sich auch bei der in diesem 
Falle übrigens unbekleideten Gestalt des zur Chloris herabschweben- 
den Zephyros (Heibig u. Zahn a. a. 0.), und mehrere Variationen 
des Zweiges könnten in dem mangelnden Verständniss des campani- 
schen Decorateurs ihre Erklärung finden. Wichtig ist es jedenfialls, 
dass die Vorstellung von den Bergen herabkommender Winde den 
Alten (Ap. Rhod. I, 1273; Val. Flacc. III, 662; Schol. D. B 621; 
Stephan, s. 'Ave^üjpeio, Bursian Geogr. I, 170) durchaus geläufig ist, 
dass in einem philostratischem Gemälde der Zephyros (lun. 14. 
p. 416 1. 17) £k iT€piumfic herabschaut, sowie dass endlich die ge- 
flügelte Gestolt sich fast immer am Wasser findet und Wasser und 
Wind nach alter und modemer Auffassung unzertrennlich sind (vgL 
Hör. Carm. III, 29. 23 f. und ein scherzhaftes aber deshalb nur 



Natnrperaonification in Poesie und Ennst der Alten. 297 

um 80 wahreres Gedichtchen Wolfgang von Goethes des Enkels: „Ist 
da Bach auch noch so klein , Stellt sogleich ein Wind sich ein"). 
Wenn auch auf YoUe Gewissheit kein Ansprach gemacht werden 
bum, so dürfte nnsre Deutung vor den bisher aufgestellten doch 
den Vorzug grösserer Wahrscheinlichkeit besitsen. 

Ist die Annahme Ton 'AxTai und Cxomai als begrifflicher und 
aas der Eflnstlerreflezion hervorgegangener Personificationen in ihrer 
ganzen Haltlosigkeit dargethan, so bedarf es, bevor wir uns einer 
mbe&ngenen Betrachtung der Nymphen in der campanischen Wand- 
malerei hingeben, nur noch der Hervorhebung einer Thatsache. 
Woermann (Landsch. p. 414) bemerkt mit Becht, dass sich die so- 
genannten 'Aiaai und CKomai nie auf realen, sondern nur auf 
mjthologischen Darstellungen finden; nur ist seine Erklärung dieses 
Verhftltnisses die denkbar unglücklichste, wenn er sagt: In der da- 
maligen Wirklichkeit hatte noch kein Maler Nymphen oder Berg- 
gdtter, Leimones, Aktai oder Skopiai gesehen. Woermann vergisst, 
dass er anderswo (Landsch. Natursinn p. 67), wenn auch durchaus 
mit ünreebt, 'Aicrai und CKOiriai allegorische Personificationen ge- 
nannt hat, und man allegorische Personificationen denn doch wohl 
überhaupt nicht sieht; er beachtet femer nicht, dass sonst doch nach 
seiner Annahme diese Gestalten gerade in der damaligen Wirklich- 
keit von den Künstlern erst geschaffen sein sollen. Jede Schwierig- 
keit löst sich auch hier, sobald wir die Personificationen als Nymphen 
anerkennen, die bei mythologischen Ereignissen am Platze sind, die 
der Grieche dagegen Anstand nahm, in Darstellungen aus dem wirk- 
lieben Leben zu verflechten. 

Wenn wir uns jetzt der hellenistischen Poesie und in erster 
Linie des ApoUonios Bhodios erinnern, der als epischer Eunstdichter 
ein besonders getreues Bild der mythologischen Auffassung seiner 
Zeit darbietet, so erkennen wir, dass zwischen Poesie und Kunst die 
▼ollste Uebereinstimmtmg herrscht, während sonst durch das voll- 
ständige Fehlen der Nymphen auf campanischen Wandgemftlden ein 
onerkl&rlieher Gegensatz bestände. Wir sehen eine Nymphe vom 
Felfihang auf den schlummernden Ganymedes herabschauen (Heibig 
a. a. 0. n. 155; Zahn U, 32), oftmals blicken ihrer zwei, zugleich 
als kttnsüerisches Gegengewicht gegen Perseus und Andromeda, auf 
einem üferfelsen sitzend auf das getödtete ungeheuer (Heibig n. 
1187—89; Zahn 1, 84; lU, 71); den Sturz des Ikaros begleiten sie auf 
einer Klippe am Meere gelagert mit lebhafter Theilnahme (s. p. 293), 
nnd endlieh soll auch nicht der wunderliebHchen Gruppe vergessen 
werden, welche im Walde im Anschauen des schlafenden Jägers und 
der zu ihm herabschwebenden Göttin versunken ist (Heibig n. 960; 
Zahn U, 78). In der Kunst wie in der Poesie nehmen demnach die 
Nymphen als Naturwesen passiven Antheil an dem, was in ihrer 
Mibe geschieht, — Allerdings ist nun die Frage berechtigt, ob denn 
nicht etwa auch hier in den späten Werken der hellenistischen Wand- 



298 Adolf Gerber: 

maierei, wie, von Philostratos die Nymphen nicht mehr als indivi- 
duelle Wesen, sondern als Ausdruck der geistigen Theilnahme des 
speciellen Locals, an welchem sie sich aufhalten, empfunden wurden. 
Wenn diese Auffassung herrschte, so wäre sie nicht mehr griechisch, 
sondern römisch, denn nur der Bömer scheidet, was in diesem Falle 
geschehen würde, ein Geistiges von der Materie. So schwer es 
immerhin ist, ohne Anschauung der Originale hier ein sichres ür- 
theil abzugeben, so dürfte dennoch feststehen, dass in den meisten 
Darst-ellungen , z. B. in den oben hervorgehobenen, noch durchaus 
der Geist der hellenistischen Vorbilder herrscht; rein Susserlich be- 
trachtet können ja z. B. nicht zwei Nymphen als der Ausdruck der 
geistigen Theilnahme 6ines Felsens gelten, wie wir bei den Bömern 
auf einem Berge nicht zwei Berggötter finden. Wo wir aber die 
Nymphen einer efifeotvollen Handlung gegenüber nach unsrer Mei- 
nung zu wenig lebhaft finden, dürfte vielleicht oft die flüchüge 
Ausftlhrung des campanischen Copisten Schuld daran sein. Auf 
Grund dessen demnach, dass diese Wesen ihrer ursprünglichen Er- 
findung nach jedenfalls Nymphen bezw. Nereiden sind, in Erwägung 
davon femer, dass sie auf den Odysseelandschaften und den meisten 
campanischen Wandgemälden auch nicht anders erscheinen, und dass 
sie selbst nach römischer ümdeutung niemals das Local in sich 
personificiren, sondern nur das geistige Element dieses Locals, ist 
die Benennung einzelner Gestalten als einer personificirten 'Akttj 
und CKOTTiä auf den besprochenen uns erhaltenen Gemälden voll- 
ständig abzuweisen. 

Satyrn sind, abgesehen von bakchischen Scenen, wo ihre An- 
wesenheit als Gefolgschaft des Gottes motivirt ist, nicht eben 
häufig. Dass ihre Anwesenheit sich nicht speciell auf dramatisch 
bewegte Handlungen bezieht, ist oben bereits berührt worden. Wo 
sie überhaupt vorkommen, mögen unteritalische Vasen oder vielleicht 
noch mehr die italische Anschauung von ihrer allgemeinen Ver- 
breitung in der Natur, die sich auch in den römischen Dichtem aus- 
sprach, gewirkt haben; dass sie seltner erscheinen, als die Nymphen, 
steht mit dem, was wir in der hellenistischen Poesie gefunden, durch- 
aus im Einklang. 

Bei den römischen Sarkophagen dürfte man vielleicht fragen, 
ob denn überhaupt dort Nymphen oder Satyrn als blosse Local- 
bezeichnungen vorkommen. Die Fälle, wo deren Anwesenheit durch 
den Mythus motivirt ist — wir nennen nur den Proserpinaranb oder 
die Marsyasdarstellungen -^, kommen hier natürlich nicht in Be- 
tracht; ebenso fallen hier alle die Darstellungen fort, welche wir 
bereits als begriffliche Personificationen von Quellen dem vorigen 
Abschnitt zugewiesen haben; endlich ziehen wir es vor, in einer 
weiblichen Gestalt neben einem Hirten oder Jäger lieber eine Hirtin, 
als eine Nymphe anzunehmen (Mon. deir Inst. HI, 29 u. a.). So 
bliebe vielleicht nur die Nymphe, die wir neben eiiiem Flussgotte 



Natarpersonification in Poesie und Kunst der Alten. 299 

sehen (Clarac. M. d. sc. 216)^ eine andre neben dem Hercules auf 
einer Darstellung de^ Besuches des Mars bei der Ilia (Qerh. A. B. 40), 
sowie diejenigen der Endjmion- und Parissarkophage,- welche durch 
Wassergetesse, Schilfkränze und Schilf stengel speciell als Quell- 
njmphen charakterisirt waren, während Satyrn in solcher Geltung 
flberhaupt nicht vorkommen dürften. Diese beiden, besonders im 
Hinblick auf die Häufigkeit von Nymphen und Satyrn in der römi- 
schen Poesie im ersten Augenblick aufflQligen Thatsachen finden 
dennoch im Hinblick auf das, was die Künstler der Sarkophage ans- 
drttcken wollen, ihre einfache Erklärung. Weil ihr Streben im vollen 
Einklänge mit der Poesie in erster Linie dahin geht, das Local, an 
welchem eine Handlung sich vollzieht, deutlich vor Augen zu führen 
bezw. an derselben Antheil nehmend darzustellen, so war es nur 
utOrlich, dass Nymphen, die nicht gerade Quellnymphen, Satjrm 
und Nereiden als ein ohne reale Darstellung der Landschaft sehr 
unbestimmter Localhinweis, einerseits hinter die eigentlichen Personi- 
ficationen, andrerseits aber auch hinter die bei leichter Andeutung 
realer Landschaft deutlicheren Localbezeichnungen, wie Berggötter, 
Hirt and Heerden zurücktreten mussten. 

Bei einem BückbHck auf den letzten Theil unsrer Untersuchung 
finden wir nach Abweisung f^schlich angenonmiener Personificationen 
zwischen Kunst und Poesie nur solche Unterschiede, die im Stoffe 
der Darstellungen bedingt sind. Während für die griechische Zeit 
Nymphen and Nereiden volle göttliche Wesen waren, die im Genüsse 
ihrer Göttlichkeit dahinlebend wie andre Götter nur unter beson- 
deren Umständen zu den Menschen der Heroenzeit in Beziehung 
traten, haben Poesie und Kunst des Hellenismus das gemeinsame 
Streben, bei mythologischen Darstellungen die damals mehr poetisch 
genrehaft denn göttlich erscheinenden Nymphen und Nereiden als 
Uadschaftliche Staffage bezw. einen Chor theilnehmender Naturwesen 
anzuwenden. Die Ausnahmestellung, welche die Satyrn auf Vasen ita- 
lischer Herkunft einnehmen, schien durch das Satyrdrama und local 
iUlisGhe Einflüsse bedingt. Dafür, dass irgend eine dieser Gestalten 
die Theilnahme des Locals darstellte oder gar das Local in sich 
personificirte , Hess sich nirgends ein Anhaltspunkt finden. Bei deu 
Römern wurden endlich die Nymphen und Nereiden, völlig entgött- 
licht, die Satyrn, Faune und Pane, nicht mehr von einander unter- 
schieden, zu einer körperhaften Naturbevölkerung, die nicht nur 
die Ereignisse der Heroensage, sondern auch die Thaten und Unter- 
nehmungen der Grossen und Geehrten in der Geschichte und Gegen- 
wart mit Theilnahme verfolgte, während das fast vollständige Fehlen 
derselben auf Sarkophagen nur bewies, dass dort die Bezeichnung 
ond bei den Berggöttern z. B. auch die Empfindungsfähigkeit des 
Loeals von höherer Wichtigkeit war, als die Anwesenheit mytho'^ 
logischer Gestalten, welche diesen Zweck nur unvollkommen oder 
gv nicht erfüllen konnten. 



300 Adolf Gerber: 

VI. 

Berge. 

Wie Erde, Lftnder und Flüsse nicht durch eine die äoBseren Er- 
scheinungsformen der Natur menschlich gestaltende Phantasie, son- 
dern durch den Mythus und die an denselben anknüpfende Poesie 
zu Personificationen gelangt sind, so war auch den Bergen der erst- 
genannte Weg zur Personification von vornherein verschlossen^^) 
und nur der mythologisch-poetische denkbar. Dass sie aber auch 
auf diesem weder personificirt sind, noch personificirt werden konnten, 
soll im Folgenden nachgewiesen werden. 

Wir beginnen mit der Ausscheidung des Atlas und Argaeus. 
Dieser ist ungriechisch und dunkel; jener ursprünglich ein Meeres- 
riese und dann auch Himmelstrttger^^); erst eine spätere Zeit liebte 
es, bald in mehr geistreicher, bald in platterer Weise die mytho- 
logische Gestalt des Atlas mit dem Berge gleichen Namens zu ver- 
binden (Ov. Met. IV, 627 flf.; Sil. Ital. I, 202 ff.; Claud. XXVIII, 
3791; XXXVn, 23 f.) und endlich, wie es Vergü thut, dem Berge 
geradezu menschliche Gestalt zu geben. 

Aeneis IV, 246 : iamque volans apicem et latera ardua cemit 

Atlantis duri, caelum, qui vertice fnlcit, 
Atlantis, cinctum adsidue cui nubibus atris 
Piniferum capnt et vento pulsatur et imbri; 
Nix nmeros infosa tegit; tum flumina mento 
Praecipitant senis et glacie riget horrida barba. 

Im vollen Gegensatz zu einer solchen spielenden scheinbaren 
Personification des Berges Atlas lässt zunächst die hesiodische Theo- 
gonie, welche sogar den Pontos personificirt, die Berge als Wohn- 
sitze der Nymphen'') unbelebt. 

Theog. 129: FeivaTO b' oCpca ^aKpd, Oeuiv x<xpi€VTac ivauXouc 

Nujiiq>^u)v, a1 vaiouciv äv' oCpea ßnccfjcvra. 

Ebenso sind auch sonst die Berge, anstatt selber wesenhaft zu 
sein, vielmehr an eine ganze Reihe von Gottheiten als todter Schau- 



41) Wenn Woermann: (Die Landschaft in der Kunst der alten Völker 
p. 262 f.) sagt: „Ueberhaupt ist die Bildung der BergpersonificatiODen 
weniger stereoUp, als die der FlussgOtter, wie die individuelle Physiognomie 
verschiedener Berge denn auch von selbst zu verschiedener Gestaltung 
auffordert**, so bleibt er den Nachweis auch nur einer einsigen solchen 
Bildung gleichwohl vollständig schuldig. 

42) Man vgl. a 62 fi; mit b 885 f.; dazi; Nftgelsbach, Homerische 
Theologie p. 87 ff. Femer Aesch. Prom. 347 ff. und Hesiod Theog. 617 f. 
neben Herodot lY, 184. Zum Ganzen vgl. Preller, Griech. Mythologie. 
3. Aufl. I, p. 460 ff. 

48) Es ist nicht richtig, wenn Preller a. a. 0. I, p. 696 daraus fol- 
gert, es seien die Nymphen zugleich mit den Bergen erzeugt. 



Katurpenomfication in Poesie und Eonst der Alien. 301 

platz vergeben. Zeus, der Höchste, liebt es, auf ihnen zu thronen, 
weshalb demselben auf ihren Gipfeln zahlreiche HeiGgthümer er- 
richtet sind (PreUer a. a. 0. I, p. 93 u. 100 ff.; Paus. I, 32, 2; 
44, 9; n, 15, 3; 24, 3; 30, 4; 36, 2 u. s. £.); Artemis jagt in den 
Bergen, wie sie bei Eallimachos den Zeus bittet. 

H7mB.LDian.y.l5: Aöc hi ^ol d^9lTröXouc 'A^vidbac eTkoci vu^9ac, 

AYtc ^01 dvbpofiibac T€ xal ötthötc ^iik^ti XuTKac 
M/JT^ dXäqpouc ßdXXoiMi, 8oac Kuvac eu KO^^otev. 
Aöc bi \io\ oöpea Trävra. 

Dion/sos (öpeicpoiTtic u. oupeciqpoiTiic, Preller I, 650) und die 
phrygische Rhea (I, 526 ff.) durchziehen die Gebirge mit ihrem 
ThiasoB, yor allem bleiben sie aber, was sie schon bei Hesiod ge< 
wesen, die Wohnsitze der Nymphen und kein andrer Gott ist in den 
Bergen, besonders in hellenistischer Zeit, so heimisch als der ursprüng- 
lich specifisch arkadische Pan (Hymn. hom. XIX; Eur. Bacch. 951 f.; 
PreUer I^ 610 ff.). Den besten Beweis dafür, wie dem griechischen 
Volksglauben die Berge selber für todt galten, liefern endlich die 
thätigen Berge, die Vulkane. Wenn irgendwo, so hätte es hier doch 
n&he gelegen, den Berg als persönliches Wesen, als Gott zu fassen. 
Aber nein! die Berge selber bleiben indifferent und das Feuer, wel- 
ches sie aaswerfen, verursacht ein Ungethüm, welches unter ihnen 
begraben liegt*^), oder es befindet sich in ihnen die Esse des 
Hephaistos/*) 

Damit, dass der griechischen Mythologie Bergpersonificationen 
fremd sind — denn es giebt keine Personification sinnlicher Gegen- 
stfinde ausser durch die Mythologie — ist eigentlich schon das end- 
giltige Verdict über das überhaupt nicht Vorkommen derselben bei 
den Griechen gesprochen, ein Verdict, welches obendrein durch die 
Sprache, durch die Monumente und durch die Poesie bestätigt wird. 
Gegenüber der durchgehenden Weiblichkeit von Ländern und Quellen 
imd der durchgehenden Männlichkeit von Flüssen, ist tö dpoc selber 
Neutrum, and schwanken die Benennungen der einzelnen Berge in 
allen Genera. Femer ist uns in der gesammten statuarischen Kunst 
— die zusammenhängende Widerlegung entgegenstehender An- 
Balunen verschieben wir bis an den Schluss der Besprechung der 
Berge in der Poesie — eine Bergpersonification weder durch schrift- 
liehe üeberlieferung beglaubigt, noch unter unsem Monumenten 
sicher nachweisbar, womit auf das trefflichste übereinstimmt, dass 
selbst bei den spätesten römischen Dichtem, welche den reichsten 
(jebrauch yon Personificationen machen, doch nie diejenige eines 

44) Aesch. Prom. 368 ff.; Find. Pyth. I, 32 ff. c. Schol.; Ovid. Fast. 
1,678 f.; IV, 491; Metam. V, 848 ff.; Glaudian ed. Jeep. XXVII, 17 f.; 
VU, 161; XXXIU, 168 ff; XXXV, 166 ff. 

46) ApoUoD. Rhod. Ar^. IV, 761 f. c. Schol; Schol. ad III, 41: 
Evrip. CycL 699; Troad. 228; Caliim. hymn. in Dianam 46 ff. c. Schol. 
*^ 47; VergiL Aen. VIII, 416 ff. 



302 Adolf Gerber: 

Berges yorkommt. Denn der Tmolns des Ovid, vielleicbt entstanden 
aus dem Missyerständnisse eines Landesheros Tmolus in seiner Vor- 
lage, ist keine Bergpersonification , sondern ein Berggott, weil die 
Belebung des Berges Tmolus dadurch geschieht, dass dem Berg in 
der Wirklichkeit eine menschliche Gestalt als Ausdruck seines geisti- 
gen Wesens hinzugefügt ist« 

Metam.XI, 157: Monte suo senior iudex consedit, et aures 

Liberat arboribas. Queren coma caerula tantum 
Cingitur, et pendent circum caya tempora glandes/^) 

Ebenso sind auch die Berggötter der römischen Sarkophage, 
welche durch christliche Miniaturen^^) mit der Beischrift dpoc neben 
ähnlichen Gestalten sicher gestellt sind, keine Bergpersonificationen, 
sondern Berggötter, die nicht gleich LSndem und Flüssen in sich 
selber charakterisirt sind, sondern erst durch die Darstellung des 
realen Berges, auf welchem sie sich befinden, als solche erkannt 
werden können. Dasselbe ist endlich bei Philostratos der Fall, der 
wegen seiner späteren Zeit und wegen des Ortes der yon ihm 



46) Wieseler, Gott. Nachr. 1876 p. 66 u. 68 ff. Die Charakteristik des 
Tmolus ist 80 unbestimmt gehalten, dass es schwer ist, sich daraus ein 
Bild zu machen. Falsch ist es, wenn Wieseler p. 65 senior (y. 157) als Com- 
paratiy fasst und monte suo davon abhängig sein lässi Es ist vielmehr 
senior bei Ovid und Yergil eine häufige Bezeichnung ffir ältere noch 
rüstige Leute. Yerfleiche besonders Verg. Aen. VIll, 32, wo Tiberinns 
so genannt wird, dann Ovid Met. XY, 485. 838; Fast. lY, 516; Yerg. 
Aen. YI, 304; YIT, 46 und viele andre Stellen. Demnach ist monte suo 
zu consedit za ziehen. Es setzte sich also Tmolus auf seinen eigenen 
Berg und ist deshalb als Wesen ausserhalb des realen Berges zu denken. 
Wenn es gleichwohl nachher (y. 172) von seinem Urtheile heisst: 

ludicium sanctique placet sententia montis 
Omnibus, 

so lässt sich dieses Yerhältniss nur so erklären, dass der menschlich ge- 
staltete Tmolus als das geistige Wesen des Berges hier Berg genannt 
ist. Dem entsprechend ist es an einigen Stellen unbestimmt, ob der 
Dichter an die menschliche Gestalt oder an den realen Berg denkt 
Während Wiesel er z. B. (v. 157) die Worte aures liberat arboribus u. s. f. 
damit erklärt, dass der Berggott mit Kränzen verschiedener Bäume ver- 
sehen war, (üe er bis auf den Eichenkranz ablegt, eine jedenfalls sehr 
eigenthümliche Yorstellung, wird dort doch die Annahme näher liegen, 
dass dem Dichter einmal der reale Berg vorschwebte. Das ganze Ex- 
periment dürfte Ovid nach Analogie der Kunstwerke einmal versucht 
haben; da es aber misslich war, wurde es später bis auf Nonnos nicht 
wiederholt. Dieser Dichter, dessen Yorstellnnffen in dieser Hinsicht 
librigens ziemlich unbestimmt ausgesprochen sind (Dion XX Y, 14 f. und 
XLIY, 145), ist jedoch so spät, dass wir weder hier, noch anderswo auf 
ihn eingehen. 

47) Piper, Mythologie d. christl. Kunst II, p. 478 f. In einer Pariser 
Handschrift aus dem Anfange des zehnten Jahrhunderts finden sich die 
Beischriften öpoc Civd und öpoc BT)6Xe^fi bei einem Manne , welcher auf 
einem Fels gestützt mit der Rechten die Wurzeln eines Baumes fasdt, 
und einem andern, welcher in der Linken einen Baumzweig hält. 



Natarperaonification in Poesie und Kunst der Alten. 303 

beschriebenen Oemäldesammlung hier übrigens nicht für die Griechen, 
sondern nur für die Römer zeugen kann. Grosse Beachtung verdient 
es dabei, dass der Bhetor bei den Flüssen und Ländera die mensch- 
liehe Darstellung als selbstverständlich voraussetzt und sofort die 
Besonderheiten derselben schildert, bei einem Berge und einer Berg- 
warte dagegen das Vorhandensein einer menschlichen Gestalt immer 
besonders hervorhebt^); seine griechischen Leser dürften in der 
That einer solchen Hervorhebung einer ihnen unbekannten Gestalt 
bedurft haben. 

Auch die Betrachtung der Berge in der Poesie bestätigt wiederum 
die Unmöglichkeit nationalgriechischer Bergpersonificationen, wie sie 
anderseits das Vorkommen von Berggöttern bei den Römern be- 
gründete Die volle poetische Personificirung eines Berges scheint 
im Oedipus Tyrannos (v. 1086 ff.) vorzuliegen, wo der Chor den 
Kithairon mit steigender Empfindung TrarpiuiTav, Tpocpöv, ^aT^pa 
des Königs nennt und ihn durch nächtliche Reigen feiern will. 

Dadurch, dass dem männlichen Berge eine mütterliche Thätig- 
keit beigelegt wird, tritt er gewissermassen in die Reihe der Länder. 
Weil non aber die Mütterlichkeit den Bergen an und für sich nicht 
mkommt — der Kithairon hat nur ausnahmsweise dem Oedipus 
gegenüber diese Geltung — so konnte daraus doch keine Personi- 
fication entstehenu Ebenso wenig konnte dies geschehen, wenn schon 
Homer (6 47 u. a.) den Ida )üir)T^pa OripOüV nannte; denn erstlich 
kommt die Mütterlichkeit nicht den Menschen gegenüber zur Gel- 
tung und dann erschöpft dieselbe nicht das Wesen des Berges wie 
dasjenige des Landes. Im Uebrigen dürften sich nur uneigentliche 
poe^he Personificirungen finden. Wenn Agaue in den Bakchai 
ansnift: 

V. 1383 ff. "'eXGoijLii b* ÖTTOU 

M/JTC KiOaipibv jiitapöc [fi' Iciboi] 
Mrjre KiOaipujv* öccoiciv ^t^t 

oder wenn anderseits im Herakles mainomenos der Chor singt: 

V. 789 ff. (b TTuOiou bevbpum TT^rpa 

MoucOjv G' *€XiKUividbujv bui^ara 
"HHcT* €UTa0€i KcXdbijj, 

» 

60 ist an beiden Stellen zwar die Natur persönlich gedacht; nur da- 
durch aber, dass etwas an und für sich Lebloses belebt wird, zeigt 
der Dichter uns hier die überschwäugliche Freude wie dort das 
tiefste ScbtildbewQSstsein, und gerade letzteres hat vielleicht nie 
einen rührenderen Ausdruck gefunden, als in den nahe verwandten 
Worten des verzweifelnden Oedipus (Soph. 0. T. 1398 ff.): 



48) Vgl. Im. I, 14, p.316 1. 8 f.; 26, p. 331 1. 9 f.; II, 4 (s. o. p. 295} 
»H 1, 1, 6, 11, 17, 26; II, 8, 9, 14; inn. 1, 4, 8 (s. o. p. 279 ff.). 

i^krh. t elMS. PhUol. Suppl. Bd. XUI. 20 



304 Adolf Gerber: 

*Q xpeTc KdXeuOoi kqI KCKpumti^vri vdmi 
. Apujüiöc T€ Kat CT6VUJTTÖC iv TptiiXaic öboTc 
AI Toö^öv al^a tuüv i^fSjv x^^P^v diro 
*€ni€T€ TTttTpöc, äpd ^ou ^ii\xyr]cQ* Itx 
OV Ipya bpdcac u^\v elxa bcOp* Idiv 
*07T0i* dirpdccov aöGic 

Hätte ein Künstler die Aufgabe bekommen, eine der besproche- 
nen Scenen, denen wir noch den Abschied des Aias (Soph. Aj. 856 ff.) 
und Philoktet (Soph. Ph. 1452 ff.) hinzufügen möchten, dem Dichter 
entsprechend darzustellen, so durfte er nicht die Natur in mensch- 
liche Gestalten auflösen, weil er dadurch, dass er an diesen mensch- 
lichen Gestalten Affecte darstellte, etwas gethan hätte, was sein 
Vorbild ihm nicht bot (vgL p. 272); er musste vielmehr durch einen 
tief psychologischen Ausdruck der handelnden Personen die Phan- 
tasie anregen, sich das Uebrige zu ergänzen (vgL Brunn, Erste Ver- 
theidigung, p. 190. Orpheus). Solange die Natur nicht als Zu- 
schauer an allem, was um sie her vorgeht, theilnimmt und diese 
Theilnahme uns nicht vom Dichter besonders geschildert wird, 
solange dürfen wir überhaupt eine Berücksichtigung derselben als 
Antheil nehmend auch in der Kunst nicht erwarten. 

In der hellenistischen Epoche fassen wir den kalt reflectirenden 
Kallimachos und den sentimentalen Bion ins Auge. Jener dichtete 
in seinem delischen Hymnus, wie wir sahen, nicht wie Leto durch 
die einzelnen Länder irrt, sondern lässt zur Abwechslung einmal 
diese Länder mit ihren Flüssen und Bergen vor der Leto fliehen, 
aber wohlgemerkt, zusammenhängende Länder und Berge rein 
geographisch, die Flüsse und Quellen dagegen meist in mensch- 
licher Gestalt. 

V. 118: TTf^Xiov (b <l>iXupTic vujUKpf^iov, dXXot cu imeivov, 
MeTvov, inei kqi 8f|p€C iv oöpeci noXXdKi ceio 
'Q^OTÖKOuc ujbivac dTnipetcavTO X^aivat. 

Dagegen v. 75: 

0€Ot€ Kttl 'AOVIT] xdV ?Va bpÖ|iOV dl b* d9^TT0VX0 

AipKr) X€ Cxpocpir) x€ ^eXajLiM/r|9iboc ^xov^cai 
IcjuiiivoO x^po traxpöc 8 b* etTrexo ttoXXöv ömcGc^ 
*Acu)7rdc ßapÜTOUvoc, direl TreirdXaKxo Kepauvifi. 

Da nun jedoch die Berge sich zum grossen Theil in der Natur 
ebenso gesondert darstellen wie die Flüsse, so konnte Kallimachos 
ihnen ebensogut menschliche Gestalt leihen. Daraus dass er es 
gleichwohl nicht thut, darf man deshalb wieder darauf schliessen, 
dass die Kunst ihm keine Gelegenheit dazu bot. Anders Bion, wel- 
cher die ganze Natur um Adonis klagen lässt 



NatnrpersonificatioQ in Poesie und Kunst der Alten. 305 

IdylL I, 31: KdrOave b' ä ^op(pä cuv 'Abidvibi t&v Kuirpiv alai 
'Qpca ffdvra X^tovti Kai al bpüec al töv ''Abiuviv 
Kai 1TOTa^ol kXoiouci rd ir^vOea rdc 'Aq>pob(Tac 
Kai irayal töv ^'Abuiviv iv i&pcci baKpuöevri 
"AvOca b* ti öbüvac dpuOaiveTar d bt Kue/jpa 
TTdvrac dvd KvafLubc dvd träv vdiroc oiKtpov dürei. 

Wenn indess Berge und Bttume al töv ''Abujviv rufen, so wird 
doch, wie bereits p. 272 bemerkt, nor der natürliche Wi^derhall der 
Adonisklage denselben als bewusste Antheilnahme ausgelegt. Zu 
eoDstaüren ist hier dennoch der* erste Fall, wo die Natur ihrerseits 
an einem in den Kreis des menschlichen Lebens gezogenen Ereig- 
niBse theilnimmt, und es ist zuzugeben, dass eine Auflösung der 
Natur in menschliche Gestalten von Seiten des Künstlers dem Bilde 
des fibertreibenden Dichters wohl viel von seinem Schmelze nehmen, 
es aber niclit wesentlich verändern würde. Da jedoch anderseits die 
ganze Natur hier ihren Schmerz äussert, so war eine solche Auf- 
lösang sehr schwer, und speciell bei den Bergen dürfte, da eine 
Personificaüon derselben nicht nachweisbar, und eine Trennung des 
Körperlichen und Geistigen eines Naturgegenstandes auch nur den 
B6mem geläufig ist, eine bildliche Darstellung unmöglich ge- 
wesen sein. 

Nachdem somit eine Einzelbetrachtung die Unmöglichkeit von 
Bergpersonificationen und sogenannten Berggöttem bei den Griechen 
nur bestätig hat, bleibt uns noch übrig das Vorkommen von Berg- 
göttem bei den Bömem näher zu erklären. Es ist hier darauf hin- 
»weisen, wie die römische Naturanschauung zunächst, soweit sie in 
der Mythologie zum Ausdruck kömmt, von der griechischen grund- 
Terschieden ist Während der Grieche poetisch dachte, verfuhr der 
Bomer begrifflich. Jedem Gegenstande in der Natur gab er ge- 
wiflsennaseen eine lebendige Seele und gelangte so auch zu einem 
dem Montinus, lugatinus, Nemestrinus, einer Collina, Yallonia, 
Basina, Vibilia u. s. f. (Härtung, D. Religion d. Bömer II, p. 85 f.), 
eine Anschauungsweise, deren allgemeinster Ausdruck der genius 
loci ist Gegenüber den griechischen Landesheroen (s. o. p. 255, ferner 
Welcker a. a. 0. I, 96) besteht der ungeheure unterschied, dass 
(He genannten römischen Gottheiten nur als das lebendige Element 
bestimmter Theile der Erdoberfläche bestehen, während jene als 
diffionisch fortwirkende Verstorbene zu den materiellen Gegenden 
in gar keinem Yerhältniss stehen; die Tyche von Antiochia ist selbst 
später als genius Antiochenus nicht ein genius loci sondern das 
geistige Wesen der Bürgerschaft**) 

Auf der römischen Denkweise, dass jeder Theil der Erdober- 
fläche von einem Geiste beseelt sei, beruht wohl auch zum grossen 



49) Es ist beachtenswerth, dass die Tyche von Antiffonia mit der 
Bftrgencbaft dieser Stadt in Antiochia aufgenommen wurde. 

«0* 



306 Adolf Gerber: 

Theil die Naturanschaunng, welche sich bei den römischen Dichtem 
knnd thnt. Dieselben betrachten das Local immer als etwas mensch- 
lich Lebendiges, ohne sich dabei wie die Ghriechen anf bestimmte 
FäUe göttlicher Nfthe, Gesangeswirknng, grosse Erregung des Be- 
trachters oder Aehnliches zu beschrtfnken. In der fünften Ecloge 
des Yergil ist die ganze Natnr voll Jubel und Begeisterung. 

y. 62: Ipsi laetitia voces ad sidera iactant 

Intonsi montes; ipsae iam carmina rupes, 
Ipsa sonant arbusta. 

Besonders charakteristisch fdr das stete Antheilnehmen von 
Bergen an Allem, was auf ihnen vorgeht, sind zwei andere Stellen 
desselben Dichters. 

Eclog. VI, 29: Nee tantum Phoebo gaudet Pamasia rupes, 

Nee tantum Bhodope miratur et Ismarus Orphea 

ibid. VIII, 22: Maenalus argutumque nemus pinosque loquentis 

Semper habet; semper pastorum ille audit amores. 
Panaque, qui primus calamos non passus inertis. 

Bei Valerius Flaccus setzt der wegen des Verlustes des Hjlas 
rasende Hercules eine ganze Gegend in Schrecken, ja mit Götter 
und Menschen bitten auch Berge und Wälder nm die Befreiung des 
Promotheus. 

Arg. III, 584: pavet omnis conscia late 

Silva, pavent montes, luctu succensus acerbo 
Quid struat Aleides tantaque quid apparet ira. 

Arg. IV, 64: te cuncta precatur 

Gens hominum adque ipsi iam te, pater optime, montes 
Fessaque cum silvis orant iuga, sat tibi furtum 
Ignis et aetheriae defensa silentia mensae. 

Statius läs&v endlich mit den Nereiden die ganze Umgegend 
des Busens von Neapel den Wettkftmpfen in Sorrent zuschauen. 

Silv. III, 1, 144: Ipsae pumiceis virides Nereides antris 

Exilinnt ultro scopulisque umentibus haerent; 
Nee pudet occulte nudas spectare palaestras. 
Spectat et Icario nemorosus palmite Gaurus 
Silvaque, quae fixam pelago Nesida coronat. 
Et placidus Limon omenque Euploea carinis . . . 

Die wenigen Beispiele werden genügen, den gewaltigen Unter- 
schied darzulegen, welcher noch zwischen hellenistischer und römi- 
scher Naturanschauung besteht; erst bei den Bömem findet überall 
die eigentliche poetische Personificirung statt. Nachdem diese aber 
eingetreten und das Local der Handlung gegenüber zum Subjeot ge- 
worden, musste auch der Künstler, wenn anders er aus demselben 



Naturperflonification in Poesie und Kunst der Alten. 307 

Geiste schuf, nach Gestalten streben, die ihn in den Stand setzten, 
die menschlichen Empfindungen des Locals zu zeigen. Wfthrend sich 
ihm aber bei Flüssen und Quellen z. B. die Flussgötter und Nymphen 
darboten, war ibm eine Bergpersonification nicht nur nicht von den 
Griechen überliefert, sondern dem indifferenten Charakter der Berge 
gemSss überhaupt nicht darstellbar^ er half sich deshalb damit, dem 
realistisch angedeuteten Berge zum Ausdrucke seiner geistigen 
Empfindung eine menschliche Gestalt hinzuzufügen. Oyid hat, wie 
oben p. 302 berührt, nach Analogie der Kunst einen solchen Berg- 
gott geschildert, und auch dort nur in recht unbestimmten Zügen; 
im Allgemeinen konnte der römische Dichter dagegen diesen Noth- 
behelf der Kunst, welcher ihm keine Gestalt für den Berg selber 
bot, nicht brauchen, und so blieb bis in die spätesten Zeiten der 
römischen Poesie, wo sonst möglichst viel personificirt wurde, den- 
noch den Bergen ihre natürliche Gestalt. Gerade so wie die Berg- 
götter erklärt sich endlich auch die Darstellung des Campus Martins 
(Bossini: arc. trionphal. t. 49; Miliin G. M. 180, 682), wo ein Jüng- 
ling am Obelisken ruht; ebenso vielleicht sogar die A€tfiuiV€C, des 
Fhilostratos^), sofern dieselben überhaupt personificirt waren oder 
nicht auch auf einem ähnlichen Irrthume des Rhetors beruhen, wie 
er in neuerer Zeit bei den NOMAI der Odysseelandschaften vor- 
gekommen. 

Auf Grund der von uns bisher gewonnenen Resultate gehen 
wir endlich an eine genauere Prüfung derjenigen Bergpersonifica- 
tionen und Berggottheiten, welche man in der Kunst angenommen 
bat. Eine Heihe von Bergpersonificationen erkennt zunächst Brunn 
i^MOnch. Akad. Sitzb. 1874. p. 14 f 28 ff.) am Parthenon. 

Bei dem sogenannten Theseus des Ostgiebels dürfte das 
Kfinstlerische allein kein ausreichender Grund sein, ihn für den 
Olympos zu halten, da die Festigkeit seines Körpers zunächst nur 
^ea weichen Formen des Flussgottes gegenüber bedeutsam hervor- 
tritt und bis zu einem gewissen Grade kräftigen männlichen Ge- 
stalten in der Kunst des Phidias überhaupt eigenthümlich sein dürfte. 
Im Westgiebel darf man an dem Kern der Brunn*schen Deutung, 
<ia8t auf beiden Flügeln Gestalten des attischen Landes gegeben 
i^en, gewiss nicht zweifeln. Da aber Bergpersonificationen, die hier 
«mst vorliegen würden, weder überhaupt, geschweige denn zu so 
froher Zeit nachweisbar sind, so dürfte es vielleicht gestattet sein, 
<^filr Landesgötter und Landesheroen zu erkennen. Durch diese, 
alb die idealen Vertreter ^es Landes, konnte der Künstler sehr wohl 
auch auf das wirkliche Land hinweisen, dessen äussere Erscheinungs- 

60) Im. II, 4 f. p. 846 1. 16. Wir können, wie es auch von Welcker 
K^tcbehen, in den Worten des f'hilostratos keine Personification erkennen. 
W&hRnd bei den Bergwarten und Qnellnymphen menschliche Affecte 
■tattfinden, fehlt ein soloher bei den Wiesen. Das Welken der Blumen 
kommt vielmehr einer realen Wiese zu. 



308 Adolf Gerber: 

formen er durch menschliche Gestalien weder ausdrücken wollte 
noch konnte. 

Der oultusflüiige Berggott, welchen Wieseler (Abh. d. kgl. 
Ges. d. W. z. Göttingen b. XX) auf einem Votivrelief aus Megara 
erkennen möchte, beruht anf blosser Hypothese, ohne dass innere 
Gründe zu dieser Annahme zwingen. Die zarte knabenhafte Gestalt 
am famesischen Stiere (Mus. Borb. XIV, 6), welche man von einigen 
Seiten für die Personification des Eithairon genommen, ist vielmehr 
ein Hirt. Das beweisen die Hirtenflöte und der Hund, der nach 
Overbecks Mittheilung (Gesch. d. Plastik* 11, 249), dass derselbe 
von einem grossen noch heute in Griechenland heimischen Ge- 
schlechte ist, nur zum Hirten gehören kann.^^) Gehört aber der 
Hund und das Debrige zum Knaben, so ist die Möglichkeit, ihn für 
eine so begriffliche Gestalt wie einen Berggott zu erkl&ren, hinfällig. 
Die bakchische Kleidimg und Bekrftnzung erregt auf einem bakchi> 
sehen Berge und bei einem Ereignisse, das während einer bakchi- 
schen Feier statt findet, durchaus kein Aufsehen. Der Hirt, das 
schroffe Felsterrain und die Thiere an demselben, dienen demnach 
zu einem Hinweise auf die Bergweiden und Bergwftlder des Kithairon, 
dessen eigne Personification der Künstler nicht hat setzen könncD, 
weil er sie nicht hatte. Der Berggott der Odjsseelandschaften ist 
zu schlecht erhalten, um zu sagen, ob er einen Hirten vorstellen 
soll, wozu sich das Grössenverhältniss besser eignete, oder ob er auf 
der uns vorliegenden Copie schon als Berggott gefasst ist, wozu ein 
römischer Copist ja geneigt sein konnte. Für die Erfindung beweist 
das um so weniger etwas, weil der Maler doch wohl auch hier durch 
eine Buchstabeninschrift seinem Publikum zu Hilfe gekommen wäre; 
übrigens müsste die erwähnte CKOtrirj oder ir^rpti auch eine weib- 
liche Gottheit hervor gerufen haben (vgl. 0. Jahn, Arch. Beitr. 
p. 291. Anm. 101). 

Der Berggott der Fiooronischen Ciste ist keineswegs sicher, 
man könnte in ihm z. B. einen Agon stephanephoros sehen; gesetzt 
jedoch es sei die Figur wirklich ein Berggott, so müssen wir daran 
erinnern, dass auf praenestinischen C^^ten eine solche Gestalt durch 
italischen Einfluss entstehen konnte. Denn, wie der griechische 
Künstler äussere Dinge gleich der buUa und dem Kranze italischen 
Sitten entnahm, so konnte er nicht minder hinsichtlich der Gestalten, 
welche er darstellt, durch italischen Volksglauben beeinflusst wer- 
den — Silen als Quellgott auf dieser Ciste, auf der Aeneasoiste 

61) Wieseler (Einige Bemerk, über d. Darst. d. Bergg. in d. class. 
Kunst. Nachr. v. d. kgl. Gee. d. W. 1876, p. 67 f.) besieht den Hund 
fälschlich auf Zethos. DafQr, dass der Hirt die Syrinx nicht in der 
Hand hat, vergleiche man eine arkadische Münze bei Mionnet D. d. M. 
11, p. 244, 7. Enr. Bacch. 726 weist femer der Ausdruck: tröv cufißdicxcu' 
öpoc — ganz anders heisst es bei Philostratos, Im. I, 14: if^ Ti^ ^T^ 
cu^ßaKxeOcci — darauf hin, dass nicht an eine Personification des Berges 
zu denken ist, sondern mehr an den Berg ringsum, alles auf dem Berge. 



Naturpersonification in Poesie und Kunst der Alten. 309 

(Mon. d. Inst. VIII, 7 u. 8) und noch einer dritten (a. a. 0. VI, 40) 
dürfte 2. B. schon vielmehr italisch als griechisch sein — ; arbeitete 
er doch zwar mit griechischer Meisterschaft der Technik, aber für 
italische Abnehmer. Femer ist in neuester Zeit (a. a. 0. XI, 3; 
Ann. d. I. 1879 p. 41 ff.) auch auf einem Spiegel von Bolsena eine 
Berggottheit erkannt. Die dafür in Anspruch genommene auf einer 
Erhöhung über der säugenden Wölfin gelagerte, mit einem sehr 
eigenthflmlichen Hute versehene jugendliche männliche Gestalt ist 
jedenfalla keine abstracto Localpersonification nach Weise der Berg- 
götter rdmischer Sarkophage, sondern, vorausgesetzt, dass Klueg- 
nuum's Erklärung richtig ist, eine wirkliche mythologische Oott- 
heit eines Berges, wie sie der römischen Mythologie keineswegs 
fremd ist 

Auch die philostratischen Gemälde können, ihre hellenistische 
Erfindung angenommen, gleichwohl nicht für hellenistische Berggötter 
zeugen. Die Gemälde sind Copieen auf ursprünglich grossgriechi- 
6ehem aber später sicher von römischen Anschauungen durchdrunge- 
nem Boden, und der beschreibende Bhetor gehört einer schon ziem- 
lich späten Zeit an. Niemand bürgt uns z. B. dafür, dass die von 
ihm als Olymp (I, 26) bezeichnete Gestalt richtig interpretirt ist 
Qjid gesetzt, sie sei richtig gedeutet, dad^ auf dem Originale — man 
copirte ja überhaupt nicht peinlich genau — nicht eine ähnliche 
Gestalt, etwa ein Hirt sich an ihrer Stelle befand. Auffällig ist es 
sock , dasB Fhilostratos die Geburt des Hermes auf den Olymp ver- 
legt, während sie sonst nach zahlreichen Zeugnissen auf der Eyllene 
localisirt war. Geradezu bedenklich scheint dagegen die Deutung 
zweier Figuren der Dionysosgeburt auf Eathairon und Megaira (1, 14). 
Auf dem Gipel des Berges besingt Pan den Dionysos in bakchischem 
Tanze, nicht mehr auf dem Gipfel also befindet sich ein Mann von 
klagendem Gesiohtsausdrucke mit einem Epheukranze, der ihm vom 
Haupte sinken will, und neben ihm eine weibliche Gestalt, die gleich- 
zeitig eine Tanne pflanzen und eine Quelle hervorrufen soll. Der 
Mann wird auf Eithairon gedeutet, der das Leid beklage, was we- 
nige Zeit später auf ihm geschehen würde, das weibliche Wesen soll 
die Furie Megaira sein, welche durch Tanne und Quell* auf Pentheus 
oad Aktaion hinweise, Dass Jemand zugleich eine Tanne pflanzt 
und eine Quelle hervorruft, ist indess sehr schwer möglich, ein 
grösserer Widerspruch liegt aber noch in dem tanzenden Pan und 
dem klagenden Kithairon. Brunn (Erste Yerth. p. 270) hat nun 
gewiss Becht, wenn, er darauf hinweist, wie Pentheus und Aktaion- 
episode zur Geburt des Dionysos als Theile der FamiHensage des 
Eadmos in Beziehung stehen. Konnte aber in diesem Falle nicht 
der Künstler diese Scenen selber darstellen, statt sich mit einer auch 
f^ den Antiken doch fast zu unbestimmten Andeutung zu begnügen? 
und was soll der tanzende Pan dabei? Brunn selber hat später 
(Zweite Yerth. p. 101) die Frage aufgeworfen, ob nicht an Stelle 



310 Adolf Gerber: 

der Megaira eine Nymphe zu erkennen sei, worin gewiss wieder bei- 
zustimmen ist, abgesehen von der Benennung Megara, da man von 
eigentlichen Landesnymphen, d. h. der Darstellung eines Landes 
durch eine eigentliche Nymphe mit Quelle oder Wassergeföss nicht 
sprechen darf (vgL p. 257). Wir möchten vielmehr auf dem von 
Brunn gezeigten Wege noch weiter fortschreiten, und nicht allein 
die Megaira als Nymphe, sondern noch dazu den Kithairon als Fluss- 
gott erklären, indem wir die Quelle mit zu diesem herüberziehen 
und die Tanne als Localbezeichnung des Eithairon nehmen (Eur. 
Bacch. 1052 ireuKr) für Phil. dXdT?i). Damit fallen alle Schwierig- 
keiten. Nun ist der traurige Ausdruck des Berggottes, weil ein 
solcher beim Flussgott typisch ist, nicht mehr auffallend; es löst 
sich der Widerspruch zwischen einem fröhlichen Fan und einem jetzt 
nicht mehr trauernden Localgott« Weil Fan auf dem Gipfel tanzt, 
passt ebenfalls der Bergeshang, an dem wir demnach die auch 
sonst häufige Gruppe von Flussgott und Nymphe finden, sehr gut 
als Ort einer solchen, während ein Berggott an der Stelle und neben 
dem griechischen Berggott Fan sehr merkwürdig wäre. Wir ver- 
lieren jetzt freilich die weiteren Beziehungen, wozu vielleicht jedoch 
nur die Tanne die Fhantasie des gelehrten Rhetors verleitete, aber 
wir beseitigen dafür die inneren Widersprüche. Mag man unsere 
Deutung für wahrscheinlich halten oder nicht, keinenfalls ist hier 
eine schon im hellenistischen Originale vorhandene Bildung eines 
Berggottes gegenüber den wichtigen Bedenken, welche derselben 
entgegenstehen, sicher bezeugt. Der Isthmos (II, 16, p. 363 L 14 f.) 
ist mehr ein allgemeiner Ausdmck für eine Landenge als gerade 
ein Berg; es ist vielleicht sogar nicht gänzlich ausgeschlossen, dass 
der männlichen Gestalt ursprünglich Foseidon als Vertreter des 
Isthmos und Eorinths zu Grunde liegt, wenn auch derselbe als wirk- 
licher Gott sonst nie gelagert erscheint. Die ganze eigentlich über- 
flüssige Gruppe — denn der Ort ist durch den Mythus klar — 
macht einen so begrifflichen Eindruck, dass sie nur Römischem ver- 
glichen werden kann. Auch hier ist ein Stützpunkt gegen unsere 
Aufstellungen nicht zu finden, wie uns ja überhaupt nichts verbieten 
darf, bei dem Rhetor, welcher zwar noch im Alterthume selber steht., 
dafür aber noch nicht die auf streng historische Grundsätze begrün- 
dete heutige archäologische Interpretation kennt, dieselben Irrthümer 
anzunehmen, welche, wie wir im Folgenden sehen werden, Heibig 
und andere in unsem Tagen in ausgedehntester Weise begangen 
haben dürften; es ist nur zu leicht möglich. Gestalten, die einem 
geläufig sind, auch dort zu finden, wo ihre Annahme nicht statthaft 
ist. So kommen wir endlich zu den Berggöttem auf campanischen 
Wandgemälden. 

Auf drei Büdem (Heibig, Eatal. n. 821—823. Atlas t. IX. 
Mus. Borb. I, 24), wo Gruppen von Jünglingen und Jungfrauen mit 
Erotennest dargestellt sind, sitzt der präsumptive Berggott in einer 



Natoxpersonification in Poesie und Kunst der Alten. 311 

Venuida; auch Wieseler's Bettungsy ersuch, der Berggott sei mit 
seiner Gefthrtin in einen künstlichen Bau am Fusse des Berges 
herabgestiegen, ist bei der durchaus begrifflichen Natur einer solchen 
Gestalt vergeblich; es dürften wegen des Pedums Hirten zu erkennen 
sein. Eine bartige epheubekr&nzte Figur (Heibig n. 970. Pitture 
d. Ercol. n, 10) mit Nebris und Satyrohren ist eben ein Satyr und 
kein Berggott. Auf einem Bilde (Heibig n. 1279. P. d. E. III, 53), 
welches ein Baumheiligthum darstellt, neben welchem ein Hirt 
— schwerlich gerade Paris — sitzt, liegt im Hintergrunde ein be- 
krSnzter bftrtiger Mann. Da derselbe nun die typische Lage der 
Flassgötter tö ic äxKUUva einnimmt und sich nicht etwa auf deih 
Berge, sondern am Fusse eines solchen befindet, scheint hier die An- 
nahme eines Flussgottes den Voraug zu verdienen. Der musicirende 
Hirt eines Parisurtheils (Heibig n. 1285. Mus. Borb. X, 25) end- 
lieh dient, eben wie ein andrer in einer Darstellung der Medusa- 
tödtong (Heibig n. 1182), zur Bezeichnung der NOMAI. Trotzdem 
also BerggOtter durch römischen Einfluss sehr wohl am Vesuv sich 
finden konnten, scheint doch selbst dort kein sicheres Beispiel vor- 
zukommen. 

Eine fernere indirecte Bestätigung der Nichtexistenz von Berg- 
personificaüonen oder auch nur Berggöttem in hellenistischer Zeit 
beruht darauf, dass die Künstler in einigen FftUen, wo wir das 
Streben erblicken, einen Berg zu bezeichnen, dies in anderer Weise 
gethan haben. Von der Basis des famesischen Stieres ist bereits 
oben gesprochen. Femer gehört hierher eine von Libanius (Antioch. 
I, p. 311 Beiske) beschriebene antiochenische Bronzegruppe, welche 
den Antiochos Epiphanes darstellte, im Begriffe einen Stier zu bän- 
digen, weil er den Berg Tauros von Räubern gesäubert hatte. Hätte 
sieh der Kfinstler wohl mit dieser, wie Heibig (Untersuch, p. 183) 
mit Recht bemerkt, sehr frostigen Anspielung begnügt, wenn er eine 
Personification oder einen Gott des Tauros gehabt hätte, den er 
etwa zu Antiochos in Beadehung setzen konnte? Eine ähnliche bloss 
etjrmologische Anspielung finden wir noch einmal auf dem hercula- 
otgchen Oemftlde der Telephusgeburt. Dort wird durch die Parthenos 
des Himmels, welche Robert (a. a. 0. p. 247 u. Fr. IX, p. 84) sicher 
richtig in einer neben einem Berge herabschauenden geflügelten 
wablichen Gestalt mit Aehren in der Hand erkennt, der betreffende 
Berg als Parthenion bezeichnet. Was hat nun aber die himmlische 
Parthenos mit dem Berg Parthenion zu thun? An und für sich 
gar nichts! denn die Vorstellung, sie sei die Göttin des Berges, ist 
anbereehtigt. Vielmehr scheint eben die etymologische Verwandt- 
eehaft der beiden Worte die Veranlassung zu solcher Verwendung 
gegeben zu haben, und die Gestalt der Parthenos setzte den Künstler 
in den Stand, seine Absicht, den dargestellten Berg als das Parthe- 
nion zu bezeichnen, an Stelle einer Buchstabeninschrift, bildlich in 
uunuthigster Weise zum Ausdruck zu bringen. So dienen auch 



312 Adolf Gerber: 

solche Beispiele, die vielleicht noch zu vermehren sind, dazu, in in- 
directer Weise das Nichtvorhandensein von Bergpersonificaiionen 
und Berggöttem im Hellenismus zu bestätigen. Nachdem wir so- 
mit nachgewiesen haben, dass die Ergebnisse, welche wir durch eine 
Betrachtung der griechischen Mythologie und Poesie gewonnen hatten, 
auch mit den Kunstwerken nicht in Widerspruch stehen, — das 
Oegentheil wfire auch unerkl&rlich — wenden wir uns zum Scbluss 
zu den Berggöttem der römischen Kunst. 

Auch hier müssen wir nach dem rein begrifflichen Charakter 
der Berggötter, manche Gestalten, die bisher so genannt sind, ab- 
weisen, wenn es auch in einigen Fällen wegen der Schablonen- 
massigen und verständnisslosen Ausführung mancher Sarkophage 
schwer wird, eine sichere Entscheidung zu geben. Um mit dem 
Positiven zu beginnen, halten wir für Berggötter allein diejenigen 
bisher so gefassten Figuren der genannten Monumente, welche we- 
der als Jäger, nach als Hirten, noch auch mit den Attributen einer 
Flussgottheit versehen, auf einem erhöhten Terrain sitzend dar- 
gestellt sind. Diese können jugendlich oder bärtig sein, nackt oder 
mit einem leichten Gewandstück umhüllt; sie können einfach da- 
sitzen oder auch mit dem Arme in einen Baum fftssen, vollständig 
unbewegt erscheinen oder ihre Theilnahme in Mienen und Haltung 
oder durch leichte Bewegung zu erkennen geben; ob es endlich auch 
weibliche Berggottheiten giebt, wogegen an und für sich nichts ein- 
zuwenden wäre, wagen wir nach der blossen Beschreibung zweier 
Münzen von Scepsis (Mion. D. d. M. II, 670 n. 257; Suppl. V, 680 
n. 506) aus der Zeit des Caracalla nicht zu entscheiden. 

Nicht als Berggötter fassen wir dagegen zuerst die männlichen 
und weiblichen Gestalten mit dem Attribute einer Urne, welche man 
als solche in Anspruch genommen hat. Wieseler sieht in ihnen 
Bergwassergötter bezw. die „Nymphe des Bergwaldes^'. Es giebt 
nun aber wohl Nymphen und Quellen auf einem Berge, aber durch- 
aus nicht einzelne Nymphen als Personificationen eines grösseren 
Bergtheiles. Während femer Nymphen und Flüsse wie die zahl- 
reichsten Beispiele ^^) in der Poesie beweisen, zusammengehören, 
widerstrebt die Verbindung eines Berggottes mit einer Nymphe der 
gänzlich verschiedenen Natur der beiden. Der Berggott ist, wie wir 
gesehen haben, nur ein abstracter Ausdruck des geistigen Wesens 
des Berges, jene dagegen entweder eine Quelle oder fast noch häu- 



62) Die Verbindung der Flnssgötter und Nymphen ist am weitesten 
durchgeführt bei Claadian. Der Tiber überläset z. B. geradezu seine 
Urne den Nymphen (I, 211): 

Ilicet herbis 

Pallentee thalamos et structa cubilia mnsco 
Deserit ac Nymphis urnam commendat erilem. 

In der Götterversammlung (XXXVI, 16 f.) stützen sich die Nymphen anf 
ihre Väter, die Flassgötter. 



Natarperaonification in Poesie und Kunst der Alten. 313 

figer ein freies göttliches Wesen. Endlich kommt dazu die Schwierig- 
keit, solche Fftlle zu erklären, wo der vermeintliehe Berggott eine 
weibHche Gestalt mit Urne ist (Gerh. A. 6. 38; MiUin G. M. 35, 
117; Clar. M. d. sc. lU, 67 u. 68; Wieseler a. a. 0. p. 73. 79. 85). 
Wenn wir dagegen hörten (p. 275), dass Yalerius Flaccus (U, 537 
summis coUibus) auch Flussgötter auf Bergen anführt, so werden 
wir in den genannten Gestalten ebenfalls männliche bezw. weibliche 
FIqss- und Quellgottheiten erkennen dürfen, eine Erklärung, mit 
der sich alle Schwierigkeiten lösen. Dass solch* ein sitzender Fluss- 
gott einmal gleich einem Berggott eine Pinie neben sich hat (Clarac 
216, 31), erklärt sich durch die schablonenhafte Ausführung von 
dergleichen Figuren oder dadurch, dass der Arbeiter vielleicht zuerst 
einen Berggott darzustellen beabsichtigte. Ein Pinienkranz (Clar. 
114, 67) kann andererseits einem Flussgotte ebensogut zukommen 
wie ein Weiden- oder Pappelkranz, insofern diese auf ein Ufer mit 
Weidengebttsch oder Pappeln weisen, jener dagegen auf eine Um- 
gebung von Pinien.^ 

Nicht minder als bei den Flussgottheiten ist bei den als Jäger 
oder Hirten charakterisirten Gest-alten die Bezeichnung Berggott zu 
TOTwerfen. Wo wäre die Grenze, dass man sagen könnte, dieser 
Hirt ist ein Berggott, jener aber ein Hirt? Jäger und Hirt und 
Heerde dienen vielmehr nicht als Personificationen oder Berg- 
götter, sondern zur Bezeichnung von Bergwäldem und Berg- 
weiden, wie uns die römische Poesie die Hirten auch als Zuschauer 
bei mjihologischen Ereignissen zeigt, während das Zusammensein 
von Hirt und Nymphe oder Hirt und Hirtin besonders durch die 
alezandrinische Poesie vorgebildet war. Unserer Deutung werden 
sich, wenn wir zum Schluss einen Blick auf die von Wieseler als 
Berggötter in Anspruch genommenen Jäger und Hirten werfen, keine 
Schwierigkeiten entgegenstellen. Ueber den Kithairon und einige 
sogenannte Berggötter auf pompejanischen Wandgemälden ist bereits 
gesprochen. Der Haimos auf römischen Münzen von Nicopolis in 
Moesia inferior (Mus. Sanol, t. XXVH, 269), der durch Chlamjs, 
Speer und Jagdstiefeln deutlich als Jäger charakterisirt ist, dürfte 
vielmehr der Heros dieses Namens, Sohn des Boreas und der 
Oreiihjia sein (Steph. Byz. Ethnicorum q. s. Meinecke I, p. 50); so 
fassen um auch das Mus6e Sanclement und Friedländer und Sallet 
(d. kgL MOnzcab.' p. 224). Denn wo ein Berg dargestellt werden sollte, 
bildete man diesen in natura, wie Münzen mit dem Berge Argaeus 
and vielleicht auch der TTeiuiv '€q)€Ciu>v") (Mion. D. d. M. VI, 4 n, 1) 



53) Die PinuB silvestris (picea) kennt Ovid. Met. III, 156 ff. an 

Qoelle. 
64) Weon hier Jemand den Flussgott unten am Berge weisen der 
flir den Beig TTciuiv halten wollte, so könnte man mit dem- 
■clben Beehte auch die zweite Figur, den Zeus, TTciurv nennen. Da dies 
nicht möglich ist, kann anch das andere nicht zwingend sein und steht 



314 Adolf Gerber: 

zeigen; hier fehlt dagegen jede Andeutung eines Berges — das Ge- 
birge Haemus ist überdies weit von Nicopolis — , während Steinsitz 
und Bär sich für einen Jäger vortrefflich eignen. Die herakleiscbe 
Figur (Gerb. A. B. 40; Jahn a. a. 0. p. 61 ff.), welche bei dem Be- 
suche des Mars bei der Rhea Silvia neben einer weiblichen Gestalt 
dargestellt ist, dürfte in einer so specifisch römischen Scene doch 
wohl auf den auch sonst mit Nymphen zusammen dargesteUten 
Hercules als ländlichen Gott gehen; die Annahme eines Hirten ist 
hier jedenfalls noch schwieriger; die eines Berggottes eben wie in 
den folgenden Fällen ganz unstatthaft. Der sogenannte Berggott 
des ludovisischen Parissarkophages (Mon. d. Inst. HI, 29) ist wohl 
am wahrscheinlichsten ein Jäger, während man die hinter ihm 
stehende Gestalt wegen des Pedums vielleicht eher für eine Hirtin, 
als eine Nymphe nehmen darf. Der von Wieseler (a. a. 0. p. 63 f.; 
Denkm. d. alten E. 11, 66, 841) auf einem Prometheussarkophage 
erkannte Mosychlos, beruht endlich nur auf Hypothese. Obwohl 
allein die römischen Berggötter vollauf Stoff für eine grössere Ab- 
handlung bieten, müssen wir uns hier doch mit dem wenigen Ge- 
gebenen begnügen und eine weitere Ausführung auf eine eventuelle 
ausführlichere Bearbeitung der gesammten Naturpersonification in 
Poesie und Kunst der Alten versparen. 

Ein Bückblick auf unsere Untersuchung zeigt, abgesehen von 
den auf der Verschiedenheit der Sprache der Poesie und der Kunst 
beruhenden Differenzen, die nothwendige innere Uebereinstimmung 
zwischen beiden. Bei den Griechen waren die Berge in Poesie und 
Kunst in gleicher Weise weder zu regelmässiger Personificirung 
noch zu Personificationen gelangt, nur dass, wie ein Grabhügel selbst- 
redend eingeführt wird, so auch Bergen uneigentlich Persönlichkeit 
geliehen wurde. Im hellenistischen Idyll wurde zwar bei besonderen 
Veranlassungen mit der ganzen Natur auch den Bergen eine activ 
ihre Empfindung äussernde Persönlichkeit gegeben, aber wie gesagt, 
nur in besonderen Fällen, und dann in echt poetischer Weise mög- 
lichst im Anschluss an die Natur des Berges; die hellenistische 
Kunst zeigte nichts Entsprechendes, weil die poetische Personificirung 
noch keine allgemeine bei jedem Ereignisse und Zustande eintretende 
war, weil eine Personificaüon eines Naturgegenstandes auf ausser- 
mythologischer Grundlage überhaupt nicht vorkam, und auch die 
begriffliche Scheidung eines körperlichen und geistigen Wesens der 
Naturgegenstände den Griechen fremd war. Ganz anders die Römer! 
Sie behandeln die Berge an und für sich als lebendig, als Dinge, 
die ebensogut wie die Menschen an allem theilnchmen, was um sie 



nichts im Wege, die Bezeichnung TTcCujv auf den realistisch dargestellten 
Berg zu beziehen, auf dessen Gipfel Zeus thront, an dessen Fusse aber 
ein FluBSgott ruht. Der Fluss ist ebenfidls bei der Ephesos der puteo- 
lanischen Basis angedeutet. Vgl. Mus. Sanclemeni XXVII, n. 266: 
mons Argaeus cum templo ad eius radices et eimulacro in vettice. 



NaiarperBOnification in Poeeie und Kunst der Alten. 315 

vorgeht Während der Dichter den natürlichen Berg poetisch per- 
sonifidren konnte, mnsste der Künstler, dem eine Personification von 
den Griechen her in diesem Falle nicht zu Gebote stand, zu einer 
den Mitteln seiner Darstellung entsprechenden Aushilfe seine Zu*, 
flucht nehmen; er machte den Berg dadurch empfindungsfähig, dass 
er dessen realistischer Darstellung eine menschliche Gestalt hinzu- 
fügte, die gewissennassen das geistige Wesen des Berges bezeich- 
nete und deren Affecte die ihres Locals waren. Während die 
römische Poesie sich endlich der Naturpersonificationen in aus- 
gedehntester Weise bediente, yerschmähte sie es mit einer einzigen 
Ausnahme stets von diesem Nothbehelfe der Kunst Gebrauch zu 
machen. 

Nachdem wir die Einzelbetrachtung deijenigen Theile der Natur, 
welche den Gegenstand unsrer Untersuchung bilden sollten, zu Ende 
gef&hrt haben, ziehen wir zum Schlüsse aus den dabei gewonnenen 
Einzelreaultaten einige allgemeine Folgerungen für die Personification 
der landschaftlichen Umgebung und die damit eng verbundene Frage 
nach der landschaftlichen Natnranschauung der drei Haupi^erioden 
des Alterthnms. 

Während der moderne Mensch die ganze Natur als etwas Ein- 
heitliches betrachtet, und das heimliche Wirken und Weben des 
Naturgeistes, welches sich der Yerstandesauffassung entzieht, das- 
jenige ist, was sein Gemüth anzieht — meistens wird dazu noch ein 
Stück Sentimentalität kommen — ist nicht allein der Sinn des 
Griechen, sondern auch der des Alexandriners und Bömers auf das 
fiiOKehie in der Natur gerichtet (Julius Caesar, Zschr. f. d. Alter- 
Ihumsw. 1849 p. 511 ; Schnaase, Gesch. d. bild K. II, 135 f.). Von 
diesem gemeinsamen Grundzage ausgehend, zeigt die Naturanschauung 
der Terschiedenen Epochen des Alterthums manche, wenn auch we- 
niger bedeutende Gk^ensätze, als man angenommen hat. 

Die Naturanschauung der Zeit von Homer bis Alexander soll 
Sieh weit verbreiteter Meinung eine vorwiegend anthropomorphische 
gewesen sein. Woermann^) spricht bei den Griechen dieses Ab- 
»hnittes oftmals von einer Auflösung der Natur in menschliche Ge- 
stalten; Schnaase^^) artheilt, dem Griechen sei die äussere und 
innere Welt nicht in ihrer wahren Gestalt erschienen, sondern zu 



66) Landschaftl. Naturünn p. 67; Kunst in d. Landschaft p. 128 f. 
206. 414. p. 806 heisst es z. B.: ,jSo lange der Blick des Beschauers 
binter jeder landacbaftlichen Erscheinung die mythische Personification 
oblickte, die Oreaden, die Dryaden, die Satyrn, die Tritonen, die Ne- 
reiden, &nd er keine Neigung, an den realen Formen der Landschaft 
haften sa bleiben.*' 

66) A. a. 0. p. 96. Y^l. auch 96: „Man dachte sich, wenn man es 
neh nicht so anssnrach, die moralische Welt ebenso wie die physische 
Kitor als eine Ffllle einzelner, menschenähnlicher, selbständiger Figa» 
na n. s. t" 



316 Adolf Gerber: 

menschenähnlichen Wesen yerkörpert; Victor Hehn^^) endlich geht 
soweit zu behaupten, die reale Welt sei von einer zweiten mytho- 
logischen Welt gleichsam überbaut und durch sie dem Blicke ent- 
zogen gewesen. Eine anthropomorphische Naturanschauung in aplchem 
Sinne ist jedoch einmal schon an sich unwahrscheinlich, weil sie 
etwas Ungeheuerliches, den Menschen Bedrückendes haben müsste, 
dann steht sie aber auch mit der Thatsache, dass den Griechen ein 
offenes Auge und ein inniges OefÜhl für die wirkliche Natur in ganz 
besonderem Orade eigen war, in directestem Widerspräche. Wäh- 
rend Woermann gleichwohl einerseits dadurch, dass er die Innigkeit 
des nationalgriechischen Naturgefühls abschwächt, besonders aber 
wohl desswegen, weil er sich das, was er anthropomorphische Natur- 
anschauung nennt, nicht klar definirt hat, eben diese anthropo- 
morphische Naturanschauung auch fernerhin den Griechen zuschreibt, 
dürfen wir jetzt auf Grund unsrer Nachweise eine derartige An- 
nahme bestimmt zurückweisen und vermögen dadurch den ganzen 
Widerspruch zwischen anthropomorphischer und landschaftlicher 
Naturanschauung zu lösen. Die wirkliche Natur bildet den Hinter- 
gnind für das Leben der Menschen; in ihr walten auch die zu freien 
Individualitäten gewordenen Götter in voller Göttlichkeit, unbeküm- 
mert um die Menschen und ihnen unsichtbar, während Erde und 
Flüsse in ihrer natürlichen Gestalt verehrungswürdig sind. Weil 
aber die Natur nicht selbstständig das Interesse dieser Zeiten in 
Anspruch nimmt, sondern dieses vielmehr überall den Menschen, den 
Helden der Vorzeit und den Göttern gilt, und weil sich wohl der 
Mensch in der Erregung der Freude oder des Schmerzes an die 
Natur wendet, aber noch nicht umgekehrt gedichtet wird, dass auch 
diese sich um jenen bekümmert, so findet in der Kunst das natür- 
liche Local nur, wo es sich mit den technischen Forderungen der- 
selben vereinigen liess, bisweilen als Hintergrund eine Darstellung, 
und ist andrerseits eine Localpersonification dieser Periode über- 
haupt fremd. 

Mehrere unterschiede von dem Bisherigen treten uns im Hel- 
lenismus entgegen. Das NaturgefUhl gewinnt zwar nicht an Tiefe 
und Innigkeit, aber doch an Breite, indem der geniessende Mensch 
und die Beflezion über die Natur in den Vordergrund treten (Sohnaase 
a. a^ 0. p. 138). In Folge dessen wird die Localschildemng in der 
Poesie ausgedehnter, als sie bisher gewesen, und beginnt jetzt auch 
in der Kunst eine besondere Wichtigkeit zu erlangen; ja in beson- 
deren Fällen wird nun auch gedichtet, wie die Natur ihrerseits 
durch das Glück und Unglück der Götter und Menschen freudig oder 
schmerzlich bewegt wird. In die Darstellungen der Heroenaage 
werden femer von Künstlern und Dichtem in gleicher Weise mehr 

67) Italien' p. 66. Vgl. auch 64: ,,Der personificirende Mythus hat 
mit rascher Th&t^keit die ganze Natur in eine ideale Menschenwelt ver- 
wandelt und sie nicht nahe, gleichsam nicht zu Worte kommen lassen." 



Katarpersonification in Poesie und Kunst der Alten. 317 

poetisch genrehaft, denn göttlich erscheinende Nymphen und Ne- 
reiden und auf italischem Boden auch Satjrn oder Faune als land- 
sehaftliche Staffage eingeführt. 

Die Naturanschauung der Römer ist wiederum von der des 
Hellenismus verschieden. Denn abgesehen davon, dass sie derselben 
an poetischem Beize nachsteht, unterscheidet sie sich von ihr be- 
sonders dadurch, dass jeder Theil der Natur an sich menschlich be- 
seelt gedacht xmd an allen Handlungen, welche in seinem Bereiche 
vor sich gehen, subjectiven Antheil nehmend dargestellt wird, eine 
Eigenthtlmlichkeit, in welcher zugleich die häufige Anwendung der 
Localpersonification ihre Erklärung findet. Femer erscheinen jetzt, 
aller ihrer Oöttlichkeit beraubt, Nymphen und Faune, Nereiden und 
Tritonen nicht mehr allein in der Heroensage, sondern auch bei Er- 
eignissen des wirklichen Lebens als theilnehmende Naturbevölkernng 
und somit ist die von den Griechen fälschlich angenommene anthropo- 
morphische Naturanschauung bei den Römern wenigstens in der ge- 
lehrten Allsdrucksweise der Dichter und Ktlnstler wirklich zur That- 
sache geworden. Bei Claudian bewohnen körperhafte Nymphen die 
Flflsse und erfüllen mit Faunen die Wälder, Nereiden tmd Tritonen 
begegnen dem Schiffer auf hoher See und folgen wie die Fische den 
Wascem des Meeres in die Ströme. Die Localgottheiten und Local- 
personificationen endlich sind in seinen Dichtungen so zahlreich, dass 
man, mit Hinzurechnung der aus den Personificirungen von Ländern 
Qsd Meeren sich leicht ergebenden eine Karte des gesammten be- 
kannten Erdkreises aus ihnen zusammenstellen könnte; nur die Berge, 
Ton denen wir gesehen haben^ dass sie niemals zu einer eigentlichen 
Personification gelangt waren, würden auf derselben fehlen. 

MüKCHEM im Mai 1882. 

Dr. Adolf Oerber. 



Nachtrag: 

p. 245 Z. 13 V. 0. lies: „wenn ein Naturgegenstand entweder 
in einem Mythus mithandelt, oder einer weder aus dem Gange der 
gewöhnlichen Weltordnung u. s. f.*^ 



STRABONS 

LANDESKUNDE TON KAUKA8IEN 



EINE quellenuntersuchung 



TON 



DB. KABL JOHAHÜES NEUILANN, 

PBXTATSOOBVTW DBB ALTBH OBSOHZOHTB AB DBB UBIYBBBXTIT HAX«IiB ▲. 8. 



^mhA. f. oIbm. PhOoL Suppl. Bd. XIll. 21 



Erstes einleitendes Kapitel. 
Eintheilung Asiens. 

Mit dem zehnten Buche seines geographischen Werkes hat Stra- 
bon die Beschreibung Europas beschlossen und wendet sich nun zur 
Scfaflderung Asiens, die er in sechs weiteren Büchern zu Ende führt. 
£r beginnt dieselbe damit, dass er im ersten Kapitel des elften 
Buches seine Eintheilung des Erdtheils vorlegt. 

Hatte man früher den Phasis als die Grenze Europas und Asiens 
betrachtet, so war bei Späteren an seine Stelle der Tanais getreten.^) 
Dessen Lauf betrachteten u. A. Polybios^) und Artemidoros ') als die 
Seheide beider Erdtheile. Andere wieder^ ebenfalls der Zeit nach 
Alexander^) angehörig, Hessen den kaukasischen Isthmos die Grenze 
bilden. Den Vertretern dieser Ansicht dürfen wir den Poseidonios 
beizählen.^) Strabon sehen wir im Beginn unseres Buches^ der von 
Poljbios und Artemidoros vertretenen Meinung sich anschliessen; 
mit dem linken Ufer des Tanais iKsst er den neuen Erdtheil beginnen. 
Es wftre müssig danach zu fragen, ob er hierbei einem einzelnen 
Gewfthrsmanne gefolgt sei.. Nur das Eine ist hervorzuheben, dass 
er sich mit* seiner Ansicht im Widerspruch zu Eratosthenes befindet, 
dem er unmittelbar darauf gefolgt ist. Denn Eratosthenes hatte sich 
entschieden gegen jede Scheidung von Erdtheilen ausgesprochen imd 
Semen principiellen Widerspruch ausführlich begründet. Schon früher 
batte Strabon ausgeführt, weshalb er hierin seinem Vorgänger sich 
ftfiznschliessen nicht vermöge.^ 

Anstatt in die üblichen drei Erdtheile hatte Eratosthenes die 
Oikmnene in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden, dem 
Vorbilde des Dikaiarchos folgend.^) Für Asien erklärt Strabon sich 
der Eiatosthenischen Theilung anschliessen zu wollen und eine natür- 
liche Grenze zwischen Norden und Süden festzustellen.^) Als solche 
bezeichnet er das Taurosgebirge ^^), auch hierin, wie es zunächst 
scheint, in vollständiger und genauer Uebereinstimmung mit Erato- 

') Agathem. 1 8 bei Mueller, geographi Graeci minores II 472. Berser, 
die geographischen Fragmente des Eratosthenes S. 164. — *) Poljb. 
Ifl 17, S; III 38, 2; und XXXIV 7, 9 bei Strabon II 4, 6 C 107. — ») PUn. N. H. 
V 47. — *) Vgl. Berger, Erat. S. 166. ~ *) Vgl. Scheppig, de Posidonio 
p. öl. — •) XI 1, 1 C 490. — ^ I 4, 7, 8 C 66 sq. — •) Agathem. I 6 
l«eogr. Qr. min. II 472 Mueller). Berger, Erat. S. 178. — ^ XI 1, 1 
C 490. - ••) XI 1, 2 C 490. 

21* 



322 Karl Johannes Nenmann: 

sthenes. Dementsprechend hat auch Berger unsere Stelle seiner mit 
vollem Recht als mustergültig anerkannten Sammlung der geographi- 
schen Fragmente des Eratosthenes^^) einverleibt; er hfttte sogar un- 
bedenklich noch eine weitere Ausdehnung des Eratosthenischen Outes 
annehmen dürfen.^*) Doch schon in der Benennung der beiden Theile 
traten Strabon und Eratosthenes auseinander. Dieser unterschied 
dieselben eihfach als nördliche und südliche^'); Strabon bezeichnete 
durchweg die nördlichen Gegenden als innerhalb des Tauros gelegen^ 
und ausserhalb desselben lagen ihm die südlichen. ^^) Diese Aus- 
drucksweise war nnr möglich bei der von Strabon vorgenonmienen 
Beschr&nkung der Eratosthenischen Theilung auf Asien; bei einer 
Geltung für die gesammte Oikumene konnte nur von nördlichen und 
südlichen Gegenden die Bede sein. Doch nicht nur in der Benen- 
nung der Theile finden wir die beiden Geographen von einander ab- 
weichen, sondern, meines Erachtens, auch rücksichtlich des Theilers 
selbst. Denn dass Eratosthenes ebenso wie Strabon den breiten Bücken 
des Tauros für die Grenze von Nord und Süd erklärt habe, scheint 
allerdings aus unserer Stelle deutlich hervorzugehen, kann aber doch 
nicht angenonmien werden. Da, wo Strabon am ausführlichsten und 
genauesten über den Eratosthenischen Theiler redet ^^), bezeichnet 
er ausdrücklich eine dem Aequator parallele Linie als Grenze, die 
von den Säulen des Herakles ausgehend das Mittelmeer durch- 
schneide und in Asien längs des taurischen Berglandes fortlaufe. 
Nach dieser Auseinandersetzung kann es nur für eine üngenauigkeit 
des Ausdrucks gelten, wenn im weiteren Verlaufe ^^) kurzweg der 
Tauros als Grenze genannt wird. Neuerdings hat sich freilich Berger 
durch eine Aeusserung Strabons, welche, wie er glaubt* den Erato- 
sthenischen Linien eine relative Breite zuschreibt, veranlasst gesehen, 
geradezu Mittelmeer und Tauros selbst für den Eratosthenischen 
Theiler zu erklären. ^^) Jedoch der Ausdruck iv TrXdrei Xafxßdveiv 
Tdc eöOeiac^^) führt keineswegs auf eine ^relative Breite' der Geraden; 



^0 Fg. III B, 4 S. 223. — ^*) Berger schliesst das Eratosthenische 
Fragment mit den Worten 6 yäp TaOpoc ^icr\y iruic bt^uiKC raOniv t^v 
fiiT€tpov; indesB ist der Schluss des Satzes keineswegs hiervon ko ^nnen. 
Dies lehrt die Vergleichung der Worte tö fxiv aOxf^c diroXeiicujv irpöc 
ßoppQv, t6 bi ^comßpivöv an unserer Stelle mit den Eratosthemschen 
U 1, 1 C 68 t6 ^kv ainf\c fidpoc ßöpctov noicOvra, t6 hi vdnov. — 
*■) Strabon XI 12, 6 C 522: KaG* i^ndc \Abf to(vuv irpocdpiCTia Äv ^r\ xd 
€6fvT| TttöTC^ iireibifi Kai iynöc toO TaOpou, '€paT0ce^T|C bkf irciroiriiui^voc 
Tf|v &ta(p€ctv £lc xd vÖTia ^ipr\ xal tä TrpocdpKTta . . ., xdc |i^v 
ßopcCouc KaXdiv, Tdc bi voTiouc, 6pia diroqpdvci tiXiv KXl^dTUJv ktX. 
Vgl. Berger, Erat. S. 195. 196. — ") Die Worte KoXoOa 6^ oötu)v ol 
"GXXiivcc ktX. bei Strabon XI 1, 2 C 490 sind demnach nicht mehr Eiato- 
sthenisch; sie sind eine Yerweisxmg auf II 5, 81 G 129. — *'^) II 1, 1 C 67 sq. 

— *•) II C 68. — ") Zur Entwicklung der Geographie der Erdkugel bei 
den Hellenen, Grenzboten 1880 IV S. 452, spricht er nicht mehr von 
einer Theilungslinie, sondern emem 3000 Stadien breite Theiltmgsstreifen. 

— ") Fg. III A, 14 bei Strabon II 1, 39 C 91; Berger, Erafc. S. 184. 



Strabons Landeskunde Yon Eaukasien. 323 

^v TrXdT€i bedeutet hier wie bald darauf ^^) einfach ^in üngenauheit',- 
wie GroBkurd richtig übersetzt hat. Die Bezeichnung ^Gerade' passt 
eben nicht im strengsten Sinne des Wortes auf die Eratosthenischen 
Linien. Noch weniger ist aus Fg. III A, 15*^) ^die positive An- 
nahme' Strabos zu erkennen^ ^man müsse sich' den Eratosthenischen 
Theiler, das sogenannte ^Diaphragma thatsftchlich als ein Parallelo- 
gramm von circa 70000 Stadien Länge bei 3000 Stadien Breite, 
östlich aus der Tauruskette, westlich aus dem Mittelmeere bestehend, 
Torstellen'.'^) Vielmehr bezeichnet hier die Breite Ton 3000 und 
die L&nge von 70 000 Stadien nur den Umriss des Parallelogramms^ 
in dessen Innern die Eratosthenische Theilungslinie gezogen ist. 
Kjum demnach auch diese Stelle nich.ts ftbr die neuere Ansicht^) 
Bergers beweisen, so spricht eine andere geradezu dagegen. Die 
La^e Mediens und Armeniens zu bestimmen, hat Eratosthenes die 
kaepischen Pforten als Grenze zwischen Nord und Süd genannt^'), 
sehr passend, wenn eine Linie der Theiler war, unverständlich, wenn 
ein Gebirge von 3000 Stadien Breite. Wir halten demnach unbe- 
dingt an der auch durch Fg. III B, 2^) bezeugten Ansicht fest, nach 
welcher der Eratosthenische Theiler eine Parallele war, die in Asien 
]Sng der Tauroskette sich hinzog; nicht mit Unrecht konnte sie da- 
her ^uch als natürliche Grenze bezeichnet werden. 

Länge und Breite des Gebirges, sowie die Länge des Erdtheils 
giebt Strabon im 3. Paragraphen'^) an. Die Breite des Gebirges be- 
stinmit er in üebereinstimmung mit Eratosthenes'^ zu 3000 Stadien. 
Die Länge sowohl des Erdtheils als des Gebirges setzt er mit 45 000 
Stadien an. Nach n 5, 9 C 116 dehnt sich ihm die Oikumune von 
Iberiens Enden im Westen bis östlich zu denen von Indike in einer 
Länge von 70 000 Stadien aus. Brachte Strabon ebenso wie Eratost- 
henes'^ die Länge des Meeres, das von den Säulen des Herakles 
bis zum Issischen Busen sich erstreckt'^), mit 30000 Stadien von 



Brieflich erklärt mir Berger ausdrücklich, er fosse tv TrXdTCi wie üüicrrcp 
«Ädroc Ti txo<)cac. Ebenso wie ich hält Prof. Dittenberger diese Auf- 
fiMeniig, die Berger auch durch den Hinweis auf eine keineswegs analoge 
Stelle des Proklos (in Plai Tim. p. 24 F) nicht stütsen kann, fSr sprach* 
lieh nnm^^lich. — ^*) Fg. UI A, 16 bei Strabon U 1, 37 C 89; Berger 
8. XSb. — •*) Strabon H 1, 36 C 87; Berger S. 186: 6 bi (sc. 'CpaTO- 
c6^vr|c) tv iiXdTCi \itv TpicxiXiuiv CTab{urv, |yif|K€t bk TCTpaKic|Liup(u)v öpouc, 
«cXdrouc bi Tptc^vpfuiv Xafißdvuiv ti^v dtrö bOccuK: ^ir' lamcpiv&c dva- 
ToJüftc TpO|i^f|v xal Td i<p* ^Tepov t6 jjidpoc rd \xkv vöria övofidJ^uiv, rd 
hl ßöpcia ktX. — ") Berger, Erat. S. 186. — '*) Zwar finden sich Üie 
beepit>ehenen Deutunffen Strabonischer Stellen nicht in dem Aufisatze 
der Greoxboten, sondern im Erat., jedoch bezeichnet Berger hier die 
dnzeh seine Deutung gewonnene Aufnssnng des Diaphraffmas als Mittel- 
meer imd Tanroskette als einen Irrthum Strabons. — '") Fg. IH A, 23 
bei Strabon XI 12, 6 C 482 ; Berger S. 196. — **') Strabon II 1, 22 G 78. 
Berger 8. 222. — ") XI 1, 8 C 490. — "«) Strabon H 1, 8 C 68. II 1, 37 
C 89. Vgl. auch II 1, 36 C 87. — «») Strabon H 1, 86 C 87. — ") Stra- 
bon n 1, 1 C 67. 



324 K^i*^ Johannes Neumann: 

diesen 70000 in Abzug, bo bleiben 40000 far die Entfernung von 
Issos bis zu den östlichen Enden von Indike. Issos aber war nach 
Strabon^) 5000 Stadien von Rhodos entfernt. Wir erhalten dem- 
entsprechend 45000 Stadien als den Abstand von Rhodos und In- 
dike, oder, was dasselbe sagt, als L&nge des Erdtheils. Diese aber 
war für Strabon mit der Länge des Gebirges gleich. Denn ausdrück- 
lich yei-warf er die Ansicht derer, die den Tauros erst an der Grenze 
von Pamphylien und Kilikien bei den Chelidonischen Inseln beginnen 
liessen; bereits Lykien bezeichnet er als Taurosgebiet und setzte den 
Anfang des Gebirges gegenüber von Rhodos an.^) 

Das Verst&ndniss der Strabonischen Ansetzung der Lftnge Asiens 
ist uns dadurch gelungen, dass wir seine Ansicht von der west-öst- 
lichen Ausdehnung der Oikumene zu Grunde legten und mit ihr die 
Angabe des Eratosthenes über die Länge des Meeres von den Säulen 
des Herakles bis zum Issischen Busen und der Tauroskette von da 
ab in Zusammenhang brachten. Dies hätte nicht gelingen können, 
wenn Strabon nicht in beiden Punkten dem Eratosthenes hätte folgen 
wollen. Und in der That findet sich die Summe von 70 800, also 
rund 70 000 Stadien als Eratosthenische Angabe der Entfernung 
zwischen den Säulen und Indike.^ ^) Freilich erfahren wir zugleich'*), 
dass Eratosthenes Europa sich noch ausserhalb der Säulen 3000 
Stadien und angeblich noch weitere drei Tagfahrten des Fjtheas 
nach Westen erstrecken Hess; dass er femer sowohl in westUoher 
als in östlicher Richtung je 2000 Stadien der Oikumene angefügt 
Können wir danach allerdings vermuthen, dass Eratosthenes die ge- 
sanunte Länge der Oikumene auf 78 000 Stadien bestimmt habe^), 
so scheint gleichwohl Strabon wenigstens geglaubt zu haben, die erste 
Summirung von 70 800 Stadien im Sinne des Eratosthenes zu voll- 
ziehen. Dies geht nicht sowohl aus II 5, 9C 116^), wo Era- 
tosthenes nicht genannt wird, als aus II 1, 35 C 87 hervor, wo 
dem Parallelogramme, in dem der Eratosthenische Theiler sich er- 
streckt, eben die Länge von 70 000 Stadien zugeschrieben wird. 
Yermuthlich hat Eratosthenes als ersten festen Punkt der Thei- 
lungslinie die Säulen des Herakles genannt, Strabon aber diesen ersten 
festen Punkt für den Anfangspunkt'^) gehalten. Kamen also ausser- 
halb der Säulen nicht nur die 3000 Stadien imd drei Tag&hrten des 
Pjtheas in WegfeU, um welche Europa sich nach Eratosthenes noch 
weiter nach Westen erstreckte, sondern noch ausserdem 2000 Sta* 
dien, so musste Strabon auch noch im Osten 2000 Stadien in Weg- 
fall bringen, deren Ansetzung Eratosthenes wahrscheinlich auf gleiche 
Weise wie im Westen begründet hatte. '^) So ergaben sich 70 800 
Stadien als die Länge der Oikumene. 

>•) n 4, 8 C 106. - »<0 XIV 2, 1 C 651. XIV 3, 8 C 666. XI 12, 
2 C 620. — ") Strabon 1 4, 6 med. C 64. — »«) Strabon I 4, 6 ext C 64. — 
»•) Berffer, Erat S. 160. — ") Berger, Erat. S. 161. — ■») II 1, 1 C 67. - 
'^} Nach Strabon I 4, 6 C 69, um den Satz aufrecht erhalten sn können, 



Strabons Landeskunde von Eankasien. 325 

Ob Strabon auch für die Entfernung von Issos nnd Rhodos eine 
Eratosihenische Angabe zn Grande gelegt habe, müssen wir unent- 
schieden husen. Ebensowenig sind wir darüber unterrichtet, an 
welchem Punkte Eratosthenes den Tauros beginnen liess. Keines- 
£aUs dürfen wir uns durch die Ansetzung der Gebirgskette zu 40000 
Stadien'^ dazu yerleiten lassen, erst bei Issos den Anfangspunkt zu 
suchen. Vielmehr beginnt hier nur die Theilungslinie dem Gebirgs- 
sage sich anzulehnen, während bis dahin das Mittelmeer ihr die Bich- 
taug gewiesen.^ Nur das kann nach den Angaben Strabons'^) 
zw^elhaft erscheinen, ob Eratosthenes die Grenzen Pamphyliens 
und Lykiens oder schon das asiatische Festland gegenüber von ^odos 
als den Beginn des Tauros betrachtet 

Dadurch, dass Strabon nicht wie Eratosthenes eine Linie, den 
Parallel durch Bhodos und die kaspischen Pforten, sondern das 
TaoroBgebirge in seiner ganzen Breite als Theiler betrachtete, musste 
anch die Theilung selbst beeinflusst werden. Eratosthenes konnte 
nicht wohl zweifelhaft sein, welche Theile zu den nördlichen und 
welche zu den südlichen zn rechnen seien^ sobald ihm die Ansetzung 
der Linie gelungen war, und er Nachrichten über die nördliche oder 
sOdliche Lage Ton Gegenden im Yerhftltniss zu einzelnen Punkten 
derselben benutzen konnte. Aber eine neue Frage musste Beant- 
wortnng fordern, wenn der Theiler eine Breite von 3000 Stadien 
einnahm. Wohin waren alsdann die Lftnder des Taurosgebietes selbst 
zu rechnen, die zwischen dem nördlichen und dem südlichen Abhänge 
des Gebirges sich ausbreiteten? Eine Antwort auf diese Frage suchte 
Strabon durch die Betrachtung der klimatischen Yerhftltnisse zu ge- 
winnen. Im Gegensatze zu den warmen Landstrichen des Südens 
eracliien die Luft der Gebirgslandschaften rauh und kalt gleich der des 
Nordens. Den nördlichen Theilen also, die er als innerhalb des 
Tauros gelegen bezeichnete, rechnete Strabon das Gebirge zu.^) Da- 
za nöthigte ihn meines Erachtens auch schon der von ihm gewählte 
Aoadmck 'innerhalb' und 'ausserhalb des Tauros'; denn yon Theilen 
des Gebirges selbst konnte er doch nicht wohl behaupten, dass sie 
ansserhalb des Tauros Iftgen. und dass für ihn in der That dies 
^Rrachliche Motiv in Betracht kam, zeigt deutlich eine yon ihm hin- 
geworfene Bemerkimg. ^^) Medien und Armenien rechnete er als 
taorisches Gebirgsland zu den nördlichen Gegenden, den Theilen 
iaaeriialb des Tauros. Anders Eratosthenes, für den die südliche 
Lage dieser Lfinder im Yerh&ltniss zu der durch die kaspischen 
Pforten gehenden Parallele entscheidend war. Diese Ansetzung sucht 
Strabon noch durch folgende höchst naive Bemerkung zu erklären: 



die Breite der Oikumene kleiner sei als die H&lfte ihrer Län^e. 
Wohl mit Recht sieht Berger, Erat S. 160, hierin nur eine ünterschie- 
boBg Strabons. — *\ Strabon U 1, 86 C 87. — '^ Stiabon 11 1, 1 C 67. 
««. — »^ XIV 2, 1 C 661. XIV 8, 8 C 666. — *^ XI 1, 4 C 490. 491. - 
«0 XI IS, 5 C 628. 



326 ^^^^ Johannes Nenmaim: 

* Vielleicht hat Eratosthenes nicht darauf geachtet, dass ausserhalb 
des Tauros nach Süden zu kein Theil Armeniens oder Mediens ge- 
legen ist'^^); als ob Eratosthenes die südlichen Gegenden als Lfindar 
ausserhalb des Tauros bezeichnet hätte. Das sind eben Leichtfar- 
tigkeit'Cn der Kritik, wie sie sich bei Strabon leider nur zu häufig 
finden. Erst Müllenhoff und Berger haben darauf sorgsam geachtet 
und den von Strabon bekämpften Geographen volle Gerechtigkeit 
widerfahren lassen. 

Seine eigene Eintheilong des Erdtheils hat Strabon in § 5 — 7 
des ersten Kapitels^') mitgetheilt; wie sich schon aus dem eben Ge- 
sagten ergiebt, keineswegs in genauer üebereinstimmung mit Era- 
tosthenes. Auch mit der Ansetzung der nördlichen Sphragiden durch 
Eratosthenes, über die wir so wenig wissen, war er durchaus nicht 
einverstanden.^) Bichtig bemerkt Berger: 'Offenbar ging Strabon 
hier an der Grenze der Autorität des Eratosthenes von blossen Ver- 
besserungsvorschlägen zu eigener Theilung nach ethnographischen 
und politischen Gründen weiter'. ^^) Er gewann auf diese Weise 
folgende Theile: Das im Westen durch den Tanais und die Ostküste 
des schwarzen Meeres, östlich durch das kaspische Meer begrenzte 
Land^^^; die Gegenden östlich hiervon bis zu den Skythen bei den 
Indern^^); Medien, Armenien und Kappadokien; das ganze übrige 
Eleinasien einschliesslich der wenigen Landschaften ausserhalb des 
Tauros; endlich Indike und Ariane bis zu den Völkern am Neilos, 
dem Aegyptischen und Issischen Meere. 

Die einzelnen in diesen Paragraphen sich findenden geographi- 
schen Daten sind fast alle zu bekannt, als dass nach ihrer Quelle 
zu fragen wäre. Nur weniges ist zu bemerken. 

Die Angabe über den Lauf desKyros und des Arazes^) wider- 
spricht dem Berichte des Apollodoros.'^^) Unter diesem ist mit 
Niese ^) der Grammatiker und nicht mit Graede^^) der Artemitener, 
der Verfasser der Parthischen Geschichten, zu verstehen. Denn 
Gaedes Argument, auch XI 9, 1 C 514 werde der Artemitener ohne 
Zusatz Apollodoros genannt, ist nicht stichhaltig. An dieser Stelle, in 
einer Auseinandersetzung über Parthieu, konnte ein Zweifel nicht ent- 
stehen, zumal da Apollodoros kurz vorher^) als ö TdTTapOiKaTpöiM'Oic 
von seinen Namensvettern unterschieden worden war. An der Stelle 
des ersten Buches^') dagegen würde kein Leser an den Artemitener 
gedacht haben, der noch gar nicht erwähnt worden war, vielmehr 



*■) XI 12, 6 C 622: xdxa bi oök ^iT^ßaX€ xcOrip, b\6rx llw ToOTaöpou 
Trp6c vdrov oöödv icriv oöt€ xfjc *Ap^€v{ac \Upoc oöt€ rf^c MT)Mac — 
*") C 491. 492. — **) Erat. Fg. III B, 62 bei Strabon II 1, 38 C 86. Berger 
S. 814. — *«) Brat. S. 817. — *«) XI 1, 6 C 491. — *Ö XI 1, 7 C492. — 
") XI 1, 6 C 491. — *») Strabon I 8, 21 C 61. - ^ Bhein. Mus. 32 
(1877) S. 804. Vgl. Deutsche Litteratunseiig. I (1880) S. 262. — ") De- 
metxii Scepsii quae aupersunt. Greifswalder Dias. 1880 p. 4. ~ ^') XI 7, 
3 C 509. — W) I 3, 21 C 61. 



Siiabons Landeskande Yon Eaukasien. 327 

ein jeder ohne Weiteres an den Grammatiker, auf den Strabon schon 
früher^) hingewiesen hatte. 

Die Breite des kaukasischen Isthmos von der Mündung des 
Kjros f)i8 nach Eolchis setzt Strabon zu 3000 Stadien an^), wie es 
scheint, dem Eratosthenes hierin folgend. Denn vom Ejros bis zum 
kaspischen Gebirge sind*s nach Eratosthenes^^) 1800 Stadien und von 
da bis Dioskurias fünf Tagereisen oder etwa 1000 Stadien.'^'') Dies- 
kurias aber gilt auch dem Strabon als Anfangspunkt der Landenge.^^ 
Da n an die zweite Entfemungsangabe auf Genauigkeit keinen An- 
spruch erhebt, so wäre es wohl möglich, dass Strabon die 2800 Sta- 
dien zu 3000 abgerundet hätte. Erheblich geringer war die Breite 
nach Eleitarchos und Poseidonios.^^) Letzterer hatte offenbar seine 
Ansicht über die Breite des kaukasischen Isthmos beiläufig da mit- 
getheilt, wo er von der Breite des Isthmos zwischen Pelusion und 
dem roÜien Meere gehandelt. ^^) Aus dieser beiläufigen Bemerkung 
kann also Strabon die Eenntniss der Kleitarchischen Ansicht nicht 
geschöpft haben. Meines Erachtens yerdankt er dieselbe auch nicht 
dem Eratosthenes. Denn er selbst hatte früher ausführlich die 
Thaten Alexanders behandelt ^^) und kannte also ein Werk wie das 
des Eleitarchos jedesfalls durch eigene Lektüre. 

Etwa in der Schrift des Poseidonios über Pompejus, die er an 
unserer Stelle auch erwähnt, könnte Strabon gefunden haben, was er 
flber das Yerhältniss beider Männer zu einander mittheilt. ^') Jedes- 
falls ist aus seiner scharfen Polemik gegen Poseidonios ein Schluss 
auf dessen Nichtbenutzung nicht erlaubt^') Indessen ist es nur in 
den seltensten Fällen möglich, die Frage nach der Herkunft der- 
artiger Notizen bei Strabon mit völliger Sicherheit zu beantworten. 



Zweites Kapitel 
Vom Tanais zum Phasis. 

Der Beschreibung des ersten Stückes von Asien, dessen Grenzen 
im Osten das kaspische, im Westen das schwarze Meer und der Ta- 
bilden^), sind Kapitel 2 bis 5 unseres Buches gewidmet. Strabon 



^) I 2, 24 G 81: öca dpiiKCv *AiroXX6bu)poc iv nD^ircpl vedfv xaxa- 
X6rw ÖCüT^pui. — »«) XI 1, 6 C 491. — *«) Strabon XI 8, 9 C {fl4. — 
*») Strabon 11 1, 89 C 91. — *") XI 2, 16 C 498. — »») Strabon XI 1, 6 
C 491. •- ^ VeL Strabon XI 1, 6 C 491 mit XYII 1, 21 C 808. Die 
Worte des Poseidonios boKSt bk p,i\ iroXO &taq>dpetv ktX. lassen sich leicht 
aa ^XottAvuiv i\ xiXinuy xal irevraKoduiv anfQgen* — *^ Vgl. Strabon II 1, 
9 C 70. Kaerst, Beiträge zur Quellenkritik des Qu. Curtius Bufus. 
Golha 1878. 8. 84 ff. — «*) XI 1 , 6 C 491. 492. — *") Bezeichnend 
fb wem Verfahren sind seine Worte dvaTKac61lcö^€6d irou toIc ai^Totc 
dvnUrcKV, ok fidXicra £iraKoXou6oOM€v xar* dAXa und odbi irpöc dirovrac 
^fXocoq>€iv dSiov, irp6c *€paToc6^VTi Ö^KalTToc€tö(i)viovKal IToXOßiov xal 
aXAouc Toio^ouc KoXdv. I 2, 1 C 14. — •^) Strabon XI 1, 6 C 491. 



328 



Karl Johannes Nenmann: 



beginnt mit den Völkern und Landschaften an der Ostkttste des Asow- 
sehen und Schwarzen Meeres zwischen Tanais und Phasis. 

Im ersten Paragraphen finden wir eine Aufzählung der verschie- 
denen Völkerschaften, welche im Norden des kaukasischen Gebirges 
auch das Binnenland in Betracht zieht, im Süden auf die Küste sich 
beschränkt. Es ist dies eine von Strabon selbst herrührende Zusammen- 
fassung dessen, was er im Folgenden ausführlich behandelt hat. Die 
genaue Beschreibung beginnt er mit dem Tanais ^^) und folgt dabei 
zunächst hauptsächlich einer Quelle, die er bereits im 7. Buche bei 
seiner Schilderung der angrenzenden Theile von Europa benutzt hat. 
Diese Gemeinsamkeit der Quelle finde in folgender Gegenüberstellung 
ihren Nachweis: 



VII 4, 5 C 310. 
biaipei bk 6 cTevuiTTÖc o\5toc 
(sc. 6 KiMiLiepiKÖc ßöcTropoc) Tf|V 

*AciaV ÄTTÖ TTJC EupiiTTTic, Kai 6 

Tdvaic TroTajuöc, KaxavTiKpö 

f>iwy dlTÖ TUJV fipKTWV €!c T€ Tf|V 

XijLiVTiv Ktti TÖ CTÖfia auTfic' 
buo b* ix^x rdc elc Tf|V Xijlivtiv 
^KßoXdc biexoucac äXXrjXu)v öcov 
cTabiouc dHrJKOVTa. 

&Tl bt Kttl TTÖXlC Ö)ÜIUIVU|L10C 

Tqj TTOTaiiiö, iLi^TiCTov Toiv ßap- 
ßdpujv djüiTröpiov. 



XI 2, 1 sqq. C 492 sq. 
Spiov u7TÖK€iTai Tflc Eöpuimic 
Kttl TTic *Aciac 6 Tdvaic iroTa- 
)Liöc — . (p^perai jnfev oöv dtrö 
TUüv dpKTiKOJV fiepuüv . . . rdc 
\xkv ^KßoXdc tcfxev (büo b' clciv 
eic xd dpKTiKoiTaTa ixipr\ xnc 
Maiübxiboc, lErJKOVxa cxabiouc 
dXXrjXiüv bi^xowcai) . . . 

im bt xi^ TTOxaiidp Kai xQ 
Xijivri TTÖXic 6|Liuivu^oc olK€ixai 
Tdvaic — liLiTTÖpiov koivöv xuiv 
x€ *Aciavu)v Kai xuiv *Eupuj7raiuiv 
vo)idbu)v. 

TtpÖKCixai b* iv ^Kaxöv cra- 
bioic xoO djLiTropiou vf|coc 'AXui- 
TTCKia, KaxDiKia lünxdbujv dvOptd- 
dvx€u0€V (vom Eingange der ttwv .*. . bi^x^^ ^^ toO cxöinaxoc 
Maeotis) b* euGuTrXoiqi )Lifev liix xflc Maiiüxiboc €u9uttXooöciv ätti 
xöv Tdvaiv Kai xf|v Kaxd xdc xd ßöpeta bicxiX(ouc Kai btaxo- 
dKßoXdc vf)cov cxdbioi bicxiXioi ciouc cxabiouc ö Tdvaic, ou noXu 
biaKÖctoi, jbiiKpöv b' \jTT€pßdXX€i bi. TrXciouc elcl irapaXeTO|üi^V(fi 
xoO dpiGMoO xoüxou irXdovxi xf|V yf\y, 
irapd xf|v 'Aciav. ( 

Die Möglichkeit, dass Strabon im 11. Buche nur ausgeschrieben 
habe, was er bereits im 7. gesagt, wird schon durch die Nennung^ 
des Namens Alopekia für die auch im 7. Buche, aber namenlos er> 
wähnte Insel und durch die Angabe ihrer Entfernung von den Mün- 
dungen des Tanais ausgeschlossen. Vielmehr hat dem Geographen an 
beiden Stellen dieselbe Schilderung vorgelegen. Die Beschaffenheit 
derselben wird uns durch die drei Entfemnngsangaben in den beiden 

•») XI 2, 2 C 492. 



Strabons Landeskunde von Kaukasien. 329 

§§ 2 und 3 yerrathen. Offenbar trng diese Quelle den Charal^ter 
eines TrcpiirXouc mit sorgflQtigem Stadiasmua, was durch die fol- 
genden, unzweifelhaft ebendaher geschöpften Paragraphen noch deut- 
licher wird. Bei der Frage nach dem Ver&sser dieses irepiirXouc 
wird man zunächst an Artemidoros denken; denn wegen der Ge- 
nauigkeit seiner Entfemungsangaben an der Küste war das geogra- 
phische Werk des fiphesiers im Alterthum vor anderen anerkannt.®^) 
Zu dieser Hypothese würde passen ^^, dass Agathemeros^ ebenso 
wie Strabon^^) die Entfernung yon der Mündung der Maiotis bis zum 
Tanais zu 2200 Stadien angiebt. Denn Agathemeros geht hier auf 
Artemidoros zurück, wie sich durch die Yergleichung mit Plinius auf 
das Unzweifelhafteste ergiebt.^^) Femer vergleiche man die durch 
Plinius als Artemidorisch nachgewiesenen Worte Ta T^p ävtJj tuüv 
^KßoXurv ToO Tavdiboc dtvoeiTai elc ßoppäv bei Agathemeros^*) 
mit der Angabe Strabous^'): toG bk Tavdiboc tqc fi^v dKßoXdc 
k|i€V, TOÖ hk uirfcp tOüv iKßoXaiv öXitov tö yviüpiiLiöv ^cti. Zur 
Oewissheit aber wird die Vermuthung über Artemidoros als Quelle 
Strabons dadurch, dass dieser selbst ihn in unserem Kapitel als seinen 
Gew&hrsmann nennt. In § 14^^) erwähnt er ihn und die Geschicht- 
schreiber der mithradatischen Kriege in einer Weise, die uns deut- 
lich zeigt, dass er in unserem Kapitel diesen beiden Hauptquellen 
gefolgt isL Auch hier^^) sind in dem, was ausdrücklich auf Arte- 
midoros zurückgeführt wird, Entfemungsangaben in Stadien geh&uft. 
Sodann aber wird sich zeigen lassen, dass Strabon in den dem 14. vor- 
angehenden Paragraphen der Mithradatischen Quelle gefolgt ist, und 
dass mit § 10 ein Quellenwechsel eintritt. Wir gelangen also zu 
dem nnabweislichen Ergebniss, dass § 2 — 9 des II. Kapitels auf 
Artemidoros als Hauptquelle zurückgehen. 

An diesem Resultate dürfen wir uns durch das Wenige nicht 
irre machen lassen, was scheinbar dagegen spricht. Die Angabe 
Strabons ^^), nach welcher 60 Stadien zwischen den beiden Mündungs- 
armen des Tanais liegen, haben wir auf Artemidoros zurückgeführt. 
Dieser Annahme tritt ein Scholion zu folgenden Versen ^^) aus der 
Periegese des Dionjsios entgegen: 



**) Marcian. epit peripl. Menipp. Geogr. 6r. min. rec. Mueller I 
p. 666: 'ApTCfiibuipoc bi 6 *€q>^ctoc T^uiTpdqpoc Kaxd Tf|v ^KaTOCTf)v kli)- 
MocTipf ^wdrriv 'OXu^mdöa T^TOVibc (104— 101 v. Ch.) — Tf\c \ik)f dxpißoOc 
yBirfpagpiac XeiircTai, t6v bi ircpdrXouv xfjc ivTÖc 'HpaxXEiou irop- 
6moö OaXdcciic Kai ti?|v äva^^Tpr^civ Ta<IiTT|C jictA xfjc irpocii- 
Koücric iirt^eXcCac ^v ^öcko bicEf^XOc ßtßX(otc, ilic caq>^CTaTOv Kai 
^Kpiß^cTOTOv ir€p{irXouv Tflc KoO' Vdc dvaxpdMiai eaXdmic. — 
*^ Daas Artemidoros ebenso wie Strabon Asien und Europa durch den 
TanaiB icheidet, wurde bereits oben bemerkt. Vgl. Phn. N. H. V 47. 

— •^ § 18: Oeogr. Gr. min. II 480. — •») XI 2, 3 493; VII 4, 6 310. 

- '^ § 16. 17 mit Plin. N. H. II 242-244, § 18 mit N. H. II 246. — 
'') I 18. — »«) XI 2, 2 493. — ") C 496. 497. — '*) § 14. — ") XI 
2, 2 C 493; Vn 4, 6 310. — '«) V. 14—16. 



330 Karl JohanneB Nemnann: 

eupiOiniv b* ^Piclr\c Tdvaic bxä m^ccov öpfZet, 
15. öc P& 6' ^Xiccö)üi€VOC TCiinc bxä Caupo/uiaTduiv 

CUp€Tai ic CKU6iT]V T€ Kttl ic MaiwTiba Xi^VflV. 

Das Scholion'^ lautet:* *ApT€^(bu)poc hl q>r\c\ rd buo CTÖjiaTa toO 
Tavdiboc bi^X€iv dauTUJV crdbia dirrd* tö \Ay ydp aöxoO €lc 
Maiuiirba \i|Livr|V ^xpeT, tö hk elc CKuOiav. Dazn bemerkt Müller, 
wenn die Angabe, der Tanais fliesse mit dem einen Arme in die 
Maiotis, mit dem anderen nach Skythien, aus Artemidoros entnommen 
sei, dürfe man für t (7) wohl ,1 (7000) vermuthen. Aber die von 
Müller auf Artemidoros zurückgeführte Begründung rührt yielmehr 
vom Scholiasten her. Derselbe hat die Worte des Dionysios, der im 
16. Verse Skythien und den maiotischen See keineswegs in einen 
Gegensatz zu einander bringt, einfach missyerstanden. Nichts hin- 
dert uns also, das Artemidorfragment mit der durch die Wieder- 
holung gesicherten Angabe Strabons dadurch in Einklang zu setzen, 
dass wir V (7) in i' (60) verwandeln. Nicht einmal das ist anzu- 
nehmen, dass der Scholiast eine grössere Zahl gelesen. Denn wer sagt 
ans denn, dass er mit CKu6(a den nördlichen Ocean gemeint, dass er 
sich bei seiner Begründung überhaupt etwas Vernünftiges gedacht habe? 

Noch weniger föllt ins Gewicht, was Stephanos von Byzanz sagt: 
tAvpixi\K\oyy TToXixviov Tf^c TaupiKfic CxpdßujV ^ßbö^r) ^*). — *ApT€- 
|üiibu)poc bi MupiLiriKiav aurriv qpT]Ct. Nun findet sich an den von 
uns auf Artemidoros zurückgeführten Stellen Strabons ^^) freilich tö 
Mupjüi/JKiov. Doch Strabon bedient sich abwechselnd der Namen f| KU)|Lir| 
f| KijUjiepiirfi ®®) und tö Kiju^epiKÖv®*), f| <I)avatop(a undrd 0ava- 
TÖpeiov^'). Ueberhaupt könnten derartige Differenzen in der Wahl 
der Namensform nur bei sklavisch abschreibenden Schriftstellern der 
Quellenkritik als Kriterium dienen. 

Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass der irepiTrXouc 
Artemidors längs der asiatischen Küste wahrscheinlich von Süden nach 
Norden führte, dass Strabon also die Artemidorische Ordnung ge- 
ftndert hat. Es wäre nicht erforderlich, dies besonders zu erwähnen, 
wenn nicht ein sonst so vorsichtiger Gelehrter wie Niese ^ geglaubt 
hätte, gelegentlich die Benutzimg einer Quelle durch die Bemerkung 
ausschliessen zu können, dass dieselbe eine verschiedene Richtung 
eingehalten habe. Aber ist es denn so schwierig, die Beihenfolge in 
der Nennung von Oertlichkeiten umzukehren und dem eignen Plane 
anzupassen? 



'') Geogr. Gr. min. n 43S. — ^^) ^uch Meineke hat fOx ^ßöö^ig, was 
Bhedig. , Voss, und Aid. bietcm, die durch den Hinweis auf Strabon XI 
C 494 begründete Conjektur Xylanders ^vöcxd'nri aufgenommen; aber der 
Ausdruck iroXCxvtov findet sich nicht im X., wohl aber im VII. Buche 
(Vn 4, 6 C 310). — '«0 XI 2, 6 und XI 2, 8 C 494; VH 4, 6 C 810. — 
»<») XI 2, 4 C 494. — ") XI 2, 6 C 494. — ") Beides XI 2, 10 C 496. 
— «') Rhein. Mus. XXXII (1877) S. 801. Ebenso schliesst Gaede, Dem. 
Sceps. p. 14 adn. 16. 



Strabons Landeakande von KankasieD. 331 

DOrfen wir also an Artemidoros als Quelle Strabons festhalten, 
80 ist doch noch keineswegs erwiesen, dass die Paragraphen 2 — 9 
ans ihm allein entnommen sind. Vielmehr sind deutliche Anzeichen 
dafbr Yorhanden, dass dem nicht so ist, dass Strabon in das von 
Artemidoros Entlehnte Notizen aus anderen Schriftstellern und eigene 
Bemerkungen hineingearbeitet hat. Dies gilt zunSchst von dem, 
was Ober den Lauf des Tanais in seinem Yerhältniss zum Neilos 
berichtet wird.^) Die Mehrzahl der Geographen legte denselben 
Meridian durch die Mündungen des Neilos wie des Tanais. Wenn 
Strabon dem entgegentrat und den Tanais weiter östlich mttnden liess^ 
80 befimd er eich hierin in Uebereinstimmung mit Eratosthenes. 
Denn nach diesem traf der Meridian, der durch Meroe und Alezandria 
ging, nicht den Tanais, sondern den Borjsthenes®^); eine Ansetzung, 
die auch Hipparch im Wesentlichen für richtig hielt. ^ Dass aber 
Strabon die aus der Eratosthenischen Ansetzung des Meridians für die 
Lage der Tanaismttndung sich ergebende Consequenz nicht bei Arte- 
midoroB gefunden, dafür spricht der umstand, dass die Parallelstellei. 
im VU. Buche ^^) nichts davon bietet; dagegen sichert dieselbe den 
nord-sttdlichen Lauf des Flusses als Artemidorisch. Es lässt sich 
nun in der Thatunit Leichtigkeit von dem übrigen Berichte loslösen, 
was wir auf Eratosthenes zurückgeführt. Der so gewonnene Satz 
<p^p€Tat ^^v oOv &1TÖ Tuuv dpKTiKuiv ^€puiv T&c dpxcic äbi^Xouc ^x^v 
würde demgemftss ebenso wie das Folgende für Artemidorisohes Out 
zu halten sein. Fraglich ist nur, ob dasselbe über den ganzen Para- 
graphen sich erstreckt, oder ob die Mittheilung der abweichenden 
Ansichten über die Quellen des Tanais davon zu trennen sei. Un- 
möglich wäre es keineswegs, dass schon Artemidoros dieselben an- 
geführt hfttte. Denn nicht erst Neuere, wie Theophanes, der Oe- 
Bchiditschreiber des letzten mithradatischen Krieges, suchten die 
Tanaisquellen auf dem Eaukasos, sondern offenbar schon diejenigen, 
welche, wie Aristoteles^), den Tanais mit dem Arazes zusammen- 
brachten.^ Und auch die zweite Ansicht, deren Strabon Erwähnung 
thut, nach welcher der Tanais aus den Gegenden über dem Istros 
berkSme, war keineswegs neuen Datums. Offenbar hatte Strabon hier 
diejenigen im Auge, welche den Fluss auf den Bhipaeischen Bergen 
entspringen Hessen. Er vermied die Erw&hnung dieses Gebirges, 
weil er es für fabelhaft hielt; aber diejenigen, welche seine 
Existenz behaupteten, setzten es seiner Ansicht nach im Westen, 
also in den Gegenden über dem Istros an.^) Diese Ansetzung 
der Tanaisquellen auf dem Bhipaeischen Gebirge, von welcher 
nodi Prokopios wusste*^), fand sich bereits bei Aischylos^), 

•^) XI 2, 8 C 498. 498. — ^') Strabon 11 6, 7 G 114. Diese Stelle ist 
all Beleg bei Berger, Erat S. 880 A. 8 einsusetzen. — **) Strabon I 4, 1 
C 6«. — •») Vn 4, 6 C 810. — »•) Meteor. I 18. — •») C. Müller, Geogr. 
Gr. min. U 145. — •«) VII 8, 1 C «96. — •») Bell. Goth. IV 6. — »^ Sohol 
n Apoll. Ehod. IV 884 * Aesch. fg. 197 Dind. 



332 KatI JohaaneB Nenmann: 

konnte also dem Artemidoros wohl bekannt sein. Gleichwohl scheint 
mir nicht nur die Erwähnung des Theophanes von Mjtilene erst von 
Strabon herzurühren. Entscheidend dttnkt mich die ungeschickte An- 
knüpfung des Berichtes über die abweichenden Meinungen Anderer, 
wie wir eine solche noch häufig finden werden, wo Strabon die Quelle 
Yerlässt, der er eben noch gefolgt ist. Die ünzugänglichkeit des 
nördlichen Landes konnte wohl dazu veranlassen, sich einer be- 
stimmten Aeusserung über die TanaisqueUen zu enthalten, niemals 
aber, sie auf dem Kaukasos oder über dem Istros anzusetzen« In 
den Worten dirö bk Tf)C airiac rauTiic^') kann ich demgemäss nur 
einen nicht eben sehr gelungenen Uebergang zu dem Folgenden er- 
blicken; und dies Folgende bis zum Ende des Paragraphen dürfte 
selbständig von Strabon zusammengestellt sein. Denn auch in seiner 
früheren Polemik gegen Poljbios, der den Tanais von Nordosten 
kommen liess, werden wir seine Selbständigkeit anzuerkennen haben.^) 

Femer finden wir im 3. Paragraphen^^) einen ans eigener 
^Eenntniss geschöpften Zusatz Strabons, der von der Zerstörung der 
Stadt Tanais durch König Polemon (I.) berichtet. Dieser gelangte 
erst im Jahre 14 v. Chr. zur Herrschaft auch im Bosporos.^) Also 
kann sich die Notiz weder bei Artemidoros, noch auch bei Theo- 
phanes gefunden haben. Denn die Blüthe des Arftmidoros wird in 
die 169. Olympiade (104—101 v. Chr.) verlegt*'), und das Werk 
des Theophanes wird bereits von Cicero in seiner 62 v. Chr. ge- 
haltenen Bede für den Dichter Archias *^) erwähnt Im VII« Buche, 
wo Strabon den Bericht des Artemidoros ohne Zuthat wiedergiebt, 
wird denn auch Tanais unbedenklich noch als ^jiTTÖpiov angeführt**) ; 
im XI. Buche nöthigte der Zusatz, die Blüthe der Stadt der Ver- 
gangenheit zuzuweisen. '"0) 

Ohne genügenden Grund glaubt Cascorbi^^^) für § 6 und 8 eine 
andere Quelle als die im VII. Buche benutzte annehmen zu müssen. 
Allerdings wird hier Mjrmekion als der Ort genannt, der auf der 
Europäischen Seite Achilleion gegenüberlag, und nicht, wie an der 
früheren Stelle^^^), Parthenion. Doch erklärt sich diese kleine Ver- 
schiedenheit mit Leichtigkeit durch ein Versehen Strabons bei der 
nochmaligen Einsicht des Artemidorischen Fahrtberichtes für die 
Europäische Küste. Hier fand er die Angabe elcTiX^ovri töv Kiji- 
)Li€piKdv BöcTTOpov TToXixviöv dcTi Mup^rJKiov. ^^*) Er bedachte nicht, 



•8) XI 2, 2 C 498. — •*) Strabon ü 4, 6. 6 C 107. 108. - »») C 493. — 
'*) Dio LIY 24. A. v. Sallet, Beiträge zur Geschichte und Numismatik 
der Könige des Gimmerischen Bosporos und des Pontos von der Schlacht 
bei Zela bis zur Abdankung Polemo II. S. 81 u. Ö. — *^ Marcian. epit 
per. Menipp. Geogr. Gr. min. I p. 666. — '») lo, 24. — ««O Vn 4, 6 C 
310 ^CTt 6^ Kai iiöXic ö^ubvufioc ti|i irora^t^, ili^t^ctov t<&v ßapßdpuiv 
^Mitöpiov. — '^'O XI 2, 3 C 498 fjv bi ijüiröpiov kowöv. — "»} Obeer- 
yationes Strabonianae. Goettinger Diss. 1879 p. 6. — ^^ Yll 4, 5 
C 810. — "») Vn 4, 6 C 810. 



Strabons Landeskunde von Eaukasien. 333 

cla88 hier die Fahrt von Süden nach Norden geht, während er im 
XI. Buche die umgekehrte Richtung einhielte 

Schon oben haben wir darauf hingewiesen, dass mit § 10^^^) 
ein Quellenwechsel eintritt. Zunächst macht Folgendes uns auf den- 
selben aufmerksam. In § 9 ist vom Antikeites die Bede, imd es 
wird dazu bemerkt, andere gäben auch diesem Flusse ebenso wie 
dem in der Kähe des Borysthenes gelegenen den Napien Hjpanis; 
eben diese Bezeichnung finden wir aber im 10. § ohne jede weitere 
Bemerkung. ^^^) Nicht minder fällt ins Gewicht, dass, wie sich zeigen 
lässt, der in § 9 benutzte Autor mit dem See Korokondamitis eine 
andere Yorstellnng verbindet als die Quelle von § 10. Um dies 
festzustellen, ist erforderlich zu wissen, wo denn eigentlich Artemi- 
doros den Antikeites fliessen und sich in das Meer ergiessen lässt.^^^) 

Nach Artemidoros ^^^) ist die Mündung des Antikeites 600 Stadien 
Ton der des kleinen Bhombites und 120 von Eimmerike entfernt. 
Demgemäss kann derselbe nicht mit dem Eara-Euban identisch sein,